27. Juli 2014

Der Mond auf meiner Türschwelle

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Mit dem Neinsagen ist das so eine Sache. Ich habe es erst ziemlich spät in meinem Leben gelernt, genauer: Ich habe dafür mehr als dreißig Jahre benötigt. Vorher glaubte ich, Ablehnung vertrüge sich nicht mit Höflichkeit. Es liegt auf der Hand, dass ich mich damit in so manch eine, nennen wir es: Situation hineinmanövrierte, aus der elegant herauszugelangen nicht mehr möglich war. Also blieb ich lieber drin. Für Menschen wie mich scheint Ulita Knaus ihren Song She Says No geschrieben zu haben, den sie auf ihrem aktuellen Album The Moon On My Doorstep zwischen elf mich nicht minder ansprechenden Stücken versteckt hat. Ich bin versucht zu behaupten, dass ich seit Valerie Sajdiks Nuits Blanches nicht mehr so begeistert von der CD einer Vokalistin war.

Neben Eigenkompositionen hat sich die Hamburger Sängerin auch an Cover von Künstlern wie Tom Waits oder Pink Floy gewagt, und die Peter-Fox-Nummer Ich Steine, du Steine, die bei ihr wie ein Stück aus dem Alterswerk der Knef klingt, tritt in ihrer Interpretation den Beweis an, dass wir es hierbei im Grunde mit einem bezaubernd poetischen Liebeslied zu tun haben. So ist das, wenn die Kanusifizierung erst mal ihren Gang nimmt.

Ulita Knaus

Spätestens, wenn Knaus nach dem Motto „I decided to take a rest from all that wellness stress“ ihren Kräutertee weggießt, die Yogamatte fortschmeißt und sich stattdessen eine schöne Flasche Rotwein aufmacht, ist man diesem mit einer fast überirdischen Gelassenheit bestechenden, beschwingt vor sich hingroovenden Platte verfallen. Die Nummer, die mir die Essenz des Albums zu sein scheint, wäre mit seiner bestechend lässigen Scat-Einlage in der Tat ein angemessener Abschluss für sie gewesen. Der wirkliche Closer Window Facing West gibt der Platte mit seinen „seven point five squaremeters of happiness“ dann aber einen allzu melancholischen Ausklang, der ihr in meinem Ohren nicht gerecht wird, wobei Knaus selbst diese Sehnsuchtsnummer bewundersnwert kitschfrei intoniert – man stelle sich mit Grauen vor, was ein Musicalsänger daraus gemacht hätte, schließlich verleitet die steigende Tonfolge von Zeilen wie „Because I’m right here with you my Love“ nachgerade zum auf-die-Emotionstube-Drücken! Knaus indessen nimmt Volumen & Co. heraus und hält sich wohltuend zurück. Nicht zuletzt macht hier auch die – im übrigens so ziemlich großartige – Band alles richtig.

Genau das lässt sich im Grunde von der ganzen Platte sagen: Alles richtig gemacht. Eine weiterreichende Rezension lesen Sie wie immer in Ihrem Lieblings-Online-HiFi-Magazin fairaudio.de. Und falls Sie sich um mich Sorgen machen sollten: Mittlerweile kann ich sehr gut Nein sagen. Nur eben nicht zu dieser Platte.

21. Juli 2014

Terzen unter Kiefern

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Als ich sie im jüngst auf fairaudio veröffentlichten Bericht über das XJAZZ-Festival erwähnte, fiel mir auf, dass ich hier noch gar nichts darüber gesagt habe: Die Rede ist von den Bernauer Musikfestspielen Siebenklang, die 2014 bereits in die achte Runde gegangen sind. Den Auftakt der sieben – daher der Name – Konzerte bestritt diesjahr ein erschütternd stimmgewaltiger Dominique Horwitz mit seinem Brèl-Programm, den Abschluss am 31. Mai teilten sich gleich vier Acts, darunter der Kanadier JF Robbitaille. Leser, die dem Klangblog auch während seines Sabbaticals die Treue halten, wissen, dass ich unsere Generalpause nicht ohne guten Grund unterbreche. Robbitaille aber ist ein verdammt guter Grund!

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Mit Pocketcamera, deren Klangqualität ich zu entschuldigen bitte, konnte ich auf dem Abschlusskonzert des diesjährigen Siebenklang-Festivals, das in der herrlich inmitten von Liefern gelegenen Waldkirche Lobetal stattfand, seine Interpretation des Patience & Prudence-Klassikers Tonight You Belong To Me einfangen. Der steht nicht stellvertretend für die Musik auf Robitailles aktuellem Album Rival Hearts, das die düstere Seite des Singer/Songwriters in den Vordergrund stellt, spricht aber den heimlichen Simon&Garfunkel-Fan in mir, der gern mal in terzseligen Folkharmonien schwelgt, an. Haben Sie eine schöne Zeit!

9. Juni 2014

An einem heißen Sommertag

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 11:35

Auch während des Sabbaticals bleibt man von diesen besonderen Tagen jenseits der dreißig-Grad-Marke nicht verschont, an denen der Asphalt flirrt, sich ansonsten jedoch nichts regt, kein Windhauch, kein Vogel, kein gar nichts. Stille Tage, an denen man mitsamt seinem hitzegeplagten Lieblingshaustier wie hingegossen auf dem Dielenboden herumliegt, in der naiven Hoffnung, so in einer komplett nach Süden ausgerichteten Wohnung wenigstens etwas Kühlung zu finden. Was dieses Jahr ausbleibt, ist einzig das schlechte Gewissen, den Tag derart zu verschwenden. Nichts muss. Keiner drängt. Wäre es nicht so heiß, man könnte sich glatt ganz eins fühlen mit diesem absichtslosen Sein.

Einen nicht unerheblichen Anteil daran haben Peter Reimers Islands of Tranquility, die der Bad Camberger Akustikgitarrist als Entschleunigungsmusik bezeichnet und für welche selbst der klassifizierungssüchtigste Kritiker keinen treffenderen Terminus finden wird. Reimers Klänge machen einen Hochsommertag erträglich, indem sie eine unmittelbare psychosomatische Wirkung entfalten, Puls und Herzschlag normalisieren, den Atem frei fließen lassen und widrige Witterungsumstände schlicht vergessen machen. Es ist ein bisschen wie beim Floaten, so wohlig geborgen, so gut aufgehoben fühlt man sich in diesen Klängen, die allen Ballast davonzutragen scheinen, sodass man ihnen eine nachgerade seelsorgerische Komponente attestieren muss.

Kein Wunder, ist Reimers Musik doch aus Patientenkonzerten entstanden, deren therapeutisches Ziel es war, die Zuhörer zu innerer Ruhe und verstärktem Kontakt mit sich selbst zu führen. Bald schon entdeckte der Musiker, dass dies auch außerhalb des Klinikkontextes funktionierte. Seine Entschleunigungskonzerte fanden daraufhin auch in Kirchen und Konzertsälen derart regen Zuspruch, dass er sich entschloss, sie auf CD zu bannen, wohl wissend, dass es mit einigen Schwierigkeiten behaftet sein kann, das multisensorische Live-Erlebnis auf einem Tonträger zu konservieren. Im Gegensatz zu seinen Konzerten verzichtet Reimer hier komplett auf Loops, was den Aufnahmen eine intime Unmittelbarkeit verleiht, die vom vielzitierten Lagerfeuerfeeling jedoch nicht weiter entfernt sein könnten, dafür sorgt allein der audiophile Anspruch des Projekts.

Vergleiche sind immer ein heikles Unterfangen, nie weiß man, ob sie dem Künstler schmeicheln, ihn gar beleidigen oder ihm schlicht nicht gerecht werden. Ich möchte dennoch die Prognose wagen, dass all jene, die sich von Josete Ordoñez‘ schaumgeborenen Traumwelten in watteweiche, wellenumspülte Wohligkeit einhüllen ließen, an den elf Eigenkompositionen Reimers, die durch ein Cover von Cindy Laupers Time after Time bruchlos abgerundet werden, großem Gefallen finden werden. Mir persönlich gefällt der Opener Concerned am besten, dicht gefolgt vom eingängigen Dominik und dem meditativen Hope,denn schon nach jeweils wenigen Takten wird klar, dass alles, was man gemeinhin so unter Chill out, Down Tempo & Co. versteht, im Gegensatz zu Peter Reimers Musik seichtes Kindergartengedudel ist. Werft endlich eure Café del Mar-Compilations fort, rufe ich euch zu, Tiefenentspannung und Niveau müssen sich nicht ausschließen, wie die Islands of Tranquility beweisen. Erwerben kann man diese „Inseln der Gelassenheit und Seelenruhe“ (Reimer), die schon im vergangenen November das Licht der Welt erblickten, direkt hier beim Künstler.

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23. März 2014

Ein Rettungsboot voller Lieder: jo_berlin und illute im Panda-Theater

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Was für ein Kontrastprogramm! Am Vorabend noch Mascagnis Cavalleria rusticana und Leoncavallos Bajazzo in der Inszenierung David Pountneys unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister in der Deutschen Oper Berlin gesehen – und heute dann jo_berlin und illute. Keine Angst, ich verschone Sie hier mit einer Opernkritik, erlaube mir aber, beide Stücke mit je einem dem Popkosmos entlehnten Zitat zusammenzufassen. Da wäre erst einmal die Cavalleria rusticana, und es liegt auf der Hand: Whatever Lola wants, Lola gets! Dann der Bajazzo: Drama, Baby, Drama! Wer ein Faible für die italienische Oper schwurbelig-spätromantischer Provenienz samt ihrem plakativen, ja: melodramatischen Verismus hat, weiß, wovon ich rede. Kurz: Es war ein Fest. Und damit sind wir auch schon beim Thema, denn ein Fest war auch der vergangene Samstagabend, wenngleich grundsätzlich anderer Natur, kann man doch übersteigerte Emotionalität, Sentiment und überhaupt Dramatik weder jo_berlin noch illute vorwerfen.

Bevor ich weiterschreibe, möchte ich noch mögliche Interessenkonflikte offenlegen, denn bei den neuen Platten beider Künstler habe ich meine Finger im Spiel. So ist illutes So wie die Dinge um uns stehn die erste Veröffentlichung, deren von mir verfassten Waschzettel – also das Begleitschreiben, das Journalisten mit dem Rezensionsexemplar erreicht – ich mit meinem Namen gezeichnet habe. Viele Kollegen schreiben diese Texte, die meisten verzichten aber auf Namensnennung, da man sich ja nicht dem Ruch aussetzen will, sich mit (s)einer Sache gemein zu machen oder, bewahre, gar Redaktion und Promotion auf unzulässige Weise zu vermischen. Ich dagegen glaube mittlerweile, dass es durchaus legitim ist, für eine gute Sache die Werbetrommel zu rühren – und Platten von illute sind immer eine gute Sache, angefangen von ihrer allerersten EP bis zu ihrem Auftritt bei und mit The Stewardesses.

Mehr noch: Ich betrachte es als Ehre, wenn einem Künstler meine Texte so sehr gefallen, dass er bei mir danach anfragt. Bei der Novemberticket-EP von jo_berlin, der den Samstagabend für illute eröffnet hat und dem ich auch privat in Freundschaft verbunden bin, habe ich, kurz gesagt, fast alles gemacht – bis auf das Wichtigste, die Musik. Warum? Ich bin ganz verliebt in die Lieder von jo_berlin, seit ich sie zum ersten Mal gehört habe. Nicht ohne Grund habe ich ihnen vor zwei Jahren in meiner Klangköpfe-Serie viel Platz eingeräumt! jo_berlin findet Bilder, die nicht unbedingt naheliegen, Andeutungen, die immer mehr meinen, als sie sagen, und schreckt auch vor den ganz großen Begriffen nicht zurück, die anderen zu emotional oder gar pathetisch scheinen. Wer etwas auf seine Coolness gibt, verwendet die nicht. Und genau das mag ich an jo_berlin: Er ist nicht cool. Und damit viel cooler als alle, die cool sind.

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Teilen sich nicht nur die Bühne, sondern auch den Plattenkoffer: jo_berlin & illute

Nicht zuletzt ist jo_berlin auch derjenige, der illutes erstes Album Immer kommt anders als du denkst als „lebensrettende Platte“ bezeichnet und damit eine seither vielzitierte Phrase geprägt hat. Und letzten Samstag hat sich dieser Kreis mit einem gemeinsamen Auftritt beider Musiker nun endlich geschlossen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich war, all diese Lieblingslieder hören zu dürfen, live, an ein und demselben Abend. Und während jo_berlin das Konzert für illute eröffnet, kann ich zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, was genau es mit dem lebensrettenden, wobei ich lieber sagen möchte: heilenden Aspekt von illutes Musik auf sich hat, und zwar nicht nur im wörtlichen Sinne – ist doch meine Erkältung spätestens bei den letzten beiden Stücken des Abends vergessen -, sondern auch im übertragenden. Aber dazu später mehr. Erst einmal erfreut jo_berlin, der als ehemaliger Frontmann einer englisch-sprachigen Grunge-Band in der Hauptstadt nicht nur seinen neuen Namen, sondern auch seine ureigene Sprache gefunden hat, mit dem Blick des Zuzüglers, der Berlin dank seines Brotjobs aus einer Perspektive zu sehen bekommt, die selbst die meisten hier Geborenen nicht kennen dürften. Nicht nur im Lied findet er schöne Worte, sondern auch in der Ankündigung. Et voilà: Novemberticket! Und für die, denen das zu depressiv ist, wirft er schnell noch den Stein ins Meer hinterher, der sich in den nächsten Tagen – gib mir dies, gib mir das/aber gib mir irgendwas – noch als verdammter Ohrwurm erweisen soll.

Und dann kommt auch schon illute und fängt ohne größere Umbauten, Umstände oder Pausen gleich mit einem Lieblingssong ein: Sichtbar, den sie, wenn ich mich nicht täusche, schon auf der Tour mit den Stewardesses gespielt hat. Ich ärgere mich, denn ich stehe noch in der Schlange vor dem einzigen (!) Unisex (!)-Klo, das nach Auffassung des Panda-Theaters knapp einhundert Leute versorgen soll. Schade, gibt es eben kein Video von Sichtbar. Ich grummele noch eine Weile vor mich hin, bis mich ein zweistimmiger a capella Loop Song im Duett mit Geigerin Danielle Grimm betört, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Was kann man dazu mehr sagen als zauberhaft!

Ohnehin steht der ganze Abend – Stichwort Loop Song – im Zeichen der Klangschleifen, nicht nur im konkreten, sondern auch im übertragenden Sinn, er hallt nach, findet Anknüpfungspunkte zum Alltag und kommt in der Erinnerung immer wieder momentweise hoch. Ich ertappe mich dabei, Ausklang des Abends noch tagelang vor mich hinzusummen. Mein Matrose, ein, verzeihen Sie die Wiederholung, zauberhaftes Wiegenlied, von dem ich wünschte, es wäre mir eingefallen.

An maritimen Bildern herrscht auch sonst kein Mangel bei illute, weder auf ihrem aktuellen Album So wie die Dinge um uns stehn, wo mal der „Horizont bleibt, wo er immer war“, mal „Kein Land in Sicht“ ist oder „die Hoffnung über Bord“ fällt, noch auf dem Vorgängeralbum Immer kommt anders als du denkst, auf dem sich mit My Music Is A Boat mein persönliches illute-Lieblingslied aller Zeiten versteckt. Hier toll mit großer Band – Daniella Grimm an der Violine, Jacob Przemus am Schlagzeug, Philipp Schwendke am Bass und als Special Guest zu meiner besonderen Freude einer großartigen Julia A. Noack an den Vocals – und, um im Bild zu bleiben, voller Maschinenkraft:

Nicht nur, dass ich an diesem Abend vor illute auch als Sängerin ganz neuen Respekt bekommen habe – sie kann eben nicht nur diese niedlichen Songminiaturen, für die sie bekannt ist und denen dank ihrer aus dem Spielzeuginstrumentarium rekrutierten Begleitung wie Melodica oder Ukulele immer auch etwas ganz Kindliches innewohnt -, auch hat der Song für mich an diesem Abend eine ganz persönliche Bedeutung angenommen und mich im Schnelldurchlauf gelehrt, mich auf das, was illute hier „my music“ nennt und was Sinnbild nicht nur für die Musik, das Schreiben, die Arbeit, sondern auch das täglich zu lebende Leben sein kann, zu konzentrieren. Wem die Alltagsaufgaben, in denen er aufgeht, sein Boot sind, segelt damit fort, den Fahrtwind in den Haaren, und derjenige, der ihn kürzlich sehr geärgert hat, wird langsam aber sicher immer kleiner und unbedeutender. Treffender als mit „my music is a boat on the water/the wind is in my hair and you are getting smaller“ hätte ich das auch nicht ausdrücken können, und obwohl ich keine Ahnung habe, ob es das ist, was illute mit diesem schönen Bild beschreiben wollte, fühlt es sich für mich richtig an und selbst mich von dem Lied verstanden, in ihm aufgehoben und getröstet. illute versteht es, die Dinge, die uns umtreiben, in einfache Reime zu kleiden, die einen Mantra-artig durch die Tage, vor allem die weniger guten, leiten. Das ist es, was jo_berlin gemeint hat, als er von den lebensrettenden Liedern der illute sprach, die in keine musikalischen Hausapotheke fehlen dürfen.

5. März 2014

Jazzahead! 2014: Dänischer Jazz, wie er ist

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Wenn es einen Grund gibt, den Klangblog kurzzeitig aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, dann ist das fraglos die Jazzahead!, Fachmusikmesse und alljährliches Familientreffen der Branche in Bremen. Da ich dieses Jahr sabbaticalbedingt nicht dabei sein werde, folgte ich kompensatorisch der Einladung der Königlich Dänischen Botschaft ins Felleshus der Nordischen Botschaften Berlin, um mir bei einem Presse-Event einen kleinen Vorgeschmack auf die diesjährige Messe und besonders auf die Jazzszene Dänemarks, das als erstes nordisches Partnerland der Jazzahead! auftritt, abzuholen.

Das Verhältnis von vier Frauen zu fünf Männern ist für Jazzverhältnisse nahezu revolutionär; alldieweil komme ich nicht umhin festzustellen, dass ich der einzige Schreiberling unter den Anwesenden bin. Ansonsten tummeln sich vor allem Booker, Konzertveranstalter und Co. zwischen den Kulturattachés. Eine große Freude ist es, Sybille Kornitschky von der Jazzahead! wiederzutreffen. Nach einem kurzen Grußwort des dänischen Botschafters Per Poulsen-Hansen präsentiert sie uns stolz das kleine Jazzahead-Büchlein, das dieses Jahr die verschiedenen Programmhefte und -flyer ersetzt und alle Informationen kompakt bündelt. In der Tat ist es so schön geworden, dass ich beim Blättern mit jeder aufgeschlagenen Seite aufs Neue bedaure, Ende April nicht in Bremen dabeisein zu können.

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Vor allem auch, da Dänemark als viertes Partnerland auf dieser nunmehr neunten Jazzahead! mit so einigem Hörenswerten aufwartet – aber dazu später mehr. Die Aufteilung in die Nacht des Partnerlandes, die Overseas Night, die German Jazz Expo und das European Jazz Meeting folgt bekannten Mustern – und auch bekannte Gesichter treffen wir wieder, Beispielsweise Bartmes oder Slixs mit Katharina Debus, die wir als Stimme von FrauContraBass kennen, bei der German Jazz Expo, Charnett Moffett bei der Overseas Night, Nils Wogram’s Root 70 & Strings beim European Jazz Meeting, und, oh ja!, da war ja noch die Skoda Clubnight, die diesjahr mit Acts wie Lisa Bassenge oder dem Vazana Trio aufwartet, wobei ich mich über Letzteres ganz besonders freue, da die israelische Sängerin, Pianistin und Posaunistin Noam Vazana bei den Jamsessions der letztjährigen Messe kennen- und schätzen gelernt habe.

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In Bremen geht das als Partnerlandprogramm bezeichnete Kulturfestival allerdings schon früher los, genau genommen am 13. März beim großen Eröffnungsabend mit dem Danish String Quartet, das, folgt man Kornitschky, „so gar kein Jazz ist“. Das Kulturfestival, das sich bis weit in den Mai ausdehnt, gehe eben weit über Jazz hinaus – und auch weit über Musik. Da gibt es Theaterveranstaltungen wie Der perfekte (dänische) Abend, dänische Krimi-Kurzgeschichten, Märchen von H.C. Andersen und mehr. Purer Zufall hingegen sei, dass der diesjährige Preisträger des Jazzahead! Skoda Awards, der Fotograf Jan Persson, auch Däne ist. Dessen Fotografien von Miles Davis & Co. sind von Ende April bis Anfang Juni in den Artdocks zu bewundern. Eine weitere Überraschung ist das Line-up des diesjährigen Galakonzerts, das traditionellerweise in der Glocke stattfindet. Wo mich voriges Jahr Avishai Cohen nahezu weggeblasen hat, gibt sich diesmal das Aarhus Jazz Orchestra mit Gitte Haenning ein Stelldichein, die man hierzulande ja nun auch nicht unbedingt als Jazzsängerin kennt. Was sie aber recht eigentlich ist.

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Neu ist 2014 neben der Einführung eines sogenannten Farewell-Konzerts, dass man auf der Jazzahead! die zunehmende Nachfrage aus den USA wohlwollend zur Kenntnis nimmt und ihr im Rahmen der Overseas-Night entsprechenden Raum gibt. Die bislang sechs Konzerte werden um zwei erweitert. Auf meine besorgte Frage hin gab man aber deutlich zu verstehen, nicht zur internationalen Plattform werden zu wollen und dem Hauptfokus auf Europa treu zu bleiben. Dies beweist schon die Wahl des Partnerlandes, wobei der Europabegriff mit den bisherigen Partnerländern Türkei, Spanien und Israel hier eher politisch denn geografisch und auch sonst im weitesten möglichen Sinne gefasst wird. Vom diesjährigen Partnerland Dänemark berichtet Lars Winther, Sekretariatsleiter von JazzDenmark, der auch den Jazzbegriff im weitesten Sinne verstanden wissen möchte. Schließlich sei es schwierig, die Frage, was zeitgenössischer dänischer Jazz sei, zu beantworten. Historisch sei Dänemark zwar immer oder immer wieder Heimat verschiedener Jazzgrößen gewesen, doch schreite die neue Generation, wenn auch nicht völlig losgelöst von diesen Traditionen, so doch traditionsbefreiter voran.

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Natürlich fänden sich nach wie vor durch die musikalische Historie bedingte skandinavische und amerikanische Einflüsse, und, so Winther weiter, „it’s always hard to describe Danish or Nordish Jazz“, denn allzuschnell rutscht man beim Versuch der Beschreibung in den – durchaus verkaufsfördernden – Klischeekosmos rund um Begriffe wie Distanziertheit, Düsternis, Kühle, Fragilität oder Melancholie ab. So finden sich unter den acht dänischen Formationen mit dem Trio des Pianisten Søren Bebbe auch genau jene Soundlandschaften, die man sich landläufig unter „nordischem“ Jazz vorstellt. Aber da sind eben auch noch groovebetonte Projekte wie die Band Phronesis um den Bassisten Jasper Høiby oder das 26-köpfige Mammut-Orchester Blood Sweat Drum + Bass, dassein Publikum mit der Gewalt von vierzehn Bläsern von den Stühlen reißt. Das sich mit Haut und Seele dem Blues verschrieben habende Snorre Kirk Quintet. Die ebenfalls fünfköpfigen Girls in Airports, die auf der Suche nach Inspiration auch schon mal durch die Klangkulturen Afrikas und Asiens marodieren.

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Und natürlich Ibrahim Electric, die mit E-Gitarre, Hammondorgel und Schlagzeug das weite Feld zwischen Psychedelic Soul, Afrobeat und Punk beackern – eben „the whole range of Danish Jazz“, den man hier so versucht zu repräsentieren, wie er ist. Und nicht, wie andere ihn haben wollen. Zu Ibrahim Electric, die mit einem Kurzauftritt zeigen, wofür wir hier so mühsam nach Worten ringen, fällt Winther dann noch ein: „In the old days, Jazz was something you could dance to. Ibrahim Electric play something you can even stage-dive to!“ So toll – und vor allem laut – das alles auch ist: Zu meinem Bedauern fehlen hier Künstler wie Kira, die meiner Meinung nach durchaus das Galakonzert hätte bestreiten können, oder Lasse Matthiessen, den ich mir auf der Clubnacht gut hätte vorstellen können, was Fragen nach der Repräsentabilität solcher Länderschauen ebenso aufwirft wie jene nach persönlichem Geschmack.

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Dafür haben die dänischen Jazzexporteuren gezeigt, dass sie Traditionen respektieren. Anstatt der üblichen CD, die einen Querschnitt der aktuellen Jazzszene birgt, setzt man hier auf 180-Gramm-Vinyl in handnummerierter, limitierter Auflage. Mit Nummer 5 von 300 werde ich mich trösten, während Sie für mich bitte die Messe besuchen. Weitere Informationen gibt es unter www.jazzahead.de

31. Dezember 2013

Generalpause

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 07:43

„Geld oder Leben!“ war der vom postkutschenausraubenden Bösewicht deklamierte Schlüsselsatz eines jeden Westerns meiner Kindheit. Die Überfallenen wollten zwar ihre Barschaft nur ungern hergeben – allein, noch mehr hingen sie an ihrer bloßen Existenz. Der Räuber machte fette Beute, nahm so manche Geisel, wilde Verfolgungsjagden begannen, der Sheriff kam ins Spiel und klar, zum Schluss erhielt der Schurke seine gerechte Strafe.

Als Kind habe ich Western geliebt. In Buchform jene von Lieselotte Welskopf-Henrich, im Fernsehen die von Karl May. Die schienen – unterdrückte Indianer hier, ausbeuterische Imperialisten da – der DDR so gut in den Kram szu passen, dass sie in gefühlter Dauerwiederholung liefen. Klar, dass ich sie mit meiner damaligen besten Freundin Corinna nachgespielt habe, wobei ich natürlich immer die schöne Indianerin gab, während die bemitleidenswerte Corinna notgedrungenerweise Old Shatterhand, die Gesamtheit der bösen Weißen und alle übrigen Indianer in Personalunion darstellen musste.

Dreißig Jahre später stellt sich die Geld-oder-Leben-Frage aus zeitlicher Perspektive, wobei Arbeitszeit den einen und Lebenszeit den anderen Pol bildet. Gerade Letztere scheint mir wahnsinnig knapp bemessen, dabei hätte ich so gern so viel mehr davon! Ich schicke den Klangblog für ein Jahr in die Ferien, um ausgiebig die vollkommen alltäglichen Dinge zu zelebrieren, am-Herd-stehen-und-kochen etwa, mit-dem-Hund-spazieren-gehen und dann und wann auch mal ein-paar-Löcher-in-die-Luft-starren – ganz zu schweigen von dem Vergnügen, rein privat ein Konzert zu besuchen und den Musikern zuhören zu dürfen, ohne sie gleich bewerten zu müssen.

Doch wie das mit Generalpausen so ist: Es gibt immer einen, der sich – sorry, liebe Hornisten – gründlich verhupt. Ab und zu werde auch ich eine Pause von der Pause machen, nämlich dann, wenn besondere Ereignisse – wie beispielsweise der Record Release von illute im März – besondere Maßnahmen erfordern. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen großartigen Start in ein aufregendes Jahr!

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Apropos illute: Die macht nicht nur lebensrettende Platten, sondern auch solch schöne Illustrationen wie diese hier. Ihnen gefällt die Illute-Illu? Der Weg dahin führt über www.illute.com

23. Dezember 2013

„Wenn schon Jazz unterm Tannenbaum …

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 13:18

… dann solchen!“ Mit diesem Kommentar zu René Maries schwül dahingehauchtem Santa Baby verabschiedet sich die aktuelle Ausgabe von Victoriah’s Music auf fairaudio.de in die Weihnachtsferien. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn es gibt schon noch Jazziges zum Weihnachtsfest, das sich – auch als Last-Minute-Geschenk – gut unterm Tannenbaum (oder an der Weihnachtswäscheleine) macht.

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Allem voran zu nennen ist hier der Engelrausch des Jazz-World-Tango-Trios Tango Transit, der mich über FrauContraBass-Bassist Hanns Höhn erreichte, welcher in seinem anderen Leben eben dort die tiefen Saiten rührt. Nach einem exzessiv volkstümlichen Auftakt irgendwo zwischen der Grunewalder Holzauktion und Alpenglühen kristallisiert sich die Melodie von Kommet ihr Hirten heraus, das die CD richtungsweisend eröffnet, denn ja, die Engel rauschen hier im Gewand alpin-volkstümlicher Akkordeonklänge, kommen aber auch mal karibisch, mal piazollaesk daher. Martin Wagner an den Tasten, Andreas Neubauer am Schlagzeug und eben Hanns Höhn am Bass interpretieren traditionelles Liedgut überraschend neu, spielfreudig und energiegeladen (man höre nur mal in Morgen kommt der Weihnachtsmann rein, wen es da auf seinem Stuhl hält, der ist scheintot, mal ehrlich!), ohne es gewaltsam zu verjazzen, vom üblichen „Swingin‘ Christmas“ ganz zu schweigen. Ohnehin wäre Jazz das falsche Label für dieses Album – zumindest wäre der Engelrausch damit nur höchst ungenügend beschrieben.

Absolutes Highlight aber ist dem fröhlichen Tenor des Albums zum Trotz keine atemlose Uptempo-Nummer, sondern das hier an den Libertango erinnernde Es kommt ein Schiff geladen, das nur noch von Maria durch den Dornwald ging übertroffen wird, angesichts dessen man zunächst glauben könnte, in Piazollas Milonga del Angel hineingeraten zu sein, das dann aber einen dezent orientalischen Einschlag entwickelt und dessen letzte „Jesus und Maria“-Zeile bei Tango Transit eine derart zwingende Inbrunst entwickelt, dass man auch als Nicht-Christ auf der Stelle gläubig werden möchte. Ein absolutes Haben- und immer wieder Hören-Müssen-Album, das nur direkt bei den Musikern zu bestellen gibt.

Engelrausch-Cover

Wer auch diesjahr auf ein gerüttelt Maß Swingin‘ Christmas nicht verzichten will, ist bei Paul Carrack und der SWR Big Band gut bedient. Lief uns Letztere erst kürzlich in Form von Fola Dadas Beitrag zum Fräuleinwunder über den Weg, dürfte Carracks Stimme den meisten noch von Projekten wie Ace, Squeeze oder Mike + The Mechanics im Ohr sein. Gemeinsam sorgten Bigband und Sänger schon 2005 mit A Soulful Christmas, dessen Produktion man den Kitschfaktor nicht absprechen kann (aber das muss so!), für wohlige Gänsehaut. Swinging Christmas steht dem in nichts nach, hat aber den Vorteil der Live-Aufnahme, der jeglichen Ansatz der überproduzierten Glätte schon im Keim erstickt. Klar gibt es auch hier das volle Programm der Coca-Cola-Weihnacht, White Christmas, Santa Claus Is Coming To Town oder Jingle Bells, aber eben auch völlig un-weihnachtliche Swing-Klassiker wie das Van Morrison’sche Moondance oder den Zweiunddreißigtakter Fly Me To The Moon, an dessen Interpretation sich spätestens seit Sinatra jeder große Crooner messen lassen muss. Überrascht wird der Hörer durch Carracks Version von John Lennons Imagine, das hier beweist, wie es jenseits ungezählter Musikschulaufführungen klingen kann, klingen muss! Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Paul Carrack hat die Stimme, die es schafft, Kitsch in Kunst zu verwandeln, und die SWR Big Band ist eine Institution.

Swinging Christmas

Wer zu Weihnachten auf der Suche nach ruhigeren Edelklängen ist, könnte versucht sein, zu Valerie Sajdiks Les Nuits Blanches zu greifen. Und in der Tat lässt sich das von Samuel Devauchelle produzierte, in eleganter Schwarz-Weiß-Optik gehaltene Album mit einem betörenden Zwigesang von Sajdiks warmer Stimme und Kontrabass, zu dem sich später ein verhaltenes Piano und noch später dezentes Schlagwerk gesellen soll, hochelegant an, wozu die französischen Lyrics das ihre beitragen. Dennoch hat die Wiener Sängerin mit russischen Wurzeln alles andere als den Soundtrack zur Stillen Nacht am Kamin geliefert, denn schon Track zwei wartet mit einem ausgewachsenen Kosakenchor auf. Fortan mäandern die Weißen Nächte irgendwo zwischen Tango, Chanson und Kabarett (ein traumverlorenes Cover von Doublés Captain Of The Heart gibt es auch noch), und spätestens da, wo man den Text des quadrilingualen Albums versteht, ist klar, dass es die Stücke ganz schön in sich, nämlich faustdick hinter den Ohren haben. Die Englein schweben bei Valerie Sajdik nicht keusch umher, sondern feiern auf ihren Opiumwolken wilde Sexorgien, und die Katze – miau! – wird auch gleich noch en passant begraben. Sajdik selbst hat eine jener Stimmen, die ganz beiläufig von bitterbösen Begebenheiten erzählen können – sofort glaubt man ihr, dass sie mal eben den Nachbarn zum Frühstück verspeist, wenn er sich nicht vorsieht. Das alles macht die Nuits Blanches zu einem Album für jene, deren musikalischer Humor sich im Spannungsfeld zwischen Tiger Lillis und Cosmonautix bewegt. Lassen Sie sich nicht vom Cover täuschen! Unbedingte Anspieltipps: Métropolis, I Spy On You und Comme Ça. Ich muss hier aber wohl nicht extra erwähnen, dass ich das ganze Werk ganz großartig finde und ihm viele Hörer wünsche.

Nuits Blanches

Ihnen dagegen wünsche ich eine schöne und nicht zuletzt schön klingende Weihnachtszeit!

12. Dezember 2013

Zeit der Unschuld. Die dänische Sängerin Kira Skov im Klangverführer-Interview

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Seitdem Rosenhändler, Pralinenproduzenten und die Hersteller von Kitschartikeln aller Couleur, ob Grußkarte oder Herzluftballon, ihn auch hierzulande für sich instrumentalisiert haben, wird er weitestgehend gehasst: der Valentinstag. Wahre Liebe, so mosert der echte Romantiker, braucht keinen verordneten Feiertag. So weit, so richtig. Trotzdem möchte ich Sie heute bitten, ihre neuerworbenen Jahresplaner für 2014 zur Hand zu nehmen und sich den vierzehnten Februar dick anzustreichen. Nein, keine Angst, es steht kein Richard-Clayderman-Konzert an – und falls doch, haben wir damit nichts zu schaffen! Vielmehr erscheint an diesem Tag die neue Platte von Kira Skov, deren letztes Album Memories of Days Gone By – eine Hommage an Billie Holiday – mich seinerzeit veranlasste zu schreiben: „Kira möchte ich in Zukunft wieder mit eigenem Material hören“, endlich auch in Deutschland.

Und auch mein damaliger Wunsch wurde erhört. Das mit Hilfe von PJ Harvey-Produzent John Parish und Nick-Cave-Tonmeister Paul Corkett ausgenommene When We Were Gentle enthält ausschließlich Eigenkompositionen, die, bei allem Respekt vor den Interpretationen der Dänin, ihre wahre musikalische Stärke ausmachen. Ich hatte die Gelegenheit, mit Kira im Vorfeld der Albenveröffentlichung, die sie als Essenz ihrer musikalischen Reise betrachtet, über Glaube, Liebe, Hoffnung, Schuld und Sühne, kurz: die ewigmenschlichen und allzeitgültigen Themen, zu sprechen.

kira skov photo by: jasper carlberg 2013

Klangverführer: Your last album Memories of Days Gone By was more or less a tribute to Billie Holiday. Your curent album sounds much more electronic and even a bit „triphoppy“ to me. Did you aim to go back to the roots, musically speaking? I have heard that it was no less a figure than English trip hop musician Tricky who originally discovered you …

Kira: It is true that I collaborated with Tricky and that he dicovered me and signed me to his label, but at this time I already had released 4 studio albums in Denmark playing rock’n’roll. I toured with Tricky as a guest in his band and performing all the vocal based tracks from his back catalog on his world tour in 2008. Since then I have released 5 albums in Denmark, the latest being When were were gentle. I think this album in many ways sums up the musical journey I have been on for the past many years. You will find shadows and references to both the Billie Holiday Jazz tribute album and my more cinematic and abstract journeys of my side project Persona, as well as a more singer/songwriter rooted tunes, related to my earlier works.

When We Were Gentle was produced by John Parish. Why did you chose him to produce the album and how did this collaboration actually come into existence?

I contacted John on Myspace in 2009 and I send him a bunch of songs over a long period of time and we communicated by mail for a while. He then produced an album for me on Iceland called Look up ahead in 2010. I found him to be a really great producer and we also became good friends. He is an outstanding musician and he has a really unique sense of sound. He also is very aware of how to concentrate an energy during a recording session and has lots of experience of the dynamics of recording and working with peoples energies. He is a very pleasant person to work with and I have endless amounts of respect for him as a musician and producer.

Another big name on When We Were Gentle is Paul Corkett, who has recorded and mixed such serious, „melancholy“ artists like The Cure or Nick Cave before. Do you think that the gloomy undertone of your album can be accredited to him?

It was John that introduced me to Paul. He is another lovely englishman and very good at what he does. I think everyone involved in the recordings of this album can be credited for having a share in the sound and atmosphere, but the gloomy undertones was already present in the demos of the songs I think.

Talking of „gloomy“ – for me, not only the music sounds quite dark, but also the lyrics seem to be very pessimistic: There are cold winds blowing and cold waters running … Is this how you experience the state of the world today?

I think there is a darkness in the songs, but for me making music is a way of creating some sort of balance in my life. I’m really quite an optimistic person, but I think I give my own personal darkness a room in the music, where it can exist without messing up my personal relations as they might have done when I was younger. It has turned out to work for me in this way.

Anyhow, there seems to be „Hope Fot Change“, which I regard as the key line in Idea Of Love. Could „gentleness“ as it is used in the album title be understood in the sense of „innocence“, as in The Age of Innocence?

Yes, the hope for change is present in the album and very much specifically in the song Idea of Llove. Gentleness could in this way be interpreted as innocence. It is also the wish to return to that moment in early love where there is no past or future. No preconceived ideas and notions. Where you a free of someone having a fixed idea of who you are and where you therefor can rest truly in the moment. That was when we were gentle and I’m trying to grasp the essence of this state.

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2. Dezember 2013

Ein Mann, ein Hut und eine Gitarre. Thomas Dybdahl entzündet das Licht

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 07:34

Wenn sich ein Kreis schließt – und sei er noch so klein! -, stellt sich ein Gefühl tiefen Wohlbefindens ein. Das mag durch den Reim jetzt nach Kalenderspruch klingen, wird dadurch aber nicht weniger wahr. Kommt der Kreisschließer noch dazu in Gestalt des norwegischen Superstars Thomas Dybdahl, der hierzulande trotz aller Bemühungen meinerseits immer noch dramatisch unterschätzt wird, daher, kennt die Zufriedenheit am Ende des Tages kaum noch Grenzen.

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Es begab sich nämlich, dass ich mir nach einer Vielzahl arbeitsamer Wochen endlich mal wieder einen faulen Sonntagvormittag im Bett gönnen konnte; und wie ich da so zwischen Teetasse, leichter Lektüre und Schmusehund selig vor mich hindümpelte, wurde mir gar vorweihnachtlich zumute – immerhin schrieben wir den Ersten Advent. Da kann es schon mal passieren, dass sich von Ferne eine kleine Melodie in den Kopf schleicht, um sich dort niederzulassen und bei Kaffee und Adventsgebäck gemütlich einzurichten:

„Have yourself a merry little Christmas,
Let your heart be light
From now on,
our troubles will be out of sight

Have yourself a merry little Christmas,
Make the Yule-tide gay,
From now on,
our troubles will be miles away“,

sang es in meinem Kopf, und wie schön das da sang! Eigentlich mochte ich gar nicht aufstehen, hätte dies doch unweigerlich den Zauber gebrochen. Aber immerhin lockte – umsonst und draußen – ein Akustik-Set von Thomas Dybdahl, der auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor beim diesjährigen Lichteranzünden des Weihnachtsbaums, den Berlinern von der Königlichen Norwegischen Botschaft als „glowing symbol of Norway’s friendship“ traditionell zum Geschenk gemacht, den musikalischen Botschafter aus dem Reich der Mitternachtssonne geben sollte – im Vorjahr traf das Los, nicht minder verlockend, die Damen von Katzenjammer. Ach Norwegen, du hast schon tolle Künstler!

Also flugs aus dem Bett gesprungen und im Schlepptau des großartigen Jo_Hannes samt Familie zum Tore gewandert, dem die Massen in der Hoffnung auf Lichterglanz und norwegischen Glühwein bereits ebenso zahlreich wie freudig erregt zuströmten. Kaum angekommen, stand er auch schon auf der Bühne – Thomas Dybdahl, ein Mann, ein Hut und eine Gitarre. Rein akustisch und – abgesehen vom Schellenkranz am Fuß – ohne jegliche Effekte. Und genau hier zeigt sich (endlich wieder!) die Stärke der dybdahl’schen Lieder, die sich auf dem letzten Album hinter der aufgeblasenen Produktion versteckt hielt, denn Starproduzent hin wie her – Thomas Dybdahl braucht das alles nicht. Dem kann man eine alte, sich in der Kälte permanent verstimmende Klampfe um den Hals hängen und ihn seiner Backingband berauben – sein irgendwo zwischen Curtis Mayfield und Maxwell flackerndes Falsett strahlt umso heller. Und seine Kompositionen, derart entkernt, treffen mitten ins Herz, falls man, um die Kollegen von Max zu zitieren, eines hat.

Und genau da kommt auch das kleine Weihnachtslied wieder ins Spiel, denn Dybdahls sechs-Stücke-Set endet mit einer echten Premiere: Zum ersten Mal in seiner Karriere spielt er ein Weihnachtslied. Und welches hat er sich ausgesucht? Der Mann hat eben nicht nur göttliches Talent, sondern auch noch Geschmack.

26. November 2013

Eine disziplinierende Angelegenheit. Wladimir Kaminer im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 19:35

Als Autor des Romans Russendisko schrieb sich Wladimir Kaminer im Jahr 2000 in die Herzen des hiesigen Publikums und gilt mithin als der Deutschen „Lieblingsrusse“. Seitdem hat er nicht nur 19 (!) weitere Romane verfasst, sondern ist vor allem auch als DJ der gemeinsam mit Yuriy Gurzhy im Kaffee Burger veranstalteten Discothekenreihe Russendisko, bei der er moderne, (nicht nur) russische Popmusik mit folkloristischen Elementen auflegt, zur Kultfigur geworden.

Aus der Russendisko ist eine Compilation-Reihe hervorgegangen, die jüngst mit Die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer Zuwachs bekam. Klangverführer sprach mit Compilator Wladimir Kaminer über das Politische in der Kunst, den Stinkefinger der Gesellschaft und die Idee, endlich mal eine Rap-Band für ältere Menschen zu gründen.

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Fahrgast Kaminer …

Klangverführer: Das aktuelle Russendisco-Album trägt den Titel Die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer. Was haben die deutschen Taxifahrer mit dieser doch sehr Balkan-lastigen Musik zu tun?

Wladimir Kaminer: Wir haben immer nach einer Musik gesucht, die als verbindendes Element dienen kann, die im Stande ist, verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenzubringen. Und der deutsche Taxifahrer – das ist eine Metapher, ein Bild. Ich weiß, dass überall in Deutschland sehr unterschiedliche Menschen Taxi fahren, also sehr viele Menschen aus anderen Ländern, die sich inzwischen aber besser hier in Deutschland auskennen als die Einheimischen und die, die hier aufgewachsen sind, weil sie ja Taxifahrer sind.

Die Idee dieser Platte war es, zu demonstrieren, wie Menschen aus der ganzen Welt auf Deutsch singen, denn sie machen das aus sehr unterschiedlichen Gründen. Zum Beispiel dieser Finne, Numminen, der singt auf Deutsch, weil er aus dieser Achtundsechziger Generation kommt – und in Finnland war Deutsch lange Zeit die Sprache der Linken, eben weil Karl Marx sein Kapital auf Deutsch geschrieben hat! Das war quasi die Sprache der europäischen Sozialdemokratie. Die Russen singen auf Deutsch … zumindest dieser Sänger von der Band Megapolis, das ist einer, den ich persönlich gut kenne … Ich glaube, dass er Deutsch einfach in der Schule hatte. Bei uns in der Sowjetunion wollte eigentlich niemand Deutsch lernen. In der Schule standen zwei Sprachen zur Auswahl: Englisch und Deutsch – und alle wollten Englisch. Aber irgendjemand musste auch Deutsch lernen, klar, es war ja Planwirtschaft! Deswegen hat man die Rebellen, „Hooligans“ und die schlechten Schüler zum Deutschunterricht verdonnert!

Sie sagen, dass Deutsch für die Musiker auf dem Album eine jeweils unterschiedliche Bedeutung hat – für manche ist es die Sprache der neuen Heimat, manche mussten es in der Schule lernen, für manche ist es die Sprach der sozialen Gerechtigkeit …Was verbinden Sie persönlich mit der deutschen Sprache?

Ich bin vor dreiundzwanzig Jahren aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen und habe mir aus diesem Sprachproblem ehrlich gesagt nie etwas gemacht. Das war ein Kommunikationsmittel, das war eine Notwendigkeit! Ich wollte mich verständlich machen für die anderen – das war auch für mich als Schriftsteller nie eine Frage, ob ich jetzt in meiner Muttersprache oder auf Deutsch schreiben sollte. Ich war von Anfang an an breiten Leserschichten interessiert und deswegen hab‘ ich auf Deutsch geschrieben. Außerdem ist es eigentlich auch eine sehr disziplinierende Angelegenheit, wenn man sich in einer Fremdsprache äußert.

Inwiefern?

Naja, also, man denkt mehr nach bevor man etwas sagt. Man prüft irgendwie jedes Wort und jeden Satz – also, zumindest beim Schreiben tu‘ ich das –, ob alles richtig ist, ob alles stimmt. Wenn ich zum Beispiel auf Russisch geschrieben hätte, wären meine Bücher bestimmt viel dicker!

Ich verstehe! Sie sprachen vorhin von der Metapher des deutschen Taxifahrers. Dass sich der, der von weither kommt, besser auskennt, heißt im übertragenden Sinn ja auch, dass er ein besserer Beobachter von landestypischen Marotten ist …

Und vor allem entsteht aus dieser Verschmelzung der Kulturen etwas Neues, Interessantes. Ich glaube, dass man in dieser Art von Musik die Zukunft Deutschlands erkennen kann. Das klingt jetzt vielleicht sehr pathetisch und abgehoben, aber ich sehe das bei diesen Tanzveranstaltungen in der Tat, wie die Musik Menschen hilft, zusammenzukommen. Und eigentlich ist ja jedes Land, jede Staatlichkeit auf Dauer nur dann überlebensfähig, wenn sie offen ist und wenn sie auch die Kraft hat, dieses Neue aufzunehmen. Und das geht niemals ohne Reibungen, ohne zwischenmenschliche Konflikte, und da kann die Musik eigentlich sehr gut helfen. Das sieht man zum Beispiel auch an diesem EU-Projekt, an dieser Europäischen Union, die ja unglaublich viel Kritik erntet und beinahe gescheitert ist – auf allen möglichen Ebenen, ob jetzt finanziell, politisch, wirtschaftlich … Aber kulturell hat diese Union inzwischen jetzt schon enorm viel gebracht. Die Menschen in Europa sind viel näher zueinander gerückt, haben einander besser kennengelernt, die sind keine Nachbarn mehr, sondern das ist schon eine WG, die haben inzwischen schon viel mehr voneinander erfahren!

Das ist ja jetzt schon als politische Aussage zu werten – verstehen sich die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer politisch, ist das eine politische Platte?

Wissen Sie, ich glaube, wir leben in einer Zeit, wo jede Aussage eine politische Aussage ist. Jedes muss sich mit Politik beschäftigen, sonst beschäftigt sich die Politik mit ihm – und die erste Variante finde ich besser. Ich habe gerade die Nachrichten gelesen über die Unruhen in der Ukraine, wo seit drei Tagen schon Hunderttausende in Kiew auf dem Platz stehen – sie fühlen sich verarscht von ihrer Regierung. Sie haben darauf gehofft, näher zu Europa zu kommen, und ihre Regierung hat ihnen jetzt den Weg in die Europäische Union versperrt. Das ist sehr interessant. Also, diese Bündnisse, diese neuen, stehen. Die Russen machen vierundzwanzig Stunden am Tag Propaganda gegen die Europäische Union, sie sagen, die Europäische Union ist am Ende. Das kann man jeden Abend in den russischen Nachrichten hören: Die Schwachen hätten die Starken kaputtgemacht, Spanier, Griechen und so weiter … Gleichzeitig aber wollen sie ihre euro-asiatischen Bündnisse stärken. Hier hört man dann das Gegenteil: Es sei alles in Ordnung mit der EU, sie wolle sich vergrößern und neue Länder aufnehmen … Sehr interessant! Und ich glaube, dass diese Art Politik wirklich jeden angeht. Das war in meiner Heimat, der Sowjetunion, anders. Damals hatte es wirklich keinen Sinn, sich mit Politik zu beschäftigen – man hatte ja überhaupt keine Einflussmöglichkeiten auf die politische Situation. Aber heute ist das sehr spannend.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Stichwort Politik. Als ich mich auf dieses Gespräch vorbereitet habe, bin ich auf ein Interview mit Ihnen gestoßen, wo Sie sagen: Ohne Politik, ohne Verantwortung für das Leben da draußen zu übernehmen, kann Musik nicht richtig passioniert sein. Können Sie das genauer erklären?

Es gibt tatsächlich zwischen der politischen und der musikalischen Entwicklung eine Verbindung. Wir haben zum Beispiel bei der Arbeit zu unserer vorletzten Platte Ukraine Do Amerika, die nach der Orangenen Revolution entstanden ist, festgestellt, dass der Aufbruch politisch genau genommen nicht viel Neues brachte – außer einer neuen Regierung, die der alten ziemlich ähnelte –, aber kulturell, musikalisch brachte dieser damalige Widerstand unglaublich viele neue Kollektive, neue Bands hervor, die phantastische Musik machten! Klar, das war in Russland auch so: nach den Protesten vor einem Jahr sind mehrere Platten entstanden, zum Teil von Bands, die ich früher überhaupt nicht kannte. Und viele Kunstarten – zum Beispiel diese Rapmusik, die, glaube ich, erst später kommerzialisiert wurde, aber am Anfang als eine Art Stinkefinger der Gesellschaft gedacht war. Plötzlich wurde dann in Russland diese Rapmusik neu erfunden, und sie singen dermaßen enthusiastisch und tagesaktuell, dass man dann zwangsläufig anfängt, diese Verbindung zwischen Politik und Kunst überall zu suchen.

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… und Steuermann Gurzhy

Apropos Rapmusik: Sie haben auf den Liebesliedern ja zum ersten Mal auch das Mikro in die Hand genommen und zusammen mit Gurzhy auf dem Russkaja-Track „Radost“ gerappt …

Ah, ich bin nicht zufrieden mit diesem Ergebnis. Man versteht kaum, was ich eigentlich singe. Das ist alles viel zu schnell! Ich wollte schon früher eine Rap-Band für ältere Menschen organisieren, wo man langsam rappen kann und wo der Akzent mehr auf Inhalte gelegt wird. Aber vielleicht kommt’s irgendwann noch dazu!

Die Lieblingslieder sind aber nicht einfach nur eine weitere Russendisko-Compilation, sie sind auch Teil Ihres aktuellen Buches Diesseits von Eden und gehen mit Ihnen in einem moderner Cross-Promotion-Ansatz auf Lesereise …

Ja, wir haben einfach festgestellt, dass man mit dieser Musik die Menschen überall auf der Welt zum Tanzen bringen kann – auch in meinem Garten in Nordbrandenburg! Aber auch überall sonst. Wir waren jetzt im Herbst mit der Disco in vielen Ländern, in Frankreich, in Finnland … in Helsinki habe ich in einem Club namens „Dubrovnik“ aufgelegt …Dann waren in Brasilien, in Rio …Und auch dafür war die Platte gut, die hat überall funktionier!

Im Dezember gibt es dazu noch einen ganz besonderen Auftritt in Berlin – können Sie uns hierzu schon ein bisschen mehr verraten?

Am 12. Dezember treffe ich im Heimathafen mit der Band RotFront – das ist die Kombo von Yuriy Gurzhy – zusammen. Das machen wir zum ersten Mal, dass ich meine Texte zu Live-Musik vorlese, und ich bin sehr aufgeregt wegen dieses Auftritts. Ich glaube, es wird ein unvergesslicher Abend!

19. November 2013

Wieder mal die Liebe. FrauContraBass im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 12:18

Nach fünfjähriger Zusammenarbeit muss es endlich mal erwähnt werden: Wenn Musikpromoter Uwe Kerkau anruft und meint, es gäbe da etwas, das unbedingt hörenswert sei, dann hat er – meistens – recht. Im Sommer 2009 war es mal wieder so weit: Es gäbe da „ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Ensemble“, ganz reduziert, nur Bass und Gesang, das 2mit Wurzeln im Jazz das Prinzip der jamaikanischen version auf ganz eigene Art interpretierte und sich auf diese Weise quer durch das weite Universum von Soul, Jazz und Pop covere, wobei die Bearbeitung zur eigentsändigen Kusntform erhoben“ würde. Kontrabass- und vokalfixiert, wie ich bin, reichte das, mich neugierig zu machen. Ich forderte das beworbene Werk an und bekam Saal 3, ein Album, dass mich einerseits veranlasste, ganz privat den selbstbetitelten FrauContraBass-Erstling nachzukaufen, und mich andererseits mit einem der Lieder versorgte, die ich auswählen würde, wenn ich mein restliches Leben lang nur noch drei Lieder hören dürfte: Corner of the Earth. Die anderen beiden sind übrigens Feeling Good von Nina Simone und Hallelujah von Leonard Cohen.

Gut vier Jahre nach Saal 3 dann überraschen die Frau und der Kontrabass, also Sängerin Katharina Debus und Bassist Hanns Höhn, mit dem Vorhaben, ihr Drittwerk ganz dem Repertoire des Great American Songbook zu widmen. Dass das auch heutzutage noch gutgehen kann, haben wir ja gerade erst bei Kat Edmonson erlebt. Trotzdem … Sollte FrauContraBass etwa eine bloße Retro-Platte produziert haben? Hat sie nicht, denn auch die Bearbeitung der Songklassiker lässt die lieb gewonnene, Debus-Höhn’sche Herangehensweise nicht missen. Man nehme einen Song, verstehe einen Song, entkleide einen Song bis auf die Haut – und lege so sein Wesen offen. Das hat viel mit Respekt, oder, wie Hanns Höhn es im Interview ausdrückt, Ernstnehmen zu tun, eine Fähigkeit, die im Ironie-Zeitalter zunehmend in Vergessenheit gerät. Dafür nimmt man schon mal in Kauf, dass bei einem Live-Auftritt schon mal – wie jüngst im Berliner Naherholung Sternchen, wo auch die Konzertfotos entstanden sind, geschehen – die Heizung ausfällt. Ich verkneife mir an dieser Stelle alle Wortspiele zum Thema einheizen & Co. und lasse Sie stattdessen lieber Zeuge eines Gesprächs werden, in dessen Verlauf Sie erfahren können, was es mit der „Moll-Falle“ auf sich hat, warum „so ein Jazz-Studium ja eigentlich nicht wichtig“ ist und weshalb die Liebe auch hier – wieder mal – den Ton angibt.

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Klangverführer: Auf euren letzten beiden Platten habt ihr euch vor allem der Neuinterpretation von Popsongs, von Stevie Wonder und Michael Jackson über Jamiroquai und Udo Lindenberg bis hin zu Britney Spears und Alicia Keys, verschrieben. Comes Love dagegen schöpft ausschließlich aus dem Repertoire des Great American Songbook …

Hanns: Wir hatten das eigentlich auch vorher schon immer im Kopf, und dann haben wir gemerkt, dass es Songs gibt, die noch viel älter sind … Und bei der dritten CD mit Pop-Stücken von 2011 weiterzumachen, fand ich einfach nicht interessant! Also dachte ich mir, lass uns doch ein bisschen zurückgucken. Wir hatten in der Zwischenzeit auch schon ganz andere Plattenideen, die wir vielleicht in den nächsten zehn Jahren noch umsetzen werden …

Eine Stevie-Wonder-Tribute-Platte?

Hanns (lacht): Ah, zum Beispiel! Vielleicht …

Katharina (stimmt ins Gelächter mit ein): Die wird noch kommen, aber darüber sprechen wir jetzt auf gar keinen Fall, das ist ganz geheim! (lacht wieder)

Hanns: Jedenfalls, was mich bei vielen Jazz-Standards schon immer genervt hat, zum Beispiel wenn sie von den Leuten im Studium gespielt wurden, dass da der Song gar nicht als Song gesehen wird, sondern einfach nur als Hülle, worüber man improvisieren kann. Auch deswegen hat sich dieses Album für uns ganz gut angeboten.

Katharina: Es ist ja auch eigentlich etwas, dass bei der Besetzung, die wir haben, erstmal sehr nahe liegt. Kontrabass und Gesang ist ja eine klassische Jazz-Besetzung, man denke zum Beispiel nur an …

Beide, wie aus einem Mund: Sheila Jordan!

Katharina: Und das Gute liegt manchmal eben so nah – und trotzdem geht man dann erstmal andere Wege. Das haben wir jetzt jahrelang gemacht und das war auch super, aber es ist jetzt auch mal total angenehm, sich das, was sozusagen am nächsten liegt, anzugucken und zu merken, es ist trotzdem noch ganz eigen. Es klingt jetzt nicht plötzlich nach viel mehr Jazz, die Platte ist trotzdem noch unser eigener Sound! Und eben, was Hanns gerade gesagt hat, der Song an sich ist wichtig.

Kann man das Album in dem Sinne auch als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln beschreiben? Wie viele eurer persönlichen musikalischen Wurzeln liegen im Great American Songbook?

Katharina: Tatsächlich ist es so, dass Hanns natürlich Jazz-Bass studiert hat, während ich gar nicht Jazz-Gesang oder so studiert habe. Bei mir ist es eher so, dass ich mit dieser Musik aufgewachsen bin. Ich habe sie immer im Ohr gehabt und sie hat mir total viel bedeutet, ohne dass ich wusste, was das eigentlich ist. Insofern könnte ich auch sagen, es sind Wurzeln von mir, ganz andere.

Hanns: Eigentlich sogar viel tiefere Wurzeln! Ich meine, so ein Jazz-Studium ist ja eigentlich nicht wichtig. Also … für mich natürlich schon, ich habe sehr viel gelernt – aber ich habe eben auch gelernt, dass da die Stücke meistens nicht ernst genommen werden, sondern einfach nur gespielt, gedudelt, und fertig. Ich habe mit zehn schon mal in einer Jazzband gespielt und deswegen sind es Songs, die ich auch schon seit meiner Kindheit kenne, aber eben ganz anders als bei Katharina.

Katharina, du hast gerade gesagt, du bist mit den Stücken aufgewachsen – du bist ja auch ein endsiebziger Jahrgang, da lief so etwas ja nicht unbedingt im Radio, und auch die Plattensammlung der Eltern sah zu dieser Zeit meistens anders aus …

Katharina: Nee, im Radio lief das gar nicht, das stimmt. Zum Bügeln lief bei uns „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“, ich weiß nicht mal, von wem das ist! Aber es gab bei uns eben auch so ein paar Platten – ich weiß gar nicht, wer uns die mitgebracht hat –, die liefen sozusagen im „Oldie-Modus“, wobei es dann letztendlich Frank Sinatra war, oder Aretha Franklin und Ella Fitzgerald. Und obwohl ich „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ immer noch mitsingen kann – klar, so etwas brennt sich eben ein! –, habe ich bei den anderen Songs Gott sei Dank aufgehorcht und schon als Kind gesagt, geil, was ist das denn?! Es hat mich wirklich berührt.

Was genau fasziniert euch denn so an diesen Stücken, dass ihr ihnen gleich ein ganzes Album widmet?

Hanns: Es sind in erster Linie Songs, die etwas erzählen. Und das muss man einfach ernst nehmen. Wenn ich früher mit Katharina einen Song spielte, habe ich gelernt, auch schon mal zu gucken, worum es da eigentlich geht. Und bei diesen Songs ist das auch so. Zum Beispiel Love for Sale, das wird oft so Happy-Sound-mäßig gespielt, so (singt): Loooove for sale, düp-dü-düp-dü-dü, und wie schön das alles ist … Dabei ist das eigentlich ein ganz bitteres Thema! Und das finde ich total reizvoll, das mal wirklich musikalisch umzusetzen.

Es geht euch also gar nicht so sehr um die vielbeschworene Zeitlosigkeit der Songklassiker, die bei den meisten Künstlern als Argument für die eigene Interpretation herhält …

Hanns: Da haben wir eigentlich gar nicht so drüber nachgedacht, das hat keine große Rolle gespielt.

Katharina: Nee, irgendwie nicht.

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Neulich habe ich ein Interview mit dem norwegischen Musiker Thomas Dybdahl gemacht, der meinte, er gäbe ihm überhaupt keinen Kick, Jazzstandards neu zu interpretieren, das sei alles „durch“. Was glaubt ihr, warum braucht man von einem fünftausendmal gecoverten Stück noch eine fünftausendunderste Version? Oder, anders gefragt: Was gibt euch den Kick bei der Sache?

Hanns: Also, ich finde es total interessant, den Song noch einmal anders zu beleuchten, als er schon fünftausendmal beleuchtet wurde. Und auch, ihn in unserem minimalistischen Sound und, jetzt ganz persönlich gesehen, gerade auch mit Katharina zu spielen. Es geht auch gar nicht darum, die Sache jetzt neu zu erfinden, aber dadurch, dass wir es so machen wie wir es machen, ist es einfach anders, und deswegen ist es für mich sehr interessant gewesen, diese Platte aufzunehmen – und das Repertoire jetzt auch live zu spielen. Darum geht es. Wir wollen einen Song jetzt ja nicht entstellen, sondern einfach auf unsere Art spielen. Und die Reaktionen darauf sind bis jetzt auch alle positiv, bis jetzt sagen die Leute alle: toll, super!

Katharina: Geht mir genauso. Mir persönlich geht es eigentlich gar nicht so sehr darum, ob das jetzt Jazz ist, oder was es überhaupt ist, ob das nun Standards sind – klar, da gibt es sowas wie Fever, und das macht man dann eben nicht mit Gesang, gerade deswegen nicht, weil es jeder so erwartet –, sondern es geht um Songs, die wir lieben und die uns etwas geben, was wir weitergeben können. Auch bei unseren älteren Covern, dem Britney-Spears-Stück oder der Udo-Lindenberg-Nummer, die wir immer noch live spielen, sagen uns die Leute manchmal, krass, ich habe nie auf den Text gehört, aber jetzt verstehe ich, worum es geht. Und das finde ich toll, dass auch jetzt im Nachhinein, wo wir live gespielt haben, Freunde von mir, aber auch wildfremde Personen, zu mir kommen und sagen: Ich steh‘ eigentlich nicht so auf Jazz, aber jetzt find‘ ich’s grad geil! Das ist natürlich super.

Dann seid ihr quasi so eine Art Übersetzer oder Mittler zwischen den Geschmäckern bzw. Genres … Apropos Genres: Hat euch euer neues, jazziges Repertoire zum Labelwechsel bewogen? Die ersten beiden FrauContraBass-Platten sind ja bei Klangraum erschienen, Comes Love jetzt auf Contemplate, wo auch Lisa Bassenge veröffentlicht …

Katharina: Nee, das hat sich einfach so ergeben, dass wir gesagt haben, so, jetzt ist es mal Zeit für neuen, frischen Wind!

Hanns: Und wir hatten Kontakt zu Ulla und Sebastian (Binder und Studnitzky, Labeleigentümer), das hat mit der Stilistik gar nichts zu tun. Einfach mal eine neue Tür aufmachen und gucken, was sich dahinter für neue Möglichkeiten verbergen.

Stichwort neu: Neu ist bei eurem dritten Album ja nicht nur das Jazz-Repertoire und die Plattenfirma, ihr habt auch zum ersten mal die gesamte Postproduktion per Crowdfounding finanziert – und zwar erfolgreich. Die veranschlagten 8.000 Euro sind dank der Hilfe von 62 Supportern zusammengekommen. Wie seid ihr auf die Idee des Crowdfounding verfallen und welche Möglichkeiten eröffnet es den heutigen Künstlern?

Hanns: Ich habe das auch erst vor ungefähr einem Jahr kennengelernt. Es ist einfach eine tolle Möglichkeit, verschiedene Dinge unter einen Hut zu kriegen. Erst einmal natürlich, die Platte zu finanzieren – schließlich ist es ja nicht so, dass irgendwelche wichtigen Plattenbosse einfach so sagen, komm, mach mal, wir bezahlen dir alles! Auf der anderen Seite gab es ein tolles Gemeinschaftsgefühl: Man merkt, es passiert was, und die Leute freuen sich auch, mitmachen zu können. Obwohl sie ja auch bezahlen, haben sie dieses positive Gefühl. Und jeder hat was davon! Also, wir haben eine tolle Platte, und die Leute – auch. Deswegen war es eine tolle Energie, die da für uns entstand, das hat uns viel Kraft gegeben. Ich würde jedem Künstler empfehlen, das einmal zu versuchen.

Katharina: Die Zeiten haben sich einfach geändert. Man hat nicht mehr den Plattendeal bei einem Riesenlabel, das vorstreckt – und vielleicht will man das auch gar nicht mehr. Vielleicht will man gar nicht zu einem Riesenlabel hecheln und sagen, wie machen alles, was ihr wollt. Man will sich nicht verbiegen! Und durch Crowdfounding hat man die Möglichkeit zu versuchen, dass die Leute, die unsere Musik lieben, uns unterstützen. Klar ist das erstmal ein Schritt, weil man damit ja quasi sagt: Wir sind bedürftig. Davor hatte ich ein bisschen Angst. Aber als das startete, war das für uns dann sofort ein anderes Gefühl. Es war überhaupt nicht mehr, wir müssen, oder wir brauchen, sondern es war so … so … geil, ihr seid alle dabei, und das ist cool! Das war total schön.

Hanns: Und es wäre auch kein Problem gewesen, bedürftig zu klingen, denn es wird jetzt für Jazzmusiker allgemein auch nicht einfacher: Keiner kriegt Subventionen, keiner wird irgendwie staatlich unterstützt. Deswegen, selbst, wenn wir jetzt sagen würden, wir können nicht anders, wäre das auch legitim, finde ich.

Abgesehen von den monetären Zwängen gibt einem dieser Weg doch auch mehr künstlerische Freiheit, oder?

Hanns: Ja, klar, es gibt ja Labels, die einem alles vorschreiben wollen. Das geht mit dem Cover los. Da machst du einfach deine Musik, und mit einem Mal hast du da so ein komisches Bild vorne drauf, das du gar nicht haben möchtest, während unser Cover in unserem Freundeskreis entstanden ist. Und auch bei allen anderen Dingen wird einem unter Umständen mehr reingequatscht, von wegen neu mischen oder nehmt das in dem und dem Studio auf. Wir konnten alle diese Dinge selbst entscheiden.

Heißt das, dass ihr, auch wenn es nicht immer einfach ist, über die von Katharina angesprochenen geänderten Zeiten im Grunde ganz glücklich seid?

Hanns: Ja, ich meine, es macht natürlich kreativ und man bleibt flexibel. Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn jetzt Warner Brothers anrufen und sagen würde, wir haben hier dreihunderttausend Dollar, nehmt die und macht ein Album damit!

Katharina (lacht): Das kannst du auch schreiben, falls das jemand von Warner liest …

Hanns: Um auf deine Frage zurückzukommen, es war eine tolle Erfahrung. Wir wussten ja nicht, ob das überhaupt funktioniert, und es ist natürlich ein tolles Gefühl, dass wir so viele Leute dafür begeistern konnten.

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Wir haben jetzt so viel über Neues, vom Repertoire über das Label bis zur Finanzierung, geredet – lasst uns doch mal schauen, was gleich geblieben ist. Für mich ist das in erster Linie eure Herangehensweise an die Jazz-Klassiker, die der bei den Pop-Stücken der letzten Platten ähnelt. Die Songs werden bis auf die Grundfesten entkernt, um nur das Wesentliche übrig zu lassen. „Den Ursprung erfassen“, nennt ihr das auf Startnext, während Jazz thing von „sensible[n] Neuorientierungen“ spricht. Wie geht dieser Prozess der FrauContraBassisierung eigentlich vor sich, wie entsteht ein typisches FrauContraBass-Arrangement eines Songs?

Hanns: Das ist verschieden. Es gibt Stücke, die … Nein, von vorn. Erst einmal geht es um die Idee der Auswahl, also darum, dass wir einen bestimmten Song überhaupt nehmen, da gibt es ja tausende Möglichkeiten. Nach diesem ersten Schritt, der ein sehr wichtiger ist, probieren wir damit rum. Das heißt, wir spielen den Song erstmal zum Beispiel als Bossa und merken, das ist totale Scheiße, wie wir es vorher auch schon wussten (allgemeines Gelächter). Und dann geht es weiter mit einer Soundidee. Bei Windmills zum Beispiel hatte ich im Kopf, es müsste einfach klingen wie so ein Windrad …

Katharina: Wie etwas Monotones!

Ja, das leiert ja auch so …

Beide: Genau!

Hanns: Und auf der Platte ist ja da noch dieses Rascheln dabei, das wie irgendetwas Kaputtes klingt …

Katharina: Da hatten wir am Bass und an Hanns selbst Plastiktüten befestigt – das können wir aber auf der Bühne schlecht machen, weil: Sieht einfach nicht aus! (lacht)

Hanns: Und diese Soundidee entwickelt man dann weiter. Oder …

Katharina: … man beschäftigt sich, wenn man jetzt rein musikalisch nicht weiter kommt, nochmal mit dem Text und fragt sich, worum geht es denn hier eigentlich? Früher haben wir gern ein blöde Bossa-Version auf Deutsch gemacht, wobei ich quasi spontanübersetzt habe, und dann haben wir uns darüber unterhalten, worum es hier geht und was das für uns heißt – und dann sprudelt es meistens schon aus Hanns heraus!

Hanns: Genau, ich brauche immer die Idee vom Text und dann das Gefühl, was da eigentlich dahinter steckt. Love for Sale oder Windmills sind solche Beispiele, wo ich eigentlich in Bildern denke oder in Gefühlszuständen.

Das Ernstnehmen des Songs, das du vorhin angesprochen hast.

Hanns: Ja, einfach ernst nehmen!

Du hast eben auch gesagt, dass der erste Schritt im Prozess die Auswahl des Songs ist. Heißt das umgekehrt auch, dass ihr keinerlei Ambitionen habt, Eigenkompositionen zu veröffentlichen?

Katharina: Doch, das haben wir auch schon mal angefangen. Einen Song haben wir mal auf ein Gedicht geschrieben, einen anderen Song hat uns ein Freund geschrieben …

Hanns: Ja, eigene Songs haben wir schon gemacht. Aber das ist noch einmal … das ist einfach wesentlich schwieriger, da einen Weg zu finden, der so komplett ist wie das, was wir jetzt machen. Das ist ein Prozess, in dem wir wahrscheinlich immer noch drin sind und drin bleiben werden. Jetzt war es aber erst einmal an der Zeit, etwas zu machen, was greifbar ist – auch für uns. Das hatte eine tolle Energie, weil wir das Programm sehr schnell, innerhalb von einem halben Jahr, fertig gehabt hatten. Was sehr schnell ist. Und deswegen war es auch ganz gut.

Katharina: Ich glaube auch nicht, dass die Idee komplett verworfen wurde, die gibt es schon noch. Aber vor unserer aktuellen Platte haben wir so eine kleine Pause eingelegt …

Hanns: Naja, das stimmt eigentlich gar nicht! Vielleicht eine Pause vom Spielen her, aber gearbeitet haben wir wie die Tiere! An zwei Programmen.

Katharina: Ja, das stimmt – du hast recht!

Hanns: Wir haben zwei Programme ausprobiert …

Katharina: … und es war irgendwie klar, wir wollen eine neue Platte machen und wir wollen wieder spielen, spielen, spielen! Wir haben beide gespürt, dass es jetzt nicht angesagt ist, sich alle Zeit der Welt zu nehmen und zu sagen, okay, wir gehen das jetzt ganz locker an und gucken mal, was aus uns rauskommt. Das hätte wahrscheinlich viel länger gedauert!

Hanns: Und noch länger, weil wir ja schon zwei Programme in der Leitung hatten – da muss man dann auch vorankommen. Deshalb die Idee, das machen wir jetzt so – und das war auch gut so. Aber die Sache mit den Eigenkompositionen – die existiert nicht nur im Hinterkopf, die existiert auf irgendwelchen Computern, in irgendwelchen Demoversionen … Ein andermal, vielleicht.

Ich bin sehr gespannt darauf! Von eurem aktuellen Album mag ich den Titelsong Comes Love am liebsten und freu mich, dass ihr ihn vorhin gespielt habt! Natürlich frage ich mich, welche Bedeutung der Song für euch hat, dass ihr gleich das ganze Album unter dieses Motto gestellt habt?

Katharina: Es geht einfach um die Liebe (seufzt). Wieder mal. Immer wieder kommen wir darauf zurück. Wenn man sich fragt, worum geht’s denn eigentlich im Leben? Ah ja, die Liebe, bumm. Und deswegen war es einfach dieser Song, nach dem wir das Album benannt haben.

Du sagtest das gerade mit so einem Seufzer, und auch vorhin auf der Bühne meintest du, es gäbe ja nun nicht wirklich viele fröhliche Songs über die Liebe. Auch Comes Love lässt sich nicht gerade als fröhlich bezeichnen; und mit eurer Interpretation von Nature Boy, einem Stück, das 1948 vom Spiegel als „Lied mit tödlicher Wirkung“ bezeichnet wurde, klingt das Album dann auch sehr melancholisch aus und macht es passend zum VÖ-Termin zu einer typischen November-Platte. Leidet FrauContraBass zum zehnjährigen Bandjubiläum an akuten Depressionen? Warum ist diese Platte so traurig?

(allgemeines Gelächter)

Hanns: Ich sehe es gar nicht nur als traurig an, sondern eher als nachdenklich. Für mich hat das dann immer eine andere Tiefe, weil die Leute, glaube ich, dann nochmal mehr zuhören. Es öffnet ein bisschen mehr, dieses Melancholische.

Die Leute per Mollakkord zum Zuhören zwingen?

Hanns: Ein bisschen auch, aber das war auch eher Zufall. Es war nicht so, dass wir uns vorgenommen haben, wir machen jetzt Moll, damit die Leute da sitzen und zuhören …

Katharina (lacht): Die Moll-Falle!

Hanns: Es kann ja auch sehr schön sein. Ich sehe es gar nicht als traurig an, sondern ehr als tief.

Katharina: Ich persönlich hatte nach diesen Platte mit den Popsongs, die total cool sind und die wir immer noch spielen und total lieben, auch einfach Lust auf Entspannung. Auf eine totale Entspannung. Und sogar in unserer Reduktion, die wir sowieso haben, nochmal zu sagen, wir müssen niemandem nichts beweisen, sondern einfach nur das machen, was uns jetzt gerade bewegt und gefällt. Und das dann auf die Platte zu nehmen. Ich glaube, das haben wir auch geschafft. Die neue Platte ist unaufgeregter.

Hanns: Im Nachhinein ist die Saal 3 stellenweise ein bisschen zu …

Akademisch?

Hanns: Ja, so wir-zeigen-euch-jetzt-allen-was-abgeht. Aber trotzdem mag ich die auch, es war auch eine tolle Sache, da aufzunehmen … Aber die aktuelle Platte hat einfach mehr Ruhe. Und diese Reduktion finde ich auch noch ein bisschen reifer.

Aber die Reife ist ja ein natürlicher Prozess, der zwangsläufig mit der Zeit kommt und von Album zu Album weiter voranschreitet … „Abgeklärt“ ist ein blödes Wort, aber vielleicht trifft es das?

Hanns: Vielleicht. Kann sein. Ich finde es auf jeden Fall runder, auch als Gesamtidee.

Katharina: Abgeklärt trifft es für mich nicht. Aber entspannter trifft es. Und reifer. Ja, reifer!

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Lasst uns „Entspannung“ als Stichwort für meine letzte Frage nehmen. Nach zehn gemeinsamen Jahren braucht man doch sicherlich auch mal Entspannung oder Ruhe voneinander, oder? Anders gefragt, was macht ihr, wenn ihr nicht FrauContraBass seid?

Hanns: Dann sind wir ganz traurig! (Gelächter)

Katharina: Also, dass wir uns jetzt irgendwie auf die Nerven gehen würden – coolerweise ist es nicht so. Wirklich nicht. Wir sind zu zweit so hochmotiviert unterwegs, das ist großartig! Und ich erzähle immer allen, mit dem Hanns zu spielen ist total toll, und er erzählt allen, mit der Katharina zu spielen, ist total toll – und es ist wirklich großartig, dass das nach zehn Jahren noch so ist. Nicht, dass wir uns nicht streiten … (lacht) Um auf die Frage zurückzukommen: Hanns hat eine tierische Combo namens Tango Transit …

Hanns: Ein Trio mit Akkordeon, Schlagzeug und Bass.

Katharina: Total schön!

Hanns: Wir spielen sehr viel, auch jetzt wieder an Weihnachten – die Weihnachtsplatte kommt jetzt raus, da ist dann auch immer irgendwas … Aber ich glaube, FrauContraBass hat schon eine besondere Stellung für uns beide, weil es so besonders konzentriert ist. Ich meine, das sieht man ja, wenn man hier auf so einer kleinen Bühne steht, das ist sehr intim, und ich würde das wahrscheinlich auch das ganze Jahr über machen. Es gibt dann aber noch ein paar andere Projekte, ich spiele noch mit einem Kabarettisten als Sideman – solche Sachen eben, die ganz normal zum Berufsleben eines Musikers, der nicht weltberühmt ist, dazu gehören. So ist das bei mir. Und Katharina ist ja mit Slixs international unterwegs.

Katharina: Das ist diese Vokalformation, in der ich mitsinge, aus Halle an der Saale. Und das ist auch großartig …

Hanns: Tierisch ist das!

Katharina: … da kann ich mich als Sängerin einfach in so eine Gruppe einbinden. Ich bin da zwar die einzige Frau, aber trotzdem muss ich nicht immer solo singen, was auch mal total angenehm ist, sich da hineinfallen zu lassen. Aber natürlich ist es toll im Duo, das ist einfach so pur! Und man kann sich nicht verstecken. Die Angst, die man davor hat, ist aber genau das, was es dann so toll macht.

Hanns: Es wird immer neue Programme geben und vielleicht auch ein paar Experimente mit Sounds, aber im Grunde wird das mit uns immer so weitergehen.

Das heißt, ihr habt mit FrauContraBass eure Herzformation gefunden.

Beide: Ja, absolut!

Hanns: Ich glaube, das merkt man auch. Es ist nicht normal, dass man sich da hinstellt, beziehungsweise, wir denken manchmal, gerade, wenn wir vor vielen Leuten spielen, wie krass sind wir eigentlich drauf, dass wir uns jetzt hier hinstellen, quasi nackt, und den Leuten, die wir noch nicht kennen, unsere Songs vorspielen? Das Tolle dabei ist, dass wir immer für uns beide wissen, es darf alles passieren. Es kann nichts schief laufen, das heißt, es wird jetzt keiner auf einmal ohnmächtig vor Angst oder so, sondern wir stehen da und wir wollen das beide gut machen zusammen, tolle Musik machen. Das ist etwas, was auch nicht mit jedem so intensiv möglich ist.

Katharina: Es ist auch schön zu wissen, dass man zu zweit mittlerweile so eingespielt ist, dass man, selbst, wenn etwas passieren würde, gar nicht so tief unter das gegebene Niveau fallen kann. Es kann eigentlich nicht viel passieren, und selbst, wenn man selber das Gefühl hatte, oh Mann, heute war das aber nicht so toll, haben die Leute im Publikum trotzdem immer noch das Gefühl, es war ein guter Abend. Das entspannt uns auch ein bisschen vorm Konzert.

Hanns: Stimmt. Es kann nichts passieren.

Weil der andere da ist , der einen auffängt?

Hanns: Ja, klar.

Katharina: Genau. Ich weiß, wenn ich mal einen kompletten Text versemmel und nichts mehr weiß – das ist egal, weil Hanns dann eben kurz mal solo spielt. Oder er macht den Groove weiter, und ich komme dann halt irgendwann wieder rein.

Hanns: Vor Jahren ist mir mal passiert, dass ich einen Song in einer falschen Tonart angefangen habe, eine Quarte zu hoch …

Katharina (kichert): Das war die Hölle! ‚Ne Quarte höher!

Hanns: Take Me Home, der ist auf der letzten Platte drauf … Ich hab’s dann irgendwann gemerkt, aber ich wusste dann auch nicht mehr genau, wie ich da jetzt wieder rauskomme …

Klammheimlich zurückmodulieren …

Hanns: Ja, das haben wir, glaub ich, sogar so gemacht.

Katharina: Nee, wir haben das nicht gemacht. Wir haben die komplette Nummer ’ne Quarte höher gespielt. Und eigentlich geht die so (singt in Originaltonart): Take me home …, so ganz entspannt, aber ich war die ganze Zeit so (singt höher): Take me home … haaaaaa, und dachte mir so, egal, ich bin ein Engelchen! (Gelächter)

Hanns: Also, es geht alles. Und auch Situationen, in denen es brenzlig wird, weil man im Stau stand und erst fünf Minuten vorher ankommt oder wo auf einmal ganz viele Leute sitzen – das geht alles. Oder auch, wenn nur drei Leute da sitzen. Wir haben nie ein Problem damit, wir wollen es immer gut machen.

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Comes Love ist am 1. November 2013 auf Contemplate/Edel erschienen. Klangblog-Leser können ein signiertes Exemplar gewinnen. Einfach eine Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben und auf etwas Losglück hoffen.

11. November 2013

Subtext im Märchenland: Mira Falk im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 13:56

Gerade hatte ich dem Hund in der Küche sein Futter hingestellt und mich ins Wohnzimmer verzogen, als das Telefon klingelte. Unbekannte Nummer. Ich gehe trotzdem ran. „Hallo, hier ist Mira“, tönt es aus dem Hörer, den ich vor Schreck beinahe fallen lasse. Hat sich der Hund heimlich ein Handy besorgt und ruft mich jetzt aus der Küche an, um mir mitzuteilen, dass er noch gern einen Nachschlag hätte? Mit der Einsicht „Die letzte Nacht war zwar lang, aber so lang nun auch wieder nicht“ schwindet auch der Schreck und es klärt sich, dass nicht etwa mein Mira-Hund telefonieren gelernt hat, sondern Sängerin Mira Falk anruft, um sich mir mir zum Interview zu verabreden.

Und das wird dann auch sehr schön. Entführt ihr Debütalbum Enchanting Land den Hörer in die fabelhafte Welt der Mira Falk irgendwo zwischen Kreuzberger Kindheit und der Multikulturalität Amsterdams, in der das Mira Falk Quartet zum Leben erwacht ist, fasziniert im Gespräch vor allem, wie offen und wortreich die Halb-Italienerin darüber spricht, dass es für junge Musiker nicht immer ganz so einfach ist und wie sie dem mit einer Art Nachbarschaftshilfe unter Kreativen zu begegnen weiß, warum man es sich nicht auch noch gegenseitig schwer machen sollte und weshalb sie sich selbst „nicht als totale Jazzsängerin bezeichnen“ würde, Enchanting Land aber durchaus als Jazzplatte. Viel Freude damit!

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Mira & Mira auf dem Klangverführer-Sofa

Klangverführer: Enchanting Land ist dein erstes Album. Von einem wirklichen Debüt kann man aber eigentlich gar nicht sprechen, denn das Mira Falk Quartet hat 2011 schon eine EP gemacht, richtig?

Mira Falk: Genau. Ich habe 2010 meinen Abschluss gemacht und mein Traum war immer, ein ganzes Album aufzunehmen. Ich hatte zwar schon zig Demos aufgenommen oder mal bei Freunden was eingesungen, aber dass es so wirklich meine CD ist, mein Name, meine Lieder – das hatte ich noch nicht. Nach dem Studium wollte ich mir dann aber erstmal so etwas wie einen Probelauf dafür geben und hab‘ dann eben diese EP gemacht. Ich hatte kurz vorher eine Rückzahlung von der Steuer gekriegt, was sehr schön war, und dachte, investiere ich das doch mal sinnvoll! (lacht) Bei der EP war wirklich alles handgemacht, sie wurde bei einem Studio um die Ecke aufgenommen, was zwar schon eines der besseren war, das aber trotzdem noch über diese Wohnzimmeratmosphäre verfügte, ein Studienkollege hat es gemixt, mein Freund das Artwork gemacht … Das war jetzt nicht mehr völlig auf dem Level eines Demos – immerhin haben wir die EP auch richtig verkauft –, aber es war noch viel „Try-Out“ dabei.

Für die CD wollte ich das Ganze dann etwas größer angehen. Ich habe mit der EP im Gepäck einige Labels angeschrieben, und zwei waren auch sehr interessiert, darunter auch das Label, bei dem zwei befreundete Kolleginnen, Simin Tander und Julia Oschewsky, ihre CDs rausgebracht haben. Mir war es zunächst wichtig, meine CD bei einem deutschen Label herauszubringen – nicht nur, weil ich Deutsche bin, sondern auch, weil der deutsche Markt größer ist. Zu der Zeit habe ich noch in Amsterdam gewohnt und wollte lieber von Deutschland aus in den niederländischen Musikmarkt vordringen als andersrum.

Zeitgleich kamen mir aber grundsätzliche Zweifel an der ganzen Label-Idee, weil Labels, wenn man jetzt nicht gerade bei Blue Note & Co. veröffentlicht, kein großes Budget für Promotion haben, und wenn sie in dem Monat, wo deine Platte veröffentlicht wird, auch noch fünf andere Alben veröffentlichen, kann es sehr schnell sein, dass du einfach hinten runter fällst. Dann hast du investiert – und keiner hört’s! Ich fand es dann viel zeitgemäßer, mir direkt einen Promoter zu nehmen. Also habe ich mich mit einer Promoterin bei „Initiative Musik“ beworben, und dort hieß es, sie fänden zwar die EP musikalisch super – was auch erst einmal sehr schön zu hören war! –, aber ohne Label im Hintergrund ist ihnen das, gerade bei einem Debüt, nicht stark genug. In den Niederlanden ist das anders, aber in Deutschland scheinen noch etliche Traditionen im Weg zu stehen. Ich habe den Eindruck, hier mahlen die Mühlen in der Hinsicht etwas langsamer.

Letzten Endes bin ich aber bei meiner Meinung geblieben und habe meinen Fokus mehr auf die Zusammenarbeit mit einem Promoter gelegt. Mein Label Record Jet, für welches ich mich zum Schluss entschieden habe, ist ja eigentlich hauptsächlich für die Distribution verantwortlich. Ein renommiertes Label hätte mich eventuell künstlerisch auch zu sehr eingeschränkt. So beispielsweise war es mir wichtig, mit Künstlern aus meinem Umfeld zu arbeiten. Ich wollte mit einem ganz bestimmten Fotografen arbeiten, ich wusste, von welcher Designerin meine Kleidung stammen sollte – für all dies und noch viel mehr gibt es bei Labels ja sonst Vorgaben. Ich hatte an mein Debütalbum den Anspruch, alles selbst zu bestimmen, das wäre in Zusammenarbeit mit einem größeren Label weitaus schwieriger umzusetzen gewesen. Auch das Studio wird einem oft vorgegeben – und die Bauer Studios sind natürlich super, da will jeder aufnehmen! –, aber ich hatte immer den Traum gehabt, mein erstes Album in der Fattoria Musica aufzunehmen. Und wenn man sich den Traum vom ersten eigenen Album schon erfüllt, dann muss man ihn sich auch richtig erfüllen, ist meine Meinung. Dieser Freiheitsgedanke spielt für mich eine wichtige Rolle.

Wahrscheinlich betrachtet man das Album dann auch umso mehr als wirklich eigenes, je mehr Anteil man an seiner Entstehung hat! Jetzt ist es ja geschafft. Wann und wo und wie habt ihr eigentlich als Quartett zusammengefunden?

Wir haben alle am Conservatorium van Amsterdam studiert, kannten uns also aus dem Studium. Natürlich hätte ich auch gern am JIB in meiner Heimatstadt Berlin studiert, bin dann aber über den Umweg eines kombinierten Klassik- und Popularstudiums an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock in Amsterdam gelandet. Ich will die Klassik zwar nicht missen, aber letzten Endes wollte ich Jazz studieren, wozu ich ans Conservatorium van Amsterdam gegangen bin. Letztendlich hat sich die Stadt für mich als total wundervoll herausgestellt. Ich meine, mittlerweile ist Berlin ja auch viel internationaler geworden, aber an dieser Riesenschule in Amsterdam kamen etwa drei Viertel der Leute aus der ganzen Welt! Ich bin selbst Halb-Italienerin, ich bin in Kreuzberg großgeworden – ich mag einfach diesen Mix, der gibt mir ganz viel. So setzt sich auch das Mira Falk Quartet aus einem Isländer, einem Engländer, einem in Australien großgewordenen Deutschen und mir zusammen. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, doch die Musik vereint das dann alles.

Wie sehr prägt denn dieser multikulturelle Background euren Stil?

Jetzt spiele ich live ja mit anderen Musikern, als mit denen ich die CD aufgenommen habe. Dazu will ich aber nachher noch mehr sagen. Für mich persönlich bedeutet Multikulturalität, dieser Mix, dass ich gar nicht anders leben könnte. Ob das jetzt mein Freundeskreis ist oder die Leute, mit denen ich spiele – das finde ich mit am inspirierendsten. Das mag jetzt vielleicht etwas idealistisch klingen, aber egal, wo jemand herkommt, wo er aufgewachsen ist – was zählt, ist die gemeinsame Leidenschaft, die einen vereint. Und was man dafür alles in Kauf nimmt – von schlecht bezahlten Gigs zu künstlerischen Krisen – da wird die Herkunft sehr schnell egal, denn alle müssen da durch, egal, woher sie kommen. Die zweite Hauptsprache in Amsterdam ist Englisch, was noch einmal mehr Internationalität dahin bringt.

Ich habe mal gelesen, es gibt auf der Welt hundertdreiundachtzig oder so ähnlich – halt mich da jetzt nicht an den Zahlen fest – Nationen, und hundertachtzig davon sind in Amsterdam vertreten. Und genau so ist auch das Lebensgefühl, wenn man dort ist.

Lass uns mal einen Blick auf deine Zeit vor Amsterdam und vor dem Mira Falk Quartet werfen. Du bist ja schon eine ganze Weile musikalisch unterwegs. Bei der Recherche zu diesem Interview ist mir auf YouTube eine Aufnahme von 2004 aus Rostock in die Hände gefallen, wo du gemeinsam mit einem Gitarristen Cindy Laupers Time after Time coverst. Spielt Pop für dich noch eine Rolle?

Ja, auf jeden Fall! Ob das jetzt Regina Spektor ist oder Tuneyards oder Tom Waits, den ich über alles liebe, bis hin zu den Beatles … also, total! Für mich war relativ früh klar, ich will eigene Musik schreiben, auch wenn es ewig gedauert hat, bis es endlich so weit war. Und für mich ist eigentlich alles, ob das die Klassik ist, ob das Pop ist, ob das Jazz ist, wichtig, um Musik zu schreiben. Ich liebe halt Musik einfach! Letzten Endes fand ich es am geschicktesten, Jazz zu studieren, da mir Klassik zu perspektivenlos war, es ging dann eben doch immer nur Richtung Opernbühne, und Pop war mir ein bisschen zu flach, auch wenn sich die Studiengänge da gerade auch wandeln. Jazz hat sich da am meisten angeboten, wobei ich mich nicht als totale Jazzsängerin bezeichnen würde.

Enchanting Land ist in deinen Augen aber eine Jazz-CD?

Doch, schon. Als Grundtenor auf jeden Fall. Ich liebe Jazz auch total! Ob das jetzt die ganzen alten Sängerinnen sind, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, über den Jazz-Folk von Joni Mitchell bis hin zu Becca Stevens, die liebe ich sehr, und Gretchen Parlato. Aber die Platte ist irgendwie ein Mix, Chanson ist da ja auch zu hören, den mag ich auch total gern, und die deutsche Sprache, mit der ich in vielerlei Hinsicht am Anfang Berührungsängste hatte. In meinem Live-Programm sind jetzt auch mehr deutsche Stücke dabei als auf der CD. Anfangs wusste ich nicht, ob das jetzt überhaupt geht, ob das massentauglich ist, weil wir ja auch viel international spielen, ob man das seinem Publikum zumuten kann.

Und klar ist es dann auch noch einmal ein bisschen anders, in der eigenen Sprache zu singen, man macht sich noch einmal mehr angreifbar. Auch die Kombination Jazz und Deutsch war am Anfang fraglich. Roger Cicero, der auch bei mir an der Hochschule studiert hat, macht das ja mit großem Erfolg. Zwar wäre der Stil, wie er es macht, allein von der Sprache her überhaupt nichts für mich, aber ich habe Respekt davor und er hat gezeigt, dass das geht. Und wenn man live spielt, ist es toll zu merken, dass viele Leute gerade das total gut finden. Dieses Jazz-Folk-Pop-mäßige auf Deutsch scheint relativ viele Leute anzusprechen! Ich fühle mich jetzt auch total wohl darin.

Ich liebe schreiben, ich liebe Worte. Meine Hochschule war auf Englisch, die letzten sechs Jahre habe ich eigentlich fast nur auf Englisch gelebt, auch in meiner Beziehung – ich fühle mich im Englischen zu Hause und kann mich da auch ausdrücken, aber auf Deutsch schreibe ich eben für mich selbst schon ewig, wenn auch mehr privat, und es ist sehr schön, dass ich dafür jetzt so ein gutes Feedback kriege. Dadurch fühle ich mich auch ermutigt, in diese Richtung weiterzuarbeiten.

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Du hast gerade den Aspekt „Chanson“ angesprochen – auf Enchanting Land gibt es ja auch eine Interpretation von Whatever Lola Wants im Salon-Tango-Stil, das ist das einzige Cover auf der CD. Warum gerade die Lola, welchen Bezug hast du zu dem Stück?

Wir hatten eigentlich noch ein Tom-Waits-Stück, das hat es leider nicht auf die CD geschafft, da es einfach zu schwierig war: Ich spiele da Kalimba, und mit der Intonation ist da so eine Sache, auch aus technischen Gründen, weil das sehr offen gespielt ist und kaum Nachbearbeitung zulässt. Die Lola … ich finde erstmal den Text super. Es gibt eine grandiose Version von Sarah Vaughan, die ich sehr liebe. Und mit Kristján, meinem Pianisten, der da Akkordeon gespielt hat …das hat einfach total etwas in mir angesprochen! Auch dieses Laszive … Ich habe ja sonst eher dieses Träumerische, Zarte, Sensible, aber diese Seite habe ich in jedem Fall auch in mir und kann sie bei diesem Stück mal kurz ausleben! (lacht)

Eben hast du ein Tom-Waits-Stück erwähnt; und auch deiner aktuellen Pressemitteilung kann man entnehmen, dass ihr euch gern mal an Neuarrangements seiner Stücke, aber auch der von Kurt Curbain und sogar Benjamin Britten versucht – was macht da für dich die Herausforderung aus, im Gegensatz zur Interpretation von Eigenkompositionen?

Ich würde sagen, dass ich den Großteil meines musikalischen Werdegangs der Interpretation von fremden Stücken gewidmet habe, klar, da waren im Jazz erstmal die Standards, aber natürlich auch in der Klassik, obwohl man hier strenger an Vorgaben à la „Den Bach singt man so“ gebunden ist, aber trotzdem natürlich auch seine interpretatorische Freiheit hat. Für mich ist es immer eine schöne Herausforderung, dass man so sich darin findet. Im Klassikstudium zum Beispiel hatte ich auch Schauspiel, und da hieß es immer: der Subtext. Und genau darum geht es, dass es egal ist, was man macht, wenn man seinen persönlichen Subtext darin findet. Es gibt Stücke, ob das nun ein klassisches Lied von Benjamin Britten ist oder ein eher derber Song von Tom Waits, wenn ich mich darin finde, ob in den Akkorden oder in dem Text, und meistens ist es der Text, weil ich Worte sehr wichtig finde, dann klingt da etwas in mir an, was ich dann auch erzählen will, auf meine Art. Und daraus ergibt sich dann unser Arrangement. Es ergibt sich nicht alleine nur daraus, aber sicher das ist dann der Boden dafür.

Lass uns auch über die Eigenkompositionen sprechen. Bis auf die Lola stammt Enchanting Land ja komplett deiner Feder. Erzähl mir doch ein bisschen mehr über dieses zauberhafte Mira-Falk-Land, in das du deine Hörer entführst …

Ich finde das Wort „Märchen“ total schön. Märchen kommt ja von Mär bzw. Mar oder Mahr, und das ist ein mythologischer Dämon, der sich bei den Leuten, wenn sie geschlafen haben, auf die Brust gesetzt und ihnen (sexuell aufgeladene) Träume eingegeben hat. Das hat also auch so einen kleinen moralischen Aspekt. Im Englischen gibt es ja noch das Wort „nightmare“ …

… und im Deutschen entsprechend die „Nachtmahr“, auch wenn sie leider nicht mehr ganz so gebräuchlich ist …

Ja, aber eben auch die mittels Diminutiv verkleinerten „Märchen“. Und die deutschen Märchen sind ja im Grunde oftmals auch unheimlich. Disney hat sie ja leider in diesen Superkitsch umgewandelt. Ich liebe aber diese ursprünglichen deutschen Märchen, mit denen bin ich auch aufgewachsen. Meine Mutter hat sie mir noch aus einem Buch der Urgroßmutter vorgelesen, das hatte auch unglaublich tolle Bilder! Dieses Szenario hat mich extrem geprägt, die Ofenheizungswohnung in Berlin-Kreuzberg und diese Märchenbücher, das bildet den Grund meiner Persönlichkeit.

Ich hatte lange überlegt, der CD einen deutschen Titel zu geben. Als ich mich dann doch dafür entschied, dem Album einen englischen Titel zu geben, wollte ich nichts mit „fairy tale“ machen, denn ich finde, dieses Wort ist total abgenudelt und weckt gleich Assoziationen zu Tinkerbell und dem Disneyschloss, das wollte ich auf gar keinen Fall! Denn das Album ist zwar oft sehr träumerisch und leicht, hat aber auch eine dunkle Seite. Die ist auch da. Und die brauche ich auch.

Als ich dann nach dem Pendant zu „Märchen“ suchte, kam ich irgendwann auf dieses „Enchanting Land“ – das ist jetzt nicht verzaubert, nicht „enchanted“, sondern „enchanting“. Ein bisschen wie bei Amélie …

Die fabelhafte Welt der Mira Falk!

So ungefähr! Und die ist für mich auch immer da. So träume ich mich im Alltag auch oft weg, zurück in meine Kindheit. Also, meine „kleine“ Kindheit. Als ich dann in der Schule war, wurde alles anders! (lacht) Aber diese „kleine“ Kindheit in Kreuzberg … darüber erzähle ich ja auch in My Wondrous Little House.

Dieses Verzauberte wird auch noch einmal durch das Instrumentarium, das auch Mini-Piano und Glockenspiel umfasst, verstärkt – das sind ja alles fragilere Sounds, denen man Schönheit und Süße zuschreibt. Jenseits vom klanglichen finde ich es für mich auch spannend, diese Instrumente auf der Bühne zu bedienen. Da spiele ich auch Kalimba, auch als Daumenpiano bekannt. Früher wusste ich oft nicht, was ich auf der Bühne mit meinen Händen machen soll – als Instrumentalist hat man da immer was zu tun, während man als Sängerin nur das Mikro hat. Das gibt mir rein haptisch ein anderes Gefühl auf der Bühne; und auch diese leichten Veränderungen von Lied zu Lied – also, dass man erst da und da steht und das eine Extrainstrument spielt, sich dann aber dort und dort hin begibt – finde ich spannend. Ich beweg‘ mich halt gerne.

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Wenn aber Enchanting Land so sehr um deine zauberhafte Welt, um deine Person kreist – welche Rolle kommt dann den Jungs vom Mira Falk Quartet zu?

Ja, ich fand es auch lange Zeit schwierig, ob ich das Album nur unter dem Namen Mira Falk laufen lassen soll. Jetzt läuft es unter Mira Falk Quartet; aber letztendlich sind die Texte von mir und müssen völlig „in tune“ mit mir sein. Ich komme dann in den Proben mit den Akkorden, der Melodie etc. an und das generelle Gerüst steht, aber ich brauche Jungs, also das ganze Quartett, die da auch viel von sich reinbringen, nicht nur an Improvisation, das ist im Jazz ja selbstverständlich, sondern auch beim Arrangement. Das ist mir dann auch sehr wichtig, sie zu haben und ihnen musikalisch völlig zu vertrauen.

Sind sie austauschbar im Sinne von: Hauptsache, irgendjemand kümmert sich um das Arrangement?

Also, ich hänge schon sehr an meinen Musikern, aber der Umzug von Amsterdam nach Berlin hat das jetzt leider ein bisschen erschwert. So doll bezahlt sind Jazz-Gigs jetzt ja nicht und extra Reisekosten kommen ja auch noch dazu, wenn nicht alle in einer Stadt leben, weshalb es sich dann doch mehr angeboten hat, mit Berlinern zu spielen, die auch total super sind und um die ich sehr dankbar bin, aber wenn du jetzt fragst, wie sehr ich an meinen Musikern hänge: eigentlich sehr. Ich habe mich schon mit einem sehr großen weinenden Auge von ihnen getrennt, denn ich bin eigentlich sehr loyal.

Wo wir gerade beim Stichwort Jungs sind: Auch dein Quartett setzt sich ausschließlich aus männlichen Musikern zusammen. Was glaubst du, warum nehmen Frauen im Jazz bis heute meist den Part der Sängerin ein und spielen als Musikerinnen eine prozentual vernachlässigbare Rolle?

Für mich persönlich ist erst einmal der Pianist sehr wichtig, das ist für mich der Grundstock einer Band. Bei mir an der Hochschule gab es auch viele Jazz-Pianistinnen, die kamen aber alle fast durchweg aus Korea. Und es war dann auch klar, dass die wieder zurückgehen. In der Klassik ist das ja sehr weit verbreitet, aber auch im Jazz, dass so ein Studium in Europa so eine Art Adelsschlag ist – aber dann geht man wieder zurück. Und ich wollte Leute, die zumindest in Europa sind – und jetzt merke ich, am liebsten sogar in der eigenen Stadt, weil es sonst logistisch einfach zu schwierig ist.

Generell Frauen im Jazz: Das ist eine gute Frage! Es gibt ja immer wieder Hornspielerinnen in Bigbands und auch mal Pianistinnen, aber es stimmt schon, in der Rhythmusgruppe gibt es fast nie welche! Ich weiß auch nicht genau, warum das so ist. Ich hätte auch überhaupt nichts dagegen, mit Frauen zu spielen, um das in die Richtung zu beantworten. Ich habe auch eine Zeitlang mit einer Pianistin gespielt, was dann leider persönlich nicht so gut geklappt hat, aber musikalisch fand ich das total toll!

Komischerweise habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass – da ich oft zeige, dass ich etwas sensibler bin – Frauen im Jazz doch ein bisschen tougher sind oder meinen, es sein zu müssen. Zumindest vor den Jungs. Ich empfinde es in der Zusammenarbeit als schwierig, wenn dann in so einer Probensituation der halbe Macho rausgelassen wird – sogar mehr noch als bei den Jungs. Wobei ich jetzt auch nicht mit solchen Macho-Jungs spiele, das kann ich auch überhaupt nicht, das sind dann eher so die netten Typen von nebenan, die dann mit mir auch noch einmal ein bisschen sensibler sind. Wobei: Am Ende sind ja alle schüchtern und sensibel, das ist es ja klar!

Ich kann nachvollziehen, warum Frauen im Jazz so sind, wie ich gerade beschrieben habe, aber ich bin halt überhaupt nicht so und finde das in der Zusammenarbeit dann ein bisschen anstrengend. Ich habe es mit meiner Art auch nicht immer leicht, das weiß ich auch, aber die es dann mögen, die freuen sich dann auch wirklich darüber. Und ganz ehrlich, ich möchte auch nur noch mit solchen Leuten zu tun haben. Ich mach‘ mein Ding und ich hab‘ mein Zeug zusammen, aber ich bin jetzt nicht so eine Ellenbogenperson – will ich auch nicht sein!

Zwischen Sängerinnen herrscht aber leider oft so ein Grundtenor der „Stutenbissigkeit“, einer anderen etwas nicht zu gönnen, bedingt auch durch Unsicherheit. Und das finde ich immer total schade, weil ich generell immer toll finde, wenn Frauen etwas machen. Das ist immer so ein blöder Satz, dass eine Frau sich „verwirklicht“, aber ich finde das echt wirklich toll! Und auch, wenn ich jetzt nicht so eine Toughe, Harte bin, kann ich mich verwirklichen; ich mach‘ trotzdem mein Ding und ich weiß genau, was ich will. Vielleicht brauche ich dann auch mal länger – aber das ist ja auch alles in Relation zu sehen, denn was heißt schon länger, was heißt kürzer? Letztendlich mach‘ ich’s jetzt, Punkt.

Und das ist vielleicht etwas, was ich mir gerade von Kolleginnen manchmal mehr wünschen würde: gönnen können, sich mitfreuen, sich inspirieren lassen. Dass man den positiven Aspekt dahinter sieht und nicht nur die Konkurrenz. Dass man sieht, Mann, die macht das so und so, das ist ja total cool, das probiere ich doch auch mal! Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass man mehr ein offenes Ohr hat, wenn jemand an einen herantritt – was mir immer mehr passiert und wo ich mich dann geehrt fühle. Wenn da eine Sängerin kommt, teilweise jünger, teilweise auch älter, und sagt, hey toll, wie hast du das denn gemacht?, da gibt es gar keine Frage, da erzähle ich gern, wie ich das gemacht habe. Und sage dann auch, dass ich nicht weiß, ob es richtig ist, aber ich habe es so gemacht, bei mir funktioniert es gut – vielleicht funktioniert es bei ihr auch. Dann hat man nämlich etwas, was ich auch schön finde: dieses Stärken von allen miteinander.

Denn letztendlich ist man ja nicht nur Musikerin – also, man ist natürlich Musikerin, aber dass diese ganze Musikwelt untereinander funktioniert, da hängen Journalisten drin, da hängen Promoter drin, da hängen Designer drin. Es sollte darum gehen, und das habe ich bei meiner CD auch probiert, dass man eine ganze Generation stärkt, denn letztendlich haben wir es im Kultursektor alle nicht einfach, das ist nun mal so. Man hat ja schon gegen die Tante so-und-so zu kämpfen, die immer noch nicht versteht, was genau man da jetzt macht, oder gegen irgendwelche alten Schulkameraden oder das Amt. Ich meine, man hat doch schon genug Stellen, denen gegenüber man sich rechtfertigen muss, dass man jetzt so einen komischen Job ergriffen hat – das ist jetzt so ein idealistischer Gedanke, aber da muss man es sich doch nicht auch noch gegenseitig schwer machen! Man muss ja auch jeden Morgen, an dem man aufwacht, schon ein stückweit mit sich selber kämpfen. Es ist ja auch alles gar nicht so einfach, und man braucht viel Kraft und muss viel an sich arbeiten, dass man das auch über einen längeren Zeitraum durchhält. Auch wenn ich mir vorerst gar kein anderes Leben vorstellen kann, freue ich mich, auch mal von einer Kollegin oder auch einem Kollegen natürlich ein nettes Kompliment zu hören. Die muss ja auch gar nicht alles hundert Prozent geschmacklich toll finden, aber einfach das Ding an sich respektieren.

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Enchanting Land ist am 4. Oktober 2013 auf recordJet erschienen. Klangverführer verlost unter all denen, die eine Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben, ein von Mira Falk signiertes Exemplar. Viel Glück!

6. November 2013

Die Liebe, die mir entgegengebracht wird, haut mich um! Nils Wogram im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 07:47

Am Sonntag erhielt der Ausnahme-Posaunist Nils Wogram in Berlin die höchste deutsche Auszeichnung im Jazz, den Albert-Mangelsdorff-Preis. Seitdem versinkt er in Glückwünschen, Lobeshymnen – und vermutlich auch Interviewanfragen. Umso mehr freut es mich, dass er sich die Zeit genommen hat, dem Klangverführer Rede und Antwort zu stehen!

Wogram spricht im Klangverführer-Interview über die Erwartungshaltung, die seit der Preisverleihung an ihn herangetragen wird, erklärt, weshalb er sein aktuelles Album Riomar, das mit einem Streichertrio aufwartet, nicht, wie die Kritik es gern möchte, irgendwo zwischen Neuer Musik und Avantgarde angesiedelt sieht und gibt stattdessen als Einflüsse unter anderem zwei Miles-Davis-Platten sowie Musik von Serge Ginsberg an, hätte aber auch nichts dagegen, es als zeitgenössische Fortsetzung von Charlie Parker with Strings zu betrachten. Nicht zuletzt verrät der frischgebackene Preisträger, weshalb er trotz seines eigenen Labels nWog Records ein Angebot von ECM nicht ausschlagen würde – und was es mit der Katze auf dem Riomar-Cover auf sich hat.

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Klangverführer: Herzlichen Glückwunsch, du hast am 3. November den nach Albert Mangelsdorff benannten Deutschen Jazzpreis und damit die renommierteste Anerkennung, die es im deutschen Jazz gibt, entgegengenommen. Damit schreibst du als jüngster Mangelsdorff-Preisträger aller Zeiten Geschichte. Wie fühlst du dich im Kreise der ansonsten um die siebzigjährigen Preisträger?

Nils Wogram: Es gibt Preise, die wirklich aussagekräftig sind und sich auf eine künstlerische Leistung beziehen. Der Albert-Mangelsdorff-Preis gehört dazu. Deshalb fühle ich mich sehr geehrt. Die Jury ist kompetent und spartenübergreifend besetzt. Wenn die sich einstimmig auf mich einigen können, sagt das viel aus.

Mein Ziel ist es seit jeher, zeitlose Musik zu schaffen. Dass ich jetzt in einer Reihe stehe mit Musikern, die dieses erreicht haben, ist eine tolle Auszeichnung und bestätigt mich in meinem Schaffen.

All der Lob, Respekt und die Liebe, die mir entgegengebracht wird, haut mich um. Man kommt sich fast vor wie ein Heiliger. Dieser Erwartung stand zu halten ist nicht leicht. Ich versuche, mich weitestgehend davon zu befreien und mich nicht unter Druck zu setzen.

Der Mangelsdorff-Preis macht dich zum wichtigsten deutschen Jazzmusiker dieses Jahres und wird auch viel Aufmerksamkeit auf dein Anfang Oktober veröffentlichtes Album Riomar lenken. Ich bin allerdings schon bei der diesjährigen Jazzahead! in Bremen darauf aufmerksam geworden – einfach aufgrund des ungewöhnlichen Covers, und das sage ich jetzt als bekennender Nicht-Katzenfan. Wie um alles in der Welt hat es ein Katzenbild auf das Cover eines Wogram-Albums geschafft? ?

Ja, es gab sogar eine DPA Meldung zum Preis mit dem Album und ich glaube, es ist eine meiner besten CDs. Von daher ist das gutes Timing und viel Glück dabei.

Zum Cover: Wenn man genau hinschaut, spielt die Katze mit ihren Barthaaren, wie ein Pizzicato bei einem Streichinstrument. Das Ziel dieses Albums war es, romantische, emotionale und verspielte Musik aufzunehmen. Es gibt gewisse Anspielungen an Charlie Parker with Strings. Auf dem Cover sind Vögel (= Charlie „Bird“ Parker). Ein Tiermotiv zu nehmen, was viel mit Jazzmusikern zu tun hat (= „the cats“), lag also nahe. Es hat aber nichts mit dem Charakter dieses Tieres zu tun. Wenn man den auf freiheitliebend und individualistisch beschränken kann, ist es aber gar nicht so schlecht getroffen.

Kommen wir von der Hülle zum Inhalt, der zunächst überrascht, wenn man sich deine beiden letzten Veröffentlichungen mit Root 70 vergegenwärtigt: Da hatten wir einen Ausflug in Mikro-Tonalitäten (On 52nd and 1/4 Street, 2008) und ein Blues-Album (Listen To Your Woman, 2010) – und jetzt finden wir uns irgendwo zwischen Groove-betontem Avantgarde-Jazz und Neuer Musik wieder, gekrönt von einem Streich-Trio …

Ich bin nicht der Meinung, dass dieses Album zwischen Groove-betontem Aventgarde-Jazz und Neuer Musik anzusiedeln ist. Einflüsse sind eher: Birth of the Cool, Sketches of Spain, Mendelsohn, Alban Berg, Barock und Filmmusik, zum Beispiel die von Serge Ginsberg. Es ist eine sehr harmonische, konsonante Musik mit Formen, funktionsmäßigen Akkordverbindungen und größtenteils gesanglichen Melodien mit Anspielungen auf diverse Musiktraditionen. Mit Neuer Musik und Avantgarde hat das gar nichts zu tun. Die Intro zu Vacation without Internet entspringt der zweiten Wiener Schule (Webern etc.) die auch schon hundert Jahre alt ist.

Im Gegensatz zu sogenannten Crossover-Projekten sind die Streicherparts bei Riomar aber nicht nur eine Art drüber gekippter Zuckerguss, vielmehr scheinen sie schon ein integraler kompositorischer Bestandteil zu sein. Ist es das, worum es dir geht, wenn du sagst, dass sich die Streicher auf Riomar „ein Stück weiter auf die Jazz-Seite [begeben], als das in einem solchen Projekt normal wäre“?

Mir kam es darauf an, einen Bandsound zu gestalten. Also keine Gegenüberstellung von klassischen und Jazzmusikern, sondern ein gemeinsames Ding. Die Streicher haben Stellen, an denen sie so fungieren wie in klassischer Musik, aber größtenteils spielen sie in time mit der Rhythm Section. Also keine Agogik, sondern metrische Musik. Die musikalische Sprache kommt größtenteils aus dem Jazz. Die Root 70 Band versucht nicht Stockhausen oder andere E-Musikkomponisten zu imitieren. Insofern gehen die Streicher mehr auf den Jazz zu als wir auf die Klassik. Obwohl es, siehe obige Beispiele, auch Anklänge an diese gibt.

Dem Fachmagazin für Blasmusik Clarino hast du 2011 auf die Frage „Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit/Epoche geboren worden zu sein?“ geantwortet: „Immer wenn ich Charlie Parker with Strings höre.“ Hast du dir mit Riomar jetzt deine persönliche Zeitreisemaschine geschaffen?

Es ist natürlich gefährlich, sich stark auf die Vergangenheit und auf ein bestimmtes Album zu beziehen. Man wird bestenfalls eine relativ gute Kopie der Zeit und eines Albums erreichen ‒ und selbst das ist äußerst fragwürdig.

Bei fast allen meiner Alben gibt es einen historischen Bezug und einen starken Einfluss aus der Jazztradition. Ich bin es gewohnt, bekanntes Material zu verwenden und dabei meine eigene Sprache mit einfließen zu lassen. Es ist also eher so, dass man sich erinnert fühlt, aber dann eben genau doch nicht, da viele Elemente komplett anders sind. Andere Melodieführungen, andere Formen und Akkorde.

Wenn man Riomar als eine Art zeitgenössische Variante bzw. eine Weiterführung von Charlie Parker mit Strings sieht, würde mich das freuen. Romantik, Tradition, Stimmungen und Spielfreude stehen im Vordergrund dieses Albums.

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Die Platte entführt den Hörer auf eine – internetfreie – Reise, ausgehend von Lissabon über das bluesgetränkte Riomar nach Kalifornien, macht einen Zwischenstopp bei Duke Ellington vorbeigehört, um dann eindruckserfüllt wieder zu Hause anzukommen. Welche Eindrücke, persönlich wie künstlerisch, verbindest du mit den einzelnen Stationen dieser Reise, die Jazzthetik als „ein großes Wunder“ bezeichnet?

Das Album als Reise zu begreifen, finde ich eine schöne Anspielung. Jedenfalls ging es mir darum, einen Bogen zu spannen, der abwechslungsreich und trotzdem thematisch ist. Orte spielen auf diesem Album eine große Rolle, weil ich damit tiefe und starke Stimmungen verbinde. Und darum geht es hier: den Hörer auf eine emotionale Reise mitzunehmen, auf der man viel entdecken, aber sich auch einfach treiben lassen kann.

Zu den einzelnen Stationen: Riomar liegt im Ebro-Delte in Katalonien. Ich war dort mehrmals im Urlaub. Es ist eine eindrucksvolle Landschaft mit Reisfeldern, Meer … Der große Fluss Ebro, die schwüle und langsame Stimmung ‒ alles passiert hier in Zeitlupe und ist irgendwie zeitlos, verlassen (im guten Sinne).

Lissabon ist eine große Stadt, die ebenso eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Immer, wenn ich dort bin, fühle ich die Tradition und Romantik dieses Ortes. Das habe ich versucht im Stück zu transportieren.

Das Stück Vacation without internet basiert auf einer Anzeige, die ich in einer Zeitung gesehen habe. Ich fand es erstaunlich und symptomatisch, dass man jetzt schon Geld mit internetfreien Ferien verdienen kann, in denen die Teilnehmer zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Die Frage ist: Wieso lassen sich die Menschen durch das Internet so stressen? Und: Wie muss ein Stück klingen, dass sich die Befreiung von diesen Zwängen zum Thema macht? Meiner Meinung nach fröhlich, locker und beschwingt.

Duke Ellington ist eine wichtige Person für fast alle Jazzmusiker, weil er Tradition und Moderne wie fast kein andere verbinden konnte. Außerdem ist er für mich ein Vorbild, was seine Haltung zu Gesellschaft, Menschen und Kunst angeht. Das ihm gewidmete Stück ist jedoch nicht durch seine Musik, sondern durch einen Ausspruch inspiriert in dem er erklärt, dass man sich durch mentale Isolation an jedem erdenklichen Ort zu einem neuen Stück inspirieren kann.

Riomar wurde auf nWog Records veröffentlicht, deiner eigenen Plattenfirma. Was hat dich vor drei Jahren zu dem Schritt der Labelgründung bewogen? Immerhin hattest du davor auf renommierten Labels wie beispielsweise Enja, Intuition oder Act veröffentlichen können, wofür andere Jazzmusiker töten würden … Und was hat sich mit dem eigenen Label geändert, aus künstlerischer Perspektive?

Zu ACT hatte ich nur als Mitspieler eine Beziehung, aber nie einen Plattenvertrag. Enja und Intuition waren für mich wichtige Stationen. Beide Labels haben mir sehr geholfen bei meiner musikalischen Laufbahn. Jedoch entließ Intuition, bei denen ich damals einen Optionsvertrag für weitere Alben hatte, seinen Labelmanager und speckte sein Programm radikal ab. Als ich nachfragte, wie es um meinen Vertrag stände, bekam ich zu hören: „Wir mögen deine Musik sehr und möchten weiter mit dir arbeiten, können dir jedoch nicht die bisherigen Konditionen erhalten“. Diese Konditionen waren damals schon schlecht, und es war für mich schwierig, die Produktionskosten wieder herein zu holen. Also machte ich aus der Not eine Tugend und fragte den damals entlassenen Labelmanager Andreas Schaffer, ob er für mich ein eigenes Label managen würde. Schließlich sagte er zu und wir gingen in die Planung.

Für mich hat sich dieser Schritt sehr gelohnt. Zum ersten Mal verdiene ich nun ‒ wenn auch nicht viel ‒ Geld mit meinen Alben und kann eine künstlerische Stringenz verfolgen. Ich kann den Zeitplan für eine Veröffentlichung genau planen und mit Konzerten koordinieren. Ich kann Alben aufnehmen, die mir in der Zeit künstlerisch wichtig erscheinen und zu denen ich inspiriert bin. Ich kann auf langfristige Entwicklungen meiner Bands setzten und muss keine kommerziellen Kompromisse eingehen. Ich muss mich mit niemandem absprechen beziehungsweise mich vor niemandem rechtfertigen, was ich für eine Musik aufnehme. Das ist eine große Freiheit, die ich sehr zu schätzen weiß. Dafür nehme ich gerne auch etwas mehr Arbeit in Kauf.

Ideen, die mit der Veröffentlichung zu tun haben und deren Bekanntmachung dienen, aber auf den ersten Blick nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar sind, kann ich nun einfach auf eigenes Risiko umsetzen. Es gibt also auch hier keine Bremse, was irgendwelche Investitionsvorhaben angeht. Dadurch erfahren viel mehr Leute von meinen Alben und generell meinem musikalischem Schaffen.

Ich möchte aber auch sagen, dass ich die Zusammenarbeit mit einem renommierten Label nicht grundsätzlich ausschließe. Wenn jemand mir Bedingungen bietet, die besser sind als das, was ich mit nWog records geschaffen habe, würde ich ein Angebot annehmen. Ich weiß aber, dass das sehr schwer ist zu toppen, denn das, was wir bereits haben, ist eine gut koordinierte internationale Pressearbeit, absolute künstlerische Freiheit, Zusammenarbeit mit Top Leuten im Studio und Grafikbereich. Da kann man sich eigentlich nur mit einem besseren internationalen Vertriebsweg, Renommee und guten Verbindungen verbessern. Da fällt mir spontan nur ECM ein.

Neben nWog Records und der Band Root 70 leitest du auch noch die Ensembles Nostalgia und das Nils Wogram Quartett bzw. Septett (und ich meine, sogar von einem Sextett und einem Oktett gelesen zu haben …), spielst im Simon-Nabatov- Duo, im Conny-Bauer-Duo, im Türköz-Wogram-Duo sowie mit der NDR Big Band – und da ist ja noch das Studioprojekt „Lush“ und die Lehrverpflichtung an der Musikhochschule in Luzern … Gibt es für Nils Wogram auch noch ein Leben neben der Musik?

Absolut! Wenn Musiker so wie ich all ihre Projekte auflisten würden, kämen sie oft auf eine weit höhere Anzahl. Der Unterscheid ist nur, dass ich auf langfristige Entwicklung und Kontinuität setzte. Das heißt, auch eine Band, die manchmal nur zwei bis drei Auftritte im Jahr hat, ist nicht weg von der Bildfläche, sondern kann jederzeit wieder mehr in den Fokus rücken. Im Moment gibt es auch einige Veränderungen ‒ zum Beispiel arbeiten Simon Nabatov und ich nicht mehr zusammen.

Ich versuche soviel wie möglich Rücksicht auf mein Privatleben zu nehmen, denn ich habe eine Familie mit einer Frau und drei Kindern. In der Regel bin ich vier Monate im Jahr unterwegs. Das bedeutet aber auch gleichzeitig, dass ich acht Monate im Jahr zu Hause bin und wahrscheinlich viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringe, als manche Personen, die einen „9 to 5 Job“ haben. Ich spiele auch gerne Fußball und halte mich viel wie möglich in der Natur auf.

Dann hoffe ich, dass du auch jetzt noch ausreichend Zeit dafür findest. Ganz herzlichen Dank für das Interview!

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Riomar ist am 11. Oktober 2013 auf nWog Records erschienen

9. Oktober 2013

Wenn ein Song für dich eine Bedeutung hat, dann ist das seine Bedeutung. Julia A. Noack im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 07:22

Julia A. Noack, die sich mit ihrem neuen Album The Feast vom verträumten Folk-Image befreit und einen gewaltigen, nicht zuletzt illute-Produzent Alexander Nefzger zu verdankenden Schritt Richtung Indie-Pop wagt, bereitet gerade eine kleine Tour vor. Los geht’s am 10. Oktober in ihrer Wahlheimat Berlin, wo sie in der Reihe melodie & rhythmus live im Maschinenhaus spielt, gefolgt von Haldern (31.10., Haldern Pop Bar), Witten (01.11, Werkstatt), Köln (03.11, Lichtung), Aachen (04.11., Domkeller), Salzburg (15.11., Denkmal) und Wien (16.11., Blue Bird Festival) – und das, obwohl sie erst am 11. September im Berliner Privatclub die große Record Release Sause geschmissen hat und seitdem in Hamburg und Magdeburg Station machte. Ganz schön viel los bei der Sängerin/Songwriterin! Umso schöner, dass sie ein bisschen Zeit auf einen Tee gefunden hat, wo sie nicht nur von der inspirierenden Plattensammlung ihres Vaters erzählt, sondern auch darüber redet, weshalb ihre Musik jetzt urbaner klingt als früher und welche Auswirkungen Ortswechsel im allgemeinen haben, was Geräteturnen mit Plattenmachen zu tun hat – und natürlich auch über ihre surreale Begegnung mit Bob Dylan.

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Klangverführer: Als wir uns zum Interview verabredet haben, standest du ganz schön unter Terminstress. Sind das noch die Nachwehen deines Albumreleases vom 13. September? Was steht bei dir gerade alles auf dem Programm?

Julia A. Noack: Ein Album herauszubringen, ist natürlich auch mit viel Stress … was heißt hier Stress: mit viel Arbeit verbunden. Ich neige auch einfach dazu, leicht gestresst zu sein, oder auch leicht hektisch zu werden. Ein Album herauszubringen, bedeutet auch, viele Termine zu koordinieren. Ich hab’ zwar schon auch eine ganze Reihe Leute, die mit mir zusammenarbeiten und zum Glück einige Sachen für mich machen, aber Vieles mache ich eben trotzdem auch noch selbst, wie zum Beispiel das Booking. Ich habe jetzt also nicht den kompletten Apparat um mich herum, der alles für mich erledigt. Leider! Ich würde gern einfach nur irgendwo hingehen und spielen. Aktuell kümmere ich mich um einen Ersatz an den Tasten, weil meine Keyboarderin für ein paar Konzerte nicht kann. Dann habe ich jetzt im Oktober noch ein Konzert, das ich vorbereite, ich bereite die November-Tour vor und gerade treffe ich mich zu einem Interviewtermin … (lacht)

Von diesem ganzen Stress merkt man dem Album selbst allerdings nichts an, das kommt total tiefenentspannt rüber. Ist da mit Summer Something nicht sogar ein relaxter Bossa drauf?

Vom Beat her? Das ist eines der wenigen Stücke, wo wirklich ein Beat programmiert ist, wo aber der Schlagzeuger trotzdem auch noch drüber spielt. Es gibt zwar einige Programmings auf der Platte, aber bei „Summer, Something“ steht der elektronische, programmierte Beat schon sehr im Vordergrund. Es ist aber schön, wenn das so entspannt wirkt!

Apropos Beat – ich finde, dass auf The Feast Beats oder Rhythmen ohnehin eine viel größere Rolle zu spielen scheinen, als ihnen gemeinhin im Singer/Songwriter oder sogar auch im Indiepop zugestanden wird.

Echt? Mehr, als man es auch Indiepop zugesteht? Aber es stimmt schon, Beats oder auch Rhythmen sind für mich schon wichtig, und sie sind auch bei dieser Platte wichtig. Und ich glaube, der Fokus lag tatsächlich auch auf der Stimme und dem Rhythmus. Obwohl ich selber sehr melodieaffin bin, liebe ich es, mit Band im Rücken zu spielen, mit Schlagzeug im Rücken. Und auch Songs zu machen mit Beats.

Du kommst aber ursprünglich von der Akustikgitarre, oder?

Ich komme ursprünglich von der Akustikgitarre, ja. Ich spiel’ ja auch viel Akustikgitarre – und ich spiel’ ja auch die E-Gitarre so, wie ich die Akustikgitarre spiele.

Schreibst du auch auf der Akustikgitarre?

Ja und nein. Das war diesmal ein bisschen anders. Ich habe die Stücke sonst immer wirklich mit der Akustikgitarre geschrieben, aber diesmal hatte ich teilweise nur mit der Stimme angefangen, einfach ein paar Loops gemacht, oder ich hab’ etwas auf der E-Gitarre geschrieben, oder ich hab’ einfach nur so ein Riff eingespielt und hab’ dann dazu was gebastelt, was einfach eine andere Herangehensweise war als sonst. Ich habe nicht mehr mit der Gitarre dagesessen und von vorn bis hinten ein Stück geschrieben, sondern mehr collagenartig gearbeitet. Und mehr mit Aufnahmetechnik – zwar mit einfacher, nämlich einem kleinen Hand-Vier-Spur-Rekorder –, die dafür sorgt, dass man ganz anders arbeitet, als wenn man nur mit der Gitarre dasitzen würde. Das war der wesentliche Unterschied zum Songwriting bei den Vorgängeralben. Und was beim Songwriting auch noch anders war, ist, dass sich die Stücke zum Teil auch erst im Produktionsprozess entwickelt haben – ich hatte zum ersten Mal einen Produzenten dabei! Das war dann eben so, dass ich diese Stücke fast fertig hatte oder eben auch noch gar nicht fertig, sondern eher so angedacht hatte, und dass wir die dann zusammen weiterentwickelt haben.

Wie ist es überhaupt zu der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Alexander Nefzger gekommen?

Eigentlich habe ich zunächst nur jemanden gesucht, der programmieren kann. Und dann hab’ ich mir so ein paar Sachen angehört – darunter auch etwas von illute, die ja jetzt bei mir live auch manchmal Keyboard spielt, was ich ganz, ganz toll finde, und bei einem der Songs dachte ich dann, der ist ja klasse, wer hat denn da überhaupt mitgespielt, wer sind denn diese Musiker? Das hab’ ich dann zwar nicht so richtig rausgefunden, aber ich habe rausgefunden, dass sie die Platte mit dem Nefzger gemacht hat, woraufhin ich ihn gegoogelt und ausgecheckt habe und dachte, ach guck mal, das wär’ doch vielleicht auch etwas für mich, mal mit einem Produzenten zusammenzuarbeiten. Ich hab’ ihn dann angeschrieben und er hatte auch Interesse – ja, und dann haben wir uns getroffen und so ist das eben gekommen.

illute spielt bei dir ja nicht nur Keys, sie hat auch das Artwork deiner CD gemacht, richtig?

Genau, das hat sich so ergeben. Ich habe irgendwann mal etwas bei ihr aufgenommen, und wir haben uns gefragt, ob wir nicht mal was zusammen machen wollen, so nach dem Motto: Willst du nicht mal bei mir zweite Stimme singen? Und genau das hatte ich sie dann auch gefragt, und dann fiel mir ein, dass ich ja eigentlich auch jemanden für Keyboard suche – warum frag’ ich sie also nicht auch! Und mit dem Artwork ist das eigentlich genauso gekommen. Ich habe mich umgeguckt, wen ich fragen könnte, denn ich hatte schon eine Idee im Kopf und habe jemanden gesucht, der sie umsetzt. Ich habe dann verschiedene Grafikdesignerinnen angeschrieben, bevor mir eingefallen ist, dass illute ja auch Illustratorin ist. Und warum auch nicht unter sich das Netz spinnen? Ich mag das gerne, wenn man so untereinander arbeiten kann.

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Bei der Recherche zu diesem Interview habe ich festgestellt, dass es eigentlich kaum einen Artikel über dich gibt, der nicht auch deine 2003-er Begegnung mit Dylan zumindest erwähnt – und auch die Pressemitteilung zu The Feast reitet darauf herum. Hängt dir das jetzt sehr nach? Kannst du das überhaupt noch hören, wenn man dich darauf anspricht? Ist das jetzt mehr Fluch als Segen?

Nee, das ist ja jetzt ganz neu. Also, ich hab’ das jetzt in diesem Pressetext der Welt zum ersten Mal erzählt. Es war schon ein sehr intensives und sehr beeindruckendes Erlebnis, und meine Freunde haben mir immer schon gesagt, Mensch, da musst du doch was mit machen! Ich wollte das bis jetzt aber nicht, weil mir das eigentlich zu persönlich war. Was heißt „zu persönlich“ – ich wollte das einfach nicht vermarkten. Aber das ist jetzt eben auch schon ein Weilchen her, sodass ich gedacht habe, ach, mein Gott, warum nicht, und der Journalist, der meinen Pressetext geschrieben hat, fand die Story so spannend, dass er überzeugt war, dass sie bestimmt schon noch ein paar Leute interessiert. Natürlich spricht mich dann jeder darauf an, aber damit muss ich ja rechnen, wenn ich das in den Pressetext nehme, das ist schon okay.

Na, dann kann ich die Frage jetzt ja guten Gewissens stellen: Wie war das damals mit Dylan?

Sehr beeindruckend! Sehr surreal, auch. Ich wusste, in welchem Hotel die sind und bin dann hin und hab’ ihn einfach angesprochen. Ja, und dann haben wir zusammen Musik gemacht, das war tatsächlich so, wie es im Pressetext steht! Das war schon sehr surreal. Aber auch schon sehr … also, nicht nur einfach so toll, sondern auch vom Prinzip her toll. Einfach, dass man weiß, wow, so etwas ist auch möglich! Es muss nicht immer nur über Presseausweis, Backstagepass, Management oder so laufen. Mir ging es auch darum, dass ich das so schaffen wollte und auch geschafft hab’, das war irgendwie cool.

Wenn man dein neues Album in den CD-Player legt, überrascht gleich der Opener Want/Be mit extrem rockigen Tönen – wolltest du dich damit auch ein stückweit von deinem bisherigen Image als Folklady emanzipieren?

Ja, genau. Mit dem ganzen Album, eigentlich. Das erste Stück ist natürlich auch extrem und passt deshalb auch ganz gut an den Anfang. Der Rest des Albums ist ja dann nicht mehr so extrem wie das erste Stück, mittendrin wäre das eher rausgefallen. Vielleicht ging es auch darum, ein Statement zu setzen, zu sagen, so, jetzt geht es hier mal ein bisschen anders los.

Ich gebe zu, es ist das Stück, was mir persönlich am wenigsten gefällt …

Oh, meinem Vater auch! Dir und meinem Vater gefällt das erste nicht so gut! (lacht)

Dafür gefallen mir besonders die drei letzten Stücke: Ich mag den Titeltrack mit diesem Bläsersatz sehr gern, ich mag Matter of Me, weil es trotz der Rührtrommeln am Anfang so unglaublich zärtlich daherkommt, und ich mag The Inconceivable mit diesem düsteren, David-Lynch-artigem Rummelplatzambiente … Oh, und What’d She Say find’ ich auch super! Da frag’ ich mich natürlich, hast du auch den einen oder anderen heimlichen Favoriten?

Ja, den hat man, glaube ich, eigentlich immer! Wobei meine Lieblingssongs dann eher damit zusammenhängen … da geht es ja nicht ums Hören, sondern ums Spielen. Man hört ja seine eigene Musik eigentlich nicht, oder? Darum ist das dann so schwer zu sagen. Also, The Feast mag ich schon auch sehr gerne. Ach, ich mag sie natürlich alle, ist ja klar. Wobei, zum Beispiel Name For This höre ich fast lieber als ich es spiele. Ich musste das oft mit der Gitarre als Hauptinstrument spielen, weil ich keine Tasten hatte. Jetzt, wo ich wieder Tasten hab’, spiele ich es wesentlich lieber. Aber ganz ehrlich gesagt, es fällt mir schwer, bestimmte Lieder herauszuheben. Jedes hat so seine eigene, auch für mich persönlich seine eigene Geschichte, seine eigene Stimmung. Vielleicht ist das darum stimmungsabhängig, welches mir gerade am besten gefällt.

Ja, das geht mir auch so. Aktuell gefällt mir Everything is Sexuality sehr gut – ich kann mir vorstellen, zu diesem Song eine der langen Berliner Straßen entlang auf den Fernsehturm zuzuradeln, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich verstehe, wie du den Text meinst …

Das macht ja nichts. Hauptsache du hast etwas, was es für dich bedeutet.

Es stimmt also, dass du deine Lieder nicht erklären magst?

Ja, das stimmt. Aber was ich mit so einem Song meine, das ist wie in der Literaturtheorie, wo der Text ja auch irgendwann losgelöst vom Autor erscheint. Und wenn du ein Stück hörst oder dir den Text durchliest und für dich hat das eine Bedeutung – dann ist das die Bedeutung! Auch wenn ich dabei vielleicht etwas anderes gedacht und empfunden habe.

Dann musst du als Schöpfer des Textes aber auch damit leben, unter Umständen fehlinterpretiert zu werden.

Nein, ich muss nicht damit leben, denn ich empfinde das nicht als ein Müssen. Ich finde das völlig okay! Ich finde das spannend. Weißt du, wenn ich Stücke schreiben würde, die eine politische Botschaft hätten, dann wär’ das etwas anderes. Wenn ich jetzt ein Stück schreiben würde zum Thema … keine Ahnung …

„Rettet den Regenwald“?

(lacht) „Rettet den Regenwald“, genau, und dann interpretiert einer da rein …

… „Holzt den Regenwald ab“?

Ja, oder „Schwule bitte ins Gefängnis“, dann hätte ich ein richtiges Problem damit. Aber solche Aussagen habe ich ja in meinen Liedern nicht. Und deshalb finde ich es auch spannend und völlig gut, wenn jemand etwas damit anfangen und es irgendwie auf sich beziehen kann. Für mich heißt es ja etwas Bestimmtes – und für jemanden anderen kann es gerne etwas Anderes heißen.

Das hört man sehr selten – die meisten Künstler wollen ja vor allem verstanden werden!

Ja, das will ich tatsächlich irgendwie auch. Aber das heißt nicht … Meine Songs sind eigentlich immer sehr persönlich. Nicht immer autobiographisch, aber sehr persönlich. Und die kann man dann auch gar nicht immer verstehen. Solche Fetzen aus Gedanken und Assoziationen kann ein Außenstehender nicht verstehen. Manchmal ist es wie eine Fata Morgana, da spiegeln sich Sachen, die zum Teil von woanders herkommen oder die der Betrachter da selbst noch hineinlegt … Ich könnte das natürlich alles Zeile für Zeile erklären, aber das würde ich niemals machen.

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Wir sprachen gerade von Resonanz, davon, wie Leute etwas auffassen – da gehört natürlich auch der Bereich der Musikkritik dazu. Die Kollegen von Kulturnews haben dir ja diesen „hauchzarten deutschen Akzent bescheinigt. Dazu zwei Fragen: Wie gehst du mit so etwas um? Und warum hast du dich eigentlich dafür entschieden, auf Englisch zu schreiben und zu singen?

Wenn man im Vergleich zu Kulturnews den Blog Gästeliste liest, steht da das genaue Gegenteil, da wird explizit gesagt, ich sei eine der wenigen in Deutschland, die mit englischer Sprache vernünftig umgehen können und eben nicht dieses Deutsche haben. Aber ob ich jetzt tatsächlich einen „hauchzarten deutschen Akzent“ habe – ja, mein Gott, weiß ich nicht! Vielleicht. Das hat mich jetzt aber nicht so getroffen, ehrlich gesagt. Es gab auch eine Rezension, die war halbwegs okay, aber dann kam der Satz: „Was gewaltig stört, ist Noacks schräger Gesang“. Ich dachte gut, dann soll es halt stören. Ich finde jetzt nicht, dass der Gesang „schräg“ ist – aber es kann halt nicht allen gefallen.

Und warum ich englisch singe? Es ist einfach so, dass ich von englisch-sprachiger Musik inspiriert worden bin. Als ich angefangen habe … man fängt ja im Grunde damit an, zu imitieren. Und als ich angefangen habe, Gitarre zu spielen und zu singen, habe ich im Grunde das imitiert, was ich gehört habe, da war ich vielleicht so elf, zwölf oder dreizehn. Und das waren dann eben Bob Dylan, Neil Young, Cat Stevens und so.

Das ist ja nicht gerade das, was während deiner Kindheit im Radio lief. War das ganz klassisch die Plattensammlung deines Vaters?

Jaja, ganz klassisch! Von ihm hab ich diese ganzen Folk- und Folkrock-Sachen, aber auch Janis Joplin. Jimi Hendrix hatte er auch, hab ich aber nie gehört.

Lustig, dass du das sagst, weil mich die Retro-Gitarren in Want/Be schon sehr an seinen Sound erinnern!

Ah ja? Okay, kann sein. Zur Plattensammlung meines Vaters gehörte außerdem auch Black Sabbath. AC/DC hatte er auch, aber ich habe vor allem von Black Sabbath eine Platte sehr oft gehört Ich habe einfach mit englischsprachiger Musik angefangen, ich habe die Songs nachgespielt, die ich gehört habe. Klar, ich hab‘ auch BAP gehört – aber mehr eben noch das Englisch-sprachige. Außerdem war ich dann noch für eine Weile in den USA, wo ich meinen ersten Song geschrieben habe. Das heißt, ich war einfach in so einem englisch-sprachigen Kontext drin.

Hast du jenseits von der Musik, die dich sozialisiert hat, auch das gehört, was damals gerade so im Radio lief?

Gute Frage! Als Jugendliche habe ich zwar auch zeitgenössische Musik gehört, aber eigentlich kaum Radio. Viel lieber habe ich dem alten Woodstock-Kram gelauscht, aber Herbert Grönemeyer und BAP waren schon auch ein Teil meiner musikalischen Sozialisation. Auch die Neue Deutsche Welle, wobei ich mir die Platten nicht gekauft habe.

Und wen hörst du im Moment gerne?

Florence and the Machine, Laura Veirs – die ist eine große Inspirationsquelle für mich! – oder Klassiker wie Aimee Mann oder Van Morrison. Die machen mich immer sehr ausgeglichen. Leider höre ich immer weniger Musik.
Wenn ich von „Inspirationsquelle“ spreche, meine ich das übrigens nicht im Sinn von Vorbild, sondern eher … Seine Stimme kann man eh nicht richtig ändern. Man kann sie zwar ausbilden und daran arbeiten, aber ich kann jetzt nicht sagen, ich möchte singen wie So-wie-so. Aber manche Gesangstechniken kann man adaptieren, da kann man sagen, oh, das möchte ich auch gern so lernen! Zum Beispiel die deutliche Aussprache von Laura Veirs, während Aimee Mann ja sehr nasal singt. Generell höre ich Frauen sehr gern singen, ich mag Stimmen sehr gerne, und ich mag vor allem Frauenstimmen sehr gerne.

Welchen Stellenwert hat der Gesang für dich in deiner Musik? Bei Leuten wie Dylan geht es ja eher um die Geschichten, die sie erzählen …

Ich denke, ich kann meine Lieder nicht von der Interpretation trennen. Ich empfinde mich auf jeden Fall nicht als Geschichtenerzählerin, das wäre mir dann wieder zu sehr auf den Folk bezogen. Ich empfinde mich allerdings viel mehr als Sängerin als als Gitarristin. Singen und Schreiben dagegen ist für mich gekoppelt. Auf den Gesang lege ich im Allgemeinen sehr viel Wert, und bei dieser Produktion stand die Stimme absolut im Mittelpunkt. Der Nefzger hat mit mir auch sehr viel … nicht gerade Vocal Coaching gemacht, aber wir haben sehr, sehr viel an der Stimme gearbeitet. Nicht nur technisch, denn wie beim Tanzen oder beim Geräteturnen ist es ja nicht nur die Technik, sondern auch der State of Mind. Je nachdem, ob ich etwas beispielsweise traurig oder zornig singe, klingt die Stimme ja anders. Und an diesem Klang haben wir sehr viel gearbeitet, Stimme als Instrument war uns sehr wichtig.

Die Arbeit hört man definitiv nicht, dein Gesang klingt sehr unprätentiös, sehr unangestrengt, sehr beiläufig, das mag ich.

Es ist natürlich das Ziel, dass es leicht klingt – auch, wenn es das gar nicht war. Wenn man dem Album anhören würde, wie viel Arbeit darin steckt, dann wäre es ja nicht gut. Das Ergebnis soll ja einfach nur schön sein, und wenn man die Mühe hört, dann hat das nicht geklappt.

Im tip wirst du mit der Aussage zitiert, Orte seien sehr wichtig. Da frage ich mich natürlich, welche Rolle sie für deine Musik spielen. Welche Rolle spielt Berlin für dein Album, welche, dass es in Wien aufgenommen wurde?

Das ist eine gute Frage. Ein Rezensent hat über das Album gesagt, dass Berlin hier überhaupt keine Rolle zu spielen scheint, dass es keine urbane Platte sei, dass die Stadt eigentlich nirgendwo vorkommt.

Dem muss ich vehement widersprechen! Ich finde, Everything is Sexuality klingt schon sehr nach Berlin, das ist elektropoppig, vielleicht sogar mit einem Schuss Neuer Deutscher Welle …

Ich selbst weiß es gar nicht, wie sehr sich die Stadt letztendlich in der Musik widerspiegelt Ich meine, klar ist es wichtig, dass ich in Berlin lebe. Ich würde mich anders fühlen, wenn ich zu Hause auf meinem Dorf leben würde und da dann die Platte aufgenommen hätte. Aber ich wohne ja jetzt auch schon seit ein paar Jahren in Berlin, weshalb ich wahrscheinlich schon zu sehr „drin“ bin, um sagen zu können, die Stadt hat mir jetzt genau diesen Impuls oder genau jene Inspiration gegeben.

Ich glaub‘, was ich in dem von dir angesprochenen tip-Interview auch gesagt habe ist, dass nicht nur Orte, sondern vor allem Ortswechsel wichtig sind, weil die noch einmal so einen Aufbruch bedeuten und noch einmal so eine ganz andere Perspektive bieten. Dass ich das Album in Wien aufgenommen habe, hat glaube ich einfach den Effekt des Ortswechsels. Es geht also nicht primär um Wien als Stadt, sondern um das Reisen. Ich kann beim Reisen sehr gut Songs schreiben oder Ideen verarbeiten – und nach Wien zu reisen bedeutet eine zehn-stündige Zugfahrt. Und wenn man angekommen ist, ist man völlig aus dem Alltag rausgelöst. In diesem anderen Kontext kann man sich ganz auf die Musik konzentrieren, das ist schon sehr förderlich!

Nicht zuletzt habe ich durch Nefzger und andere Leute auch so ein bisschen die österreichische Mentalität kennengelernt, und die ist ja schon auch sehr anders als die deutsche. Vorher hatte ich überhaupt keinen Bezug zu Österreich, das war schon sehr interessant – und wahrscheinlich auch irgendwie beeinflussend. Wie genau, kann ich gar nicht sagen, aber das Kennenlernen einer anderen Mentalität ist ja immer auf eine gewisse Weise beeinflussend und inspirierend.

Eine konkrete Wiener Atmosphäre ist aber nicht auf dem Album zu finden – ebensowenig wie eine konkrete Berliner Atmosphäre, es sei denn, ich habe Berlin schon so sehr im Blut, dass es einfach automatisch mit drin ist. Das ist dann schon einfach so mit eingewoben. Allein die Tatsache, dass ich jetzt weniger folkige Sachen mache, hat damit zu tun. Meine Musik ist jetzt urbaner als noch auf dem ersten Album, das ist so eine ganz zarte Beeinflussung. Auch, weil ich hier mit ganz anderer Musik in Kontakt gekommen bin.

Bist du hier Teil eines bestimmten Künstlerkollektivs, einer Initiative, Szene?

Nee, irgendwie nicht so richtig, glaub‘ ich. Man kennt sich zwar untereinander und es gibt immer mal wieder ein paar Verknüpfungen, aber ich bin jetzt nicht das totale Szenehäschen! Ein paar Zusammenarbeiten gibt es aber schon immer, die dann auch jedes Mal super sind …

Wie die mit illute?

Wie die mit illute, genau. Und als K.C. McKanzie noch in Berlin gewohnt hat, war das auch eine sehr besondere Freundschaft. Sie war und ist eine große Inspiration. Auch auf der Platte (nimmt das CD Cover in die Hand) singen ein paar Leute mit, die man immer mal wieder trifft, Andreas Laudwein oder Jovanka von Wilsdorf, zum Beispiel, aber auch der Italiener Stead oder die Wienerin Mika Vember, die auch von Alexander Nefzger produziert wird. (betrachtet die CD und lächelt versonnen) Lange nicht mehr in der Hand gehabt, das gute Stück!

TheFeastJuliaNoack
The Feast ist am 13. September 2013 auf Timezone erschienen

5. Oktober 2013

Ein sehr schönes Grau oder: Das Duo als „relativ nackte Art“ – Mara & David im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 17:44

Es hat drei ganze Alben sowie den Umzug der Sängerin von Dresden nach Berlin gebraucht, bis ich das Duo endlich an meinen Wohnzimmertisch zum Interview bitten konnte. Schön, dass es geklappt hat, denn die aktuelle Veröffentlichung von Mara & David hat mindestens genausoviel Charakter und Tiefe, wie die beiden Musiker, die jenseits aller Presse-trifft-Künstler-Konventionen selten offen und unglaublich poetisch darüber sprechen, dass man sich manchmal ausdünnen muss, um sich wiederzufinden, dass ihre Musik, „auf die man schon ein bisschen zugehen“ sollte, ein schönes Gegengewicht zur Zeit ist, und nicht zuletzt darüber, dass es irgendwann dann auch mal mit dem Herzschmerz reicht. Wäre es kein so furchtbares Klischee – wie gern würde ich schreiben, dass die Stärke von Mara von Ferne und David Sick in ihrer Verletzlichkeit begründet liegt! Sie nennen es Freiheit – ich nenne es ein rundum gelungenes Interview, das gleichzeitig auch den ersten „Arbeitstag“ von Linaliebhundnachfolgehund Mira, im Folgenden: Mademoiselle Mirabelle, markiert. Viel Freude daran!

Mara_David_und_Mira
Peter, Paul & Mary – pardon: Mara, David & Mira, die den Bettvorleger gibt, in meinem Wohnzimmer

Klangverführer: Wenn etwas veröffentlich wird, was ich vor einiger Zeit geschrieben habe – und das ist ja der Regelfall, das von der Abgabe des Manuskripts bis zur Publikation eine Weile ins Land geht –, ist das für mich immer ein seltsames Gefühl, weil ich mit Kopf und Herz ja schon wieder an einer ganz anderen Sache arbeite. Geht euch das auch so, anders ausgedrückt: Wie emotional verbunden seid ihr mit Call It Freedom zum Erscheinungszeitpunkt noch? Geschrieben und aufgenommen habt ihr das Album ja vor etwa einem Jahr, oder?

David: Victoriah, Du fängst mit einer Frage an!

Mara: Es stimmt, es ist schon etwas länger her – wir gehen mal nicht ins Detail, wie lange …

David: Lass uns mal 2010 nehmen als Zeitpunkt des Songschreibens, oder?

Mara: Ja, geschrieben haben wir die Songs 2010, zum Teil 2011 …

David: 2009 sogar, oder? „Wanderlust“ ist wann entstanden? Jedenfalls sehr früh …

Mara: Und aufgenommen wurde es 2011, komplett war alles schon Ende 2011 fertig.

Wie fühlt es sich dann für euch an, wenn man jetzt überall lesen kann, es ist das *neue* Mara&David-Album?

Mara: Also, für mich fühlt es sich trotzdem relativ neu an, weil wir die Songs ja nicht so viel gespielt haben, eben um sie frisch zu halten.

David: Das ist es, was ich auch gerade dachte. Ich finde auch, dass es sich darum neu anfühlt, weil wir die Songs einfach nicht gespielt haben. Und das Album gefällt mir auch sehr gut! Wenn ich es so höre, denke ich: schönes Album! Dieser Abstand ist ja sonst nicht gegeben. Normalerweise nimmt man es auf, und dann spielt man es die ganze Zeit und dann denkt man irgendwann, diese Songs kann ich nicht mehr hören! Man steckt viel zu tief drin. Und das ist bei uns jetzt durch diesen Abstand alles so ein bisschen … schöner.

Das heißt, du siehst es sogar als Vorteil, wenn man emotional nicht mehr so sehr daran bzw. darin hängt?

David: Ja, wir hatten eine sehr intensive Zeit in Dresden, und jetzt ist das anders: Wir haben jetzt zwei verschiedene Städte und sind nicht mehr so eng, was das angeht, und das ist meiner Meinung nach auch für so einen Abstand ganz gut. Der räumliche Abstand tut uns immer noch gut …

(großes Gelächter)

Mara: Nein, im Ernst: Natürlich ist es so, dass man durch die verstrichene Zeit schon einen emotionalen Abstand zu den Songs hat, aber es ist wirklich so, dass, wenn man sie dann wieder hört, man ganz überrascht ist, wie schön sie eigentlich sind! Nicht, dass ich jetzt vorher gedacht hätte, sie wären nicht gut, aber nach einer Weile hauen sie mich dann doch noch einmal neu um!

David: Ja, man hört sie dann manchmal so wie ein Fremder, und das ist gut. Trotzdem kann man sich noch mit den Gefühlen, die man damals hatte, identifizieren; und die Musik trifft ja auch meinen und Maras Geschmack – wir haben sie ja immerhin geschrieben, da kommt man jetzt nicht auf die Idee zu fragen, was ist das denn für’n Zeug?

Abstand ist ohnehin ein gutes Stichwort: Euer letztes Album, Once We Were Gods, ist 2009 erschienen. Was habt ihr in den letzten vier Jahren bis zum Erscheinen eures aktuellen Albums musikalisch getrieben

David: Ich hatte eine Krebserkrankung und war dann auch emotional weiter weg. Ohnehin hatten wir beide da gerade so eine Phase, wo es sich etwas entspannt hat. Und das ist auch wichtig gewesen, denn wir hatten davor so eine intensive Zeit, es musste dann einfach ein bisschen … Wie nennt man das, sag du!

Mara: … ein bisschen … ausdünnen für eine Weile. Um sich dann wiederzufinden.

David: Wie auch immer! Also so eine Phase wie in einer Beziehung, man schnuppert mal woanders rein, und wenn man sich dann wieder trifft, dann hat man wieder dieses Gefühl, und dann kann man das auch wieder machen.

Mara: Es entwickelt sich auch jeder auf seine Art weiter!

David: Das ist ein gutes Stichwort für mich. Jeder für sich entwickelt Bereiche, die er noch braucht, um weiter Duo spielen zu können, intensiv weiter.

Damit hast du schon so ein bisschen meine nächste Frage vorweggenommen: In meiner Rezension eures Albums für fairaudio habe ich festgehalten, dass dieses Album für mich ernsthafter, erwachsener klingt als die beiden Vorgänger. Einmal musikalisch, da es sehr Blues-lastig ist, andererseits aber auch von den Texten her, die sich nicht mehr so sehr der Introspektion widmen, sondern auch schauen, was in der Welt vor sich geht. Was ist eurer Meinung nach in dieses Album eingeflossen, dass es sich von den Vorgängern abhebt?

David: Genau das.

Mara: Die Vorgänger waren auch noch vielmehr introspektiv auf uns im Sinne von auf das Duo bezogen. In der Phase ist für uns beide total viel passiert, Gutes und Schlechtes, und dann sind auch noch mehr äußere Einflüsse dazugekommen.

David: Es hat sich nach außen geöffnet.

Auch in dem Sinne, dass ihr beide mehr zu Individuen geworden seid?

David: Ja, sowieso! Das habe ich schon auf der Bühne gemerkt, dass man jetzt völlig bei sich selbst ist. Ich zumindest fühle mich so, wenn ich spiele. Und trotzdem völlig beieinander.

Mara: Weil man sich mittlerweile so gut kennt, dass man das sein kann. Und sich trotzdem nicht verliert.

David: Genau. Es ist zwar natürlich immer eine Gefahr, wenn man so völlig bei sich selber ist, da kann man sich auch mal verlieren, aber an sich ist das eine schöne …

Mara: Man findet sich dann auch wieder!

David: … ja, und das Finden ist auch ein schöner Prozess. Wir haben da schon so eine Selbstverständlichkeit, mittlerweile, dass es in Ordnung ist, auch mal so eine Zeit zu haben, oder Momente zu haben, wo man bei sich ist. Aber man ist irgendwie trotzdem verbunden, weil es schon so gewachsen ist! Wir haben durch dieses Intensive – und ich muss das immer wieder sagen, weil es echt intensiv war in Dresden: wir haben so viel gespielt, wir haben es auch übertrieben zum Teil und zu oft geprobt, es gewissermaßen totgeprobt; trotzdem hat sich das dadurch … mehr vereint.

Dass ihr eure Duo-Beziehung auch weniger hinterfragt?

Mara: Das Gefühl habe ich eigentlich nicht. Wir hinterfragen eigentlich schon und wir reden oft über uns.

David: Das ist auch klar. Man fragt sich ja schon, wie geht das jetzt weiter?

Mara: Durch die unterschiedlichen Städte ist das ja jetzt auch recht schwierig. Man muss es wirklich wollen und dranbleiben, damit was passiert. Man kann nicht mehr alles einfach so laufen lassen, man geht nicht mehr fünf Minuten rüber zum anderen und probt. Jetzt muss man alles organisieren und planen, das ist ja auch irgendwie erwachsener. Und man hat jetzt ja auch noch mehr Verpflichtungen! Man ist ja nicht mehr Student und kann einfach nur proben.

David: Das ist natürlich schade, das muss ich schon sagen.

Mara: Ja, das ist ein bisschen schade.

David: Man hat dann eben einen Job – wie du ja auch einen Job hast, der dich grundsichert, und dass man dann noch so was macht, und dann will man aber auch noch so was machen … Man will heutzutage so vieles so gut machen, das ist ja das Problem unserer Zeit! Ich will dann super solo spielen, ich will mit einer Frau zusammen sein, mit der alles schön läuft, mit der man sich aber auch entwickelt, was ein Haufen Arbeit ist, und dann will ich plötzlich wieder auch noch ganz viel Klassik üben, und dann ist da noch Mara, und dann spielen wir Konzerte , dann kommt die CD raus …Das ist total toll, da ist viel los, aber das ist jetzt eben nicht wie früher, wo man sagt, hey, ich hab gerade ‘nen Stipendium bekommen, ich hab jetzt ‘ne Woche Zeit …

Mara: Genau, wo man sich die ganze Zeit so völlig darauf fokussieren kann!

Das war der Vorteil des Studiums, dass man so eine Art geschützten Raum hatte, um sich auszuprobieren?

Mara: Genau, und das ist ein Luxus, den man oft erst …

David: … hinterher erkennt. Und es war ja nicht nur im Studium. Mara hatte noch studiert, ich nicht mehr, da hatten wir ja wahnsinnig intensiv geprobt und getan … Und es ist einfach gut, wenn man das macht, das kann man eigentlich gar nicht in Frage stellen. Dieses Intensive ist es eigentlich. Da entwickelt sich das Zeug weiter. Aber was jetzt bei dem neuen Album eben ist, diese Öffnung nach außen, da hab‘ ich auch gedacht, dass wir das mal machen müssen. Ich habe das auch schon beim Songschreiben so gesagt, und Mara hat das auch so gesagt, und dann haben wir das auch so gemacht. Das war nicht nur ein Gefühl, sondern auch so ein bisschen ein Konstrukt, also, dass wir das so wollten!

Mara: Ich finde aber auch, dass man in den Aufnahmen hört, dass es für uns beide so eine besondere, so eine krasse Zeit war. Ich finde, man hört in uns beiden so eine gewisse Verletzlichkeit – die mir total gut gefällt und von der ich weiß, dass man die so nicht mehr reproduzieren kann.

David: Schön gesagt. Ja, genau. Also ich finde auch, man hört so etwas Graues. Ein sehr schönes Grau. Und ich finde ein Song, dieser ruhige Tango, wie heißt der? …

Mara: Winter Sky.

David: … Winter Sky der ist so bezeichnend für die Platte. Oder auch der letzte Song. Die sind alle so ein bisschen …

Melancholisch?

David: Nee, das ist so ein Gefühl … Das kann man nur hören! So ein grauer Himmel, eigentlich. Und so eine Welt, die sich verändert. So ein bisschen Endzeitstimmung. Leicht. Latent. So ein bisschen: Was passiert denn auf der Welt? Man guckt sich auch um.

Ihr habt diesem „grauen“ Album ja den Titel Call it Freedom gegeben – was ist es, das ihr Freiheit nennt, und was bedeutet Freiheit für euch?

Mara: Der Titel hat natürlich mehrere Aspekte. Zum einen bezieht er sich auf den Titelsong, da geht es darum, dass der Begriff „Freiheit“ heutzutage auch ja oft total pervertiert verwendet wird …

Also politisch?

Mara: Ja, im Weltgeschehen. Für uns persönlich hat der Titel dann noch die Bedeutung, dass es das letzte Album ist, was wir mit unserer aktuellen Plattenfirma machen.

Bleiben wir beim politischen Aspekt des Titels: Jazz thing hat den Titelsong ja als „gutmenschelnd“ bezeichnet … Wie geht ihr generell mit Kritik um?

David (zu Mara): Mach du!

Mara: Also, naja … Ich erinnere mich, dass das zweite Album ein paar zum Teil richtig fiese Kritiken gekriegt hat, die mich dann doch getroffen haben.

David: War das das, wo man geschrieben hat, wir sollten mal ‘ne Querflöte dazu nehmen, oder war das das erste Album?

Mara: Das war das erste Album, aber das war so’ne kleine Zeitung, da hab ich dann gedacht, naja (macht eine wegwerfende Handbewegung). Aber das zweite Album, das hatte zum Beispiel auch eine Mini-Kritik im Rolling Stone, wo wir nur zwei Sterne hatten und darauf rumgeritten wurde, dass wir studiert haben, das war ein bisschen gemein. Klar, als ich das gelesen habe, hab‘ ich mich schon aufgeregt. Aber was soll man denn machen, ich meine: Wenn man über Liebeskummer schreibt, dann ist das alles zu introspektiv, und wenn man dann halt über Politik schreibt …

… ist es wieder zu gutmenschelnd.

Mara: Genau.

David: Dabei ist das Album gar nicht so politisch. Ich meine, es ist ein bisschen Politik dabei, aber gar nicht so krass – da gibt es ja ganz andere Leute, Ani DiFranco oder so!

Mara: Ja, wir sind relativ poetisch geblieben, auch in der politischen Diskussion.

David: Es ist vielleicht mal der Versuch gewesen, dass das ein bisschen mehr ist, aber das ist halt auch nur ein Song! Es ist ja sowieso alles Politik, was man macht, aber so ein Song ist eben trotzdem noch Poesie.

Mara: Und ich finde ihn auch nicht gutmenschelnd.

David: Nee, gar nicht!

Find ich auch nicht. Heißt das, Kritik berührt euch gar nicht, wenn sie offensichtlich danebenliegt?

Mara: Naja, erstmal ist man natürlich trotzdem so ein kleines bisschen gekränkt.

David: Ich hab mich schon dran gewöhnt. Wie gesagt, beim Vorgängeralbum gab es mehr von wirklich harter Kritik.

Mara: Ja, das war mehr gespalten. Und jetzt hab‘ ich das Gefühl, das Gros der Meinungen ist uns wohlgesonnen – wobei ich auch schon ein paar andere Rezensionen gesehen habe, wo definitiv nichts Schmeichelhaftes drinstand, zum Beispiel, ich sollte doch lieber Deutsch schreiben, dann müsste ich im Englischen nicht so viele einfache Worte benutzen …

Oh, das ist wirklich ziemlich gemein!

David: Das hast du ja noch gar nicht erzählt!

Und wie gehst du damit um, wenn du so etwas liest?

Mara: Das ist natürlich schon ein bisschen schwierig. Man muss erst einmal gucken, wie man dazu steht. Ich hab‘ da schon drüber nachgedacht. Aber dann hab‘ ich mir wiederum überlegt, dass ich meine Songs vor der Veröffentlichung auch einigen Native Speakern gezeigt habe, die sie auch für gut befunden haben. Ich schäme mich eigentlich nicht für mein Englisch und finde auch nicht, dass ich nur einfache Worte verwende. Ich bin zufrieden mit den Texten, ich mag das Album sehr.

Du überprüfst Kritik also sogar darauf, ob sie einen wahren Kern haben könnte.

Mara: Ja.

Mara&David

Anderes Thema: Als ich für dieses Interview recherchiert habe, bin ich im Zusammenhang mit eurem Debüt Sixteen Secrets darauf gestoßen, dass ihr eure Musik als „acoustic passion“ versteht …

David: Ach, um Gottes willen!

(kollektives Aufheulen)

Moment, das war noch nicht die Frage! Die ist: Was macht für euch die Faszination akustischer Musik aus, weshalb sollte man sie im von elektronischer Musik dominierten Zeitalter hören?

David: Na, sie ist einfach phantastisch! Ich finde es total geil, akustische Gitarre und Gesang – diese Luft, die dazwischen ist, und diese Freiräume … Das ist auch ein schönes Gegengewicht zu der Zeit, und dabei sind wir trotzdem so nah dran, denn ich verwende die Gitarre so hart, dass die Bässe aufgedreht sind. Ich biedere mich der Zeit mit meinem Gitarrensound also trotzdem an. Und Maras Texte auch …

(widersprüchliches Gemurmel von Mara)

… dazu kann sie ja gleich selber noch was sagen, aber ich finde vor allem, dass diese Luft und dieses Akustische und dieses Puristische, ich finde es total schön, dass wir da auf wenig Effekthascherei setzen. Ich würde so eine Musik auch selber gern hören. Einfach so als Ausgleich zu diesem anderen druckvollen, komprimierten, heftigen Zeug. Ich meine, wir komprimieren unsere Songs ja auch, aber mit Augenmaß!

Luft auch im Sinne von Raum?

Mara: Ja.

David: Ja. Also auch Zwischenraum, aber auch Raum, der beim Spielen entsteht – und aber auch einfach Stille. Mehr Stille. Nicht alle Frequenzen sind abgedeckt.

Um die Hörer auch wieder vermehrt zum Zuhören zu zwingen?

David: Zwingen wollen wir die Hörer nicht!

Mara: Naja, aber es stimmt schon. Zwingen nicht direkt … aber es erschließt sich Vieles ja auch nur, wenn man wirklich zuhört. Es ist ja keine Musik, die man einfach so laufen lassen kann, weil sie so voll ist und einen einfach so irgendwohin mitnimmt. Man muss schon ein bisschen drauf zugehen, hab ich den Eindruck.

David: Den Eindruck hab ich auch.

Mara: Ich glaube aber auch, dass das mit dem akustischen Sound und so einfach etwas ist, was uns gefällt und was wir können. Ich hab‘ das Gefühl, wir brauchen da nicht viel anderes, aber trotzdem hab‘ ich nicht den Eindruck, dass jetzt diese Musik auch 1960 schon hätte entstehen können. Ich finde, man hört doch irgendwie den Einfluss von heute.

Es geht hier also nicht um den zeitlosen Aspekt von Stimme und Gitarre …

David: Der spielt da sicher mit rein …

Mara: Doch, schon, wir versuchen schon irgendwie zeitlos zu sein. Aber gleichzeitig leben wir ja auch in dieser Welt und finden das auch gut so!

David: Ich finde, es ist eine relativ nackte Art, dieses Gesang-Gitarre. Und das gefällt mir gut. Ich komme da schneller in ein Gefühl rein, weil die Stimme so nackt ist, die wird nicht von einem Kontrabass oder so getragen. Es ist auch ein bisschen schwierig, damit jetzt erfolgreich zu sein, weil es eben der gängigen Frequenzabdeckung zuwiderläuft, auf die das Gehör schon abgerichtet, schon konditioniert ist. Der entspricht das eben nicht.

Mit dieser, wie du sagst: Nacktheit, macht man sich dann aber auch extrem verletzlich … Wenn ich mich jetzt ins Studio stelle und auf irgend so einen krassen Monsterbeat singe, zeige ich mich ja auch viel weniger!

Mara: Ja. Aber trotzdem. Gerade deshalb!

David: Das Verletzliche geht auch irgendwie weg, wenn man zu zweit ist, weil man ja mit sich schon eine Einheit bildet und dadurch auch sehr verletzlich spielen kann, aber man ist in dem Moment aufgehoben und warm.

Mara: Und die Verletzlichkeit ist ja auch ein Schatz. Damit, dass man von sich selbst so etwas Verletzliches nach außen trägt, gibt man dem Hörer ja auch die Chance, sich zu öffnen.

David: Ja, das finde ich auch. Wir sehen das als kleine Schatzkiste an und nicht als fettes Projekt, was jetzt in allen Charts oder auf allen Radiostationen in einer Super-Schleife, in der Heavy Rotation, läuft, ist ja klar. Und das ist aber auch schön, das ist was Gutes!

Machen wir einen Themensprung. Mir brennt da noch eine Frage unter den Nägeln, die sich bei einem Duo automatisch aufdrängt – und nein, keine Angst, es ist nicht die „Seid ihr eigentlich auch privat ein Paar?“-Frage …

(großes Gelächter)

… Vielmehr will ich wissen: Gab es irgendwann so eine Art Mara&David-Schlüsselmoment für euch, den ihr ganz klar benennen könnt, wo völlig klar war, das ist es jetzt, wir bleiben zusammen?

David: Es gab viele kleine Schlüsselmomente, der eine große fällt mir jetzt nicht … dir?

Mara: Doch, ich muss spontan sagen, bei mir war das eigentlich schon so, als wir das erste Mal geprobt haben und als wir diesen Song geschrieben haben, der war irgendwie noch so total unfertig und komisch und roh, aber irgendwie habe ich da gewusst: Okay, das will ich weitermachen, diesen Gitarristen will ich mir warmhalten. (lacht) Den muss ich bezirzen, dass das was Richtiges wird!

David: Klar, da war von Anfang an Magie drin, aber …

Mara: Oder als wir „Masquerade“ geschrieben haben! Weißt du das noch?

David: Ja, eben! Das wollte ich auch sagen: Bei jedem Song, den wir geschrieben haben, gab es eigentlich so einen magischen Moment! „Weeping Clown“ – total magischer Moment …

Mara: Ja, krass!

David: … oder „What Is There“ von der neuen CD, ein magischer Moment, der plötzlich im Raum war – das ist halt einfach dieses Kreative, was einen zusammenschweißt! Das Songschreiben. Das ist das Elementare an unserem Duo.

Wie muss ich mir das denn vorstellen, wenn ihr zusammen Songs schreibt? Mara, du schreibst die Texte allein. Sind die dann erstmal als eine Art Gedicht fertig und David vertont den fertigen Text oder wie sieht das aus?

Mara: Nee, so überhaupt nicht. Es ist eher so … Manchmal hab ich irgendwie schon eine Textidee, aber das ist eher selten. Meistens improvisieren wir so vor uns hin … und alles ist blöd … und wir denken nur, Gott, wir sind total unkreativ, nichts geht mehr, die Magie ist weg …

David: Alles ist doof, wir wälzen uns im heißen Sommer auf dem Teppichboden …

Mara: … schließen uns ein, trinken Kaffee …

David: … und bauen einfach immer wieder an dieser einen Idee rum, das ist schlimm, das dauert Tage! Ein Zustand der völligen Lethargie, nichts geschieht – und dann kommt eben dieser Moment …

Mara: … dabei machen wir zwischendrin immer wieder „Pep-Talk“, so nach dem Motto, naja, es ist ja normal, drei Tage muss man sich quälen, und dann …

David: Dabei ist das gar nicht immer so! Manchmal ist es auch richtig fies, dann geht es sogar sechs Tage so!

Mara: Manchmal geht es auch schneller. Ab und zu hat man mal Glück und es zündet direkt – aber das ist selten.

Ihr sitzt also nicht mit einem vorgefertigen Konzept da, nach dem Motto, wir möchten jetzt einen Song über das Thema xy schreiben …

Mara: Nee, überhaupt nicht!

David: Null!

Mara: Sehr intuitiv …

David: Bauchgefühl regiert! Aber nicht beim Song-Machen, da überlegen wir schon genau.

Mara: Nur beim Schreiben! Sobald der Song fertig ist, wird er sehr bewusst …

David: … arrangiert.

Es ging mir ja auch darum, wie eure Songs überhaupt entstehen. Wenn Mara aber die Texte quasi in Eigenverantwortung schreibt, mischt du dich, David, da auch mal ein und sagst, sorry, diese Zeile hier geht gar nicht? Hast du da eine Art Vetorecht oder hältst du dich da total raus?

David: Ich habe absolut ein Vetorecht und hab auch schon zwei-, dreimal gesagt, hey Mara, also diese Zeile ist jetzt doof.

Mara: Das macht er vor allem, wenn ich anfange, von irgendwelchen Fabelwesen zu schreiben …

David (lacht): Das geht immer schief! Wir haben ein paar Songanfänge von Fabelwesen, und die sind immer für die Tonne!

Mara: Oder irgendwelche komischen Tiere …

David: Also, wenn schon irgendwas mit so’nem Viech kommt …

Mara: Wobei, Tiere gehen ja noch, das geht manchmal klar …

David: Stimmt, Möwen und so … aber Fabelwesen – da ist der Ofen aus! Das haben wir aufgegeben.

Und du hörst dann auch auf David?

Mara: Klar. Gestritten haben wir uns da eigentlich noch nie. Ich finde ja auch oft Sachen, die er spielt, doof …

(wieder großes Gelächter)

Mara: … aber ich weiß mittlerweile schon, dass ich dann ein bisschen warten muss und es dann meistens wird! Was allerdings blöd ist, ist oft, dass gerade die Teile, die mir am besten gefallen, irgendwie rausfallen, weil sie dann nicht mehr passen. Das passiert häufiger. Manchmal kann man daraus aber einen neuen Song machen!

Oder die B-Sides, für später!

David: Es gibt eigentlich gar nicht so viele B-Sides, weil wir dieses System entwickelt haben, dass wir immer bis zum Ende schreiben …

Mara: Ich meinte jetzt auch eher so bei ’nem Song, wenn man dann noch so ein Teil übrig hat … So wie dieser schöne Anfang, der nach „Winter Sky“ kommen sollte und wo du jetzt einen eigenen Solo-Song draus gemacht hast …

David: Ja, also, ich verwurste das dann auch manchmal solo, das Zeug! (lacht)

Auf die Solo- bzw. Nebenprojekte will ich in meiner nächsten Frage, die dann auch die letzte sein wird, noch einmal zurückkommen. Jetzt möchte ich aber erst einmal noch bei euren Songs bleiben. Euer letztes Album bestand ausschließlich aus Eigenkompositionen. Auf eurem Debüt gab es schon mal ein Ani DiFranco-Cover und eins von den Smashing Pumpkins. Call It Freedom wartet auch mit zwei Coverversionen auf, einmal von Portisheads Glory Box und einmal von Fleetwood Macs Little Lies. Welche besondere Verbindung habt ihr zu diesen Songs, dass sie es auf eure Platte geschafft haben?

David: Fleetwood Mac habe ich halt als Kind rauf und runter gehört, also, gerade diesen Song …

Mara: Ja, das war definitiv dein Vorschlag, ich kannte den gar nicht so gut, nur so aus dem Radio. Aber irgendwie dann – mochte ich ihn auch.

David: Ich hatte schon als Kind gedacht, dass ich ihn irgendwann mal covern will. Intuition. „Glory Box“ hingegen – ich weiß noch, ich habe ein YouTube-Video gesehen, wo Beth Gibbons das live gesungen hat, und ich dachte nur, ey, das passt wahnsinnig gut zu Mara! Das fand ich cool.

Die beiden Cover-Geschichten waren also beides deine Ideen …

David: Bei Glory Box weiß ich nicht mehr so genau. …

Mara: Bei Glory Box bin ich mir auch nicht mehr so sicher. Zu dem Song habe ich schon auch eine Beziehung, den habe ich auch in so einer bestimmten Phase in meiner komischen ersten WG in Berlin recht viel gehört und mochte so dieses Verruchte! Aber wer genau den jetzt vorgeschlagen hat, kann sein, dass du es warst.

David: Ich weiß nur noch, wie ich vor diesem Video saß! Wir haben übrigens auch andere Sachen gecovert, die nicht auf dem Album sind. Dafür haben wir die zwei genommen, von denen wir dachten, sie passen am besten rein. John Lennon oder Nirwana haben wir nicht mit aufs Album genommen, obwohl die live manchmal sogar stärker sind, Sachen eben, die man von früher als Kind oder Jugendlicher kennt, mit denen wir aufgewachsen sind.

Wir haben es vorhin schon mal angesprochen: Ich weiß, dass ihr neben dem Duo auch noch Solo- bzw. Nebenprojekte macht und Lehraufträge habt – gibt es auch noch ein Leben jenseits der Musik für euch?

Mara: Ich lauf ja Marathon jenseits der Musik. Das ist dann für mich auch mein Leben.

David: Es ist schon viel Musik bei mir. Ich treff‘ auch gerne Freunde oder bin mit meiner Freundin zusammen, aber ansonsten … Das Private ist eben privat.

Mara: In Dresden haben wir uns viel mehr eingeschlossen, aber seit ich in Berlin bin, habe ich ein bisschen mehr verstanden, dass auch zu der Musik dazugehört, dass man sich auch anderen Musikern und anderen Leuten mehr öffnet.

Du meinst, es tut dann auch der Kunst wieder gut, wenn man außerkünstlerischen Aktivitäten nachgeht?

Mara: Ja, irgendwoher muss man ja auch wieder seine Inspiration nehmen – man hat ja nicht immer so starke Gefühle aus sich selbst heraus!

David: Und selbst wenn, dann würde es ja immer nur klingen wie etwas aus sich selbst heraus, das man nach außen lenkt …

Mara: Ja, irgendwann ist auch genug mit Herzschmerz!

David: Wobei das natürlich immer ein Thema ist …

1.0_M&D_Cover

Call It Freedom ist am 30. August auf Ozella Songways erschienen. Klangblog-Leser können ein Exemplar gewinnen – einfach eine Mail an an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben. Viel Glück!

17. September 2013

There is no possible way of faking a feeling. Thomas Dybdahl im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 12:11

Der norwegische Musiker Thomas Dybdahl gilt hierzulande immer noch als Geheimtipp, obgleich er auf eine umfangreiche Diskographie zurückblickt – und das nicht nur solo: Mal leiht er seine Stimme den Downbeat-Pionieren von Morcheeba, mal hilft er als Gitarrist bei den Quadraphonics aus, und bei der Supergroup National Bank mischt er auch noch mit. Vor gut zwei Jahren schickte Dybdahl sich an, mit einer schlicht Songs getauften Kompilation seiner bisherigen Stücke auch die Musikliebhaber jenseits von Skandinavien zu erobern. Diesen Feldzug setzt er nun mit seinem neuen Album What’s Left Is Forever fort – seinem ersten international bei einem großen Label veröffentlichten Soloalbum.

Und gleich mit dem Titeltrack gelingt es dem sensiblen Künstler, der sich aufgrund seines fragil-introvertierten Vokal-Stils schon mal Vergleiche mit Nick Drake, James Blake & Co. gefallen lassen muss, das Befinden einer ganzen Generation auf den Punkt zu bringen. Die Quarter-Life-Crisis weit hinter sich, die Midlife-Crisis noch längst nicht in Sicht, sei es recht eigentlich die Zeit zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Lebensjahr, in der das eigene Leben mehr als sonst auf dem Prüfstand steht: Bin ich froh damit, was ich bis jetzt erreicht habe? Waren die Entscheidungen, die ich getroffen habe, richtig? Mag ich die Dinge, mit denen ich mich umgebe, tun mir die Menschen in meinem Umfeld gut? Denn jetzt ist auch die – vielleicht letzte – Chance zur radikalen Kurskorrektur. Was danach übrig bleibt, ist für den Rest des Lebens gemacht: What’s left ist forever.

Anfang September hat mir Thomas Dybdahl aber nicht nur verraten, was es mit dem Titelsong seiner neuen Platte auf sich hat, sondern auch, warum er keinen Sinn darin sieht, dem großen Reigen der aktuellen Alben, die das Repertoire von Great American Songbook & Co. beinhalten, eine weitere hinzuzufügen, und weshalb er sich in erster Linie immer noch als Gitarrist und nicht als Sänger betrachtet. Ich wünsche beim Lesen dieses Interviews viel Freude!

Thomas-Dybdahl5

Klangverführer: Alright then, let’s talk about your new album …

Thomas Dybdahl: Uh, let’s talk about something else! (laughs)

Okay! What about dogs?

Yeah, let’s do an interview about dogs!

Do you have a dog?

I do not.

Well, I’m afraid in this case we better talk about your album. Let’s start with a rather philosophical question. Your new album is called What’s Left Is Forever. Tell me, what is it that will remain forever when we’re gone, according to your opinion?

I was thinking of it more sort of … you know, I feel I have to make a few choices regarding sort of the rest of my life, sort of my goals: What kind of things my life brings and is there anything in my life that I don’t wanna continue doing or having or seeing, because I feel it’s sort of life’s crossrads time, in the sense that I’m thirty-four years old, so I’m not old – but I’m not young, either. It’s sort of an in-between age. I feel that there were some choices I had to make in order to feel that I’m spending my time on the things I wanna spend my time on. I think when you get older it’s just natural to feel that time is a little bit different, you know, a little bit more precious, you wanna fill it with stuff that gives you a meaning. That whole title is just basically a sort of hope that I’ve done the right choices. I feel that what I have now in my life is what I will have, going forward, and it’ll stay that way. Because I like my life like it is right now, I like the choices that I made … some choices I regret, obviously, but I am all the things that make up my life rigth now and I’m really happy about it. And also, it’s just a variation of that other title which has been used so many times, When the dust settles. That sort of thing. What do you see after a big fight. Yeah, that’s it!

Rising like Phoenix from the ashes …

(laughs) My new life! Life 2.0!

Your previous album Songs was more or less a selection of your previously released music. So What’s Left Is Forever is your first original album that will be released outside of Scandinavia, your first international solo album, so to say …

Well, I think the three first albums were released but they were all on really small labels – but they were out there, you know. But it’s the first in a while.

What I was getting at is: What went into this album that is different from Songs and what kind of opportunities are you looking forward to by the release?

To be honest, I’m really really really just hoping to get an audience in parts of the world where I haven’t had it before, for example in Germany. I mean, I’ve had an audience in Germany, in the sense that I could go on tour and I could play in clubs and have lots of people coming, but it limits itself to playing in four or five places and that’s it. But Germany is such a big country, there is more audience to meet. So I’m just really really hoping to meet a bigger audience because I think I’ve got something now with this album that I’m really hopeful about people – if they just get a chance to listen to it, I think they can like it! -, which is a good feeling. So yeah, I’m just hoping to really meet a new audience and to kinda get a new group of people to give it a chance, to give it a listen.

And it’s the first album in a little while that I’ve done with these kind of songs, very clear cut songs. It’s a pretty straight album, I think as well, in comparison to what I’ve done before. I’ve done more like music for films and scores and stuff like that, so I’ve been working with lots of different things and it was great to go back to that format of writing songs again because it’s such a great tradition. The four-minute-pop-song is such a simple little thing but it’s so hard to get the right ingrediences in there, to not overload it, to not make it too difficult or whatever.

And I worked with a great producer called Larry Klein who’s done a lot of cool stuff, you know, he’s done Joni Mitchell, he’s done Herbie Hancock, he’s done Tracy Chapman … a lot of stuff that I’ve listened to, you know. And it was a good thing cuz I had to let go a little bit, I had to let go a little bit control – cuz if I was working with a producer, there was no point in doing it half-way, so I sort of had to trust him!

Does that mean that your albums which you have released before were self-produced?

Yes.

So it’s the first time you’re working with a producer. Tell me, how did this cooperation come about?

Like all other things – it was just a long series of coincidences that sort of suddenly materialized into this. He’s gotten the song from a friend of his almost four years ago, a song called Love Story which is on a different record that I made. And that friend has gotten it through another friend, a French photographer called Jean Baptiste Mondino, so this song sort of passed through a whole chain of friends and ended up on Larrys desk in Los Angeles. Initially, he didn’t really know what to do with it – but he loved it. But then he got the chance to start his own little label under Universal, a label called Strange Cargo. When they set up this little label for him, they said: Go and work with the people you wanna work with and release the records that you wanna release – and the first thing that came into his mind was the song that he’s been keeping on his desk for a long time and he thought like, yes, there’s finally an opening to do something with it. So he called me and then came to Norway and saw a show and it was it! And then we started working.

So you’ve been the first signing of Strange Cargo?

Yeah, I think maybe I was!

Wow. How does that feel if somebody from Los Angeles calles you and tells you he wants to sign you for his label which is under the roof of Universal Music?

I’m glad you said the latter cuz sometimes you get called from labels that … you know, anyone can have a label! I can start a label and call someone! It doesn’t mean it’s a good thing. But this was serious, so it was great. It feels very coincidental, sometimes, because you know there are so many odd twists and turns before it turns out the way it turns out.

Maybe it’s some sort of destiniy, who knows … Well, let’s talk about the individual songs on the new record. Love Is Here To Stay sounds a bit like Prince-goes-Curtis-Mayfield to my ears … How much is your vocal style influenced by Classic Soul, how much by Contemporary R&B?

Well, I was raised on Prince. I have two older brothers who were massively into Prince, so I started listening to Prince when I was very young, maybe by the age of seven. So Prince has always been a part of my musical life. And then I always gravitated towards great Soul singers, and for me one of the greatest albums of the Two-Thousands is Voodoo by D’Angelo which is such a massively cool record!

I love his debut Brown Sugar

Yeah, that’s great, too, but …

… you are into Voodoo!

Yeah. So Soul singers have always appealed to me, I like the way they can sort of … even if there’s a full blaring band and a big production behind it, they can go on top of that, sort of very carelessly flow on top of it, they don’t barge to it. I have one of those voices whereas I try to make it big it becomes small. So I think it’s richer when I just hold back. And that’s just because of what I’ve been listening to, I think.

Like finding your own style through imitating other’s styles at first?

It might be. You know, everything else is very conscious in how I do it and what I wanna sound like and all these things, but vocals … it’s a weird part in the whole creation because there is no possible way of faking it, faking a feeling. So it’s sort of it either works – or it doesn’t. And basically a singer would do anything to make it work. To make it fit right so that it sort of feels like it’s part of the music and not that it’s glued on or anything like that. So right from the start we talked about doing big lush productions that then put in the vocals just right on top of it, like this little delicate thing, very careful, and we were trying consciously to do it in this way.

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We have just talked about incorporating influences from Soul. What further influences can you name, who else helped you shape your voice and your sound in general?

Obviously a million different things, but there is no way I can get past without saying it’s some of the great songwriters like Bob Dylan, Neil Young, Tim Buckley, Jimmy Webb, Paul Simon – all these classical songwriters that shaped the Sixties and Seventies in such a way that they did. But then, also more classic stuff like Serge Gainsbourg who is really a big influence. I like the way he’s … sometimes you might have a melody, but rather as a guidline and then you can sort of meander around it, you can wander around that a little bit. So he’s a big influence on that kind of thing. And then, there’s other stuff, like Milton Nascimento, and also newer bands, of course, like Beach House, Dirty Projectors, White Denim … All bands that kind of mix new sounds with the old way of thinking melody. It’s like a little puzzle there with old pieces and new pieces and I really like some of the stuff that they’ve bee doing. Sometimes it sounds quite normal but there’s a little glitch in the matrix, little things that make you go like: What? What’s just happened? I like the subtle things that people do sometimes when they take something and they flip it just a little bit, you know, it’s not massive but it’s a little thing.

Yeah, but these are the things that make music interesting and engaging! Well, we’ve been talking about the Soul-influenced Love Is Here To Stay. On the other hand, there are songs like Easy Tiger which I would describe as rather folky. How would you best describe your kind of music? Soulful Singer/Songwriter? Folkgroove? I think MTV used to call it „Widescreen Folk“ or even „after-hours folk“ …

I have no idea! First of all, I would think it’s pop music. And then it’s … it’s in a singer/songwriter tradition but I try to have elements what some people would call „Art Folk“ – like Folk influences but with a little bit of a twist in there. I try to make sure that all of the time the arrangements are interesting, and even when they are very straight forward we try to add another dimension to it, even though it’s subtle things. I like to think that we are constantly trying to make sure that the arrangements are rich and that they’re layered, so you can listen to them a lot of times and maybe find something new each time. Maybe there’s some pattern there that you didn’t listen to the first times and maybe you get it the third time … All these things just to make it interesting, I think.

Yeah, that exactly meets my listening experience. Well, if I heard it right, you started your musical career as the guitar player of the Quadraphonics – and guitar parts still seem to play an important part in your music. Do you feel rather like a singing guitar player or like a guitar playing singer?

I feel like a singing guitar player as the guitar has always been my thing and I still consider myself as a guitar player. Guitars on this record were such a big part of the whole thing cuz we did the record with the band. We did the core takes, you know, and I had a great guitar player with me for that, a guitar player called Dean Parks. But then, after that, after those six days that we had in the studio with the band, we moved the production to a smaller studio where we did all the stuff that would turn out to be the detail work, you know, all that interesting little touches to the production and to the arrangements, and for that we kind of created this role of this sort of „lazy guitar player“ who’s sort of doing his thing but without really following the rest of the band too much. Because we needed this not to be … like, very rigid and stale, we needed some of the elements to be almost sort of this buzzing electron that was going around and sort of not caring too much about the frame. So we kind of created this role of this guitar player that would go in and not give a fuck about the rest of the song but just play! And we would play maybe five or six takes of that, playing around the most whatever came into my mind … and we would go through those takes afterwards and we would pick out the little things that we liked. But I had to detach from it because sometimes you just get so obsessed about following everything, and it was such a great thing to be able to just sit there and just play. I think that really helped to loosen things up a little bit for my own part of it.

Let’s stick with the Quaadraphonics for two more questions. The sound of the band can be described as Jazz-inspired. Does Jazz as a genre still play some sort of role in your current work?

No, not really. Maybe the improvisational thing has something to do with Jazz. But other than that … it’s not something that I listen to. I mean, I listen to the classic stuff but traditional Jazz right now is something that I don’t get a kick out of. Because I sort of feel like there is no point in doing it because it’s been done, you know? So I just don’t get a kick out of it. But what I do get a kick out of is people who take it just so many steps further.

So you don’t really see a deeper sense in recording the repertoire of the Great American Songbook like it became again so popular lately?

I don’t get a kick out of it, though. But people are different, people are very different.

That’s for sure. The term „Quadraphonic sound“ also refers to what we now call 4.0 surround sound: using four channels in wich speakers are positioned at the four corners of the listening space while the reproduced signals are independent from one another. Does the audiophile aspect of music play a role for you?

Yeah, obviously it does! But more in terms of … I’m not that into gear, into equipment, but I’m very into production. To make sure that you utilze every aspect of what you would call almost a one hundred and eighty degree sound vision. For me, production is where things really really come alive and get interesting and where you can add that little dimension that I really like. So in that sense – I’m not an audiophile, but it has to sound just like the thing you want to get on tape, I think. Which is very hard because there are so many coincidences in recording – but once you get that thing you were envisioning – that’s a great feeling. So as far as being an audiophile: Not on the technical side of things, but more on the emotional side.

Thomas Dybdahl_What's Left Is Forever CD cover

What’s Left Is Forever wurde am 13. September 2013 auf Strange Cargo/ Universal veröffentlicht. Die deutsche Version des Interviews und die Rezension des Albums finden Sie bald auch auf fairaudio. Eine Kurzrezension von mir ist bereits bei Jazz thing erschienen.

5. September 2013

Berlin Music Week – auf der Suche nach der verlorenen Nestwärme oder: Wer Dinge bewegt, ist woanders

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 16:12

Das also ist die Berlin Music Week, wobei „Week“ mit einem Zeitfenster vom 4. bis 8. September wohl deutlich zu hoch gegriffen scheint. Berlin und Music dagegen passt, auch wenn ich so ziemlich sicher bin, dass es hier nicht darum geht, die vitale Musikszene der Hauptstadt abzubilden. Aber der Reihe nach.

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Die gute Nachricht: Es ist nicht ganz so schlimm, wie das letztjährige Desaster und die konfuse Vorstellung des diesjährigen Konzepts befürchten ließen. Die Berlin Music Week ist auf dem richtigen Weg. Der indessen ist, und das ist die schlechte Nachricht, noch weit. Sehr weit.

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Ja, das hier ist wirklich alles, womit die BMW an Ausstellern aufwartet

Ob es wirklich eine gute Idee ist, den Schwerpunkt auf die unter der Überschrift Word! zusammengefassten Fachvorträge/Podiumsdiskussionen sowie individuell zu vereinbarende Matchmaking-Sessions zu legen, sei dahingestellt. Darunter leidet der eigentliche Markt (immerhin Kernstück einer jeden Messe), der sich dann auch einigermaßen übersichtlich präsentiert, irgendwo im ersten Stock des Postbahnhofes. Wenn man ihn denn findet.

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Machen in Vinyl: disc partner

Da gibt es zum einen die üblichen Verdächtigen wie Vinyl- und Package-Produzenten. Die machen zweifelsfrei einen guten Job. Wer sich allerdings auf der Messe gerade nach einem Hersteller für seine nächste Verpackung umguckt … Ich weiß nicht. Mehr Sinn macht da schon der recht neue Ansatz einzelner Künstler, die als Marketingsmensch in eigener Sache einen Stand betreiben, wie etwa die argentinische Pianistin Cecilia Pillado, die ihr neues Album My Piazolla an den Mann bzw. die Frau bringen möchte – allerdings mit Flyern, ohne CDs. Das ist nicht nur für potenzielle Booker schwierig, sondern vor allem auch für einsam durch die Gänge streifende Musikkritiker. Andere Labels haben wenigstens Listening-Stationen aufgebaut.

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Cecilia Pillado

Konsequent verfolgt das Konzept der Verweigerung auch ein Berliner Label- und Verlagsbetreiber, der wie immer, wenn ich ihn treffe, mit zuverlässig schlechter Laune, Maulfaulheit und Desinteresse, als zwänge ihn jemand zum Hiersein, glänzt und lieber telefoniert, anstatt mit einem potenziellen Multiplikator seiner Produkte zu reden bzw. nach wenigen Augenblicken das Gespräch durch demonstratives Abwenden als beendet ansieht. Das ist umso bedauernswerter, als dass seine Produkte wirklich mit Herzblut gemacht und einfach schön sind. Doch leider können die nicht – und damit auch nicht für sich – sprechen. Schade, dann eben nicht.

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Im Vergleich zum letzten Jahr überraschend gut besucht hingegen sind die Panels. Klar geht es auch wieder um Clouds und Streaming und E-Ticketing, aber auch verdammt spannende Themen, die nicht unbedingt alltäglich sind, haben ihren Weg auf den Konferenzplan gefunden. Auch derjenige, der selbstreferenziell im eigenen Saft schmoren möchte, wird da fündig. Ich beispielsweise mit „Daft Punk, Jai Paul and the Death of Music Journalism“.

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Muss damit arbeiten, was er hat: Pressecounter

Irritierend wiederum ist die Pressearbeit, denn es gibt keine Pressemappen. Zumindest der Mensch am Pressebetreuungscounter hatte keine und von deren Existenz auch nicht gehört. Ganz schlecht organisiert ist die Verpflegung: Im Garten eine halbe Stunde für eine Folienkartoffel – die einzige Alternative für Vegetarier am Grill – anstehen? Kalte Getränke nicht im Garten, nur versteckt im ersten Stock? Da lobt man sich den feuerroten Mini-Catering-Bus, der vor der Messe Station gemacht hat – leider aber die Auflage bekam, keine kalten Getränke auszugeben. Gewollt hätte die wahnsinnig nette Busbetreiberin schon, gedurft hat sie nicht. Lediglich Kaffee und Kuchen gibt es hier. Angesichts des Verpflegungsnotstandes verwundert es wohl kaum, dass das wirkliche Matchmaking dann auch außerhalb des Postbahnhofsgeländes stattfindet. Eines meiner nettesten Meet&Greet-Gespräche hatte ich weitab vom Schuss am Hackeschen Markt geführt – und nicht wenige Kollegen folgen diesem Beispiel.

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Lebensretter Koffein! Aber bei knapp dreißig Grad hätte man sich auch Kaltgetränke gewünscht

Fazit: Zwar habe ich den Eindruck, dass man sich diesjahr nicht mehr so sehr selbst bedauert wie noch die Jahre zuvor, dennoch scheint die Berlin Music Week auch 2013 vor allem die Schwarzmaler der Branche anzuziehen, die ein bisschen Seelentrost bei ihresgleichen – ergo: die verlorene Nestwärme – suchen. Oder, wie einer meiner Meet&Greet-Kontakte so fein formulierte: „Die Berlin Music Week ist ein Hort für jene, die jammern. Wer wirklich etwas auf die Beine stellt, den findet man dort nicht.“

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Berlin, da geht noch was!

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Und hier noch ein paar Impressionen:

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18. August 2013

Mach’s gut, Lina Liebhund!

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 22:22

Heute trauern wir um Lina. Nur ein Jahr und einen Monat, nachdem ich sie adoptiert habe, wurde sie sehr, sehr krank. Anderthalb Wochen später ist sie verstorben. Jetzt habe ich keinen Liebhund mehr. Du bist das Beste, was mir je passiert ist, meine Süße! Ich bin so froh, dass ich dich kennenlernen durfte.

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14. August 2013

Bach ist immer dabei. Der Bassist Frank Herzberg im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 19:24

Es war der Tag, an dem ich herausfand, dass mein bevorzugtes Erfrischungsgetränk, welches ich nahezu jeden Morgen im Supermarkt meines Vertrauens erwarb, gar nicht „Bio Mate“ hieß, sondern „Rio Mate“. Ein geschickter Graphiker hatte mich auf die falsche Spur gelockt. Okay, seien wir ehrlich: Ich hatte in meiner allmorgendlichen Trance die auf die Packung gedruckte Brasilien-Fahne bislang schlichtweg übersehen. Vielleicht wollte ich im Grunde meines Herzens ja auch lieber an das Etikett „bio“ glauben.

Riomate

Wie dem auch sei, dieser ansonsten recht unspektakuläre, eher grau-kalte Junidonnerstag versprach indessen auch weiterhin unter brasilianischer Flagge zu stehen, war ich am Abend doch mit dem seit sechzehn Jahren in Brasilien lebenden Kontrabassisten Frank Herzberg zum Interview verabredet. Und da dies nun wirklich nicht alle Tage passiert, habe ich hier hellwach ganz genau zugehört – nicht nur Herzbergs Album Handmade, welches bislang nur als Import zu haben war und diesen Sommer nun auch endlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz erschienen ist, sondern vor allem dem, was er zu erzählen hatte.

Ein Gespräch über das musikalische Aufwachsen in der DDR, brasilianische Musikexporte und natürlich jenen 1685 in Eisenach geborenen Deutschen, an dessen Kontrapunkt bis heute keiner seiner musizierenden Landsmänner vorbeikommt, denn schließlich habe man, so Herzberg, in der Musik ebenso wie im gesprochenen Wort, immer einen von der Muttersprache maßgeblich geprägten Akzent. Nicht zuletzt sprechen wir darüber, weshalb sich Jazz nicht wiederholen lässt, kurz: über die Magie der ersten Aufnahme, die einem Stück seinen entscheidenden kreativen Kern einzupflanzen vermag, sowie über ein gutes Ende, das alles offenlässt. Viel Freude damit!

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Frank Herzberg Trio: Alexandre Zamith (Piano/Rhodes), Frank Herzberg (Acoustic Bass), Zé Eduardo Nazário (Drums)

Klangverführer: Dein Debütalbum heißt Handmade. Glaubst du, dass die Menschen nach all den Jahren der Vorherrschaft elektronischer Musik wieder das Handgemachte suchen? Ist das Prädikat „handgemacht“ eine Art Qualitätssigel?

Frank Herzberg: Für mich persönlich war es immer so, dass akustische Musik viel länger lebt. Wenn ich mir Produktionen anhöre, wo Synthesizer benutzt werden, dann kann man die immer ganz genau einer Ära zuordnen, also beispielsweise Achtzigerjahre oder Neunzigerjahre, je nachdem, welche Sounds genommen wurden. Damit kann man sicherlich auch sehr gute Sachen machen, aber wirklich zu improvisieren, auf solchen Instrumenten, die man nicht verstärken muss, das finde ich einfach viel interessanter.

Das heißt, es ist dir auch um eine gewisse Zeitlosigkeit zu tun …

Genau.

Ich hab‘ es ja in meiner ersten Frage schon angesprochen: Handmade ist dein Debüt, obwohl du schon jahrelang Musik machst. Wie kommt man zu einem Debüt mit sechsundvierzig?

Das ist ganz komisch: Ich hab‘ den Charlie Haden in Boston getroffen, der da auch Bass gespielt hat, und er fragte mich schon damals, ob ich eine CD aufgenommen hätte. Aber es gibt so viele Leute, die gute CDs aufnehmen – und manchmal braucht man das nicht. (lacht) Ich habe lange gebraucht, bis ich wirklich Musiker gefunden habe, wo ich dann gesagt habe, hier lohnt es sich wirklich, das mal aufzunehmen, weil es etwas ist, das man vielleicht so noch nicht gehört hat. Auch wegen der Kompositionen, die unsere sind, aber vor allem wegen der Chemie, die wir haben – gerade, wenn wir live spielen, ist die schon etwas ganz Besonderes!

Diese Triobesetzung ist also die erste, die es dir wert war, auch auf CD gebannt zu werden …

Genau! Ich meine, ich habe als Musiker auf weit mehr als hundert CDs mitgespielt, aber wenn man dann wirklich anfängt, ein eigenes Projekt zu machen, das heißt: Ich muss alle Musiker ranholen, dann müssen wir Zeit zum Proben finden … Meistens hat man so viel zu tun, dass man es dann sein lässt.

Wobei: Was heißt hier „alle Musiker“? Ihr seid drei …

Aber auch das ist gar nicht so einfach! Es ist einfach so, dass Leute, die gut sind, auch viel zu tun haben. Der Pianist ist zum Beispiel Professor an der Hochschule und spielt auch viele klassische Konzerte.

Das Warten hat sich ja scheinbar ausgezahlt: Mit persönlich zumindest gefällt der unglaublich gut auf der CD, der Pianist!

Nachdem ich von Boston nach São Paulo gegangen bin, habe ich angefangen, Improvisation zu unterrichten, und der Alexandre Zamith war in meiner erste Gruppe …

Ach, er war zuerst ein Schüler von dir!

Ja, der hatte studiert – und ich habe einen Haufen Schüler, die in Berklee studiert haben und jetzt zu mir kommen –, und Alexandre war einfach interessant aus der Art heraus, wie er improvisiert. Weil er kein Jazz-Musiker ist und keinen aus dem Jazz kommenden Stil spielt. Er improvisiert aber sehr kreativ, was sich dann dahin entwickelt hat, dass wir wirklich viel frei spielen, wenn wir auftreten.

Du hast gerade gesagt, dass eins der Dinge, das dir an ihm gefällt ist, dass er nicht aus dem Jazz kommt. Aber ihr seid ein Jazz-Trio. Das musst du mir jetzt mal erklären.

Naja, meistens spielt man mit guten Musikern, die aber klingen wie jemand anders. Das ist einfach der Prozess, wenn man Jazz studiert, wenn man Beebop-Lines studiert und die technische Machart der Stücke zusammensucht, dann klingt man zwangsläufig erst mal wie Charlie Parker oder wie Monk. Einerseits ist das gut, wenn man wirklich stilgetreue Sachen spielen will, aber ich glaube, in dem bestimmten Moment, wo man eigene Sachen spielt, ist es interessanter, nicht in diese Richtung zu gehen. Aber das ist immer schwer. Wenn der Alexandre spielt, kannst du sicherlich immer noch sagen, er klingt wie Keith Jarrett, viele finden das zumindest, aber ich denke, er ist einer der wenigen Pianisten in São Paulo, die sehr eigen spielen. Auch, wenn ich andere Sachen mit ihm höre, kann ich immer sagen, das ist Alexandre!

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Stimmt es eigentlich, was ich über dich gelesen habe, nämlich, dass du schon während deiner Jugendjahre in der DDR immer Jazz machen wolltest, es aber der Wende bedurfte, damit du diesen Traum verwirklichen konntest?

Na, eigentlich nicht. Ich bin ja in Wandlitz groß geworden, und dort hatten wir ein Blasorchester in der Schule, das auch einen Schlagzeuger hatte. Ich fing dann mit sieben an, Schlagzeug zu spielen, denn mein Bruder, der dort Bassist war, wollte, dass wir eine Rhythmusgruppe sind. Ich hab‘ mir aber immer heimlich seinen Bass genommen und Bass gespielt …

War das auch ‘nen Upright?

Nee, ‘nen E. Jedenfalls wurde dann in dem Blasorchester die Stelle des Bassisten frei, denn mein Bruder und ich sind zehn Jahre auseinander, und ich habe dann angefangen, da Bass zu spielen. Das war ganz lustig, denn mein Bruder und ich haben die gleiche Schule durchschritten, die gleichen Musiklehrer gehabt … Mit dreizehn habe ich dann schon in Bands gespielt, die professionell waren, das war ganz toll für mich!

Hast du damals Bass-Unterricht gehabt oder warst du Autodidakt?

Ich war an der Musikschule Friedrichshain. Dann war aber nicht klar, ob ich nun Musik studieren oder lieber einen Beruf lernen sollte. Ich wollte jedenfalls kein Abitur machen! Das Musikstudium war das einzige Studium, wo man nach der zehnten Klasse vorspielen und dann direkt studieren konnte. Aber so weit war ich damals noch nicht. Dann bin ich nach Markneukirchen gefahren und habe mich als Instrumentenbauer beworben, wurde aber nicht angenommen. Man hat mir gesagt, ich solle mich im nächsten Jahr wieder bewerben. In diesem Wartejahr, mit etwa sechzehn, habe ich angefangen, Jazz zu spielen. Im nächsten Jahr dann wurde ich angenommen und habe eine Ausbildung zum Instrumentenbauer gemacht. Während der Ausbildung hatte ich auch richtig guten Kontrabassunterricht, und da habe ich gemerkt, dass ich das wirklich gern studieren würde. Das war im Osten aber gar nicht so einfach. Die haben mir gesagt: „Mensch, du hast doch ‘nen Traumjob!“ Es gab vier Leute pro Jahr, die Instrumentenbauer werden konnten.

Haben Instrumentenbauer eigentlich alles gebaut, oder gab es da eine Spezialisierung?

Ich habe Geigen gebaut. Es gab die Spezialisierung auf Geigen und die andere auf Zupfinstrumente, was dann vor allem die Gitarren waren. Beim Vorspiel an der Hochschule für Musik Hans Eisler haben sie mich jedenfalls nicht genommen, weil ich diesen Job hatte. Und dann habe ich auch da wieder ein Jahr gewartet, habe als Instrumentenbauer gearbeitet, bis ich beim nächsten Vorspiel angenommen wurde. Dieses Eine-Jahr-Warten zieht sich durch meine Biographie!

Hast du dir auch schon mal einen Kontrabass selbst gebaut?

Ich habe in einer Reparaturwerkstatt gearbeitet, wo die repariert wurden. Das war dann aber so ein Kapitel meines Lebens, das ich beiseitegelassen habe, weil ich am Anfang immer zwischen den Stühlen stand: Bau ich jetzt oder spiele ich?

Nach der Eisler bist du dann ans Berklee College in Boston gegangen …

Also, ich hab‘ zuerst so ein Austauschjahr gemacht. Das konnte man im zweiten Studienjahr machen, und es war wirklich mein großes Glück, dass ich diese Möglichkeit hatte!

Dazu musste man ja schon reisen können. Das heißt, du hast noch zu DDR-Zeiten angefangen zu studieren und während deines Studiums kam die Wende?

Eigentlich war es so, dass ich mich zu DDR-Zeiten beworben habe und auch angenommen wurde – und dann zur Armee musste. Dann war ich im Erich-Weinert-Ensemble, was auch noch relativ glücklich war, weil ich dort Musik machen konnte. Dann kam die Wende und ich fing an zu studieren – und innerhalb des nächsten Jahres konnte man sich mit einem Mal für ein Austauschstudium bewerben! Interessant war auch, dass an der Hans Eisler mit einem Mal viele westdeutsche Lehrer waren. Darunter auch solche, die in Berklee studiert hatten und mir dann gesagt haben, wenn du da bist, geh mal zu dem und dem, und mir auch noch andere Tipps gegeben haben, das war wirklich gut! Dann bin ich mal vorab nach Boston gefahren, habe mir die Schule angeschaut, hab mit den Leuten geredet und hab mich auch bei Charlie Banacos, dem Improvisationslehrer, der eine Warteliste von fünf Jahren hatte, schon mal eingetragen. Ich wurde dann tatsächlich auch in Berklee angenommen und bekam auch da ein Super-Stipendium, weshalb ich mit meinem deutschen BAföG zusammen mit einem Mal die Mittel hatte, drei Jahre zu bleiben. Das heißt, ich konnte das Studium erst da abschließen, und dann bin ich zurückgekommen und hab‘ es auch hier noch abgeschlossen. Ich hab‘ ewig studiert! (lacht)

Ich auch … Du bist dann aber nicht, wie man es von vielen deutschen Jazz-Musikern, die in den USA studiert haben, kennt, als Session-Musiker in die Staaten gegangen, sondern nach Südamerika. Man hört es ja auch Handmade an, dass Brasilien nicht nur deine familiäre, sondern auch musikalische Heimat geworden ist, was vielleicht auch vorrangig an deinem Schlagzeuger liegt. Ich kann mir vorstellen, gerade wenn man aus der Klassik kommt, dass diese „exotischen“ Metren nicht gerade das sind, worin man sich auf Anhieb zu Hause fühlt … Wie kam es zu dieser Brasilianisierung deiner Musik, deines Lebens?

Da war auch Berklee dran schuld! In der ersten Stunde, als ich dort ankam – der Kurs hieß „English for non-native speakers“ oder so ähnlich –, setzte die Lehrerin sinnigerweise Leute aus verschiedenen Ländern, die außer Englisch keine gemeinsame Sprache hatten, zusammen. Die Brasilianerin, mit der ich zusammengesetzt wurde, war eine Pianistin aus São Paolo, wir unterhielten uns viel, da wir viel Unterricht zusammen hatten … ja, und irgendwann funkte es dann. Und als ich dann zurückkam, war sie noch ein Jahr länger da, was heißt, dass ich oft nach Boston gefahren bin. Als sie dann aber nach Brasilien ging, sagte sie, also entweder wir heiraten, oder du gehst! (lacht wieder)

Das heißt, es war nie eine Option, dass ihr zusammen in Boston oder in Deutschland leben würdet?

Meine Frau hat gesagt, sie würde nie nach Deutschland kommen – es ist ihr einfach zu kalt hier! Und ich hab dann so gemacht (kreuzt die Finger) und gesagt, okay, ich verspreche, nach Brasilien zu kommen. Insgeheim hatte ich gedacht, ich bleibe so zwei Jahre und nehm‘ sie dann halt mit zurück … Dann kamen aber die Kinder, und wie das so ist, man muss sich, gerade in diesem Alter so um die dreißig, ja auch irgendwo hin entwickeln. Ich hatte dann ein festes Engagement in einem Orchester dort bekommen, und das war mit der Grund, dass ich da einfach eine Arbeit hatte …

In einem klassischen Orchester?

Na, eigentlich so eine Mischform. Die haben ein Wind-Ensemble, das auch mit Kontrabässen besetzt ist, die spielen viel zeitgenössische Musik, viele Sachen, die in den letzten fünfzig Jahren geschrieben wurden. Das ist ganz interessant, denn es gibt viele sehr gute brasilianische Komponisten, und wir spielen auch viel von dem Heitor Villa-Lobos, der den Bach verbrasilianisiert hat – und das sind dann auch die Einflüsse, die auf meiner CD zu hören sind. Diese Polyrhythmik und Kontrapunkte, die kommen nicht so sehr aus dem Jazz. Dabei bin ich an Harmonie, Kontrapunktierung, Polytonalität mehr interessiert als an vordergründig afrikanischen oder brasilianischen Rhythmen. Oft ist es so, dass der Schlagzeuger spielt und ich dann sage, nee, machen wir es lieber mal so und so. Bei dem ersten Titel beispielsweise, dem Don’t talk crazy, der klingt ja im Prinzip rockig, und ich hab‘ gesagt, versuch mal, was Brasilianisches dazu zu spielen, und solche Sachen entstehen dann beim Spielen. Mittlerweile haben wir so eine Chemie, dass wir, wenn wir live spielen, viele Sachen auch ändern. Wenn wir auf die Bühne gehen, ist noch nicht klar, wer beispielsweise das erste Solo macht. Das entsteht spontan, und diese Art der Kommunikation ist ganz interessant!

Das heißt, die Stücke, wie wir sie auf der CD hören, sind eine Art Momentaufnahme, und live sieht das jedes Mal völlig anders aus?

Die Themen vielleicht nicht. Mittlerweile spielen wir die Platte schon ziemlich so, wie wir sie aufgenommen haben, um nicht allzu sehr davon abzuweichen. Aber während des Improvisierens geht es dann doch mal in ganz andere Richtungen … (lacht)

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Ihr spielt jetzt schon seit mehr als zehn Jahren zusammen. Wie habt ihr eigentlich zusammen gefunden?

Ich habe mal parallel Improvisationsunterricht gegeben und Jazz im Orchester gespielt, wobei ich nicht jeden Tag zur Probe musste. Es war so ein Orchester, wo es reichte, sich drei Tage die Woche zu treffen, man hatte auch nicht so viele Konzerte, das ließ sich ganz gut einrichten. Als Improvisationslehrer habe ich auch viele Workshops gegeben, auf Festivals und so – und auf einem dieser Festivals hab‘ ich auch den Zé Eduardo Nazário, meinen Schlagzeuger, kennengelernt. Und der Alexandre, der war ja wie gesagt in meiner ersten Improvisationsschülergruppe, aber er war auch Lehrer auf dem Festival. So kam es, dass wir dann dort zu dritt irgendetwas gespielt haben, und ich dachte, klingt ja interessant! Es dauerte dann aber noch mal zwei, drei Jahre, bis wir regelmäßig zusammen gespielt haben.

Aber das auf dem Festival war also wirklich so ein Moment, wo es gefunkt hat und du gedacht hast, das ist jetzt eine Formation, für die es sich lohnt?

Nein, auch das hat ein bisschen gebraucht. Der Schlagzeuger dachte am Anfang oft, dass Alexandre nicht jazzig genug spielt. Das ist ja auch eine Frage der Stilistik. Wenn er beispielsweise einen Jazz-Beat vorgegeben hat – und er hat ja auch Jazz studiert –, dann dachte er, es funktioniert mit Alexandre nicht. Für mich war das aber auch schon damals interessanter, dieser Sound, den Alexandre produziert, weil er so … so …

… außergewöhnlich ist! Aber als Bassist musst du in erster Linie mit dem Schlagzeuger auskommen, oder?

Naja … (überlegt) Doch, das stimmt auf jeden Fall: Ich spiele lieber ohne Schlagzeug als mit einem schlechten Schlagzeuger! (lacht) Ich selbst habe aber Glück gehabt, ich habe schon mit tollen Schlagzeugern gespielt, Antonio Sanchez beispielsweise, Bob Moses oder Sebastiaan De Krom, der spielt jetzt bei Jamie Cullum, tolle Leute! In Brasilien gibt es erstaunlicherweise nur wenige Schlagzeuger, die Jazz spielen. Der Zé ist da wirklich einer der wenigen, der richtig Jazz spielen kann. Wir machen auch Touren mit amerikanischen Musikern, wo wir beide mitspielen, und wo es dann auch wirklich wie Jazz klingt.

Und woran liegt das? Weil die Musik des Landes eher aus der percussiven Tradition kommt?

Das ist einfach eine Frage der Stilistik der Sprache. Jazz und Englisch, das harmoniert einfach. Wenn eine brasilianische Bigband daherkommt, das klingt zwar gut, aber man hört einfach keinen echten amerikanischen Jazz. Das liegt daran, dass du, wenn du Englisch sprichst, anders phrasierst als wenn du Portugiesisch sprichst.

Willst du damit sagen, dass die musikalische Phrasierung eng mit der Phrasierung der Sprache, des gesprochenen Wortes, verknüpft ist?

Ja, ganz klar! Das ist ganz ähnlich. Ob man nun Sprachen unterrichtet oder Musik unterrichtet, man hört, wie eng das verknüpft ist. Wenn jemand aus Lateinamerika kommt … Danielo Perez hat mal gesagt, er wird nie wie ein amerikanischer Jazzpianist klingen können. Er kommt aus Panama und kann beim Spielen darauf zurückgreifen. Man kann nur spielen, was man weiß, und das ist ja auch okay so! Das ist auch bei Europäern so: Wenn europäische Jazzmusiker versuchen, amerikanischen Jazz zu spielen, haben sie einen unheimlichen Akzent. Das ist genauso wie wenn ein Deutscher Englisch spricht, man hört eben, dass er Deutscher ist.

Wenn deine Theorie stimmt und der musikalische Akzent an die Muttersprache gebunden ist, dann müsstest du am Bass ja einen deutschen Akzent haben …

In gewisser Weise habe ich den. Bach ist immer da! Bei den Deutschen ist es die barocke Musik und gerade Bach, was den Kontrapunkt angeht, der größte Einfluss der immer mitschwingt. Es war auch ganz toll, das letzte Konzert, das ich jetzt vor meiner Abreise am Sonntag gespielt habe – ich hatte Sonntag früh noch ein Konzert! –, das waren die Bachianas von Villa Lobos, dann bin ich hier angekommen und wir sind ins Bach-Museum gegangen. Das begleitet mich einfach irgendwie. Ich versuche auch ab und zu, die Cello-Suiten zu spielen …

Oh, die mag ich sehr gern! Ich höre wenig klassische Musik, aber wenn, dann Bachs Cello-Suiten. Ich habe das Gefühl, dass sie irgendwie den Geist aufräumen.

Die sind einfach technisch … Die sind für ein Instrument geschrieben, haben aber eben doch einen Kontrapunkt!

Spielst du auch Cello?

Ich spiele sie auf dem Bass, die gibt es auch im Bass-Schlüssel. Bach war es relativ wurscht, worauf man sie spielte …

Das waren damals eh alles Gamben, meinst du?

Genau, und so richtig hat sich Bach auch keinen Kopf darum gemacht, wer sie nun spielt. Aber noch einmal zurück zu der Sache mit dem Akzent: Ich war auf einem Kindergeburtstag und sprach dort mit einem Radiodirektor, zu dem ich gesagt habe, Mensch, es wär‘ doch toll, wenn hier in São Paolo mehr Jazz käme im Radio. Und er meinte, ist ‘ne gute Idee, mach doch mal ‘nen Pilot! Und ich habe zu ihm gesagt, dass ich so einen furchtbaren Akzent habe, aber er meinte, das wäre vielleicht gerade lustig. Also habe ich den Piloten, den ich selbst moderiert habe, aufgenommen. Der Radiodirektor fand ihn toll und sagte, komm mal her, wir reden da mal drüber! Du kannst ihn nämlich leider nicht moderieren, man versteht kein Wort! (lacht) Er wollte dann einen Moderator vom Radio, aber wenn die keine Ahnung von Jazz haben, ist das auch nichts, dann bringen die alles durcheinander. Also haben wir beide gesucht und letztendlich einen Bassisten gefunden, der seit über sechzig Jahren beim brasilianischen Fernsehen arbeitet, mit achtzig Jahren spielt der immer noch in so einer Fernseh-Band! Der hat sich interessiert, und da er auch eine tolle Geschichte hat, habe ich ihn dann einmal die Woche da und wir nehmen eine Sendung auf. Das ist etwas, was mir wichtig ist, dass Jazz mehr präsent ist.

Ist das ein Privatsender oder ein öffentliches Radio?

Privat.

Ich frage, weil ich gehört habe, dass es in Brasilien viel mehr staatliche Jazz-Förderung als bei uns geben soll …

Es gibt Fördergelder, das ist aber ganz ähnlich wie hier. Ich habe mir neulich gerade mal hier in Berlin einen Förderantrag angeschaut, wie das funktioniert und so, und das ist genau so wie in Brasilien, dass man eben für ein konkretes Projekt, die Aufnahme einer CD oder so, Fördergelder beantragen kann. Was aber stimmt ist, dass es in Brasilien viel Geld dafür gibt.

Ich hatte immer die Vorstellung im Hinterkopf, dass sich Brasiliens Kulturförderung nicht nur um die sogenannten hohen Künste kümmert, sondern auch um die populäre Kunst, Unterhaltungsmusik und so.

Das Problem in Brasilien ist, dass die Medien wirklich sehr, sagen wir mal: populistisch sind. Die verkaufen ein Image von Brasilien, das eigentlich ziemlich traurig ist, ziemlich billig. Die Musik aus Brasilien, die man hier in Europa hört, ist im Grunde ganz furchtbar!

Ich glaube, das letzte, was ich bewusst gehört habe, war Bebel Gilberto …

Das ist dann aber schon die bessere Variante. Sonst gibt es eher so was wie Daniela Mercury, das ist dann so mehr Pop. Manches klingt im Grunde auch wie Reggae. Mit ganz schlimmen Texten. Für das Kulturministerium ist Kino und Musik eines der wichtigsten Exportgüter, denn es werden sehr gute Filme gemacht – und eigentlich auch sehr gute Musik! Leider ist es so, dass die meisten Musiker dann nach Amerika oder Europa ziehen. Wahrscheinlich leben mehr brasilianische Musiker außerhalb Brasiliens als in Brasilien.

Und spielen dann oft auch keine brasilianische Musik mehr.

Doch, oft spielen sie diese noch. Ich habe gerade neulich jemanden kennengelernt, der schon seit vierzig Jahren in München lebt und dort brasilianische Musik macht und immer schon gemacht hat. In Brasilien gibt es ja auch diese nationale Vor-Bossa-Nova-Musik, Choro, traditionellerweise Chorinho genannt, eine brasilianische Erfindung, die zum Teil noch mit klassischen Instrumenten gespielt und auch teilweise improvisiert wird. Das ist eine rein instrumentale Musik, die sich um 1870 aus einer interessanten Mischung aus europäischer Tanzmusik und afrobrasilianischer Musik entwickelte. Aktuell gibt es in Brasilien eine Chorinho-Welle, die die jungen Leute wieder begeistert.

Nach Bossa Nova bzw. Neo Bossa also Chorinho nuovo … Bei uns gab es 2008 zum fünfzigsten Geburtstag des Bossa Nova eine Riesen-Bossa-Welle, aber der Chorinho ist noch nicht wieder rübergeschwappt.

Musst du mal auf YouTube reinhören, da sind auch ein paar ganz bekannte Sachen dabei, die du sicher auch kennst, zum Beispiel dieses Tico-Tico no Fubá von 1943. Das hat 1976 sogar Charlie Parker aufgenommen, eine ganz bekannte Melodie! Die Chorinho-Renaissance ist auf jeden Fall schon in Frankreich angekommen. Frankreich war komischerweise schon immer eine Art „Auffangbecken“ für brasilianische Musiker, die studieren in Frankreich, bleiben dann dort und spielen ihre Musik. Es gibt aber auch Musiker, die zurückkommen, und in Brasilien dann die französische Variante ihrer Musik vorstellen, das ist schon interessant!

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Ich werde auf jeden Fall mal reinhören! Kommen wir aber mal zu deinem Album selbst, wir haben jetzt so viel über brasilianische Musik geredet, aber noch überhaupt nicht richtig über Handmade. Ich gebe zu, dass ich persönlich ein bisschen gebraucht habe, in das Album reinzukommen, mich hattest du erst mit dem vierten Stück, diesem odd-meterigen Lorca. Das angezerrte Bass-Solo darauf finde übrigens ganz ich toll! Was ist das eigentlich für ein Effekt, der da drüber liegt?

Gitarren-Distortion und ein Octaver, der den Bass zwei Oktaven nach oben hebt. Das war eine Sache, die im Grunde während der Aufnahme entstanden ist, zwischen Schlagzeug und Bass. Wir haben dem Pianisten nicht gesagt, was wir da vorhaben, ich habe das ganz normal eingespielt. Und im Studio ist das ja ganz einfach, es dann zu verzerren. Er hat zuerst ziemlich geguckt, als er es gehört hat, fand es aber hinterher ganz toll.

Man muss ja auch den inneren Jimi Hendrix mal rauslassen … Ich mag aber auch das nächste Stück, Too Much, sehr gern, besonders den Groove! Der Titel geht ja auf einen Ausdruck von deinem Lehrer Charlie Banacos zurück …

Ja, der Charlie hatte einen recht großen Einfluss auf mich. Ich war ja erst in Boston und habe ihn besucht. Danach habe ich sogenannte Correspondence Lessons bei ihm genommen, das heißt, er hat Übungen nicht nur aufgeschrieben, sondern auch auf ein Tape aufgenommen und mir zugeschickt. Ich habe sie dann geübt, das Ergebnis aufgenommen und zurückgeschickt. Wir haben vielleicht einmal pro Monat so ein Tape hin und hergeschickt. Als ich dann fest in Boston war, habe ich dadurch gleich bei ihm studieren können. Charlie, der leider schon verstorben ist, war eine Person, die unheimlich spirituell war und eine gute, positive Ausstrahlung hatte. Er wohnte außerhalb von Boston, man musste einen Zug nehmen – und Boston im Winter war wirklich manchmal meterhoch verschneit! –, ich bin also mit meinem Bass eine Stunde mit dem Zug gefahren und dann noch einmal zehn Minuten durch den Schnee gestapft und kam dann in sein Studio. Dort hatte man dann dreißig Minuten Unterricht, aber man ist hinterher rausgekommen und war wie: Yeah! Er war einfach so positiv! Und er machte auch immer kleine Späße. Zum Beispiel war vor mir normalerweise ein anderer Student da, und ich habe im Vorraum gewartet und dem anderen noch zugehört. An einem Tag war es aber ruhig, also klopfte ich an die Tür, in der unten eine Hundeluke eingelassen war, und plötzlich geht die Hundeluke auf und Charlie ruft „Hey, man!“, um mich zu erschrecken. Das waren so seine Späße. Und „Too much“ geht darauf zurück, dass er, wenn man gut gespielt hat, eben „too much!“ rief.

Also im Grunde ein Kompliment. Gratulieren kann man dir auch zu deinem Mut, auf deine CD noch eine komplette viersätzige Suite zu nehmen, was auf den ersten Blick recht ungewöhnlich scheint. Den ersten Satz The Drums, bevor die Band einsetzt, finde ich dann auch schon etwas sehr special interest, das ist schon ‘ne harte Nummer, aber The Piano gefällt mir wieder unheimlich gut, das ist sehr sexy! Die ganze Suite experimentiert mit – für den westeuropäischen Hörer – untypischen Metern. Was reizt dich so daran, beispielsweise eine Blues-Melodie auf eine ungerade Taktzahl zu verteilen?

Naja, das war so, als ich das komponiert habe, hatte ich auch gerade mit meinen Schülern Übungen in allen Tonarten gemacht, da gibt es eine Seite, wo ich alle zwölf Tonarten durcheinander aufgeschrieben habe, ganz aleatorisch ohne Verbindung zueinander, und mit dieser Seite übe ich auch immer. Und plötzlich dachte ich, eigentlich ist das ein Blues. Zwölf Töne, zwölf Takte, das ist ein Blues. Und dann habe ich angefangen, über diese zufällig verteilten Tonarten eine Melodie, einen Kontrapunkt drüberzuschreiben. Dann habe ich mir gedacht, jetzt schreibe ich auch noch einen zweiten Kontrapunkt dazu, und irgendwann war dann das erste Stück fertig. Die anderen Stücke kamen dann wie von allein, denn ich dachte, wenn man etwas für Schlagzeug geschrieben hat, muss man auch den anderen ein Solo geben. Das Bass-Stück habe ich aber komischerweise nicht am Bass geschrieben, sondern richtig auf Papier auskomponiert. Und das Pianostück ist im Grunde ein harmonisierter Blues, weshalb dann einfach die Idee da war, mal zu gucken, was man mit einem Blues machen kann. Das war komischerweise alles schnell geschrieben. Normalerweise schreibe ich langsam. Wir waren aber zu einem Festival eingeladen und wollten das dort spielen, also habe ich schnell gemacht.

Die CD wurde ja auch unheimlich schnell aufgenommen: innerhalb von nur zwei Tagen!

Ja, in acht Stunden insgesamt, zwei Tage à vier Stunden. Das war eine unheimliche Rennerei, denn der Pianist war gerade in der Jury bei einem Klavierwettbewerb, und der Schlagzeuger lebt in einer anderen Stadt. Als er gerade vor Ort war, weil er hier Unterricht gegeben hat, hatte er mal kurz Zeit, also machten wir das dann mal. Das war wirklich eher wie eine Sache für mal so nebenbei. Das hat dann auch richtig gedauert, die CD zu mixen! Als ich sie aufgenommen habe, empfand ich, dass wir live wesentlich besser spielen. Ich habe wirklich ewig gebraucht ehe ich die Muse hatte, mich da erst einmal durchzuhören und alles zu mixen, aber als sie dann fertig war, war mit einem Mal alles okay. Wir haben sie also schnell aufgenommen, aber es hat gedauert, bis sie dann fertig war. Was man auf der CD hört, ist auch zum Großteil jeweils der erste Take. Wir haben von allen Stücken zwei Aufnahmen gemacht, weil wir schnell gespielt haben, aber … Ich arbeite oft mit Aufnahmen und muss immer wieder feststellen, dass es oft so ist: In dem Moment, in dem man das Stück zum ersten Mal spielt, setzt man sich damit auseinander. Wenn du es dann wieder spielst, fehlt dir der entscheidende kreative Kern. Das erlebe ich ganz oft.

Ich hätte jetzt geglaubt, man wird besser und besser, je mehr Versuche man hat und je mehr Zeit man sich lässt …

Auch bei Aufnahmen, für die du eine Woche Zeit hast – das habe ich jetzt gerade in Rio erlebt, da hatten wir eine Woche Zeit um etwas aufzunehmen, mit einem Gitarristen, der hat da ein großes Studio, das war ganz toll – aber oftmals waren auch da die ersten Takes die kreativsten. In dem Moment, wo du sagst, mach es noch mal, das können wir besser: Wiederholen von Jazz (macht ein verneinendes Geräusch).

Weil die Naivität des ersten Mals weg ist?

Naja, bei bestimmten Sachen kommt man dann einfach zu so einem Punkt, wo man anfängt, immer das Gleiche zu spielen. Da spielt man dann schon mal die gleiche Einleitung für sein Solo. Wenn man es aber zum ersten Mal spielt und sich vielleicht auch gar nicht unbedingt so viele Gedanken dabei macht, kommt oft etwas dabei heraus, was man so noch nie gespielt hat.

Der improvisatorische Moment ist dir also wichtiger als Perfektion. Vorhin hast du erwähnt, dass du das Bass-Stück der Suite gar nicht auf dem Bass geschrieben hast. Wie ist das generell bei dir? Orientierst du dich viel an Bass-Spielern oder lieber an anderen Sachen?

Ich höre ganz wenige Bassisten, ich höre tatsächlich lieber Saxophonisten. Mein Lehrer Charlie Banacos war Pianist, und ich selbst habe viele Geiger als Schüler. Wenn man Improvisation unterrichtet, setzt man voraus, dass der Schüler sein Instrument schon spielen kann, denn er lernt hier keine Technik, sondern wie man improvisiert. Man lernt zwar auch im Jazzstudium Technik, denn im vorangehenden Klassikstudium hat man sein Instrument erst auf eine klassische Art und Weise spielen gelernt, aber bei der Improvisation geht es darum, dass du die harmonische Struktur eines Stückes verstehst und später dann Sachen darüber spielen kannst, die eine bestimmte Färbung hervorrufen. Man geht erst einmal die Organisation eines Stückes durch, sagt dem Schüler beispielsweise, hör dir mal an, wie es klingt, wenn du das von der ersten oder von der dritten Stufe ab spielst. Es geht darum, dass sie erst einmal sehen, was sie für Möglichkeiten haben. Unter meinen Schülern sind Bläser, Pianisten – aber komischerweise wenig Bassisten. Vielleicht gibt es wenig grundlegenden Bass-Unterricht, vielleicht liegt es daran.

Mittlerweile hast du ja sogar Online-Schüler, denn du gibst Online-Improvisationskurse. Basiert das auf deiner Erfahrung, wie du mit Charlie Banacos Tapes ausgetauscht hast?

Genau. Ich habe das schon lange gemacht, bevor die in Berklee offizielle Online-Kurse angeboten haben. Die Idee ist ganz einfach: Du machst ein paar Übungen mit einem Schüler, lässt ihn ein bisschen spielen und siehst erst mal, wie weit der ist. Dann schickt der dir das per E-Mail …

Ach, das läuft gar nicht über Skype oder eine andere Live-Schaltung?

Nein, als Videodatei. Die gucke ich mir auf meinem Monitor an um zu sehen, wie der spielt, manchmal spiele ich auch mit, und dann kann ich ihm sagen, an welcher Stelle er ein bisschen mehr dazugeben oder wo er bestimmte Sachen vereinfachen muss. Das funktioniert ganz gut. Wobei natürlich so ein Live-Unterricht besser ist, weil wir da in einer Stunde Unterricht wirklich fast eine Stunde lang spielen. Da gibt es dann die Übungen und wir sagen, spielen wir mal! Denn es dauert immer eine ganz schöne Zeit, bis du theoretisch verstanden hast, welche Sachen in deinem Spiel auftauchen.

Lass mich zum Abschluss noch mal auf deine CD, insbesondere auf die Suite am Ende deiner CD, zurückkommen. Wenn man sich die Liner Notes ansieht, die du dazu geschrieben hast, liest man, dass dein Album mit einem verminderten G7-Akkord endet, „der alles offenlässt“. Möchtest du den Hörer damit anregen, selbst über eine mögliche Weiterentwicklung nachzudenken?

Das ist jetzt mehr eine philosophische Frage. Man kennt ja die Geschichte von Mozart, der einen spielen hörte …

… den, der den Akkord nicht auflöst? Ich kenne die Geschichte mit Bach. Sein Sohn sollte ihm zum Einschlafen etwas auf dem Cello vorspielen, und sobald der dachte, dass sein Vater jetzt schliefe, hörte er mitten im Stück auf. Bach sprang aus dem Bett, stürzte erst ans Cello, löste den Akkord auf, und verprügelte dann seinen Sohn!

Ich kenne es so, dass Mozart bei irgendeinem Fürsten eingeladen war und im Nebenraum jemand Klavier spielte. Und dieser jemand hörte auf der Dominante auf zu spielen. Mozart lief schnell in den Nebenraum und führte das Stück zur Tonika zurück.

Scheint ja eine Art musikalische Urban Legend mit austauschbaren Protagonisten zu sein!

Jedenfalls endet der Blues aber immer dominant und löst sich nie auf. Dabei kommen die Leute, das merkt man auf Konzerten, damit nicht klar, die warten nach dumm-dumm (singt zwei Dominanten) auf domm (singt eine Tonika).

Das heißt, wir sind schon so versaut von dem Tonika-Dominante-Subdominante-Tonika-Schema des Formatradios, dass uns alles darüber hinaus schon stresst?

Ach nein, darauf wollte ich gar nicht hinaus. Für mich ist so ein offenes Ende einfach eine philosophische Sache. Im Leben ist es ja auch so, man weiß ja nie, was noch kommt. Daher denke ich, dass das ganz gut getroffen ist. Das war mehr ein Zufall, dass wir das Ende nicht aufgelöst haben.

Also kein konzeptioneller Verweis auf das potenzielle Folgealbum …

Nee, nee. Wobei … Vielleicht! Manchmal läuft so was ja eher unbewusst. Und wenn ich jetzt so drüber nachdenke: In gewisser Weise hast du Recht. Wir hatten nämlich ursprünglich noch einen Song mehr aufgenommen, der mit auf das Album sollte, den ich dann aber nicht mit draufgenommen habe, weil ich gesagt habe, den können wir besser spielen. Der hätte die Geschichte im Grunde auch aufgelöst, da fehlt hinten jetzt noch ein Stück, das stimmt schon. Wir haben aber jetzt live so viel gespielt, dass wir auch schon das Repertoire für eine neue CD zusammen haben. Ich habe aber vor, da noch ein paar weitere Mitmusiker einzuladen. Ich werde das Trio zwar in seiner jetzigen Form weiterführen, aber für die CD hätte ich gern noch weitere Musiker. Ich habe zum Beispiel ein paar sehr gute Schüler, die sehr eigen spielen und wirklich Persönlichkeit haben. Und natürlich würde ich auch gern jemanden Bekannten einladen, wie Branford Marsalis.

Darauf bin ich schon sehr gespannt! Erst aber einmal danke ich dir für dieses Interview.

Handmade Cover

Handmade ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz am 12. Juli 2013 bei Mvh-Music erschienen. Sie wird in Kürze auf fairaudio.de als Platte des Monats August vorgestellt.

5. August 2013

Luxushotels und Kreuzfahrtschiffe: die Hochsommerausgabe von Victoriah’s Music ist da

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 09:11

„Der Sommer wird weiblich – zumindest, wenn es nach der leicht ironisch mit Fräuleinwunder. Edition Damenwahl betitelten, neuen Kompilation aus dem Hause Edelkultur geht, die sich zum Ziel gesetzt hat, deutschen Sängerinnen von Pop bis Jazz eine weitere öffentlichkeitswirksame Plattform zu bieten. Treue fairaudio-Leser treffen hier auf eine Handvoll alte Bekannte wie etwa Kitty Hoff, Meike Koester, Pat Appleton, Jasmin Tabatabai, Bodo & Herzfeld oder Fola Dada, die wir letzten Sommer bei Bartmes gehört haben, und die hier mit der SWR Big Band, ganz viel brasilianischem Feeling und einer der stärksten Stimmen dieses an grandiosen Sängerinnen ohnehin nicht gerade armen Albums am Start ist. Wer schon immer einmal all die tollen Künstlerinnen, die regelmäßig in Victoriah’s Music vorgestellt werden, auf die Ohren bekommen wollte, sich bislang aber – unter welchem fadenscheinigen Vorwand auch immer – nicht aufraffen konnte, ihre Alben zu kaufen: Hier bekommt er gleich achtzehn von ihnen auf einen Streich, mal zauberhaft leicht wie beim Berliner Duo Berge mit seinem Meer aus Farben, mal fingerschnippend lässig wie bei der von Michy Reincke geförderten neuen Hamburger Stimme Katharina Vogel mit Wunder, mal zerbrechlich-introspektiv wie bei Cristin Claas und ihrem Trio mit dem songpoetischen So weit. […]“

Weiterlesen? Das geht – wie immer auf fairaudio.de, Ihrem Lieblings-Online-HiFi-Magazin. Besprochen wurden:

  • Fräuleinwunder | Edition Dahmenwahl
  • DePhazz | Naive
  • Samirah Al-Amrie | Miraloo. Loop Songs
  • Zukunft und die Lichter | Vergiss, was gestern war
  • Stefan Gwildis & NDR Bigband | Das mit dem Glücklichsein
  • Lasse Matthiessen | Carry Me Down
  • Karen Souza | Hotel Souza
  • Café Del Mar | Volumen Diecinueve (XIX)

7.3_Karen_Souza_03
Tangorhythmen wird man auf dem Album der gebürtigen Argentinierin vergeblich suchen, hat sich Karen Souza doch ganz den opulent arrangierten Klängen einer Zeit verschrieben, als die Jazz-Welt zwischen raffinierten Cocktailkreationen und mondänen Dinners in luxuriösen Hotels aufspielte.

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