30. April 2012

Vier Jahre Victoriah’s Music: ein Loblied auf die Redaktion – und eine Jubiläumsausgabe, die es in sich hat

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 13:41

Im April 2008 hieß Victoriah’s Music natürlich noch nicht Victoriah’s Music. Vielmehr hatte ich für die Redaktion gerade eine Testrezension geschrieben, die trotz des unglaublich bemühten, pseudo-philosophischen Titels Vom großen Gewicht der Schwerelosigkeit Gefallen gefunden zu haben schien. Ich meine, es hätte schlimmer kommen können. Ich hätte ja auch “Auf der Suche nach dem verlorenen Gewicht der Schwerelosigkeit” titeln können … Jedenfalls, die beiden Jungs von fairaudio gaben mir ein regelmäßiges Plätzchen in ihrem Magazin. Und damit ich nicht in Versuchung komme, mein Philosophiestudium auch weiterhin in den Überschriften raushängen zu lassen, benannten Sie meine Texte kurzerhand in “Victoriah’s Music” um. Das fand ich überhaupt nicht gut. Es sollte sich aber herausstellen, dass sie – wie so oft – Recht behalten sollten, denn mittlerweile kann ich mir kein passenderes Label für meine Musiktexte mehr vorstellen. Schließlich ist es die Musik, die ich selbst aussuche, die ich oft genug heiß und innig liebe und an der ich, zu meinem eignen Leidwesen, manchmal auch verzweifle.

In den letzten vier Jahren habe ich für fairaudio geschätzte 500 CDs besprochen, einige Messen besucht und Interviews geführt – und seit Neuestem lese ich auch im Auftrag der Leser, wenn immer ein interessantes Musikbuch veröffentlicht wird. Das Format hat sich mehr als einmal geändert, wir haben viel ausprobiert und auch wieder verworfen, haben uns um bedeutungstragende (oder eben auch nicht) Zeichensetzung gestritten und wieder zusammengerauft und sind gemeinsam gewachsen. Danke dafür, dass ich mich hier immer wieder ausprobieren durfte und auch weiterhin darf – das muss mit einer extralangen Jubiläumsausgabe von Victoriah’s Music gefeiert werden! Et voilà – hier ist sie.


Michael Kiwanuka

Besprochen wurden die schönsten Platten der letzten zwei Monate:

  • Olli Schulz | S.O.S. (Save Olli Schulz)
  • Meike Schrader | Das Grün in deinen Augen
  • Aretha Franklin | Knew You Were Waiting – The Best of 1980 – 1998
  • Michael Kiwanua | Home Again
  • Bartmes | Modular Soul
  • Soap&Skin | Narrow
  • Death by Chocolate | From Birthdays to Funerals
  • Mark Lanegan Band | Blues Funeral

Viel Vergnügen!

27. April 2012

Auf der Suche nach dem gerade noch hörbaren Ton: Tobias Preisig @ A-Trane

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 17:22

Liebe Klangblog-Leser, ich hatte gestern mit Tobias Preisig im A-Trane einen wunderschönen Abend, den ich heute mit Ihnen teilen möchte – und zwar in Form dieser schönen Live-Mitschnitte. Preisig spielt hier seine von der Jeff-Buckley-Version inspirierte Interpretation des Leonard Cohen-Klassikers Hallelujah und “St. James Infirmary”, immer auf der Suche nach den naturgesetzten Grenzen des Geige. Mit ihm zu hören sind Stefan Aeby am Klavier, André Pousaz am Bass und Michi Stulz am Schlagzeug.

Weshalb Hallelujah als einzige Coverversion auf Preisigs aktueller CD
In Transit gelandet ist, warum den Geiger Klang mehr interessiert als Töne und was das Ganze mit dem Atem der Geige zu tun hat, können Sie im Klangverführer-Interview lesen. Teil drei der Tobias-Preisig-Trilogie – nach Interview und Konzertausschnitt – folgt demnächst als CD-Besprechung auf fairaudio.de – und zwar als Platte des Monats Mai. Ja, der Mann hat mich beeindruckt …

Haben Sie ein schönes langes Wochenende!

23. April 2012

Wenn das Instrument atmet, dann lebt es auch: Jazz-Geiger Tobias Preisig über den Atem der Geige, die Suche nach der Vielfalt des Klanges und die innere Transitzone

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 10:36

Dass der Klangverführer glühender Leonard Cohen-Verehrer ist, dürfte sich unter den permanent mit seinen Songs traktierten Lesern herumgesprochen haben. Wenn da also einer des Weges daher kommt und glaubt, einen von Cohens bekanntesten – und meist gecoverten – Songs neu aufnehmen zu müssen, dann muss der Klangverführer natürlicherweise nur eines: hin. Und stellt schnell fest, dass es hier überhaupt nicht um die tausendunderste Coverversion geht. Kurz gesagt: der Termin war eine Überraschung. Und das im positivsten aller möglichen Sinne.

Dabei bin ich, ohne das vielbemühte Klischee von Jungfrau und Kind weiter strapazieren zu wollen, mehr als unverhofft zu Tobias Preisig gekommen. Ein Promoter, mit dem ich sehr gern zusammenarbeite, weil er es immer wieder schafft, musikalische Perlen an Land zu ziehen, sprach in seinem Newsletter eine Warnung aus “an alle, die gern auf Nummer Sicher gehen. Diese Musik packt Ihre Zuhörer und beschäftigt Ohren, Hirn und Herz! Im Zentrum des Albums entfaltet sich Leonard Cohens Hallelujah als wunderbar doppelbödige Coverversion.” Leider unterschlug er eine Kleinigkeit: Nämlich, dass es sich bei dem Künstler um einen Geiger handelt. Ich las nur Cohen-Cover, dachte, wer ist dieses Bürschchen, das sich so etwas wagt, und schickte dem Promoter postwendend den Wunsch nach einem Rezensionsexemplar zu.

Das kann man jetzt unvorbereitet nennen, naiv. Oder aber auch unvoreingenommen. Preisig selbst liebt diese Story, die den Auftakt zu unserem Interview bildet – wobei “Interview” hier das falsche Wort ist, denn es entsteht einer dieser selten magischen Momente, die weit über die Grenzen eines der üblichen 15-Minuten-Interview-Slots und das in diesem Rahmen lediglich mögliche kurzen Abfragen von Fakten hinausgehen: Das Label Traumton hat Zeit, Raum und vor allem eine intime, inspirierende Atmosphäre für ein echtes Gespräch geschaffen, bei dem ich nicht nur zuhöre und nachfrage, sondern mich nach und nach immer mehr von meinem Skript löse und gezwungen bin, selbst Stellung zu beziehen. Hier ist tatsächlich etwas möglich, was man als Austausch bezeichnen kann. Liebe Major Labels, so sollte es auch bei euch sein! Was ihr davon hättet? Mir ist nach diesem Erlebnis klar, dass Preisig und seine Platte es verdient haben, in meiner fairaudio-Kolumne Victoriah’s Music anstatt der ursprünglich geplanten Kurzrezension zur nächsten Platte des Monats gemacht zu werden. Es lohnt sich, den Künstler und was ihn an- bzw. umtreibt näher kennenzulernen, um seine Musik mit neuen Ohren zu hören – und dies auch den Lesern ermöglichen zu wollen. Auch das ist eine Art von zweiter Naivität, die in der Preisig’schen Musik so wichtig ist.

Es versteht sich von selbst, dass solch ein Gespräch leider nur gekürzt wiedergegeben werden kann. Konzentrieren wir uns auf die Passagen, die Preisigs aktuelles Album In Transit zum Gegenstand haben. Wir steigen an jenem Punkt ein, wo ich Preisig erzähle, wie ich zu seiner CD gekommen bin. Nämlich wie die Jungfrau … Sie wissen schon. Ein Gespräch über Leichtigkeit, die erst durch Konfrontation mit der Schwere erreicht wird, über wenige Töne, dafür viel Klang – und über die ewige Suche nach dem Atem der Geige.

 

Klangverführer: Ich wusste also nichts von dir, bevor ich dein Album zum ersten Mal angehört habe. Ich hatte nur in der E-Mail deines Promoters an mich gelesen, dass du Cohens „Hallelujah“ gecovert hast und habe ihm einfach gesagt, schick mal her, das Album. Ich war überhaupt nicht darauf gefasst, dass du Geiger bist!

Tobias Preisig: (amüsiert sich königlich) Echt? Das ist ja lustig, jetzt wird es spannend!

KV: Als ich dann die CD in der Player geschoben habe, dachte ich, wow, das ist jetzt wirklich überraschend; denn ich hatte erwartet, dass du der zehntausendste langweilige Jazz-Sänger bist, der sich dieses Liedes annimmt, und ich war gottfroh, dass es nicht so war! Das heißt, ich bin an deine CD vollkommen unvorbereitet und unvoreingenommen herangegangen und habe erst danach die Hintergrundinfos gelesen.

TP: Ja, aber das ist doch ganz toll! Das finde ich super, das finde ich phantastisch – du bist völlig vorurteilslos an die Musik gegangen! Solche Sachen sind spannend.

KV: Und es gibt noch eine Geschichte dazu: Ich bügele beim ersten Hören gern Wäsche, der Rechner mit einem offenen Word-Dokument läuft, falls ich mir Notizen machen will … Und nachdem ich deine CD durchgehört hatte, musste ich feststellen, ich habe es gerade mal geschafft, drei Pullover zu bügeln, weil ich ständig zum Rechner gelaufen bin – so viel ist mir dazu eingefallen! Ich finde, „In Transit“ ist wirklich eine ganz ganz ganz unglaubliche CD. Du wirst mir verzeihen, dass ich trotzdem mit einer absehbaren Frage in unser Interview starten will: Leonard Cohen zu covern gilt fast als Sakrileg – trotzdem ist sein „Hallelujah“ gleichsam Herzstück deines neuen Albums. Keine Angst vor dem übermächtigen Original?

TP: Nein, überhaupt nicht. Ich bin da auch völlig unbekümmert rangegangen. Ich habe diese Jeff-Buckley-Version gehört – ein Freund hat mir letztes Jahr die Platte geschenkt –, und die hat mich so reingezogen, die Platte, und nicht mehr losgelassen. Eigentlich alle Songs, unter anderem auch dieses „Hallelujah“. Und dann waren wir auf Tour mit der Band, und ich habe die CD reingetan und meinen Freunden erzählt, hey, hört das mal beim Autofahren, und die waren alle völlig angetan. Da habe ich gesagt, wir müssen jetzt was damit machen, das war für mich quasi eine Art, mit diesem Song umgehen zu können, weil: er hat mich einfach so gepackt! Und ich muss ehrlich gestehen, ich habe die Leonard-Cohen-Version gar nicht gekannt. Also, ich bin überhaupt kein Leonard-Cohen-Verehrer oder Fan; ich find’s toll, was er macht – ich hab’s jetzt, danach, verfolgt, aber ich kannte das vorher nicht wirklich. Es ist auch nicht meine Generation …

KV: (gespielt beleidigt) Meine etwa?

TP: Ja, nee, klar, stimmt eigentlich. Aber es ist nun mal so, ich bin via Jeff Buckley auf das Lied gestoßen, und darum war es wahrscheinlich völlig unbekümmert! Ich habe erst jetzt, als ich das aufgenommen habe – es kam auf die Platte, weil ich fand, dass sich das Stück völlig in die Musik integriert, als wäre es ein Stück von uns, und darum erschien es mir so natürlich, es auf die Platte zu nehmen –, ich habe also erst im Nachhinein gesehen, dass sehr sehr viele Leute es gecovert haben. Und das ist auch ein bisschen gefährlich – aber ich finde es auch schön, wenn man mit so einer Version einfach mal kommt und schaut, was passiert.

KV: Wobei es meiner Meinung nach viele Künstler nicht zu ihrem Vorteil gecovert haben. Die Juff-Buckley-Version ist fast die einzige, die ich kenne, wo ich sagen würde: wow. Das ist gut. Ich selbst bin auch erst 2009 zu Cohen gekommen – ein Café bei mir um die Ecke hat seine „Live in London“-DVD gespielt, und danach ist er ja nochmal nach Berlin in die Waldbühne gekommen, und wie dieser über siebzigjährige Mann … also, er hat ja selbst gesagt, dass seine Songs erst jetzt die Form, den Klang haben, den sie schon immer hätten haben sollen … und das jetzt in dieser … dieser gewachsenen Struktur zu hören, das ist grandios. Unübertroffen! Und darum dachte ich, wow, wer sich wagt, das zu covern, der hat Mut! Aber wahrscheinlich hast du Recht: Wenn du das vorher nicht gekannt hattest, dann verschwindet die Angst. Oder kommt gar nicht erst auf.

TP: Absolut. Kommt gar nicht auf. Und jetzt habe ich auch die neue Platte von Leonard Cohen gekauft, und diese Ruhe … also, das ist ja Wahnsinn! Diese Ruhe, die dieser alte Herr ausstrahlt, das fährt schon ein!

KV: Vor allem aber gelten er und seine Musik ja nun nicht unbedingt als Ausbund von Lebensfreude, und wenn ich mir deine gesamte CD anhöre, kann man ja nun auch von ihr nicht behaupten, dass sie die pure Lebenslust ausstrahlt, sondern dass schon die melancholische Komponente überwiegt. Als ich sie gestern gehört habe, kam gerade dieser Regenschauer runter, und ich konnte mich nicht des Gefühls erwehren, schon so leicht depressiv zu werden dabei … Ist Melancholie für den Künstler reizvoller als Freude?

TP: Nein, sicher nicht. Aber beides gehört dazu. Und ich finde, in dieser Melancholie habe ich zumindest auf dieser CD auch eine unglaubliche Leichtigkeit gefunden. Also, auch die Schwere, die das Leben manchmal bringt … wenn man sich damit auseinandersetzt und konfrontiert, dann wird es plötzlich sehr leicht. Und das hat mich sehr fasziniert. Und auch bei einem Song wie „Hallelujah“ oder auch bei den anderen Songs … ja, es gehört beides dazu, und ich finde, sie haben auch von beidem etwas darin. Vielleicht ist es jetzt eher ein bisschen melancholischer gefärbt, aber es gehört definitiv beides dazu.

KV: Wobei, wenn du jetzt von „leicht“ sprichst … Mein persönliches Empfinden ist, dass das tatsächlich Leichte an der CD dein Ton ist. Diese vielen Flageolett-Griffe, die du gerade auch bei „Hallelujah“ spielst, und die zum ersten Mal auf dem dritten Stück, „Transforming“ zu hören sind … Irgendwo habe ich gelesen, dass dein Ton klänge, als wären deine Saiten aus hauchdünnem Menschenhaar gemacht – das würde ich als leicht bezeichnen! Und die Luft, die ihr in euren Arrangements gelassen habt. Doch die CD im Ganzen – ich würde mich hüten, sie als „leicht“ zu bezeichnen; ich halte sie nicht nur für unglaublich anspruchsvoll, sondern auch für recht schwer verdaulich!

TP: Genau, mit „leicht“ meine ich natürlich nicht „musikalisch leicht“. Aber vom Gefühl her eine Leichtigkeit, eine Freiheit finden … in der Schwere. Indem man sich mit der Schwere konfrontiert.

KV: Überwindung von Schwere und Freiheit auch im Sinne eines künstlerischen Erwachsengewordenseins?

TP: Ja, vielleicht auch mit einer gewissen Ruhe und Relaxtheit, die man irgendwie findet. Wobei ich mich hüten würde zu sagen, das ist erwachsen, die Kunst ist hier vollendet. Das ist natürlich überhaupt nicht der Fall. Wir sind auf der ständigen Suche, das ist absolut klar.

KV: Wenn man deine CD einlegt, hat man in den ersten Minuten gar nicht das Gefühl, dass da ein Streicher am Werk ist. Man denkt, was zum Geier ist das, ein wildgewordenes Saxophon, oder was? Und erst dann merkt man, dass es eine bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Geige ist. Kennedy spielt Hendrix, fällt einem unweigerlich dazu ein. Dabei habe ich über deine letzte CD gelesen, dass ihr absichtlich keine Verzerrer verwendet – und jetzt mit einem Mal doch?

TP: Das ist tatsächlich kein Verzerrer. Ich mache das alles mit meinem Bogen. Ich habe eine Technik entwickelt, wie man dieses verzerrte Geigenspiel ohne Elektronik imitieren kann, nämlich indem man mit dem Bogen sehr nah zum Steg geht und fest drückt, links hingegen sehr wenig Druck gibt. Dann kommen alle Obertöne hoch, was zu diesem Effekt führt. Der Grund, warum das so weit geht, ist folgender: Ich spiele eigentlich relativ wenig Töne, ich komme weg vom ganzen Jazzsupervirtuosentum, das ich sehr wohl gelebt habe, aber momentan interessiert mich das nicht mehr. Es geht mir nur noch wenig um Töne, aber mir geht es um Klang. Die ganze Platte ist voll von Klanginstrumenten, von mir, von jedem Instrument. Jeder von uns wurde quasi provoziert, im Klang zu suchen, die Klangvielfalt zu suchen. Und da ist es natürlich klar, dass, wenn ich einen Ton spiele, man den auf hunderttausend verschiedene Arten spielen kann! Und danach war ich eigentlich immer auf der Suche. Dass jeder Ton quasi existenziell wird, oder dringlich wird. Und diese Dringlichkeit habe ich im Sound gefunden, in den verschiedenen Sounds.

KV: Man hat auch manchmal wirklich das Gefühl, die Töne müssen jetzt einfach raus. Andererseits hat man an anderen Stellen wieder das Gefühl, dass du am unteren Bereich des Unhörbaren bist …

TP: Ja, genau, das ist extrem spannend. Ich bin da am Suchen, am Ausloten der Grenzen des Instrumentes, das ist das, was mich sehr, sehr interessiert.

KV: Das heißt, du spielst auch nie eingestöpselt, sondern alle Klänge kommen von der akustischen Geige?

TP: Ja, einfach nur mikrofontechnisch abgenommen. Wobei, das stimmt nicht ganz: Es gibt einen Hall, und natürlich ein bisschen, bisschen Delay auf zwei Songs … Ich glaube, auf „Infinite Inhale“ und auf „Transforming“. Und auf „Charming Sophistication“ im Mittelteil auch. Da hörst du, es macht nur dt-dt-dt. Ganz wenig. Das benutze ich manchmal. Und live benutze ich auch einen Delay und ein Hallgerät, einfach, um den Klang ein bisschen größer zu machen.

KV: Aber davon abgesehen geht es dir um die Grenzen der Geige, habe ich das richtig verstanden?

TP: Genau.

KV: Wobei ich manchmal auch denke, das hier könnte auch eine Bratsche sein …

TP: Ja, ich mag deren Sound halt sehr, dieses Bauchige, Warme. Ich habe es sehr gern, die Geige auch so klingen zu lassen. Es braucht für mich auch, damit ich überhaupt gegen das Schlagzeug ankomme, einen gewissen Druck. Und den Druck habe ich nun mal nicht oben, den habe ich eher unten. Es ist ein Unterschied, wenn du es mit Verzerrer spielst: Dann klingt das für mich nicht so organisch, wie wenn ich es selber erzeuge. Und das finde ich viel spannender.

KV: Wie viele Bögen spielst du damit kaputt? (lacht)

TP: Ich habe einen. Es sind die Haare. Ich muss sehr oft Haare wechseln. (lacht auch) Das kann zwar passieren, aber eigentlich verbrauche ich nur ein Haar pro Konzert. Nicht viel. Die Haare halten das aus. Es ist nur, wenn du daneben haust, dann explodieren sie. Es ist also eigentlich kein gutes Zeichen, wenn die Haare loskommen. Aber der Effekt für’s Publikum ist natürlich schön …


Line-up: Tobias Preisig (Violine), Stefan Aeby (Klavier), André Pousaz (Bass) und
Michi Stulz (Schlagzeug)

KV: Was ich vorhin noch fragen wollte, als ich mal kurz Kennedy ins Spiel brachte: Kannst du dich mit so etwas identifizieren?

TP: Ich habe Nigel Kennedy nie verfolgt. Ich habe mal reingehört, aber es hat mich nie interessiert. Mich haben Geiger nie interessiert. Interessanterweise. Ich habe mich immer an anderen Instrumenten, oder in letzter Zeit vor allem am Gesang orientiert. Geige hat mich einfach nicht interessiert. Und irgendwie hat mich das auch gezwungen, einen eigenen Sound zu finden, einen eigenen Weg zu gehen. Und das ist natürlich auch gefährlich, wenn man sich dann zehn Geiger anhört und sagt, spiel mal’n bisschen wie der und spiel mal’n bisschen wie der … Das ist einfach langweilig, weil dann kopiert man irgendwie die Richtung, die einem eigentlich schon zu nahe ist. Ich habe, als ich Jazz studiert habe, auch viel Unterricht von einem Schlagzeuger bekommen, von einem Pianisten, einem Trompeter, vom Gesang … Mich haben immer verschiedene Instrumente gelehrt, weil es einfach keine Jazzgeiger gab. Und darum bin ich es sehr gewohnt, mich an anderen Instrumenten zu orientieren. Oder früher zumindest. Jetzt sowieso nicht mehr. Jetzt versuche ich, meinen eigenen Weg zu gehen.

KV: Und mit dieser Orientierung am Gesang meinst du auch, dass du probierst, quasi den humanen Teil, den man aus einer Geige herausholen kann, auszuloten?

TP: Absolut! Also, das sind auch die Stücke mit „Infinite Inhale“ und „Infinite Exhale“, das Atmen! Das Atmen habe ich auf der Geige gesucht, schon lange bin ich hier am Suchen. Ich habe es zu einem gewissen Teil auch gefunden, mit dem Bogen kann man es auch so schön erzeugen! Das Problem ist ja, ob bei Pianisten oder bei Geigern, man kann endlose, nichtssagende schnelle Melodieeskapaden von sich schmettern, ich nenne hier keine Namen, das interessiert mich nicht; aber ich denke dann, wie kriege ich mein Instrument zum Leben, wie kriege ich mein Instrument zum Atmen? Und wenn es atmet, dann lebt es auch. Für mich. Und wenn es nicht atmet, dann kann es ebensogut maschinell hergestellt sein, dann ist es uninteressant.

KV: Weil ich vorhin gerade einen Vergleich bemüht habe und du mir geschildert hast, dass es dir um deinen eigenen Weg geht – ist das auch musikalisch der Fall? Du weißt ja, Kritiker wollen immer Schubladen finden, was Genres anbelangt … Gestern, als ich mir für die Rezension deiner CD Notizen machte, habe ich mich gefragt: Ist das überhaupt noch Free Jazz oder ist das schon Neue Musik? Wenn du dich für ein Genre entscheiden müsstest, wie würdest du dich selbst verorten?

TP: Das ist ein Riesendrama, ich will mich nicht entscheiden! Ich will und kann mich nicht entscheiden. Das ist der Job vom Business, das soll das Business entscheiden. Es ist die Musik, die wir machen, die wir momentan gefunden haben, auf deren Weg wir schreiten … Und die anderen sollen das bezeichnen.

KV: Und diese Musik, die ihr macht, ist ja größtenteils experimentell, improvisatorisch entstanden, wenn ich das richtig verstanden habe.

TP: Ja, wobei sie schon organisiert ist! Es ist nicht … Sie hat sehr viele Strukturen, auch Songstrukturen, ganz klare Strukturen. Es ist nicht Free Jazz, es ist auch kein traditioneller Jazz, aber es ist sogenannte experimentelle Musik, die melodienselig ist und klangexperimentell; aber auch, sagen wir, poppige oder Rocksong-artige Strukturen vorweist. Ganz simpel, plump gesagt, könnte man sagen, es ist eine Alternative oder eine Indie Rock Band, wo die Geige den Gesangspart übernimmt. Eine experimentelle Indie Rock Band, wo der Geiger den Sänger imitiert. In diese Richtung kann man es ungefähr schieben.

KV: Das heißt, das Element der Improvisation, welches in der Presseerklärung so sehr betont wird, ist eigentlich gar nicht so wichtig?

TP: Doch, natürlich. Sehr, sehr wichtig. Wir sind alle Jazzmusiker und wir improvisieren, und der Moment ist extrem wichtig, aber, wie gesagt, es geht nicht um eine Improvisationsdudelei, um ein Zeigen, hey, was kann ich alles, was kann ich alles schnell und wahnsinnig spielen, sondern es geht um einen Ausdruck, um ein Gefühl, um ein gemeinsames Kreieren von einem neuen Klangbild. Und dafür hilft die Improvisation natürlich.

KV: Innerhalb einer vorgegebenen Struktur!

TP: Innerhalb einer vorgegebenen Struktur. Also, wie das Fundament, oder sagen wir, man hat eine Leinwand und so-und-so-viele Farbstifte, und mit diesen Dingen machen wir ein neues Bild. Auf der Leinwand. Vielleicht schießt es manchmal darüber hinaus, das schon. Darf es auch. Aber für die CD haben wir uns natürlich eine gewisse Struktur gegeben.

KV: Bei Konzerten ist das anders?

TP: Da ist die Struktur auch vorhanden, allerdings ein bisschen aufgebrochen. Weil, natürlich ist die CD kein Live-Produkt. Sie ist ein Studio-Produkt. Das sind für mich zwei verschiedene Welten. Man hört ein Studioprodukt auch anders als man ein Konzert hört. Im Konzert sieht man die Musiker, da kommt noch mal eine ganz andere Komponente hinzu.

KV: Aber ihr habt es schon im Zusammenspiel aufgenommen, das geht bei Jazzern ja gar nicht anders, oder?

TP: Absolut. Das wäre ja katastrophal. Da ist soviel Interplay da, wir haben das in zwei Tagen aufgenommen, das ging zack-zack. Die Songs waren da, wir haben im Studio nur noch Feinschliffe gemacht. Wir sind auch sehr eingespielt, wir spielen viele Konzerte, sind viel unterwegs, und darum ist es im Studio dann nur noch ein Zusammensammeln von sehr vielen Ideen.

KV: Das heißt, ihr habt von dem „In Transit“-Material vorher auch schon vieles live ausprobiert, bevor ihr es aufgenommen habt?

TP: Ja, ein bisschen. Nicht zuviel. Ein bisschen erprobt, wie fühlt sich das an und so, das schon.

KV: Das ist eure zweite gemeinsame CD?

TP: Die zweite, ja, genau.

KV: Und wie lange spielt ihr schon zusammen?

TP: Drei Jahre.

KV: Drei Jahre, und jetzt ist es zusammengewachsen …

TP: Das ist jetzt sehr zusammengewachsen und geht immer weiter. Und was erstaunlich ist: Die erste CD war ganz anders. Wir haben uns dann live so stark in eine neue Richtung entwickelt, weshalb diese CD jetzt so anders klingt als die erste.

KV: Anders … Im Vergleich mit dem Vorgänger wie anders?

TP: Vielleicht … suchender. Eigener. Schwierig, diese Begriffe! Experimenteller, energetischer, wilder. Wilder, ja. Frecher. So. Die vorherige war lieblicher.

KV: Wenn du sagst „suchender“ – ist das so, dass man mit zunehmendem Alter oder mit zunehmender künstlerischer Erfahrung mehr sucht, quasi ein „Jetzt weiß ich erst, wie wenig ich weiß“, dass man in seinen frühen Zwanzigern eher denkt, ich mach das jetzt so, weil: gefällt mir so, und man sich erst Jahre später fragt, was man da eigentlich macht?

TP: Genau. Also, unsere erste CD ist vielleicht auch noch ein bisschen naiver. Was ja auch irgendwo schön ist. Und die hier, die ist vielleicht schon ein bisschen … ja. Wobei wir ja die Naivität wieder suchen wollen.

KV: Eine Art zweite Naivität.

TP: Ja, genau. Es ist eigentlich etwas Wunderschönes, wenn man naiv an Sachen herangehen kann. Und davon hat die neue CD auch schon noch etwas drin, das ist schon wichtig für uns. Aber sie ist suchender vom Klang, vom Sound her, vom Gefühl her, von den Emotionen her. Wir haben stärker Gewicht darauf gelegt, noch mehr in diese eigene Intensität zu finden, in unseren Bandsound, der anscheinend speziell ist.

KV: Und ihr sucht weiter …

TP: Unbedingt, ja! Wir haben ein paar Konzerte vor uns, und wir wollen einfach weiter spielen! Wir haben im Herbst eine Asien-Tournee; und auch das Reisen miteinander, das bringt sehr, sehr weit. Es ist das Zwischenmenschliche auf den Reisen, die gemeinsamen Erlebnisse, Verlorensein und völlig überfordert Sein in einem fremden Land … Und das ist unglaublich, wie sehr das die Musik weiterbringt!

KV: Selbst, wenn es in einem akuten Moment nerven mag und man die anderen nicht mehr sehen möchte?

TP: Natürlich! Absolut! Das ist unglaublich, was da auf einen zukommt. Nicht so sehr, wenn man jetzt in Deutschland herumtourt – aber für die nächste Tour, da fahren wir jeden Tag fünf Stunden Auto, das ist einfach anstrengend! Schlechtes Essen, Autobahnraststätten – das zehrt dann schon an einem, aber die Musik kann nur gewinnen dadurch. Und das ist ja noch heilig. Wenn wir dann nach Asien gehen, dann wird es schon sehr speziell. China und Japan … Ich bin mit meiner Band bisher noch nie so weit gereist, aber ich freu mich drauf! Das Schöne ist ja, die Asiaten … also, ich kenne den chinesischen Markt überhaupt nicht, aber die Japaner sind ja sehr offen für spezielle Musik, und das ist sehr schön. Mal schauen, wie es funktionieren wird.

KV: Ich habe noch eine außermusikalische Frage, nämlich zur Bildsprache deines Albums. Wenn man sich das Artwork so ansieht, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass du schon ziemlich mit dem Klischee des Teufelsgeigers kokettierst – das Skelett, die dunklen Locken, die Glutaugen …

TP: (lacht) Also, eigentlich war es so, dass ich auf einer Reise war, in Mexiko, und dort habe ich diesen Kult gesehen mit diesen Skeletten, wo auch das Leben nach dem Tod zelebriert wird. Und ich fand es einfach unglaublich schön, wie locker man dort mit diesem Thema, also mit dem Tod, umgeht. Ich fand es sehr berührend; und dann habe ich diesen Geiger gefunden, was mich extrem gefreut hat. Ich habe in gekauft, es ist so eine Holzfigur, die jetzt auch auf unsere Konzerte mitkommt und da manchmal auf dem Flügel sitzt. Es ist für mich eigentlich ein Bild von … Tod ist ja Existenz. Und die Musik ist für uns sehr existenziell geworden. Wir wollen wirklich nur noch das spielen, was für uns wichtig ist und eine starke Sprache hat. Und das Cover ist ein bisschen Sinnbild dafür, dass es uns wirklich sehr ernst und dringlich ist. Aber es kokettiert natürlich auch ein bisschen. Wir sind nicht die bösen Jungs, die jetzt einen auf Gothic oder Heavy Metal machen – überhaupt nicht! Sondern auch der Blick und so, das ist eigentlich spontan entstanden. Ich habe mir nicht vorgenommen, dass ich jetzt wahnsinnig böse in die Kamera reinschauen will, aber es soll auch ein bisschen die Ernsthaftigkeit zeigen. Außerdem gebe ich zu, dass ich mich ein bisschen von der Ästhetik von Johnny Cashs Cover zu „American Recordings“ habe inspirieren lassen …

KV: Und wie geht dieses Existenzielle jetzt Hand in Hand mit diesem „In Transit“, diesem sich auf der Durchreise Befinden?

TP: „In Transit“ ist eigentlich weniger eine Durchreise, sonder eine Transitzone für mich. Das heißt, wir sind eine Band, wir haben eine Platte aufgenommen, jetzt sind wir an einem Ort – wie kommen wir weiter? Da muss man sich ja immer entscheiden, gehe ich jetzt nach rechts, gehe ich nach links, und sobald man in der Transitzone Flughafen einen Flug in die nächste Stadt nimmt, ist man wieder in der Transitzone. Es geht mir aber nicht um diese Transitzone, sondern um die innere Transitzone. Das Spannende in diesen Zonen sind ja, wie ich finde, die Entscheidungen, die man trifft, um weiterzugehen. Und hier ist es ja auch ein bisschen die Zone zwischen mir und dem Skelett, quasi dem Leben und dem Leben nach dem Tod. Dem Tod, der da ewig weitergeigen wird. Darum ist er auf dem Foto ja auch ein bisschen unscharf; und ich halte ihn so wie einen Vogel oder ein anderes feines Ding. Und diese Welt zwischen ihm und mir, das ist eigentlich diese Zone.

KV: Die Zwischenwelt.

TP: Zwischenwelt, ja. Wohin geht es? Wie geht es weiter? Mit all diesen Fragen.

KV: Fragen, mit denen du dich ganz persönlich auseinandergesetzt hast, oder die jeden von uns ansprechen sollen?

TP: Das sind zwar allgemeinmenschliche Fragen, aber natürlich hat es auch mit mir selbst zu tun, das ist ganz klar. Es ist jetzt aber auch nicht so ernst zu nehmen; ich finde einfach, das Bild passt zur Musik, es kriegt diese Dringlichkeit und dieses Existenzielle.

KV: Dringlichkeit ist, glaube ich, ein gutes Wort dafür. Und man sieht dieses Bild ja jetzt auch überall, auf den Postern, in Magazinen – es ist quasi das Icon für die Platte!

TP: Ja, absolut. Es ist ja auch klar, dass man da mit einem Ding fährt, das macht ja auch Sinn. Es ist ein bisschen speziell für ein Jazz-Cover! (lacht)

KV: Die Frage war doch, ist es überhaupt Jazz!

TP: Eben! (lacht noch mehr)

KV: Ja, warte, das habe ich auch über dich gelesen – da wurde sinngemäß geschrieben, wenn Jazz heißt, dass man offen ist, dann ist das, was du machst, mehr Jazz als alles, was jazziger klingt …

TP: Die Leute zerbrechen sich den Kopf, das ist furchtbar. Und ich finde das auch noch schön! Ich finde, wenn es irgendwie zu irgendwas anregt, dann ist das schön. Es ist ja … Ich finde, man muss nicht immer kategorisieren.

KV: Naja, aber wenn die Leute in deine Konzerte kommen sollen und es in der Zeitung angekündigt wird, wer kommt da? Wenn du es als Indie Rock ankündigst, kommen andere, als wenn du es als Jazz ankündigst …

TP: Das ist natürlich wahr. Es ist schon ein Jazz-Publikum, das darauf anspricht.

KV: Aber eher diese ECM-Jazzheads, oder? Das sind ja auch eher solche Zwischenwelten …

TP: Ja, vielleicht geht es in diese Richtung.

KV: Ich hatte mir dazu gestern auch den Stichpunkt notiert, dass „In Transit“ vermutlich die anspruchsvollste Platte ist, die ich seit Dezember 2008 für fairaudio besprochen habe. Damals hatte ich über das Album „Cartography“ des ECM-Künstlers Arve Henriksen geschrieben …

TP: Oh, wow!

KV: Was ich meine ist, dass ich „In Transit“ eher in dieser Kategorie sehe, nicht vom Klangbild natürlich, das kannst du überhaupt nicht vergleichen, aber vom Gefühl, von der Atmosphäre her …

TP: Das heißt aber, du machst auch alles Mögliche vom Stil her!

KV: Das ist eine gute Frage. Ich dachte immer, ich sei Jazz-Kritikerin, aber ich habe lernen müssen, ich bin wohl recht eigentlich Pop-Kritikerin. Meine Redaktion wiederum denkt, ich sei Soul-Kritikerin …

TP: Siehst du, da haben wir es wieder mit diesen blöden Kategorien!

KV: Aber hat ja alles einen gemeinsamen Nenner: es groovt. Ich mag alles, was groovt, ob das nun Reggae ist oder HipHop oder Balkan … Ich finde es übrigens sehr schön, dass du die Geige vor diesem Klischee des Folkloristisch-Osteuropäichen befreist, und auch dieses romantische Ideal der Geige als Hehres Instrument findet man bei dir nicht … Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. Lass uns noch einmal auf deine „Hallelujah“-Version zurückkommen. Wenn man deren erste Hälfte anhört, also, bevor es mit vollem Bandeinsatz losgeht, und da sind nur diese vereinzelten, minimalen Pianotöne als Begleitung – das erinnert mich ein bisschen an den Soundtrack zu einem Psychothriller, wo zum Beispiel ein simpelstes Kinderlied benutzt wird, das oberflächlich total lieb und nett klingt, aber du weißt, unter der Oberfläche brodelt der Abgrund. Und das ist nicht nur bei „Hallelujah“ so. Wenn ich jetzt also eine Kategorie für „In Transit“ aufmachen müsste – was ich als Kritiker muss aber im Falle dieses Albums eigentlich auch nicht möchte –, dann wäre es wohl am ehesten Soundtrack. Filmmusik. Keine Filmmusik zu einem tatsächlich existierenden Film, sondern zu Bildern, die im Kopf entstehen beim Hören. Das ist ein sehr kühler Film, nordisch, spröde, brachial, fast industriell, irgendwo zwischen dem Ultraschallbereich bei John Zorn und irgendwelchen Industrial-Bands, es ist manchmal metallisch und fast schon seltsam unpersönlich, und du wirst erschreckt von manchen Stellen, wo du denkst, du musst da jetzt hinhören, auch wenn du es gar nicht willst! Wie bei einem Autounfall, wo man auch nicht wegschauen kann. Und erst ganz zum Schluss, bei Stück neun, fängt die Platte an, persönlich, menschlich zu werden. Vorher denkst du die ganze Zeit, woah, der macht mich total fertig, und dann kommt so etwas wie eine versöhnliche Melodie, wie die Sonne nach einem großen Unwetter.

TP: Ich glaube, das fängt schon bei Stück sieben an, wobei vier ist eigentlich auch … Das ist fast eine Kindermelodie bei vier. Und dieses … wenn du auf den Psychothriller kommst, ich glaube, das hat ein bisschen damit zu tun, dass ich bei der Geige … du hast ja einen Ton, und den kannst du immer ein bisschen höher oder ein bisschen tiefer spielen, und mit dem kokettiere ich extrem. Für mich ist nicht ein Ton ein Ton. Sondern er ist modulierbar. Wie ein Sänger nicht einfach einen Sinuston singt, sondern da gibt es minimale Schwingungen. Und die finde ich einfach verdammt spannend. Und das verursacht manchmal ein bisschen Unwohlsein, wenn man es nicht gewöhnt ist. Wenn man ein bisschen tiefer moduliert, erzeugt es dieses Unangenehme. Ein bisschen höher macht ein bisschen hoffnungsvoll – damit spiele ich auch –, aber ein bisschen tiefer macht es … schwerer. Für mich. Und die Schöngeiger, wie ein André Rieu oder auch ein David Garrett oder so, die vibrieren wahnsinnig stark, und dann hört man das nicht mehr. Dann verschwindet das, weil es so schnell geht. Und ich mache ganz langsame, kleine Mikrobewegungen, und mit denen kann man so viel bewirken! Ich nutze eigentlich kein Vibrato. Sehr selten vibriere ich, und dann nur groß. Ich habe gern dieses Direkte, Persönliche. Und das ist wahrscheinlich das, was du meintest, das es einen so anspringt, irgendwie so direkt ins Herz, und dann weiß man nicht so recht, wie man damit umgehen soll.

KV: Gar nicht mal ins Herz, sondern vor allem auch in den Magen! (lachen beide) Es berührt auch Emotionen, aber ich weiß noch nicht, welche. Es ist ganz seltsam: Es ist eine Musik, die ich eigentlich nicht privat zuhause hören würde, die mich aber mehr packt als alles andere, aus irgendeinem rätselhaften Grund.

TP: Das ist ja oft so bei solchen Sachen. Es packt einen, und man kann sich nicht erklären, warum. Das ist ja verdammt spannend, das ist ja eigentlich die beste Situation, die einem passieren kann.

KV: Wobei es mein Job ist, zu erklären …

TP: Ja, da muss ich jetzt sagen: dumm gelaufen! (beide lachen) Aber ich finde, das sind eigentlich immer die schönsten Momente, wenn einen etwas packt und man weiß nicht, warum. Und dann fängt man an, seine eigenen Bilder zu kreieren, seine eigene Vorstellungskraft zu benutzen, um irgendwie eine Erklärung zu finden. Doch, das ist das Beste, was uns passieren kann, wenn die Leute so reagieren. Wobei, nicht alle werden so reagieren. Viele werden sagen, ah, damit kann ich gar nichts anfangen, und andere eben, oh, was ist das. Dann fängt es an, spannend zu werden.

KV: Wie sind denn die Reaktionen bis jetzt auf das Material?

TP: Das fängt jetzt erst an. Wir haben es live noch nicht wirklich getestet, aber die Reaktionen auf die Platte sind bis jetzt eigentlich sehr gut, die gehen alle in die Richtung, „oh wow, so etwas habe ich noch nie gehört, das ist völlig neu, was machst du da mit der Geige?“, und das ist schön. Natürlich, man hört ja meistens die, die irgendetwas Positives dazu zu sagen haben. Die, die es ablehnen, die werden sich meistens auch nicht äußern.

KV: Es sei denn, es packt einen so negativ, dass man meint, auch darüber zwei Seiten schreiben zu müssen … Ich meine, wenn mir CDs nicht gefallen, schreibe ich ja auch nicht nur, „das ist scheiße“, sondern: „das ist scheiße, weil“. Und das kann dann auch gern mal sehr ausführlich werden.

TP: Ja klar, logisch. Und das ist ja auch okay, man muss nicht gefallen – es geht ja nicht ums Gefallen! In der Musik geht es für mich darum, dass sie etwas auslöst, ob das nun Euphorie ist oder nicht. Euphorie … es ist alles so nah beieinander, das ist ja das Interessante!

KV: Ist auch das gemeint mit den Zwischenwelten, dass sie zwischen diesen extremen emotionalen Polen pendeln?

TP: Ja. Sie hat ja auch da eine unglaubliche Dynamik, die Platte. Von eben Superwahnsinnseuphorie und dann plötzlich wieder, bumm, dunkel, und dünn und zerbrechlich.

KV: Das meinte ich vorhin mit der Grenze zum fast Unhörbaren …

TP: Ja, das ist ein wahnsinnig spannender Ort. Stimmt, jemand hatte das mit dem menschlichen Haar geschrieben, das muss ich mir mal wieder heraussuchen.

KV: Ich habe diese Formulierung vorhin aus einer deiner alten Live-Kritiken zitiert, weil ich sie auch für das aktuelle Album noch so treffend finde. Wenn man nämlich zu diesem recherchiert, findet man noch sehr wenig Material. Die deutsche Pressemitteilung und die Schweizer Pressemitteilung, und das war’s.

TP: Die Platte kommt ja auch erst übernächste Woche raus, und auch mit der ersten Platte waren wir nicht wirklich in Deutschland vertreten – wir haben nur wenig gespielt. Das Label hatte damals die Promotion in Deutschland ein wenig verschlafen.

KV: Aber das war noch ein anderes Label, oder?

TP: Das war ein amerikanisches Label, ja. Die waren in Deutschland überhaupt nicht verwurzelt.

KV: Deshalb jetzt der Wechsel zu Traumton?

TP: Ja, ich wollte unbedingt jemanden haben, der in Europa was Spannendes macht und verwurzelt ist, weil, es macht keinen Sinn, irgendwo in Amerika Platten zu verkaufen, denn viel werden wir sowieso nicht verkaufen in so einer speziellen Sparte. Und wir haben jetzt auch nicht vor, mit der Band nach Amerika zu gehen. Es ist eine europäische Musik, finde ich. Ich will es jetzt natürlich nicht eingrenzen. Aber darum habe ich geguckt, wen es hier gibt, und ich fand, dass Traumton ein wahnsinnig spannendes, vielfältiges, spezielles Programm hat, und da passen wir rein.

KV: Schön verpackte Sachen auch, die sprechen schon von außen an!

TP: Na, eben mit sehr viel Herzblut gemacht. Und Christian Zehnder, der das Album produziert hat, hat seine letzten zwei CDs auch hier herausgebracht. Also, das war auch eine Verbindung. Wobei ich den Kontakt mit dem Label schon vorher aufgenommen habe.

KV: Apropos, du erwähntest gerade verkaufen und touren und so weiter … Ich habe gelesen, dass du dein Studium mit dem „Master of Music Pedagogics“ abgeschlossen hast. Heißt das, du unterrichtest? Findest du Zeit für die Lehre?

TP: Sehr, sehr selten. Ich habe natürlich wahnsinnig viele Anfragen, denn es gibt so viele Geiger, die irgendwie nicht mehr weiterwissen in ihrer klassischen Welt und die einfach diese Freiheit suchen und diese Frechheit, die ich mir hier auch nehme, wie du auch gesagt hast, mit diesem eigenen Klang und diesen Sounds. Aber das kann ich nicht zu sehr machen, und das will ich auch nicht. Ich habe ab und zu ein paar Schüler, die bei mir auftauchen, aber eigentlich versuche ich mich auf Tourneen und auf die Weiterentwicklung der Musik zu fokussieren.

KV: Es geht dir also eher um die Weiterentwicklung als um die Weitergabe …

TP: Doch, schon auch. Ich habe an der Musikhochschule in Luzern schon manchmal Schüler. Wenn jemand interessiert ist und ich Zeit habe, dann bin ich da. Aber ich will nicht mein Einkommen vom Unterrichten abhängig machen. Gar nicht.

KV: Dann bedanke ich mich an dieser Stelle schon einmal ganz herzlich für das ausführliche Interview – ich glaube, ich bin mit meinen Fragen durch, aber lass mich noch einmal kurz meine Notizen checken … hm … experimentell … improvisiert … Filmmusik …

TP: Also, Filmmusik ist sicher ein sehr guter Begriff. Ich finde, es hat etwas extrem Sphärisches. Ein Freund von mir hat gerade erzählt, dass er die Platte im Auto eingelegt hat und wow …

KV: Kopfkino läuft!

TP: Der ist weggeflogen! Und so höre ich immer wieder, es passt einfach auf Reisen … auf Verschiedenes! Du sagst, du hast es während des Regens gehört und es hat dich plötzlich … Das war auch bei uns im Studio so, allerdings bei einem Track, den wir dann gar nicht veröffentlich haben, bei der ersten Platte. Es war unglaublich, wir waren eigentlich fertig, als der Pianist gesagt hat, er hätte hier noch eine Notiz. Wir haben das dann gespielt und es hat geregnet … und es war einmal aufgenommen, noch nie geprobt, und das ist so eingefahren! Die Musik war sehr ähnlich, und er wollte es für etwas anderes benutzen, sodass wir es dann nicht aufs Album genommen haben. Aber ja, es kann einen wirklich so – sie ist sehr assoziativ, diese Musik.

KV: Wobei man dann Filmmusik positiv belegen muss, denn ich finde, das Wort selbst heißt ja sofort: John Williams & Co.

TP: Ja, das pompöse Hollywood –

KV: Und das will man ja gerade nicht ausdrücken!

TP: Nee, das ist es natürlich überhaupt nicht. Ich würde da eher sagen …

KV: … film noir oder …

TP: Genau. Oder eher, sagen wir, vielleicht sogar ein Lars von Trier-Film, wenn man schon bei der dunklen Seite ist. Wobei … ja – die sphärischen Sachen, die sphärischen Welten … das geht schon in die Richtung.

“In Transit” wurde am 30. März 2012 auf Traumton Records veröffentlicht und ist auch als MP3-Download zu haben. Mehr Bilder und vielleicht sogar ein Video gibt es nach dem Berliner Record Release Konzert am 26. April 2012 im A-Trane. Es lohnt sich also, hier bald wieder reinzugucken! Das gilt auch für fairaudio.de, wo “In Transit” bald als Platte des Monats ausführlich besprochen wird.

2. April 2012

Als sänge in der Ferne ein Bandoneon: Violetta Parisinis offene Geheimnisse

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 13:17

Ja, sie scheint schon seltsam vertraut, die Welt der Violetta Parisini, denn nicht nur in ihrer Musik erkennen wir unsere Lieblingsbands wieder, sondern vor allem in ihren Texten unser Leben. Allein der Opener „More Than That“ ist die Anschaffung des gesamten Albums wert, wie er sich da so im trockenen Lo-Fi-Modus mit Glockenspiel und scheinbar beiläufigem, sprödem Gesang anschleicht, bevor Portishead’sche Klangflächen den Kopfhörer zum Explodieren bringen.

Mit Einsetzen des Pianos wiederum erinnert mich „More Than That“ an Craig Armstrongs „Weather Storm“ einerseits, an Neneh Cherrys „Somedays“ andererseits. Nicht die schlechtesten Referenzen. Und ganz von ungefähr – denn de facto ist keines zu hören – kommt es mir vor, als sänge auf „More Than That“ in der Ferne ein Bandoneon; vielleicht, weil es um diese Sehnsucht geht, die man an solch „sensitive days“ fühlt, wo „you were on my mind and I know that I – I might be on yours, sometimes“. Schön, das.

Neugierig geworden? Weiterlesen auf fairaudio.de!

25. März 2012

Stimmen, wie füreinander geschaffen: The Stewardesses heben ab – und nehmen uns mit

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 16:48

Nachdem das Wort “krank” ganz oben in der Suchbegriffsstatistik vom Klangblog rangiert – dicht gefolgt von “lesbisch”: erstaunlich, wonach die Leute in einem Musikblog so suchen! Sollte es eines Tages mit dem Musikjournalismus nicht mehr funktionieren, mache ich eine Krankenstation für Lesben auf -, möchte ich einmal mehr einen Treffer für das Suchergebnis liefern, denn: ich bin krank. Rotz, Halsschmerz, Nase zu – was auch immer Sie sich an Schnodder vorstellen können, hier ist er. Meine besten Freunde heißen zurzeit Gelomyrtol, Sinupret und Aspirin Complex. Damit bin ich nicht allein: Der überraschende erste Frühlingstag vor einer Woche hat ganze Belegschaften dahingerafft. Juchuh, zwanzig Grad, jubelte man tagsüber, und zog aus, was auszuziehen ging. Oh Mist, auf zwei Grad runtergekühlt, dachte man abends, als Schal und Jacke weit entfernt zu Hause lagen, man selbst aber fröstelnd im Biergarten saß. “Wenn Sie erst einmal das Gefühl haben zu frieren, ist es schon zu spät”, erklärte mein Apotheker am nächsten Morgen. Jaja, nachträglich schlaumeiern ist jetzt unglaublich hilfreich! Jedenfalls: Ich gehöre eigentlich ins Bett. Und nicht in den Konzertsaal. Aber: Wann spielen schon mal 5, in Worten: fünf, begnadete Musikerinnen auf einmal an einem Ort, darunter so anbetungswürdige wie Illute, Katriana und Catharina Boutari? Der findige Leser hat es erkannt: Das passiert, wenn das Label Pussy Empire Geburtstag hat und seine Künstlerinnen als The Stewardesses auf Tour schickt. Da muss man hin – und wenn es vorerst das Letzte ist, was man macht!


@ Work: The Stewardesses mit lauschendem Klangverführer. Foto: Jo_Berlin

In der wunderbaren Neuköllner Musenstube sind dann aber nur vier der Damen im Pan Am-Look gelandet, darunter allerdings meine drei Lieblingsstewardessen – und eine Chantal de Freitas, die zur Überraschung des Abends werden sollte. Davon aber später mehr. Eröffnet wird die Show von Catharina Boutaris Version des Tokio-Hotel-Hits Durch den Monsun, und live beweist Boutari einmal mehr, wie gut das Yael-Naim-Prinzip (Man nehme den unmöglichsten Song, den man sich vorstellen kann, und mache dann etwas ganz Wundervolles daraus) funktionieren kann: Der Song, muss ich feststellen, ist eigentlich ganz schön. Nur wussten Tokio Hotel das damals nicht. Chantal de Freitas singt im Refrain die zweite Stimme, und wie schon bei der L-Filmnacht zeigt sich auch jetzt, dass die Stimmen Boutaris und de Freitas’ wie füreinander geschaffen sind. Schön!


Sexy: Chef-Stewardess Catharina Boutari

Gast-Stewardess Illute hat ihren ersten Auftritt als Backgroundsängerin bei Chantals Mousse-T.-Cover Is It Cos I’m Cool, und sofort fühle ich mich ganz zu Hause in dem Klang. Ich liebe diese Stimme, die so anders ist als die der Kolleginnen und sich dennoch harmonisch in den Satzgesang der drei einfügt, der Katrianas Juli-Cover Geile Zeit begleitet. Aber die Stewardesses unterhalten das Publikum nicht nur mit den Akustik-Cover-Songs von ihrem Jubiläumsalbum Pussy Empire hebt ab, sondern auch mit ausgewählten Stücken aus ihren Soloprojekten. Ich freue mich auf Catharina Boutaris Alter Ego Puder mit ihren Großstadtkonkurbinen und meinem All-Time-Favorite Puder, wobei ich mich nicht entscheiden kann, ob mir Click Clack mit seinem “Farben, wo sind die Farben”-Refrain hier und heute nicht sogar noch besser gefällt – beide Disco-Nummern sind purer Glitter auf Speed!

Perfect von Chantal de Freitas mochte ich damals nicht besonders, aber entweder habe ich mich mittlerweile an den Song gewöhnt wie an einen guten Nachbarn, der vom Bekannten langsam zum Freund wird – oder de Freitas ist heute Abend in Hochform. Wie sich noch herausstellen soll, ist Letzteres der Fall; und nicht zuletzt gefällt mir das Thema des Liedes ausnehmend gut: alles soll heutzutage möglichst perfekt erscheinen, willkommen Botox, hallo plastische Chirurgie, und was das mit der Seele macht, interessiert keinen Menschen. Auch hier vereinen sich de Freitas’ Mezzo und Boutaris heller Sopran zu einer vollendeten Symbiose, und das, um beim Thema zu bleiben, ist etwas, das die Bezeichnung “perfekt” dann wirklich verdient hat. Nicht zuletzt gelingt es Chantal de Freitas, mir den Song Jetzt erst recht des Bravo-Geschöpfes LaFee näher zu bringen, für den ich bislang in etwa so viel übrig hatte wie für Durch den Monsun. Langsam verstehe ich, weshalb diese Lieder solche Hits sein konnten, denn entkernt man sie bis zum Kleinstmöglichen und lässt sie von einer lebensklugen Frau interpretieren, kann man tatsächlich so etwas wie Schönheit in ihnen finden. Tokio Hotel und LaFee fehlte es schlicht an Lebenserfahrung für die eigenen Songs. Wer schon ein bisschen gelebt hat im Leben, der kann auch banalen Teenagertexten Würde verleihen. In dieser Rolle gefällt mir Chantal de Freitas ganz wunderbar. Bislang habe ich sie eher als singende Schauspielerin denn als Musikerin wahrgenommen – das hat sich nun grundlegend geändert, und das Genre “gehauchte Ballade” steht ihr ganz vorzüglich.


Souverän & elegant: Chantal de Freitas

Das Lied, auf das ich mich freue, seitdem ich die Setlist gesehen habe – Dünner Tag von Illute -, kommt so ganz ohne jegliche elektronische Verstärkung indessen seltsam lo-fi daher. Ich gebe zu, es in der Album-Version mehr zu mögen – und dennoch zeigt Illute, dass man nicht mehr als Stimme, Ukulele, ein bisschen Fingerschnippen und eine Katriana an der Melodica braucht, um die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums zu erhalten. Ohnehin ist das Publikum der musizierenden Illustratorin wie immer mehr als geneigt – als sie in ihrem Hund-am-Strand-Cover Jungen Mädchen “Alle Jungen, alle Mädchen, zieht eure T-Shirts aus” fordert, beginnt die erste Reihe tatsächlich, einen Spontanstrip hinzulegen. Spätestens bei ihrer Version von Major Tom, die ich erstmals beim Fabulous Female Folk-Festival hören durfte, sind ihr alle verfallen. Damals war Illute der Lichtblick eines ansonsten trüben Abends – heute endlich hat sie ebenbürtige Mitstreiterinnen.

Katrianas Mensch aber ist das Lied, das über den Abend hinaus tagelang in meinem Kopf hängenbleibt. Im Grönemeyerschen Original verhasst, ist es bei ihr einfach nur wunderschön und, was dem Original nicht gelingt, berührend. Sehr süß ist Chantal de Freitas bei Teenage Love, einem ihrer eigenen Songs, mit dem sie wieder den über dreißigjährigen Frauen kollektiv aus der Seele zu sprechen scheint. Einer der Höhepunkte des Abends aber ist ihre Version des Rammstein-Hits Amerika. Schon auf der Platte großartig, toppt die Live-Version alles, haben die Stewardesses doch eine Andrews-Sisters-artige Close-Harmony-Nummer daraus gemacht. Ganz groß!


Nicht nur eine tolle Sängerin: Katriana

Das gilt auch für Katrianas Ich singe dir ein Lied mit seinem “Ich lieb dich heute Nacht/und wenn du nicht schlafen kannst/dann sing ich dir ein Lied”-Refrain, das in der Stewardesses-Version ebenfalls durch einen mitreißenden ooh-woo-whoo-Chor besticht. Bei Catharina Boutaris ‘türlich, ‘türlich verwandeln sich die Andrews Sisters dann in die Supremes; und genau hier zeigt sich, worin die Stärke der Stewardesses liegt: dass es vier Solo-Künstlerinnen geschafft haben, einen Gruppenklang zu entwickelnn, dessen Harmonien sich nicht hinter den großen Girlgroups der Sixties verstecken müssen.

Der durch Krankheit leider fehlenden fünften Stewardess Birgit Fischer (Ex-Motorsheep) wird gedacht, indem man das von ihr aufgenommene Ich+Ich-Cover Vom selben Stern als Zugabe anstimmt. Geben wir es zu: Ich+Ich haben schon recht pathetische Texte. “Du bist das Pflaster meiner Seele” hieß es in Pflaster, und hier heißt es “Ich nehm’ den Schmerz von dir”. Uff. Hätte man dabei nicht Adel Tawils großartige Stimme im Ohr – solche Texte könnte einem keiner verkaufen! Allein, Catharina Boutari, Chantal de Freitas, Illute und Katriana können es auch. Ganz zauberhaft funkelt der Song mit einem Mal, und ganz zauberhaft ist auch, wie Katriana hier tapfer mit Satinhandschuhen Klavier spielt, während de Freitas bei ihrem Part einmal mehr mit souveränem Leadgesang überzeugt. Die Künstlerinnen sind nicht nur stimmlich zusammengekommen, sondern eine jede hat sich während ihrer Tournee auch in die Lieder der jeweils anderen eingefunden, und mehr kann man sich von einem als einmaliges Projekt zusammengekommenem Musikerkollektiv wohl kaum erwarten.


Gitarre, Klavier, Ukulele, Melodica – Illute spielt sie alle

Wer die Stewardesses in Berlin noch einmal live sehen will, hat schon bald wieder die Möglichkeit dazu: Sie spielen ihr Programm am 5. April 2012 in der Langen Nacht noch einmal. Vorher machen sie aber noch Station in Dortmund, Köln und Hildesheim. Die genauen Tourdaten gibt es hier. Wir sehen uns, wenn es wieder heißt: Pussy Empire gebt ab!

19. März 2012

Halt die Klappe, hol dir’n Hund: Olli Schulz über das Erwachsenwerden im Zeitalter des digitalen Umbruchs, seine Abenteuerplatte und die Frage nach dem Hund Marie

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:03

Am Anfang war der Hund Marie. Bevor ich mit der Musik von Olli Schulz in Berührung kam, kannte ich ein Plattencover von ihm: Für meinen Artikel Popmusik & Hundezucht: die schönsten Hundeplattencover habe ich das Cover des Olli Schulz & der Hund Marie-Songs Dann schlägt dein Herz (2005) verwendet. In das Lied hatte ich mal kurz hineingehört, es für weder besonders bemerkenswert noch besonders unangenehm befunden und fortan nicht mehr daran gedacht.

Das hat sich mit SOS, dem aktuellen Solo-Projekt von Olli Schulz, geändert. Als ich den Album-Teaser hörte, bin ich an der Reggae-Nummer Ich kenn‘ da Ein hängengeblieben, und auch viele der anderen neuen Singer-Songwriter-Stücke schienen mir echtes Ohrwurmpotenzial zu haben. Nanu? Kein schrammeliger Indie-Rock mehr von Olli Schulz? Ist er etwa erwachsen geworden? Und wo ist eigentlich der Hund Marie? Diesen und anderen Fragen gehe ich am ersten sonnig-warmen Tag dieses Jahres im Café Fleury in Berlin Mitte auf den Grund – klar, dass da auch der Hund Emily, besser bekannt als Kopfhörerhund, dabei sein muss.


Olli Schulz und der Hund Marie war gestern …

Klangverführer: Dein neues Soloalbum heißt Save Olli Schulz – verrätst du mir, was dich so schutzbedürftig macht?

Olli Schulz: Eigentlich macht mich nur die Tatsache schutzbedürftig, dass es so anstrengend war, diese Platte aufzunehmen und zu veröffentlichen: ein neues Label zu suchen, nachdem mir die alte Plattenfirma gesagt hat, dass sie meine nächste Platte nicht herausbringen möchte und ich so gestresst war von diesem ganzen Business-Kram! Ich habe für die letzte Platte eine wahnsinnige Promo-Tour gemacht, wahnsinnig viele Interviews gegeben … Diesmal ist es schön, dass ich nur zwei Tage mache, heute und morgen – Emily! (pfeift nach dem tauben Hund, der sich gerade in Richtung Küche davonmachen will) –, denn dieses ganze Drumherum nervt eigentlich nur, du wirst abgehalten vom Musikmachen, weißt du. Darum hat der Titel ganz gut gepasst. Außerdem habe ich in letzter Zeit immer Geldprobleme gehabt, weil ich ein schlechter Geschäftsmann bin, mit einer Band auf Tour war und denen zu viel Geld ausgezahlt habe – und obwohl ich Veranstaltungen gemacht habe wie die Neujahresrevue in der Volksbühne, war ich am Ende immer der, der am meisten draufgezahlt hat. Außerdem sind noch ein paar weitere Sachen passiert, die nicht so toll waren: Ich habe versucht, noch einmal mit dem Hund Marie eine Platte aufzunehmen, das ist auch gescheitert … Dann stand ich ziemlich alleine da und habe diese Platte alleine gemacht, und dann habe ich gedacht: Da passt „SOS – Save Olli Schulz“ doch ganz gut. Ich würde gern noch mal eine Platte so aufnehmen!

Eine weitere Soloplatte?

Ja.

Auf Save Olli Schulz singst Du von „irgendetwas“, dass Dir so sehr fehlt und immer mehr wird (Irgendetwas fehlt), davon, dass wir jung und dumm sind „und denken, das ist Kunst“ (Ich kenn’ da Ein) und trauerst einer Liebe aus dem September ‛97 nach sowie einer „aufgebrauchten Welt“ (Ich dachte, du bist es) – ich finde mein Lebensgefühl perfekt in Deinen Texten gespiegelt. Glaubst du, dass wir einer Art verlorenen oder zumindest orientierungslosen Generation angehören?

Nun, ich jedenfalls! Ich weiß nicht, ob wir so einer Generation angehören, ich kann da ja nur für mich sprechen! Dazu muss ich auch sagen, dieses Lied mit der Liebe ‛97 … Das ist ja nur, dass ich einen Menschen mal für eine Nacht nur kennenlerne, dass ich mit ihm durch die Nacht fahre und am Strand bin … Das ist ja mehr eine fiktive Geschichte. Aber Du hast schon recht, es geht schon so ein bisschen darum, dass man auf der Suche ist und dass sich viele darin verirren, in dieser Suche und dann nur noch auf der Suche sind. Ich für meinen Teil muss sagen, dass ich gerade angekommen bin mit Frau und Kind und eigentlich ein unaufgeregtes, aber schönes Leben führe, da kann ich mich nicht beschweren. Ich habe eine Tochter, die ist zweieinhalb Jahre alt, und das macht mich schon ganz glücklich und füllt mich aus. Aber wer will denn schon eine Platte darüber hören, „Mir geht es gut, mein Leben ist schön, ich sitz‘ zu Hause und schaue mein Kind an und freu‘ mich des Lebens“?

Das Phänomen kennt man ja vom Tagebuchschreiben. Wenn man Jahre später seine Eintragungen liest, denkt man, Mensch, was war ich da depressiv, dabei ist es ja eigentlich nur so, dass man in diesen dunklen Phasen viel eher zum Stift greift und wenn es einem gut geht, schlicht keine Zeit und/oder Lust zum Schreiben hat!

Ja, stimmt. Ich kenne auch nur wenig gute Feel-Good-Movies, äh, Songs!

Und auch, wenn du über die Musik selbst schreibst, scheint immer auch etwas Wehmut mitzuschwingen – so singst du zum Beispiel in Old Dirty Man: „Ich werde nicht mehr so emotional bei emotionaler Musik“, und in Verliebt in 2 Mädchen läuft im Radio „Schrottmusik, die ich überhaupt nicht hören will“. War Musik früher besser? Und wenn man erst einmal zu dem Punkt kommt zu sagen, dass früher etwas besser war – ist man dann erwachsen?

Ich finde nicht, dass früher irgendetwas besser war. Ich bin kein Typ, der nostalgischen Sachen hinterher trauert. Ich glaube, dass wir in einer modernen Zeit leben, die noch völlig veraltet ist. Ich finde, dass wir immer noch Systeme und Sachen haben, die einfach nicht mehr relevant sind. Die mich nicht mehr interessieren. Mich interessiert beispielsweise die Fernsehkultur nicht mehr, die ist einfach am Aussterben. Es gibt neue Sachen, Internet zum Beispiel, und tausend Wege, sich Dinge anzugucken. Das beste Beispiel ist Thomas Gottschalk. Der ist völlig orientierungslos und gerade in der falschen Zeit, nicht wir. Der merkt nicht, dass seine Zeit abgelaufen ist. Ich finde das unangenehm, wie Leute der alten Zeit hinterher trauern. Man muss einfach mal sagen, „das ist jetzt vorbei und neue Sachen kommen. Komm jetzt, das ist nun mal so“. Der Umbruch, der jetzt stattfindet, der ist ja kodiert wie eine Alten und eine Neuen Welt, und manche Sachen gehen rasant schnell, andere gehen sehr langsam, und genau da befinden wir uns gerade drin! Dadurch formt sich solch ein generelles Lebensgefühl. Die einen sagen, früher war alles besser, und die anderen sagen, der Fortschritt ist total wichtig und ich bin nur noch am Rechner und Internet ist das Größte … Ich glaube, dass man sich in dieser Zeit einfach mal ein bisschen entspannen muss.


Heute heißt es: Olli Schulz und der Hund Emily!

Viele Künstler sind ja zurzeit auch sehr aktiv in den sozialen Netzwerken, bieten ihre Werke zum Download an, um diesem Umbruch gerecht zu werden … Wie hältst du es damit eigentlich?

Och, ich bin auch da ganz entspannt. Ich mach ‛ne CD, ‛ne Vinyl-Platte und ‛nen Download.

Oh, Vinyl! Wirklich?

Ja, tausend Stück – und die werden auch gut bestellt.

Schön zu wissen – gerade die fairaudio-Leser freuen sich immer über Vinyl! Bleiben wir aber mal beim Erwachsenwerden, gegen das du dich laut deinem eigenen Begleitschreiben zum Album „verbarrikadierst“. Wenn man deine aktuellen Lieder hört, von denen viele überraschend versöhnlich enden – zum Beispiel Old Dirty Man oder Koks & Nutten –, könnte man glatt denken, dass aus dieser Platte schon so etwas wie beginnende Altersweisheit spricht …

Also, erwachsen muss man einfach werden. In dem Moment, wo Du ein Kind hast, bist Du, glaube ich, automatisch erwachsen. Aber natürlich versucht man sich trotzdem eine Unschuld zu bewahren. Das ist ja auch etwas, was ich in meinen Liedern versuche zu bewahren. Es heißt ja nicht, dass du erwachsen bist, wenn du trotzdem eine Kindheit in dir trägst. Schlimm wird es, wenn du anfängst, über die Jugend … wenn du die Jugend nicht mehr verstehst und herum pöbelst. Das ist dann wirklich unangenehm!

Yeah, wenn du deinen Krückstock schwingst und anfängst, „die Kinder vom Hof!“ zu brüllen …

Genau. Und ich finde ja, dass viele Menschen, die jünger sind als ich, ausgesprochen … ähm … schon gesettelter sind, als ich es in ihrem Alter war. Die Jugendlichen, die sind viel bürgerlicher … Guck dir Kathi an – deutet auf die Promoterin – , die Tätowierungen am Arm sind alle nur aufgemalt! (lacht, denn natürlich sind die echt) Nein, aber es ist wirklich so: Ich glaube, dass die Leute wieder vernünftiger werden. Wenn ich auf zdf.neo Joko und Klaas höre, die machen schon voll den vernünftigen Eindruck, dafür, dass sie erst achtundzwanzig und neunundzwanzig sind! Ich war damals nicht so.

Du hast gerade wieder das Kinderkriegen angesprochen, und ich habe ja auch noch einen Teil des Interviewers vor mir mitbekommen, dem du gesagt hast, dass du so endgenervt bist von den Luxusproblemen der Leute, die darüber jammern, dass ihre Altbauwohnung im Prenzlauer Berg nicht genug Licht hat oder dass sie in ihrer Beziehung seit Jahre unglücklich sind, ohne etwas dagegen zu unternehmen … Wenn man deinen Song H.D.F.K.K. (Halt die Fresse krieg ‛n Kind) so hört, habe ich das Gefühl, der polemische Titel ist nur halb im Spaß gemeint. Glaubst du, dass sich alle kleinen, selbstbezogenen Luxusprobleme relativieren, wenn man für ein Kind verantwortlich ist?

Klar. Aber der Song ist nicht so ernst gemeint, dass jeder ein Kind haben sollte. Allerdings ist es schon so, dass viele Leute so wahnsinnig viele Sachen ernst nehmen, auch Musik und Texte … Dann sagst du, „geh, krieg ein Kind, und du merkst, dass das alles nicht so relevant ist“ …

Oder einen alten Hund, der macht ähnlich viel Arbeit …

Ja, oder einen alten Hund. Halt die Klappe, hol dir’n Hund!

Auch ein schöner Unsinns-Titel! Apropos Unsinn: Die in den vorigen Fragen schon angesprochene Melancholie, die sich durch viele deiner Texte zieht, wird von dir oft durch überraschend witzige Wendungen konterkariert; und auch vor allerlei Klamauk schreckst du nicht zurück. Hast du keine Angst, dass du mit Zwischenspielen wie Crew und Vorspiel oder Stücken wie Danke an alle deine Glaubwürdigkeit untergräbst?

Nee, damit hab ich schon sehr früh aufgehört. Viele Leute haben mir gesagt, Olli, wer mal witziger, mach doch nur noch witzige Sachen, andere haben gesagt, ey, du musst aufhören mit diesem albernen Scheiß, sonst nimmt dich keiner ernst … Ich hab‘ das über die Jahre immer so gemacht, nur so ist es gut. Die letzte Platte Es brennt so schön, die war eigentlich gar nicht so witzig, die fand ich eigentlich äußerst düster … Da waren die Sachen mit dem Hund Marie, Warten auf den Bumerang und so, schon witziger! Aber es war eigentlich schon immer so eine Mischung. Jetzt ist es ein bisschen persönlicher geworden, Old Dirty Man ist schon ein persönlicher Song über das Älterwerden, ja. Es gibt ja auch Songs, die sind nicht nur witzig oder nur traurig; es gibt ja auch Songs, die sind einfach nur so … entspannt. Es sind nicht nur diese beiden Extreme.

Oder ein Song hat eine total überraschende Wende, wie beispielsweise Briefmarke, das ist zuerst voll der gruselige Krimi und dann: „Er klebt die Briefmarke ein“!

Das war ein kleiner Gag, der uns so eingefallen ist, den finden wir sauwitzig!

Mir hat er auf jeden Fall sehr gefallen! Bei der Vorab-Recherche zu diesem Interview habe ich mir auch die Wikipedia-Seiten über dich angesehen, und da steht, dass Save Olli Schulz zunächst auch ein Olli Schulz und der Hund Marie-Album und kein Soloalbum werden sollte. Was ist eigentlich aus dem Hund Marie geworden?

Wir haben einfach nicht mehr so zueinander gefunden. Der Hund Marie, also Max Schröder, macht ja auch Musik und bringt jetzt eine Soloplatte heraus … Wir haben uns einfach seit 2006 nur noch ganz ganz selten gesehen. Das liegt auch daran, dass Max nicht nur Vater zweier Kinder, sondern dann auch bei Tomte eingestiegen ist. Und ich bin schon seit einiger Zeit – eigentlich seit der ersten Platte, wenn man es genau nimmt – viel alleine getourt. Und ich habe auch alle Songs geschrieben. Ich erinnere mich, dass er mich begleitet hat, und er ist ein ausgesprochen guter Musiker! Dann haben wir 2010 noch einmal versucht, eine Platte aufzunehmen, hatten uns zuvor aber drei Jahre nicht richtig gesehen. Wir waren für ein paar Tage im Studio, und ich habe dabei nichts empfunden: Kein Spaß gehabt, nichts. Und er auch nicht. Und dann habe ich gesagt, komm, lass es bleiben. Wir sind nicht mehr so, wie wir vor fünf Jahren waren, als wir Nachbarn waren, Freunde waren. Er hat ein ganz anderes Leben als ich – es gab auch keinen Streit oder so. Aber es passt einfach nicht mehr. Er hat auch ganz andere Vorstellungen von Musik, inzwischen. Er ist ein ganz toller Musiker – einer der besten, mit denen ich je arbeiten durfte –, und er wird auf jeden Fall eine tolle Soloplatte machen, und eigentlich ist es ja auch gut so: Ich mach meine Sachen, und dafür macht er auch seine Sachen.

Vorstellbar, dass ihr irgendwann wieder zusammen findet?

Momentan glaube ich eher nicht. Wir sind so unterschiedlich! Wie gesagt, es gab weder Streit noch Schlägereien noch Anwälte … Es war einfach so, dass wir beide alt genug sind zu merken, das wird gerade nichts mehr.

Ihr seid ja mit eurem Warten auf dem Bumerang-Album ja extra zu EMI gewechselt, um aufwändiger produzieren und von dem Singer/Songwriter-Stil wegzukommen …

Und auch wegen des Geldes, das wir bekommen haben!

Save Olli Schulz schlägt wieder die genau umgekehrte Richtung ein: Alles wurde auf nur einer Spur in einem winzigen Tonstudio aufgenommen. Ist das eine Art Back to the Roots?

Ja, das ist aber auch keine Singer/Songwriter-Platte, da ist überall Schlagzeug und so, einfach ganz anders von der Mischung! Aber natürlich auch Back to the Roots. Eigentlich habe ich immer alle Songs auf der Gitarre geschrieben – es kommt darauf an, wie du sie umsetzt. Erst einmal hatten wir nicht das Geld, und dann habe ich zwei aufwändig produzierte Platten gemacht, und dann habe ich gemerkt, das reicht jetzt auch, jetzt will ich wieder was anderes machen. Und da hab‘ ich diese Platte jetzt gemacht.

Wenn du sagst, es ist keine Singer/Songwriter-Platte – was ist es dann?

Doch ist es. Es ist eine Singer/Songwriter-Platte. Aber auch mehr! Es ist nicht nur eine Singer/Songwriter-Platte. Es ist eine Entertainment-Platte, ‛ne Quatsch-Platte, ‛ne schöne Platte … eine Abenteuer-Platte!

Sie ist auf jeden Fall wahnsinnig vielfältig: Du hast zwei Reggae-lastige Tracks drauf, beim Phosphoermann kommt dann doch so ein bisschen Hamburger Schule um die Ecke, Blumfelds Apfelmann ist da nicht weit …

Welcher Song von Blumfeld?

Der Apfelmann! Und nicht nur wegen des ähnlichen Titels!

Ah, okay. Ich frag nämlich, weil ich Blumfeld immer gut fand!

… und auch vom Liedermacherkosmos ist Save Olli Schulz nicht allzu weit entfernt …

Ich bin ein Liedermacher! Ich schreibe die Songs alle auf der Gitarre. Ich hatte früher auch mal ein Problem mit dem Begriff, aber eher aus Styling-Erwägungen. Im Grunde bin ich ein Liedermacher. Und außerdem: Hannes Wader, Klaus Hoffmann und solche Leute – das sind auch alles Liedermacher, und so schlecht waren die alle nicht, ganz im Gegenteil! Wenn du mich als Liedermacher bezeichnest, kann ich damit leben. Singer/Songwriter klingt nur cooler.


Ob cool oder nicht cool – in jedem Falle beliebt! Es gibt Fanpost.

14. März 2012

Being born in the key of “Blue” and creating a contemporary Pan Afro Vibe: Jonas Bibi Hammond

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 09:02

Den ersten Anlauf zu diesem Interview habe ich vor ungefähr anderthalb Jahren unternommen, als ich „Jamestown“, das erste Soloalbum von Jonas Bibi Hammond, im Sommer 2010 für fairaudio.de besprach. Es war die Zeit der Fußball-WM in Südafrika, sodass sich die Diskussion um eine neue, selbstbewusste, pan-afrikanische Identität nahezu aufdrängte. „Leider wird Afrika immer noch massiv vom alten Stammesdenken bestimmt. Mir geht es einfach darum“, so Hammond damals, „dass diese alten Stammesstrukturen überwunden werden sollten, um zu einer gemeinsamen starken Identität zu finden“.

Dafür macht sich der Produzent und Musiker vor allem mit seinem Projekt „Pan-African Heritage“ stark, für das er als Kurator für die Werkstatt der Kulturen verschiedene Künstler afrikanischer Herkunft, die seit Jahren in Berlin nebeneinander her leben, ohne aber je miteinander gespielt zu haben, auf eine Bühne bringt. Und auch „Jamestown“ bleibt von diesem Gedanken nicht unbeeinflusst, wenn Hammond im „Ga Man Funk“ beispielsweise eine alte Parole der Ga verwendet – jener minoritären Volksgruppe in Ghana, der sein Vater entstammt. Diese heißt übersetzt, „We are not many but we are beautiful“, und kaum erschien der Song, wurde versucht, ihn politisch zu instrumentalisieren, obgleich der Text mit keiner Silbe hergibt, dass irgendjemand besser sei als ein anderer. Hammond wollte damit lediglich ausdrücken, dass man zu dem stehen soll, was man ist, dass man seine Ziele und Träume nicht aufgeben soll. Und so ist auch „Jamestown“ letztendlich kein politisches Album, sondern vielmehr ein sehr persönliches, das immer wieder den aktuellen Ich-Status des Künstlers bestimmt – und natürlich auch von Liedern über die Liebe in all ihren Spielarten keinen Halt macht.

Leider hat die Zeit nie gereicht, das Gespräch fortzusetzen. Nun gibt es “Jamestown” aber als Special Edition – und eine dazu passende Konzertreihe. Gute Gründe für einen zweiten Anlauf, der – in kleinerer Form – dann auch gelingt.

Klangverführer: The first edition of „Jamestown“ appeared about one and a half years ago. What has gotten you to release a special edition right now?

Jonas Bibi Hammond: I was not finished with all the songs I intended to be on the album, and last year in June my beloved Mum passed away … I simply lost my „Mojo! I was so sad that I had to do what my Mother has been waiting for almost 30 years – a solo Jonas Bibi Hammond CD, instead of me composing and producing for other artists. So I decided to bring out the CD “Jamestown” in a form of limited edition, so I could make peace with my own sorrow. I fell freed from this pain now.

The original version of “Jamestown” was opened by “The Way I Am”, which is, by the way, my personal favorite song of your album. For me, it feels like a statement or declaration of your self, of what you are right now and what you want to be … So I wonder what made you put it downward on the tracklist of the new “Jamestown” edition?

Well, as you can see the CD is now a dedication to my Mum, so I wanted to be in the second row so to speak. And I wanted the more Blue, melancholic.

When we first spoke about your solo album about one and a half years ago, I remember you saying this record covered the last 30 years of your life. If I take a closer look on the songs, I find they were mainly composed in the early Two-Thousands. Does this mean that you have carried all these songs in your head for decades before noting them down?

Many of the songs on the Jamestown CD are remakes of original compositions I wrote in the 70ies, some of which were even recorded back then, but only as demos. I started re-writing and sometimes just recording newer versions of these songs around the year 2000 onwards.

Moreover, I remember you saying that you drew your inspiration many a time out of passing moments. Some of these emotional moments were magical and transferred immediately into music …

Yes, sometimes when I have long walks alone … I hear my own mind, like looking in a mirror, and yes, some songs have been materialized this way. On the other hand, I sometimes wake up in the morning, and have a complete piece with lyrics, as if I received it in a transfer. Sometimes also, the moment is just magic, and a song develops. Like the song „The Way I Am“.

Upon listening closely to your lyrics, I have found that there are remarkably many love songs on the album …

Well, I am a softie, and have never had a problem with being that way … I always say I must have been born in a key of „Blue“, ‘cause all my songs have this deep seated trace of melancholy which fascinates me so much … Dunno where it comes from ( smile). I am in my own way a „Chronic Romantic”… hahahaha.

On March 16, you will not only play the music of the „Jamestown“ album, but also perform some songs with the Pan-African Groove Collective. Can you tell me a bit more about this?

I formed the Band „Pan African Groove Collective“ to fulfill a dream I have had for as long as I have been in Germany , 26 years. I wanted to build a musical bridge between the roots of Black Music in Africa and the development of new black music in the African American communities, and black Diaspora worldwide. Therefore, the concert will feature some of the very best Musicians in Berlin, and we will be playing some of my compositions, fusing Afro Blues with Jazz and Soul. We will also perform some jazzed-up Reggae and Afro beats to create a contemporary Pan Afro Vibe.

Die Special Edition von “Jamestown” gibt es beispielsweise auf amazon.de. Live zu sehen ist Jonas Bibi Hammond mit seinem Pan-African Groove Collective am Freitag, 16. März 2012, im Club der Werkstatt der Kulturen.

9. März 2012

Das schwere Buch vom schwarzen Mann: Victoriah’s Music erstmals mit Buchkritik!

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 13:00

Am 26. Februar 2012 wäre Johnny Cash achtzig Jahre alt geworden. Dies wurde vom Verlag Edel/Rockbuch zum Anlass genommen, die Autobiographie „Cash“, die der Sänger 1997 mit Hilfe des renommierten Country-Journalisten Patrick Carr verfasst hat und die erstmals 2003 (deutsch: 2004) erschienen ist, in einer großformatigen Neuauflage herauszubringen. Die ist irgendwie seltsam: nicht Fisch, nicht Fleisch, aber allemal – auch für Nicht-Fans – interessant, denn sie ermöglicht ein anderes Hören der Cash-Songs, ein Neuhören, ein Hören unter neuen Vorzeichen. Leider ist die Neuauflage aber auch absolut unhandlich, was Größe und Gewicht betrifft, die eher einem Bildband angemessen wären als einem textlastigen Buch. Die grundlegenden Eigenschaften eines Buches – beispielsweise umblättern mit einer Hand, während die andere das Buch festhält -, sind hier schlichtweg nicht gegeben. Aber, wie es ein Freund von mir so treffend beschrieb: Das physische Gewicht des Buches ist eine Analogie zu seiner inhaltlichen Gewichtigkeit. Die altersmilde Abgeklärtheit Cashs kann für den Leser zu einer Hand auf der Schulter werden, die ihm signalisiert: alles wird gut – irgendwann.

Zur Buchbesprechung geht es hier.

7. März 2012

Spaß dran haben und gucken, was kommt oder: lesen, schnuppern, bestellen, machen, tanzen gehen! Das Duo Scheeselong im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 08:55

Es steckt schon eine ganze Menge von Fräulein Mitzi und Frau Rosenroth, den Figuren, die das Duo Scheeselong in ihrem Programm Rendezvous mit Marlene verkörpert, in Caroline Bungeroth und Valerie Wildemann: die übersprudelnde, begeisterungsfähige junge Sängerin mit Hang zur leichten Muse und die strenge russische Klavierlehrerin, die ihr Herz an Rachmaninow gehängt hat. Feuer und Eis, könnte man meinen, wie sie da vor mir sitzen, die eine blond und wild gelockt, die andere dunkel mit streng zusammen-
gebundenem Haar. Da verwundert es kaum, dass die eine dann auch eher Hunde-, die andere Katzenmensch ist.

Kaum aber setzen wir zum Interview an, merke ich schnell, dass Wildemann ihrer Duo-Partnerin in puncto Temperament und Aufgedrehtheit in nichts nachsteht. Für einen kurzen Augenblick fragen ich mich, ob ich statt des ayurvedischen „Die Sinne schärfen“-Tees nicht eine beruhigende heiße Milch mit Honig hätte servieren sollen. Dann aber werde ich mitgerissen von einem Gespräch, das schriftlich nur unzureichend wiedergegeben werden kann, soviel wie hier gelacht, gegiggelt, gegurrt, geschmeichelt, geflirtet, sich gegenseitig ins Wort gefallen, spontan gesungen, in diversen Akzenten gesprochen und überhaupt durch alle erdenklichen menschlichen Tonlagen jongliert wird – und zwar nicht nur von der Sängerin, sondern auch von der Pianistin. Eigentlich müsste man hier das Band von Interview einstellen! Wenn Sie diese beiden, die nicht nur exzellente Musikerinnen, sondern auch ganz wunderbare Schauspielerinnen sind, live erleben möchten – und das lohnt sich! -, können Sie aber auch zur Berlin-Premiere von Rendezvous mit Marlene am 9. März im Grünen Salon gehen.


Das Duo Scheeselong ganz leger auf der Scheeselong der Autorin …

Klangverführer: Das Programm, durch welches ich euch kennengelernt habe, heißt „Rendezvous mit Marlene“, und ich will jetzt natürlich von euch wissen: Was fasziniert euch so an Marlene Dietrich?

Valerie, deutet auf Caroline: Diese Frage ist für sie!

Caroline: Also Marlene als Schauspielerin und Sängerin – wenn man sie sich vor allem in den Filmen anschaut: die hat drauf, mit ganz wenig Mitteln ganz viel zu machen. In diesen Filmen der zwanziger, dreißiger Jahre, also den Hollywoodfilmen, kommt sie raus, guckt einfach nur und steht einfach nur, geht drei Schritte, guckt einfach nur und steht einfach nur. Und wie sie spielt, wie das wirkt – das ist einfach unglaublich! Das ist das, was mich an dieser Künstlerpersönlichkeit so fasziniert. Auch die Entwicklung dieser Dame ist enorm: Wenn man schaut, wie sie angefangen hat – und dann diese unglaubliche Karriere in der Nachkriegszeit … Ja, das ist die persönliche Faszination!

Es geht also eigentlich eher um ihre Präsenz und nicht so sehr um ihre Lieder?

Caroline: Vom Künstlerischen her, wenn man sich jetzt fragt, inwiefern ist sie mein Idol, also als Vorbild, dann ist es genau das: mit wenig Mitteln viel zu erzeugen. Das ist wirklich eine Kunst.

Valerie: Sie hat ja auch von sich gesagt, „Ich kann nicht singen, also muss das, was ich trage, einfach phänomenal sein“.

Caroline: Und dementsprechend hat sie sich natürlich auch … Also, sie hat es sehr wohl verstanden, das Äußere, die Präsenz, das Dasein, was sie sich antrainiert hat, wirken zu lassen. Und die Idee war zunächst auch, etwas zu machen, was man so von Marlene kennt – ursprünglich war das sogar zum Marlene-Jahr geplant, hat sich dann aber verschoben, weil noch andere Dinge dazwischen kamen –, und jetzt ist natürlich spannend, dass wir uns im Laufe des Programms immer mehr damit befasst und auseinandergesetzt haben – gerade die Rosenroth, die ja immer für diesen Ausgleich im Stück zuständig ist, und es ist spannend zu erleben, dass auch das Leben der Dietrich einfach nicht immer zuckersüß war, dass da viele Schattenseiten sind. Und es passt eben auch sehr gut zu uns zu sagen, dass sie eben nicht nur diese Glamour-Fotos verkörpert, sondern dass sie zum Beispiel auch viel im Krieg erlebt hat oder für ihr Aussehen auch wirklich viel tun musste.

Diese Schattenseiten habt ihr ja auch auf die Bühne gebracht. Valerie, ich glaube, du warst das, die entsprechende Passagen aus der Autobiografie der Dietrich vorgelesen hast …

Valerie: Genau.

… und ihr sagt selbst, dass ihr euch während der Arbeit am Programm immer mehr mit der Persönlichkeit von Marlene auseinandergesetzt habt. Hat sich euer Marlene-Bild während dieses Prozesses verändert?

Beide: Ja, total!

Wirkt sich das auf eure Darstellung aus?

Caroline: Für mich persönlich bedeutet das, dass sie auch ein Mensch ist. Und im Grunde spiegelt das auch uns wider. Du siehst uns jetzt ja auch in normalen Klamotten, und es ist genau wieder diese Verwandlung. Wir waren gestern zum Beispiel auf der Bohème Savage, und es ist diese Verwandlung der Zeit, dieser Schein, und sobald die Leute zur Garderobe gehen, ist dieser Schein weg. Damit kommen wir als Künstler ja auch immer wieder in Berührung: Sobald wir jemandem in unseren Privatklamotten einen Flyer geben, heißt es, „Ach, das sind Sie?!“, man erkennt einen gar nicht wieder, und so ist das mit Marlene auch. Diese Verbindung von Künstler-Sein einerseits und privater Person, andererseits …

Valerie: Und auch dieses Ringen um das eigene Bild, was man von sich selbst kreiert hat und was die Leute auch von einem erwarten.

Caroline: Beziehungsweise das Ringen um das, was man wirklich machen möchte. Das war ja bei ihr auch so, sie ist dann ja auch wirklich hochgestiegen.

Das heißt, sie ist für euch ein Stück mehr … berührbarer geworden?

Beide: Ja, definitiv.

Wenn wir uns jetzt mal von den Filmen abwenden: Was glaubt ihr denn, was an ihren Liedern, die ihr ja in „Rendezvous mit Marlene“ singt und spielt, so modern ist, dass man damit auch heute ohne weiteres noch einen ganzen Abend füllen kann?

Valerie: Die Liebe!

Caroline: Genau, darum geht es ja! Im Grunde sind die Lieder doch total aktuell: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ …

Valerie: Spannenderweise sind das ja auch genau die Lieder, die geblieben sind! Ihre Kriegslieder zum Beispiel, die werden jetzt ja nicht so häufig gespielt. Das heißt, die Liebe oder dieses Frivole prägt anscheinend mehr …

Caroline: Ja, und eben auch diese andere Frauenrolle, die es da mittlerweile gibt! Dieses Herkömmliche „Jetzt wird geheiratet und man sucht sich jemanden, mit dem man dann das Häuschen baut“, das gibt es zwar auch noch, aber es verschiebt sich mittlerweile zehn Jahre nach hinten, und im Grunde ist Marlene mit der von ihr verkörperten Frauenrolle absolut aktuell! Beziehungsweise auch die Vielfalt davon: Diese frivolen Sachen aus den Zwanzigern, wo diese Sache mit der besten Freundin ins Spiel kommt, dieses Spiel mit dem lesbischen Element, wo man gar nicht genau weiß, ob sie das wirklich hatte oder ob das Inszenierung war … Und dann hat sie, auch geprägt durch den Krieg, durchaus viele kritischen Sachen gesungen, und später dann auch mehrsprachig, französisch, englisch … Auch diese Vielfalt ist modern, wobei wir uns aus ihrem Repertoire auf die Sachen der Zwanziger- und Dreißigerjahre spezialisiert haben.


… und im vollen Kostum als Fräulein Mitzi und Frau Rosenroth

Ihr spielt aber nicht erst seit „Rendezvous mit Marlene“ zusammen, richtig? Ich möchte natürlich wissen, wie ihr euch kennengelernt habt – also die große Kennlerngeschichte – und wie dann die musikalische Zusammenarbeit als Duo Scheeselong entstanden ist.

(Beide brechen in großes Gelächter aus.)

Caroline: Wir haben ja beide an der UDK studiert, sodass man sich zwangsläufig in Kursen begegnete …

Valerie: Theorieunterricht!

Caroline: Um es kurz zu machen: Ich fand sie total blöde und sie fand mich auch total doof …

Valerie: Du konntest immer alles und hast dich immer gemeldet!

Caroline: Echt, ja? Und ich dachte immer, Mann, ist die überkandidelt! Kann die nicht mal runterkommen? Wie anstrengend!

Valerie: Und das gerade von dir!

Caroline: Also, wir fanden uns nicht so wirklich sympathisch. Dann haben wir uns aber beide für ein Auslandssemester in Spanien angemeldet. Das war ein Erasmus-Programm, an dem drei von der UDK teilnehmen durften. Und ich guck so auf die Liste und sehe, oh Mensch, blöd, Valerie ist auch dabei. Naja, wir müssen ja nicht nur miteinander abhängen, die Dritte im Bunde ist ja ganz sympathisch, das wird schon irgendwie werden. Wir sind dann also nach Spanien gefahren, und irgendwann haben wir begonnen, dort Musik zu machen. Die Dritte war eine zweite Sängerin, und als wir im Marketing-Kurs die Aufgabe hatten, Konzerte zu vermarkten, dachte ich mir, naja, machen wir jetzt eben deutsche Duette durch alle Jahrhunderte. Ich habe die beiden anderen Mädels gefragt und dachte vorher noch, mit Viola wird’s schon gut werden, mit Valerie – naja, mal gucken … Und so haben wir in Spanien zu dritt angefangen, gemeinsam Musik zu machen. Als wir dann wieder zurück waren, ist die zweite Sängerin ihre eigenen Wege gegangen, doch bei uns beiden hatte sich durch Spanien mittlerweile so eine schöne Freundschaft entwickelt, dass wir dachten, jetzt machen wir doch weiter …

Valerie: „Es fühlt sich doch so gut an!“ Denn tatsächlich war es wie Therapie, für die beiden Sängerinnen Klavier zu spielen, das tat so gut! Und wir sind dann so darin aufgegangen, dass wir uns gesagt haben, wenn wir zurückkommen, möchten wir auf jeden Fall weiter machen! Leider ist eine dann abgesprungen … Aber es war ja auch alles nur Klassik, was wir da gemacht haben …

Caroline: Ich glaube, dass hängt auch damit zusammen … Also, zum einen verstehen wir uns sehr gut, sind auch privat gut befreundet, zum anderen aber damit, dass das Repertoire, das wir machen, auch eine gewisse Vielseitigkeit hat, die uns beide sehr reizt. Auch dieser hohe kabarettistische Wortwitz – man muss schon sehr viel spielen im Sinne von schauspielern, um das entsprechend zu illustrieren. Ich hatte das im Studium, Valerie hat Impro-Theater gemacht – uns liegt diese Spielerische irgendwie im Blut. Und dann liegt es auch ziemlich nahe, sich damit auch gemeinsam auseinanderzusetzen.

Valerie: Wir hatten ja zu dritt versucht, das mal weiterzumachen, und dann meinte Caroline, dass die Zwanziger ganz gut wären, und dann haben wir das mit einer anderen Sängerin probiert – das ging überhaupt nicht! Die wollte nur dasitzen und spielen!

Caroline: Und dann haben wir uns eben zusammengetan und angefangen, herumzubasteln – und das hat sich dann zu dem, was es jetzt ist, zu diesen Rollen, entwickelt. Das hat gepasst wie der richtige Schuh – und so fühlt es sich auch an. Jetzt ist es das Richtige. Daran haben wir ziemlich lange gebastelt und geguckt, was da so kommt, aus uns.

Ziemlich lange … was heißt das konkret?

Caroline: 2009 hatten wir das erste Erlebnis, wo wir gesagt haben, na, mal gucken, das könnte was werden. Mein Vater wurde sechzig, und ich sagte, Mensch komm, Valerie, wollen wir nicht ein bisschen Musik machen? Na gut, das ist jetzt in drei Wochen, los komm, hier halbe Stunde Programm … Und Valerie meinte, naja, ich kann dir aber nichts versprechen … (lachen) Und das war, glaube ich, auch der Grund, weshalb das so gut anlief: Wir haben Spaß daran und wir gucken, was kommt. Und dann haben wir uns mit der Literatur auseinandergesetzt, und da war ein Superstück nach dem anderen, und wir waren wie „Oh ja, das nehmen wir noch, und das nehmen wir noch, oh Mann, das ist ja total super“, und tatsächlich gibt es ja einen Riesen-Pool an diesen Stücken … Und es ist ja heute noch so, dass man eine ganze Liste im Hinterkopf hat, wo man denkt, das nächste Programm ist auf jeden Fall schon mal gebongt! Im Grunde könnte man … also, wenn man auf so viele Stücke Lust hat …

Valerie: … auch thematisch! Man könnte zu so vielen Themen ein ganzes Programm machen und die Stücke stünden schon zur Verfügung!

Mit der Literatur auseinandergesetzt heißt, dass ihr von dem Notentext ausgeht, oder dass ihr euch tatsächlich auch mit Sekundärliteratur beschäftigt habt?

Caroline: Naja, es ist ja so: Diese Zeit oder diese Musik, wie es ja immer ist, aber hier ganz besonders, spiegelt ein bestimmtes Lebensgefühl wider, die schmeckt das so – zum Beispiel diese Feierlust! Das ist nur ein Aspekt, aber den merkt man bei dieser Literatur, also bei Büchern, die in dieser Zeit geschrieben wurden. Wir haben uns auch ohne Ende Filme angeguckt, einfach auch für die Figurenarbeit: Was wurde gemacht, was wurde getanzt, was wurde getragen, was für eine Frisur, welches Make-up, welche Kleider – einfach lesen, schnuppern, bestellen, machen, tanzen gehen!

Valerie: Ganz wichtig waren aber auch Seminare. Wir hatten ein musikwissenschaftliches Seminar …

Caroline: Ganz ungewöhnlich! Denn sonst waren die eher spröde und hatten Brahms im Vergleich zu Wagner oder so etwas zum Inhalt! Und plötzlich war es so … wie hieß das doch gleich?

Valerie: „Es liegt in der Luft was Idiotisches“!

Caroline: Genau: Es liegt in der Luft was Idiotisches. Das ist auch das erste Lied von unserem Programm. Und dieses Seminar war total super, da ging es um Kabarett, Operette und Revue hier in Berlin. Das war auch noch einmal so ein weiterer Baustein.

Valerie: Eine Art theoretischer Hintergrund aus der musikwissenschaftlichen Richtung. Man hat sich da mit der Musik auseinandergesetzt und ihren Hintergründen, aber natürlich auch mit den Persönlichkeiten der Interpreten – und eigentlich fing da schon die Auseinandersetzung mit Marlene an, wenn auch auf einem anderen Level. Fräulein Mitzi, die Figur von Caroline, war dann auch relativ schnell fertig. Bei mir war das dadurch, dass ich keine Sängerin bin, schwieriger. An Frau Rosenroth habe ich auch lange basteln müssen, wir haben sie immer wieder umgemodelt, sie fühlte sich noch nicht gut an … Ich habe mich in dem Zusammenhang dann mehr mit der Zeit als mit Figuren beschäftigt, habe gesammelt und sogar eine ganze voll plakatierte Wand zu meiner Inspirationswand erklärt. Da Carolines Rolle so überkandidelt war, habe ich nach eher strengeren Frauen gesucht, und zwar gar nicht so aus dem künstlerischen Bereich, sondern aus dem alltäglichen Dasein. Das Lustige ist ja, dass der zündende Funke gar nicht so die damalige Zeit an sich war, sondern das Autobiografische: der russische Akzent. Und die Leute lieben das! Wir haben viel Impro gemacht, und plötzlich kam das so, und das war es dann! Und in den Zwanzigerjahren gab es ja diese russisch-jüdische Immigration, Exil und Wieder-da-Sein, und das ist ja auch irgendwo meine Geschichte, dieses Woanders-Geborensein, Wieder-Zurückkommen, mit zwei Sprachen und Kulturen auseinandersetzen: Das ist für mich die Widerspiegelung der Zeit auf einer autobiografischen Ebene. Meine Familie sind Spätaussiedler, ich bin in der ehemaligen Sowjetunion geboren, meine Mutter ist Russin und eigentlich ist meine Muttersprache russisch. Mein Vater sprach zwar noch deutsch, aber wir haben zu Hause nie deutsch gesprochen, das musste ich mit zwölf hier neu lernen – und meine Mutter auch. Für die Rolle der Frau Rosenroth musste ich – (verfällt in den russischen Akzent) – sprechen wie meine Mutter und plötzlich ist die Figur da: Isssst russischä Sääle.

Caroline: Und das ist auch dieser kabarettistisch-komische Effekt! Auch wenn Rosenroth ernste Themen besprechen oder böse sein will, ist sie das nicht, weil der Akzent einfach so etwas Charmantes hat. Und dieser Charakter in Verbindung mit der sehr überschäumenden Mitzi – da fallen uns immer wieder kabarettistische Dinge ein, die man da wunderbar bringen kann!


Immer in Bewegung: Caroline Bungeroth.

Apropos Akzent: Mit dem Namen Duo Scheeselong greift ihr ja auch direkt eine sprachliche Referenz auf das Berlin der damaligen Zeit auf – ich glaube, meine eigene Großmutter hat zu ihrem Ruhemöbel noch Scheeselong gesagt. Ist dieser Namen generell als Omen für eure Musik zu verstehen, also, dass ihr euch ausschließlich mit den Liedern der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre beschäftigt und dass wir auch in Zukunft von euch eher kein Programm mit, sagen wir, zeitgenössischer Popmusik erwarten dürfen?

Caroline: Ja. Zwanzigerjahre, berlinerisch. Deswegen auch Scheeselong und nicht Chaiselongue. Zur der Zeit hatte hier halt jeder dieses Ding rumstehen, die Scheeselong.

Valerie: Und es hat ja irgendwo auch etwas Frivoles … Auf der anderen Seite aber auch etwas ganz Alltägliches. Aber auch, aus der heutigen Sicht, etwas, das wieder schick oder antiquarisch wertvoll ist, also etwas Besonderes. Und auf der Scheeselong liegt eben die entsprechende Frau drauf … oder auch zwei …

Caroline: Nämlich wir! (lacht) Und tatsächlich ist es so, dass wir aus dem heutigen Pop-Bereich .. Eher keine Inspiration schöpfen. Wobei ich zugegebenermaßen mal ein großer Madonna-Fan war.

Der Name spiegelt also all das, was ihr mit eurer Musik vereinen wollt, egal, welche Programme da noch kommen. In dem aktuellen Programm aber gibt es mit „Neulich im Neandertal“ auch eine Eigenkomposition. Ist das etwas, was wir in Zukunft öfter von euch hören werden, Eigenkompositionen im Stile der Zwanzigerjahre?

Caroline: Absolut, ja. Ich habe da ja Blut geleckt, im Dezember im Heimathafen, das war das erste Austesten einer Eigenkomposition vor Publikum. Und die Resonanz hat mich sehr gefreut und inspiriert – ich bin also fleißig dabei!

Ich jedenfalls habe mich bei „Neulich im Neandertal“ köstlich amüsiert!

Caroline: Das neue Lied, an dem ich jetzt gerade dran bin, gefällt mir auch. Ich muss sagen, ich habe jetzt schon einen Ohrwurm davon – ich erwische mich, dass ich es vor mich hinträllere!

Valerie (mit theatralisch exaltierter Stimme): Du bist in eine neue Schaffensperiode eingetreten!

(großes Gelächter)

Das Neandertal hat mir noch einen wochenlangen Ohrwurm beschert …

Caroline: Sehr gut! Und das Neue wird noch ohrwurmartiger …

Da muss ich gleich eine für später geplante Frage vorziehen. Wenn ihr sagt, ihr schreibt eigen Sachen, Ohrwürmer – ist da etwas in Richtung CD-Produktion geplant?

Caroline: Langfristig ja. Nur stehen jetzt erst einmal so viele andere Dinge an. Eine CD ist letzten Endes unvermeidlich und ist auch irgendwann dran – aber nicht in allernächster Zukunft.

Valerie: Das ganze Jahr ist schon so voll mit Plänen! Erst einmal haben wir das Debüt-Programm beim Kurt-Weill-Festival nächste Woche, wo schon eine gute Resonanz da ist. Die Leute da wollen sogar so eine Art Coming-Home-Story machen, weil Caroline ursprünglich ja aus Dessau kommt. Dann die große Berlin-Premiere am 9. März im Grünen Salon mit anschließender Swing-Party – wir sind gerade dabei, die Achse zum Tanz verstärkt aufzubauen und in Richtung Tanztee zu arbeiten, aber mehr wollen wir hier noch nicht verraten!


Das Bild, das Valerie Wildemann da bewundert, stammt von ihrer mittlerweile ebenfalls in Deutschland lebenden Lanadsmännin Ekaterina Moré

Soviel also zu den Plänen des Duos Scheeselong. Was treibt ihr aber musikalisch, wenn ihr nicht als Duo unterwegs seid?

Caroline: Musikalisch? Also, nicht nur nicht als Duo – es kommt vor, dass wir nach einer Party, wenn wir schon so richtig abgedanced haben, uns noch einmal hinsetzen und klassische Mendelssohn-Lieder vom Blatt spielen. Es ist gar nicht so, dass wir immer in diesem Zwanzigerjahre-Stil unterwegs sind. Gerade Valerie macht viel Klassik …

Valerie: Ja, das wird ja auch im Programm schon angedeutet. Sowohl sängerisch als auch pianistisch, also einfach künstlerisch, kommt man weiter, wenn man an der Klassik dran bleibt.

Das heißt, ihr gebt auch Klassik-Abende?

Valerie: Nein, nicht öffentlich. Das ist eine ganz bewusste Entscheidung, um uns als Duo Scheeselong da abzugrenzen. Klassik ist aber der Grundstock unserer internen Weiterbildung, es übt einfach das Handwerk. Und die Klassik wird auch auf jeden Fall bleiben, schließlich kommen wir von dort!

Caroline: Ansonsten leben wir unsere Begeisterung für Musik auch gern tänzerisch aus. Für richtige musikalische Einzelprojekte bleibt momentan aber keine Zeit. Wir haben zwar noch ein anderes Projekt mit Operetten-Duetten, aber da ist Valerie auch mit dabei … Eine von diesen Operetten haben wir ja auch im Marlene-Programm, und da wird das halt noch ausgeweitet.

Valerie: Es gibt noch so viel, was uns begeistert! Wir sind zum Beispiel totale Georg-Kreisler-Fans, und es stand schon fast an, mal einen Georg-Kreisler-Abend zu machen, wobei jetzt einfach andere Dinge dazwischen gekommen sind, die anstanden und angefragt wurden. Das ist eine Sache, die nicht aus den Zwanzigern kommt, die aber einfach von der Idee sehr textlastig im positiven Sinne, mit sehr viel Wortwitz, uns entgegenkommt. Es ergänzt sich so schön!

Caroline: Genau, diese Schärfe bietet einen sehr schönen Gegensatz. Und das sind eben auch Chansons, wo wir sagen, wenn es jetzt nicht in den Zwanzigern bleibt, sondern in Richtung Chanson geht, wenn die gut sind, dann sind wir auch schnell dafür zu haben! Wir haben schon überlegt, ein ganzes Kreisler-Programm zu machen …

Ich sehe, ihr habt mehr Ideen als Zeit, und wenn ihr musikalisch unterwegs seid, dann immer zu zweit. Da gibt es keine Soloklavierabende …

Valerie: Nein, nur intern, nicht öffentlich.

Caroline: Als die Phase des Anlaufens war, hatten wir auch noch viele Sachen getrennt gemacht, haben dann aber, weil wir gemerkt haben, es ist so viel bei uns da, ziemlich viele Sachen geschmissen. Wir haben gesagt, wir konzentrieren uns jetzt auf das, wo wir merken, das gibt uns selber so viel, das macht uns so viel Spaß, da stimmen einfach so viele Faktoren in der Zusammenarbeit … Das ist gar nicht so einfach, da jemanden zu finden! Zwei Frauen, das ist immer schwierig. Das hat so ein …

Valerie: Reizpotenzial.

Caroline: Das Wort hab‘ ich gesucht! Kann es haben. Aber bei uns funktioniert es sehr gut.

Obwohl ihr auch noch privat befreundet seid …

Oder vielleicht gerade deshalb. Wir sagen uns, dass es drei Dinge gibt, die sehr wichtig sind. Das Eine: Auf der Bühne muss es funktionieren. Das andere: Das Organisatorische muss funktionieren. Und dann muss man sich auch irgendwie leiden können. Salopp gesagt. Und diese drei Dinge haben sich sehr gut bewährt bei uns und auch als sehr inspirierend und befruchtend in jeglicher Hinsicht erwiesen. Das funktioniert wirklich mit ganz wenigen, und aufgrund dessen haben wir die ganzen anderen Geschichten, die wir parallel aufgebaut hatten, bewusst gestrichen.

Allerdings unterrichten wir beide auch noch parallel, das ist uns auch sehr wichtig. Und zwar, aus den unterschiedlichsten Gründen. Zum einen, um ein bisschen Regelmäßigkeit zu haben und das normale Leben leben zu können und nicht nur dieses abgehobene Künstlerleben. Man kommt dahin, und es ist schön, einfach mal auch nicht als Künstler wahrgenommen zu werden. Ich weiß, dies sind die Zeiten, man kommt dahin, und das ist jede einzelne Woche so.

Wir unterrichten freiberuflich, und das soll auch so bleiben, weil wir diesen Ausgleich einfach sehr schätzen. Unser Repertoire plus das Kabarettistische plus unsere Bühnenfiguren sind einfach so aufgedreht, das man diesen Ausgleich gerne hat. Außerdem ist es so, dass ich gerne etwas weiter gebe.

Es ist ja auch ein Geben und Nehmen, nicht?

Ja, man hat da einige junge Menschen, denen man in der Entwicklung so ein bisschen hilft, und das Ziel ist, dass sie mitkriegen, ey Mensch, Musik ist was Tolles, das möchte ich gern in meinem Leben haben! Auch wenn unsere Schüler zu unseren Konzerten kommen und völlig begeistert sind und sagen, das will ich aber auch, ist das etwas sehr Schönes.

Das Pädagogische soll aber nicht unser Schwerpunkt sein. Von der Zeit her, die man investiert, von der Energie und von der Einstellung … und von der Intensität des Sich-damit-Beschäftigens … ist das Duo Scheeselong auf jeden Fall das Präsenteste von allem, was wir machen.

Und Unterrichten als eine Art Erdung.

Genau.

Und vermutlich natürlich auch, um die Miete bezahlen zu können …

Zumindest, dass man nicht den Stress hat, jetzt alles machen zu müssen, was man angeboten bekommt. Wir können durch das Unterrichten machen was wir machen, und das machen wir mit Leidenschaft. Ich denke, das kommt dann auch rüber. Wenn man dagegen Dinge macht, die man muss, aber eigentlich nicht möchte, das ist für das künstlerische Selbst einfach nicht gut!

Ihr gönnt euch also den Luxus, unliebsame Angebote auch durchaus abzulehnen.

Ja, und das machen wir auch konsequent. Was uns wichtig ist, und weshalb wir unter anderem auch so gern unterrichten: Dass das kein Selbstläufer wird und kein Muss. Das Duo-Projekt hat sich ja daraus entwickelt, dass wir gesagt haben, es tut so gut! Wir haben so viel Spaß dabei! Es fühlt sich nicht wie Arbeit an! Wir kennen aber auch leider sehr viele Kollegen, die wirklich viel spielen, und wo wir einfach sehen, diese Begeisterung dafür und dieses Wohltuende kann einfach nicht mehr gegeben sein. Das nutzt sich so ab, die Lust geht verloren. Das ist für die Leute total doof, die auf der Bühne stehen – aber auch für das Publikum total bescheuert! Da hat man mehr davon, ein Bier trinken zu gehen, als jemandem zuzugucken, der kein Bock hat, das zu tun. Es ist ja gerade im Kleinkunstbereich so, dass man irgendwann einfach mal unheimlich viel unterwegs sein muss. Und deshalb sagen wir auch, wir wollen lieber gut geplante, ausgewählte und gut vorbereitete Konzerte machen, wo dann einfach alles stimmt: Wo unsere Stimmung stimmt, wo wir darauf Lust haben und uns darauf freuen, wo wir lieber die Energien investieren, dass die Bedingungen stimmen und das eben alles da ist, was wir brauchen, sodass wir daraus dann auch Energie schöpfen können.

Wo ihr eure Auftritte so handverlesen auswählt – kann man euch überhaupt privat buchen?

Ja, das machen wir meistens sehr gern. Natürlich ist auch hier der Vorteil: Man muss nicht alles machen.

Habt ihr für solche Anlässe ein angepasstes Programm, was dann beispielsweise auch kürzer ist?

Wir haben unterschiedliche Programme zusammengestellt, die unterschiedliche Sparten bedienen. Das letzte Programm, welches wir für das Gourmet Festival Sylt aufgebaut haben, ist zum Beispiel ein Menü-Programm, wo wir quasi verbunden mit einem Essen und dem kulinarischen Genuss der Zwanzigerjahre zwischen den Gängen ein entsprechendes Programm servieren. Das ist dann natürlich auch kürzer und anders aufgebaut, aber unsere Charaktere bleiben erhalten. Wir sind auch weiter Fräulein Mitzi und Frau Rosenroth, aber eben entsprechend des Anlasses gekürzt. Trotzdem sind wir auch da das Duo Scheeselong.

Es ist eigentlich nie so, dass wir nur auf unser Äußeres und unsere Stimme bzw. unser Instrument reduziert werden – wir spielen immer, und das Schauspielerische ist auch das, was uns wichtig ist.


Eigentlich ist das ja Kopfhörerhunds Scheeselong. Der wird spontan geherzt …

Ich muss mich an dieser Stelle schon einmal für das schöne Gespräch bedanken, denn mit meinen musikalischen Fragen bin ich dann durch. Wie ich euch aber schon angekündigt habe, schließen Interviews für den Klangblog generell mit einer (Kopfhörerhunde-)frage. Ich habe im Vorfeld ein bisschen recherchiert, und der einzige Bezug zwischen Marlene Dietrich und Hunden, den ich gefunden habe, war, dass Remarque ihr in ihrem Briefwechsel immer von seinen Hunden vorschwärmte. Dabei hätte ich der Diva eigentlich so einen kleinen Handtaschenhund zugetraut! Wie ist das mit euch, habt ihr einen Bezug zu Hunden oder haltet ihr es eher wie die Dietrich?

Caroline: Also, Valerie ist ein Katzenmensch. Die hasst Hunde

Valerie: So steht es zumindest auf unserer Website. Das stimmt nicht ganz – man muss ja immer ein bisschen übertreiben! Aber ich habe eine Katze und bin ein Katzenliebhaber. Es ist zwar eine ganz normale, vollkommen unspektakuläre Hauskatze, aber sehr temperamentvoll, wo ich das Gefühl habe: das hat sie von mir geerbt! Es ist ein Kater, und er hat auch Spitznamen wie „Düsenjäger“ und ähnliches … Er ist wirklich sehr temperamentvoll!

Caroline: Allerdings! Ich habe leider keinen Hund, aber ich bin eher ein Hundemensch als ein Katzenmensch.

Was ja dann auch wieder eure Rollen spiegelt …


… und trägt es mit Fassung.

Die Eintrittskarte zur Berlin-Premiere von „Rendezvous mit Marlene“ am 9. März 2012 im Grünen Salon gilt gleichzeitig auch als Entréebillet für die anschließende Swing-Dance-Party mit DJane Swingin’ Swanee – es soll, anlässlich des Frauentages am Vortag, ein richtiger „Frauen-Retro-Abend“ werden. Sie können kein Swing tanzen? Kein Problem! Die Crew von der Tanzschule Swing Patrol sorgt für eine Tanzeinführung. Holen Sie also Ihre Flapper Dresses aus dem Schrank oder kommen Sie im Garconne-Stil – aber kommen Sie, und zwar zahlreich!

27. Februar 2012

Anspruch und Wirklichkeit – Lyambiko im Live-Check und in Victoriah’s Music

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:24

Der Neujahresvorsatz für den Klangblog – neben der Verrentung Kopfhörerhundes, der außer Haus keine offiziellen Termine mehr absolvieren muss, dafür ist er jetzt einfach zu gebrechlich – lautet: weniger Konzerte. Im letzten Jahr hatte ich einfach zu oft das Gefühl von zu viel Musik. Eins im Monat soll es nun werden. Klar, dass das dann ein ganz besonderes sein muss. Im Januar hatten wir Liz Green, im Februar ist es Lyambiko – jene Dame, mit der ich mein erstes Interview für den Klangblog führte. Ich gebe zu: Ich hatte verdammte Angst. Schließlich hatte ich seit meinem allerersten Interview mit siebzehn keine Übung mehr darin, Menschen zu befragen. Und zu diesem allerersten Interview kam ich auch eher wie die Jungfrau zum Kinde. Ich war auf einem Schüleraustausch in Oxford, Mississippi. Dort lebte – oder vielleicht tut er das immer noch – der Schriftsteller John Grisham, der damals gerade mit seinem zweiten Roman “Die Firma” für Furore sorgte. 1993 muss daqs gewesen sein. Jedenfalls: Die Mitschüler fanden mich alle doof. Und bevor Sie mich jetzt bedauern, kann ich Ihnen versichern, dass das auf herzlicher Gegenseitigkeit beruhte. Aber dann kommt der berühmte Mann, und man schreit nach dem Klassen-Nerd, auch wenn es den Begriff Nerd damals noch nicht gab und ich darüber hinaus nicht weiß, ob er auch für Mädchen zulässig ist. Jedenfalls kriegten es alle mit der Angst und ich war also dran. Das lief auch ziemlich gut und ich weiß nicht, ob ich nicht damals im Hinterkopf beschlossen hatte, Journalistin zu werden.


Rechts vorn im Bild der Autor, ein Buch signierend. Links im Bild: Mein 17-jähriges Ich im roten Pullover und wild gestikulierend. Der rote Pulli und die Gesten sind geblieben. Auch bei John Grisham hat sich nicht viel verändert: Er hat inzwischen gefühlte zwanzig Romane nach ebenjenem Strickmuster veröffentlicht, welches er für seinen Zweitling Die Firma erfand.

Wie dem auch sei. Gute fünfzehn, eher sechzehn Jahre später saß ich dann also Lyambiko gegenüber, und wenn ich mir mein Gestottere auf dem Band anhöre, schäme ich mich bis heute! Was habe ich mich gefürchtet vor der Frau! Aber auch das haben wir irgendwie über die Bühne gebracht, Interviews machen mir keine Angst mehr, und apropos Bühne: Auf einer solchen stand Lyambiko letzten Freitag in der Passionskirche, um ihr aktuelles Album Lyambiko sings Gershwin vorzustellen.

Eine wunderschöne Location für ein Konzert, behaftet allerdings mit dem Manko, dass die Akustik auf der Empore ziemlich schwiemelig ist. Die Ansagen zwischen den Songs sind kaum zu verstehen, und auch der Klang von Instrumenten und Stimme vermischt sich zu einem undurchdringlichen Soundbrei. Die Gegenprobe ist schnell gemacht, unten im Kirchschiff klingt das Ganze bedeutend besser – wobei “besser” leider nicht “gut” bedeutet. Ich möchte nicht so weit gehen wie Bassplayerman, der, konfrontiert mit It Ain’t Necessarily So, kurz und bündig feststellt: “Dafür reicht das Stimmchen leider nicht!”, nein, das nicht. Doch tatsächlich ist der Unterschied zwischen Lyambiko auf Platte und Lyambiko auf der Bühne eklatant. Zudem kommt man nicht umhin festzustellen: Liest man das eingangs erwähnte Interview mit dem Live-Erlebnis im Ohr noch einmal, ist die Kluft zwischen formuliertem Anspruch und Wirklichkeit tief. Was wir hier lesen, hören wir an dem Abend definitiv nicht. Lyambiko ist für uns keine Jazz-, sondern eine Popsängerin, die uns solch wunderbaren Songs wie Give It Up oder Inside Outside geschenkt hat – meine beiden ganz persönlichen All-time-Lyambiko-Favorites, die mich jahrelang intensiv begleitet und mir auch durch nicht ganz so schönen Zeiten geholfen haben. Mittlerweile muss ich auch noch Lyambikos Version des Soundgarden-Hits Black Hole Sun dazuzählen. Groß.

Für den Abend in der Passionskirche trifft das nicht zu. Es ist eines der ganz wenigen Konzerte, bei denen ich in der Halbzeit gehe, da die Zeit mit Bassplayerman und einem Bier im Kneipencafé Locus am Marheinekeplatz, wo ich mich übrigens auch mit Maïa Vidal zum Interview getroffen habe, sinnvoller verbracht werden kann. Schade ist das vor allem wegen des Lyambiko-Bassisten Robin Draganic, der als Einziger im Quartett den Eindruck erweckt, wirklich Lust auf das Konzert zu haben und dabei obendrein mehr macht, als er müsste. Allerdings hostet Draganic jeden Mittwoch die legendäre Jam-Session im b-flat, die hier noch einmal ausdrücklich empfohlen sein soll.


Draganic!

Dennoch: Vom Abend bleibt Lyambikos Version von It Ain’t Necessarily So, die mir tagelang im Kopf herumspukt. Die gibt es auch auf dem Album Lyambiko sings Gershwin zu hören, das gänzlich bereinigt von allen Live-Lustlosigkeiten und perfekt produziert eine Ahnung davon gibt, wie das Konzert hätte sein können. Die Besprechung des Albums findet sich wie immer auf fairaudio.de. Besprochen wurden hier neben Lyambiko sings Gershwin die aktuellen Platten Christina Lux, Leonard Cohen, Solveig Slettahjell, Alex Winston, Florian Fleischer, The Stewardesses sowie El Bosso & den Ping Pongs. Viel Spaß!


Alex Winston

13. Februar 2012

Mädchenboxen oder das Wie-geil-ist-das-denn!-Genre: die Platte des Monats ist online

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 08:09

“Sympathisanten des Titanic-Kolumnisten Max Goldt, zu denen nicht nur die Autorin gehört, sondern auch mindesten einer der beiden fairaudio-Herausgeber, wissen es schon längst: „Was auf die Boxen stellen ist typisch Mädchen“. Gemeint ist hier der wohl geschlechtsspezifische Trieb, allerlei Zierrat auf den Boxen einer Stereoanlage abzulegen. Und tatsächlich! Wende ich den Kopf, stehen da auf der Box a) ein vor gut zwanzig, eher dreiundzwanzig Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei mitgebrachter hölzerner Hahn, dem die Funktion eines Nadelkissens sowie Nähgarnhalters zukommt (ja, den benutze ich tatsächlich) und b) ein vogelartiges Wesen von unglaublichem Umfang – man könnte auch „fette Henne“ dazu sagen –, die eine meinen Eltern befreundete Keramikerin hergestellt hat, in friedlicher Koexistenz.

Dabei mag ich gefiedertes Getier eigentlich gar nicht besonders, und ich hätte mich jetzt auch nicht zwingend als Sammlerin kitschiger Staubfänger in Tierform gesehen. Hm. Letzten Endes tröste ich mich damit, dass nicht zählt, was auf den Boxen steht, sondern was aus den Boxen herauskommt. Und das ist bei mir im Moment ganz was Feines: das Debütalbum O, Devotion der britischen Sängerin/Songwriterin Liz Green.

[...]”

Weiterlesen? Das geht – wie immer auf fairaudio.de!

Liz Green im Klangverführer-Interview plus einiger Klangproben gibt es hier.

4. Februar 2012

Wir fanden einfach die Musik gut. Trio-Ohrenschmalz im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 10:00

Kennt man das Trio Ohrenschmalz nur von der Bühne, ist man erst einmal überrascht, wenn man zwei Drittel davon privat trifft. Im Gegensatz zu Künstlern wie beispielsweise Andrej Hermlin setzen die Musiker den Zwanzigerjahre-Stil nicht auch noch zu Hause konsequent fort, sondern öffnen die Tür statt in Frack und Vatermörder in Jeans und Kapuzenpulli. Und auch die Frisuren sind irgendwie anders. “Wir sind keine Nostalgiker”, meinen Stefan Haberfeld und Julius Hassemer dann auch, als ich sie in Berlin zum Interview treffe.

Stilecht in Zwanzigerjahre-Kleidung und komplettiert durch Geigerin Angelika Feckl kann man das Trio Ohrenschmalz heute und morgen Abend mit seinem Programm Zuviel Appeal noch einmal im Heimathafen Neukölln sehen und hören. Warum sie sich nicht als Bestandteil der Zwanzigerjahre-Szene sehen, was die Musiker machen, wenn sie nicht zusammen spielen, und was das nächste Jahr für das Trio bringen soll, haben mir Stefan und Julius schon letzten Sonntag verraten, während sie gleichzeitig alle Hände voll zu tun hatten, die zum Tee gereichten hausgemachten Scones und Schokokekse vor einem gierigen Kopfhörerhund, der auch ansonsten seine eigentlich gute Erziehung zu Hause vergessen zu haben schien, in Sicherheit zu bringen.

Zu Kopfhörerhunds Verteidigung sei hervorgebracht, dass er erkrankt war, wie sich am Abend zu Hause herausstellte. Das erklärt natürlich das nervöse Hin und Her, welches er hier ebenso wie schon in den letzten Tagen zeigte und das alle in den Wahnsinn treibt! Das ist eben das Problem mit unseren Fellfreunden: Die können nicht einfach so sagen, mein lieber Mensch, bring mich zum Arzt, damit er mir Medizin gibt und ich mich wieder wohl fühle. Kopfhörerhund kann im Falle von Befindlichkeitsstörungen nur auf- und ablaufen. Allerdings läuft er auch auf und ab, wenn er aufs Klo will, wenn er Hunger hat, wenn er sich langweilt … Aber das ist eine andere Geschichte.

 


Privat mit einem die Gebäckschale hypnotisierenden Kopfhörerhund …

Klangverführer: Es ist jetzt fast ein Jahr her, seit ihr am 11. Februar 2011 mit der Vorab-Premie von eurem Programm „Zuviel Appeal“ im Admiralspalast eine rauschende Nacht gefeiert habt – was feiern wir heute, oder, anders gefragt: Was ist der Anlass für dieses Interview?

Trio Ohrenschmalz: Wir nehmen das Programm nach ein paar Monaten Pause wieder auf und spielen es jetzt am Wochenende im Heimathafen Neukölln. Wir wollten das Programm ja sowieso oft spielen, und auch, wenn wir am Anfang gleich fünf Auftritte hatten – was ja schon ziemlich viel ist –, war es schon klar, dass wir damit auch noch einmal in Berlin auftreten wollen. Leider klappt es nicht, sich für ein Jahr oder sogar länger hinzusetzen, um ein Programm zu erarbeiten, was einem gefällt, und es dann nur für kurze Zeit in Berlin zu spielen – das wäre uns zu wenig gewesen. Natürlich auch finanziell, aber vor allem, weil das eben unser Ding ist und wir es den Leuten hier noch einmal zeigen wollen. Und im Gegensatz zu unserem vorigen Programm haben wir auch von vielen Leuten hier gehört, dass sie sich vorstellen können, sich „Zuviel Appeal“ noch einmal anzusehen. Und natürlich hoffen wir auch, dass „Zuviel Appeal“ ein Programm ist, was man durchaus zweimal sehen kann – vor allem, wenn schon ein Jahr dazwischen liegt und man die Gags schon vergessen hat … Vielleicht sagt der eine oder andere dann, ach ja, klar, ich erinnere mich, aber ich finde es trotzdem lustig.

Wird das Programm denn in genau der Form, in der ihr es vor einem Jahr gespielt habt, wieder auf die Bühne gebracht oder hat sich da inzwischen was verändert?

Na, mal sehen, was sich verändert – wir haben es, seitdem wir damit im Mai im Heimathafen waren, ja nicht nochmal gespielt!

Das heißt, ihr habt euch jetzt nicht vorgenommen, bestimmte Sachen anders zu machen …

Nein, eigentlich nicht. Wir haben uns das jetzt noch einmal auf dem Video angeguckt, und für gewöhnlich schleifen sich über die Zeit immer ein paar neue Sachen ein, hier ein neuer Gag zum Beispiel, da ein neuer Ablauf, aber im Allgemeinen ist das bei diesem Programm erstaunlich selten der Fall. Wirklich nur ganz wenige Details.

Ihr habt ja letztes Jahr nicht nur in Berlin mit eurem Programm begonnen, sondern seid dann auch ganz schön herumgekommen damit! Ihr wart in Weimar, in Aachen, und ihr wurdet sogar in Stockstadt am Main aus 156 Bewerbern ins Finale gewählt, um um den „5. Stockstädter Römerhelm“ zu spielen … Was ist daraus eigentlich geworden?

Das hat geklappt! Der „Stockstädter Römerhelm“ ist ja so ein Kleinkunstpreis, und es war ein sehr langer und sehr lustiger Abend da in Stockstadt mit den fünf Finalisten. Wir haben uns total gefreut, dass wir den Preis dann bekommen haben. Natürlich konnten wir dort nicht unser ganzes Programm spielen, weil alle fünf Finalisten an einem Abend gespielt haben, aber es hat großen Spaß gemacht. Wir wollen das auch wieder machen, wir sind jetzt quasi schon in der nächsten Runde, wo wir uns bewerben. Schließlich gibt es ja nicht endlos viele Sachen, auf die wir passen, aber dort in Stockstadt … Das wollen wir auf jeden Fall nochmal machen! Das Schöne daran ist, es ist ein kleinerer Preis, eine kleinere Location, wo es einfach so nett zugeht, wirklich nett! Der Typ, der das gemacht hat, hat offensichtlich sein ganzes Herzblut in dieses Ding gelegt, und das macht diese Veranstaltung letzten Endes auch wirklich gut. Anderenfalls hätten die ja auch gar nicht fast hundertsechzig Bewerbungen. Stockstadt ist ja ein kleines Örtchen, und man hat gemerkt, dass für diese ungefähr zweihundert Stockstädter, die da waren, dieser Kleinkunstpreis eines der Highlights im Jahr ist. Die wollten da hin, die wollten das sehen! Die waren vom ersten Moment an total dabei und es hat alles sehr persönlich gewirkt. Man hatte auch den Eindruck, dass der Organisator dort jeden Einzelnen persönlich kennt, das war wirklich sehr nett. Und das heißt auch, wir mussten da keine Angst haben. Man kommt da hin, weiß nicht, wie gut die anderen Leute sind und ob man da überhaupt eine Chance hat, aber wir konnten da richtig mitmischen und haben dann ja sogar den Preis gewonnen! Jetzt werden wir nicht mehr auf den nächsten Wettbewerb gehen und denken, oh Gott, die machen uns ja platt und wir werden uns blamieren …

Es war also auch richtig gut für eurer künstlerisches Selbstbewusstsein! Damit erübrigt sich eigentlich die Frage, die ich hier anschließen wollte, nämlich, wie euer Programm denn während der Tour beim Publikum angekommen ist, aber offensichtlich ja sehr gut …

Ja, es ist wirklich gut angekommen. Diese ganzen Stationen, die wir mit „Zuviel Appeal“ bespielt haben, da werden wir auch überall wieder hinfahren! Wir werden wieder nach Aachen fahren, wir werden wieder nach Stockstadt fahren in diesem Jahr … Und es ist für uns sehr schön, wenn sich dann auch außerhalb von Berlin so kleine Gemeinden bilden, die sich dann darauf freuen, dass wir wiederkommen, und die noch ein paar Freunden davon erzählen und es dann immer mehr Leute werden …


… und als Trio Ohrenschmalz mit Angelika Feckl

Läuft es bei euch auch, wie heutzutage bei so vielen Künstlern, zunehmend über die sozialen Medien, dass sich diese kleinen Fangemeinden überall bilden, dass ihr euch mit denen vernetzt und so?

Das hilft sicherlich, aber wir glauben nicht, dass es darauf basiert. Unser Publikum setzt sich ja zum Teil auch aus etwas älteren Leuten zusammen, die da nicht so involviert sind.

Stichwort ältere Leute: Was fasziniert euch so an der Musik eurer Groß- oder sogar Urgroßeltern, dass ihr gesagt habt, das ist es, was wir machen wollen?

Also, wir glauben, wir sind gar nicht so drauf, dass zu uns charakterlich nur die Zwanziger passen. Wir fanden einfach die Musik gut und haben dann damit angefangen, denn das war etwas, womit wir sofort starten konnten, als wir dieses kleine Ensemble zusammengebaut haben. Und das war es eigentlich! Ab dann kam die Begeisterung für die Charaktere, für die Sänger, für die Komponisten, für die einzelnen Stücke, und von dort aus hat sich das immer weiter entwickelt!

Das heißt, die Trio-Mitglieder rekrutieren sich nicht aus der rührigen Berliner Zwanzigerjahre-Szene …

Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind erst in diese Szene hereingekommen, als wir angefangen haben, diese Musik zu spielen. Wir kennen diese Musik natürlich aus unserer Kindheit und aus unserer Jugend – meine Eltern zum Beispiel hören fast nur klassische Musik, und die ganz wenigen Platten, die keine Klassik waren, waren bei meinen Eltern die Comedian Harmonists. Die habe ich dann als Kind gehört, und das ging uns allen so! Der Vater von Angelika ist ein großer Otto Reutter-Fan und kann ganz viele von dessen Texten auswendig … Wir haben diese Musik also gewissermaßen in die Wiege gelegt bekommen, haben das dann auch gemacht und erst mit der Zeit, als wir mit unserer Zwanzigerjahre-Musik so ein bisschen herumgekommen sind, haben wir gemerkt, es gibt ja so eine ganze Szene dafür, die wir dann erst kennengelernt haben.

Eure Zwanzigerjahre-Musik besteht ja nicht nur darin, dass ihr die einschlägigen Gassenhauer von damals, Hollaender und so, stilecht wiedergebt – ihr schreibt ja auch selbst täuschend echt wirkende Zwanzigerjahre-Musik, zum Beispiel den Song „Arm aber sexy“, dessen Titel ja auf einem Ausspruch unseres Bürgermeisters beruht. Wie kommt man darauf, ein so zeitgenössisches Thema ins Gewand der Zwanzigerjahre zu hüllen?

Stefan: Nun ja, wir mögen diese Musik eben sehr gerne! Es ist nicht so, dass uns nicht auch andere Musikstile gefallen würden – ich persönlich mag auch Rock’n’Roll und teilweise sogar Techno und HipHop –, aber die Zwanziger liegen mir einfach. Ich kann in diesem Stil schreiben – wahrscheinlich bin ich aber nicht besonders gut darin, HipHop zu schreiben. Diese Musik funktioniert in unserer Besetzung gut, und sie passt auch gut zu den anderen Sachen, die wir können – deswegen ergibt sich das einfach so. Ich bin jetzt als Komponist nicht so festgelegt auf diesen Stil, aber würden wir in unserer Besetzung zum Beispiel versuchen, Hardrock zu machen, würde das wahrscheinlich nicht so gut klingen! Und natürlich hätten wir dann auch mehr Schwierigkeiten, dass mit ‘nem Hollaender oder mit ‘nem Reutter zu kombinieren.

Julius: Und dass die eigenen Stücke moderne Themen behandeln … Das ist in vielen Stücken von Stefan so, dass dann manche Zeilen auf einmal komplett entblößen, auf einmal so, „Zack, ich, Song, bin von heute!“ Das hat uns nie gejuckt. In mehreren Stücken ist das so, in anderen wieder nicht … Immer so, wie es besser passt. Wenn es sich wie in „Arm aber sexy“ anbietet, „Hartz IV“ als Schlagwort zu bringen, dann passiert das halt, und wenn es nicht passiert, dann kann man es natürlich mehr mit den alten Klassikern verwechseln, was die Leute tatsächlich auch oft tun – aber beides ist schön.

Stefan: Es ist ja auch so, dass uns an den alten Stücken in erster Linie interessiert, was davon heute noch von Bedeutung ist. Insofern ist die Fragestellung die gleiche. Dass jetzt in den alten Stücken Begriffe wie „Hartz IV“ oder Zitate von unserem heutigen regierenden Bürgermeister nicht vorkommen, stört uns nicht, denn die Relevanz und die Aktualität haben sie in vielen Fällen ja trotzdem! In meinen Stücken kommt es aber eben vor, dass es Zeilen gibt, die zeigen, wie alt dieses Lied tatsächlich ist.

Julius: Es ist jetzt aber nicht unser Auftrag, bei den alten Stücken auf Teufel komm raus einen Bezug zu heute herzustellen. Ändern würden wir deshalb an den alten Stücken nichts. Im Gegenteil, das alte Stück muss uns einfach schon von vornherein etwas angehen; es muss etwas enthalten, was auch heute noch witzig ist oder traurig ist – aus diesem Grund sagt uns das alte Stück ja auch heute noch etwas.

Stefan: Genau, diese Zeitlosigkeit bedingt ja auch, dass wir heute noch etwas damit anfangen können.

Eine gute Frage – glaubt ihr, dass ohnehin nur Stücke von damals überdauert haben, denen eine gewisse Zeitlosigkeit innewohnt? So, wie man es ja auch von den Stücken klassischer Komponisten gern behauptet …

Nein, nicht nur. Wenn man irgendwelche Compilations mit Schlagern aus den Zwanzigern kauft, sind da ja auch Lieder drauf, wo man heute sagt, ist zwar nett und witzig, aber vom Text oder vom Thema her ist das nun wirklich vorbei. Das gibt es auch. Aber man findet immer wieder Perlen, wo man denkt, toll, damals geschrieben, irre!

Ist das ein Aspekt bei der Auswahl eurer Stücke?

Stefan: Wir sind da sehr subjektiv und wählen die aus, die uns persönlich am besten gefallen. Und natürlich, wenn wir jetzt an so einem Programm arbeiten und noch einen dramaturgischen Verbindungspunkt brauchen und dann ein Stück finden, welches da reinpasst, nehmen wir das auch ins Programm auf, wenn uns das persönlich jetzt nur zu achtzig Prozent gefällt.

Julius: Oder Stefan schreibt einfach ein Stück für solch eine Lücke, dann hat er ganz klare Vorgaben, was er machen soll.

Mal ein ganz anderes Thema: Ich bin neulich zufällig im Internet darauf gestoßen, dass Stefan zu Weihnachten in dem Kreuzberger Kult-Café „Drei Schwestern“ zu Weihnachten Klavier gespielt hat – und das führt mich natürlich zu der Frage, was ihr – musikalisch – so treibt, wenn ihr nicht als Trio Ohrenschmalz unterwegs seid.

Stefan: Unterschiedliches! Ich zum Beispiel trete im Drei Schwestern oder bei anderen Gelegenheiten als Hintergrundpianist auf. Da geht es dann nicht um Konzerte, sondern um eine musikalische Untermalung des Abends. Ansonsten trete ich weniger als Musiker, sondern mehr als Tonmeister in Erscheinung: Ich nehme Musik auf und mische Musik. Angelika spielt in Kiel an der Oper im Orchester …

Julius: Genau, sie hat wahrscheinlich am meisten Musik in ihrem „anderen Leben“ – nämlich hundert Prozent. Ihr Job ist es, klassische Musik zu machen. Ich mache seit ungefähr ein, zwei Jahren keine Musik mehr. Früher wollte ich mal Opernsänger werden, habe aber dann angefangen zu studieren, so ist eines zum anderen gekommen. Jetzt bin ich Wissenschaftler und beschäftige mich damit, was Menschen mit ihrem Körper machen, wenn sie reden. Kurz gesagt, es geht um Körpersprache, und darüber schreibe ich gerade meine Doktorarbeit. Das macht mir so großen Spaß, dass ich bei der Musik nur noch das Beste mache: nämlich das Trio.

Müsstest du dich irgendwann zwischen dem Trio und deiner wissenschaftlichen Laufbahn entscheiden, würdest du die Musik vorziehen?

Julius: Sollte das tatsächlich der Fall sein, müsste man sehen, wie es sich dann konkret entwickelt. Bis jetzt habe ich aber immer gedacht, egal wo ich gerade stand, dass es auf der nächsten Stufe nicht mehr möglich sein wird, dass Trio und die Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen. Das habe ich immer gedacht – und ich hatte nie recht. Bis jetzt ging es immer zweigleisig weiter. Und da die Erfahrung gezeigt hat, dass beides geht, würde ich jetzt voraussagen, dass ich in drei Jahren immer noch beides mache.

Wenn du von drei Jahren sprichst, dann heißt das, dass das Trio auf jedem Fall langfristig angelegt ist und ihr nicht vorhabt, das Projekt nach „Zuviel Appeal“ wieder zu begraben?

Julius: Nein nein! Im Gegenteil, wir arbeiten ja schon wieder am nächsten Programm! Und da wir alle immer das Trio und unser anderes Leben miteinander verbinden müssen, vertritt jeder von uns zwei Interessen: das Trio-Interesse und das aus seinem anderen Leben. Im Trio-Interesse legen wir manches dann so langfristig an, dass wir uns damit selbst quasi verbieten, damit irgendwann aufzuhören.

Stefan: Es wird auch immer langfristiger! Aktuell haben wir eine Konzeptionsrunde für unser neues Programm, was in der zweiten Hälfte von 2013 starten soll.

2013 – das ist ja auch das Jahr, wo ihr euer zehnjähriges Trio-Jubiläum feiert. Gibt es schon etwas, was ihr von dem Jubiläums-Programm verraten könnt?

Können wir wirklich noch nicht. Dazu ist es einfach zu früh. Diejenigen, die damit betraut sind, verschiedene Konzepte zu schreiben, haben eine derartige Freiheit, dass wir dann wirklich erst nach Abgabe der Konzepte sehen werden, in welche Richtung es führt. Ende Februar sollen die Konzepte fertig sein; und der Plan ist, dass wir das Programm dann im September oder Oktober 2013 auf die Bühne bringen. Bis das neue Programm fertig ist, werden wir aber noch zwei Programme spielen, nämlich erst einmal unser großes Programm „Zuviel Appeal“, wofür wir große Bühnen und eine gute technische Ausstattung brauchen, und dann haben wir noch unser kleines Programm „Früher war alles wie heute“ für kleinere Locations, das ist so eine Art Best-of.

Ich weiß, dass man euch mit dem kleinen Programm auch privat buchen kann, für Hochzeiten, Geburtstage und so fort. Das große kann man sich in Form von eurer aktuellen CD nach Hause holen …

Ja, „Zuviel Appeal“ ist unser aktuelles Album und wird es auch noch ein kleines Weilchen bleiben, denn es ist offen, ob wir zu dem neuen Programm 2013 eine weitere CD herausbringen. Das hängt natürlich auch davon ab, was für Stücke es geben wird und ob es sich lohnt, für diese bis jetzt noch nicht geschriebenen Stücke eine CD aufzunehmen. Vor vier oder fünf Jahren haben wir eine Live-DVD produziert, das war ein großes Abenteuer, und danach haben wir zwei Studio-CDs gemacht. Beides kommt als nächstes Medium wieder in Frage. Der Vorteil einer CD ist, dass man sie im voraus produzieren kann und zur Premiere des Programms die CD schon fertig hat. Und gerade zur Premiere eines neuen Programms kommen alle unsere großen Fans und CD-Käufer … Es ist leider ein genereller Trend, dass es immer schwerer wird, CDs zu verkaufen. Dafür aber läuft der Verkauf auf Konzerten verhältnismäßig gut.

Apropos genereller Trend: Viele Leute kaufen ja keine physischen Tonträger mehr, sondern nur noch einzelne Download-Tracks. Mischt ihr da mit, kann man Stücke vom Trio Ohrenschmalz auf iTunes oder bei Amazon downloaden?

Julius: Ja, das haben wir gerade gemacht. Nächste Woche haben wir unseren Online Release und sind ab da bei iTunes erhältlich. Und egal in welcher Form – man hört den Songs von „Zuviel Appeal“ einfach an, dass wir uns entwickelt haben. Ich denke auch, dass wir uns auf der Bühne ähnlich entwickelt haben, aber auf der CD, auf die unsere Leistung gewissermaßen gebannt ist, kann man wirklich hören, dass sie künstlerisch besser ist als unsere erste CD.

Stefan: Stimmt, ich habe sie neulich seit langem mal wieder von vorn bis hinterndurchgehört, denn ich habe ja auch nach den Studioaufnahmen noch damit zu tun gehabt, habe geschnitten und gemixt, da hat man das erst einmal über und will es erst einmal gar nicht mehr hören, aber neulich habe ich es gemacht und ich muss sagen: Sie hat mir wirklich gut gefallen. Ich hatte ein bisschen Angst, aber sie ist wirklich gut!

Julius: Die CD kann man sich mehrmals anhören – und auch das Programm kann man sich mehrmals angucken. Wir werden damit dieses Jahr einige neue Bühnen bespielen, worauf wir uns sehr freuen.

Letzte Frage: Im Moment ist es ja so absolut hip, die Zwanziger, Dreißiger durch den Elektrowolf zu drehen. Dabei kommt dann so etwas wie die Electro Swing Revolution raus. Ist das etwas für euch oder könnt ihr damit so gar nichts anfangen?

Also, wenn ein DJ kommt, der mag, was wir machen und dessen Stil wir mögen, dann können wir uns auf jeden Fall auch Remixe vorstellen.

Dann danke ich herzlich für das Interview und wünsche viel Spaß und Erfolg für den 4. und 5. Februar!

 

30. Januar 2012

Henker, Lumpenhändler und eine Lady, die den Blues singt: Liz Green im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:54

Eigentlich sollte dieses Interview samt Konzert schon im Dezember stattfinden. Dann aber zog sich die Künstlerin eine unangenehme Ohrenentzündung zu und der Berliner Promotermin wurde verschoben. Beim nächsten Versuch gestaltete sich das Ganze noch komplizierter, da die Interviewanfrage zwar relativ kurzfristig kam, mit dem genauen Termin aber erst am Vorabend des Ereignisses herausrückte. Das ganze Hin udn Her hat mir aber endlich die Frage beantwortet, die mich schon lange umtreibt: Weshalb es kaum weibliche Musikkritiker gibt: Weil sich Spontanaktionen meist nicht mit der im Vorfeld minuziös abzustimmenden Planung von Kinderbetreuung verbinden lassen. Wer da keine engelsgeduldigen Großeltern oder eine trotz eigener kleiner Familie unendlich flexible Kopfhörerhundetagesmutter hat, kann solche Interviews schlicht nicht führen. Und, ganz ehrlich: Würde ich nicht glauben, dass Liz Green mit
O, Devotion! jetzt schon die Platte des Jahres abgeliefert hätte, die von nichts, was da in 2012 noch kommen mag, getoppt werden kann, dann wäre auch ich ob des ganzen Planungsunsicherheitsdurcheinanders nicht hier. Aber Greens Platte ist nun einmal schlicht umwerfend, und ich bin gespannt auf die Frau, deren Familie auf eine lange Ahnenreihe von Henkern und Lumpenhändlern zurückblickt, wodurch sich, möchte man der Legende Glauben schenken, ihr Hang zum Makaber-Abseitigen erklären könnte.

Die Neo Folk/Blues-Sängerin traf ich unmittelbar vor ihrem Auftritt im Roten Salon am Sonnabend in Berlin.

 

Your current album is called “O, Devotion!”. So of course I first would like to know, what does devotion mean to you?

Oh well … Some people think that it’s religious devotion, but it’s not. Forget that. Devotion is just a word and it means the kind of dedication and love of something … for me. You know, if you devote yourself to something sometimes it can be frustrating. You can get angry. That’s that.

A lot of people would say that “O, Devotion!” is Singer/Songwriter or Indie Pop, but I personally sense that it is rather a Blues album. How would you describe your style of music?

Well, if it is genre, it’s probably more Blues than anything else. That’s what I was listening to when I started to write music, so that’s the obvious first influence. But I would say that I would always consider myself Pop. Because I want to reach as many people as possible. I want them to hear it, regardless whether they’re into Indie music or Dance music or whatever music they are into. You know, my brother is a really big Drum&Bass fan. And when he heard my music he was like, oh, this sounds really good, it’s really cool. And I was just like, oh, but you like Drum&Bass! And he said, yeah, but this is kinda good! So I call it Pop, because Pop is the one genre that lets other genres kind of fall in together.

I believe two or three of the songs of your album were already recorded some years ago, for example “Midnight Blues” or “Bad Medicine”, but it’s only now that the album appeared. What took you so long to finish it?

I don’t know. I’ve been telling people that I went to Mexico to find Alpacas and make jumpers. Mainly because I don’t want to answer the question. I don’t know how it happened … You know, the idea was ensuring … It was that kind of everything started happing before I thought it could be a possibility. It was always that my life decided that I was gonna be a musician before I even thought of it. I mean, I do want to be a musician. But it took a little bit of time to write some more songs and kind of let the song become what I want it to be.

Well, I think read in one of your previous interviews that you said it was also such a difference between playing live and then go to the studio with its sterile atmosphere and all the microphones pointing at you …

Yeah, I think when I recorded the first time it was always unexpected. I’ve never done it before. And it was my friend who had a tiny little record label – he then became my manager, a nice progression – and he said, hey, come to my house, we’ll record a song. And I think I was a bit drunken, so I was like, hey, yeah, let’s record a song, and so it was done. When I first heard it I was like, uah, it’s horrible! But he thought it was brilliant. For me, it just didn’t sound like it sounded in my head. And this album … it took me a while to work out what I have to do to make it sound like that. Plus, I thought that I was gonna make an album, and if I only was to make one album I wanted to make something that had a little of … well, a kind of that someone will be able to pick it up in a hundred years from now, listen to it and think that, oh, this still sounds good! You know, that’s what I’ve been listening to lately, to some songs which were made in 1912, and now it’s 2012 and they still sound good.

The brass section plays a major role on your album which seems kind of unusual for non-Dixieland, non-Balkan recordings. Why did you opt for the brass sound?

Well, I played music in Manchester, and if you play music in Manchester you get to meet everybody who plays music there. So the double bass player and the saxophone player on the album – we’re just friends. We started jamming together, and when I was about to go off to the tour in Europe I asked them to come with me …

So you are trying to say that the instrumentation on your album happened by chance? If your friend had been a piano player it would have been different?

Yes, might be. So they will be here tonight, the double bass, the saxophone and the trombone …

… and you will play the mouth trumpet? I heard you are a very talented mouth trumpet player …

Yes, because my trumpet player moved to Malaysia! Like, I didn’t know where he was because I haven’t been dealing with him for a couple of weeks. Two weeks ago, I had dinner with him, and two weeks later I was like, Perry, the album is coming out and I need you on the tour. And he was like, Liz, I moved to Malaysia. And I was, okayyyy … how long is that for? and then he said, I live there. So I had got to learn mouth trumpet!

Well, apart from the uncommon instrumentation it’s first and foremost your voice that catches the listener immediately and awakes long-forgotten layers of the musical memory of humanity … How come you sound like from another time?

Well, I don’t know. It is just what came out. That is what I sing like. I mean I think female singers have become quite … (sings in a breathing voice) ohh-ahhh …. Which is fine cuz some of it is brilliant, but I’m not like that! I’m a bit of … (shouts out loud) …ahhhh! And a lot of people whom I really admire, people like Judy Garland or Billie Holiday or Ella Fitzgerald, they soud like that, too.

Critics compare you to each of them …

Yeah, it’s weird, but I think it could be much much worse!

And I think they are perfectly right! When I heard the first beats of “Hey Joe” it was really like listening to a long-forgotten Billie Holiday recording. I mean, the sound was more modern, of course, there were no scratches or whatever in it, but still …

Wow, what a great compliment!

So you say it is just the way you sound by nature …

Yeah, because I don’t use a special vocal technique or something … I mean, I was in the school choir when I was eleven, but that’s that. I didn’t really sing much. I used to sing in the house when nobody was in – and you can’t hear yourself. So I do remember all the records I sang along to, above all Ella Fitzgerald records, maybe it’s natural that this brought me this kind of inflections – but that’s the music that I like! So that’s just how my voice comes out and I find … me and my friend George in Britain … when the music really hits us it can be any kind of music sung by anyone, but when it really hits you it hits you right there (points to her heart). And that’s the music I enjoy. I think you probably have to sing from there in order to convey that power.

One of the songs of your album is called “Rag and Bone”. The press release states that you descend from a family that includes executioners as well as rag and bone men. Is this true – and if so, could this be a possible explanation for your fascination with macabre stories?

Well, it’s storytelling really – and rag and bone men are actually really common in Britain. It’s just that the name sounds quite macabre. Actually, a rag and bone man is just like not a shop man. In the old days, they used to ride in horsing cars along the streets. And in Liverpool this is what we found out when doing a family tree. So my ancestors used to ride in horsing cars along the streets in Liverpool and yell out, “Any old iron? Any old clothes?”, and they would put this stuff in the waggon and sell it to other people. So that’s a rag and bone man, quite a normal, honorable profession. Executioners … (laughs)

Oh, I was just asking it because the press release opens with it.

Yeah, I know. I mean, it could be a story …

Apart from the myth around your person, there’s a bunch of strange figures who populate the spiritual cosmos of your album, for example half-man-half-bird Joe and his wife Oko, there’s shadow play, there are masks … Where do these figures and things come from?

My imagination! I think imagination is sometimes much more reliant than music for the moment. Because a lot of music seems to be quite confessional, you know … (sings) … “I did this and then he did that, and then I loved him but now he doesn’t love me, oh oh, the pain” … Which is fine. Because I do like music that is like that, but I can’t tell that kind of story. It’s difficult. So I have to build up stories that have characters to be able to express the different thoughts of human experience or emotion.


The Ballad of Joe and Oko: Liz Green plays the part of half-man-half-bird Joe, Berlin, January 28, 2012

 

Direkt nach dem Interview ging es auch schon mit Supporterin Hannah Miller los, die, wenn sie nicht zwischen Cello und Gitarre mäandernd für Liz Green die Show eröffnet, Sängerin bei den Moulettes ist, denen der Ruf als “uncategorisable quintet” vorauseilt. Und auch Miller solo ist im positiven Sinne Genre-sprengend; da wird das Cello schon mal zum gezupften Jazz-Bass – googlen Sie mal “Hannah Miller sings the Blues”, denn das kann diese Lady aus Brighton mindestens ebenso gut wie der Main Act des Abends. Eine klare Trennung zwischen Vor- und Hauptprogramm gibt es hier ohnehin nicht, da spielt der Green’sche Saxophonist schon mal ein Duett mit Miller, die ihrerseits bei dem Set von Liz Green das eine oder andere Stück am Cello begleitet. Man ist eben befreundet und unter sich. “Verdammte Hippies”, versucht sich Bassplayerman an der Parodie reaktionären Kommentatorenguts angesichts der flatterärmeligen, Schal tragenden und auf halb-kaputten Instrumenten spielenden Musiker. Ob Hippie oder nicht – ein lustiger Haufen sind die durch viele Zwischenrufe beim Set des jeweils anderen auffallenden Brightoner allemal; und das Wort “offen” würde dem feucht-fröhlichen Umgang der Clique mit Hochprozentigem nur schwer gerecht. Der Rum jedenfalls könnte eine Erklärung für die live dann doch ziemlich schwiemeligen Bläser-Arrangements sein, die sich auf der Platte so wohltuend im Hintergrund halten. Aber sehen Sie selbst:

18. Januar 2012

Low-fi, mellowtone sounds: First Aid Kit on the heroes of bygone days and why sibling harmonies are so special

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 11:32

Nachdem Klangverführer @ fairaudio schon längst wieder aktiv ist, wird es Zeit, auch den Klangblog selbst aus dem Neujahrsschlaf zu wecken. Und was könnte dazu besser geeignet sein als ein Interview mit den als kommende Folk-Sensation gefeierten Schwestern Johanna und Klara Söderberg, die aktuell als First Aid Kit mit ihrer zweiten CD The Lion’s Roar aufhorchen lassen – natürlich auch Victoriah’s Music, wo die Album-Rezension vorige Woche erschienen ist.

Die charmanten Schwedinnen traf ich diesen Montag im nicht minder charmanten Berliner Hotel The Circus zum Klangverführer-Interview.

Klangverführer: When I listen to your records and look at your pictures,
I cannot help a feeling of nostalgia. Would you have rather lived in the old times?

Johanna: No. I mean, it’s hard to say because we haven’t been there so we don’t know how it was, and I think we’re probably romanticizing and idealizing a lot of it, you know, it wasn’t all happy days – but the music they created back in the days was amazing. I think we try to do something like this with our music, but when it comes to living I think it’s better now. That doesn’t automatically make the music better, unfortunately.

Klara: Yes and I think we like the fact that the kind of music that we make, folk and country inspired music, could be popular. In the Sixties, artists like Joni Mitchell could top the charts, and that’s the thing we really like and wish we could sort of be … it could be the same today. In that sort of way we could look back, indeed, I think.

Well, I in fact do experience that folk music is popular again, these days. Currently so many young musicians seem to make a kind of music that sounds like the soundtrack of their parents’ youth! What do you think makes this kind of music so suitable for our times?

I think it’s a matter of timelessness. It is always relevant! Today, it might be a reaction towards the trends of electronic music, and I think it’s the pure voices and the most simple, pure forms that affect people. You know, that’s what Folk music does: the vocals, the harmonies are so beautiful, so well done, and people always long for a human voice! Being confronted with so much technology, people tend to look back at the earlier times and think they were easier – or maybe even more real.

Your current single is called Emmylou, which refers to Country & Folk singer Emmylou Harris. In the same song you also mention heroes like Johnny Cash or June Carter. How would you explain your personal fascination with the popular music of bygone days?

Well, Gram Parsons and Emmylou Harris, June Carter and Johnny Cash are very special because they harmonize together and they were couples – kind of. Well, Johnny Cash and June Carter were married and Gram and Emmylou weren’t, but … Wen you listen to their music it’s hard not to imagine that they were more but just friends. You can sort of hear … love. And we just think that they all were fantastic songwriters and musicians, and the song is about wanting to share that kind of connection with somebody and sing with them, because we believe that singing with someone is such a special thing and it’s so intimate! The song is to say that even if we can’t be together like Emmylou and Gram, we can sing together.

Kind of an homage to duet singing?

Yeah, kind of!

But it’s also an homage to your heroes, isn’t it? You even shot the video of Emmylou on the birthday of your idol Gram Parsons …

Johanna: Yes, we shot it in Joshua Tree, which is Gram Parsons’ favorite place. But the date was chance … or destiny, maybe. (laughs)

Klara: We had planned to make the video and then we realized when we got there, oh, it’s Gram’s birthday, that was pretty special.

Your first EP Drunken Trees contained a cover of the Tiger Mountain Peasant Song by the Fleet Foxes, who by critics are compared to the psychedelic bands of the Sixties and Seventies, like The Byrds …How came you decided to do a Fleet Foxes cover?

Johanna: Well, we saw them live in Gothenburg in Sweden at a festival called “Way out West” and it was a very … almost like a religious experience. They were at the beginning of their career and they were so overwhelmed by the positive response they got from the audience, and the show was just incredible, we loved their first record, it was our favorite, we listened to it all the time that summer! And so we just wanted to give them something back for that experience we had at the show; and so we went out in the forest with my digital camera … we never thought at any moment that anyone would actually watch it!

But actually, your version of the Tiger Mountain Peasant Song became highly popular on YouTube in 2008. Would you say that social media became a kind of catalyst for your musical career?

Oh yeah, definitely! I mean, the video brought us an international audience. It’s pretty crazy because it’s something we did for fun!

When your debut album The Big Black & the Blue appeared in 2010, your MySpace tagline stated that you “aim for the hearts, not the charts”. Will this approach remain valid with the release of your first American-recorded album?

Of course we also care for the charts, because we try to make a living out of our music, but music is so important to us that we’ll continue making music regardless if somebody listens or not, that’s not the point in it. For us, music is like a therapy – we listen to music to get through hard times and we create music also to get through hard times, so if other people … if we can reach someone’s heart with our music, that’s kind of the reason why we do this! So I think the claim is still true.

Your current album, The Lion’s Roar, is the first one you have worked on with a producer. How did Mike Mogis affect the sound of your music or your musical approach in general?

Well, I think without Mike Mogis our music wouldn’t sound like it does in the first place because he produced the Bright Eyes records that influenced us so much. So it goes way back – he’s part of our first record even though he didn’t produce it! But we worked a lot on making the arrangements a little bigger and he really got what we were trying to say with our lyrics, the kind of emotion we aimed at. He just sort of made them more apparent or dramatic, maybe, which is something that we wanted to do. The sound we aimed for but not overpowering it. The focus is on the harmony and the lyrics to get the message through. When we did our first album, we were kind of limited because we recorded it at home. We didn’t actually even have the space for a string quartet or the like. Now that these limitations disappeared, we could make clearer on this record what kind of music we like and what has influenced us.

Haven’t you been afraid that your music would lose its home-made charm due to the bigger production?

Not really, because for us it was never important that we had a certain homemade charm or a low-fi appeal. Our current sound is something we aimed for. We just wanna make honest music, and we were aiming for having a better sound. I think that there’s a charm to the first record because it sounds home-made, but at the same time you don’t really get how our voices sound. A lot of people who saw us live said to us, “oh, this is how you sound” and they preferred our live shows because they were actually better than our CD. And therefore it’s really great having worked with Mike because he’s such a master of making vocals sound great and stand out. Besides, I don’t think our new album is polished because we used a lot of low-fi, mellowtone sounds, it’s not like the standard production, it’s not perfect! And our vocals are pretty much untouched, we didn’t use Autotune or anything like that. It’s more or less us singing in a room and then more and more instruments in. We used different equipment, but it’s still very much just us singing about our personal experiences and feelings.

And how did this collaboration with Mike Mogis come into being?

Well, Monster of Folk (that is Conor Oberst, Jim James, M. Ward and Mike Mogis, author’s note) played in Stockholm, and we had our first album out by that time. So we went there and gave it to them. You know, they were our idols, and one year later they showed up at a show we had in Austin, Texas, and told us that they loved the album. And after the show we heard Mike Mogis saying that he wanted to produce our new album, so a few months later we were in Omaha recording.

Sounds like a fairytale …

Yeah, it is!

Your EP Drunken Trees as well as your album debut The Big Black & the Blue was produced by your father, who is a well-known musician in Sweden (e.g., he played with the rock band “Lolita Pop”). Has it always been clear to you that you wanted to be in your father’s business, too?

We always dreamed of being singers. But we always thought that it would be just a dream. I don’t think we ever really thought about it that our das has been in a band. He wasn’t playing anymore, it wasn’t like a big deal or anything. I think, unconsciously we were aware of it and thought that this is something that we could do, too – it was a possibility. We didn’t feel like this was so far away, so that’s how it influenced us.

So you didn’t get any musical education within your family and haven’t been pushed into music …

Johanna: Our parents were always very supportive, but they were never pushy. They gave us musical education in the form of good music playing all the time. And our dad taught Klara her first chords on the guitar …

Klara: Yeah, but this really came from us. With the guitar, it was, that I said I wanna learn to play the guitar, it really came out of nowhere when I started listening to Bright Eyes and Folk music, but my parents never thought that I would have wanted to play any instrument until I suddenly came up saying, “I wanna learn guitar”. So I asked my dad, can you show me some chords, I wanna play this song, and how to play a C-chord, so he was definitely important, but it was always … from us.

Then how came you recognized that you harmonize so well?

Johanna: The first time we sang harmonies was on a song Klara has written called “Tangerine”, and I started singing on the demo. But I think it took a while, until maybe a year later that people started talking about our voices and we realized that sibling harmonies are something special. We gradually had become better and better and now we kind of realize it’s so special because singing with your sibling is just like singing with yourself! Especially if you compare it to singing with someone else you’re not related to. We collaborated with other artists and had to adapt to their kind of voices, it’s a totally different deal! We have so much for granted if we sing together, like naturally, it just works. It’s really easy; we never have to think about it.

Are there any moments on your record when you can’t tell who is who?

Klara: Yeah, we heard people saying that! And I think especially when we listen back to us talking we really can’t tell. Sometimes it’s like: “Is that me or is that you?”, and that’s really spooky!

Johanna: And on this album we change voices, so I sing lead sometimes …

Klara: … and that confuses people! Of course, I am aware of what I’m singing, but for other people who don’t really know … I think they wouldn’t notice. Which is kind of fun – I like that when they don’t really know who is singing what. Like the Louvin Brothers in the Sixties, they sang close harmony and changed all the time – and I can’t tell who is Charles and who is Ira. I think it’s awesome! And we’d love to do that more, too.

Sounds like big fun! Well, I have one last question. During my research for the interview I came across an older photograph that pictures the two of you with a cat. Since my dog is an essential element of my music writing, I wondered about the story behind the picture.

Oh, this is our cat, Nisse. That’s the most common cat name in Sweden, it’s really boring, it’s like a version of Niels for Santa Claus’ Tomte, Santa’s little helper … Look at his ears in this picture: He’s not really happy, he’s annoyed. He’s a very fat cat and he wakes us up every morning at five and wants us to feed him, but he’s adorable! I always forget about it when we are touring, it’s not really like “oh, I miss my cat”, but when I come home and see him I’m always so excited and you can see that he is excited that we are home, too. He sits in the window like … He’s the best!

16. Januar 2012

Die Puder-Platte kommt – die neue Ausgabe von Victoriah’s Music ist schon da

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:52

Nachdem die hungrige Meute seit letztem Sommer immer wieder mit Häppchen und Fitzelchen angefüttert wurde, kommt Ende dieser Woche – genaugenommen: am 20. Januar – endlich die komplette Platte des Hamburger Projekts Puder in die Läden. Ich bin ja schon länger verliebt – und wie das mit Verliebten so ist: Sie besorgen sich ihre Devotionalien auf allen erdenklichen Wegen. In diesem Falle war es einfach, denn ich habe die Puder-Macherin Catharina Boutari einfach über Facebook angeschrieben und so lange bekniet, bis sie sich nicht nur virtuell mit mir befreundete, sondern mir auch einen Layout-Mix des gleichnamiegn Songs schickte. Mit dem habe ich dann wirklich alles gemacht: Ich bin zu dem treibenden Rhythmus von Puder durch die Stadt gebiket, ich habe dazu in Mordsgeschwindigkeit fieseste Bügelwäschestapel plattgemacht und noch einiges andere mehr. Grund genug jedenfalls, Puder den Auftakt der ersten Ausgabe von Victoriah’s Music in diesem Jahr zu widmen:

“Dieses Jahr fängt gut an: Nämlich mit Veröffentlichung der Puder-Platte, hinter der sich die Hamburger Sängerin Catharina Boutari verbirgt. Weshalb mich das so freut? Nun, Puder hat mir gewissermaßen den letzten Sommer gerettet – und den Herbst gleich mit. Denn nicht nur das Projekt, sondern auch einer der vorab veröffentlichten Songs der Platte heißt Puder, und der, ja, der hatte mich gepackt, mit seinem atemlosen und ich steh nicht und ich dreh mich, und ich tanze, ich beweg mich, meine Hände, meine Träume, meine Haut ist ihre Beute, Funken fliegen, ich erliege und die Crowd vor mir macht aah!

Selbst in der auf lediglich zwei im Terzabstand harmonierende Gesangsstimmen mit Gitarrenbegleitung heruntergebrochene Version, die ich während eines Akustik-Gigs von Boutari und ihrer Pussy Empire-Labelkollegin Chantal de Freytas zu hören bekam, versprühte Puder immer noch die selbe unglaubliche Energie, die auch dem fertig produzierten Track innewohnt. Allein der Start in den als Opener des Puder-Albums dienenden Songs mit einer fetten Hammond wirkt als Initialzündung, die die ganze Platte hindurch wirkt. Puder brennt und glitzert, Puder packt zu und lässt nicht mehr los. Let’s Pop, ruft Puder, und der Hörer folgt willig.

Erst nachdem ich Puder kannte, sind mir die ungeheuer erfolgreichen Frida Gold mitsamt ihrem Song Komm zu mir nach Haus begegnet, und ich kann nicht umhin festzustellen, dass Puder die Energie, den Hedonismus und den Glamour des „discoisierten Indie-Pops“ der Hattingener schon längst hat – und noch dazu mit der raffiniertere Produktion aufwarten kann. [...]”

Dass Puder trotz des im Vordergrund stehenden Imperativs „Tanz!“, der schon mehr Befehl als bloße Aufforderung ist, mehr als die urbane Hedonistin geben kann, lässt sich nicht nur am 20. nachhören, sondern schon jetzt lesen – wie immer auf fairaudio.de, Ihrem liebsten Online-HiFi-Magazin.

8. Januar 2012

Ein Album, das auszog, ins neue Jahr hinübergerettet zu werden

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 12:21

“Es ist heutzutage nicht unüblich, dass Künstler (Promoter, Labels etc.) einen Song aus einem in naher Zukunft erscheinenden Album vorab zum Gratis-Download anbieten, gewissermaßen als Appetitmacher. So war es auch im Falle der brasilianischen Wahlberlinerin Dillon. Ich hörte ihren Song „Thirteen Thirtyfive“ und fing prompt an zu sabbern und zu denken: Mehr! Mehr davon!!

Mehr davon gibt es seit dem 18. November mit This Silence Kills, einem Album, das von Kollegen gern mit den Youth Novels (2008) von Lykke Li verglichen wird, wobei sie die Musikerin selbst als eine Mischung aus Lykke Li und CocoRosie beschreiben. [...]”

Weiterlesen? Wie immer auf fairaudio.de, Ihrem liebsten Online-HiFi-Magazin.

23. Dezember 2011

Schöne Feiertage …

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 14:38

… wünschen Klangverführer und Kopfhörerhund allen unseren Lesern und natürlich auch den Musikern, die wir dieses Jahr begleiten durften. Wir schließen den Klangblog zwischen den Jahren und melden uns 2012 wieder – wie gewohnt authentisch, ausführlich, anders.

21. Dezember 2011

Schöpfen aus derselben Seele: Olivia Trummer über das deutsche Jazzlied, musikalisches Erwachsenwerden und was Friedrich Nietzsche damit zu tun hat

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 13:40

E-Mail-Interviews sind eine heikle Sache: Schließlich kann der Interviewer weder nachfragen, noch den Faden des Gesagten in der nächsten Frage weiterspinnen. Und auch der Interviewte sieht sich mit einem starren Fragenkorsett konfrontiert, das es abzuarbeiten gilt. Eine Pflichtübung. Oder, anders ausgedrückt: Man kommt nicht wirklich miteinander ins Gespräch, es findet kein Austausch statt – und dann ist das Ganze meiner Meinung nach ohnehin entbehrlich.

Dass ein E-Mail-Interview jedoch nicht zwingend zum drögen Abfragen von Bekanntem oder einem sonstwie gearteten Fragenkatalog mit entsprechend vorhersehbaren Antworten verkommen muss, beweist die Stuttgarter Pianistin, Komponistin, Sängerin und Textdichterin Olivia Trummer, deren ungebändigtes künstlerisches Temperament sich nicht darauf beschränkt, mit Poesiealbum das wohl spielfreudigste Album des Jahres vorgelegt zu haben. So müsste die Überschrift zu diesem Interview passenderweise “Schöpfen aus dem Vollen” lauten; denn Olivia Trummer erweist sich auch im unhandlichen Format des E-Mail-Interviews als ebenso überschäumend wie tiefgründig.

Ich freue mich sehr, Ihnen kurz vor Weihnachten noch dieses schöne Interview präsentieren zu können. Lesen Sie, was Olivia Trummer über den wundervollen Ausdruck der deutschen Sprache denkt, weshalb sie ihr Genre-sprengendes Album als eine stilistische Einheit versteht und was es mit der Schönheit und Tiefe des Alltäglichen auf sich hat.

Klangverführer: Liebe Frau Trummer, eigentlich sind Sie ja Pianistin. Dennoch war schon Ihr letztes Album „Nobody Knows“ (2010) keine reine Instrumentalplatte mehr – Sie haben auf einigen der Stücke erstmals gesungen. Wie ist es zu dem Entschluss gekommen?

Olvia Trummer: „Eigentlich“ sehe ich mich nicht als Pianistin, sondern als Musikerin. Hinter diesem Wort steht weniger die offensichtliche Spezialisierung auf einen scharf umgrenzten Arbeitsbereich, sondern das Vermitteln von Geschichten, Gedanken und letztlich Werten über einen musikalischen Weg. Mein erster öffentlicher Gesangsauftritt im Jazzbereich war im Rahmen meiner Jazz-Abschlussprüfung 2008: Ich spielte eine jazzige Bachbearbeitung und sang eine dritte Stimme dazu, ohne Worte, mithilfe von spontanen Scat-Silben. Das Bedürfnis zu singen und somit noch mehr von meinem musikalischen Wesen zu zeigen war schon lange da. Als ich dann das Gefühl bekam, auch die Geschichten, die ich erzählen wollte, seien wirklich interessant und ungewöhnlich, gab es für mich kein Halten mehr. Wie zu den meisten meiner Entschlüsse habe ich auch zu diesem mit einer großen Portion Intuition gefunden.

Auch auf Ihrem aktuellen Album singen Sie, und ich finde, Sie phrasieren auf eine für eine Sängerin ganz ungewöhnliche Weise. Übertragen Sie die Phrasierung von Ihrem angestammten Instrument auf Ihre Stimme, oder täuscht der Eindruck?

Die Verbindung von meiner Stimme mit dem Klavier habe ich mir über all die Jahre angewöhnt, die ich beim Üben meine Linien mitgesungen oder mich an frühen Liedern mit meiner Klavierbegleitung versucht habe. Da ist sicher eine Wesensähnlichkeit, zumal ich bei der Phrasierung (auf jeglichem Instrument) ja auch aus derselben Seele heraus schöpfe. Ich denke wahrscheinlich weniger über Gesangs-Feinheiten nach als hauptamtliche Sängerinnen und gerate beim Singen dadurch – nicht zuletzt auch durch die Bewegungen meiner Finger & Hände – in einen wohl untypischen Fluss.

Letzte Gesangsfrage: Mittlerweile singen Sie auf Deutsch, obgleich das ja im Allgemeinen (und im Vergleich mit dem Englischen) als eher unsangliche Sprache gilt – und Sie toppen das Ganze noch mit nahezu unsingbaren Texten, durch die Sie sich mühe- und schwerelos bewegen …

Lustig, dass ich hierbei eigentlich keine „Frage“ entdecken kann sondern vielmehr eine Feststellung! Ich singe auf deutsch genauso selbstverständlich oder zufällig wie ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Über den höheren Coolness-Faktor des Englischen (gegenüber einem deutschen Muttersprachler) habe ich mir zuletzt als Teenager Gedanken gemacht, das ist lange vorbei. Dass ich auf „Nobody knows“ vorwiegend englisch singe, rührt nicht aus einer Vorsicht dem Deutschen gegenüber heraus, sondern aus der Tatsache, dass ich das ganze Jahr bis zur Aufnahme in New York City gelebt und dort vor allem Englisch gesprochen habe. Da kamen die Gedanken eben auf Englisch und ich mochte Klang und Inhalt. Generell möchte ich einen Liedtext in der Original-Sprache belassen, in der mir die Worte eingefallen sind, ich fühle mich nicht auch noch zur Dolmetscherin berufen. Während ich in Deutschland lebe, denke und spreche, werde ich meinen Liedern auch „deutsches Leben einhauchen“. In der deutschen Sprache liegt wunderbar viel Ausdruck, Poesie, Aufrichtigkeit und Ironie und Differenziertheit; ich mag den Klang und mache mir sehr wenig Gedanken darüber, wie ich einzelne Worte ausspreche.

Ihr „Poesiealbum“ sprengt nicht nur rein formal Grenzen (ich glaube, in der Presseerklärung wurde es in dieser Hinsicht charmant als „schon abenteuerlich“ bezeichnet), sondern bricht auch mit Leichtigkeit die Grenzen zwischen Genres auf, ist mal (moderne) Klassik, mal Jazz …

Ich lasse mich nur von meinen eigenen (Geschmacks-)Grenzen prägen, nicht durch stilistische oder gängige. So kommt es, dass ich beinahe überrascht war als ich las, welch vielfältige Musikstile sich auf meinem neuen Album glücklich vereinen. Für mich ist das alles eine Einheit – es kommt ja schließlich alles von Herzen. Schade nur, dass das Radio dermaßen an Längenlimits gebunden ist, dass man dort von den Poesiealbum-Liedern nur im Ausnahmefall Gebrauch machen kann. Da entgehen der „Menschheit“ generell sämtliche Lieder, die über 5 Minuten hinauswachsen…

Das Poesiealbum ist das erste Ihrer vier Alben, das unter Ihrem eigenen Namen erscheint. Davor waren Sie als „Olivia Trummer Trio“ unterwegs – jetzt haben Sie zur Quartettbesetzung gefunden. Wieso wurde der bewährte Trioklang für das Poesiealbum aufgegeben?

Es war an der Zeit, offiziell „erwachsen“ zu werden. Das Musikprodukt gärt 90 % der Zeit in meinen Händen und in meinem Kopf, ich gebe meinen (fantastischen!) Musikern recht differenziertes Material vor, das sie dann hervorragend umsetzen und auch dem sie selbst noch Kreativität beisteuern können. Hinter der Musik und nun auch der neuen Ebene der Texte steht aber in erster Linie mein Wesen, alles andere wäre irreführend zu behaupten. Die Musik ist prinzipiell auch nicht an ein bestimmtes Ensemble gebunden. Ich gebe auch gerne Solo- oder Duo-Konzerte. Die Betitelung mit meinem Namen beschreibt also einerseits die Quelle und andererseits meine Zukunftspläne, da ich mich als Künstlerin nicht ausschließlich in der Trioformation präsentieren, sondern mich auch solistisch und in neuen Projekten und Konstellationen herausfordern möchte.

Was ich am Poesiealbum am meisten bewundere, ist Ihre ungeheure Spiel- und Improvisationsfreude. Das ist eine Platte, die einfach Spaß macht! Und dabei täuscht sie zunächst ganz harmlos an, um sich dann in einen Rausch zu steigern und den Zuhörer zu packen und mitzureißen … Woher kommt diese unbändige Freude am Spiel, auch am Wortspiel?

Wer mich persönlich kennt, weiß sehr gut wie viel Freude ich an Wortspielen habe! :) So wie die CD geworden ist, begegne ich meinen Zeitgenossen auch persönlich. Ich bin ein fröhlicher, lustiger Mensch mit starker Neigung zu essentiellen Themen und Fragen, die nicht klar beantwortet werden müssen, mich aber andauernd begleiten und auch Inspirationsquelle für mich sind. Das Leben ist doch ungemein spannend – schon alleine dadurch, dass man nicht weiß was danach passieren wird! Ein Musiker, der nicht „spielt“, ist mir im gleichen Maße suspekt wie Friedrich Nietzsche sagte, er würde keinem Gott vertrauen, der nicht zu tanzen verstünde. Dass das Ausmaß meiner Spielfreude vielleicht überdurchschnittlich hoch ist, habe ich nicht zuletzt einem seit frühester Kindheit ermutigendem und stärkendem Umfeld zu verdanken. Vor allem meinen Eltern gebührt mein Dank, da sie Vernunft nicht als Gegenteil von Spielfreude bezeichnen. Mein Vater sagte: „Fantasie ist das Wertvollste, was man hat“ und meine Mutter: „Talent verpflichtet“. Seitdem versuche ich, das Schönste und Wertvollste was ich habe, mit möglichst vielen Menschen zu teilen und in ihnen selbst anzuregen – Fantasie, Dankbarkeit, Glück.

Andererseits ist das Poesiealbum auch eine ernste Platte, die um hochgradig symbolisch aufgeladene existenzielle Themen kreist. Zwei Seelen, die da in Ihrer Brust wohnen, oder geht die Lebensfreude nicht ohne Melancholie, das Helle nicht ohne das Dunkle?

Ja, ich denke, es ist stets ein Zusammenspiel aus scheinbar Gegenteiligem. In Momenten des Glücks empfinde ich zugleich eine wohlige Melancholie und umgekehrt. Ob man dies aus Übersichtsgründen in zwei Hälften teilt oder es als Einheit belässt – man befindet sich im Leben ständig in einer Schwingung zwischen verschiedenen Möglichkeiten, Wünschen, Aufgaben, Gefühlen. In meinen Werken soll diese Schwingung nicht temporär in Vergessenheit geraten, sondern offensichtlich werden. Ich will die Schönheit und Tiefe des Alltäglichen, die Kraft eines selbst gewählten Blickwinkels, die Faszination des Natürlichen in den Vordergrund stellen. Alles andere käme mir „künstlich“ vor.

Neben der Musik selbst finde ich auch das Booklet des Poesiealbums beeindruckend; es ist ebenso ungestüm und lebensfreudig wie die Platte! Besonders angetan hat es mir das Bild vom Teebeutel im Martiniglas – ein Symbol für Ihre Musik oder gar für Sie selbst?

Das Booklet bzw. die Grafik – übrigens das Erstlingswerk der jungen Fotografin & Grafikerin Mascha Zhuk (seit kurzem: Mascha Seitz!) im Musikbereich – ist sehr gelungen und besitzt tatsächlich beinahe „Dolmetscherqualitäten“ im Hinblick auf die Musik! Es war mir sehr wichtig zu wissen, ob Mascha ein Gefühl für meine Musik entwickeln konnte. Bevor wir also anfingen, zusammen zu arbeiten, habe ich mich erstmal in den Zug gesetzt und sie besucht, um ihr einige meiner Lieder am hauseigenen Klavier vorzuspielen und zu singen. Jede Zusammenarbeit basiert für mich nicht nur auf der Identifikation mit der jeweiligen Grundidee, sondern darauf, eine regelrechte Liebe dafür entwickeln zu können. Ich denke, die Idee mit dem Teebeutel im Martiniglas ist eine geniale Reaktion und Kombination aus „Ohne Winter“, „500 Millionen“ und „Verrückt“! Darin liegt ein hintergründiger Humor, den ich sehr liebe. Die Grafik verleiht dem „Produkt Poesiealbum“ noch eine weitere, wunderbare Dimension.

Wissen Sie schon, wohin es Sie jetzt mit dem Poesiealbum verschlagen wird, oder kurz: Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit?

Sicherlich werde ich weiter in die Richtung des „deutschen Jazzlieds“ arbeiten. Ich habe noch einige unveröffentlichte eigene Lieder vorrätig, und es kommen auch immer wieder neue Ideen hinzu. Die anspruchsvolle Verbindung aus Musik und Wort reizt mich generell sehr, und ich möchte die Seite der „gelungenen Beispiele“ auf meine Weise gerne stärken. Ein Projekt mit eigenen Eichendorff-Vertonungen winkt bereits im kommenden Sommer (mal wieder „genre-übergreifend“!), hinzu kommen im nächsten Jahr einige Festival-Auftritte in verschiedenen Besetzungen und ein Soloprogramm, das ich inklusive klassischer Klavierliteratur aufbauen möchte. Ende Dezember werde ich mich aber erstmal(s) nach New Orleans begeben um dort (mit neugewonnenen Freunden vor Ort, die ich kürzlich in Ingolstadt kennengelernt habe) ein Groove- & Song-Projekt auf die Beine zu stellen, das ich im April auch in Deutschland präsentiere. Da bin ich wirklich total gespannt drauf!

Was mich dann natürlich noch brennend interessiert: Vor einiger Zeit sind Sie gemeinsam mit Bobby McFerrin aufgetreten. Können Sie mir verraten, wie es dazu kam – und natürlich, wie sich das angefühlt hat?

Dass ich mit Bobby McFerrin auf der Bühne stehen sollte, konkretisierte sich erst eine Stunde vor dem Auftritt! Ich hatte am Vortag eine Probe mit Bobby und vier jungen Sängern am Klavier begleitet und war offiziell nicht im Konzert-Programm (a-capella) eingeplant. Auf einen Tipp seiner Managerin hin war ich aber dann doch beim Soundcheck anwesend. Ich wartete und hoffte auf Bobbys Spontaneität und wurde nicht enttäuscht. Es fühlte sich intensiv, aber nie beunruhigend an, so plötzlich mit einem Vertreter des „Jazz-Olymps“ in einem Raum bzw. auf der Bühne zu stehen. Er ist ein ungemein liebevoller, sensibler Mensch, der einem sämtliche Angst nimmt, so dass nur noch Freiheit und Schönheit übrigbleibt. Eine wegweisende Erfahrung! Diese wertvollen Momente auf und hinter der Bühne (z.B. als er direkt nach dem Konzert von der Bühne abging, mich dort stehen und jubeln sah und dann noch mal mit den Worten „Olivia, you’re wonderful“ umarmte) werde ich sicher nie vergessen.

Und da sind wir auch schon bei der letzten Frage angekommen. Natürlich wäre der Klangblog nicht der Klangblog, wenn es zum Schluss nicht eine Hundefrage gäbe – schließlich ist „Kopfhörerhund“ Wahrzeichen und Maskottchen des Klangblogs. Bei Ihnen ist das einfach, da gibt es dieses eine tolle Bild, wo Sie vor der Graffiti-übersäten Großstadtkulisse New Yorks mit Ihren Fender Rhodes sitzen, davor liegt ein alter Schäferhund. Können Sie uns ein bisschen über das Bild erzählen?

Schön, dass es auch in Stuttgart Ecken gibt, die glatt als New York City durchgehen würden! Das Bild stammt nicht aus New York, sondern aus Stuttgart, wo wir vor einem Auftritt ein Fotoshooting veranstalteten. Auch der Hund, Kimbo, ist nicht von mir, sondern von der Stylistin Ines. Kimbo war bei jedem unserer Treffen mit dabei und verhielt sich stets seelenruhig und würdevoll wie ein Wolf im Ruhestand. Die Idee, ihn mit ins Bild zu nehmen, kam spontan. In diesem Bild finden Wildnis und Seelenfrieden scheinbar zusammen – einerseits in der Kontrastwirkung (schrilles Graffiti und liegender Hund), andererseits als Einheit (Hund/Wolf). Ich sitze sozusagen dazwischen und überlasse es dem Betrachter, ob er in mir eher das verspielte, wilde, unberechenbare Element entdeckt oder das friedvolle, natürlich-erhabene…

Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview!

Wer nach diesem ausführlichen Einblick in den Trummer’schen Klang- und Gedankenkosmos noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk sein sollte, dem sei das Poesiealbum noch einmal wärmstens ans Herz gelegt – das gilt natürlich auch für all jene, die erst nach Weihnachten hier reinschauen und noch nicht wissen, was sie mit ihrem geschenkten Amazon-Gutschein anfangen sollen …

19. Dezember 2011

Rendezvous mit dem Duo Scheeselong im Heimathafen

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 15:21

Fräulein Mitzi liebt die leichte Muse. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als
so zu sein wie ihr großes Idol Marlene Dietrich. Ihre gestrenge russische Korrepetitorin Frau Rosenroth hingegen liebt “richtige Musik”, und das heißt für sie: Beethoven, Rachmaninow & Co. Dass das eigentlich nicht gut gehen kann, hier schlussendlich aber sogar mehr als gut ausgeht, davon konnte ich mich am Freitag bei der Vor-Premiere des Programms Rendevouz mit Marlene, dem neuesten Streich des Duos Scheeselong, im Neuköllner Heimathafen überzeugen.

Das Duo Scheeselong – das sind die Sängerin Caroline Bungeroth, die hier mit großer Spielfreude (und nicht minder großer Stimme) die sexy Naive vom Lande gibt, und die nicht nur durch ihr virtuoses Spiel, sondern auch durch ihren schönen Rücken entzückende Pianistin Valerie Wildemann, in deren Rolle der klavierspielenden Domina mit dem wunderbaren russischen Akzent man sich sowieso verlieben muss. Und dabei lebt man bei den beiden musizierenden Damen in der ersten Reihe nicht ganz ungefährlich: Da regnet es Konfetti, es wird mit Sekt gespuckt und mit Rasierschaum gespritzt, und wer Bonbons – Werthers Echte und Storck Riesen – will, der muss schon mal auf die Bühne. Im konkreten Falle hat es als wahrgewordenen Alptraum eines jedem Musikwissenschaftlers mich ereilt, denn natürlich kann ich die Habanera (als ein Bestandteil des sich entwickelnden Tango) theroretisch und musikhistorisch rauf und runterbeten, bin aber hoffnungslos überfordert, wenn ich ihre Basslinie spielen soll. Was tut man nicht alles für Bonbons!

Wenigstens bin ich keiner der bedauernswerten Herren, die als Opfer eines Rosenroth’schen Temperamentausbruches herhalten müssen. Denen ist vermutlich Hörern und Sehen vergangen, was allerdings hochgradig bedauerlich wäre, denn Rendezvous mit Marlene ist nicht nur hörens-, sondern auch sehr sehenswert. Es macht einfach Spaß, jemandem zuzuschauen, der sein Metier mit Leichtigkeit bewältigt; und die Damen des Duos sind nicht nur fantastische Musikerinnen in ihrem jeweiligen Fach, sondern verstehen sich auch auf Komposition, Schauspiel und vor allem allerlei schönen Unsinn, der nur dann funktioniert, wenn man ihn beherrscht, und das tun Bungeroth und Wildemann aus dem sprichwörtlichen Effeff. Ihr williges Publikum haben die beiden fest im Griff, und nicht zuletzt sorgt ein ebensolcher in die Requisitenkiste – in diesem Falle: in die jeweilige Handtasche – für immer neue Überraschungen, die bei so manch anderem aufgesetzt bis nervig wirken würden, hier aber einfach nur perfekt sind.


Und das alles nur wegen Emil seine unanständ’ge Lust …

Das Programm wird, ähnlich wie beim Trio Ohrenschmalz, durch eine umrahmende Geschichte zusammengehalten, sodass man von einem bloßen Liederabend nicht mehr sprechen kann. Natürlich stehen nichtsdestotrotz die Lieder von Marlene Dietrich (und ergo die Stücke von Friedrich Hollaender) im Mittelpunkt des Abends, und auch der leider kürzlich verstorbene Georg Kreisler oder Paul Linck schauen einmal um die Ecke. Klar, dass es da auch die Fesche Lola zu hören gibt, Jonny, wenn du Geburtstag hast und Ich hab noch einen Koffer in Berlin, ganz zu schweigen von dem Klassiker Ich weiß nicht zu wem ich gehöre, den ich dieses Jahr bereits als Instrumental-Version von Trio Ohrenschmalz-Geigerin Angelika Feckl und in der Neudeutung durch Jasmin Tabatabai gehört habe. Dennoch – oder gerade deshalb – gelingt es Caroline Bungeroths sehr nahe am Original (falls man in diesem Falle überhaupt von Original sprechen kann) gehaltener Interpretation davon zu überzeugen, dass hier nichts neu gedeutet werden muss: So, wie sie es singt, muss man dieses Lied singen, und nicht anders. Und bei ihrem Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt wird mir sogar erstmals bewusst, wie zärtlich – und wie wenig frivol! – diese Melodie, dieses Lied eigentlich ist.


Oh, Alexander – was für ein Neander!

So viel Marlene zum Trotz ist mein persönliches Lieblingslied des Abends die Bungeroth’sche Eigenkompostion Neulich im Neandertal, deren kongeniale Reimfortsetzung “traf ich Alexander mal” mir die nächsten Tage nicht aus dem Kopf geht. Ohenhin ist Rendezvous mit Marlene etwas, das man mit nach Hause nimmt und das noch lange vorhält, wie eine gute Mahlzeit. Wer noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk ist, der schenke Tickets für diese Show!

Die nächste Gelegenheit, das Duo Scheeselong mit Rendezvous mit Marlene zu sehen, gibt es im Rahmen des Kurt-Weill-Festes 2012 am 1. März um 20:00 Uhr im Brauhaus „Zum Alten Dessauer“ in Dessau. Karten gibt es hier.

16. Dezember 2011

Voll auf die Nuss: BossHoss-Interview online

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 08:41

Cowboys und Cowgirls! Jetzt ist auch das vollständige Interview zur neuen Platte von The BossHoss online – wie gehabt auf Eurem Lieblings-Online-HiFi-Magazin fairaudio.de. Viel Freude damit! Und auch wenn die Platte erst in der kommenden Ausgabe von Victoriah’s Music besprochen wird, macht man mit ihr unterm Weihnachtsbaum nicht viel falsch. Yee Haw!

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