13. Februar 2012

Mädchenboxen oder das Wie-geil-ist-das-denn!-Genre: die Platte des Monats ist online

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 08:09

“Sympathisanten des Titanic-Kolumnisten Max Goldt, zu denen nicht nur die Autorin gehört, sondern auch mindesten einer der beiden fairaudio-Herausgeber, wissen es schon längst: „Was auf die Boxen stellen ist typisch Mädchen“. Gemeint ist hier der wohl geschlechtsspezifische Trieb, allerlei Zierrat auf den Boxen einer Stereoanlage abzulegen. Und tatsächlich! Wende ich den Kopf, stehen da auf der Box a) ein vor gut zwanzig, eher dreiundzwanzig Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei mitgebrachter hölzerner Hahn, dem die Funktion eines Nadelkissens sowie Nähgarnhalters zukommt (ja, den benutze ich tatsächlich) und b) ein vogelartiges Wesen von unglaublichem Umfang – man könnte auch „fette Henne“ dazu sagen –, die eine meinen Eltern befreundete Keramikerin hergestellt hat, in friedlicher Koexistenz.

Dabei mag ich gefiedertes Getier eigentlich gar nicht besonders, und ich hätte mich jetzt auch nicht zwingend als Sammlerin kitschiger Staubfänger in Tierform gesehen. Hm. Letzten Endes tröste ich mich damit, dass nicht zählt, was auf den Boxen steht, sondern was aus den Boxen herauskommt. Und das ist bei mir im Moment ganz was Feines: das Debütalbum O, Devotion der britischen Sängerin/Songwriterin Liz Green.

[...]”

Weiterlesen? Das geht – wie immer auf fairaudio.de!

Liz Green im Klangverführer-Interview plus einiger Klangproben gibt es hier.

4. Februar 2012

Wir fanden einfach die Musik gut. Trio-Ohrenschmalz im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 10:00

Kennt man das Trio Ohrenschmalz nur von der Bühne, ist man erst einmal überrascht, wenn man zwei Drittel davon privat trifft. Im Gegensatz zu Künstlern wie beispielsweise Andrej Hermlin setzen die Musiker den Zwanzigerjahre-Stil nicht auch noch zu Hause konsequent fort, sondern öffnen die Tür statt in Frack und Vatermörder in Jeans und Kapuzenpulli. Und auch die Frisuren sind irgendwie anders. “Wir sind keine Nostalgiker”, meinen Stefan Haberfeld und Julius Hassemer dann auch, als ich sie in Berlin zum Interview treffe.

Stilecht in Zwanzigerjahre-Kleidung und komplettiert durch Geigerin Angelika Feckl kann man das Trio Ohrenschmalz heute und morgen Abend mit seinem Programm Zuviel Appeal noch einmal im Heimathafen Neukölln sehen und hören. Warum sie sich nicht als Bestandteil der Zwanzigerjahre-Szene sehen, was die Musiker machen, wenn sie nicht zusammen spielen, und was das nächste Jahr für das Trio bringen soll, haben mir Stefan und Julius schon letzten Sonntag verraten, während sie gleichzeitig alle Hände voll zu tun hatten, die zum Tee gereichten hausgemachten Scones und Schokokekse vor einem gierigen Kopfhörerhund, der auch ansonsten seine eigentlich gute Erziehung zu Hause vergessen zu haben schien, in Sicherheit zu bringen.

Zu Kopfhörerhunds Verteidigung sei hervorgebracht, dass er erkrankt war, wie sich am Abend zu Hause herausstellte. Das erklärt natürlich das nervöse Hin und Her, welches er hier ebenso wie schon in den letzten Tagen zeigte und das alle in den Wahnsinn treibt! Das ist eben das Problem mit unseren Fellfreunden: Die können nicht einfach so sagen, mein lieber Mensch, bring mich zum Arzt, damit er mir Medizin gibt und ich mich wieder wohl fühle. Kopfhörerhund kann im Falle von Befindlichkeitsstörungen nur auf- und ablaufen. Allerdings läuft er auch auf und ab, wenn er aufs Klo will, wenn er Hunger hat, wenn er sich langweilt … Aber das ist eine andere Geschichte.

 


Privat mit einem die Gebäckschale hypnotisierenden Kopfhörerhund …

Klangverführer: Es ist jetzt fast ein Jahr her, seit ihr am 11. Februar 2011 mit der Vorab-Premie von eurem Programm „Zuviel Appeal“ im Admiralspalast eine rauschende Nacht gefeiert habt – was feiern wir heute, oder, anders gefragt: Was ist der Anlass für dieses Interview?

Trio Ohrenschmalz: Wir nehmen das Programm nach ein paar Monaten Pause wieder auf und spielen es jetzt am Wochenende im Heimathafen Neukölln. Wir wollten das Programm ja sowieso oft spielen, und auch, wenn wir am Anfang gleich fünf Auftritte hatten – was ja schon ziemlich viel ist –, war es schon klar, dass wir damit auch noch einmal in Berlin auftreten wollen. Leider klappt es nicht, sich für ein Jahr oder sogar länger hinzusetzen, um ein Programm zu erarbeiten, was einem gefällt, und es dann nur für kurze Zeit in Berlin zu spielen – das wäre uns zu wenig gewesen. Natürlich auch finanziell, aber vor allem, weil das eben unser Ding ist und wir es den Leuten hier noch einmal zeigen wollen. Und im Gegensatz zu unserem vorigen Programm haben wir auch von vielen Leuten hier gehört, dass sie sich vorstellen können, sich „Zuviel Appeal“ noch einmal anzusehen. Und natürlich hoffen wir auch, dass „Zuviel Appeal“ ein Programm ist, was man durchaus zweimal sehen kann – vor allem, wenn schon ein Jahr dazwischen liegt und man die Gags schon vergessen hat … Vielleicht sagt der eine oder andere dann, ach ja, klar, ich erinnere mich, aber ich finde es trotzdem lustig.

Wird das Programm denn in genau der Form, in der ihr es vor einem Jahr gespielt habt, wieder auf die Bühne gebracht oder hat sich da inzwischen was verändert?

Na, mal sehen, was sich verändert – wir haben es, seitdem wir damit im Mai im Heimathafen waren, ja nicht nochmal gespielt!

Das heißt, ihr habt euch jetzt nicht vorgenommen, bestimmte Sachen anders zu machen …

Nein, eigentlich nicht. Wir haben uns das jetzt noch einmal auf dem Video angeguckt, und für gewöhnlich schleifen sich über die Zeit immer ein paar neue Sachen ein, hier ein neuer Gag zum Beispiel, da ein neuer Ablauf, aber im Allgemeinen ist das bei diesem Programm erstaunlich selten der Fall. Wirklich nur ganz wenige Details.

Ihr habt ja letztes Jahr nicht nur in Berlin mit eurem Programm begonnen, sondern seid dann auch ganz schön herumgekommen damit! Ihr wart in Weimar, in Aachen, und ihr wurdet sogar in Stockstadt am Main aus 156 Bewerbern ins Finale gewählt, um um den „5. Stockstädter Römerhelm“ zu spielen … Was ist daraus eigentlich geworden?

Das hat geklappt! Der „Stockstädter Römerhelm“ ist ja so ein Kleinkunstpreis, und es war ein sehr langer und sehr lustiger Abend da in Stockstadt mit den fünf Finalisten. Wir haben uns total gefreut, dass wir den Preis dann bekommen haben. Natürlich konnten wir dort nicht unser ganzes Programm spielen, weil alle fünf Finalisten an einem Abend gespielt haben, aber es hat großen Spaß gemacht. Wir wollen das auch wieder machen, wir sind jetzt quasi schon in der nächsten Runde, wo wir uns bewerben. Schließlich gibt es ja nicht endlos viele Sachen, auf die wir passen, aber dort in Stockstadt … Das wollen wir auf jeden Fall nochmal machen! Das Schöne daran ist, es ist ein kleinerer Preis, eine kleinere Location, wo es einfach so nett zugeht, wirklich nett! Der Typ, der das gemacht hat, hat offensichtlich sein ganzes Herzblut in dieses Ding gelegt, und das macht diese Veranstaltung letzten Endes auch wirklich gut. Anderenfalls hätten die ja auch gar nicht fast hundertsechzig Bewerbungen. Stockstadt ist ja ein kleines Örtchen, und man hat gemerkt, dass für diese ungefähr zweihundert Stockstädter, die da waren, dieser Kleinkunstpreis eines der Highlights im Jahr ist. Die wollten da hin, die wollten das sehen! Die waren vom ersten Moment an total dabei und es hat alles sehr persönlich gewirkt. Man hatte auch den Eindruck, dass der Organisator dort jeden Einzelnen persönlich kennt, das war wirklich sehr nett. Und das heißt auch, wir mussten da keine Angst haben. Man kommt da hin, weiß nicht, wie gut die anderen Leute sind und ob man da überhaupt eine Chance hat, aber wir konnten da richtig mitmischen und haben dann ja sogar den Preis gewonnen! Jetzt werden wir nicht mehr auf den nächsten Wettbewerb gehen und denken, oh Gott, die machen uns ja platt und wir werden uns blamieren …

Es war also auch richtig gut für eurer künstlerisches Selbstbewusstsein! Damit erübrigt sich eigentlich die Frage, die ich hier anschließen wollte, nämlich, wie euer Programm denn während der Tour beim Publikum angekommen ist, aber offensichtlich ja sehr gut …

Ja, es ist wirklich gut angekommen. Diese ganzen Stationen, die wir mit „Zuviel Appeal“ bespielt haben, da werden wir auch überall wieder hinfahren! Wir werden wieder nach Aachen fahren, wir werden wieder nach Stockstadt fahren in diesem Jahr … Und es ist für uns sehr schön, wenn sich dann auch außerhalb von Berlin so kleine Gemeinden bilden, die sich dann darauf freuen, dass wir wiederkommen, und die noch ein paar Freunden davon erzählen und es dann immer mehr Leute werden …


… und als Trio Ohrenschmalz mit Angelika Feckl

Läuft es bei euch auch, wie heutzutage bei so vielen Künstlern, zunehmend über die sozialen Medien, dass sich diese kleinen Fangemeinden überall bilden, dass ihr euch mit denen vernetzt und so?

Das hilft sicherlich, aber wir glauben nicht, dass es darauf basiert. Unser Publikum setzt sich ja zum Teil auch aus etwas älteren Leuten zusammen, die da nicht so involviert sind.

Stichwort ältere Leute: Was fasziniert euch so an der Musik eurer Groß- oder sogar Urgroßeltern, dass ihr gesagt habt, das ist es, was wir machen wollen?

Also, wir glauben, wir sind gar nicht so drauf, dass zu uns charakterlich nur die Zwanziger passen. Wir fanden einfach die Musik gut und haben dann damit angefangen, denn das war etwas, womit wir sofort starten konnten, als wir dieses kleine Ensemble zusammengebaut haben. Und das war es eigentlich! Ab dann kam die Begeisterung für die Charaktere, für die Sänger, für die Komponisten, für die einzelnen Stücke, und von dort aus hat sich das immer weiter entwickelt!

Das heißt, die Trio-Mitglieder rekrutieren sich nicht aus der rührigen Berliner Zwanzigerjahre-Szene …

Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind erst in diese Szene hereingekommen, als wir angefangen haben, diese Musik zu spielen. Wir kennen diese Musik natürlich aus unserer Kindheit und aus unserer Jugend – meine Eltern zum Beispiel hören fast nur klassische Musik, und die ganz wenigen Platten, die keine Klassik waren, waren bei meinen Eltern die Comedian Harmonists. Die habe ich dann als Kind gehört, und das ging uns allen so! Der Vater von Angelika ist ein großer Otto Reutter-Fan und kann ganz viele von dessen Texten auswendig … Wir haben diese Musik also gewissermaßen in die Wiege gelegt bekommen, haben das dann auch gemacht und erst mit der Zeit, als wir mit unserer Zwanzigerjahre-Musik so ein bisschen herumgekommen sind, haben wir gemerkt, es gibt ja so eine ganze Szene dafür, die wir dann erst kennengelernt haben.

Eure Zwanzigerjahre-Musik besteht ja nicht nur darin, dass ihr die einschlägigen Gassenhauer von damals, Hollaender und so, stilecht wiedergebt – ihr schreibt ja auch selbst täuschend echt wirkende Zwanzigerjahre-Musik, zum Beispiel den Song „Arm aber sexy“, dessen Titel ja auf einem Ausspruch unseres Bürgermeisters beruht. Wie kommt man darauf, ein so zeitgenössisches Thema ins Gewand der Zwanzigerjahre zu hüllen?

Stefan: Nun ja, wir mögen diese Musik eben sehr gerne! Es ist nicht so, dass uns nicht auch andere Musikstile gefallen würden – ich persönlich mag auch Rock’n’Roll und teilweise sogar Techno und HipHop –, aber die Zwanziger liegen mir einfach. Ich kann in diesem Stil schreiben – wahrscheinlich bin ich aber nicht besonders gut darin, HipHop zu schreiben. Diese Musik funktioniert in unserer Besetzung gut, und sie passt auch gut zu den anderen Sachen, die wir können – deswegen ergibt sich das einfach so. Ich bin jetzt als Komponist nicht so festgelegt auf diesen Stil, aber würden wir in unserer Besetzung zum Beispiel versuchen, Hardrock zu machen, würde das wahrscheinlich nicht so gut klingen! Und natürlich hätten wir dann auch mehr Schwierigkeiten, dass mit ‘nem Hollaender oder mit ‘nem Reutter zu kombinieren.

Julius: Und dass die eigenen Stücke moderne Themen behandeln … Das ist in vielen Stücken von Stefan so, dass dann manche Zeilen auf einmal komplett entblößen, auf einmal so, „Zack, ich, Song, bin von heute!“ Das hat uns nie gejuckt. In mehreren Stücken ist das so, in anderen wieder nicht … Immer so, wie es besser passt. Wenn es sich wie in „Arm aber sexy“ anbietet, „Hartz IV“ als Schlagwort zu bringen, dann passiert das halt, und wenn es nicht passiert, dann kann man es natürlich mehr mit den alten Klassikern verwechseln, was die Leute tatsächlich auch oft tun – aber beides ist schön.

Stefan: Es ist ja auch so, dass uns an den alten Stücken in erster Linie interessiert, was davon heute noch von Bedeutung ist. Insofern ist die Fragestellung die gleiche. Dass jetzt in den alten Stücken Begriffe wie „Hartz IV“ oder Zitate von unserem heutigen regierenden Bürgermeister nicht vorkommen, stört uns nicht, denn die Relevanz und die Aktualität haben sie in vielen Fällen ja trotzdem! In meinen Stücken kommt es aber eben vor, dass es Zeilen gibt, die zeigen, wie alt dieses Lied tatsächlich ist.

Julius: Es ist jetzt aber nicht unser Auftrag, bei den alten Stücken auf Teufel komm raus einen Bezug zu heute herzustellen. Ändern würden wir deshalb an den alten Stücken nichts. Im Gegenteil, das alte Stück muss uns einfach schon von vornherein etwas angehen; es muss etwas enthalten, was auch heute noch witzig ist oder traurig ist – aus diesem Grund sagt uns das alte Stück ja auch heute noch etwas.

Stefan: Genau, diese Zeitlosigkeit bedingt ja auch, dass wir heute noch etwas damit anfangen können.

Eine gute Frage – glaubt ihr, dass ohnehin nur Stücke von damals überdauert haben, denen eine gewisse Zeitlosigkeit innewohnt? So, wie man es ja auch von den Stücken klassischer Komponisten gern behauptet …

Nein, nicht nur. Wenn man irgendwelche Compilations mit Schlagern aus den Zwanzigern kauft, sind da ja auch Lieder drauf, wo man heute sagt, ist zwar nett und witzig, aber vom Text oder vom Thema her ist das nun wirklich vorbei. Das gibt es auch. Aber man findet immer wieder Perlen, wo man denkt, toll, damals geschrieben, irre!

Ist das ein Aspekt bei der Auswahl eurer Stücke?

Stefan: Wir sind da sehr subjektiv und wählen die aus, die uns persönlich am besten gefallen. Und natürlich, wenn wir jetzt an so einem Programm arbeiten und noch einen dramaturgischen Verbindungspunkt brauchen und dann ein Stück finden, welches da reinpasst, nehmen wir das auch ins Programm auf, wenn uns das persönlich jetzt nur zu achtzig Prozent gefällt.

Julius: Oder Stefan schreibt einfach ein Stück für solch eine Lücke, dann hat er ganz klare Vorgaben, was er machen soll.

Mal ein ganz anderes Thema: Ich bin neulich zufällig im Internet darauf gestoßen, dass Stefan zu Weihnachten in dem Kreuzberger Kult-Café „Drei Schwestern“ zu Weihnachten Klavier gespielt hat – und das führt mich natürlich zu der Frage, was ihr – musikalisch – so treibt, wenn ihr nicht als Trio Ohrenschmalz unterwegs seid.

Stefan: Unterschiedliches! Ich zum Beispiel trete im Drei Schwestern oder bei anderen Gelegenheiten als Hintergrundpianist auf. Da geht es dann nicht um Konzerte, sondern um eine musikalische Untermalung des Abends. Ansonsten trete ich weniger als Musiker, sondern mehr als Tonmeister in Erscheinung: Ich nehme Musik auf und mische Musik. Angelika spielt in Kiel an der Oper im Orchester …

Julius: Genau, sie hat wahrscheinlich am meisten Musik in ihrem „anderen Leben“ – nämlich hundert Prozent. Ihr Job ist es, klassische Musik zu machen. Ich mache seit ungefähr ein, zwei Jahren keine Musik mehr. Früher wollte ich mal Opernsänger werden, habe aber dann angefangen zu studieren, so ist eines zum anderen gekommen. Jetzt bin ich Wissenschaftler und beschäftige mich damit, was Menschen mit ihrem Körper machen, wenn sie reden. Kurz gesagt, es geht um Körpersprache, und darüber schreibe ich gerade meine Doktorarbeit. Das macht mir so großen Spaß, dass ich bei der Musik nur noch das Beste mache: nämlich das Trio.

Müsstest du dich irgendwann zwischen dem Trio und deiner wissenschaftlichen Laufbahn entscheiden, würdest du die Musik vorziehen?

Julius: Sollte das tatsächlich der Fall sein, müsste man sehen, wie es sich dann konkret entwickelt. Bis jetzt habe ich aber immer gedacht, egal wo ich gerade stand, dass es auf der nächsten Stufe nicht mehr möglich sein wird, dass Trio und die Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen. Das habe ich immer gedacht – und ich hatte nie recht. Bis jetzt ging es immer zweigleisig weiter. Und da die Erfahrung gezeigt hat, dass beides geht, würde ich jetzt voraussagen, dass ich in drei Jahren immer noch beides mache.

Wenn du von drei Jahren sprichst, dann heißt das, dass das Trio auf jedem Fall langfristig angelegt ist und ihr nicht vorhabt, das Projekt nach „Zuviel Appeal“ wieder zu begraben?

Julius: Nein nein! Im Gegenteil, wir arbeiten ja schon wieder am nächsten Programm! Und da wir alle immer das Trio und unser anderes Leben miteinander verbinden müssen, vertritt jeder von uns zwei Interessen: das Trio-Interesse und das aus seinem anderen Leben. Im Trio-Interesse legen wir manches dann so langfristig an, dass wir uns damit selbst quasi verbieten, damit irgendwann aufzuhören.

Stefan: Es wird auch immer langfristiger! Aktuell haben wir eine Konzeptionsrunde für unser neues Programm, was in der zweiten Hälfte von 2013 starten soll.

2013 – das ist ja auch das Jahr, wo ihr euer zehnjähriges Trio-Jubiläum feiert. Gibt es schon etwas, was ihr von dem Jubiläums-Programm verraten könnt?

Können wir wirklich noch nicht. Dazu ist es einfach zu früh. Diejenigen, die damit betraut sind, verschiedene Konzepte zu schreiben, haben eine derartige Freiheit, dass wir dann wirklich erst nach Abgabe der Konzepte sehen werden, in welche Richtung es führt. Ende Februar sollen die Konzepte fertig sein; und der Plan ist, dass wir das Programm dann im September oder Oktober 2013 auf die Bühne bringen. Bis das neue Programm fertig ist, werden wir aber noch zwei Programme spielen, nämlich erst einmal unser großes Programm „Zuviel Appeal“, wofür wir große Bühnen und eine gute technische Ausstattung brauchen, und dann haben wir noch unser kleines Programm „Früher war alles wie heute“ für kleinere Locations, das ist so eine Art Best-of.

Ich weiß, dass man euch mit dem kleinen Programm auch privat buchen kann, für Hochzeiten, Geburtstage und so fort. Das große kann man sich in Form von eurer aktuellen CD nach Hause holen …

Ja, „Zuviel Appeal“ ist unser aktuelles Album und wird es auch noch ein kleines Weilchen bleiben, denn es ist offen, ob wir zu dem neuen Programm 2013 eine weitere CD herausbringen. Das hängt natürlich auch davon ab, was für Stücke es geben wird und ob es sich lohnt, für diese bis jetzt noch nicht geschriebenen Stücke eine CD aufzunehmen. Vor vier oder fünf Jahren haben wir eine Live-DVD produziert, das war ein großes Abenteuer, und danach haben wir zwei Studio-CDs gemacht. Beides kommt als nächstes Medium wieder in Frage. Der Vorteil einer CD ist, dass man sie im voraus produzieren kann und zur Premiere des Programms die CD schon fertig hat. Und gerade zur Premiere eines neuen Programms kommen alle unsere großen Fans und CD-Käufer … Es ist leider ein genereller Trend, dass es immer schwerer wird, CDs zu verkaufen. Dafür aber läuft der Verkauf auf Konzerten verhältnismäßig gut.

Apropos genereller Trend: Viele Leute kaufen ja keine physischen Tonträger mehr, sondern nur noch einzelne Download-Tracks. Mischt ihr da mit, kann man Stücke vom Trio Ohrenschmalz auf iTunes oder bei Amazon downloaden?

Julius: Ja, das haben wir gerade gemacht. Nächste Woche haben wir unseren Online Release und sind ab da bei iTunes erhältlich. Und egal in welcher Form – man hört den Songs von „Zuviel Appeal“ einfach an, dass wir uns entwickelt haben. Ich denke auch, dass wir uns auf der Bühne ähnlich entwickelt haben, aber auf der CD, auf die unsere Leistung gewissermaßen gebannt ist, kann man wirklich hören, dass sie künstlerisch besser ist als unsere erste CD.

Stefan: Stimmt, ich habe sie neulich seit langem mal wieder von vorn bis hinterndurchgehört, denn ich habe ja auch nach den Studioaufnahmen noch damit zu tun gehabt, habe geschnitten und gemixt, da hat man das erst einmal über und will es erst einmal gar nicht mehr hören, aber neulich habe ich es gemacht und ich muss sagen: Sie hat mir wirklich gut gefallen. Ich hatte ein bisschen Angst, aber sie ist wirklich gut!

Julius: Die CD kann man sich mehrmals anhören – und auch das Programm kann man sich mehrmals angucken. Wir werden damit dieses Jahr einige neue Bühnen bespielen, worauf wir uns sehr freuen.

Letzte Frage: Im Moment ist es ja so absolut hip, die Zwanziger, Dreißiger durch den Elektrowolf zu drehen. Dabei kommt dann so etwas wie die Electro Swing Revolution raus. Ist das etwas für euch oder könnt ihr damit so gar nichts anfangen?

Also, wenn ein DJ kommt, der mag, was wir machen und dessen Stil wir mögen, dann können wir uns auf jeden Fall auch Remixe vorstellen.

Dann danke ich herzlich für das Interview und wünsche viel Spaß und Erfolg für den 4. und 5. Februar!

 

30. Januar 2012

Henker, Lumpenhändler und eine Lady, die den Blues singt: Liz Green im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:54

Eigentlich sollte dieses Interview samt Konzert schon im Dezember stattfinden. Dann aber zog sich die Künstlerin eine unangenehme Ohrenentzündung zu und der Berliner Promotermin wurde verschoben. Beim nächsten Versuch gestaltete sich das Ganze noch komplizierter, da die Interviewanfrage zwar relativ kurzfristig kam, mit dem genauen Termin aber erst am Vorabend des Ereignisses herausrückte. Das ganze Hin udn Her hat mir aber endlich die Frage beantwortet, die mich schon lange umtreibt: Weshalb es kaum weibliche Musikkritiker gibt: Weil sich Spontanaktionen meist nicht mit der im Vorfeld minuziös abzustimmenden Planung von Kinderbetreuung verbinden lassen. Wer da keine engelsgeduldigen Großeltern oder eine trotz eigener kleiner Familie unendlich flexible Kopfhörerhundetagesmutter hat, kann solche Interviews schlicht nicht führen. Und, ganz ehrlich: Würde ich nicht glauben, dass Liz Green mit
O, Devotion! jetzt schon die Platte des Jahres abgeliefert hätte, die von nichts, was da in 2012 noch kommen mag, getoppt werden kann, dann wäre auch ich ob des ganzen Planungsunsicherheitsdurcheinanders nicht hier. Aber Greens Platte ist nun einmal schlicht umwerfend, und ich bin gespannt auf die Frau, deren Familie auf eine lange Ahnenreihe von Henkern und Lumpenhändlern zurückblickt, wodurch sich, möchte man der Legende Glauben schenken, ihr Hang zum Makaber-Abseitigen erklären könnte.

Die Neo Folk/Blues-Sängerin traf ich unmittelbar vor ihrem Auftritt im Roten Salon am Sonnabend in Berlin.

 

Your current album is called “O, Devotion!”. So of course I first would like to know, what does devotion mean to you?

Oh well … Some people think that it’s religious devotion, but it’s not. Forget that. Devotion is just a word and it means the kind of dedication and love of something … for me. You know, if you devote yourself to something sometimes it can be frustrating. You can get angry. That’s that.

A lot of people would say that “O, Devotion!” is Singer/Songwriter or Indie Pop, but I personally sense that it is rather a Blues album. How would you describe your style of music?

Well, if it is genre, it’s probably more Blues than anything else. That’s what I was listening to when I started to write music, so that’s the obvious first influence. But I would say that I would always consider myself Pop. Because I want to reach as many people as possible. I want them to hear it, regardless whether they’re into Indie music or Dance music or whatever music they are into. You know, my brother is a really big Drum&Bass fan. And when he heard my music he was like, oh, this sounds really good, it’s really cool. And I was just like, oh, but you like Drum&Bass! And he said, yeah, but this is kinda good! So I call it Pop, because Pop is the one genre that lets other genres kind of fall in together.

I believe two or three of the songs of your album were already recorded some years ago, for example “Midnight Blues” or “Bad Medicine”, but it’s only now that the album appeared. What took you so long to finish it?

I don’t know. I’ve been telling people that I went to Mexico to find Alpacas and make jumpers. Mainly because I don’t want to answer the question. I don’t know how it happened … You know, the idea was ensuring … It was that kind of everything started happing before I thought it could be a possibility. It was always that my life decided that I was gonna be a musician before I even thought of it. I mean, I do want to be a musician. But it took a little bit of time to write some more songs and kind of let the song become what I want it to be.

Well, I think read in one of your previous interviews that you said it was also such a difference between playing live and then go to the studio with its sterile atmosphere and all the microphones pointing at you …

Yeah, I think when I recorded the first time it was always unexpected. I’ve never done it before. And it was my friend who had a tiny little record label – he then became my manager, a nice progression – and he said, hey, come to my house, we’ll record a song. And I think I was a bit drunken, so I was like, hey, yeah, let’s record a song, and so it was done. When I first heard it I was like, uah, it’s horrible! But he thought it was brilliant. For me, it just didn’t sound like it sounded in my head. And this album … it took me a while to work out what I have to do to make it sound like that. Plus, I thought that I was gonna make an album, and if I only was to make one album I wanted to make something that had a little of … well, a kind of that someone will be able to pick it up in a hundred years from now, listen to it and think that, oh, this still sounds good! You know, that’s what I’ve been listening to lately, to some songs which were made in 1912, and now it’s 2012 and they still sound good.

The brass section plays a major role on your album which seems kind of unusual for non-Dixieland, non-Balkan recordings. Why did you opt for the brass sound?

Well, I played music in Manchester, and if you play music in Manchester you get to meet everybody who plays music there. So the double bass player and the saxophone player on the album – we’re just friends. We started jamming together, and when I was about to go off to the tour in Europe I asked them to come with me …

So you are trying to say that the instrumentation on your album happened by chance? If your friend had been a piano player it would have been different?

Yes, might be. So they will be here tonight, the double bass, the saxophone and the trombone …

… and you will play the mouth trumpet? I heard you are a very talented mouth trumpet player …

Yes, because my trumpet player moved to Malaysia! Like, I didn’t know where he was because I haven’t been dealing with him for a couple of weeks. Two weeks ago, I had dinner with him, and two weeks later I was like, Perry, the album is coming out and I need you on the tour. And he was like, Liz, I moved to Malaysia. And I was, okayyyy … how long is that for? and then he said, I live there. So I had got to learn mouth trumpet!

Well, apart from the uncommon instrumentation it’s first and foremost your voice that catches the listener immediately and awakes long-forgotten layers of the musical memory of humanity … How come you sound like from another time?

Well, I don’t know. It is just what came out. That is what I sing like. I mean I think female singers have become quite … (sings in a breathing voice) ohh-ahhh …. Which is fine cuz some of it is brilliant, but I’m not like that! I’m a bit of … (shouts out loud) …ahhhh! And a lot of people whom I really admire, people like Judy Garland or Billie Holiday or Ella Fitzgerald, they soud like that, too.

Critics compare you to each of them …

Yeah, it’s weird, but I think it could be much much worse!

And I think they are perfectly right! When I heard the first beats of “Hey Joe” it was really like listening to a long-forgotten Billie Holiday recording. I mean, the sound was more modern, of course, there were no scratches or whatever in it, but still …

Wow, what a great compliment!

So you say it is just the way you sound by nature …

Yeah, because I don’t use a special vocal technique or something … I mean, I was in the school choir when I was eleven, but that’s that. I didn’t really sing much. I used to sing in the house when nobody was in – and you can’t hear yourself. So I do remember all the records I sang along to, above all Ella Fitzgerald records, maybe it’s natural that this brought me this kind of inflections – but that’s the music that I like! So that’s just how my voice comes out and I find … me and my friend George in Britain … when the music really hits us it can be any kind of music sung by anyone, but when it really hits you it hits you right there (points to her heart). And that’s the music I enjoy. I think you probably have to sing from there in order to convey that power.

One of the songs of your album is called “Rag and Bone”. The press release states that you descend from a family that includes executioners as well as rag and bone men. Is this true – and if so, could this be a possible explanation for your fascination with macabre stories?

Well, it’s storytelling really – and rag and bone men are actually really common in Britain. It’s just that the name sounds quite macabre. Actually, a rag and bone man is just like not a shop man. In the old days, they used to ride in horsing cars along the streets. And in Liverpool this is what we found out when doing a family tree. So my ancestors used to ride in horsing cars along the streets in Liverpool and yell out, “Any old iron? Any old clothes?”, and they would put this stuff in the waggon and sell it to other people. So that’s a rag and bone man, quite a normal, honorable profession. Executioners … (laughs)

Oh, I was just asking it because the press release opens with it.

Yeah, I know. I mean, it could be a story …

Apart from the myth around your person, there’s a bunch of strange figures who populate the spiritual cosmos of your album, for example half-man-half-bird Joe and his wife Oko, there’s shadow play, there are masks … Where do these figures and things come from?

My imagination! I think imagination is sometimes much more reliant than music for the moment. Because a lot of music seems to be quite confessional, you know … (sings) … “I did this and then he did that, and then I loved him but now he doesn’t love me, oh oh, the pain” … Which is fine. Because I do like music that is like that, but I can’t tell that kind of story. It’s difficult. So I have to build up stories that have characters to be able to express the different thoughts of human experience or emotion.


The Ballad of Joe and Oko: Liz Green plays the part of half-man-half-bird Joe, Berlin, January 28, 2012

 

Direkt nach dem Interview ging es auch schon mit Supporterin Hannah Miller los, die, wenn sie nicht zwischen Cello und Gitarre mäandernd für Liz Green die Show eröffnet, Sängerin bei den Moulettes ist, denen der Ruf als “uncategorisable quintet” vorauseilt. Und auch Miller solo ist im positiven Sinne Genre-sprengend; da wird das Cello schon mal zum gezupften Jazz-Bass – googlen Sie mal “Hannah Miller sings the Blues”, denn das kann diese Lady aus Brighton mindestens ebenso gut wie der Main Act des Abends. Eine klare Trennung zwischen Vor- und Hauptprogramm gibt es hier ohnehin nicht, da spielt der Green’sche Saxophonist schon mal ein Duett mit Miller, die ihrerseits bei dem Set von Liz Green das eine oder andere Stück am Cello begleitet. Man ist eben befreundet und unter sich. “Verdammte Hippies”, versucht sich Bassplayerman an der Parodie reaktionären Kommentatorenguts angesichts der flatterärmeligen, Schal tragenden und auf halb-kaputten Instrumenten spielenden Musiker. Ob Hippie oder nicht – ein lustiger Haufen sind die durch viele Zwischenrufe beim Set des jeweils anderen auffallenden Brightoner allemal; und das Wort “offen” würde dem feucht-fröhlichen Umgang der Clique mit Hochprozentigem nur schwer gerecht. Der Rum jedenfalls könnte eine Erklärung für die live dann doch ziemlich schwiemeligen Bläser-Arrangements sein, die sich auf der Platte so wohltuend im Hintergrund halten. Aber sehen Sie selbst:

18. Januar 2012

Low-fi, mellowtone sounds: First Aid Kit on the heroes of bygone days and why sibling harmonies are so special

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 11:32

Nachdem Klangverführer @ fairaudio schon längst wieder aktiv ist, wird es Zeit, auch den Klangblog selbst aus dem Neujahrsschlaf zu wecken. Und was könnte dazu besser geeignet sein als ein Interview mit den als kommende Folk-Sensation gefeierten Schwestern Johanna und Klara Söderberg, die aktuell als First Aid Kit mit ihrer zweiten CD The Lion’s Roar aufhorchen lassen – natürlich auch Victoriah’s Music, wo die Album-Rezension vorige Woche erschienen ist.

Die charmanten Schwedinnen traf ich diesen Montag im nicht minder charmanten Berliner Hotel The Circus zum Klangverführer-Interview.

Klangverführer: When I listen to your records and look at your pictures,
I cannot help a feeling of nostalgia. Would you have rather lived in the old times?

Johanna: No. I mean, it’s hard to say because we haven’t been there so we don’t know how it was, and I think we’re probably romanticizing and idealizing a lot of it, you know, it wasn’t all happy days – but the music they created back in the days was amazing. I think we try to do something like this with our music, but when it comes to living I think it’s better now. That doesn’t automatically make the music better, unfortunately.

Klara: Yes and I think we like the fact that the kind of music that we make, folk and country inspired music, could be popular. In the Sixties, artists like Joni Mitchell could top the charts, and that’s the thing we really like and wish we could sort of be … it could be the same today. In that sort of way we could look back, indeed, I think.

Well, I in fact do experience that folk music is popular again, these days. Currently so many young musicians seem to make a kind of music that sounds like the soundtrack of their parents’ youth! What do you think makes this kind of music so suitable for our times?

I think it’s a matter of timelessness. It is always relevant! Today, it might be a reaction towards the trends of electronic music, and I think it’s the pure voices and the most simple, pure forms that affect people. You know, that’s what Folk music does: the vocals, the harmonies are so beautiful, so well done, and people always long for a human voice! Being confronted with so much technology, people tend to look back at the earlier times and think they were easier – or maybe even more real.

Your current single is called Emmylou, which refers to Country & Folk singer Emmylou Harris. In the same song you also mention heroes like Johnny Cash or June Carter. How would you explain your personal fascination with the popular music of bygone days?

Well, Gram Parsons and Emmylou Harris, June Carter and Johnny Cash are very special because they harmonize together and they were couples – kind of. Well, Johnny Cash and June Carter were married and Gram and Emmylou weren’t, but … Wen you listen to their music it’s hard not to imagine that they were more but just friends. You can sort of hear … love. And we just think that they all were fantastic songwriters and musicians, and the song is about wanting to share that kind of connection with somebody and sing with them, because we believe that singing with someone is such a special thing and it’s so intimate! The song is to say that even if we can’t be together like Emmylou and Gram, we can sing together.

Kind of an homage to duet singing?

Yeah, kind of!

But it’s also an homage to your heroes, isn’t it? You even shot the video of Emmylou on the birthday of your idol Gram Parsons …

Johanna: Yes, we shot it in Joshua Tree, which is Gram Parsons’ favorite place. But the date was chance … or destiny, maybe. (laughs)

Klara: We had planned to make the video and then we realized when we got there, oh, it’s Gram’s birthday, that was pretty special.

Your first EP Drunken Trees contained a cover of the Tiger Mountain Peasant Song by the Fleet Foxes, who by critics are compared to the psychedelic bands of the Sixties and Seventies, like The Byrds …How came you decided to do a Fleet Foxes cover?

Johanna: Well, we saw them live in Gothenburg in Sweden at a festival called “Way out West” and it was a very … almost like a religious experience. They were at the beginning of their career and they were so overwhelmed by the positive response they got from the audience, and the show was just incredible, we loved their first record, it was our favorite, we listened to it all the time that summer! And so we just wanted to give them something back for that experience we had at the show; and so we went out in the forest with my digital camera … we never thought at any moment that anyone would actually watch it!

But actually, your version of the Tiger Mountain Peasant Song became highly popular on YouTube in 2008. Would you say that social media became a kind of catalyst for your musical career?

Oh yeah, definitely! I mean, the video brought us an international audience. It’s pretty crazy because it’s something we did for fun!

When your debut album The Big Black & the Blue appeared in 2010, your MySpace tagline stated that you “aim for the hearts, not the charts”. Will this approach remain valid with the release of your first American-recorded album?

Of course we also care for the charts, because we try to make a living out of our music, but music is so important to us that we’ll continue making music regardless if somebody listens or not, that’s not the point in it. For us, music is like a therapy – we listen to music to get through hard times and we create music also to get through hard times, so if other people … if we can reach someone’s heart with our music, that’s kind of the reason why we do this! So I think the claim is still true.

Your current album, The Lion’s Roar, is the first one you have worked on with a producer. How did Mike Mogis affect the sound of your music or your musical approach in general?

Well, I think without Mike Mogis our music wouldn’t sound like it does in the first place because he produced the Bright Eyes records that influenced us so much. So it goes way back – he’s part of our first record even though he didn’t produce it! But we worked a lot on making the arrangements a little bigger and he really got what we were trying to say with our lyrics, the kind of emotion we aimed at. He just sort of made them more apparent or dramatic, maybe, which is something that we wanted to do. The sound we aimed for but not overpowering it. The focus is on the harmony and the lyrics to get the message through. When we did our first album, we were kind of limited because we recorded it at home. We didn’t actually even have the space for a string quartet or the like. Now that these limitations disappeared, we could make clearer on this record what kind of music we like and what has influenced us.

Haven’t you been afraid that your music would lose its home-made charm due to the bigger production?

Not really, because for us it was never important that we had a certain homemade charm or a low-fi appeal. Our current sound is something we aimed for. We just wanna make honest music, and we were aiming for having a better sound. I think that there’s a charm to the first record because it sounds home-made, but at the same time you don’t really get how our voices sound. A lot of people who saw us live said to us, “oh, this is how you sound” and they preferred our live shows because they were actually better than our CD. And therefore it’s really great having worked with Mike because he’s such a master of making vocals sound great and stand out. Besides, I don’t think our new album is polished because we used a lot of low-fi, mellowtone sounds, it’s not like the standard production, it’s not perfect! And our vocals are pretty much untouched, we didn’t use Autotune or anything like that. It’s more or less us singing in a room and then more and more instruments in. We used different equipment, but it’s still very much just us singing about our personal experiences and feelings.

And how did this collaboration with Mike Mogis come into being?

Well, Monster of Folk (that is Conor Oberst, Jim James, M. Ward and Mike Mogis, author’s note) played in Stockholm, and we had our first album out by that time. So we went there and gave it to them. You know, they were our idols, and one year later they showed up at a show we had in Austin, Texas, and told us that they loved the album. And after the show we heard Mike Mogis saying that he wanted to produce our new album, so a few months later we were in Omaha recording.

Sounds like a fairytale …

Yeah, it is!

Your EP Drunken Trees as well as your album debut The Big Black & the Blue was produced by your father, who is a well-known musician in Sweden (e.g., he played with the rock band “Lolita Pop”). Has it always been clear to you that you wanted to be in your father’s business, too?

We always dreamed of being singers. But we always thought that it would be just a dream. I don’t think we ever really thought about it that our das has been in a band. He wasn’t playing anymore, it wasn’t like a big deal or anything. I think, unconsciously we were aware of it and thought that this is something that we could do, too – it was a possibility. We didn’t feel like this was so far away, so that’s how it influenced us.

So you didn’t get any musical education within your family and haven’t been pushed into music …

Johanna: Our parents were always very supportive, but they were never pushy. They gave us musical education in the form of good music playing all the time. And our dad taught Klara her first chords on the guitar …

Klara: Yeah, but this really came from us. With the guitar, it was, that I said I wanna learn to play the guitar, it really came out of nowhere when I started listening to Bright Eyes and Folk music, but my parents never thought that I would have wanted to play any instrument until I suddenly came up saying, “I wanna learn guitar”. So I asked my dad, can you show me some chords, I wanna play this song, and how to play a C-chord, so he was definitely important, but it was always … from us.

Then how came you recognized that you harmonize so well?

Johanna: The first time we sang harmonies was on a song Klara has written called “Tangerine”, and I started singing on the demo. But I think it took a while, until maybe a year later that people started talking about our voices and we realized that sibling harmonies are something special. We gradually had become better and better and now we kind of realize it’s so special because singing with your sibling is just like singing with yourself! Especially if you compare it to singing with someone else you’re not related to. We collaborated with other artists and had to adapt to their kind of voices, it’s a totally different deal! We have so much for granted if we sing together, like naturally, it just works. It’s really easy; we never have to think about it.

Are there any moments on your record when you can’t tell who is who?

Klara: Yeah, we heard people saying that! And I think especially when we listen back to us talking we really can’t tell. Sometimes it’s like: “Is that me or is that you?”, and that’s really spooky!

Johanna: And on this album we change voices, so I sing lead sometimes …

Klara: … and that confuses people! Of course, I am aware of what I’m singing, but for other people who don’t really know … I think they wouldn’t notice. Which is kind of fun – I like that when they don’t really know who is singing what. Like the Louvin Brothers in the Sixties, they sang close harmony and changed all the time – and I can’t tell who is Charles and who is Ira. I think it’s awesome! And we’d love to do that more, too.

Sounds like big fun! Well, I have one last question. During my research for the interview I came across an older photograph that pictures the two of you with a cat. Since my dog is an essential element of my music writing, I wondered about the story behind the picture.

Oh, this is our cat, Nisse. That’s the most common cat name in Sweden, it’s really boring, it’s like a version of Niels for Santa Claus’ Tomte, Santa’s little helper … Look at his ears in this picture: He’s not really happy, he’s annoyed. He’s a very fat cat and he wakes us up every morning at five and wants us to feed him, but he’s adorable! I always forget about it when we are touring, it’s not really like “oh, I miss my cat”, but when I come home and see him I’m always so excited and you can see that he is excited that we are home, too. He sits in the window like … He’s the best!

16. Januar 2012

Die Puder-Platte kommt – die neue Ausgabe von Victoriah’s Music ist schon da

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:52

Nachdem die hungrige Meute seit letztem Sommer immer wieder mit Häppchen und Fitzelchen angefüttert wurde, kommt Ende dieser Woche – genaugenommen: am 20. Januar – endlich die komplette Platte des Hamburger Projekts Puder in die Läden. Ich bin ja schon länger verliebt – und wie das mit Verliebten so ist: Sie besorgen sich ihre Devotionalien auf allen erdenklichen Wegen. In diesem Falle war es einfach, denn ich habe die Puder-Macherin Catharina Boutari einfach über Facebook angeschrieben und so lange bekniet, bis sie sich nicht nur virtuell mit mir befreundete, sondern mir auch einen Layout-Mix des gleichnamiegn Songs schickte. Mit dem habe ich dann wirklich alles gemacht: Ich bin zu dem treibenden Rhythmus von Puder durch die Stadt gebiket, ich habe dazu in Mordsgeschwindigkeit fieseste Bügelwäschestapel plattgemacht und noch einiges andere mehr. Grund genug jedenfalls, Puder den Auftakt der ersten Ausgabe von Victoriah’s Music in diesem Jahr zu widmen:

“Dieses Jahr fängt gut an: Nämlich mit Veröffentlichung der Puder-Platte, hinter der sich die Hamburger Sängerin Catharina Boutari verbirgt. Weshalb mich das so freut? Nun, Puder hat mir gewissermaßen den letzten Sommer gerettet – und den Herbst gleich mit. Denn nicht nur das Projekt, sondern auch einer der vorab veröffentlichten Songs der Platte heißt Puder, und der, ja, der hatte mich gepackt, mit seinem atemlosen und ich steh nicht und ich dreh mich, und ich tanze, ich beweg mich, meine Hände, meine Träume, meine Haut ist ihre Beute, Funken fliegen, ich erliege und die Crowd vor mir macht aah!

Selbst in der auf lediglich zwei im Terzabstand harmonierende Gesangsstimmen mit Gitarrenbegleitung heruntergebrochene Version, die ich während eines Akustik-Gigs von Boutari und ihrer Pussy Empire-Labelkollegin Chantal de Freytas zu hören bekam, versprühte Puder immer noch die selbe unglaubliche Energie, die auch dem fertig produzierten Track innewohnt. Allein der Start in den als Opener des Puder-Albums dienenden Songs mit einer fetten Hammond wirkt als Initialzündung, die die ganze Platte hindurch wirkt. Puder brennt und glitzert, Puder packt zu und lässt nicht mehr los. Let’s Pop, ruft Puder, und der Hörer folgt willig.

Erst nachdem ich Puder kannte, sind mir die ungeheuer erfolgreichen Frida Gold mitsamt ihrem Song Komm zu mir nach Haus begegnet, und ich kann nicht umhin festzustellen, dass Puder die Energie, den Hedonismus und den Glamour des „discoisierten Indie-Pops“ der Hattingener schon längst hat – und noch dazu mit der raffiniertere Produktion aufwarten kann. [...]”

Dass Puder trotz des im Vordergrund stehenden Imperativs „Tanz!“, der schon mehr Befehl als bloße Aufforderung ist, mehr als die urbane Hedonistin geben kann, lässt sich nicht nur am 20. nachhören, sondern schon jetzt lesen – wie immer auf fairaudio.de, Ihrem liebsten Online-HiFi-Magazin.

8. Januar 2012

Ein Album, das auszog, ins neue Jahr hinübergerettet zu werden

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 12:21

“Es ist heutzutage nicht unüblich, dass Künstler (Promoter, Labels etc.) einen Song aus einem in naher Zukunft erscheinenden Album vorab zum Gratis-Download anbieten, gewissermaßen als Appetitmacher. So war es auch im Falle der brasilianischen Wahlberlinerin Dillon. Ich hörte ihren Song „Thirteen Thirtyfive“ und fing prompt an zu sabbern und zu denken: Mehr! Mehr davon!!

Mehr davon gibt es seit dem 18. November mit This Silence Kills, einem Album, das von Kollegen gern mit den Youth Novels (2008) von Lykke Li verglichen wird, wobei sie die Musikerin selbst als eine Mischung aus Lykke Li und CocoRosie beschreiben. [...]”

Weiterlesen? Wie immer auf fairaudio.de, Ihrem liebsten Online-HiFi-Magazin.

23. Dezember 2011

Schöne Feiertage …

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 14:38

… wünschen Klangverführer und Kopfhörerhund allen unseren Lesern und natürlich auch den Musikern, die wir dieses Jahr begleiten durften. Wir schließen den Klangblog zwischen den Jahren und melden uns 2012 wieder – wie gewohnt authentisch, ausführlich, anders.

21. Dezember 2011

Schöpfen aus derselben Seele: Olivia Trummer über das deutsche Jazzlied, musikalisches Erwachsenwerden und was Friedrich Nietzsche damit zu tun hat

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 13:40

E-Mail-Interviews sind eine heikle Sache: Schließlich kann der Interviewer weder nachfragen, noch den Faden des Gesagten in der nächsten Frage weiterspinnen. Und auch der Interviewte sieht sich mit einem starren Fragenkorsett konfrontiert, das es abzuarbeiten gilt. Eine Pflichtübung. Oder, anders ausgedrückt: Man kommt nicht wirklich miteinander ins Gespräch, es findet kein Austausch statt – und dann ist das Ganze meiner Meinung nach ohnehin entbehrlich.

Dass ein E-Mail-Interview jedoch nicht zwingend zum drögen Abfragen von Bekanntem oder einem sonstwie gearteten Fragenkatalog mit entsprechend vorhersehbaren Antworten verkommen muss, beweist die Stuttgarter Pianistin, Komponistin, Sängerin und Textdichterin Olivia Trummer, deren ungebändigtes künstlerisches Temperament sich nicht darauf beschränkt, mit Poesiealbum das wohl spielfreudigste Album des Jahres vorgelegt zu haben. So müsste die Überschrift zu diesem Interview passenderweise “Schöpfen aus dem Vollen” lauten; denn Olivia Trummer erweist sich auch im unhandlichen Format des E-Mail-Interviews als ebenso überschäumend wie tiefgründig.

Ich freue mich sehr, Ihnen kurz vor Weihnachten noch dieses schöne Interview präsentieren zu können. Lesen Sie, was Olivia Trummer über den wundervollen Ausdruck der deutschen Sprache denkt, weshalb sie ihr Genre-sprengendes Album als eine stilistische Einheit versteht und was es mit der Schönheit und Tiefe des Alltäglichen auf sich hat.

Klangverführer: Liebe Frau Trummer, eigentlich sind Sie ja Pianistin. Dennoch war schon Ihr letztes Album „Nobody Knows“ (2010) keine reine Instrumentalplatte mehr – Sie haben auf einigen der Stücke erstmals gesungen. Wie ist es zu dem Entschluss gekommen?

Olvia Trummer: „Eigentlich“ sehe ich mich nicht als Pianistin, sondern als Musikerin. Hinter diesem Wort steht weniger die offensichtliche Spezialisierung auf einen scharf umgrenzten Arbeitsbereich, sondern das Vermitteln von Geschichten, Gedanken und letztlich Werten über einen musikalischen Weg. Mein erster öffentlicher Gesangsauftritt im Jazzbereich war im Rahmen meiner Jazz-Abschlussprüfung 2008: Ich spielte eine jazzige Bachbearbeitung und sang eine dritte Stimme dazu, ohne Worte, mithilfe von spontanen Scat-Silben. Das Bedürfnis zu singen und somit noch mehr von meinem musikalischen Wesen zu zeigen war schon lange da. Als ich dann das Gefühl bekam, auch die Geschichten, die ich erzählen wollte, seien wirklich interessant und ungewöhnlich, gab es für mich kein Halten mehr. Wie zu den meisten meiner Entschlüsse habe ich auch zu diesem mit einer großen Portion Intuition gefunden.

Auch auf Ihrem aktuellen Album singen Sie, und ich finde, Sie phrasieren auf eine für eine Sängerin ganz ungewöhnliche Weise. Übertragen Sie die Phrasierung von Ihrem angestammten Instrument auf Ihre Stimme, oder täuscht der Eindruck?

Die Verbindung von meiner Stimme mit dem Klavier habe ich mir über all die Jahre angewöhnt, die ich beim Üben meine Linien mitgesungen oder mich an frühen Liedern mit meiner Klavierbegleitung versucht habe. Da ist sicher eine Wesensähnlichkeit, zumal ich bei der Phrasierung (auf jeglichem Instrument) ja auch aus derselben Seele heraus schöpfe. Ich denke wahrscheinlich weniger über Gesangs-Feinheiten nach als hauptamtliche Sängerinnen und gerate beim Singen dadurch – nicht zuletzt auch durch die Bewegungen meiner Finger & Hände – in einen wohl untypischen Fluss.

Letzte Gesangsfrage: Mittlerweile singen Sie auf Deutsch, obgleich das ja im Allgemeinen (und im Vergleich mit dem Englischen) als eher unsangliche Sprache gilt – und Sie toppen das Ganze noch mit nahezu unsingbaren Texten, durch die Sie sich mühe- und schwerelos bewegen …

Lustig, dass ich hierbei eigentlich keine „Frage“ entdecken kann sondern vielmehr eine Feststellung! Ich singe auf deutsch genauso selbstverständlich oder zufällig wie ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Über den höheren Coolness-Faktor des Englischen (gegenüber einem deutschen Muttersprachler) habe ich mir zuletzt als Teenager Gedanken gemacht, das ist lange vorbei. Dass ich auf „Nobody knows“ vorwiegend englisch singe, rührt nicht aus einer Vorsicht dem Deutschen gegenüber heraus, sondern aus der Tatsache, dass ich das ganze Jahr bis zur Aufnahme in New York City gelebt und dort vor allem Englisch gesprochen habe. Da kamen die Gedanken eben auf Englisch und ich mochte Klang und Inhalt. Generell möchte ich einen Liedtext in der Original-Sprache belassen, in der mir die Worte eingefallen sind, ich fühle mich nicht auch noch zur Dolmetscherin berufen. Während ich in Deutschland lebe, denke und spreche, werde ich meinen Liedern auch „deutsches Leben einhauchen“. In der deutschen Sprache liegt wunderbar viel Ausdruck, Poesie, Aufrichtigkeit und Ironie und Differenziertheit; ich mag den Klang und mache mir sehr wenig Gedanken darüber, wie ich einzelne Worte ausspreche.

Ihr „Poesiealbum“ sprengt nicht nur rein formal Grenzen (ich glaube, in der Presseerklärung wurde es in dieser Hinsicht charmant als „schon abenteuerlich“ bezeichnet), sondern bricht auch mit Leichtigkeit die Grenzen zwischen Genres auf, ist mal (moderne) Klassik, mal Jazz …

Ich lasse mich nur von meinen eigenen (Geschmacks-)Grenzen prägen, nicht durch stilistische oder gängige. So kommt es, dass ich beinahe überrascht war als ich las, welch vielfältige Musikstile sich auf meinem neuen Album glücklich vereinen. Für mich ist das alles eine Einheit – es kommt ja schließlich alles von Herzen. Schade nur, dass das Radio dermaßen an Längenlimits gebunden ist, dass man dort von den Poesiealbum-Liedern nur im Ausnahmefall Gebrauch machen kann. Da entgehen der „Menschheit“ generell sämtliche Lieder, die über 5 Minuten hinauswachsen…

Das Poesiealbum ist das erste Ihrer vier Alben, das unter Ihrem eigenen Namen erscheint. Davor waren Sie als „Olivia Trummer Trio“ unterwegs – jetzt haben Sie zur Quartettbesetzung gefunden. Wieso wurde der bewährte Trioklang für das Poesiealbum aufgegeben?

Es war an der Zeit, offiziell „erwachsen“ zu werden. Das Musikprodukt gärt 90 % der Zeit in meinen Händen und in meinem Kopf, ich gebe meinen (fantastischen!) Musikern recht differenziertes Material vor, das sie dann hervorragend umsetzen und auch dem sie selbst noch Kreativität beisteuern können. Hinter der Musik und nun auch der neuen Ebene der Texte steht aber in erster Linie mein Wesen, alles andere wäre irreführend zu behaupten. Die Musik ist prinzipiell auch nicht an ein bestimmtes Ensemble gebunden. Ich gebe auch gerne Solo- oder Duo-Konzerte. Die Betitelung mit meinem Namen beschreibt also einerseits die Quelle und andererseits meine Zukunftspläne, da ich mich als Künstlerin nicht ausschließlich in der Trioformation präsentieren, sondern mich auch solistisch und in neuen Projekten und Konstellationen herausfordern möchte.

Was ich am Poesiealbum am meisten bewundere, ist Ihre ungeheure Spiel- und Improvisationsfreude. Das ist eine Platte, die einfach Spaß macht! Und dabei täuscht sie zunächst ganz harmlos an, um sich dann in einen Rausch zu steigern und den Zuhörer zu packen und mitzureißen … Woher kommt diese unbändige Freude am Spiel, auch am Wortspiel?

Wer mich persönlich kennt, weiß sehr gut wie viel Freude ich an Wortspielen habe! :) So wie die CD geworden ist, begegne ich meinen Zeitgenossen auch persönlich. Ich bin ein fröhlicher, lustiger Mensch mit starker Neigung zu essentiellen Themen und Fragen, die nicht klar beantwortet werden müssen, mich aber andauernd begleiten und auch Inspirationsquelle für mich sind. Das Leben ist doch ungemein spannend – schon alleine dadurch, dass man nicht weiß was danach passieren wird! Ein Musiker, der nicht „spielt“, ist mir im gleichen Maße suspekt wie Friedrich Nietzsche sagte, er würde keinem Gott vertrauen, der nicht zu tanzen verstünde. Dass das Ausmaß meiner Spielfreude vielleicht überdurchschnittlich hoch ist, habe ich nicht zuletzt einem seit frühester Kindheit ermutigendem und stärkendem Umfeld zu verdanken. Vor allem meinen Eltern gebührt mein Dank, da sie Vernunft nicht als Gegenteil von Spielfreude bezeichnen. Mein Vater sagte: „Fantasie ist das Wertvollste, was man hat“ und meine Mutter: „Talent verpflichtet“. Seitdem versuche ich, das Schönste und Wertvollste was ich habe, mit möglichst vielen Menschen zu teilen und in ihnen selbst anzuregen – Fantasie, Dankbarkeit, Glück.

Andererseits ist das Poesiealbum auch eine ernste Platte, die um hochgradig symbolisch aufgeladene existenzielle Themen kreist. Zwei Seelen, die da in Ihrer Brust wohnen, oder geht die Lebensfreude nicht ohne Melancholie, das Helle nicht ohne das Dunkle?

Ja, ich denke, es ist stets ein Zusammenspiel aus scheinbar Gegenteiligem. In Momenten des Glücks empfinde ich zugleich eine wohlige Melancholie und umgekehrt. Ob man dies aus Übersichtsgründen in zwei Hälften teilt oder es als Einheit belässt – man befindet sich im Leben ständig in einer Schwingung zwischen verschiedenen Möglichkeiten, Wünschen, Aufgaben, Gefühlen. In meinen Werken soll diese Schwingung nicht temporär in Vergessenheit geraten, sondern offensichtlich werden. Ich will die Schönheit und Tiefe des Alltäglichen, die Kraft eines selbst gewählten Blickwinkels, die Faszination des Natürlichen in den Vordergrund stellen. Alles andere käme mir „künstlich“ vor.

Neben der Musik selbst finde ich auch das Booklet des Poesiealbums beeindruckend; es ist ebenso ungestüm und lebensfreudig wie die Platte! Besonders angetan hat es mir das Bild vom Teebeutel im Martiniglas – ein Symbol für Ihre Musik oder gar für Sie selbst?

Das Booklet bzw. die Grafik – übrigens das Erstlingswerk der jungen Fotografin & Grafikerin Mascha Zhuk (seit kurzem: Mascha Seitz!) im Musikbereich – ist sehr gelungen und besitzt tatsächlich beinahe „Dolmetscherqualitäten“ im Hinblick auf die Musik! Es war mir sehr wichtig zu wissen, ob Mascha ein Gefühl für meine Musik entwickeln konnte. Bevor wir also anfingen, zusammen zu arbeiten, habe ich mich erstmal in den Zug gesetzt und sie besucht, um ihr einige meiner Lieder am hauseigenen Klavier vorzuspielen und zu singen. Jede Zusammenarbeit basiert für mich nicht nur auf der Identifikation mit der jeweiligen Grundidee, sondern darauf, eine regelrechte Liebe dafür entwickeln zu können. Ich denke, die Idee mit dem Teebeutel im Martiniglas ist eine geniale Reaktion und Kombination aus „Ohne Winter“, „500 Millionen“ und „Verrückt“! Darin liegt ein hintergründiger Humor, den ich sehr liebe. Die Grafik verleiht dem „Produkt Poesiealbum“ noch eine weitere, wunderbare Dimension.

Wissen Sie schon, wohin es Sie jetzt mit dem Poesiealbum verschlagen wird, oder kurz: Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit?

Sicherlich werde ich weiter in die Richtung des „deutschen Jazzlieds“ arbeiten. Ich habe noch einige unveröffentlichte eigene Lieder vorrätig, und es kommen auch immer wieder neue Ideen hinzu. Die anspruchsvolle Verbindung aus Musik und Wort reizt mich generell sehr, und ich möchte die Seite der „gelungenen Beispiele“ auf meine Weise gerne stärken. Ein Projekt mit eigenen Eichendorff-Vertonungen winkt bereits im kommenden Sommer (mal wieder „genre-übergreifend“!), hinzu kommen im nächsten Jahr einige Festival-Auftritte in verschiedenen Besetzungen und ein Soloprogramm, das ich inklusive klassischer Klavierliteratur aufbauen möchte. Ende Dezember werde ich mich aber erstmal(s) nach New Orleans begeben um dort (mit neugewonnenen Freunden vor Ort, die ich kürzlich in Ingolstadt kennengelernt habe) ein Groove- & Song-Projekt auf die Beine zu stellen, das ich im April auch in Deutschland präsentiere. Da bin ich wirklich total gespannt drauf!

Was mich dann natürlich noch brennend interessiert: Vor einiger Zeit sind Sie gemeinsam mit Bobby McFerrin aufgetreten. Können Sie mir verraten, wie es dazu kam – und natürlich, wie sich das angefühlt hat?

Dass ich mit Bobby McFerrin auf der Bühne stehen sollte, konkretisierte sich erst eine Stunde vor dem Auftritt! Ich hatte am Vortag eine Probe mit Bobby und vier jungen Sängern am Klavier begleitet und war offiziell nicht im Konzert-Programm (a-capella) eingeplant. Auf einen Tipp seiner Managerin hin war ich aber dann doch beim Soundcheck anwesend. Ich wartete und hoffte auf Bobbys Spontaneität und wurde nicht enttäuscht. Es fühlte sich intensiv, aber nie beunruhigend an, so plötzlich mit einem Vertreter des „Jazz-Olymps“ in einem Raum bzw. auf der Bühne zu stehen. Er ist ein ungemein liebevoller, sensibler Mensch, der einem sämtliche Angst nimmt, so dass nur noch Freiheit und Schönheit übrigbleibt. Eine wegweisende Erfahrung! Diese wertvollen Momente auf und hinter der Bühne (z.B. als er direkt nach dem Konzert von der Bühne abging, mich dort stehen und jubeln sah und dann noch mal mit den Worten „Olivia, you’re wonderful“ umarmte) werde ich sicher nie vergessen.

Und da sind wir auch schon bei der letzten Frage angekommen. Natürlich wäre der Klangblog nicht der Klangblog, wenn es zum Schluss nicht eine Hundefrage gäbe – schließlich ist „Kopfhörerhund“ Wahrzeichen und Maskottchen des Klangblogs. Bei Ihnen ist das einfach, da gibt es dieses eine tolle Bild, wo Sie vor der Graffiti-übersäten Großstadtkulisse New Yorks mit Ihren Fender Rhodes sitzen, davor liegt ein alter Schäferhund. Können Sie uns ein bisschen über das Bild erzählen?

Schön, dass es auch in Stuttgart Ecken gibt, die glatt als New York City durchgehen würden! Das Bild stammt nicht aus New York, sondern aus Stuttgart, wo wir vor einem Auftritt ein Fotoshooting veranstalteten. Auch der Hund, Kimbo, ist nicht von mir, sondern von der Stylistin Ines. Kimbo war bei jedem unserer Treffen mit dabei und verhielt sich stets seelenruhig und würdevoll wie ein Wolf im Ruhestand. Die Idee, ihn mit ins Bild zu nehmen, kam spontan. In diesem Bild finden Wildnis und Seelenfrieden scheinbar zusammen – einerseits in der Kontrastwirkung (schrilles Graffiti und liegender Hund), andererseits als Einheit (Hund/Wolf). Ich sitze sozusagen dazwischen und überlasse es dem Betrachter, ob er in mir eher das verspielte, wilde, unberechenbare Element entdeckt oder das friedvolle, natürlich-erhabene…

Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview!

Wer nach diesem ausführlichen Einblick in den Trummer’schen Klang- und Gedankenkosmos noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk sein sollte, dem sei das Poesiealbum noch einmal wärmstens ans Herz gelegt – das gilt natürlich auch für all jene, die erst nach Weihnachten hier reinschauen und noch nicht wissen, was sie mit ihrem geschenkten Amazon-Gutschein anfangen sollen …

19. Dezember 2011

Rendezvous mit dem Duo Scheeselong im Heimathafen

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:21

Fräulein Mitzi liebt die leichte Muse. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als
so zu sein wie ihr großes Idol Marlene Dietrich. Ihre gestrenge russische Korrepetitorin Frau Rosenroth hingegen liebt “richtige Musik”, und das heißt für sie: Beethoven, Rachmaninow & Co. Dass das eigentlich nicht gut gehen kann, hier schlussendlich aber sogar mehr als gut ausgeht, davon konnte ich mich am Freitag bei der Vor-Premiere des Programms Rendevouz mit Marlene, dem neuesten Streich des Duos Scheeselong, im Neuköllner Heimathafen überzeugen.

Das Duo Scheeselong – das sind die Sängerin Caroline Bungeroth, die hier mit großer Spielfreude (und nicht minder großer Stimme) die sexy Naive vom Lande gibt, und die nicht nur durch ihr virtuoses Spiel, sondern auch durch ihren schönen Rücken entzückende Pianistin Valerie Wildemann, in deren Rolle der klavierspielenden Domina mit dem wunderbaren russischen Akzent man sich sowieso verlieben muss. Und dabei lebt man bei den beiden musizierenden Damen in der ersten Reihe nicht ganz ungefährlich: Da regnet es Konfetti, es wird mit Sekt gespuckt und mit Rasierschaum gespritzt, und wer Bonbons – Werthers Echte und Storck Riesen – will, der muss schon mal auf die Bühne. Im konkreten Falle hat es als wahrgewordenen Alptraum eines jedem Musikwissenschaftlers mich ereilt, denn natürlich kann ich die Habanera (als ein Bestandteil des sich entwickelnden Tango) theroretisch und musikhistorisch rauf und runterbeten, bin aber hoffnungslos überfordert, wenn ich ihre Basslinie spielen soll. Was tut man nicht alles für Bonbons!

Wenigstens bin ich keiner der bedauernswerten Herren, die als Opfer eines Rosenroth’schen Temperamentausbruches herhalten müssen. Denen ist vermutlich Hörern und Sehen vergangen, was allerdings hochgradig bedauerlich wäre, denn Rendezvous mit Marlene ist nicht nur hörens-, sondern auch sehr sehenswert. Es macht einfach Spaß, jemandem zuzuschauen, der sein Metier mit Leichtigkeit bewältigt; und die Damen des Duos sind nicht nur fantastische Musikerinnen in ihrem jeweiligen Fach, sondern verstehen sich auch auf Komposition, Schauspiel und vor allem allerlei schönen Unsinn, der nur dann funktioniert, wenn man ihn beherrscht, und das tun Bungeroth und Wildemann aus dem sprichwörtlichen Effeff. Ihr williges Publikum haben die beiden fest im Griff, und nicht zuletzt sorgt ein ebensolcher in die Requisitenkiste – in diesem Falle: in die jeweilige Handtasche – für immer neue Überraschungen, die bei so manch anderem aufgesetzt bis nervig wirken würden, hier aber einfach nur perfekt sind.


Und das alles nur wegen Emil seine unanständ’ge Lust …

Das Programm wird, ähnlich wie beim Trio Ohrenschmalz, durch eine umrahmende Geschichte zusammengehalten, sodass man von einem bloßen Liederabend nicht mehr sprechen kann. Natürlich stehen nichtsdestotrotz die Lieder von Marlene Dietrich (und ergo die Stücke von Friedrich Hollaender) im Mittelpunkt des Abends, und auch der leider kürzlich verstorbene Georg Kreisler oder Paul Linck schauen einmal um die Ecke. Klar, dass es da auch die Fesche Lola zu hören gibt, Jonny, wenn du Geburtstag hast und Ich hab noch einen Koffer in Berlin, ganz zu schweigen von dem Klassiker Ich weiß nicht zu wem ich gehöre, den ich dieses Jahr bereits als Instrumental-Version von Trio Ohrenschmalz-Geigerin Angelika Feckl und in der Neudeutung durch Jasmin Tabatabai gehört habe. Dennoch – oder gerade deshalb – gelingt es Caroline Bungeroths sehr nahe am Original (falls man in diesem Falle überhaupt von Original sprechen kann) gehaltener Interpretation davon zu überzeugen, dass hier nichts neu gedeutet werden muss: So, wie sie es singt, muss man dieses Lied singen, und nicht anders. Und bei ihrem Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt wird mir sogar erstmals bewusst, wie zärtlich – und wie wenig frivol! – diese Melodie, dieses Lied eigentlich ist.


Oh, Alexander – was für ein Neander!

So viel Marlene zum Trotz ist mein persönliches Lieblingslied des Abends die Bungeroth’sche Eigenkompostion Neulich im Neandertal, deren kongeniale Reimfortsetzung “traf ich Alexander mal” mir die nächsten Tage nicht aus dem Kopf geht. Ohenhin ist Rendezvous mit Marlene etwas, das man mit nach Hause nimmt und das noch lange vorhält, wie eine gute Mahlzeit. Wer noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk ist, der schenke Tickets für diese Show!

Die nächste Gelegenheit, das Duo Scheeselong mit Rendezvous mit Marlene zu sehen, gibt es im Rahmen des Kurt-Weill-Festes 2012 am 1. März um 20:00 Uhr im Brauhaus „Zum Alten Dessauer“ in Dessau. Karten gibt es hier.

16. Dezember 2011

Voll auf die Nuss: BossHoss-Interview online

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 08:41

Cowboys und Cowgirls! Jetzt ist auch das vollständige Interview zur neuen Platte von The BossHoss online – wie gehabt auf Eurem Lieblings-Online-HiFi-Magazin fairaudio.de. Viel Freude damit! Und auch wenn die Platte erst in der kommenden Ausgabe von Victoriah’s Music besprochen wird, macht man mit ihr unterm Weihnachtsbaum nicht viel falsch. Yee Haw!

8. Dezember 2011

Jennifers musikalische Diener

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:09

Ich habe eine Kindheitsfreundin, die genau genommen Schuld daran ist, dass ich mit der Musik angefangen habe. Sie belegte einen Kurs in musikalischer Früherziehung, und ich glaube, meiner Mutter gefiel das. Jedenfalls fand ich mich innerhalb kürzester Zeit, fünf- oder knapp sechsjährig, im selben Kurs und dort im Kreis gehend und „ta-ta-titti-ta, ta-ta-ta-ah“ klatschend, wieder. Meine Freundin wurde dann der Klavierfakultät der Musikschule zugeteilt, ich den Geigern, denn es standen nur drei Instrumente zur Auswahl: Klavier, Geige und Konzertflöte. Klavier spielten alle, und Flöte, also mal ehrlich, wer wollte das schon? Also entschied ich mich für Geige, und wohin das geführt hat, sehen Sie ja selbst.

Meine Freundin habe ich dann aus den Augen verloren, aber nach knapp dreißig Jahren haben wir uns, wo auch sonst, auf Facebook wiedergetroffen und sehr darüber gefreut, dass wir unabhängig voneinander beide ein „Emmchen“ haben, sie ein selbst gemachtes zweibeiniges, ich ein adoptiertes felliges. Natürlich hat das zweibeinige Emmchen auch einen Vater, den Mann meiner Freundin. Und der spielt, wenn er keine Filme macht, in seiner Freizeit Cello. Wieder vorgekramt hatte er es eigentlich nur als Hochzeitsüberraschung für meine Freundin: Gemeinsam mit einem Freund, der zufällig Singer/Songwriter und Gitarrist ist, sollte ihr ein romantisches Ständchen gespielt werden. Und wie das so ist mit „Eigentlich sollte es nur eine einmalige Sache werden“ – man hat es ja gerade erst bei B•S•O gesehen, das sich ursprünglich ja auch nur als Geburtstagsüberraschung gegründet hatte –, wurde auch hier eine regelmäßige, intensive Zusammenarbeit daraus, die dann auch einen Namen bekam. Zum Namen kamen Auftritte, kamen Facebook-, Youtube- und MySpace-Seiten, kamen Fans, kommt eine Platte – und komme ich heute hierher.

„Hier“ ist diesmal ein ganz besonderer Ort: Die von der sympatischen Heike Mössner betriebene, nur einmal die Woche öffnende, halb-private und ebenfalls im Filmumfeld angesiedelte Seimobar, eine Art Wohnzimmer mit angeschlossener Küche, wo es für wenig Geld hausgemachtes Essen plus Nachschlag und -tisch ohne Ende gibt. Da verwundert es wenig, dass manche sogar auch nur wegen des Essens kommen, heute Abend beispielsweise die Heavy Metal Band, die sich vor ihrem Auftritt in einem benachbarten Laden an Rotkohl, Klößen und Krustenbraten gütlich tut. Und tatsächlich hat die Wohnzimmerszene an der langen Tafel unter dem beleuchteten „Million Dollar Hotel“-Wandbild etwas vom Abendmahl.

Während die anderen essen, habe ich die Gelegenheit, für ein Mini-Interview mit den beiden Protagonisten des heutigen Abends, Joseph Bolz, den Singer/Songwriter, und Friedhelm Pörner, der zu der Bolz’schen Musik die Cello-Arrangements schreibt und spielt. Klar, dass ich erst einmal wissen will, wie das Duo denn auf den Namen „Gwen Hyfar“ gekommen ist. Ursprünglich, so erfahre ich, wollte man sich „Zoe“ nennen, doch gibt es leider schon zu viele Bands dieses Namens. Da es aber ein Frauenname sein sollte und man melancholische Träumerinnen aus Schweden wie Mire Kay und Audrey schätzt, kam man auf das nordische „Gwen Hyfar“, das nichts als ein verklausuliertes „Jennifer“ ist, die als „Jenny“ wiederum einen wichtigen Teil im Bolz’schen Textkosmos einnimmt. Und in der Tat taucht sie in mindestens zwei Stücken des Abends auf.

Erst einmal aber rumpeln Gwen Hyfar beim Opener Like Wool, den mir die wohlmeinende Ehefrau vorab schon als Youtube-Link geschickt hat, vor sich hin, die Raumakustik schluckt viel der leiseren Gesangpassagen, das Cello dominiert zu stark. Dann aber hat man sich eingespielt, auf den Raum, aufeinander, worauf auch immer, in jedem Falle fällt hier schon die außergewöhnlich schöne Songstruktur auf, mit ausgeklügeltem Arrangement und fein austarierter Aufnahmetechnik ist das etwas, was ich sehr gern auf CD hören würde. Schon ab dem zweiten Song ist man von der Intensität der Bolz’schen Songstrukturen völlig in Bann gezogen, und zunehmend fällt auf, dass hier ein im positiven Sinne absolut Besessener am Werk ist. Wo hat man den denn bis jetzt versteckt und warum hat man ihn vor uns versteckt? Die Welt braucht solche Lieder, ganz sicher.

Pörner hingegen mag kein Profi-Cellist sein, und obwohl ich mit so etwas sonst sehr streng bin, fällt mir heute Abend dazu nur ein: Das muss er auch nicht, denn hier geht es um etwas völlig anderes. Zudem: Weshalb auch eine Laienmusiker an den Maßstäben für Profis messen? Allein die Songs von Joseph Bolz machen alles um einen herum vergessen, nicht nur ich bin froh, hier zu sein, auch das restliche Publikum ist regelrecht hypnotisiert. Die Klangfarbe seiner Stimme, seine Phrasierung, ja sogar die Art der Songs erinnert mich an jemanden, der mir gerade auf Teufel komm raus nicht einfallen will, der von solchen Songs aber nur träumen kann. Chris Cornell vielleicht?

Wenn es Ihnen einfällt, schreiben Sie mir. Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: Kaufen Sie das Album, wenn es nächstes Jahr erscheint. Ich werde Sie ganz bestimmt daran erinnern.

28. November 2011

Gothic-Ecke der Seele: die November-Ausgabe von Victoriah’s Music ist da

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:00

“Die Witterung ist im November ja ein denkbar dankbares Stichwort. Kalt, grau, nass und einfach menschenfeindlich – selten ist so schnell so viel Konsens mit den Gesprächspartnern möglich. Dachte sich auch die Bassistin und Sängerin Meshell Ndegeocello, deren zehntes Studioalbum Weather ganz im Zeichen herbstlicher Melancholie steht. Allerdings nur so ein bisschen.

Nur so ein bisschen könnte ohnehin die Überschrift dieser Platte sein, denn Weather plätschert so dahin, wie Klangtapete im Luxushotel. Diese Platte will nichts: nicht auffallen, nicht stören und vor allem nicht wollen. Das ist ein Jammer, einerseits, denn spätestens seit ihrem 1997er-Duett mit Marcus Miller nimmt die in Berlin geborene US-Amerikanerin doch die Rolle einer meiner persönlichen Göttinnen ein, und das Ergebnis der Zusammenarbeit – der NuJazz-Song Rush Over – ist nach wie vor einer meiner All-Time-Favorites. Hieran erinnert auf Weather allenfalls der Song Rapid Fire. Andererseits: Es muss ja nicht immer das sofort in Ohr, Hirn und Herz gehende Groove-Monster mit massivem Sex-Appeal sein. Weather ist einfach mal so gar nicht zeitgeistig, aber auch nicht retro (denn das wäre ja wiederum extrem zeitgeistig). Die Platte wiedersetzt sich Trends nicht in einem bewusst zelebrierten Kraftakt, sondern sie zieht einfach ihr Ding durch, unbeeindruckt davon, was in der Musikwelt um sie herum so vorgeht …”

Weiterlesen? Das geht – und zwar wie immer auf fairaudio.de, Ihrem liebsten Online-HiFi-Magazin.

Besprochen wurden diesmal

- Meshell Ndegeocello, Weather,
- Trio Bravo +, Trio Bravo +,
- David Lynch, Crazy Clown Time,
- James Blake, Enough Thunder,
- Nneka, Soul is Heavy,
- Florence and the Machine, Ceremonials,
- Anna Ternheim, The Night Visitor und
- Various Artists, Electro Swing Revolution Vol. 2

21. November 2011

Ich kenn‘ dich doch von Facebook: Nikolai Tomás und Krispin Light im art.gerecht

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:57

Lieder, die man nach einem Konzert noch auf dem Heimweg singt, haben das Zeug zum Ohrwurm/Sommerhit/Klassiker/… (bitte nach eigenem Gutdünken ankreuzen bzw. ergänzen) und sind in jedem Falle angetan einen wissen zu lassen, dass man gerade Zeuge eines ganz besonderen Abends wurde. Das Indien-Lied mit so schönen Textzeilen wie „die Gurus brauchen neue Schüler“ der neuen, noch nicht erschienenen Platte von Nikolai Tomás, ist so eins. Und in der Tat ist ein Großteil des Publikums gekommen, den Poems for Laila-Schöpfer zu sehen, obgleich er mit einer Handvoll neuer Stücke nur das Vorprogramm der Show bestreiten sollte. Sein letztes Solo-Album Alles auf Anfang habe sie in einer schwierigen persönlichen Phase angetroffen, verrät mir eine Dame, und dort prompt seine heilende Wirkung entfaltet. Und ein junger Rechtsreferendar aus einem der bürgerlicheren Bezirke Berlins wurde von seinem Freund mitgeschleppt, der „Tomás unbedingt sehen wollte“. Dafür scheute man dann auch die Autofahrt ins hippe Friedrichshain nicht.

Klar, dass auch ich gespannt war auf diesen Landsmann meines Vaters, dem die Kollegen schon mal attestieren, wie ein „verwegener ungarischer Prinz“ (Tagesspiegel, 14. März 2002) auszusehen und was das Puszta-Paprika-Klischee (Zigeunergeiger! Csárdásfürsten! Lángos und Palatschinken! Ja, es ist nervig, in Deutschland mit seinen geliebten Exotismen Ungar zu sein.) noch alles so hergibt. Und wenn er dann noch lebensrettende Lieder à la Illute macht … Zumindest macht er sehr schöne Lieder, irgendwo zwischen Rätselhaftigkeit („Ich war die Sechs und du die Zwei/ich die Methode, du der Hai“) und Zeitgeist. So beispielsweise beklagt sein Facebook-Lied Ich kenn dich doch von Facebook mit dem schönen „Gefällt mir/gefällt mir nicht“-Refrain den merkwürdigen Umstand, dass man von seinen Facebook-”Freunden” zwar fast alles weiß, angefangen davon, was sie gerade zu Mittag gegessen haben, aber recht eigentlich kennt man sie gar nicht. Bezeichnenderweise sind Nikolai Tomás und ich – Ironie des Schicksals: Facebook-Freunde. Haben sich hier schon viele schmunzelnd wiedererkannt, war der absolute Brüller des Abends aber Tomás‘ Indien-Song, ein perfekter Rausschmeißer, bei dem das Publikum lachend am Boden lag und der vergessen macht, dass die Lieder des Sängersongschreibers, genauso wie die vom heutigen Main Act Krispin, nicht zuletzt durch poetische Wortneuschöpfungen wie „Wundertütenland“ oder „Regenmantelmann“ bestechen. Ein toller Songs ist auch Baby Berlin – auf die Platte kann man sich definitiv freuen!

Freuen tut sich einzig Kopfhörerhund nicht. Der ist zwar wieder gesundet, aber schon den ganzen Tag über unruhig, um nicht zu sagen: unleidlich. Zu allem Überfluss habe ich ihm die Ohren geputzt, was die schlechte Hundelaune nur noch verstärkt. Während Nikolai Tomás‘ Auftritt will das Getier dann auch nur eins: raus. Kaum aber betreten Roland Krispin und Christoph Thiel die Bühne, die diesmal nicht von Andreas Laudwein und Ronny Seiler an Gitarre und Schlagzeug, sondern als „Krispin Light“ von der ebenfalls über Facebook rekrutierten Cellistin Franziska Kraft begleitet werden, rollt sich Kopfhörerhund wohlig zusammen und schläft. Auch er mag die Krispin-Lieder zwischen Fröhlichkeit und Wahnsinn. An alle verzweifelten Eltern da draußen: Wenn sogar mein renitentes Hundetier bei den Krispin-Liedern einschläft, probieren Sie sie doch mal an Ihren zappeligen Kindern!

In jedem Falle stehen den Songs die neuen luftigen Kleider, wobei Papierherz das wohl coolste Cello-Arrangement hat, obwohl – oder gerade weil – es eben nicht gar so luftig daherkommt, sondern mit einem weittragenden, fast schon den fehlenden Bass ersetzenden Cello. Dass kein Schlagzeug dabei ist, merkt man erst am Schluss des Sets, wo Thiel zum Tamburin greift (oder vielmehr damit füßelt) – hier offenbart sich, dass die Songs in der alten Besetzung mehr Tiefe hatten; und bei der letzten Zugabe Spät – einem wunder-wunderschönen Lied – vermisse ich die portisheadschen Klangflächen Andreas Laudweins schon sehr. Das geniale Cover Paula hingegen ist auch in der Light-Version die wohl schönste Zugabe, und es ist ein Jammer, dass der Song es nicht auf das Album geschafft hat. Mit Ich habe dich gern gibt es auch einen neuen (oder zumindest beim Zimmer-16-Auftritt uneghörten) Song, den habe ich Ihnen direkt einmal mitgebracht. Natürlich darf da auch der mittlerweile wieder zappelige – weil, wie sich zu Hause herausstellte, obwohl gefütterte trotzdem mordshungrige und entsprechend randalierende – Kopfhörerhund nicht fehlen:

Er hört es zwar nicht gern, der Herr Krispin, wenn ich ihn als “Liedermacher” bezeichne. Doch auch wenn der Begriff mit gewissen Konnotationen aufgeladen ist, tut Roland Krispin im Grunde genommen genau das: einfach schöne Lieder machen, und somit ist – und bleibt – er für mich ein Liedermacher im besten Sinne. Dennoch ist es am Ende des Tages Indien von Krispin-Produzent Nikolai Tomás, das mich auf dem Nachhauseweg, durch die Nacht und auch noch in den nächsten Morgen begleitet. Und nach einem halben Kilo Hähnchenhals und der “Notdose” Thunfisch war das Hündchen auch wieder friedlich …

16. November 2011

Schweinerock mit Wechselbass

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 09:54

Schon an der Überschrift merkt der geübte Klangblog-Leser, dass ER wieder da ist. Genau: Bassplayerman ist wieder aus seiner Versenkung aufgetaucht, um einen musikalischen Abend kurz und bündig in drei Worten zusammenzufassen. Wobei “Schweinerock” hier eine der höchsten Formen des Kollegenkompliments – von musizierendem Graphiker an musikzierende Graphiker – darstellt. Yee Haw!

Worum geht es? Nachdem ich tagsüber im White Trash ein zwar kurzes, aber nichtsdestotrotz informatives und vor allem charmantes Interview mit den BossHoss-Frontmännern Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer geführt hatte, gab es abends eine feine Promoveranstaltung für ihre in Texas gedrehte Dokumentation, vor allem aber für das am 25. November 2011 erscheinende Album Liberty of Action. Da gibt es – klar – wieder einige Cover-Versionen im Country- und Rockabilly-Style zu hören, wobei das Spektrum von nat King Cole über die Beatles bis zu Rammstein reicht -, vor allem aber neue Eigentkompositionen, die die Berliner Jungs so vielfältig wie noch nie zeigen. Allein die wunderbare Vorabsingle Don’t Gimme That mit ihrem wummernden Pianoriff, das sich als Schlagzeug versucht, ist erst einmal nicht das, was man von der Band erwartet hätte: Mich erinnert das fette Groove-Monster an die jüngste Veröffentlichung der Gorillaz, Bassplayerman hört Peter Fox – und tatsächlich: Seeds Ding ist nicht weit von Don’t Gimme That. Country-Rock’n'Roll mit einem HipHop-Beat? Egal, das Ding groovt und packt einen mit dem allerersten Takt. Mein absoluter Liebling im Moment!


The BossHoss — Don't Gimme That – MyVideo

Die Zeit, bis das Album – und das Interview auf fairaudio – erscheint, können sich Klangblog-Leser mit dieser kleinen Fotostrecke vertreiben – und natürlich mit der Single Don’t Gimme That, die man in diesem Herbst einfach haben MUSS.


Erst die Arbeit …


… dann das Vergnügen!


Und im März nix wie hin inne Halle vom ollen Schmeling sein Maxe!

15. November 2011

Zwischen Punk und Billie Holiday: die Platte des Monats November ist online

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 16:27

“Mancher kennt vielleicht die Anzeigen einer überregionalen Berliner Tageszeitung, in denen es sinngemäß heißt: „Marlene Dietrich studierte in Berlin zunächst Geige“ oder „Kurt Tucholsky war in Berlin zuerst Volontär bei einer Bank“, um dann auf den eigenen Stellenmarkt hinzuweisen: Wer gleich die richtige Entscheidung treffen will, der liest unsere Anzeigen, will einem Berliner Morgenpost damit sagen. Gut, dass Maïa Vidal nicht die Mopo liest: In ihrem Fall wäre es nämlich geradezu eine fatale Entscheidung gewesen, hätte sie sich gleich dem Musikstudium verschrieben. [...]”

Neugierig geworden? Weshalb Maïa Vidals Musik den Umweg über die visuelle Kommunikation benötigt hat, steht, wie immer, auf fairaudio.de.
Maïa Vidal im ausführlichen Klangverführer-Interview gibt es hier.

8. November 2011

Wer Geige gelernt hat, kann auch alle anderen Instrumente spielen: Maïa Vidal im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:10

Ich weiß auch nicht, weshalb Interviews generell auf Tage fallen, die der Engländer als „one of these days“ bezeichnet. Man könnte auch sagen: die unter keinem guten Stern stehen. Der Montag, an dem ich Maïa Vidal treffen sollte, ging jedenfalls schon einmal denkbar schlecht los. Wie so oft war ich spät dran zu einem Meeting, dem ich nicht nur einfach beiwohnen, sondern auf dem ich auch aktiv sprechen sollte. Gerade stand ich wimperntuschend vor dem Badezimmerspiegel, als Kopfhörerhund ins Bad getappt kam, um „Guten Morgen“ zu sagen. Normalerweise hat man jetzt noch Zeit, die Wimpern fertig zu tuschen und ein paar Klamotten über zu werfen – allein, heute nicht. Wieder etwas gelernt: Wenn Kopfhörerhund raus muss, muss er #jetzt# raus – Altersinkontinenz lässt grüßen. Jedenfalls hörte ich im Flur nur „strull“, und ehe der ganze Spaß dann wieder trockengelegt und desinfiziert war … Meeting adé, Chef sprang im Dreieck. Überflüssig zu erwähnen, dass in der hektischen Aufbruchsaktion das selbstverständliche Zubehör eines Interviews wie Visitenkarten oder Stifte vergessen wurden. Wenigstens hatte ich mein Diktaphon (aufgeladen) und meinen Fragenkatalog (vorbereitet).

Als ich nach einem Arbeitstag, der ganz im Zeichen der Chefbesänftigung stand, im verabredeten Kreuzberger Café ankomme, sind meine Interviewpartner noch nicht da. Dafür kommt bald eine weitere Journalistin, die am selben Ort ein Interview mit jemand anderem führen will. Da die asiatische Kellnerin beide Male aber nur „Interview“ versteht, will sie uns erst einmal verkuppeln. Und dann wird mit einem Mal alles gut: Maïa Vidal kommt, sieht und siegt, könnte man auch sagen. Die unglaublich niedliche und charmante Musikerin begrüßt mich ganz selbstverständlich mit Küsschen links und Küsschen rechts, und ihr mindestens ebenso symthatischer Begleiter, Mit-Musiker Simon Beaumont, ist derart höflich, dass er mich fragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er sich statt eines Tees ein Bier bestellt. Von Berliner Jungs bin ich eine so gute Erziehung ganz bestimmt nicht gewöhnt – und daher erst einmal gebührend beeindruckt. Diese Franzosen!

Nachdem wir alle mit Getränken versorgt sind, kann das Interview zu God Is My Bike, der Platte mit dem aktuell coolsten Cover-Artwork, dann auch schon losgehen. Immerhin ist es die erste, die Vidal unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlicht. Vorher sorgte sie unter dem Alias “Your Kid Sister” für Aufsehen, als sie sich einigen Songs der kalifornischen Ska-Punker Rancid angenommen und daraus eine Cover-EP gemacht hat – „eben wie deine kleine Schwester, die Punk zwar cool findet, ihn aber nicht verstanden hat“.


10. Oktober 2011, Café Restaurant Locus am Marheinekeplatz – Simon wollte leider nicht mit aufs Bild. Vielleicht liegt das auch daran, dass sein Bierglas schon leer ist?

Made to do music: Maïa Vidal on the loss of faith, the only great thing about having had violin lessons and the general soundtrack of her life

Klangverführer: First of all I would like to ask you about the title of your upcoming album. What does “God Is My Bike” mean to you?

Maïa Vidal: It’s one of the songs in the album. It’s funny, it’s a song about the loss of faith – but at the same time … you know, I’m not a religious person at all, but it kind of talks about this experience I had where I was riding my bike around in Barcelona at night, and a couple of times I had this feeling that felt like – if I was a religious person I would say a religious feeling – I felt suddenly full of this vibration and light and it was incredible and I’m there on my bike, feeling like “Oh my God, the world makes sense!” and I was thinking about it and it felt like if I had any sort of religious feeling that would be like being close to God. And the song talks about the sad side of being that, because since my bike got stolen I don’t have this feelings anymore. So it’s really like a funny material answer to the loss of faith.

This album is your second recording after “Poison”, your self-released
Your Kid Sister EP, which exclusively contained cover songs – punk anthems, which you adopted to your own style. What is, to you, the difference between recording a cover song and recording an own song?

It’s interesting because I started doing covers as a sort of response to not … You know, I used to play in a Punk band and I used to write my own songs and after two years I really couldn’t do it anymore. I think it was partly the Punk scene and partly being so young and writing really personal things and being in a not really accepting community, because Punk is a very sort of … special genre. And so I started doing covers in a way to keep myself from getting hurt again. So I had this alias persona, I had a concept and I told myself, “This is good. You can do music without getting hurt because you’re not gonna write about yourself, you do just covers. It’s sort of like an art project.” You know, I was studying visual arts that time and then I started performing. Originally, I recorded the songs just on my computer with GarageBand. And then people really responded to the music video, the animations I made, so I started performing and I found that the scene I was playing in had so much changed from what I remembered, was so much more accepting, so much more open and … warm! It was just a totally different experience. I still perform the Rancid covers because I really love them. I love the arrangements I did … but it’s true that with my own songs it’s different. Because I don’t hide anything, the songwriting is really honest. It’s a nice feeling to know that I can write so honestly about myself and not worry about anything. Maybe it’s also because of my age, because I experienced a lot more and it’s kind of the second time that I’ve done it and whatever, but above all I think the scene has just changed a lot. Because when I started playing music in the early Two-Thousands – I played in an all-girl punk band – I guess the genre that we’re doing right now didn’t really exist. In the meantime, Regina Spektor happened, Feist happened and people like them, so when I came back to music, people where incredibly kind to the genre that I play, and incredibly respectful. People come to my shows and you can hear the clicking of the cameras just because it’s so quiet, and that gave my such a kind of trust to write my songs, the trust that everyone is gonna be kind.

Like you’ve just said, due to your homemade video your version of the Rancid song “Poison” went quickly viral on Youtube and your “Your Kid Sister” EP became a noticeable success. Would you characterize yourself as a Youtube star or, more general, as somebody whose career is based on social media?

That’s interesting actually because I coulnd’t … like I said I didn’t start performing until after I had done a video. I had a Myspace account but I wasn’t really publishing anything. But when I put on the video, you could watch how it picked up the speed hour by hour. And now my work is much more … But now what people talk about when they talk about me is not my video but how we are live. Because live is … that’s really what I’m working on now. But definitely I feel like – I wouldn’t say that I am based in social media, now it’s two and a half years since I made the video, but I definitely got my first approval there – which is cool because since I made my own video I feel like people recognize me as an artist instead of just as a singer/songwriter, they are like, “Oh, you did the animation!”

So your music was more or less a side-product to your animations, at first?

Totally, yes! I was doing a Bachelor Fine Arts in Montreal and so I was exploring culture and drawing and art history, and I just started to get into animation, and it was at that point that my boyfriend and me were listening Punk songs, and I thought it would be funny to do this as a visual art product, rather than thinking about maybe becoming a musician. And I just turned into that, so my visual arts were translated in a funny way … But yes, absolutely a side-product, I never thought it would result in this.

Currently at least people apperceive you as a musician …

Absolutely. And weirdly music is always coming incredibly easy to me, I’m always having a good time – I mean, I’ve always been able to express myself musically. But I’m glad that it turned out that way because I was always troubled with my visual arts. I don’t have the same … I’m not made for it. I’m doing visual arts, I love animations – but I was made to do music. But I needed to get away and really struggled, struggled to be just another, in order to come back to music and know why I’m doing it, know what makes me happy and so on.

So it wouldn’t have worked for you if you had studied music from the start …

No. I’m really happy that I took that time off and I’m glad that … You know, to some point I talked to this guy in the music industry, at some point with my Punk band we were really getting somewhere, and I was like “Find me a legal or whatever”, and he said, “Look. You are too young, you really should just stop right now. You have all kinds of talent but you should just close the curtain and come back to it in a couple of years”, and I’m glad that I did, because I got a lot of perspectives on my art, I wasn’t just sort of making a transfusion of self-expression, but I learned how to shape it, how to control it … I found my voice studying art.

Talking about finding your voice – your current project started under your alter ego Your Kid Sister. I even found some layout drafts where “God Is My Bike” is labeled with your alter ego … What made you decide to use your real name, after all?

Well, it was not a conscious decision. I just felt like I didn’t have a choice one day. I played some shows under the alias, where I used to wear a wolf hat on stage all the time, and there were moments that were just incongruent. For example, “God Is My Bike”, when I play it live, it’s really intense, and I’m basically wailing. And then sometimes I step back and say to myself, what are you doing there, you’re wailing and you call yourself Your Kid Sister? Your Kid Sister was a persona I created for the Rancid project, but once it took off without Rancid I was like, “What am I doing here?” And I really wanted it to be … I wanted something that was unarguable. And the next concert I played as Maïa Vidal was surprising me, because it was a completely different experience, I don’t know why even but I felt so much more comfortable, I never felt so comfortable on stage! They would say my name in the beginning of the show and I felt like … amazing! I’m really really glad I did it, because this album is my entire universe, it’s not just the sweet parts, it’s also the really bitter and the really sad, the really scary and angry and weird and whatever, and so that’s why it feels good to play … show it all.

So your album “God Is My Bike” mirrors your whole personality, not to mention that it contains a collaboration with avant-garde guitar player Marc Ribot. I wonder how this collaboration got around …

Well, it was a really really amazing experience, even though we did it across, I was in Barcelona and he was in New York. But it happened because actually my Dad and he know each other from way back in the days. Actually, Marc is the one who invited my Dad to New York, my Dad is French. Marc was touring with his band and met my Dad there and invited him to New York. My Dad came to New York and met my Mom and they got married and they had me … So, you know, he’s like a way old old old friend of my father and had a really big influence on my life! He’s the reason why I’m here, in a way. And he’s always sort of followed my career and was really supportive, but with the Rancid project – he really liked it. And so when I was recording I asked him if he would be interested. I only gave him very little direction, I just said, here are the tracks, do what you want. And when I heard them, it was really really incredible!

Another collaboration was your work for the autumn/winter campaign “Dreams 2011” for the Spanish fashion brand Desigual that you recorded a song for … How did this come into existence?

When I was living in Paris, I came back to Barcelona – so I lived in Barcelona and then I moved to Paris, thought I was never coming back, and it was kinda strange, I just needed to get out of the relationship I was in (now I’m back in the same relationship), I moved to Paris to forget it …. And we came to Barcelona to play a little tour. And somebody came up to me at one of the concerts and was like, “I work with Desigual and I love your music, can’t you come back to Barcelona and record something for us?” This guy turned out to be the producer of the spot, an Argentinean pianist and composer, who made me come back to Barcelona with the original garage band file of mine that I recorded on my laptop, they took that song. Before, the original lyrics where Rancid lyrics, and they said, “Can you write your own lyrics?”, and I was like, okay. So I wrote my new lyrics on this already existing song, because they didn’t want to pay for the rights or whatever, and I came to Barcelona for three days to record it and it ended up being a really beautiful thing! I was very insure because you never know how these things really will come out, but now it’s actually the way I sing it live. So I had someone to ask me to write my own lyrics to a song that I was playing for the last year and it was really great, I’m actually happy with the product.

Talking about collaborations … I wonder how the record deal with the prestigious Belgian record company Crammed Discs was achieved. Did you choose the label or did they spot you?

Well, a little bit of both. When the album was done, I … no. In recording the album, I actually had found out about them. Because a band I liked was on the label, and I was looking at their roster and I found they had all these bands I was listening to my whole life, like Taraf de Haiduks, all these World Music, that is the background of all my music education, and so when I saw that artist roster I thought, “I wanna be on that label!” The whole time while we were recording the album I was thinking that, like, “Yaeh! Crammed Discs, Crammed Discs, Crammed Discs!” And then, when it was done, a friend of ours send them the demo, and it just happened that we were in Paris to play a couple of shows and so they came to the show and saw us live and just said, “We want you”. And they really fought for me, too, because there was a moment when I wasn’t sure, I wasn’t sure if I wanted to sign or not, because in 2011 it’s not like you need a record label anymore, it’s more or less a question of where you want your career to go, but finally I think it was the right decision.

Would have been my next question. You started recording without having a record deal and would have possibly released the album by yourself just like you did it with your EP?

Yeah, because we recorded in a home studio and I definitely had a moment where I thought I that I was gonna self-release it, but actually now that I’m part of the roster it definitely feels good sort of be part of a group or whatever. But also, first and foremost I’m a musician, and even if I like to book my own shows or do my own album artwork, there’s a part of me that’s like … dealing with distribution or sales or whatever is kind of just a headache for me, and so if I can have … You know, Crammed Dicsc is actually a really well-respected, good label that has a really reputable roster that is really inspiring and interesting … Even if I could have done it on my own, I’d rather have that energy for writing new material, recording new material, playing live.

Aside from Ribot on the guitars and Giuliano Gius Cobelli on trumpet and drums you are playing all the other instruments, like violins, accordion, guitar, percussion and even toy instruments. Tell me a bit about your musical background – for instance, are you an autodidact or did you have lessons on each of these instruments?

I had lessons with classical violin and I studied from seven to eighteen but hated it all the while! Every year I would ask my parents to quit, but they said no. So when I finally became eighteen I couldn’t wait to get rid of it and said to myself to never play it again! But the great thing about having had violin lessons is that learning other instruments is really easy. Violin is really complicated, so when you wanna learn guitar or even accordion … I knew that I would probably get by with it. So yeah, I play violin, accordion, I play guitar on the album, flute, xylophone, toy piano … and now I’m learning trumpet. When I was a kid I also played clarinet at some point for a couple of years. So I had a clarinet at home, I just didn’t play for ten years. And so I saw it when I was playing with Simon who is a totally talented multi-instrumentalist, and now we tour together and he has never taken a music class but plays every instrument he puts his hands on, so we’re learning clarinet, and now we’ve just incorporated the autoharp into our set … It’s a fine kind of curiosity to play every instrument that we come in touch with. Somebody had a banjo – now we’re playing banjo!


Trägt jetzt statt Wolfspelz Fuchsschwanz: Maïa Vidal

But actually you started your musical career as a bass player in the girl punk rock band Kievan Rus in 2004 …

Yeah …

I am currently working on a project called “She’s Got Rhythm – Girls At The Rhythm Section”. Did gender play a role in this time of your career, have you been confronted with prejudice or something the like?

Well, in my band we were a girl drummer and a girl guitar and whatever, and I was the classic girl singer/bass player type, and I don’t know if it’s a rhythm instrument thing or just an instrument thing in general or just a Rock’n’Roll thing, but I always felt like I was struggling in a man’s world! And especially with Punk because that’s really you stepping into a male dominated scene. In order to play music, I felt you have to take on a male personality, like angry, strong, whatever. Even if it’s just in front of the sound guy. I mean, I was a sixteen year old girl, and there were these forty-five year old sound guys … I definitely felt like … It was not fun. Of course, there were moments that were fun, but mostly my feeling was that I had to prove myself always, I had to … like … be extra-strong and extra-bossy and extra-aggressive to sort of make up for the fact that I was a tiny girl. And now – it’s totally different for me now. The sound guys are nice – yeah, it’s still a sound guy and not a sound girl –, which is incredible! I’m not trying to be sexist about it, not like, “oh, with a girl it’s always fun”, but … it’s still a bit weird for me, the fact that I literally in hundreds of concerts that I had played only had two sound girls ever. It’s always a little bit surprising. These are the moments that I realize, “oh yeah, I’m still in a guy’s club”, even if now I had changed my genre and had much more women going before me, I’m still ninety-nine dot nine percent of the time sort of trying to make it in their world, but it’s definitely a lot easier now.

So Rock’n’Roll is still a playground for the boys?

Absolutely. You don’t really think about it until it hits you, like, a lot of people are still surprised if there’s a sound girl, they go like, “Where’s the sound guy?”

The weirdest thing is that even I catch myself being surprised when faced with a sound girl! Well, let me come to my last question. During my preparations to this interview I came across a statement which I would like to read to you: “Fans of female voices will hear a touch of Billie Holiday, Agnes Obel or Joni Mitchell in her”. Are the mentioned artists inspiring examples for your work?

Billie Holiday enormously! I still don’t – and it’s a crime – I still don’t know Joni Mitchell’s work at all, or Agnes Obel’s, actually. But I have to say that Billie Holiday is somebody whose music I love to put on during this tour backstage before a show just to feel like I’m in my living room because that’s kind of the general soundtrack in my life. She’s … I could go on and on about Billie Holiday because I find … people say she was not the best singer of her time but I feel so much more when I listen to her than when I listen to Ella Fitzgerald! Because there’s the irony, there’s the playfulness it’s very often that you have some heart-rending, sad material, but you feel like she’s singing it with a tiny half-smile, a weird kind of … I don’t know. I find it really interesting because I know that feeling of incredible sadness, and not wanting to … She doesn’t do it in a stuffy way, you don’t feel melodramatic, it’s like … honest! Her interpretation of a song is just so so so interesting and so new each time. In different eras, interpretations chance, but the feeling is always a sort of … like you can really hear her personality through which I think for the era is pretty interesting, because it was above all about to sing nicely and well, but in Billie’s case you really feel her in her voice.

Is this honest approach something you try to do in your own music?

Absolutely! I mean, there’s the honesty, and there is also a sort of … a tiny bit of irony. A little contradiction. And you can find this quite often in my arrangements: If I’m gonna sing a sad … like a really honestly sad subject matter … I like to have it with a touch of playfulness. Or if I play super crunchy distorted guitars, I wanna put a little flute in there. I definitely feel like that music got me thinking you don’t have to be a hundred percent romantic, or you don’t have to be a hundred percent happy or a hundred percent sad. Like playing between every emotion and be more three-dimensional, that is really more important. It’s like life. You don’t wanna be all-romantic all the time or be all-cute all the time.

1. November 2011

Teebeutel im Martiniglas: die neue Ausgabe von Victoriah’s Music ist online

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:34

“Liedermacheresk, wie die letzte Ausgabe von Victoriah’s Music zu Ende ging, beginnt auch die neue: Mit dem Debütalbum des Duos DrahtSeilAkt, das von Gitarrist Uwe Bossert und Sängerin Nora Grisu geformt wird. Auch wenn Fall oder Tanz das erste gemeinsame Album der beiden Tonkünstler ist, sind sie alles andere als Neulinge im Musikgeschäft. Bossert hat elf erfolgreiche Jahre bei den deutsch-irischen Kuschelrockern Reamonn gespielt und schrieb Lieder für Künstler wie Nelly Furtado oder den Unheilig-Grafen, während Grisu in der Welt der Liedermacher und Dichter zu Hause ist. So beispielsweise war sie Duettpartnerin auf dem Kapelle-Weyerer-Album Unstillbar – einem Projekt, das in den letzten Jahren auch die Tourband der singenden Schauspielerin Jasmin Tabatabai stellte. Grisus Gesang indessen ist mit dem der Actrice nicht zu vergleichen, er ist mal unprätentiös und beiläufig, lotet aber auch teils fordernd, teils unsagbar zärtlich die Schattenwelt der Texte bis in ihre letzten Winkel aus. Nora Grisus Hang zum Dunklen und Abseitigen wird kompensiert von der unbeirrbaren Geradlinigkeit Bosserts. Herausgekommen ist eine Platte, die sich aus ihrem versponnenen Textkosmos heraus entfaltet, den Gitarrist und Produzent Bossert behutsam in Harmonien zu fassen wusste. Die Melodien sind nicht typisch Pop, dabei aber dennoch eingängig. ‘Poetry Pop’ nennt das Duo seine Musik, und den Drahtseilakt begreift es als ‘Balance im Chaos’.

[...]”

Weiterlesen wie immer auf fairaudio.de


Aus dem Booklet von Olivia Trummers Poesiealbum

Besprochen wurden in dieser im September geschriebenen und im November erschienenen Oktober-Ausgabe von Victoriah’s Music die folgenden Platten:

  • DrahtSeilAkt, fall oder tanz.
  • Olivia Trummer, Poesiealbum
  • SuperHeavy, SuperHeavy
  • Mayer Hawthorne, How Do You Do?
  • Feist, Metals
  • Lotta Wenglén, Thanks For Your Generous Donations
  • Katzenjammer, A Kiss Before You Go
  • Tsching, Serenata

  • Großartige Band, großartige Platte: Katzenjammer

    30. Oktober 2011

    MisSiss in Wonderland – ein Klangverführer-Interview über Eigendynamik, Fremdängste und natürlich Sissita’s Soul Tangos

    Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 19:02

    Dieser Artikel beginnt diesmal nicht mit der Feststellung, dass dieser Tag nicht mein Tag ist – und das, obwohl Interviewtage bei mir für gewöhnlich unter einem schlechten Stern zu stehen scheinen. Nein, diesmal läuft alles. Das allerdings kann meine Interviewpartnerin, Soultango-Erfinderin Sissy “MisSiss” Kudlicska, heute so gar nicht behaupten. Nicht nur, dass sie sich auf dem Weg zum Interview mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin verfranst hat – auch als sie genervt ins Taxi umsteigt, baut der Fahrer promt einen Unfall. Wirklich schlimm ist ihre Verspätung allerdings nicht, kann ich mir die Zeit doch mit dem Wolfshundeschafen des Niederländers Peter Bastiaanssen vertreiben, die noch bis zum 12. November in der Galerie des “ersten Musikhotels Europas”, dem Berliner nhow-Hotel, zu sehen sind. Diese hat man uns, nachdem die Hotellobby aufgrund eines Kongresses überlaufen und damit nicht umbedingt aufnahmegerätfreundlich ist, netterweise für das Interview zur Verfügung gestellt. Ein besonderer Ort für eine besondere Frau, denn die Wienerin mit der phänomenalen Stimme zieht Leute an, die sonst allenfalls für Madonna & Co. arbeiten, räumt Preise ab, die sonst nur Südamerikanern vorbehalten sind und erfindet beim Frühstück mal eben so ein neues Musik-Genre.

    Klangverführer: Du bist ja gestern im Rahmen des „Electro Swing Revolution“ Record Releases – eine Doppel-CD, auf der u.a. so großartige Künstler wie Andrej Hermlin, The Bahama Soul Club oder !Deladap! zu hören sind – mit dem Leipziger Pianisten, Komponisten und Produzenten Serjoscha Stüven aufgetreten. Auf der Platte seid Ihr aber gar nicht dabei, oder?

    Sissy „MisSiss“ Kudlicska: Genau, das stimmt. Nachdem mein Manager und Booker gute Kontakte hat und da auch Mitveranstalter war, hatte er die Idee, mich da auch mit einzuladen, da er weiß, dass ich sehr viele verschiedene Stile singe – und darunter eben auch ganz gern Jazz und Swing und solche Sachen. Er hielt es für eine gute Idee, mich dorthin einzuladen, und ich hielt es dann auch für eine gute Idee – ja, und so ist es dann dazu gekommen. Und nachdem bei diesem Festival gestern sehr sehr unterschiedliche Bands in den verschiedensten Besetzungen waren, die unterschiedliche Arten von Swing, Electro, Pop, Soul und zum Teil auch mit ein paar Folk-Elementen dabei waren, hat das eigentlich wunderbar hineingepasst. Es ist ja auch so, dass ich auf dem Album Sissita’s Soul Tangos ein paar sehr swingende Nummern und eine wirkliche Swing-Nummer, nämlich Wait, drauf habe – und die haben wir natürlich gespielt.

    Aber mit diesem Pianisten hast du auf deinem Album ja nicht gespielt – wie ist es denn dazu gekommen, dass ihr gestern beide da wart oder generell zu eurer Zusammenarbeit?

    Also, der Serjoscha ist einerseits ein großer Produzent, andererseits aber auch ein super Songwriter. Er ist mit einem seiner Songs an mich herangetreten, für den er schon längst eine Sängerin haben wollte, die richtige aber noch nicht gefunden hat. In mir hat er sie gefunden. Wir haben dann diesen Song, der mir wirklich außerordentlich gut gefällt, für mein kommendes Album aufgenommen, und zwar auf Englisch und auf Deutsch, und sogar schon ein Musikvideo dazu gedreht. Und nachdem wir dann also schon öfters zusammengearbeitet und gesehen haben, dass die Chemie stimmt, und er eben auch Pianist ist und Sissita’s Soul Tangos auch ganz große Klasse findet, hat sich das so ergeben, dass ich mir gedacht habe, okay, wenn er schon – er ist eigentlich ein Berliner, lebt aber in Leipzig und pendelt da hin und her –, also, wenn er schon in Berlin ist, dann frage ich ihn einfach, ob ihn das interessiert. Es war eigentlich die natürlichste und einfachste Lösung und es hat wunderbar funktioniert!

    Dass du gewissermaßen mit ihm die Lieder deines kommenden und deines aktuellen Albums vereinst …

    Genau! Und jeder kann all seine Seiten ausbreiten, er als Produzent und Pianist, und ich als Sängerin und Songwriterin.

    Aber eigentlich machst du im Moment keinen Swinging Soul, den bekommen wir auf dem kommenden Album zu hören. Zurzeit bist du ja mit den Sissita’s Soul Tangos unterwegs – einer tollen Platte, die voriges Jahr als südamerikanischer Release herauskam und die es seit diesem September auch für den europäischen Markt gibt. Produziert wurde sie von Ariel Gato in Buenos Aires …

    Ein großer Schatz! Diese CD ist für mich wirklich etwas ganz ganz ganz Besonderes. Und da muss ich vorwegschicken, dass es sehr viele Dinge gibt, die ich als sehr großartig gelungen in meinem Leben empfinde, aber das hier ist das Beste, was ich je gemacht habe! Es gibt auch – und das ist selten, gerade wenn man auch selbst Co-Produzentin ist, und Songwriterin, und Sängerin – da gibt es sehr selten den Fall, dass man nicht an irgendeiner Stelle sagt, ach, das hätte ich vielleicht ein bisschen anders machen können, oder: da sollten wir vielleicht irgendwie noch etwas ändern … das hat man ganz oft, bis ganz zum Schluss“ Und bei dieser Platte gibt es gar nichts, kein einziges Fünkchen, das ich ändern würde, weder musikalisch noch von der ganzen Aufmachung her. Und da bin ich wirklich froh, dass ich kein Label habe, das mir irgendetwas verbieten wollte! Beispielsweise hätte das Album sonst nicht diesen Silberdruck drauf oder andere gewisse Details, die mir einfach wichtig sind.

    Wie bist du eigentlich dazu gekommen, Tangos zu machen? Wenn ich richtig informiert bin, kommst du ja eigentlich aus dem Gospel-Bereich, oder?

    Also, es ist so, dass ich erstmal das Glück hatte, in einer sehr musikalischen Familie aufzuwachsen. Mein Vater hat eine wunderbare Baritonstimme und meine Mama ist ein traumhafter Mezzosopran – und wir haben sehr viel gesungen, schon als Kinder. Und ich habe auch das Glück gehabt, sehr früh schon mehrstimmig zu singen, das war bei uns einfach so üblich. Und dann habe ich mir sehr sehr viele verschiedene Musikrichtungen angeschaut, angehört, habe auch als Jugendliche in einem Chor und in meinen ersten Bands gesungen, und dann hat sich eben herauskristallisiert, dass ich neben der klassischen Musik, die ich zum Großteil durchs Ballett gehört habe – eigentlich habe ich lange keine Popmusik gehört! –, nur noch Jazz und Gospel wahrgenommen habe. Und ich wollte immer so eine „fette“ Stimme haben. Hatte ich nicht – ich hatte wirklich so ein typisches hohes Sopranstimmchen. Ich hatte immer das Gehör, aber noch nicht den Sound. Und es war für mich eine großartige weite Reise, mit viel Hören, mit vielen verschiedenen Vocal Coaches und Gesangslehrern zu arbeiten, um einfach dort musikalisch hinzukommen, wo ich auch als Sängerin hinwollte. Und dann habe ich sehr viel im Gospel-Bereich gemacht, weil mir ganz klar war, dass man dort stimmlich am meisten lernen kann. Und Tango hat mich angefangen zu interessieren, als ich in der Grazer Oper klassisches Ballett getanzt habe. Da hatten wir ein modernes Ballett, das hieß Die fünf Tangos, und das waren eben fünf Tangos von Astor Piazolla – und das hat mich fasziniert, das hat mich umgehauen! Es war eigentlich das erste Mal, dass ich mit Tango in Berührung kam – das dann aber so intensiv, weil ich es bei jeder Probe gehört habe, und es ging dann so in Fleisch und Blut über! Und das Lustige ist, dass auch bei dieser Soultango-Geschichte für mich so klar war, dass das zusammen funktioniert, weil wir fast zeitgleich ein zweites modernes Ballett dort hatten, das hieß Lovesongs, und das war Musik, die von Aretha Franklin und Dionne Warwick gesungen wurde, viel vom Burt-Bacharach-Album, und die zwei waren einfach meine Soul Queens, dazu noch Ray Charles … Und ja, für mich war dann einfach klar, Tango und Soul, das gehört zusammen. Mich hat viel eher gewundert, dass noch niemand vorher auf diese Idee kam!

    Wobei, wenn du sagst, dass es Piazolla war, der dich zum Tango gebracht hat, der ja den Tango als tango nuevo gewissermaßen neu erfunden hat, du aber einen sehr klassischen argentinischen Tango auf deinem Album hast …

    Ja, das stimmt, und das ist doppelt spannend für mich, denn ich kannte lange Zeit nichts außer Astor Piazolla. Und in Österreich ist er sicher auch berühmter als Carlos Gardel oder andere Tango-Götter, die in Argentinien als tango argentino-Gelden gehandelt werden. Ich habe dann in Buenos Aires erfahren, dass Astor Piazolla ganz lange überhaupt nicht anerkannt wurde, was mich schockiert hat, weil er bei uns eben bekannter ist als sonst jemand – und da sieht man eben, dass sie in Argentinien Mischformen von Tango zunächst gar nicht zulassen wollten, auch wenn Piazolla in die Klassik-Richtung geht, was vielleicht der Grund dafür ist, weshalb er bei uns so einen großen Anklang findet. Gerade Österreich ist einfach ein sehr Klassik-geprägtes Land. Der Grund, weshalb mein Album stellenweise reiner tango argentino ist, liegt in den Musikern. Und in den Arrangeuren. Natürlich habe ich die Songs geschrieben, aber ich hätte nie so astreine tango argentinos daraus machen können! Da gehören die Lorbeeren denjenigen, die sie verdienen, nämlich dem Pablo Piccinni, dem Quito Gato und dem Gabriel Senanes, die die Arrangements gemacht haben, und zum Teil auch den Musikern selbst, denn wo nicht mit Orchester bzw. in größerer Besetzung gearbeitet wurde, haben die Musiker einfach ihre eigenen Arrangements gemacht. Wir haben dann ein bisschen aussortiert und gesagt, okay, dieser Take gefällt und besser als jener, aber das ist im Grunde genommen alles deren Werk.

    Stichwort Musiker – was an den Soultangos neben dem völlig neuen Genre am meisten überrascht, ist diese unglaubliche Besetzung. Ich meine, das ist gewissermaßen das Staraufgebot an argentinischen Musikern, was da versammelt ist! Da gibt es als Dirigenten Gabriel Senanes, ehemaliger Leiter des renommierten Teatro Colón, oder Fernando Suarez Paz, den ersten Geiger Astor Piazollas … und sogar der Tonmann Carlos Laurenz ist bekannt dafür, schon Alicia Keys, Mary J. Blidge oder Angie Stone zum besten Sound verholfen zu haben …

    Ja, das ist ganz irre und das war wirklich ganz ganz großes Glück, wofür ich mein Leben lang dankbar sein werde, denn es ist eine richtig große Ehre. Ganz viele Leute haben das überhaupt noch nicht realisiert – du bist eine der wenigen, der das in unseren Breiten etwas sagt. Weil in Österreich, egal ob Musiker oder Journalist, heißt es sonst, aha, Fernando Suarez Paz, ja, hm. Jedenfalls, es lag an Ariel, weil er diese Connections hat und dann auch gesagt hat, dieses Projekt, diese Begeisterung für meine Songs, für meine Stimme und für mich auch als Mensch – die hat ihn selbst auch angespornt, alles zu probieren. Und er hat gesagt, dieses Album – wir sagen, es ist wie unser Baby, weißt du, man erschafft etwas gemeinsam und versucht es, auf die Beine zu bringen – ist für ihn so etwas Besonderes, und ich meine, er produziert zwischen vierzig und fünfzig Alben im Jahr! Jedenfalls hat er gesagt, so etwas hat er auch noch nie gemacht, aber es gab für ihn keine Grenzen. Das heißt, er hat wirklich Leute gefragt, die er noch nie für irgendetwas gefragt hat. Das Arge für ihn war dann, dass jeder begeistert war – jeder Einzelne! Und es war dann wohl oft auch so, dass die Leute dann schon ihn angesprochen haben: „Und? Was ist jetzt mit dem Projekt?“ In Argentinien haben sie immer „la Señora“ zu mir gesagt; und die Leute, die ins Studio kamen, haben schon gar nicht mehr gefragt, wie es Ariel geht, sondern nur noch: „Wie geht es dem Projekt mit der Señora?“ oder „Wie geht es der Señora?“ und so, das hat solch eine Eigendynamik entwickelt! Irgendwann war es dann sogar schon so weit, dass wirklich berühmte Musiker, die zu ihm ins Studio für irgendwelche anderen Aufnahmen gekommen sind, dann schon zwei Wochen vor den Orchesteraufnahmen für die Soultangos sagten, „Du, wir haben gehört, du nimmst in zwei Wochen in den FortMedia-Studios mit dem Senanes und dem Suarez Paz und dem Jorge Bergero und so weiter auf, und das ist ja ein Wahnsinn, das ist doch dieses Projekt mit der Wienerin …“, und er war fassungslos, wie das die Runde gemacht hat in Buenos Aires, und das ist ja nun wirklich keine kleine Stadt! Uns schien, als habe ganz Buenos Aires nur noch darüber gesprochen, und jeder hat ihn nur noch nach dem Projekt gefragt.

    Das heißt, zu Tango und Soul bist du während deiner Ballett-Zeit gekommen, und die tango argentino-Musiker hast du Ariel zu verdanken. Aber wie bist du als Wienerin eigentlich an Ariel Gato gekommen?

    Ich dürfte wohl ein Medium sein für diese neuen modernen Medien, denn Ariel hat mich über MySpace angeschrieben. Ich bin ja grundsätzlich ein Mensch, bei dem im Leben alles besser funktioniert, wenn ich mich zwar sichtbar mache, dann aber eingeladen werde, das heißt, wenn jemand auf mich zukommt und ich dann reagieren kann. Nur dann fühlt es sich für mich richtig an, nur dann habe ich das Gefühl, es ist auch wirkliches Interesse da – und lustigerweise sind das auch immer die Dinge, die dann aufgehen und die funktionieren und die groß werden. Ich habe eben auf MySpace meine Plattform, wo ich Musik und Bilder und was-weiß-ich-was draufgestellt habe, und er ist da irgendwie zufällig darauf gekommen. Eigentlich ist er witzigerweise erst auf Soulistics gekommen, meine Band, die in Wien schon seit sechs Jahre existiert, und die eben bei MySpace ein eigenes Profil hat. Und daneben gibt es dann auch noch mein MisSiss-Profil, und er ist eben über die Soulistics bei mir gelandet und hat mir dann einfach geschrieben, auf MySpace, dass er meine Stimme großartig findet und dass er meine Songs großartig findet und dass es ihn eben interessiert, wer dahinter steckt. Ja, und dann haben wir halt hin und her geschrieben und auch Musik ausgetauscht, und irgendwann kam dann die Frage, ob ich Lust hätte, mit ihm gemeinsam einen meiner Songs zu produzieren. Und dann war ich mal angemessen beeindruckt und konnte nur sagen, ja natürlich, und großartig und so! Dann haben wir aber lustigerweise einen Song gemeinsam produziert, der erst auf das nächste Album kommt, weil er ein bisschen Pop-Soul-lastiger ist. Nachdem wir diesen Song produziert haben, hat mir Ariel geschrieben, dass er für Aufnahmen in Spanien gebucht sei und ob ich Lust hätte, dorthin zu kommen. Und ich habe mir gedacht, natürlich, ein Flug nach Spanien ist schnell gebucht und das riskiere ich auf jeden Fall! Natürlich sind dann erst einmal diese typischen Dinge passiert, dass Familie und Freunde entsetzt waren, wie, du kannst jetzt doch nicht einfach nach Spanien fliegen und den treffen, das ist doch ein Wildfremder und wer weiß, was der dann vorhat … Und ich habe nur gesagt, also Entschuldigung, ich war mit neunzehn ein halbes Jahr in Tunesien, und war ganz allein mit elf männlichen Tunesiern in einem Team, ich kann mich wehren, wenn irgendetwas sein sollte! Aber was soll sein, ich habe mein eigenes Mietauto … Schon lustig, diese ganzen Fremdängste, die da in einen hineinprojiziert werden, denn natürlich war es großartig! Wir haben uns getroffen und auch noch einen zweiten Song für das nächste Album aufgenommen und gemeinsam produziert – das heißt, Ariel Gato wird auch auf dem nächsten Album vertreten sein.

    Da habt ihr aber noch gar keine Tangos gemacht, oder?

    Genau, es ist eigentlich von hintenrum zu betrachten, das ist ganz spannend!

    Und wie seid ihr dann dazu gekommen zu sagen, okay, jetzt machen wir aber Soultangos?

    Das ist in Spanien passiert. Wirklich erst in Spanien. Eines morgens beim Frühstück hat der Ariel gesagt, wir müssen ein eigenes Projekt machen, das ist so super und das flutscht alles so, wir haben die gleiche Vision von guter Musik, von Perfektion und von tollem Arbeiten … Er war ganz fasziniert davon, wie ich im Studio arbeite. Mir selbst war das ja nicht so bewusst, denn in Wien habe ich mit anderen Leuten gearbeitet, die ganz andere Arbeitsweisen haben, und er hat aber gesagt, das ist total irre, weil mit allen Sängerinnen, mit denen er sonst gearbeitet hat, da macht man eben zehn Takes, die sind halt alle ungefähr gleich und man muss dann einen auswählen, aber zu mir hat er gesagt: „Und bei dir fängt es mit dem zehnten Take erst an, dass du dann irgendwie ganz andere Sachen machst und man sich denkt, wie geil“. Wir haben jedenfalls richtigen Spaß gehabt, und er wollte unbedingt noch etwas mit mir machen. Und dann eben bei besagtem Frühstück habe ich ihn nur so angeschaut und gesagt: „Soultangos“. Und er sagt, wie, Soultangos? Und ich sage: „Wir müssen Soultangos machen!“ Und wieder er: „Ja, aber was meinst du damit?“, und da sage ich, naja, eine neue Musikrichtung, wirklich Soul mit Tango kombiniert! Und er ist immer noch skeptisch und fragt, aber wie soll denn das klingen, wie stellst du dir das vor? Und ich sage, du, ich spiel dir was vor! Auf meinem Mac-Book habe ich so eine Library, wo solche Layouts drin sind, die ich selber nach dem Komponieren immer einspiele, also nur Klavier und Stimme, damit man eine Idee von den Songs hat und auch als eine Art Memory für mich, denn manchmal schreibe ich meine Songs nicht auf sondern nehme sie nur auf. Jedenfalls hören wir uns da gemeinsam durch, und er sagt nur, wow, ja, Wahnsinn, das ist ja schon ein Tango! Auch bei Songs, die für mich eigentlich souliger waren. Ja, und so haben wir beim Durchhören gemerkt, perfekt, das funktioniert. Und dann gab es noch einen ganz spannenden Moment, als ich ihm Nightmares vorgespielt habe. Er fragt: „Was ist das für ein Song?“, und ich sage, „Nightmares halt“, und er fragt wieder: „Ja, aber gibt es den schon?“, und ich: „Na, ich hoffe doch nicht!“ Und dann sagt es, es sei krass,“ denn diese Melodie vom Intro, die habe ich ganz oft schon geträumt“. Und ich wieder: „Wie, du hast diese Melodie geträumt???“, und er sagt ja, er habe so wiederkehrende Träume, und diese Melodie habe er schon sehr oft geträumt. Ich war nur: okay, wow, und dann war klar, dass wir mit diesem Song beginnen. Und so wurde das eben auch die Single und wir haben ein Musikvideo dafür gemacht, weil es eben so speziell ist.


    Interview in der Kulisse: Sieht bequem aus, ist aber Kunst

    Das heißt, die Songs gab es quasi schon, ohne dass du von Ariel wusstest?

    Ja, die habe ich schon alle geschrieben gehabt. Also, ich habe später noch ein paar neue dazugeschrieben, aber es gab definitiv schon Nightmares, es gab Far More, As I Care For You und All Of You, es gab ColderColder gab es schon ganz lange!

    Mein Lieblingssong! Dieser und Dancer, meine absoluten Lieblings-Soultangos!

    Ja, Dancer ist wirklich so der Song aus meiner Ballettzeit. Da hatte ich eine sehr sehr schwierige Phase in meiner Jugend, mit meiner Familie und mit dieser ganzen Konstellation – und da war für mich das Ballett der beste Seelenbalsam und die beste Ausflucht aus meiner nicht ganz so schönen Realität damals – und das merkt man auch bei Dancer sehr sehr stark, denn bei den Strophen … da ist soviel Wut drinnen, soviel „Lasst mich doch alle in Ruhe“ und soviel „Lasst mich einfach weg“, und dann eben dieser Walzer in dem Refrain, da ist dann alles schön und alles gut.

    Das heißt, du warst wirklich professionelle Tänzerin, bevor du Musikerin wurdest?

    Ja, aber eben leider nur bis siebzehn, weil dann eben mein Knie gestreikt hat und meine Eltern gestreikt haben … Und jetzt muss ich sagen, ich bin dankbar dafür – weil alle Kolleginnen magersüchtig geworden sind oder einfach körperlich kaputt. Und es wäre mit dem Essen und dem Genuss – wir sprachen vor dem Interview darüber! – nicht kompatibel gewesen. Da singe ich lieber und habe ein bisschen mehr auf den Rippen und fühle mich richtig wohl! Ich tanze jetzt noch leidenschaftlich gern, aber ich mache jetzt mehr so Latin Groove, Jazz Dance, Sumba und solche Sachen.

    Tanzt du auch Tango?

    Ich habe es probiert und ich muss sagen, es fasziniert mich wahnsinnig, es ist für mich die Oberliga bei allem, was du als Tänzerin können musst. Nicht technisch – nicht technisch, sondern vom Einlassen her. Das ist ganz unglaublich. Ich bin fassungslos gewesen, als ich meine erste Tango-Stunde hatte, vom Tango tanzen lernen will ich gar nicht reden. Also, ich hatte diese zwei Tänzer, die in meinem Musikvideo tanzen, die haben mich, als ich in Buenos Aires war, eingeladen, bei ihnen Privatstunden zu nehmen. Dieses Tanzpaar hat mir allein beigebracht, wie Tango tanzen geht, Erica Esquivel und Santiago Isse. Und das war ganz arg, zwei Dinge natürlich: Erstens, ich bin ein sehr selbstbestimmter Mensch und habe beim Standardtanzen eher das Problem, dass, wenn ich keinen Supertänzer zum Partner habe, ich dann eher ein bisschen zu führen beginne, und da hast du ja überhaupt keine Chance im Tango, das geht da ja gar nicht! Und vor allem, dass du dich einerseits so einlassen musst, dass du jeden Millimeter an Loslassen bemerkst und demnach agierst, und das Zweite, dass du dich einfach wirklich so in diesen Mann hineinfallen lassen musst. Und da war eben diese Frau daneben, und ich dachte mir so, die sind zusammen, das geht jetzt überhaupt nicht, das geht schon doppelt nicht! Und er sagt, nein, du musst mehr in diese abrazzo, diese Umarmung hinein, und ich sage nur, naja, aber Entschuldigung, aber da ist deine Frau, und sie sagt nur, nein nein, der ist jetzt deiner, für diesen Tanz!

    Ich glaube auch, das ist das Schwierigste für uns europäische Frauen, dieses Fallenlassen. Wenn der Mann nicht unglaublich gut tanzen kann, bist du als selbstbestimmte Frau im Tango verloren. Dann fängst du an zu führen, und das geht beim tango argentino nun mal nicht. Beim Salontango mag das etwas anderes sein, aber hier …

    Ja, das ist was ganz anderes! Und es war auch so lustig, denn weißt du, die Schritte vom Pick-up, also vom Merken, habe ich natürlich schnell draufgehabt, und es ist auch eine Tanzform, die mir sehr liegt, aber es war wirklich schwierig! Wir sind auf ein paar Milongas gewesen, und das war wirklich ein Erlebnis. Zunächst: Natürlich waren da viele Männer, die mich auffordern wollten, die haben sich gedacht, ach, so eine Blonde … Aber ich war dann schon scheu, weil ich mir gedacht habe, das ist ja urpeinlich, was ich da dann abliefer! Wir waren einmal in so einer Milonga, die dann auch ein bisschen schummerig war, und ich habe nur gedacht, ich verstehe wirklich die Männer, die dann zu sabbern beginnen. Ich meine, da waren Frauen, die sich bewegt haben, wie Göttinnen, eine unglaubliche Figur, eine unglaublich erhabene Haltung, dann diese Beine! Diese Fesseln! Diese Tango-Schuhe! Also, ich könnte da stundenlang nur zuschauen. Ich bin mir vorgekommen wie die volle Voyeurin! Und ein lustiges Erlebnis hatte ich noch: Comme il Faut ist eine Tango-Schuhmarke und dort waren wir einkaufen, ein superschicker Salon, da gibt es keine ausgestellten Schuhe, sondern du sagst, was du möchtest, und sie kommen und bringen dir das, und du sitzt in diesem Riesen-Salon mit Goldspiegel … Und dann habe ich dort Tango-Schuhe probiert. Und die Verkäuferin fragt, ob sie denn passen und ob sie denn bequem sind, und ich sage, ja, wunderschön, aber ich weiß eben nicht, wie gut ich darin tanzen kann. Und sie sagt dann nur: „Also, wenn du in diesen Schuhen nicht tanzen kannst, dann hast du den falschen Tanzpartner!“ Da war mir klar, okay, ich nehme sie! Jetzt sind das meine Goldstücke, wirklich superschicke, heiße Tango-Schuhe, und die zieren jetzt mein Frisiertischchen. Es gibt da ja so „Tangoschuh-Sackerln“, womit die in Buenos Aires ja alle rumlaufen, weil sie zur Milonga immer in Straßenschuhen gehen wegen des Kopfsteinpflasters, und sich erst kurz vor der Milonga umziehen …

    Schuhe sind immer ein sehr schönes und endloses Thema! Aber eigentlich waren wir ja bei dem Staraufgebot an Musikern auf deinem Album und wie es dazu kam … Mittlerweile gibt es sogar schon Remixe der Songs. So kann man auf deiner neuen Single A new life, die am 28. Oktober veröffentlicht wird, neben der Albumversion auch einen Remix der Klubjumpers hören – und die haben ja schon erfolgreich für Stars wie Madonna, Mariah Carey, die Black Eyed Peas, Nelly Furtado oder Ke$ha gemixt. Und wieder fragt man sich: Wie kommt eine Wienerin, die Soultangos macht, an solche hochkarätigen Kollaborationen?

    Wieder: Mir passiert’s. Man muss es echt so sagen, es ist schon fast lustig und ich muss ja da selbst schon lachen – ich krieg’ tatsächlich eine E-Mail von den Klubjumpers über die Homepage von Sissita’s Soul Tangos, wo die Mailadresse einfach draufsteht, und in dieser E-Mail steht drin, wir sind auf deine Website gekommen, dein Musikstil ist unfassbar, wir würden gern einen Remix davon machen – bist du grundsätzlich offen dafür, wär’ das interessant für dich? Und ich denk’ mir nur, ist das jetzt ein Missverständnis oder ist das jetzt cool?! Und es war einfach cool! Und das Lustige war: Klubjumpers sind ein Duo, das sind zwei Brüder, Sam Michales und Dan Mathews, und die wollten mit mir unbedingt eine Skype-Konferenz machen, weil sie sich gesagt haben, wir wollen diese Österreicherin kennenlernen mit dieser Bombenstimme, die so freakig ist, dass sie Soultangos macht und damit sogar noch bei den Grammy Awards landet und es wagt, einen komplett neuen Musikstil zu erfinden! Und es war dann ein total unglaubliches Gespräch, die haben nur gesagt, es ist Wahnsinn, was du da machst! Die kriegen täglich Tonnen an Demos, es türmt sich auf ihren Schreibtischen – und es interessiert sie nicht, denn es ist die fünfhundertste Alicia Keys und die zwanzigste Whitney Houston und so – die gibt es aber alle schon, die kannst du nicht besser machen! Und sie haben gesagt, dein Wiedererkennungswert in der Stimme ist unfassbar, dieser neue Musikstil ist cool und es ist endlich mal was, was es noch nicht gibt! Und da sieht man ja auch, dass die Amis da anders denken als beispielsweise die Österreicher, weil: In Österreich haben sie Angst vor allem, was es noch nicht gibt, da wollen sie lieber etwas, was es schon zwanzigmal gibt. Aber das macht nichts, es ist jetzt kein Thema für mich. Ich bin ja in Österreich schon eine gut gebuchte Sängerin. Aber im Radio gibt es hier keinen Sender, der jetzt Soultangos spielen würde, weil sie sagen, das ist kein Gitarrenpop und passt nicht in unser Format. Aber jetzt, wo es auch die BBC spielt, werden sie hellhörig! Es wird spannend … Für mich aber waren die Klubjumpers ganz eindeutig eine Riesenchance, ich fand es ganz großartig, und auch die sind so begeistert davon, dass sie sagen, sie wollen es ihren ganzen Spielfilmleuten, ihren Commercial Partnern, anbieten, sie werden weltweit ihre ganzen DJs damit bemustern und sie haben ihre eigene Radiostation in Amerika, wo sie es in die Rotation nehmen. Ich habe dann nur gesagt, now tell me the bad things! Und sie meinten, there are no bad things, und ich wieder: Okay, I feel like Alice in Wonderland! Are you sure that everything that we’re talking about is true?, und er so, ja ja, das passt schon alles … Es ist echt schräg! Sie Remixe sind Hammer, obwohl ich normalerweise nicht so die House/Dance-Frau bin, aber der Klubjumpers-Remix von A new life geht für mich vom Feeling her mehr so in die Richtung I am what I am, und das ist geil! Und was für mich noch so stimmig ist, ist, dass da jetzt noch jemand aus Amerika zu diesem Projekt dazukommt: da war Südamerika, da ist Österreich und langsam kommt auch das restliche Europa hinzu, und dann macht da musikalisch noch jemand aus Amerika etwas damit, das finde ich cool.

    Gewissermaßen die Klammer drum herum …

    Ja, genau. Und es ist so ein weltoffenes Ding geworden, jeder kann seinen musikalischen Input dazu geben. Wenn man jetzt beispielsweise den Hubert von Goisern betrachtet, der sich da von überall auf der Welt seinen Input holt … das ist so ähnlich! Jetzt nicht musikalisch, aber vom Prinzip her. Und der hat jetzt gerade in Österreich wieder eine Nummer-eins-Single, und ich finde cool, wie er immer weltweit die verschiedensten Einflüsse dazuholt.

    Die Soultangos scheinen ja auch weltweit anzukommen: In Südamerika warst du damit für den Grammy nominiert, hier geht das auch so langsam los … Hast du überhaupt mit diesem Erfolg gerechnet?

    Nee, gar nicht! Es war ja noch nicht einmal irgendwie … Also, für mich war es logisch: Wir sollten das machen. Und genau so war’s auch für den Ariel, und genauso für die Musiker. Es war ein absolutes Herzensprojekt, wir haben da nie an irgendeinen kommerziellen Profit gedacht! Das war einfach wie unser Baby, wir wollten das machen, und zwar mit allem Herzblut. Und so ist es uns auch gelungen. Lustigerweise sind wir jetzt auch bei den Gardel Awards in der Auswahl, Ende Oktober kriegen wir Bescheid, und ich bin natürlich sehr gespannt! Denn: Wenn wir da was abräumen, das wäre unglaublich, das wäre eine Revolution in Buenos Aires! Da mit einem Mix, mit nicht reinem tango argentino zu gewinnen, sondern mit so einer Fusion-Geschichte … das wäre einmalig!

    Du bist ja auch keine Tango-Sängerin, du singst Soul …

    Ich singe Soul, ja, auf Tango-Musik. Genau. Ganz viele haben anfänglich gesagt, naja, mach das doch auf Spanisch und sing doch auch Tango, da habe ich gesagt: nein. Denn ich finde, man sollte auf der Bühne nur das machen, was man am allerbesten kann. Ich würde mich ja auch nicht mehr als Tänzerin auf die Bühne stellen, es sei denn, mit meiner Sumba-Truppe, aber nicht mehr als Solotänzerin! Ich bin froh, dass ich mir vieles mitgenommen habe, die Art, mich auf der Bühne zu bewegen und so, aber ich bin jetzt keine Solotänzerin mehr – und genausowenig bin ich jemand, der Tango richtig singt. Ich kann Soul singen, ich kann Gospel singen, ich kann Pop singen. Ich würde mich auch nicht mehr als Rocksängerin auf die Bühne stellen, habe ich früher auch mal gemacht. Jetzt sage ich dazu nein, man muss sich auf das konzentrieren, was man am besten kann!

    Und das scheint ja zu gelingen, denn alle, die das Soultango-Projekt kennenlernen, sind begeistert – auch bei fairaudio und im Klangblog haben die Rezensionen des Albums die höchsten Zugriffsraten von allen! Der Klubjumpers-Remix jedenfalls kommt am 28. Oktober in die Läden, aber das ist ja nicht das Einzige, was am 28. Oktober passiert – auch deine Europa-Tour startet an diesem Tag. Kannst du uns verraten, was uns da erwartet?

    Da muss ich wirklich sagen, dass ich hier nichts habe anbrennen lassen, wie wir in Österreich so schön sagen. Es ist für mich etwas ganz ganz ganz Erhebendes und etwas ganz ganz Tolles und Aufregendes, dass die argentinischen Musiker hierherkommen und wir das erste Konzert in Europa spielen. Ich habe für den Tourstart eine der schönsten Locations in Österreich ausgewählt, das ist das Novomatic Forum gegenüber der Secession, die ja ein großes Monument in Wien am Beginn des Naschmarktes ist, und der Naschmarkt symbolisiert für mich immer so ein Verschmelzen der Kulturen. Und im Novomatic Forum gibt es eben immer sehr viele kulturelle Veranstaltungen, hier werden Kunst und Kultur groß gemacht. Innen gibt es einen wunderschönen Jugendstilfestsaal, dort werden wir eine große Bühne haben, denn wir werden ein tango argentino-Tanzpaar dabei haben. Das Ganze wird so starten, dass wir erst die Cumparsita spielen, als Zweites einen Walzer und dann geht es mit ein paar Soultangos weiter. Als Höhepunkt des Abends werden meine drei Backgroundsängerinnen von den Soulistics dazukommen, damit auch die Chöre, die auf der Platte sind, nicht fehlen. Wir werden also eine sehr volle Bühne haben, es wird wirklich ein richtig feines Konzert mit einer großartigen Show in Vollbesetzung.

    Wohin führt es euch mit dieser großen Produktion abgesehen von Wien noch?

    Ehrlich gesagt sind noch nicht alle Stationen unserer Planung abgesegnet. Natürlich wird es in Österreich noch einige Konzerte geben, zum Beispiel am 17. November im Floridita, das ist die wichtigste Latin-Tanz-Institution in Wien, eine Mischung aus Tanzschuppen, wo man auch Kurse belegen kann, und Nachtclub, wo man einfach ausgehen kann – eine geniale Location! In Berlin werden wir auch zweimal spielen, dann in Hamburg, in Dresden und wahrscheinlich auch in Tschechien bzw. der Schweiz, Südtirol und vielleicht sogar Spanien, da sind einige Zusagen noch ausständig – es bleibt bis zuletzt spannend!


    Szene aus dem Nightmares-Video: MisSiss mit Maxl und Chiara

    „Zuletzt“ war ein gutes Stichwort, denn ich bin bei meiner letzten Frage angelangt. Wie ich dich schon vorgewarnt habe, wäre ein Klangverführer-Interview ja kein Klangverführer-Interview ohne die obligatorische Hundefrage zum Abschluss. Im Video zu deiner Single Nightmares spielen gleich zwei Hunde mit. Hast Du eine besondere Affinität zu den Vierbeinern?

    Das sind tatsächlich meine Hunde. Ich bin quasi mit Hunden groß geworden, und das im Video sind die Hunde, die jetzt bei meiner zu Hause leben. Der Dreh mit ihnen war ganz spannend! Als der Kameramann, der Regisseur und der Lichttechniker davon erfahren haben, dass ich eine Szene mit Hunden plane, haben sie gesagt, oh Gott, das funktioniert nie, das sind ja keine trainierten Firmhunde. Und ich habe gesagt, doch, ihr könnt euch darauf verlassen, diese Hunde hören auf mich. Trotzdem hieß es weiterhin, oh nein, um Gottes Willen. Ich habe dann auch gehört, Hunde am Set sind eigentlich ein No Go; aber ich habe gesagt, diese Hunde hören nicht nur auf mich, sondern auch auf meine Geschwister; und nachdem meine Schwester ja auch in dem Musikvideo mitspielt und auch mein Bruder am Set mithilft, wird es kein Problem geben. Und so war es auch! Sie waren wirklich sensationell und haben alles mitgemacht. Am lustigsten aber war die Szene, wo meine Schwester und ich in dieser Allee aufeinander zukommen, ich mit den Hunden, wir schauen uns an und gehen aneinander vorbei. Diese Szene mussten wir sehr oft drehen, weil wir jedes Mal zu lachen begannen, als wir unsere Blicke gesucht haben, denn die Hunde wollten nicht einfach vorbeigehen, sondern jedes Mal zu ihr hin! Ansonsten aber waren sie großartig: Wir haben von vier Uhr am Nachmittag bis vier in der Frühe gedreht, es waren minus sechs Grad, richtig bitterkalt, sodass ich die Hunde zwischendurch immer in einen geheizten Bus gebracht habe. Die waren echt durch und haben mir schon richtig leid getan. Aber sie wollten dabei sein!

    Das kenne ich vom Kopfhörerhund. Liebe Sissy, erst einmal vielen vielen Dank für das Interview.

    Sehr gern!


    Nicht ohne meine Ampelweibchen-Tasche: Berlin-Liebhaberin MisSiss

    Die aktuellen Tourdaten von Sissita’s Soul Tangos gibt es auf ihrer Facebook-Präsenz. Die nächste Show der charmanten Wienerin findet am 5. November im Berliner Artroom statt, Berlin-Carré, Karl-Liebknecht-Str. 13, das Vorprogramm bestreitet das Neuseeländische Duo Charity Children Berlin. Special Christmas Shows spielt MisSiss am 25. November in der Buchbar in Dresden und am 26. November wieder in Berlin, diesmal allerdings im Brauhaus Südstern.

    11. Oktober 2011

    Was Schönes zwischen Röhrenverstärkern – Jasmin Tabatabai im Interview

    Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 10:51

    Eine Geschichte, an der man seit Ende August arbeitet, die immer wieder redigiert, freigegeben, re-redigiert und weiter gekürzt wird, braucht einfach einen Kick, um ein gutes Ende zu finden – oder überhaupt ein wie auch immer geartetes Ende. Wenn dann irgendwann der Lieblingsherausgeber anruft und charmant drängelt – „Kannst du das bis heute Abend fertig machen? Wir brauchen mal wieder was Schönes zwischen all den Röhrenverstärkern!“ –, ist das genau der richtige Katalysator, die unendliche Geschichte zu einem Abschluss zu bringen. Et voilà!

    Zum Gespräch über ihre neue, gemeinsam mit David Klein herausgebrachte Platte, habe ich die Sängerin und Schauspielerin Jasmin Tabatabai Ende August in Berlin getroffen. Ich war leicht erkältet, was mir den mütterlichen Rat „Kind, steck bloß die Dame nicht an!“ einbrachte. Habe ich nicht, sondern stattdessen ein wirklich nettes Gespräch jenseits des üblichen Frage-Antwort-Spiels gehabt. Das daraus gestrickte Interview sowie die Rezension der Platte finden Sie, wie immer, auf fairaudio.de. Wobei – „wie immer“ stimmt diesmal nicht, denn es ist mein erstes Interview, das ich für fairaudio geführt habe. Es sind aber auch noch genügend O-Töne für den Klangblog abgefallen. Eine kleine Resteverwertung:

    Tabatabai und ich sprechen gerade über David Klein, Gründer und damaliges Mitglied der schweizer Klezmer-Kombo Kol Simcha, der schon den Soundtrack zu Tabatabais 2000er-Film Gripsholm lieferte und damit die Zusammenarbeit an der aktuellen Platte begründete – auch wenn Eine Frau mehr sein will als die bloße Fortsetzung von Grispholm. Auf mein vermutlich allzu beharrliches Herumreiten auf dem zehn Jahre alten Film und seiner Musik meint die Schauspielerin nur lapidar: „Endlich mal jemand, der den Film gesehen hat!“

    Klangverführer: Ich fand den Soundtrack genial, und da ich ein großer Kol Simcha-Anhänger bin, war der Film Pflicht …

    Jasmin Tabatabai: Heißen die jetzt eigentlich wieder Kol Simcha? Die hießen eine Weile World Quintet …

    Jetzt wohl wieder Kol Simcha, ja, aber in zwei Worten. Als sie in den Achtzigern angefangen haben, hießen sie wohl Kolsimcha in einem Wort, wenn ich richtig informiert bin. Damals waren sie ja noch ein Duo, David und der, der das jetzt managt …

    Ich weiß nur, dass David Gründungsmitglied war und jetzt nicht mehr dabei ist.

    Schlagzeuger damals …

    Bei Gripsholm war er auch Schlagzeuger …

    Aber eigentlich ist er Saxophonist, oder?

    Er ist auch Saxophonist. Aber in erster Linie ist er Musikverrückter, mit so hohem Anspruch – auch an sich -, dass er auf der Platte weder Schlagzeug noch Saxophon gespielt hat, weil … es gab ja jemanden, der es besser kann. Und die Musiker, die er für die Platte geholt hat, sind wirklich ein Traum.

    Natürlich sprechen wir auch über ihren Gesang. Tabatabai freut sich, dass sie diesmal nicht produziert und sich „ganz egoistisch mal aufs Singen“ konzentrieren kann. Zudem ist es ihre erste Platte komplett auf Deutsch.

    Auf deiner Fanpage jasmin-tabatabai.com wirst du mit der Aussage zitiert, dass es sich auf Englisch schöner singe, da Deutsch nicht unbedingt leicht sei, und zudem schnell profan wirke. Hat sich deine Einstellung dazu mit der Arbeit an Eine Frau geändert? Immerhin ist es dein erstes komplettes Album auf Deutsch, sogar der ursprünglich französische Text von Un Homme Heureux hat eine Übersetzung ins Deutsche erfahren …

    Also, „schöner“ kann man nicht sagen – und das habe ich bestimmt auch so nicht gesagt. Was ich gesagt habe und wozu ich auch stehe: Ich finde, für Popmusik und auch Rockmusik ist Englisch die dankbarere Sprache, in dem Sinne, dass in unseren Ohren „I want you“ weniger profan klingt als „ich will dich“. Es ist sicherlich schwieriger, einen guten deutschen Text zu schreiben, weil einem weniger durchgeht. Und weil die Leute viel genauer zuhören – weil es eben die eigene Sprache ist.

    Und weil man ehrlicher zu sich selbst sein muss?

    Vielleicht auch das – dass du noch tiefer graben musst und noch genauer sein musst, um …

    … um Phrasen zu vermeiden?

    Genau.

    Mit dem „dankbarer“ stimme ich dir auf jeden Fall zu, aber mit dem „leichter“ … seitdem Deutsch den HipHop erobert hat und ich sehe, was man damit machen kann, vielleicht aktuell nicht mehr, aber vor ein paar Jahren noch …

    Ja, es gibt auch viele, die da ganz großartige Sachen machen. Wobei sehr selten die Qualität erreicht wird, wie sie den Hits der Zwanziger- oder Dreißigerjahre innewohnt – woran das auch immer liegt.

    Weil sich die Sprache generell geändert hat?

    Ganz sicher auch deswegen.

    Ich habe gehört, dass du im Zusammenhang mit deinem Solo-Debütalbum Only Love (2002) gesagt haben sollst, a-Moll sei für dich „der Inbegriff von Traurigkeit“, weshalb auch immer ein bisschen a-Moll in jedem Lied stecke …

    Ja, es sollte ja auch ursprünglich Songs Around A-Minor heißen – und dann kam Alicia Keys! Ich war so erschüttert. Im Nachhinein habe ich mich total geärgert, ich hätte meine Platte trotzdem so nennen sollen!

    In jedem Fall erweist du dich damit als Anhängerin der – heiß diskutierten – Tonartencharakterlehre. Hat dies auch Einfluss auf Eine Frau genommen?

    Nein, ich habe dafür nichts geschrieben, ich bin jetzt nicht Komponistin auf dieser Platte. Live werden wir ein paar von meinen alten Sachen spielen – im jazzigen Gewand. Aber auch Banditssongs, wie Catch me.

    Ich mag After You Killed Me von deinem Solo-Debüt sehr gern …

    Ja, das machen wir als Swing!

    Einer der Tucholsky-Songs deines neuen Albums, Augen der Großstadt, wurde vor dir ja bereits von Udo Lindenberg vertont – das Lied schaffte es 1987 auf die B-Seite von Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr, was ja zu einem von Lindenbergs größten Hits werden sollte. Kanntest du seine Interpretation – und wenn ja: Wie konntest du dich davon freimachen und einen völlig neuen, unabhängigen Zugang finden?

    Ich kenne Udo Lindenbergs Interpretation nicht, aber selbst wenn, es hätte keinen Unterschied gemacht. Ich habe schon immer gerne gecovert, die Cowgirls waren ja zum Beispiel anfangs eine reine Cover-Band. Ich habe mir sehr früh angewöhnt, ganz wenig in das Original reinzuhören. Zum Beispiel bei Bandits, All Along The Watchtower, das ist eines der bekanntesten Lieder von Bob Dylan, und es gibt natürlich die berühmte Interpretation von Jimi Hendrix … Ich habe mir wirklich nur das Original von Bob Dylan ein-, zweimal angehört, um den Song zu kapieren – und dann nie wieder. Nur so kann ich meine spezielle Art, meinen eigenen Zugang zu einem fremden Text finden.

    Auch, um keine Angst aufzubauen vor der übermächtigen bekanntesten Interpretation?

    Also, vor Covern darf man eigentlich sowieso keine Angst haben. Wie heißt es so schön? „Wenn man auf die Bühne geht, darf man keine Angst haben etwas zu tun, weil es sowieso anders sein wird als das, was alle anderen davor gemacht haben.”

    Irgendwann kommt das Gespräch natürlich unvermeidbar bei der aktuellen Situation der Musikindustrie an. Tabatabai selbst hat 2001 als Frustreaktion
    auf die Behandlung der Künstler durch die Industrie ihr eigenes Label Polytrash gegründet. Und noch immer kann sie sich ereifern:

    Und es ist auch so, also, die Musikbranche … und wie die mit Künstlern umgeht, im Allgemeinen ein langweiliges Thema – aber die brauchen sich auch echt nicht zu wundern!

    Stimmt, aber ich denke, dass es auch da besser wird, eben weil sie gesehen haben, dass sie es so gegen die Wand gefahren haben …

    Ja, zum Beispiel hat uns Edel „full artistic control“ gegeben. Das wäre vor einigen Jahren nicht möglich gewesen.

    Abschließend machen wir noch einen Abstecher in Sachen jüdische Kultur:

    Was man in deiner musikalischen Arbeit, wenn man jetzt die Dinge betrachtet, die du mit David gemacht hast, immer wieder als verbindendes Element findet, sind Hommagen an deutsch-jüdische Textdichter aus der Weimarer Zeit. 2005 hast du in Zusammenarbeit mit David Kleins World Quintet ein Gedicht der jüdischen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger, dass diese als 18-jährige 1942 geschrieben hat, aufgeführt; jetzt im September wirst du mit dem David Klein Quintett im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in der Synagoge Rykestraße spielen … Woher kommt dieser Bezug zur jüdischen Kultur?

    Ach, den muss man jetzt gar nicht speziell haben. Die besten Textdichter der Zwanziger und Dreißiger waren nun mal jüdischer Herkunft. David ist, so weit ich weiß, selber Jude, aber das ist zwischen uns auch nie ein Thema jemals gewesen, weil es mich persönlich überhaupt nicht interessiert, welcher Religion jemand angehört.

    Das wäre jetzt meine Frage gewesen, ob das etwas ist, was einfach aus dem Sujet selbst kommt.

    Ich glaube schon. Es ist einfach so. Genauso wie es in Hollywood immer schon unglaublich viele kreative Leute aus der jüdischen Kultur-Szene gab und eben vor der Nazizeit auch bei uns, diese ganz tolle Kombination mit den Deutschen zusammen, die ja dann leider gewaltsam aufgelöst wurde. Und davon hat sich auch unsere Kultur nie wieder erholt. Ein Jammer.

    Das vollständige Interview mit den Hintergründen zur neuen Platte sowie deren Rezension finden Sie hier.

    10. Oktober 2011

    Balkan Beats ohne Beats oder Musikkritik im Dunkeln: Tsching feiern ihren Record Release im Theater unterm Dach

    Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 11:13

    Freitag war wieder einer dieser Abende, an denen die Entscheidung zwischen konkurrierenden Veranstaltungen schwerfällt. Da spielte zum einen Ex-Cultured Pearls Sängerin Astrid North live & unplugged in der St. Elisabeth-Kirche. Dann der Gitarrist Andreas Laudwein, den ich zum ersten Mal bei Krispin gehört habe, mit Lina Paul. Beides hätte ich gern gesehen, hatte aber schon der Record Release Party des Balkan-Tango-Swing-Trios Tsching mein Jawort gegeben, zu der mich Franziska Kraft, die Cellistin des Trios, eingeladen hat. Überhaupt die Celli in letzter Zeit! Auch das muss etwas Atmosphärisches sein, mit all diesen kleinen Bassgeigen im Moment. Nicht nur, dass Krispin in der Herbst/Winter-Saison mit Cello-Unterstützung auftreten werden und ich neulich bei B•S•O die Gelegenheit hatte, gleich zwei jungen Cellisten auf einmal zuzuhören, auch das Trio Tsching wartet mit der eher ungewöhnlichen Besetzung Saxophon, Gitarre und Cello auf.

    Das Theater Unter dem Dach jedenfalls, auf dessen Musikbühne Tsching spielen, wird seinem Namen schon mal gerecht: Es befindet sich tatsächlich direkt unterm Dach. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. Kopfhörerhund wäre dem Aufstieg nicht gewachsen gewesen; und tragen Sie mal einen 30kg-Stafford drei Altbautreppen hoch! Eben.

    Los geht es mit einiger Verspätung, da der – stockdunkle! man stelle sich vor, was das für die spätere Lesbarkeit der Kritikernotizen bedeutet! – Theaterraum ob des Ansturms erst noch mit zusätzlichen Sitzgelegenheiten bestückt werden musste, und dem namensgebenden Stück Tsching, einer Komposition Helmut Mittermaiers, der als Saxophonist des Trios auch live – ebenso wie auf der CD – unglaublich viel Lufthauch in seinem Spiel hat, der auch durch das im zweiten Stück verwendete Tenorsax weht – hier versteht man, weshalb die Holzbläser auf English „woodwinds“ genannt werden. Der Celloton hingegen unterscheidet sich sehr von dem auf dem Album, was zum einen daran liegt, dass es hier von Sax und Gitarre akustisch erdrückt wird – in Zeiten elektronischer Verstärkung komplett unnötig –; zudem wird dann doch so manches Mal nach der richtigen Intonation gesucht. Allerdings bin ich, was Celli angeht, im Moment auch sehr verwöhnt. Gitarrist Ben Aschenbach wiederum spielt einen sehr sympathischen Fingerstyle mit nur gelegentlichem Griff zum Plektron, aber auch bei ihm ist die allgegenwärtige Loop-Station nicht wegzudenken, die mittlerweile auch den Akustikbereich komplett erobert zu haben scheint. Einzig fragt man sich, weshalb Aschenbach in diesem Genre keine Cut-Out spielt, sondern stattdessen angestrengt nach den oberen Bünden langt.

    Ausgesprochen gut gefällt mir das dritte Stück des Abends, das wie ein Southern Blues im Cassandra-Wilson-Stil startet, sich aber recht schnell als die Lennon/McCartney-Komposition Come Together entpuppt – schon auf der CD mein absolutes Lieblingsstück, wegen dessen allein sich der Kauf des Albums lohnt! Allerdings spielt Franziska Kraft in Widerspruch zu ihrem Namen auch hier ein sehr zartes, wenn nicht zu zartes Cello.

    Beim Mocca Swing verschwindet dann endlich das allzu Luftige, und der Saxophonton kommt stark und klar. Wie schon auf dem Album wird hier ohrenfällig, dass Helmut Mittermaiers Spiel eher für Swing, Dixie, Jazz gemacht ist als für Klezmer und Balkan. Wahrscheinlich ist er auch ein formidabler Freejazzer. Leider spielen Tsching als fünften Titel den Libertango, der nicht nur meine absolute Lieblingskomposition aller Zeitenist, sondern die ich auch einfach schon besser gehört habe – beispielsweise von dem großartigen Tango Nuevo Trio Surreste Tango mit Witek Kornacki an der Klarinette, Guido Jäger am Kontrabass und Angel Garcia Amés an der Gitarre. Zudem hat hier die Cello-Version von Yo-Yo Ma, die auch im Tango Lesson-Soundtrack verwendet wurde, Maßstäbe gesetzt, an denen sich alle Cellisten messen lassen müssen, die sich an diesem wundervollen Stück versuchen. Insofern: Mutig von Tsching.

    Der Libertango geht nahtlos über in etwas Balkaneskes, Hora-Artiges, womit man dem Klezmertango-Klischee bzw. dem Mythos vom jüdischen Tango schon wieder gefährlich nahe kommt. Das Stück allerdings entpuppt sich bei genauerem Zuhören als Misirlou, das ursprünglich ein griechischer Rebetiko ist, sich aber sowohl in der arabische Musikwelt als auch in der Klezmer-Szene solcher Beliebtheit erfreut, dass es im allgemeinen für etwas orginär Orientalisches gehalten wird.

    Was an der Tsching-Version von Misirlou so schön ist, dass ich sie filmen muss, obwohl sie schon begonnen hat, ist das Zusammenspiel der Drei. So langsam haben sie sich warmgespielt. Auch von der Helmut-Eisel-Komposition Blindroter Chor und Wirtshaustöchter – oder vielmehr: von der Tatsache, dass hier ein Klarinettenstück für Saxophon adaptiert wird und damit erst einmal die Klangerwartungen bricht – bin ich nicht mehr so irritiert wie noch von der Album-Version. Live gerät das Stück zu mehr als der bloßen Imitation des Klarinettenklanges; Mittermaier macht es sich vielmehr so sehr zu eigen, dass ein genuines Saxophonstück entsteht.

    Bei mir bist du schön besticht durch sein schönes Cello, doch leider ist selbst die Akustikgitarre lauter. Eine Aussteuerung wie auf dem Album wäre hier wünschenswert, damit Franziska Kraft nicht neben ihren Mitstreitern und besonders neben Mittermaier verblasst. Das Zusammenspiel indessen läuft zur Hochform auf; am Abend der Dichter mit seinem bedrohlich grummelnden Cello und einer perkussiven Gitarre sowie dem folgenden, nahtlos anschließenden Stück findet auch der kritischste Kritiker nichts auszusetzen. Die Stücke von Tsching, und das ist auf der CD schon ahnbar, sind wie gemacht für die Live Show. Ausufernde Soli und Stücklängen zwischen sieben bis zehn Minuten sind bei Tsching keine Seltenheit, funktionieren aber. Einzig die Ausgewogenheit zwischen Saxophonsoli und denen der anderen Instrumente könnte nochmals überdacht werden. Natürlich, das Saxophon ist der Melodieträger bei Tsching. Will man aber zu einem gleichberechtigten Trio-Klang kommen und nicht Gefahr laufen, Gitarre und Cello zu bloßen Sidemen bzw. Sidewomen zu degradieren, müsste diesen live noch etwas mehr Raum eingeräumt werden.

    Als Zugabe spielen Tsching Summertime mit einem jazzigen Cello-Solo, welches das Herz erfreut. Sinn für Dramaturgie kann man ihnen ganz bestimmt nicht absprechen; das Stück erweist sich als perfekter Rausschmeißer, denn auch hier gilt: Die Leute mögen, was die Leute kennen. Ich singe das Lied noch den ganzen Nachhauseweg auf dem Rad, und auch am nächsten Morgen klingt mir Summertime noch nach. Ein gutes Zeichen.

    Die Albumbesprechung gibt es in der nächsten Ausgabe von Victoriah’s Music, zu haben ist Serenata aber schon jetzt beim Schallplattenhändler Ihres Vertrauens. Am schönsten ist es natürlich immer, Zwischenhändler zu überspringen und das Album direkt im Spätkauf der Künstler zu erwerben.

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