5. September 2013

Berlin Music Week – auf der Suche nach der verlorenen Nestwärme oder: Wer Dinge bewegt, ist woanders

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 16:12

Das also ist die Berlin Music Week, wobei „Week“ mit einem Zeitfenster vom 4. bis 8. September wohl deutlich zu hoch gegriffen scheint. Berlin und Music dagegen passt, auch wenn ich so ziemlich sicher bin, dass es hier nicht darum geht, die vitale Musikszene der Hauptstadt abzubilden. Aber der Reihe nach.

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Die gute Nachricht: Es ist nicht ganz so schlimm, wie das letztjährige Desaster und die konfuse Vorstellung des diesjährigen Konzepts befürchten ließen. Die Berlin Music Week ist auf dem richtigen Weg. Der indessen ist, und das ist die schlechte Nachricht, noch weit. Sehr weit.

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Ja, das hier ist wirklich alles, womit die BMW an Ausstellern aufwartet

Ob es wirklich eine gute Idee ist, den Schwerpunkt auf die unter der Überschrift Word! zusammengefassten Fachvorträge/Podiumsdiskussionen sowie individuell zu vereinbarende Matchmaking-Sessions zu legen, sei dahingestellt. Darunter leidet der eigentliche Markt (immerhin Kernstück einer jeden Messe), der sich dann auch einigermaßen übersichtlich präsentiert, irgendwo im ersten Stock des Postbahnhofes. Wenn man ihn denn findet.

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Machen in Vinyl: disc partner

Da gibt es zum einen die üblichen Verdächtigen wie Vinyl- und Package-Produzenten. Die machen zweifelsfrei einen guten Job. Wer sich allerdings auf der Messe gerade nach einem Hersteller für seine nächste Verpackung umguckt … Ich weiß nicht. Mehr Sinn macht da schon der recht neue Ansatz einzelner Künstler, die als Marketingsmensch in eigener Sache einen Stand betreiben, wie etwa die argentinische Pianistin Cecilia Pillado, die ihr neues Album My Piazolla an den Mann bzw. die Frau bringen möchte – allerdings mit Flyern, ohne CDs. Das ist nicht nur für potenzielle Booker schwierig, sondern vor allem auch für einsam durch die Gänge streifende Musikkritiker. Andere Labels haben wenigstens Listening-Stationen aufgebaut.

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Cecilia Pillado

Konsequent verfolgt das Konzept der Verweigerung auch ein Berliner Label- und Verlagsbetreiber, der wie immer, wenn ich ihn treffe, mit zuverlässig schlechter Laune, Maulfaulheit und Desinteresse, als zwänge ihn jemand zum Hiersein, glänzt und lieber telefoniert, anstatt mit einem potenziellen Multiplikator seiner Produkte zu reden bzw. nach wenigen Augenblicken das Gespräch durch demonstratives Abwenden als beendet ansieht. Das ist umso bedauernswerter, als dass seine Produkte wirklich mit Herzblut gemacht und einfach schön sind. Doch leider können die nicht – und damit auch nicht für sich – sprechen. Schade, dann eben nicht.

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Im Vergleich zum letzten Jahr überraschend gut besucht hingegen sind die Panels. Klar geht es auch wieder um Clouds und Streaming und E-Ticketing, aber auch verdammt spannende Themen, die nicht unbedingt alltäglich sind, haben ihren Weg auf den Konferenzplan gefunden. Auch derjenige, der selbstreferenziell im eigenen Saft schmoren möchte, wird da fündig. Ich beispielsweise mit „Daft Punk, Jai Paul and the Death of Music Journalism“.

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Muss damit arbeiten, was er hat: Pressecounter

Irritierend wiederum ist die Pressearbeit, denn es gibt keine Pressemappen. Zumindest der Mensch am Pressebetreuungscounter hatte keine und von deren Existenz auch nicht gehört. Ganz schlecht organisiert ist die Verpflegung: Im Garten eine halbe Stunde für eine Folienkartoffel – die einzige Alternative für Vegetarier am Grill – anstehen? Kalte Getränke nicht im Garten, nur versteckt im ersten Stock? Da lobt man sich den feuerroten Mini-Catering-Bus, der vor der Messe Station gemacht hat – leider aber die Auflage bekam, keine kalten Getränke auszugeben. Gewollt hätte die wahnsinnig nette Busbetreiberin schon, gedurft hat sie nicht. Lediglich Kaffee und Kuchen gibt es hier. Angesichts des Verpflegungsnotstandes verwundert es wohl kaum, dass das wirkliche Matchmaking dann auch außerhalb des Postbahnhofsgeländes stattfindet. Eines meiner nettesten Meet&Greet-Gespräche hatte ich weitab vom Schuss am Hackeschen Markt geführt – und nicht wenige Kollegen folgen diesem Beispiel.

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Lebensretter Koffein! Aber bei knapp dreißig Grad hätte man sich auch Kaltgetränke gewünscht

Fazit: Zwar habe ich den Eindruck, dass man sich diesjahr nicht mehr so sehr selbst bedauert wie noch die Jahre zuvor, dennoch scheint die Berlin Music Week auch 2013 vor allem die Schwarzmaler der Branche anzuziehen, die ein bisschen Seelentrost bei ihresgleichen – ergo: die verlorene Nestwärme – suchen. Oder, wie einer meiner Meet&Greet-Kontakte so fein formulierte: „Die Berlin Music Week ist ein Hort für jene, die jammern. Wer wirklich etwas auf die Beine stellt, den findet man dort nicht.“

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Berlin, da geht noch was!

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Und hier noch ein paar Impressionen:

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18. August 2013

Mach’s gut, Lina Liebhund!

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 22:22

Heute trauern wir um Lina. Nur ein Jahr und einen Monat, nachdem ich sie adoptiert habe, wurde sie sehr, sehr krank. Anderthalb Wochen später ist sie verstorben. Jetzt habe ich keinen Liebhund mehr. Du bist das Beste, was mir je passiert ist, meine Süße! Ich bin so froh, dass ich dich kennenlernen durfte.

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14. August 2013

Bach ist immer dabei. Der Bassist Frank Herzberg im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 19:24

Es war der Tag, an dem ich herausfand, dass mein bevorzugtes Erfrischungsgetränk, welches ich nahezu jeden Morgen im Supermarkt meines Vertrauens erwarb, gar nicht „Bio Mate“ hieß, sondern „Rio Mate“. Ein geschickter Graphiker hatte mich auf die falsche Spur gelockt. Okay, seien wir ehrlich: Ich hatte in meiner allmorgendlichen Trance die auf die Packung gedruckte Brasilien-Fahne bislang schlichtweg übersehen. Vielleicht wollte ich im Grunde meines Herzens ja auch lieber an das Etikett „bio“ glauben.

Riomate

Wie dem auch sei, dieser ansonsten recht unspektakuläre, eher grau-kalte Junidonnerstag versprach indessen auch weiterhin unter brasilianischer Flagge zu stehen, war ich am Abend doch mit dem seit sechzehn Jahren in Brasilien lebenden Kontrabassisten Frank Herzberg zum Interview verabredet. Und da dies nun wirklich nicht alle Tage passiert, habe ich hier hellwach ganz genau zugehört – nicht nur Herzbergs Album Handmade, welches bislang nur als Import zu haben war und diesen Sommer nun auch endlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz erschienen ist, sondern vor allem dem, was er zu erzählen hatte.

Ein Gespräch über das musikalische Aufwachsen in der DDR, brasilianische Musikexporte und natürlich jenen 1685 in Eisenach geborenen Deutschen, an dessen Kontrapunkt bis heute keiner seiner musizierenden Landsmänner vorbeikommt, denn schließlich habe man, so Herzberg, in der Musik ebenso wie im gesprochenen Wort, immer einen von der Muttersprache maßgeblich geprägten Akzent. Nicht zuletzt sprechen wir darüber, weshalb sich Jazz nicht wiederholen lässt, kurz: über die Magie der ersten Aufnahme, die einem Stück seinen entscheidenden kreativen Kern einzupflanzen vermag, sowie über ein gutes Ende, das alles offenlässt. Viel Freude damit!

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Frank Herzberg Trio: Alexandre Zamith (Piano/Rhodes), Frank Herzberg (Acoustic Bass), Zé Eduardo Nazário (Drums)

Klangverführer: Dein Debütalbum heißt Handmade. Glaubst du, dass die Menschen nach all den Jahren der Vorherrschaft elektronischer Musik wieder das Handgemachte suchen? Ist das Prädikat „handgemacht“ eine Art Qualitätssigel?

Frank Herzberg: Für mich persönlich war es immer so, dass akustische Musik viel länger lebt. Wenn ich mir Produktionen anhöre, wo Synthesizer benutzt werden, dann kann man die immer ganz genau einer Ära zuordnen, also beispielsweise Achtzigerjahre oder Neunzigerjahre, je nachdem, welche Sounds genommen wurden. Damit kann man sicherlich auch sehr gute Sachen machen, aber wirklich zu improvisieren, auf solchen Instrumenten, die man nicht verstärken muss, das finde ich einfach viel interessanter.

Das heißt, es ist dir auch um eine gewisse Zeitlosigkeit zu tun …

Genau.

Ich hab‘ es ja in meiner ersten Frage schon angesprochen: Handmade ist dein Debüt, obwohl du schon jahrelang Musik machst. Wie kommt man zu einem Debüt mit sechsundvierzig?

Das ist ganz komisch: Ich hab‘ den Charlie Haden in Boston getroffen, der da auch Bass gespielt hat, und er fragte mich schon damals, ob ich eine CD aufgenommen hätte. Aber es gibt so viele Leute, die gute CDs aufnehmen – und manchmal braucht man das nicht. (lacht) Ich habe lange gebraucht, bis ich wirklich Musiker gefunden habe, wo ich dann gesagt habe, hier lohnt es sich wirklich, das mal aufzunehmen, weil es etwas ist, das man vielleicht so noch nicht gehört hat. Auch wegen der Kompositionen, die unsere sind, aber vor allem wegen der Chemie, die wir haben – gerade, wenn wir live spielen, ist die schon etwas ganz Besonderes!

Diese Triobesetzung ist also die erste, die es dir wert war, auch auf CD gebannt zu werden …

Genau! Ich meine, ich habe als Musiker auf weit mehr als hundert CDs mitgespielt, aber wenn man dann wirklich anfängt, ein eigenes Projekt zu machen, das heißt: Ich muss alle Musiker ranholen, dann müssen wir Zeit zum Proben finden … Meistens hat man so viel zu tun, dass man es dann sein lässt.

Wobei: Was heißt hier „alle Musiker“? Ihr seid drei …

Aber auch das ist gar nicht so einfach! Es ist einfach so, dass Leute, die gut sind, auch viel zu tun haben. Der Pianist ist zum Beispiel Professor an der Hochschule und spielt auch viele klassische Konzerte.

Das Warten hat sich ja scheinbar ausgezahlt: Mit persönlich zumindest gefällt der unglaublich gut auf der CD, der Pianist!

Nachdem ich von Boston nach São Paulo gegangen bin, habe ich angefangen, Improvisation zu unterrichten, und der Alexandre Zamith war in meiner erste Gruppe …

Ach, er war zuerst ein Schüler von dir!

Ja, der hatte studiert – und ich habe einen Haufen Schüler, die in Berklee studiert haben und jetzt zu mir kommen –, und Alexandre war einfach interessant aus der Art heraus, wie er improvisiert. Weil er kein Jazz-Musiker ist und keinen aus dem Jazz kommenden Stil spielt. Er improvisiert aber sehr kreativ, was sich dann dahin entwickelt hat, dass wir wirklich viel frei spielen, wenn wir auftreten.

Du hast gerade gesagt, dass eins der Dinge, das dir an ihm gefällt ist, dass er nicht aus dem Jazz kommt. Aber ihr seid ein Jazz-Trio. Das musst du mir jetzt mal erklären.

Naja, meistens spielt man mit guten Musikern, die aber klingen wie jemand anders. Das ist einfach der Prozess, wenn man Jazz studiert, wenn man Beebop-Lines studiert und die technische Machart der Stücke zusammensucht, dann klingt man zwangsläufig erst mal wie Charlie Parker oder wie Monk. Einerseits ist das gut, wenn man wirklich stilgetreue Sachen spielen will, aber ich glaube, in dem bestimmten Moment, wo man eigene Sachen spielt, ist es interessanter, nicht in diese Richtung zu gehen. Aber das ist immer schwer. Wenn der Alexandre spielt, kannst du sicherlich immer noch sagen, er klingt wie Keith Jarrett, viele finden das zumindest, aber ich denke, er ist einer der wenigen Pianisten in São Paulo, die sehr eigen spielen. Auch, wenn ich andere Sachen mit ihm höre, kann ich immer sagen, das ist Alexandre!

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Stimmt es eigentlich, was ich über dich gelesen habe, nämlich, dass du schon während deiner Jugendjahre in der DDR immer Jazz machen wolltest, es aber der Wende bedurfte, damit du diesen Traum verwirklichen konntest?

Na, eigentlich nicht. Ich bin ja in Wandlitz groß geworden, und dort hatten wir ein Blasorchester in der Schule, das auch einen Schlagzeuger hatte. Ich fing dann mit sieben an, Schlagzeug zu spielen, denn mein Bruder, der dort Bassist war, wollte, dass wir eine Rhythmusgruppe sind. Ich hab‘ mir aber immer heimlich seinen Bass genommen und Bass gespielt …

War das auch ‘nen Upright?

Nee, ‘nen E. Jedenfalls wurde dann in dem Blasorchester die Stelle des Bassisten frei, denn mein Bruder und ich sind zehn Jahre auseinander, und ich habe dann angefangen, da Bass zu spielen. Das war ganz lustig, denn mein Bruder und ich haben die gleiche Schule durchschritten, die gleichen Musiklehrer gehabt … Mit dreizehn habe ich dann schon in Bands gespielt, die professionell waren, das war ganz toll für mich!

Hast du damals Bass-Unterricht gehabt oder warst du Autodidakt?

Ich war an der Musikschule Friedrichshain. Dann war aber nicht klar, ob ich nun Musik studieren oder lieber einen Beruf lernen sollte. Ich wollte jedenfalls kein Abitur machen! Das Musikstudium war das einzige Studium, wo man nach der zehnten Klasse vorspielen und dann direkt studieren konnte. Aber so weit war ich damals noch nicht. Dann bin ich nach Markneukirchen gefahren und habe mich als Instrumentenbauer beworben, wurde aber nicht angenommen. Man hat mir gesagt, ich solle mich im nächsten Jahr wieder bewerben. In diesem Wartejahr, mit etwa sechzehn, habe ich angefangen, Jazz zu spielen. Im nächsten Jahr dann wurde ich angenommen und habe eine Ausbildung zum Instrumentenbauer gemacht. Während der Ausbildung hatte ich auch richtig guten Kontrabassunterricht, und da habe ich gemerkt, dass ich das wirklich gern studieren würde. Das war im Osten aber gar nicht so einfach. Die haben mir gesagt: „Mensch, du hast doch ‘nen Traumjob!“ Es gab vier Leute pro Jahr, die Instrumentenbauer werden konnten.

Haben Instrumentenbauer eigentlich alles gebaut, oder gab es da eine Spezialisierung?

Ich habe Geigen gebaut. Es gab die Spezialisierung auf Geigen und die andere auf Zupfinstrumente, was dann vor allem die Gitarren waren. Beim Vorspiel an der Hochschule für Musik Hans Eisler haben sie mich jedenfalls nicht genommen, weil ich diesen Job hatte. Und dann habe ich auch da wieder ein Jahr gewartet, habe als Instrumentenbauer gearbeitet, bis ich beim nächsten Vorspiel angenommen wurde. Dieses Eine-Jahr-Warten zieht sich durch meine Biographie!

Hast du dir auch schon mal einen Kontrabass selbst gebaut?

Ich habe in einer Reparaturwerkstatt gearbeitet, wo die repariert wurden. Das war dann aber so ein Kapitel meines Lebens, das ich beiseitegelassen habe, weil ich am Anfang immer zwischen den Stühlen stand: Bau ich jetzt oder spiele ich?

Nach der Eisler bist du dann ans Berklee College in Boston gegangen …

Also, ich hab‘ zuerst so ein Austauschjahr gemacht. Das konnte man im zweiten Studienjahr machen, und es war wirklich mein großes Glück, dass ich diese Möglichkeit hatte!

Dazu musste man ja schon reisen können. Das heißt, du hast noch zu DDR-Zeiten angefangen zu studieren und während deines Studiums kam die Wende?

Eigentlich war es so, dass ich mich zu DDR-Zeiten beworben habe und auch angenommen wurde – und dann zur Armee musste. Dann war ich im Erich-Weinert-Ensemble, was auch noch relativ glücklich war, weil ich dort Musik machen konnte. Dann kam die Wende und ich fing an zu studieren – und innerhalb des nächsten Jahres konnte man sich mit einem Mal für ein Austauschstudium bewerben! Interessant war auch, dass an der Hans Eisler mit einem Mal viele westdeutsche Lehrer waren. Darunter auch solche, die in Berklee studiert hatten und mir dann gesagt haben, wenn du da bist, geh mal zu dem und dem, und mir auch noch andere Tipps gegeben haben, das war wirklich gut! Dann bin ich mal vorab nach Boston gefahren, habe mir die Schule angeschaut, hab mit den Leuten geredet und hab mich auch bei Charlie Banacos, dem Improvisationslehrer, der eine Warteliste von fünf Jahren hatte, schon mal eingetragen. Ich wurde dann tatsächlich auch in Berklee angenommen und bekam auch da ein Super-Stipendium, weshalb ich mit meinem deutschen BAföG zusammen mit einem Mal die Mittel hatte, drei Jahre zu bleiben. Das heißt, ich konnte das Studium erst da abschließen, und dann bin ich zurückgekommen und hab‘ es auch hier noch abgeschlossen. Ich hab‘ ewig studiert! (lacht)

Ich auch … Du bist dann aber nicht, wie man es von vielen deutschen Jazz-Musikern, die in den USA studiert haben, kennt, als Session-Musiker in die Staaten gegangen, sondern nach Südamerika. Man hört es ja auch Handmade an, dass Brasilien nicht nur deine familiäre, sondern auch musikalische Heimat geworden ist, was vielleicht auch vorrangig an deinem Schlagzeuger liegt. Ich kann mir vorstellen, gerade wenn man aus der Klassik kommt, dass diese „exotischen“ Metren nicht gerade das sind, worin man sich auf Anhieb zu Hause fühlt … Wie kam es zu dieser Brasilianisierung deiner Musik, deines Lebens?

Da war auch Berklee dran schuld! In der ersten Stunde, als ich dort ankam – der Kurs hieß „English for non-native speakers“ oder so ähnlich –, setzte die Lehrerin sinnigerweise Leute aus verschiedenen Ländern, die außer Englisch keine gemeinsame Sprache hatten, zusammen. Die Brasilianerin, mit der ich zusammengesetzt wurde, war eine Pianistin aus São Paolo, wir unterhielten uns viel, da wir viel Unterricht zusammen hatten … ja, und irgendwann funkte es dann. Und als ich dann zurückkam, war sie noch ein Jahr länger da, was heißt, dass ich oft nach Boston gefahren bin. Als sie dann aber nach Brasilien ging, sagte sie, also entweder wir heiraten, oder du gehst! (lacht wieder)

Das heißt, es war nie eine Option, dass ihr zusammen in Boston oder in Deutschland leben würdet?

Meine Frau hat gesagt, sie würde nie nach Deutschland kommen – es ist ihr einfach zu kalt hier! Und ich hab dann so gemacht (kreuzt die Finger) und gesagt, okay, ich verspreche, nach Brasilien zu kommen. Insgeheim hatte ich gedacht, ich bleibe so zwei Jahre und nehm‘ sie dann halt mit zurück … Dann kamen aber die Kinder, und wie das so ist, man muss sich, gerade in diesem Alter so um die dreißig, ja auch irgendwo hin entwickeln. Ich hatte dann ein festes Engagement in einem Orchester dort bekommen, und das war mit der Grund, dass ich da einfach eine Arbeit hatte …

In einem klassischen Orchester?

Na, eigentlich so eine Mischform. Die haben ein Wind-Ensemble, das auch mit Kontrabässen besetzt ist, die spielen viel zeitgenössische Musik, viele Sachen, die in den letzten fünfzig Jahren geschrieben wurden. Das ist ganz interessant, denn es gibt viele sehr gute brasilianische Komponisten, und wir spielen auch viel von dem Heitor Villa-Lobos, der den Bach verbrasilianisiert hat – und das sind dann auch die Einflüsse, die auf meiner CD zu hören sind. Diese Polyrhythmik und Kontrapunkte, die kommen nicht so sehr aus dem Jazz. Dabei bin ich an Harmonie, Kontrapunktierung, Polytonalität mehr interessiert als an vordergründig afrikanischen oder brasilianischen Rhythmen. Oft ist es so, dass der Schlagzeuger spielt und ich dann sage, nee, machen wir es lieber mal so und so. Bei dem ersten Titel beispielsweise, dem Don’t talk crazy, der klingt ja im Prinzip rockig, und ich hab‘ gesagt, versuch mal, was Brasilianisches dazu zu spielen, und solche Sachen entstehen dann beim Spielen. Mittlerweile haben wir so eine Chemie, dass wir, wenn wir live spielen, viele Sachen auch ändern. Wenn wir auf die Bühne gehen, ist noch nicht klar, wer beispielsweise das erste Solo macht. Das entsteht spontan, und diese Art der Kommunikation ist ganz interessant!

Das heißt, die Stücke, wie wir sie auf der CD hören, sind eine Art Momentaufnahme, und live sieht das jedes Mal völlig anders aus?

Die Themen vielleicht nicht. Mittlerweile spielen wir die Platte schon ziemlich so, wie wir sie aufgenommen haben, um nicht allzu sehr davon abzuweichen. Aber während des Improvisierens geht es dann doch mal in ganz andere Richtungen … (lacht)

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Ihr spielt jetzt schon seit mehr als zehn Jahren zusammen. Wie habt ihr eigentlich zusammen gefunden?

Ich habe mal parallel Improvisationsunterricht gegeben und Jazz im Orchester gespielt, wobei ich nicht jeden Tag zur Probe musste. Es war so ein Orchester, wo es reichte, sich drei Tage die Woche zu treffen, man hatte auch nicht so viele Konzerte, das ließ sich ganz gut einrichten. Als Improvisationslehrer habe ich auch viele Workshops gegeben, auf Festivals und so – und auf einem dieser Festivals hab‘ ich auch den Zé Eduardo Nazário, meinen Schlagzeuger, kennengelernt. Und der Alexandre, der war ja wie gesagt in meiner ersten Improvisationsschülergruppe, aber er war auch Lehrer auf dem Festival. So kam es, dass wir dann dort zu dritt irgendetwas gespielt haben, und ich dachte, klingt ja interessant! Es dauerte dann aber noch mal zwei, drei Jahre, bis wir regelmäßig zusammen gespielt haben.

Aber das auf dem Festival war also wirklich so ein Moment, wo es gefunkt hat und du gedacht hast, das ist jetzt eine Formation, für die es sich lohnt?

Nein, auch das hat ein bisschen gebraucht. Der Schlagzeuger dachte am Anfang oft, dass Alexandre nicht jazzig genug spielt. Das ist ja auch eine Frage der Stilistik. Wenn er beispielsweise einen Jazz-Beat vorgegeben hat – und er hat ja auch Jazz studiert –, dann dachte er, es funktioniert mit Alexandre nicht. Für mich war das aber auch schon damals interessanter, dieser Sound, den Alexandre produziert, weil er so … so …

… außergewöhnlich ist! Aber als Bassist musst du in erster Linie mit dem Schlagzeuger auskommen, oder?

Naja … (überlegt) Doch, das stimmt auf jeden Fall: Ich spiele lieber ohne Schlagzeug als mit einem schlechten Schlagzeuger! (lacht) Ich selbst habe aber Glück gehabt, ich habe schon mit tollen Schlagzeugern gespielt, Antonio Sanchez beispielsweise, Bob Moses oder Sebastiaan De Krom, der spielt jetzt bei Jamie Cullum, tolle Leute! In Brasilien gibt es erstaunlicherweise nur wenige Schlagzeuger, die Jazz spielen. Der Zé ist da wirklich einer der wenigen, der richtig Jazz spielen kann. Wir machen auch Touren mit amerikanischen Musikern, wo wir beide mitspielen, und wo es dann auch wirklich wie Jazz klingt.

Und woran liegt das? Weil die Musik des Landes eher aus der percussiven Tradition kommt?

Das ist einfach eine Frage der Stilistik der Sprache. Jazz und Englisch, das harmoniert einfach. Wenn eine brasilianische Bigband daherkommt, das klingt zwar gut, aber man hört einfach keinen echten amerikanischen Jazz. Das liegt daran, dass du, wenn du Englisch sprichst, anders phrasierst als wenn du Portugiesisch sprichst.

Willst du damit sagen, dass die musikalische Phrasierung eng mit der Phrasierung der Sprache, des gesprochenen Wortes, verknüpft ist?

Ja, ganz klar! Das ist ganz ähnlich. Ob man nun Sprachen unterrichtet oder Musik unterrichtet, man hört, wie eng das verknüpft ist. Wenn jemand aus Lateinamerika kommt … Danielo Perez hat mal gesagt, er wird nie wie ein amerikanischer Jazzpianist klingen können. Er kommt aus Panama und kann beim Spielen darauf zurückgreifen. Man kann nur spielen, was man weiß, und das ist ja auch okay so! Das ist auch bei Europäern so: Wenn europäische Jazzmusiker versuchen, amerikanischen Jazz zu spielen, haben sie einen unheimlichen Akzent. Das ist genauso wie wenn ein Deutscher Englisch spricht, man hört eben, dass er Deutscher ist.

Wenn deine Theorie stimmt und der musikalische Akzent an die Muttersprache gebunden ist, dann müsstest du am Bass ja einen deutschen Akzent haben …

In gewisser Weise habe ich den. Bach ist immer da! Bei den Deutschen ist es die barocke Musik und gerade Bach, was den Kontrapunkt angeht, der größte Einfluss der immer mitschwingt. Es war auch ganz toll, das letzte Konzert, das ich jetzt vor meiner Abreise am Sonntag gespielt habe – ich hatte Sonntag früh noch ein Konzert! –, das waren die Bachianas von Villa Lobos, dann bin ich hier angekommen und wir sind ins Bach-Museum gegangen. Das begleitet mich einfach irgendwie. Ich versuche auch ab und zu, die Cello-Suiten zu spielen …

Oh, die mag ich sehr gern! Ich höre wenig klassische Musik, aber wenn, dann Bachs Cello-Suiten. Ich habe das Gefühl, dass sie irgendwie den Geist aufräumen.

Die sind einfach technisch … Die sind für ein Instrument geschrieben, haben aber eben doch einen Kontrapunkt!

Spielst du auch Cello?

Ich spiele sie auf dem Bass, die gibt es auch im Bass-Schlüssel. Bach war es relativ wurscht, worauf man sie spielte …

Das waren damals eh alles Gamben, meinst du?

Genau, und so richtig hat sich Bach auch keinen Kopf darum gemacht, wer sie nun spielt. Aber noch einmal zurück zu der Sache mit dem Akzent: Ich war auf einem Kindergeburtstag und sprach dort mit einem Radiodirektor, zu dem ich gesagt habe, Mensch, es wär‘ doch toll, wenn hier in São Paolo mehr Jazz käme im Radio. Und er meinte, ist ‘ne gute Idee, mach doch mal ‘nen Pilot! Und ich habe zu ihm gesagt, dass ich so einen furchtbaren Akzent habe, aber er meinte, das wäre vielleicht gerade lustig. Also habe ich den Piloten, den ich selbst moderiert habe, aufgenommen. Der Radiodirektor fand ihn toll und sagte, komm mal her, wir reden da mal drüber! Du kannst ihn nämlich leider nicht moderieren, man versteht kein Wort! (lacht) Er wollte dann einen Moderator vom Radio, aber wenn die keine Ahnung von Jazz haben, ist das auch nichts, dann bringen die alles durcheinander. Also haben wir beide gesucht und letztendlich einen Bassisten gefunden, der seit über sechzig Jahren beim brasilianischen Fernsehen arbeitet, mit achtzig Jahren spielt der immer noch in so einer Fernseh-Band! Der hat sich interessiert, und da er auch eine tolle Geschichte hat, habe ich ihn dann einmal die Woche da und wir nehmen eine Sendung auf. Das ist etwas, was mir wichtig ist, dass Jazz mehr präsent ist.

Ist das ein Privatsender oder ein öffentliches Radio?

Privat.

Ich frage, weil ich gehört habe, dass es in Brasilien viel mehr staatliche Jazz-Förderung als bei uns geben soll …

Es gibt Fördergelder, das ist aber ganz ähnlich wie hier. Ich habe mir neulich gerade mal hier in Berlin einen Förderantrag angeschaut, wie das funktioniert und so, und das ist genau so wie in Brasilien, dass man eben für ein konkretes Projekt, die Aufnahme einer CD oder so, Fördergelder beantragen kann. Was aber stimmt ist, dass es in Brasilien viel Geld dafür gibt.

Ich hatte immer die Vorstellung im Hinterkopf, dass sich Brasiliens Kulturförderung nicht nur um die sogenannten hohen Künste kümmert, sondern auch um die populäre Kunst, Unterhaltungsmusik und so.

Das Problem in Brasilien ist, dass die Medien wirklich sehr, sagen wir mal: populistisch sind. Die verkaufen ein Image von Brasilien, das eigentlich ziemlich traurig ist, ziemlich billig. Die Musik aus Brasilien, die man hier in Europa hört, ist im Grunde ganz furchtbar!

Ich glaube, das letzte, was ich bewusst gehört habe, war Bebel Gilberto …

Das ist dann aber schon die bessere Variante. Sonst gibt es eher so was wie Daniela Mercury, das ist dann so mehr Pop. Manches klingt im Grunde auch wie Reggae. Mit ganz schlimmen Texten. Für das Kulturministerium ist Kino und Musik eines der wichtigsten Exportgüter, denn es werden sehr gute Filme gemacht – und eigentlich auch sehr gute Musik! Leider ist es so, dass die meisten Musiker dann nach Amerika oder Europa ziehen. Wahrscheinlich leben mehr brasilianische Musiker außerhalb Brasiliens als in Brasilien.

Und spielen dann oft auch keine brasilianische Musik mehr.

Doch, oft spielen sie diese noch. Ich habe gerade neulich jemanden kennengelernt, der schon seit vierzig Jahren in München lebt und dort brasilianische Musik macht und immer schon gemacht hat. In Brasilien gibt es ja auch diese nationale Vor-Bossa-Nova-Musik, Choro, traditionellerweise Chorinho genannt, eine brasilianische Erfindung, die zum Teil noch mit klassischen Instrumenten gespielt und auch teilweise improvisiert wird. Das ist eine rein instrumentale Musik, die sich um 1870 aus einer interessanten Mischung aus europäischer Tanzmusik und afrobrasilianischer Musik entwickelte. Aktuell gibt es in Brasilien eine Chorinho-Welle, die die jungen Leute wieder begeistert.

Nach Bossa Nova bzw. Neo Bossa also Chorinho nuovo … Bei uns gab es 2008 zum fünfzigsten Geburtstag des Bossa Nova eine Riesen-Bossa-Welle, aber der Chorinho ist noch nicht wieder rübergeschwappt.

Musst du mal auf YouTube reinhören, da sind auch ein paar ganz bekannte Sachen dabei, die du sicher auch kennst, zum Beispiel dieses Tico-Tico no Fubá von 1943. Das hat 1976 sogar Charlie Parker aufgenommen, eine ganz bekannte Melodie! Die Chorinho-Renaissance ist auf jeden Fall schon in Frankreich angekommen. Frankreich war komischerweise schon immer eine Art „Auffangbecken“ für brasilianische Musiker, die studieren in Frankreich, bleiben dann dort und spielen ihre Musik. Es gibt aber auch Musiker, die zurückkommen, und in Brasilien dann die französische Variante ihrer Musik vorstellen, das ist schon interessant!

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Ich werde auf jeden Fall mal reinhören! Kommen wir aber mal zu deinem Album selbst, wir haben jetzt so viel über brasilianische Musik geredet, aber noch überhaupt nicht richtig über Handmade. Ich gebe zu, dass ich persönlich ein bisschen gebraucht habe, in das Album reinzukommen, mich hattest du erst mit dem vierten Stück, diesem odd-meterigen Lorca. Das angezerrte Bass-Solo darauf finde übrigens ganz ich toll! Was ist das eigentlich für ein Effekt, der da drüber liegt?

Gitarren-Distortion und ein Octaver, der den Bass zwei Oktaven nach oben hebt. Das war eine Sache, die im Grunde während der Aufnahme entstanden ist, zwischen Schlagzeug und Bass. Wir haben dem Pianisten nicht gesagt, was wir da vorhaben, ich habe das ganz normal eingespielt. Und im Studio ist das ja ganz einfach, es dann zu verzerren. Er hat zuerst ziemlich geguckt, als er es gehört hat, fand es aber hinterher ganz toll.

Man muss ja auch den inneren Jimi Hendrix mal rauslassen … Ich mag aber auch das nächste Stück, Too Much, sehr gern, besonders den Groove! Der Titel geht ja auf einen Ausdruck von deinem Lehrer Charlie Banacos zurück …

Ja, der Charlie hatte einen recht großen Einfluss auf mich. Ich war ja erst in Boston und habe ihn besucht. Danach habe ich sogenannte Correspondence Lessons bei ihm genommen, das heißt, er hat Übungen nicht nur aufgeschrieben, sondern auch auf ein Tape aufgenommen und mir zugeschickt. Ich habe sie dann geübt, das Ergebnis aufgenommen und zurückgeschickt. Wir haben vielleicht einmal pro Monat so ein Tape hin und hergeschickt. Als ich dann fest in Boston war, habe ich dadurch gleich bei ihm studieren können. Charlie, der leider schon verstorben ist, war eine Person, die unheimlich spirituell war und eine gute, positive Ausstrahlung hatte. Er wohnte außerhalb von Boston, man musste einen Zug nehmen – und Boston im Winter war wirklich manchmal meterhoch verschneit! –, ich bin also mit meinem Bass eine Stunde mit dem Zug gefahren und dann noch einmal zehn Minuten durch den Schnee gestapft und kam dann in sein Studio. Dort hatte man dann dreißig Minuten Unterricht, aber man ist hinterher rausgekommen und war wie: Yeah! Er war einfach so positiv! Und er machte auch immer kleine Späße. Zum Beispiel war vor mir normalerweise ein anderer Student da, und ich habe im Vorraum gewartet und dem anderen noch zugehört. An einem Tag war es aber ruhig, also klopfte ich an die Tür, in der unten eine Hundeluke eingelassen war, und plötzlich geht die Hundeluke auf und Charlie ruft „Hey, man!“, um mich zu erschrecken. Das waren so seine Späße. Und „Too much“ geht darauf zurück, dass er, wenn man gut gespielt hat, eben „too much!“ rief.

Also im Grunde ein Kompliment. Gratulieren kann man dir auch zu deinem Mut, auf deine CD noch eine komplette viersätzige Suite zu nehmen, was auf den ersten Blick recht ungewöhnlich scheint. Den ersten Satz The Drums, bevor die Band einsetzt, finde ich dann auch schon etwas sehr special interest, das ist schon ‘ne harte Nummer, aber The Piano gefällt mir wieder unheimlich gut, das ist sehr sexy! Die ganze Suite experimentiert mit – für den westeuropäischen Hörer – untypischen Metern. Was reizt dich so daran, beispielsweise eine Blues-Melodie auf eine ungerade Taktzahl zu verteilen?

Naja, das war so, als ich das komponiert habe, hatte ich auch gerade mit meinen Schülern Übungen in allen Tonarten gemacht, da gibt es eine Seite, wo ich alle zwölf Tonarten durcheinander aufgeschrieben habe, ganz aleatorisch ohne Verbindung zueinander, und mit dieser Seite übe ich auch immer. Und plötzlich dachte ich, eigentlich ist das ein Blues. Zwölf Töne, zwölf Takte, das ist ein Blues. Und dann habe ich angefangen, über diese zufällig verteilten Tonarten eine Melodie, einen Kontrapunkt drüberzuschreiben. Dann habe ich mir gedacht, jetzt schreibe ich auch noch einen zweiten Kontrapunkt dazu, und irgendwann war dann das erste Stück fertig. Die anderen Stücke kamen dann wie von allein, denn ich dachte, wenn man etwas für Schlagzeug geschrieben hat, muss man auch den anderen ein Solo geben. Das Bass-Stück habe ich aber komischerweise nicht am Bass geschrieben, sondern richtig auf Papier auskomponiert. Und das Pianostück ist im Grunde ein harmonisierter Blues, weshalb dann einfach die Idee da war, mal zu gucken, was man mit einem Blues machen kann. Das war komischerweise alles schnell geschrieben. Normalerweise schreibe ich langsam. Wir waren aber zu einem Festival eingeladen und wollten das dort spielen, also habe ich schnell gemacht.

Die CD wurde ja auch unheimlich schnell aufgenommen: innerhalb von nur zwei Tagen!

Ja, in acht Stunden insgesamt, zwei Tage à vier Stunden. Das war eine unheimliche Rennerei, denn der Pianist war gerade in der Jury bei einem Klavierwettbewerb, und der Schlagzeuger lebt in einer anderen Stadt. Als er gerade vor Ort war, weil er hier Unterricht gegeben hat, hatte er mal kurz Zeit, also machten wir das dann mal. Das war wirklich eher wie eine Sache für mal so nebenbei. Das hat dann auch richtig gedauert, die CD zu mixen! Als ich sie aufgenommen habe, empfand ich, dass wir live wesentlich besser spielen. Ich habe wirklich ewig gebraucht ehe ich die Muse hatte, mich da erst einmal durchzuhören und alles zu mixen, aber als sie dann fertig war, war mit einem Mal alles okay. Wir haben sie also schnell aufgenommen, aber es hat gedauert, bis sie dann fertig war. Was man auf der CD hört, ist auch zum Großteil jeweils der erste Take. Wir haben von allen Stücken zwei Aufnahmen gemacht, weil wir schnell gespielt haben, aber … Ich arbeite oft mit Aufnahmen und muss immer wieder feststellen, dass es oft so ist: In dem Moment, in dem man das Stück zum ersten Mal spielt, setzt man sich damit auseinander. Wenn du es dann wieder spielst, fehlt dir der entscheidende kreative Kern. Das erlebe ich ganz oft.

Ich hätte jetzt geglaubt, man wird besser und besser, je mehr Versuche man hat und je mehr Zeit man sich lässt …

Auch bei Aufnahmen, für die du eine Woche Zeit hast – das habe ich jetzt gerade in Rio erlebt, da hatten wir eine Woche Zeit um etwas aufzunehmen, mit einem Gitarristen, der hat da ein großes Studio, das war ganz toll – aber oftmals waren auch da die ersten Takes die kreativsten. In dem Moment, wo du sagst, mach es noch mal, das können wir besser: Wiederholen von Jazz (macht ein verneinendes Geräusch).

Weil die Naivität des ersten Mals weg ist?

Naja, bei bestimmten Sachen kommt man dann einfach zu so einem Punkt, wo man anfängt, immer das Gleiche zu spielen. Da spielt man dann schon mal die gleiche Einleitung für sein Solo. Wenn man es aber zum ersten Mal spielt und sich vielleicht auch gar nicht unbedingt so viele Gedanken dabei macht, kommt oft etwas dabei heraus, was man so noch nie gespielt hat.

Der improvisatorische Moment ist dir also wichtiger als Perfektion. Vorhin hast du erwähnt, dass du das Bass-Stück der Suite gar nicht auf dem Bass geschrieben hast. Wie ist das generell bei dir? Orientierst du dich viel an Bass-Spielern oder lieber an anderen Sachen?

Ich höre ganz wenige Bassisten, ich höre tatsächlich lieber Saxophonisten. Mein Lehrer Charlie Banacos war Pianist, und ich selbst habe viele Geiger als Schüler. Wenn man Improvisation unterrichtet, setzt man voraus, dass der Schüler sein Instrument schon spielen kann, denn er lernt hier keine Technik, sondern wie man improvisiert. Man lernt zwar auch im Jazzstudium Technik, denn im vorangehenden Klassikstudium hat man sein Instrument erst auf eine klassische Art und Weise spielen gelernt, aber bei der Improvisation geht es darum, dass du die harmonische Struktur eines Stückes verstehst und später dann Sachen darüber spielen kannst, die eine bestimmte Färbung hervorrufen. Man geht erst einmal die Organisation eines Stückes durch, sagt dem Schüler beispielsweise, hör dir mal an, wie es klingt, wenn du das von der ersten oder von der dritten Stufe ab spielst. Es geht darum, dass sie erst einmal sehen, was sie für Möglichkeiten haben. Unter meinen Schülern sind Bläser, Pianisten – aber komischerweise wenig Bassisten. Vielleicht gibt es wenig grundlegenden Bass-Unterricht, vielleicht liegt es daran.

Mittlerweile hast du ja sogar Online-Schüler, denn du gibst Online-Improvisationskurse. Basiert das auf deiner Erfahrung, wie du mit Charlie Banacos Tapes ausgetauscht hast?

Genau. Ich habe das schon lange gemacht, bevor die in Berklee offizielle Online-Kurse angeboten haben. Die Idee ist ganz einfach: Du machst ein paar Übungen mit einem Schüler, lässt ihn ein bisschen spielen und siehst erst mal, wie weit der ist. Dann schickt der dir das per E-Mail …

Ach, das läuft gar nicht über Skype oder eine andere Live-Schaltung?

Nein, als Videodatei. Die gucke ich mir auf meinem Monitor an um zu sehen, wie der spielt, manchmal spiele ich auch mit, und dann kann ich ihm sagen, an welcher Stelle er ein bisschen mehr dazugeben oder wo er bestimmte Sachen vereinfachen muss. Das funktioniert ganz gut. Wobei natürlich so ein Live-Unterricht besser ist, weil wir da in einer Stunde Unterricht wirklich fast eine Stunde lang spielen. Da gibt es dann die Übungen und wir sagen, spielen wir mal! Denn es dauert immer eine ganz schöne Zeit, bis du theoretisch verstanden hast, welche Sachen in deinem Spiel auftauchen.

Lass mich zum Abschluss noch mal auf deine CD, insbesondere auf die Suite am Ende deiner CD, zurückkommen. Wenn man sich die Liner Notes ansieht, die du dazu geschrieben hast, liest man, dass dein Album mit einem verminderten G7-Akkord endet, „der alles offenlässt“. Möchtest du den Hörer damit anregen, selbst über eine mögliche Weiterentwicklung nachzudenken?

Das ist jetzt mehr eine philosophische Frage. Man kennt ja die Geschichte von Mozart, der einen spielen hörte …

… den, der den Akkord nicht auflöst? Ich kenne die Geschichte mit Bach. Sein Sohn sollte ihm zum Einschlafen etwas auf dem Cello vorspielen, und sobald der dachte, dass sein Vater jetzt schliefe, hörte er mitten im Stück auf. Bach sprang aus dem Bett, stürzte erst ans Cello, löste den Akkord auf, und verprügelte dann seinen Sohn!

Ich kenne es so, dass Mozart bei irgendeinem Fürsten eingeladen war und im Nebenraum jemand Klavier spielte. Und dieser jemand hörte auf der Dominante auf zu spielen. Mozart lief schnell in den Nebenraum und führte das Stück zur Tonika zurück.

Scheint ja eine Art musikalische Urban Legend mit austauschbaren Protagonisten zu sein!

Jedenfalls endet der Blues aber immer dominant und löst sich nie auf. Dabei kommen die Leute, das merkt man auf Konzerten, damit nicht klar, die warten nach dumm-dumm (singt zwei Dominanten) auf domm (singt eine Tonika).

Das heißt, wir sind schon so versaut von dem Tonika-Dominante-Subdominante-Tonika-Schema des Formatradios, dass uns alles darüber hinaus schon stresst?

Ach nein, darauf wollte ich gar nicht hinaus. Für mich ist so ein offenes Ende einfach eine philosophische Sache. Im Leben ist es ja auch so, man weiß ja nie, was noch kommt. Daher denke ich, dass das ganz gut getroffen ist. Das war mehr ein Zufall, dass wir das Ende nicht aufgelöst haben.

Also kein konzeptioneller Verweis auf das potenzielle Folgealbum …

Nee, nee. Wobei … Vielleicht! Manchmal läuft so was ja eher unbewusst. Und wenn ich jetzt so drüber nachdenke: In gewisser Weise hast du Recht. Wir hatten nämlich ursprünglich noch einen Song mehr aufgenommen, der mit auf das Album sollte, den ich dann aber nicht mit draufgenommen habe, weil ich gesagt habe, den können wir besser spielen. Der hätte die Geschichte im Grunde auch aufgelöst, da fehlt hinten jetzt noch ein Stück, das stimmt schon. Wir haben aber jetzt live so viel gespielt, dass wir auch schon das Repertoire für eine neue CD zusammen haben. Ich habe aber vor, da noch ein paar weitere Mitmusiker einzuladen. Ich werde das Trio zwar in seiner jetzigen Form weiterführen, aber für die CD hätte ich gern noch weitere Musiker. Ich habe zum Beispiel ein paar sehr gute Schüler, die sehr eigen spielen und wirklich Persönlichkeit haben. Und natürlich würde ich auch gern jemanden Bekannten einladen, wie Branford Marsalis.

Darauf bin ich schon sehr gespannt! Erst aber einmal danke ich dir für dieses Interview.

Handmade Cover

Handmade ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz am 12. Juli 2013 bei Mvh-Music erschienen. Sie wird in Kürze auf fairaudio.de als Platte des Monats August vorgestellt.

5. August 2013

Luxushotels und Kreuzfahrtschiffe: die Hochsommerausgabe von Victoriah’s Music ist da

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 09:11

„Der Sommer wird weiblich – zumindest, wenn es nach der leicht ironisch mit Fräuleinwunder. Edition Damenwahl betitelten, neuen Kompilation aus dem Hause Edelkultur geht, die sich zum Ziel gesetzt hat, deutschen Sängerinnen von Pop bis Jazz eine weitere öffentlichkeitswirksame Plattform zu bieten. Treue fairaudio-Leser treffen hier auf eine Handvoll alte Bekannte wie etwa Kitty Hoff, Meike Koester, Pat Appleton, Jasmin Tabatabai, Bodo & Herzfeld oder Fola Dada, die wir letzten Sommer bei Bartmes gehört haben, und die hier mit der SWR Big Band, ganz viel brasilianischem Feeling und einer der stärksten Stimmen dieses an grandiosen Sängerinnen ohnehin nicht gerade armen Albums am Start ist. Wer schon immer einmal all die tollen Künstlerinnen, die regelmäßig in Victoriah’s Music vorgestellt werden, auf die Ohren bekommen wollte, sich bislang aber – unter welchem fadenscheinigen Vorwand auch immer – nicht aufraffen konnte, ihre Alben zu kaufen: Hier bekommt er gleich achtzehn von ihnen auf einen Streich, mal zauberhaft leicht wie beim Berliner Duo Berge mit seinem Meer aus Farben, mal fingerschnippend lässig wie bei der von Michy Reincke geförderten neuen Hamburger Stimme Katharina Vogel mit Wunder, mal zerbrechlich-introspektiv wie bei Cristin Claas und ihrem Trio mit dem songpoetischen So weit. […]“

Weiterlesen? Das geht – wie immer auf fairaudio.de, Ihrem Lieblings-Online-HiFi-Magazin. Besprochen wurden:

  • Fräuleinwunder | Edition Dahmenwahl
  • DePhazz | Naive
  • Samirah Al-Amrie | Miraloo. Loop Songs
  • Zukunft und die Lichter | Vergiss, was gestern war
  • Stefan Gwildis & NDR Bigband | Das mit dem Glücklichsein
  • Lasse Matthiessen | Carry Me Down
  • Karen Souza | Hotel Souza
  • Café Del Mar | Volumen Diecinueve (XIX)

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Tangorhythmen wird man auf dem Album der gebürtigen Argentinierin vergeblich suchen, hat sich Karen Souza doch ganz den opulent arrangierten Klängen einer Zeit verschrieben, als die Jazz-Welt zwischen raffinierten Cocktailkreationen und mondänen Dinners in luxuriösen Hotels aufspielte.

31. Juli 2013

Cohen sehen und sterben
— Nachlese zum Berlin-Konzert vom 17. Juli 2013 —

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 07:24

Unter selber Überschrift stand schon meine Konzertkritk von Cohens World Tour 2010, denn eigentlich ist diesem Stoßseufzer nichts hinzuzufügen. Kritisches schon mal gar nicht, denn Cohen ist heilig und vor Heiligen hat das gemeine Fußvolk in Ehrfurcht zu erstarren, nicht aber an ihnen herumzukritteln. Und eine weitere Lobpreisung hat der „Godfather of great singers who can’t sing“ vermutlich so nötig wie ich das allsamstagmorgendliche Aus-dem-Schlaf-Gerissenwerden via Presslufthammer vor meinem Schlafzimmerfenster. Nämlich gar nicht. Und so hat es auch exakt vierzehn Tage gedauert, bis ich mich entschlossen habe, doch noch etwas über Leonard Cohen zu schreiben. Es ist auch gar nicht als Konzertkritik im üblichen Sinne zu betrachten, eher als themenbezogene Meinungsäußerung.

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Nachdem das nun einmal klar gestellt ist, kann es auch schon losgehen mit dem Gemecker. Punkt eins: Die o2-Arena! Ein schrecklicher Ort! Schon Barbra Streisand haben wir hier erduldet, und nun also Leonard Cohen. Die Akustik ist zwar nicht so schlimm, wie man meinen könnte. Den Zauber einer Waldbühne wird diese Mehrzweckhalle allerdings nie auch nur in Ansätzen entfalten. Wer irgend kann, besorge sich Premium-Tickets, sonst schafft man es in einer fünfundvierzigminütigen Pause nicht einmal aufs Klo. Es gibt – für Frauen – zu wenig sanitäre Anlagen, obwohl man hätte meinen können, dass den Architekten bewusst sein müsste, etwa dreimal so viele Frauen- wie Männerklos zu planen. Chance vertan. Über die überteuerte Getränke- und rein-nur-mit-Plastikbechern-Politik der o2-World wollen wir hier mal dezent schweigen. Ist schon klar, dass man hier kein Picknick machen kann wie in der Waldbühne – schön ist trotzdem anders.

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Punkt zwei: Cohen bringt im Grunde genommen – nicht nur was die Setlist, sondern auch, was die Besetzung angeht – seine 2008-2010er Tour noch einmal auf die Bühne. Okay, das ist jetzt Jammern auf ganz ganz hohem Niveau. Cohens letzte Tour kann eigentlich gar nicht oft genug wiederholt werden. Und so eröffnet er das erste Set des Abends gewohnt routiniert mit Dance Me to the End of Love, gefolgt von The Future. Das vor drei Jahren an dieser Stelle gespielte Ain’t No Cure for Love fällt weg, dafür folgen wieder Bird on the Wire und Everybody Knows. Auch das damals gespielte In my secret Life musste weichen, Who by Fire wird vorgezogen. Doch dann zeigt Cohen, dass er es nicht auf eine bloße Wiederholung seiner wahnsinnig erfolgreichen letzten Tour abgesehen hat und die 2013er Old Ideas-Tour ihren Namen zu Recht trägt. Schließlich ist in der Zwischenzeit sein lange gereiftes Album Old Ideas erschienen – und tatsächlich reichert er sein Programm auch mit Stücken daraus an.

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I’ve got no future/I know my days are few, röhrt Cohens Gänsehautbass bei The Darkness, und die Hammond orgelt dazu. Es sind die neuen Stücke, die das Publikum in Cohen-Fans der alten Schule (die das Album nicht kennen, sich gar weigern, es zur Kenntnis zu nehmen, denn es kann ja nicht so gut sein, wie seine alten Sachen, die sie für die einzig wahren halten) und erst kürzlich in sein Werk Eingestiegene teilt. Ich selbst bin erst seit Live in London vom August 2010 dabei, brüste mich aber damit, im Zeitraffer Jahrzehnte Cohen’scher Lyrik nachgeholt zu haben. Außerdem gefällt mir Old Ideas. Gefällt mir sehr! Das wiederum machte den Devotionalienerwerb schwer, denn alles, was der Händler so hatte, musste ich mit einem müden „Hab‘ ich schon“ abtun. Nur die massiv beworbene Solo-CD Everybody Knows von Background-Sängerin Sharon Robinson hatte ich noch nicht – wollte sie aber auch nicht.

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Vermutlich war das ein Fehler, denn bei Stücken wie Amen (Tell me again) oder Come Healing (of the Spirit) fällt einmal mehr auf, dass man sich die Arrangements ohne den Engelssatzgesang Robinsons und der göttlichen Webb-Sisters gar nicht mehr vorstellen kann. Was für die 2010er-Tour galt, gilt auch hier: Endlich, endlich haben die Stücke Leonard Cohens die Arrangements bekommen, die sie schon immer verdient hatten. Cohen hat mit seinen Musikern gewissermaßen nichts Geringeres als den finalen Aufbau, die definitive Ordnung seines Werkes gefunden. Wie bin ich froh, den Stücken in dieser Phase begegnet zu sein – andernfalls wäre ich vielleicht nie solch ein glühender Cohen-Fan geworden!

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Lover Lover Lover (Come back to Me) schließt das erste Set ab, und viele mittelalte Damen im Publikum fühlen sich persönlich angesprochen und kreischen inbrünstig mit. Dennoch bleibt nach diesem erste Set ein irgendwie unbefriedigtes Gefühl: Das soll es jetzt gewesen sein? Wo ist der Funke geblieben, der 2010 so schnell übersprang? zugegeben: Die Stücke des erstens Sets haben alle eine recht ähnliche musikalische Diktion; und auch die ersten Songs von Set zwei – Tower of Song, Suzanne, Chelsea Hotel #2, Sisters of Mercy – klingen alle so, als hätte man ihnen einen eher rockigen, vor allem aber sehr gleichförmigen Anstrich verpasst.

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Bei The Partisan rasten die Leute regelmäßig aus – so auch hier. Selbst, wenn ich die Geschichte des Songs kenne und schätze – ich weiß nicht, für mich ist die Begeisterung über ihn zum Gutmenschenlippenbekenntnis bekommen und ich fange an, mich über einige Altachtundsechziger im Publikum freumdzuschämen. Was nicht an Cohen liegt. Der imponiert mir. Und das umso mehr, wo er während Sharon Robinsons Solo-Ballade Alexandra Leaving andächtig lauschend neben ihr stehen bleibt. Wo die Streisand die Nummern ihrer Mitmusiker nutzte, um hinter der Bühne zu verschwinden, zeigt der 79-jährige – der übrigens immer noch sexy wie die Hölle ist – respektvolle Präsenz. Und Präsenz hat auch die Grabesstimme des Dichtersängers, die mit voranschreitender Zeit immer besser zu werden scheint – nicht nur mit den Jahren, wie ein guter Wein, sondern auch im Verlauf des Konzerts selbst. I’m your Man konstatiert er – und vermutlich gibt es mittlerweile kaum noch jemanden im Saal, der das nicht glaubt.

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Und dann singt, nein: predigt Cohen sein Hallelujah, und auch ich bin erstmals an diesem Abend erfüllt von stillem Glück. Wenn nur wegen dieses Liedes – der Abend hätte sich gelohnt. Er muss ihn schon tausende Male gesungen haben, seinen Signature-Song, und immer noch gelingt es ihm, Ergriffenheit hervorzurufen – nicht zuletzt bei sich selbst. Da ist im Publikum kein Halten mehr, und zu den Klängen von Take this Waltz pilgern die Glücklichen, die ihren Platz nicht auf den Rängen, sondern im Innenraum haben, in Scharen zur Bühne, laufen ihrem Priester zu wie einst die ersten Jünger bei der Bergpredigt.

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Dass das zweite Set und damit das Konzert offiziell eigentlich beendet ist, will weder das Publikum noch Cohen selbst einsehen. Es folgt Zugabe Nummer eins. Wer über ein fast fünf Jahrzehnte umfassendes Hitrepertoire wie Leonard Cohen verfügt, kann es sich leisten, Publikumslieblinge wie So long, Mariann erst jetzt zu bringen. Unter uns: Ich hätte lieber noch etwas aus Old Ideas gehört, und auch die Solo-Nummer der Webb-Sisters If It Be Your Will vermisse ich schmerzlich. Ganz unter uns: Bis jetzt hat mir das 2010er-Konzert besser gefallen. Dann aber spielt er als zweite Zugabe zu meiner grenzenlosen Freude mit Going Home aus Old Ideas meinen aktuellen Cohen-Favoriten. Und wie er den spielt! Going home without my sorrow/Going home sometime tomorrow/Going home to where it’s better than before//Going home without my burden/Going home behind the curtain/Going home without the costume that I wore symbolikt er und erschafft damit einen wunderschönen Abschluss dieses Abends.

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Doch was heißt hier Abschluss? Für mich in meiner Going Home-Seligkeit wäre der Uptempo-Rausschmeißer First We Take Manhattan nicht nötig gewesen, aber in der deutschen Hauptstadt fährt man auf den Song ob seiner Zeile Then We Take Berlin total ab. Klar, dass er den hier spielen muss, angestachelt von einem Publikum, das ich im Grunde für recht empfindsam halte, unter dem sich aber auch ein überraschend hoher Anteil von Kirmestechnodeppen zu verbergen scheint, für die es ordentlich rumsen muss. Alles rast. Mir selbst ist die spirituelle Stimmung, die Going Home – ebenso wie Hallelujah – heraufbeschworen hatte, gründlich kaputtgemacht worden und ich komme mir vor wie am Ballermann.

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Glücklicherweise hat Cohen mit den sensibleren unter seinen Anhängern ein Einsehen und spielt noch eine vierte Zugabe, die nichts von der Außer-Rand-und-Band-Atmosphäre ihres Vorgängers hat: Famous Blue Raincoat von Cohens 1971er Songs of Love and Hate haben wohl schon viele in ihrer Jugend gehört, die sich auch jetzt paarweise zum Tanze wiegen, und auch ich bin wieder ganz versöhnt. Umso mehr, als dass jetzt doch noch If It Be Your Will gespielt wird, das ich so sehr habe hören wollen. Wenn man sich etwas so sehr wünscht und dann passiert es – das ist zunächst ganz unwirklich. Aber schön. Und dann spielt der alte Sack, der auch ohne seine Band nur mit der Gitarre in der Hand in der Großraumarena bestehen kann, tatsächlich noch Closing Time von seinem 1992er-Studioalbum The Future, und besser könnte er den Abend nicht ausklingen lassen:

    • Ah we’re drinking and we’re dancing
    • and the band is really happening
    • and the Johnny Walker wisdom running high
    • And my very sweet companion
    • she’s the Angel of Compassion
    • she’s rubbing half the world against her thigh
    • And every drinker every dancer
    • lifts a happy face to thank her
    • the fiddler fiddles something so sublime
    • all the women tear their blouses off
    • and the men they dance on the polka-dots
    • and it’s partner found, it’s partner lost
    • and it’s hell to pay when the fiddler stops
    it’s closing time!

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Aber von wegen Sperrstunde, denn Cohen scheint nicht nur über schier unerschöpfliche Energievorräte zu verfügen – er wird mit jeder Zugabe munterer und präsenter, als hätte er sich erst jetzt so richtig warmgesungen. Es ist so richtig Stimmung in der Bude. Heilig ist die Atmosphäre jetzt zwar nicht mehr, aber das macht überhaupt nichts, denn Cohen wird immer besser. Go, Lenny, go! Und das tut er, er springt und hüpft und singt und scherzt – gehen lassen wollen wir den nicht mehr! Passenderweise beginnt Zugabe Nummer sieben mit der Zeile I tried to leave you. Das nennt man dann wohl dramaturgischen Humor, und das Publikum liebt es, auch wenn die Gitarre hier ganz schön Gary Moore-t. Jeder soliert noch einmal, auf dass wir uns aber- (und hoffentlich nicht letzt-)malig an dem grandiosen Line-up erfreuen können. Cohen ist in Hochform, dennoch kommt man nicht umhin zu denken: Der arme Mann! Lasst ihn doch endlich nach Hause gehen! Und das tut er, nachdem er uns mit dem Drifters-Millionenseller Save the last Dance for Me aus dem Jahr 1960 bittet, den letzten Tanz den Abends für ihn zu reservieren. Keiner, der sich dem verweigert. Auf den Rängen tanzt gar ein altes Paar, das vermutlich schon vor mehr als fünfzig Jahren zu dieser Nummer in inniger Umarmung versank. Und wo andere Künstler schon längst mit Kamillentee und Halswickel im luxuriösen Hotelbett lägen, gibt Cohen noch einmal alles. Es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal wiederkommen wird.

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21. Juli 2013

Retrophiler Vintagepop – die Platte des Monats Juli ist da!

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 17:51

Die Sommerpause war dieses Jahr recht kurz – Urlaub geht doch immer viel zu schnell vorbei! Einzig die luftig-leichte Platte des Monats Juli vermag mir die nunmehr wieder in geschlossenen Räumlichkeiten zu verbringende warme Jahreszeit zu versüßen. Kat Emonsons Way Down Low ist ein Album für mehr als nur einen Sommer – warum, steht wie immer auf fairaudio.de, Ihrem Lieblings-Online-HiFi-Magazin. Viel Freude damit!

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9. Juli 2013

Popular music from bygone eras. Kat Edmonson im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 11:01

Kat Edmonson gehört einer schützenswerten Spezies an. Wo andere junge Sängerinnen dem neuesten Trend hinterherjagen, um baldmöglichst berühmt zu werden, macht sie eigentlich alles falsch, was man auf dem Weg zum schnellen Ruhm falsch machen kann. Sie schmiss ihren sicheren Platz bei American Idol – der US-Entsprechung zu Deutschlang sucht den Superstar hin, um 2009 in Eigenregie ihr Debütalbum Take To The Sky aufzunehmen – eine Sammlung ihrer Interpretation von Great American Songbook-Klassikern wie Summertime, Night and Day oder Just One Of Those Things.

Anscheinend hat Edmonson mit ihrer unpopulären Entscheidung dann aber doch alles richtig gemacht. Ihr Debüt erreichte einen Platz unter den Top 20 der Jazz-Charts in Billboard, und bald schon wurden die Country-Größen Willie Belson und Lyle Lovett auf sie aufmerksam, die gemeinsam mit ihr auftraten. Mit Lovett ging sie sogar auf Tour, wo sie das Vorprogramm des Stars bestritt – und jeden Abend vor tausenden Leuten gemeinsam mit ihm das Duett Baby It’s Cold Outside sang. Der Song schaffte es auch auf die aktuelle Platte Lovetts. Hiernach fühlte sich Kat Edmonson endlich selbstbewusst genug, ihn zu fragen, ob er nicht auf ihrer neuen Platte singen wolle. Er wollte. Das Duett Long Way Home gehört zu den Stücken ihres neuen Albums Way Down Low, auf die Kat Edmonson besonders stolz ist, denn es stammt aus ihrer eigenen Feder. Es war tatsächlich ein langer Weg nach Hause, aber, wie die sympathische Sängerin im Interview verrät, „es wird mit jedem Jahr besser“!

KLangverführer sprach mit Kat Edmonson über erste Einflüsse, die einen nie verlassen, über die Popmusik vergangener Zeiten und weshalb die auch für heute genau richtig ist, wo ein Wettbewerb allein ob des lautesten Masterings zu herrschen scheint, weshalb es nicht funktioniert, wenn man versucht, etwas anderes darzustellen, als man ist, und warum sich die Sängerin darauf freut, endlich dreißig zu werden.

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Klangverführer: One of the songs on your new album is called I Just Wasn’t Made for these Times. Listening to the music on Way Down Low and especially your vocal style, one could really start to believe that he’s listening to a record of his father’s or even grandfather’s collection … What’s the story of your fascination with these retro sounds?

Kat Edmonson: It’s the first music that I came to know. I learned music through old movies that I’ve been watching and the songs that were written for these movies that would later become the American Songbook, Harold Arlen and Cole Porter and George Gershwin and all these great writers, and of course all those artists like Fred Astaire, Gene Kelly, Bing Crosby, Frank Sinatra … And I fell in love with the songs. So that was my first influence and your first influence never leaves you. It will stay the most prominent. My mother was a single mom, working all the time; and she needed something to preoccupy me, so she would put a VHS on and I would sit and watch it. And I was enamored with them, so it worked!

There’s even not a single electronic sound on Way Down Low – and sometimes you even go without any drums, like on Lucky. Why did you decide to make a purely acoustic record and how to you try to make it accessible to the younger audience who is used to electronic dance music from the radio and the clubs?

Let me reply to the latter question first, how do I make it accessible: I believe that if you try to be something that you’re not, then people will realize it. It never worked for me. When I’m honest, I have the most access. I feel fortunate that a lot of magical things have happened, that the musicians I have met in my life, some really famous musicians that I admire, like Lyle Lovett or Willie Nelson, have shown me their support. They appreciate what I’m doing, musically, because they feel it is authentic. I made an acoustic record because it mirrored where I was at that time. My next record will have electronic instruments on it. It won’t be like Dance, Techno or anything like that, but it may sound more … modern, if you will. But I think anyone will argue that it’s going to be very retro sounding, I can’t stray from that, it’s the music that I love the most: popular music from past eras.

Is there also any contemporary music that you love?

I’m not listening too much to the mainstream radio, actually. The only thing I’m … well, not the only thing, but … I was really into the Gotye song that recently came out, a really cool song called Somebody that I need to know, and then I always love checking out whatever Radiohead is doing, whatever Björk is doing, but she’s not mainstream. And a lot of old artists came out with new albums, so I buy them: Paul Simon, Paul McCartney, Tom Waits, Bob Dylan … You know I’m a bit of an old folkie. It’s a bit embarrassing, but it is what it is.

And it’s even kind of hip, considering the folk-pop revival … it’s a giant wave! You have all these guys with their beards looking alike and stuff … But let’s keep talking about I Just Wasn’t Made for these Times that we’ve just touched on in the first question. This song is one of the few cover songs on your new album, more precisely, it was written by Brian Wilson and Tony Asher for the Beach Boys in 1966. What kind of connection do you have with the Beach Boys, musically speaking?

Well, that Beach Boys album was one of the first albums that I’ve got. In fact, I think it was the first CD I’ve ever received as a gift, when CDs came out. Until then I used to listen to tapes, and I will never forget my first CD, it was Beach Boys Greatest Hits, I think it was called Made in the USA. I listened to it constantly and then I really got into Pet Sounds

… the Beach Boys album from 1966 …

… the year when the Beatles came out with Yesterday and Today in the States, and Paul McCartney was obsessed with it! I loved the album and never really stopped listening to it. And then, one day I was sitting all by myself, listening to the album again and I heard the songs and then I … completely knew it! It was like it spoke to me. I heard it and I never felt so strongly about … covering a song. I felt I needed to express my interpretation because I felt I could have written it, I identified so much with it feeling like I’m in the wrong era.

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I believe Brian Wilson wrote it to express he felt to advanced for his times … Is that what you are trying to say, too, or do you rather feel you would have better fit in the past times?

I think I was saying that I would better fit in the past times, perhaps, but the thing is what I’ve learned through this process is that perhaps I’m perfect here in this time because I have a niche, you know, not many people are doing it. So perhaps that’s just right for me. And maybe no one would have noticed me if I were in Brian Wilson’s time or before that. That would have been a pretty tough competition. I mean, from what era would you prefer to be from? You’ve got Billie Holiday, Etta James, Frank Sinatra – all these fantastic singers, and I think I would have probably simply disappeared in the fog. So it’s probably better for me know.

You’ve just mentioned names like Billie Holiday or frank Sinatra … Do you think that these artists were better than nowadays artists?

They are definitely my preference. But indeed I tend to think that people were more musical, I tend to think that they were better on their feet … at improvising, going to play a live show. I think it took a lot more. I mean, in every era it’s just show business, people coming in and trying to do something with the trend, trying to get famous as quickly as possible – this has always been the case. Maybe the landscape is just broader now, and the speed is higher.

So it’s not something like a … let’s say: devotedness … that you miss in nowadays music?

No. Things that are popular now are super overt. It’s like … it’s loud. I mean, just on a technical side, when they master a CD these days they master it so much louder than they used to. It’s a competition of who gets the loudest track which can be heard from further away, you know? And the thing I love in the music that I make is that it’s very settled, full of nuance and I’m begging the listener to notice things. They might be hard to notice if you’re not listening, so I’m not necessarily making it easier for on self when it comes to marketingness, but what can I do? It’s like I said, trying to be anything else would make me come up like a fool.

Yeah, it’s all about authenticity … Well, apart from that Beach Boys song you recorded a version of Whispering Grass (Don’t Tell The Trees) which was written in the 1940ies and became quite popular in 1975 through the interpretation of Windsor Davis and Don Estelle – and of course through Ringo Starr who featured it on his album Sentimental Journey in 1970. What does this song mean to you?

Well, the version that I knew very well was The Ink Spots version, I think it was late-30ies. I know it became very popular as a theme song for a television show in England, but I never knew about that. I knew it as a song that The Ink Spots sang and that was very ambiguous, I really didn’t understand it. And The Ink Spots were the first band that I ever heard live. I saw these very old men play – and then, much later, I happened to run into this wonderful former head of Blue Note Records, named Bruce Lundvall, and he said you know, you should actually sing that song. And so I did. I did my own interpretation and Danton Boller, my bass player, arranged it. And he would have this (sings) bom-bom, bom-bom, which sounds very intensive, almost dark. So I totally went into that brooding, dark direction and instructed the band to play it as if it was a very cold, snowy, isolating experience. And this is what we came up with.

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Well, lastly the Gershwin classic S’Wonderful lets the album fade away with a lively, almost cheery mood which kind of counteracts with the record’s folk pop spirit and especially that of the two preceding songs … How would you yourself describe the music on Way Down Low? Is it Folk? Is it Jazz? Is it Easy Listening? Singer/Songwriter? Something in-between? Something else?

I don’t know! I don’t know what to call it. It’s folk, it’s Jazz, it’s Acoustic Rock, it’s Pop, it’s Country … It’s popular music of bygone eras! You know, when they used to turn the radio on in the Fifties, you would hear a country song and a pop song on the same station. Even the very same song would be sung by a Jazz vocalist and a Pop singer, and you would hear a Folk singer as well. And it all kind of went together. And now, things are labeled differently, but those are my influences and that’s how it comes out.

Obviously you’re not an apologist of nowadays genres, sub-genres and sub-sub-genres …

Oh, I created my own genre called „Vintage Pop“!

Nice, I like it! And while we’re on the subject of like and dislike: I really do like Hopelessly Blue and I Don’t Know on your album. Do you have something like a favorite tune, too?

Thank you. My favorites keep changing every single time, but I love Hopelessly Blue. My friend Miles [Zuniga] wrote that song. We had one hour left in the studio – the session was already paid for, so we didn’t want to waste the time and that’s when we pulled out Hopelessly Blue. And I … I just love that song. I’m definitely going to record some more of Miles‘ songs on my next record.

Did he write Hopelessly Blue for you or did you do a cover version?

It was originally written for his solo records, but then he called me from the studio and said, I left it out because I hope that you would record it. And I didn’t think that I would get there, but in the last hour of the entire session I could finally say, oh good, we ca do it! And then I called Miles and told him that I did it, that we recorded it.

That’s amazing, because for me it’s the most touching song on the whole album, sad and heart-breaking just like a classic torch song … and that’s why I’m not sure whether to be glad about the mood-lifting and cheery Gershwin or to be a bit disappointed for it destroys the feel that Hopelessly Blue and the I Don’t Know reprise leave behind …

Well, I would have preferred the album to end with the I Don’t Know reprise, but Sony added S’Wonderful.

It actually feels like some sort of bonus track …

It is!

But though it’s not part of the actual album, I think I like the idea to dismiss the listener with this spirit-lifting song.

Of course, when you work with a team, you make some compromises and it’s all hopefully for your benefit, so it’s not how I designed the album, but I did record that song and it had to go somewhere, and I like the notion of a happy ending. I’m a romantic. And also an optimist. Regardless of how sad it’s getting and how incapable I seem to be, I always see the silver lining.

Did I get it right that only your album’s version for the European market comes up with this happy ending?

Yes, the American version ends with I Don’t Know. S’Wonderful is for Europe only – ‚cause you are so special! You get an extra track! (laughter)

I heard about people putting an extra track on the vinyl version to animate the crowd to buy them …

I’m usually recording so many songs that in the end I have to take something off in order to release a record … I didn’t release this album as a vinyl, but my previous album I did, and it was a labor of love. I also released it as 180 gram audiophile vinyl pressing, but you know, it costs so much money doing it! But as soon as I will have the opportunity releasing my current album on vinyl, I will.

I think it would fit your music like a glove and I would definitely think about buying one!

Thank you.

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Moving towards the last question, there’s another very special song on it: I’m thinking of Long Way Home, a duet with Lyle Lovett. How did you get to know him and how did it feel to work with him on an song that you’ve written?

Huge honor! Massive honor! This is actually my first album to present my original music. My previous album was all covers. And it gives confidence to present my own songs. I wasn’t sure if they worked, but with every bit of participation from my band, from the listeners, my confidence grew. And to have Lyle want to come and sing that song with me was a great affirmation. He told me how much he enjoyed it in the studio what meant so much to me! He sought me out upon hearing my album and hearing me live …

Your previous album?

Take to the Sky, yeah. And he asked me to come to sing with him. In Austin we played a show for several thousand people, perhaps. At that time it was the most people I’ve ever played for! And … (whispers) I was so nervous!!! He ask me to sing Baby It’s Cold Outside, so we did it. And then, shortly after that, he asked me to go on tour with him and open for him, and every night we would sing Baby It’s Cold Outside. And then he asked me to record this song on his record, so … at that point I felt comfortable enough to ask him if he might record on mine. And he’s been a great friend and primarily mentor. He’s been such a great mentor to me, very generous with what he has.

Apart from him, do you have other heroes, maybe whom you have never met yet?

Oh, Tony Bennett! He really appreciates the song in the way that I do. Because the song – and the songwriters – is where my love of music really lies. It would make my whole life to meet him … and sing with him, maybe. And there’s tons of others. I had the chance to meet Eric Clapton. That was huge for me. I’ve become friendly with Willie Nelson, gotten to know him well. He’s very sweet and, again, another great songwriter! It doesn’t get any better than just meeting the people that I admire, that’s really my greatest aspiration.

Among your heroes – are there also women?

Oh, you’re right, everyone I mentioned is male. But I, I don’t‘ know, I’m almost more afraid to meet women, I don’t know why. Carly Simon – oh my Gosh! Barbra Streisand …

… Oh, I’ve just seen her show that she played here in Berlin a few days ago. Have you ever experienced her live?

No.

I think she’s seventy-one by now, and she has brought her son with her and her sister, she had a sixty man-strong orchestra, a big band, a huge choir … it was truly an overwhelming production.

Wow. She’s incredible.

Definitely! And she was playing a lot of songs from the American Songbook …

She knows the songs! And then, of course, Björk. She’s inspired me a lot.

Really? I don’t really seem to find access to her music …

I can understand. I’m more fascinated with her. Have you seen her MTV acoustic performance?

Unfortunately not.

If you can ever … I think you can watch in on YouTube, it’s MTV Unplugged …She has a crazy instrumentation and just beautiful arrangements of her songs. I love to see people that embrace their uniqueness. I still keep learning how to do it because that’s the thing I admire most in people. It could be in music, but anything and anyone in the world who has that is an inspiration.

I think to really accept your own uniqueness and not trying to be like others want you to be, you have to become thirty. The twenties are, especially for women, a time of great insecureness … It’s a long way.

Perhaps, and I’m turning thirty next year. People keep asking me if I become nervous on turning thirty, but – no! With every year it’s getting better. I don’t wanna go back.

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Way Down Low erscheint in Europa am 12. Juli 2013

29. Juni 2013

Die Deästhetisierung des Jazz – Superhelden zum Anfassen

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 16:17

Ohne die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wäre die Welt um einige schöne Dinge ärmer. Beispielweise gäbe es Ihren Lieblingsklangblog nicht, denn schließlich haben sich meine Eltern als hoffnungsfrohe junge Studenten dort kennen- und liebengelernt. Keine Eltern = kein ich = kein Blog. Das wäre schade. Ohne die Leipziger gäbe es aber auch eine andere schöne Sache nicht, nämlich die American Jazz Heroes. Besuche bei 50 Jazz-Legenden von GHGB-Leipzig-Absolvent Arne Reimer. Und das wäre dann wirklich schade, denn in diesem Buch gelingt dem Fotografen nichts Gerinegeres als der Bruch mit der vornehmlich auf Stil und Eleganz bedachten, rauschschwadengeschwängerten Schwarzweißästetik der herkömmlichen Jazzfotografie. Herausgekommen ist ein Buch, das kein Zeug zum Couchtischbuch hat, denn Ppralle anderthalb Kilo Jazzgeschichte der Gegenwart warten hier darauf, gesehen, gelesen und (nach-)gehört zu werden.

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Und obgleich ich mit diesem Begriff sonst eher vorsichtig umgehe, muss ich Vorwortschreiber Roger Willemsen unbedingt zustimmen, wenn er davon spricht, es sei an der Zeit, den Jazzmusiker „wahrhaftiger“ zu sehen. Bei Reimer besticht der Anspruch an eine größere Wahrhaftigkeit durch den Charme des Alltäglichen. Da drängt sich schon mal das ein oder andere ästhetisch fragwürdige Möbelstück ins Bild, das frisch getrimmte Haustier samt hühnerfüßigem Bringsel, das ungemachte Bett inklusive aktueller Bestsellerschmöker, die dann doch sehr private Nippessammlung oder das Renovierungszubehör samt Umzugskartons – und ganz groß: das mit allerlei Elektroden verkabelte, akkupunkturnadelgespickte Skelett von Milford Graves, Teil einer kompletten Laborausstattung, die sich der heilenden Wirkung von Musik widmet. Der Jazzer an sich in seinem natürlichen Habitat – das ist eben auch nur ein ganz normaler Mensch, der sein Fahrrad im Wohnzimmer stehen hat und Kühlschrankmagnete mag.

Neugierig geworden? Die ganze Buchrezension finden Sie auf fairaudio.de, wo Sie eingeladen sind, einen sich fast unerlaubt anfühlenden Blick in die Wohnzimmer all jener berühmten Sidemen zu werfen, die Musikgeschichte geschrieben haben. Diese Privatheit entmystifiziert – stellt aber nie bloß. Eine Gratwanderung, die hier mit traumwandlerischer Sensibilität gelungen ist.

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19. Juni 2013

When we fall in love we don’t decide, be it a song or a man. Yasmine Hamdan im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 07:17

Nach fünf Jahren Victoriah’s Music auf fairaudio.de und drei Jahren Klangblog auf Klangverführer.de – in der Blogosphäre ein nachgerade biblisches Alter –, insbesondere angesichts der Tatsache, dass befreundete Blogs wie Musik am Montag reihenweise an der Erkenntnis „Musik gibt es jedenfalls mehr als genug; es ist eher die Zeit, die das knappe Gut ist“ resignieren –, ist zwar einerseits mein Jugendtraum von Musik ohne Grenzen wahr geworden – andererseits hat die schiere Musikmasse mittlerweile solche Ausmaße angenommen, dass der unbearbeitete CD-Stapel unhörbar geworden ist.

Musste ich am Anfang noch um Zusendung des gewünschten Rezensionsexemplars betteln – fairwhat? Klangwas? Kenn‘ wa nich, bemusta’n wa nich –, ist die Anzahl der (vor allem unverlangten) Zusendungen an Promo-CDs zur Freude von Deutscher Post und Benno-Regal-Produzent IKEA auf ein Vielfaches des Erwarteten gestiegen. Ein bisschen wie mit „Töpfchen koch“ und dem süßen Brei, oder „Walle walle“ und Zauberlehrling. Bei mir flutet es auch, und zwar silberne Tonträger. Man soll eben aufpassen, was man sich wünscht, es könnte wahr werden. Denn wo ich früher tatsächlich noch jedes Album, das mir ins Haus geschickt wurde, gehört habe, um zu entscheiden, ob das was für meine Leser ist oder eben auch nicht, bin ich mittlerweile gezwungen, eine Vorauswahl zu treffen, was überhaupt gehört wird. Und die geschieht, so oberflächlich das nun einmal ist, vor allem anhand des Covers.

Ya Nass der libanesischen Künstlerin Yasmine Hamdan gehörte ursprünglich nicht zu dieser engeren Auswahl. Nicht nur, dass arabische Popmusik bis auf wenige Ausnahmen nicht so unbedingt meins ist – auch das Cover erinnerte mich ungut an die harmlosen R&B-Liedchen von „Perserkatze“ Jasmin Shakeri. Aus diesem Grund lehnte ich auch die Anfrage zum Hamdan-Interview erst einmal ab. Wie gut ist es dann, wenn es Promoter gibt, die für ihr Produkt wirklich brennen! Okay, es gibt auch welche, die brennen, einen überreden und dann ist die Musik schlecht – denen vertraut man dann aber auch nur genau dieses eine Mal. Uta Bretsch ist nicht so eine. Sie akzeptiere zwar meine Ablehnung, schrieb sie, doch würde ich mich hinterher sicherlich ärgern, führe einen die Stimme Yasmin Hamdans doch „direkt in eine andere Welt“. Damit hatte sie mich. Dazu kommt noch, dass ich fest daran glaube, dass man nur Dinge, die man nicht gemacht hat, bereut – und nicht solche, die man gemacht hat.

Also habe ich Ya Nass rausgekramt, reingehört – und es hat mich umgehauen! Es geht nicht einmal so sehr um die Musik, obgleich die auch sehr angenehm ist, es geht um eine Jahrhundertstimme, so speziell wie vielleicht die von Lana Del Rey oder Gemma Ray. Die Assoziation zur Perserkatze ist dann auch gar nicht so falsch, denn Yasmine Hamdan klingt wie eine faule, satte Katze, die gerade ihren Kater zum Frühstück verspeist hat, mokant grinsend und sehr sehr sehr zufrieden, dunkel, rauchig und immer einen Tick zu spät um auf den Punkt zu sein, und ein bisschen Scheiß-egal-Attitüde schwingt auch immer mit. Ya Nass ist sogar noch eine Spur lazier als die Musik ihres ehemaligen Indie-Electro-Pop Duos Soapkills, dass die französische Presse nicht grundlos als „Trip hop à l’orientale“ beschrieben hat. Kein Wunder, dass Yasmine Hamdan mich ein bisschen an Martina Topley-Bird erinnert – und auch ein bisschen an Claudia Brücken. Und ebenso wie letztere für eine ganze Generation von Männern als der Inbegriff der kühlen Diva gilt, vergleichbar höchstens einer Marlene Dietrich, wird auch Hamdan von der arabischen Welt als eine Art subkulturelle Ikone der elektronischen Musik verehrt.

Auch das nicht ohne Grund. Wofür sie mit Soapskills Duo-Partner Zeid Hamdan den Grundstein legte und was sie mit Madonna-Produzent Mirwais im Rahmen des Projektes Y.A.S. weiterverfolgte, kommt auf Ya Nass zu voller Blüte. Und die kann auch mal darin bestehen, allzu Überproduziertes über Bord zu werfen und sich wieder ganz aufs klassische Songwriting zu besinnen, alles etwas herunterzufahren und einfach relaxter angehen. Nicht ganz unbeteiligt daran ist Co-Schreiber und Produzent Marc Collin, der sonst mit dem Kult-Kollektiv Nouvelle Vague sein New Waviges (Un-)Wesen treibt. Wo Yasmine Hamdans Melodien eher einen Folk-inspirierten, zutiefst romantischen, verträumten und intimen Ansatz verfolgen, kleidet Collin sie in seine elektronischen Vibes, die vom Sound seiner gigantischen Sammlung an Vintage-Synthesizern wie dem Roland Jupiter 8 oder dem Chroma Polaris dominiert werden, dabei aber nie Hamdans Stimme und Erzählhaltung aus dem Auge verlieren. Einen tiefenentspannteren Produzent kann man sich wohl kaum wünschen. Und auch eine tiefenentspanntere Platte, die jedoch mitnichten in seichten Chill-out-Gefilden dümpelt, wird man diesen Sommer kaum hören, so ätherisch, losgelöst und vor allem un-de-chiffrierbar wie die Musik der Cocteau Twins, deren einziger Zweck nach Max Goldt die „unbedingte Erzeugung von Pracht und Eleganz“ ist, kommt Ya Nass rüber. „Es war“, erzählt Yasmine Hamdan im Interview, „wirklich sehr smooth und harmonisch im Studio“.

Was sie sonst noch so zu erzählen hat, wobei der Bogen von den klassischen arabischen Sängern der sogenannten Goldenen Ära über Fragen der Identitätsfindung bis hin zur Darstellung der arabischen Welt in den westlichen Medien gespannt wird, steht im folgenden Interview. Vor allem geht es aber immer um die unbedingte Liebe zu bestimmten Liedern, mit der es sich verhalte wie mit der Liebe zu einem Mann: Wer liebt, trifft keine bewusste Entscheidung, es passiert ihm einfach. Wir trafen uns Mitte April in einem atmosphärischen Café voller Bücher nahe des Berliner Ensembles, wo auch schon mal der ein oder andere nette Hund unter dem Tisch herumliegt.

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Klangverführer: You have been quite successful with the Lebanese indie electro-pop band Soapkills and after that with the Paris-based electronic music duo Y.A.S. What made you start your solo career?

Yasmine Hamdan: I don’t see it like a solo career. It’s my first, let’s say, solo album – but it’s a journey. Soapkills and Y.A.S. are part of the journey, part of my getting to know more and better what I want in music, what I wanna do. So after Y.A.S., I wanted something that was more intimate, resembling more what I was; and in the voice, in the songs I wanted something more acoustic. So I started working on this idea, and then I met Marc Collin, the producer – I mean I knew him before, but then I went to see him with some demos, and we started to work very … very step by step. I like to work on drafts, like … I have the melody, but I don’t always have the final lyrics when I start recording. I have some structure, but I like to keep it open, because when we are in the studio – anything can happen. So this is how we started working on this album.

You’ve just mentioned Marc Collin of Nouvelle Vague who has co-written and produced your new album Ya Nass. How did this cooperation actually come into existence?

Well, I met him in maybe 2005 or 2004 when he was working on the Nouvelle Vague project and I was starting to work with Mirwais, so we didn’t really … We tried some stuff in the studio but we said we’d postpone it. And four years ago – five years later – I came back. We were still in touch, we had dinners and we went to parties together, but not always meeting. And when I knew exactly what I wanted, I went to him – and he was perfect, because we had so much fun in the studio and he’s a very inspiring person because he trusted my intuitions and he trusted me. So we never really had conflicts when we started working. It was really smooth and harmonic.

Did you already live in Paris at that time?

Yes. I started to be on and off in Paris … I think in 2002. I left Beirut in 2002. I wanted to come to a bigger city, meet musicians and enlarge my world, and because I did this degree in psychology I wanted to pursue my studies – which I didn’t. But in the beginning I came as a student. I started to study psychology in Beirut, and parallely I had my musical career going on. And … you know, I was born in the middle of civil war. So through all my childhood I was living between many different countries and cities, like Beirut, Abu-Dhabi or Kuwait. And then my family and I came back to Beirut in the Nineties because of the end of civil war, and I stayed in Beirut from the Nineties to 2002. Then I moved to Paris.

And you still live there …

Yes, but I travel a lot and I go back to Lebanon a lot. I can say that I don’t see a lot from Paris and I can also say that my apartment is my country, because I spend a lot of time in solitude or with my boyfriend – I spend a lot of time in my space.

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Let’s talk about your new album. On your self-titled solo debut from last year you were using folk songs from Lebanon, Egypt, Palestine, and Kuwait. Now on Ya Nass, the melodies and lyrics are inspired by the attitude of the classical Arab songstresses from the so-called “Golden Age”, and in addition, there are some interpretations of rare old songs, like In Kani Fouadi that was originally recorded by Egypt singer and actress Leila Mourad …

Well, it’s not exactly that. When I start working … I nourish myself before. I need to get in touch with a lot of things that inspire me. So I collect a lot of old music and I listen to a lot of music. And when I started to work on this album, I knew that I wanted to do some cover songs because I fell in love with these songs – it’s like I have crushes on a song and I feel like it was written for me! And I take all the freedom to re-appropriate the song. So I knew exactly that there were some songs that I wanted to sing though it’s sometimes challenging for the voice. The melodies in these songs can be extremely sophisticated – and it’s also challenging for me to take them somewhere else. And also sometimes it’s challenging for me to bring them from a past when they had something like a social or a political layer. So I knew that I wanted to sing some of these cover songs– but completely transformed. Sometimes my version has nothing to do with the original. But these artists, they are my …

Heroes?

No! Rather my big … my inspiration, my love. You know, I fall in love with artists, I get obsessed with them, I live with them. And they live with me – in my house (laughs). So I have this part on the album. The other part is my compositions. Here it’s different. I have to get in touch with myself in order to write the lyrics or to find the right words or to find the right ways to the words and to find the right meaning to articulate the self. So for me, melodies are very easy. I can grab them easily. But the lyrics are more difficult to find. It’s another part of the work, so I really have to write the songs and know why I’m writing them and therefore get in connection with my desires and myself. In this moment I have to try to be sincere and coherent of what I want. So I try to make a balance within the album between some of the cover songs that are inspirations from the past and some of the new ones. In my melodies, there are things that are more pop, or more … for example, a song like Samar is more Indian …

Yeah, it really sounds a bit Bollywood!

… and Deny for example is something … I wanted something really grave and a little bluesy.

It indeed sounds a bit like Southern Jazz – to be honest, it’s my favorite track on the album!

Oh, thank you!

When you put the CD into the player and hear those guitars and your rich throaty voice, you really start to believe that you’re listening to a Cassandra Wilson album – despite the Arabic lyrics!

Thank you. You know, what I feel I’m lucky with is that I can understand and speak many dialects because I lived in the Gulf so I have access to the Gulf music, to the Iraqui, Kuwaiti dialect and it’s different! I also have access to the Palestinian dialect – I live with a Palestinian guy –, the Lebanese, the Egyptian … I live with a lot of old Egyptian music … And you can feel the difference without knowing Egyptian, because some words sound different in the different dialects, and even the fluidity or the rhythm in the lyrics is different because I change the dialect. I’m very lucky to have so many choices. And because I have desires to try many different things, there is something very exciting about the idea that it’s a very raw material.

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You have just explained that you were trying to find a balance between your own compositions and these kind of cover songs of the old Arab tunes …

Well, you wanna know how I do that?

No, I’m just wondering … in the context of these old songs …What’s the story of your fascination with the veteran sounds?

Well, you know, when I started with Soapkills, I was singing in English, in the beginning. And I struggled about what I wanted to be, the choices I wanted to make and the life I wanted to have. You know, I was in Beirut, end of the Nineties, end of civil war … It was a very special moment at this time because you lived in a city where half of it was destroyed and you don’t know why. And you are from a generation that’s having ruptures. I didn’t have a clear answer to what was my identity, where I came from, because I have lived in many places and I didn’t feel really that I was at home. So, at some point, all of this made me … got me a passion. Through this music, through discovering these artists, I started to discover people that I would identify to, culturally and artistically. So I started to research these people and I started to find my own leaders and to feel how I could create my own narratives and my space. This was where my … let’s say: desire … went. It came to me naturally. I started to listen to the first woman which was Asmahan, and Asmahan has incredibly beautiful songs and an incredibly beautiful voice – and she also has very edgy songs, because she was a … very edgy woman! You can feel that in the songs she is performing. And from her I went on to others and others and others, so I started to have this big collection of old Arabic music. It really came naturally, I don’t know why!

Like … as a kind of spiritual home, maybe?

Yes. And also in the sense of a teaching context. I’m an autodidact. I never really learned music. I mean, I did – I spent three years in conservatory. But I could never be rational with it. So for me, these people initiated me. And part of the initiation or part of my experimentation or of my learning music was to go and find. For example, I would find myself in Damascus and go to a place where I knew they had old music and I would buy many cassettes and then I would come back home and listen, and then one of the musicians would give me something or open my eye or give me a desire, a desire to do things, and this is part of the whole process of initiation. Maybe … I think it’s a spiritual thing but I come out of it with something. You know, in my tradition, music was always oral music. It was not written music. It’s only started to be written in I think 1932 or somewhere in the Thirties, this was when through the Conference in Cairo the Arabs adapted to the international language of music. So we come from an oral culture. And some of the songs I sing – I never heard them on record. It was my grandmother who used to sing them for me. So I come from a place where music is a very … organic material.

In the sense of that it constantly changes and everybody adds something to it?

Sometimes, yes. And also I think it’s alive.

Is keeping the old songs alive something you are aiming at?

It’s not a strategy. It’s normal. It’s part of my desire to bring these people alive – for me, they are alive!

So you’re not pursuing any educational intentions …

No. Like I said before, it’s not a strategy. It only comes from … hope. You know, these people gave me hope. Sometimes I feel like a passeur … a passeur de cultures. And I think all artists are like that. Actually, every human being is like that – I mean, you’re like that to your children, you are like that to your family, you are like that to your world, and it’s a normal thing. It’s life!

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You just mentioned that in the beginning you were singing in English. I have just come across another interview with you where you are quoted to have said, singing in Arabic later for you has been “a statement“ …

Well, I don’t know if I used the word „statement“. But let’s say, for me, I have been searching for something and I found it when I used the Arabic language. Like, I was a bit confused about my identity, having lived in so many places and not really feeling anywhere at home. And singing in Arabic was also very taboo when we started Soapkills because it was not cool. And also, there was no underground scene. So we were one of the first bands to do anything that was not socialized with what was happening. For example when I started to sing in small bars and other very little places, it was not very common to have performance places. And singing in Arabic for me was very important because it’s a statement by itself, but I didn’t do it for that. I could sing in English, I could sing in any language … but for me it was where my feeling, where my being was. That’s why I started to sing in Arabic. Because it felt right.

So it was kind of a personal decision because it gave you the freedom to express yourself just how you were and find your identity and not because you wanted to change the image of how the Arabic world is portrayed into something more positive?

It’s not this or that. It’s both. On the one hand: It didn’t exist and I felt so thrilled by the idea of being part of something that would change, that would initiate changes. And also, because I fell in love with Arabic music and it allowed me to express my emotions the light way. And when we fall in love we don’t decide. So this was like falling in love with a man. And also, because for me it was like an evidence. An evidence that I should sing in Arabic because this is where my voice is and this is where I come from and where my roots come from. And there’s something about it that has also a political meaning in the sense that it’s possible to propose, that there can be alternatives, open spaces of dialogue. So singing in Arabic is also like if you want to fight for something, if you feel this is the right fight. And of course it’s about what you have said about media and portraying Arabic culture. We are living in difficult times that can be very annoying – for both sides. When I watch the news and see how Arabs are portrayed, it can be very annoying. And sometimes it’s also very annoying how Arabs respond to this and how they argue. So I don’t feel comfortable with each … you see, I don’t think it’s this or that. In the Arabic world we’re living in changing times, things are going to progress and there are still many fights to be fought. And even I fight with myself to find the best way to be free. And this is a fight you’re having in yourself. It’s not about the outside world, it’s about yourself and what you think is right or wrong. It’s important that I come from a part of the world where changes are happening. In the Arab countries I think that a lot of artists think that now we are responsible … we have a voice and so we are responsible for what will happen. I think all artists feel that but of course I’m speaking only for myself.

Talking about identity … Your album contains a song called Beirut

Yes, Beirut is a song that contains the lyrics of Lebanese lyricist Omar el Zenni. Although he wrote them in the 40ies, for me it felt like it was about my story with Beirut. It’s very modern; one could think it’s talking about today. It mirrors a lot of how Beirut is today – but above all it says a lot about my relationship to Beirut. For me, it’s a love-and-hate affair. I’m more detached now. But it’s a very beautiful place, a very inspiring place – but it’s also an annoying place where lots of things I’m not okay with happened or are still happening, like for example a lot of corruption, things that I just don’t synchronize with and that create this love-and-hate thing. But a very beautiful thing about Beirut is that you can find these places where you can have a very special time, very special moments with very charming people. Another reason, or let’s say: one of the desires why I had to sing this song, too, was because it has a lot of emotional layers. It means a lot of different things to me.

Being a non-Arabic speaker, for me of course it’s almost impossible to reproduce these meanings. Let’s talk about that language barrier. I think the majority of your western audience doesn’t understand your lyrics. How do you compensate for this?

Well, I don’t think I need. Do you feel something?

I do for sure – but without the liner notes I don’t know what you are singing about.

Do you need to know?

That’s an interesting question. For me, your music, your record works. But would it work for everybody else?

I’m not sure. But let’s go to the rough. For example, if you take the Cocteau Twins … They sing in English but sometimes you get the feeling they would sing in their own language. And nobody’s asking or questioning. For me, it’s rather the emotion that is the most important thing. I never thought that Arabic language or language at all is a barrier. It’s not a ghetto. I fall in love with singers singing in Chinese or Pakistani or Indian … and even when I listen to English pop music or even German music that I listen to sometimes … I might not really have access to the meaning but I have access to the organic or to the vital … to the living thing that creates an emotion. So I rely on that a lot. When you can open your heart and create magic or be in the moment, you can find ways to communicate and people will receive your communication. It’s like a bottle you send in the Sea – somebody maybe will find it.

Because music is a universal language?

I think so! And you know, I think that Arabic people that listen to my music – they get the music in a different way. And the ones that don’t understand it – they get it in another way. And it’s okay. It’s different – but it’s okay with me. And it’s also for very different reasons that I love the songs I listen to. Some songs give me joy. Some have this melancholic aspect that I’m hooked on etcetera. It’s only accepting the complexity of the world we are living in.

I know you gotta hurry because tonight you are invited by indie duo CocoRosie to the Berliner Ensemble where Robert Wilsons Peter Pan that features CocoRosies music is on. Apart from the friendship – do you have any musical connection to the Casady sisters?

I’m not sure if I want to answer this because I don’t want it to sound … I don’t want to sound using because they are my friends and inspire me. And when a fried or a person is inspiring to you … you know, it can even be your grandmother who gives you change, who gives you hope, who gives you love … Maybe not everybody will function this way but for the way I live my life I constructed a parallel world I live in. A reality that is very linked to my emotions, my desires and the things I need, the people I need and the things that I especially identify to, where I feel inspired and happy. And so I try to be around people that are inspiring me all the time. In their work, in the way they are, in the cooking, in the reading, in the writing. So, these girls have been very inspiring to me and I love them.

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Ya Nass ist am 31. Mai 2013 bei Crammed Discs erschienen. Eine Rezension können Sie in der aktuellen Ausgabe von Victoriah’s Music auf fairaudio.de lesen.

17. Juni 2013

Partitur statt Programming! Die neue Ausgabe von Victoriah’s Music ist da

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 19:37

„Vielleicht kennen Sie das auch: Eine Beziehung geht, aber die vom Ex-Partner initiierte Leidenschaft für eine Sache bleibt. Ich zum Beispiel bin so auf den Hund gekommen, zum Tango und zu Max Goldt. Dinge, die ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte!

Das Phänomen lässt sich aber auch auf Arbeitgeber ausweiten – und die müssen dafür nicht mal der Vergangenheit angehören. So habe ich der fairaudio-Redaktion eine mittlerweile mehr als viereinhalbjährige Begeisterung für das in Berlin gegründete, israelische Jazzpopelectroakustik-Duo Ofrin zu verdanken, inklusive ungezählter Konzertbesuche und ebenso vieler Stunden, die ich gebannt seinem großartigen Album On Shore Remain lauschte. Da schließt sich ein Kreis, denn Ofrin hat zur von der Berlin Club Commission herausgegebenen Compilation Listen to Berlin 2009 den Opener Tango beigesteuert.

Einen Kreis schließt auch Ofrin-Sängerin und Band-Namensgeberin Ofri Brin, die sich mittlerweile von ihrem (nicht nur) musikalischen Partner Oded K. getrennt hat, um auf The Bringer das zu wagen, was nur im Alleingang gelingen kann. […]“

Was das ist und wieso es sich zunächst im Bermudadreieck zwischen Moll, verminderten Intervallen und Blue Notes bewegt, um dann mit Avantgarde-Jazz zum Befreiungsschlag anzusetzen, letztlich aber dennoch ein dunkles Ende nimmt, steht in der brandaktullen Ausgabe von Victoriah’s Music, die Sie wie immer auf fairaudio.de lesen können. Besprochen wurden diesmal:

  • Ofrin | The Bringer
  • Marcella Detroit | The Vehicle
  • Paper Aeroplanes | Little Letters
  • The Ropesh | The Ropesh
  • Charnett Moffett | The Bridge. Solo Bass Works
  • Yasmine Hamdan | Ya Nass
  • Caro Emerald | The Shocking Miss Emerald
  • British Electric Foundation | Music of Quality & Distinction Vol. 3 – Dark

bef
Für BEF gibt Boy George auch schon mal den Hund

3. Juni 2013

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 07:37

Mit ECM ist das so eine Sache, bei der Freud und Leid dicht beieinander liegen. Da wäre einerseits der Nimbus. Andererseits ein fast schon körperlich spürbarer Widerwille gegen das Klischee des vorgeblich so distanziert-kühlen, verkopften europäischen Jazz, der gemeinhin auch als „ECM-Jazz“ bezeichnet und als Antagonist eines lebendigen, heißen, amerikanischen Jazz gehandelt wird. Wer die Vielfalt des europäischen Jazz kennt und liebt, dem muss dessen Reduzierung auf ECM einfach gegen den Strich gehen. So auch mir. Dafür kann zwar das Label nichts – dennoch liegen meine letzten Besprechungen von ECM-Veröffentlichungen mit Norma Winstones Distances und Arve Henriksens Cartography dem Insistieren der Redaktion zum Trotze dann doch schon einige Jahre zurück. Zwar hatte ich auf der Jazzahead! die Gelegenheit, mich interessiert durch den neueren Katalog von ECM Records zu blättern, doch blieb er allein ob seines dem Umfang geschuldeten Gewichts zurück in Bremen.

Kommt der Prophet nicht zum Berg, muss eben der Berg zum Propheten kommen, schien nun aber eine wie auch immer geartete, höhere Jazzgewalt zu befinden, denn trotz aller Ignoranz gerate ich dann doch noch in eine ECM-Veranstaltung – und zwar dort, wo ich es zu allerletzt erwartet hätte: im Rahmen der Feierlichkeiten des siebzigsten Geburtstages meiner Mutter. Diese hatte sich zu ihrem Ehrentag die Veranstaltung Ein Liebesschwur für die Kunst von Wolf Wondratschek und Gästen im Schloss Neuhardenberg ausgeguckt. Allein der Ort so wundersam, in traumschöner Parkkulisse gelegen und die Räumlichkeiten, nicht minder verzaubert, den Gast in eine andere – bessere – Zeit entführend. Schade allein, dass das Schloss für alle Nicht-Motorisierten nur schwer zu erreichen ist – die nächsten Bahnhöfe Trebnitz bzw. Seelow-Gusow liegen etwa acht Kilometer entfernt, man ist auf ein Taxi angewiesen. Dabei spricht das Programm der Stiftung Schloss Neuhardenberg doch gerade notorische aus-Prinzip-kein-Auto-Haber wie mich an. So beispielsweise gastierte der wunderbare Avishai Cohen mit seinem magischen Seven Seas-Programm Ende April hier; Bugge Wesseltoft, David Sanborn und Lenny White haben das Schloss schon ebenso bespielt wie Lisa Bassenge oder Kitty Hoff, und ja: Norma Winstone war auch schon hier.

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Gestern aber gehört die Bühne des blauen Zimmers dem von – ob nun bewusst eingesetzter oder der Krankheit geschuldeter – wachsender Ich-Verleugnung geprägten Spätwerk Friedrich Hölderlins, genauer: dessen als Turmgedichte bekanntem Teil, die der vom Wahn gebeutelte Lyriker zwischen 1807 und 1843 während seiner Zwangseinweisung bzw. -inhaftierung in eine Tübinger Turmstube am Neckerufer, heute als „Hölderlinturm“ bekannt, geschrieben hatte. Ob die Wahl des Zimmers nun eine Reminiszenz an In lieblicher Bläue oder purer Zufall war – hier hatten sich Dichtung und Raum gefunden, wohl nicht zuletzt, weil die Geburt des Künstlers bzw. der Bau des Schlosses in ein und dieselbe Epoche fallen.

Vor allem aber, weil sich bei der Performance von Stimmkünstler Christian Reiners, dem ersten von Wondratscheks Gästen, die Grenze zwischen Inhalt und Form aufzulösen scheint, und die vielleicht gerade deshalb die – angenommene – schizoide Störung Hölderlins so greifbar macht und mittels ungewöhnlichster Phra-, Rhythmi- und Pausierung, kurz: temporaler Verfremdung, bei gleichzeitig völliger Abwesenheit jeglichen Dramas den Dichter zwischen Wahn und Wahrhaftigkeit vor unseren Ohren wieder auferstehen lässt. Denn was ist Dichtung schließlich, die nicht hörbar gemacht wird? Getreu dem Manifest aller Poetry Slammer ist Lyrik im stillen Kämmerlein nichts – erst in Form des gesprochenen Wortes nimmt sie Gestalt, ja: Leben, an. Und im Moment der Lebendigmachung des Wortes ist Reiner nichts als die Essenz der Hölderlin’schen Lyrik, ob er sich nun durch die Bilder der Jahreszeiten – „und Stürme wehn umher und Regenschauer“ – arbeitet, die Trias Mensch-Tier-Körperlichkeit irgendwo zwischen Idealisierung des edlen Wilden und der Immanenz der Dinge auf das Göttliche hin – „denn inniger ist achtsamer auch“ – abtastet, „des Geistes Wehen ist dem Menschen nicht verborgen“ orakelt oder zu bedenken gibt, dass die Sprache „der Güter gefährlichstes“ sei, was im Rahmen einer Lesung bzw. Sprach-Performance zum unlösbaren Paradoxon gerät.

Da kann rückblickend dort schon fast von einer intellektuellen Auflockerung gesprochen werden, wo der eigentlichen Lesung drei, ja … Stücke? … des sich aus Christian Reiner und Trompeter Ritsche Koch, der schon mal gern mit Peter Fox oder The Notwist auf der Bühne steht, zusammensetzenden Duos Oral Office vorangestellt wurden, über dessen … ja … Musik? … Wondratschek einleitend bemerkt, ihn habe, als er sie erstmals hörte, nicht die Schublade interessiert, in die man diese Klänge stecken könne – vielmehr er gespürt, dass sie ihm schlicht gut täten.

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Schattenspiel

Eine Schubladisierung scheint ob des sich klangcollagenartig neben allerlei Sprachfetzen aus Pfeifen, Zwitschern, Summen und Brummen zusammensetzenden, in Ermangelung eines besseren Wortes nenne ich es: Geräuschs, tatsächlich unmöglich, was übrigens auch für den Trompetenton gilt, der mal stöhnt, mal krächzt, mal heiser flüstert und nur selten sich voll erblühend laut erhebt. Die beiden erinnern mich, ich kann mir nicht helfen, an die beängstigend menschlich klingenden Mundorgeln von Christian Zehnders und Gregor Hilbes Oloid – und vielleicht ist die Oloid’sche Aufhebung der Zeit-Raum-Konstante tatsächlich nicht so weit entfernt von Oral Offces Form und Inhalt durchlässig verwebender Performance, womit wir wieder am Anfang angelangt wären.

Nämlich bei Christian Reiners Hölderlin-Interpretation, von Lesung will ich hier gar nicht mehr sprechen. Allein die Pausen, die einladen, den Naturbetrachtungen des Frühromantikers nachzuspüren, was mit Blick auf den Park, wo das eine oder andere „edle Wild“ vorbeikommt und schon mal seine feuchte Nase gegen die Fensterscheibe drückt, nahezu zum Gesamtkunstwerk gerät. Oder auch die Nüchternheit des Vortrages, kongenial angepasst an Hölderlins karge Ein-Wort-Sprache, wo Mensch ist und Tier, Sonne und Regen, Tag und Nacht und Sommer und Winter.

Diese ist es auch, die in der unruhig verbrachten Nacht noch fort wirkt, und nicht die Lesung Ohne Disziplin ist Pathos Zeitverschwendung, wo Wolf Wondratschek hinter seinem Co-Produzententum der Turmgedichte hervortritt und im, ich mag sagen: Duett mit der wunderbaren Maria Schrader aus seinen eigenen, von Gerhard Ahrens arrangierten Texten durchaus lebensnah und auch vergnüglich vorträgt.

Die Turmgedichte sind im Januar 2012 als Nummer 2285 der ECM New Series erschienen.

Turmgedichte

2. Juni 2013

Mehr als (fenno-)skandinavischer Jazz und doch von berückender Nordizität: das Kokko Quartet

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 23:25

Das finnische Kokko Quartet habe ich erstmals auf der offiziellen Jazzahead! 2013 Compilation gehört, wo es mit seinem Titel Yasmin Appetit auf das European Jazz Meeting machen sollte. In meinem Falle mit Erfolg. Der Live-Showcase der Finnen wurde umgehend im Messekalender vermerkt. Und schon dort fiel mir auf, was ich auch angesichts der Platte nicht umhinkomme, festzuhalten, obwohl ich lange gezögert habe, ob ich das auch schreiben soll: Das den Kokko-Klang dominierende, von Kaisa Siirala gespielte Saxophon klingt nicht so, als würde es von einer Frau gespielt.

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Sie können mir jetzt gleichstellungsbewegte Leserbriefe schreiben – oder aber auch noch einmal genau nachhören. Schon beim von Pianistin Johanna Pitkänen komponierten Opener „Letters“ klingt doch viel eher der Ton eines Jonas Knutsson von „Syskonöga“ oder meinetwegen auch, um den skandinavischen Referenzrahmen hinter uns zu lassen, der eines Bob Malach von „Black Is The Color Of MyTrue Love’s Hair“ durch, wobei das Stück selbst easy-listening-mäßiger daherkommt – spätestens, wenn Pitkänens Pianokaskaden perlen, ist das mehr James Last als ECM. Tatsächlich jedoch entführen die „Letters“, folgt man den Liner Notes, den Hörer „deep into the forest“. Der Wald als Symbol für etwas Konstantes, der etwas Verlorenem oder Abwesenden Form zu geben weiß, scheint nicht nur Inspiration für so manchen schwermütigen finnischen Tango zu sein, sondern gebiert auch den Geist des finnischen Jazz – zumindest, wenn er sich in der Interpretation des Kokko Quartet zeigt, die Skandinavischen Jazz mit arabischen und indischen Einflüssen, ja selbst kubanischen Rhythmen zu kombinieren weiß.

In der Tat hat schon der Opener Letters durch seinen punktgenau gesetzten Bass und ein unheimlich elegantes Schlagzeug einen packenden, tighten Groove, zu verdanken Bassist Timo Tuppurainen und Drummer Risto Takala, die hier von Ricardo Padilla an den Percussions verstärkt werden. Doch auch Fans des speziellen Sounds vom Neuen Nordischen Jazz kommen beim Kokko Quartet auf ihre Kosten. Wer wissen möchte, weshalb, was es mit dieser nur schwer fassbaren, glückseligmachenden Kompenente auf sich hat und warum Finnen ohne ihren Tango dann wohl doch nicht könnnen – der lese einfach weiter, und zwar die Rezension des aktuellen Kokko-Quartet-Albums Like A River auf fairaudio.de, unserem Lieblings-Online-HiFi-Magazin. Viel Freude damit!

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20. Mai 2013

Und noch einmal Jazzahead!

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 13:22

Teaser

Aller guten Dinge sind drei, weiß der Volksmund. Tja, lieber Leser, da müssen Sie jetzt durch. Nachdem Sie schon eifrig Nachlese bezüglich der ersten beiden Tage sowie Tag drei der Jazzahead! im Klangblog betrieben haben, ist gestern auch der offizielle Messebericht für fairaudio.de online gegangen. Das heißt, etwas mehr Zahlen, Daten, Fakten, etwas weniger Meinung – und viele wunderschöne Fotos, wie zum Beispiel das hier von Tobias Preisig.

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Den vollständigen Bericht unter dem Motto „Bye bye, Berlin – hallo Bremen!“ finden Sie hier. Viel Freude damit – und noch einen schönen Pfingstmontag!

18. Mai 2013

Schön, dass es so etwas gibt!

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 16:28

Treue Klangblog-Leser werden es kaum glauben, und auch ich würde mich damit schwertun, hätte ich nicht mit eigenen Ohren gehört, dass dieser empathische Ausruf, den ich mir nach meiner ersten Überraschung gleich mal für die Überschrift ausgeliehen habe, keinem Geringeren als Mr. Böse Zunge himself, sprich: Bassplayerman, entfahren ist.

Schuld daran war mal wieder der Bossa Nova, der gestern Nacht in Form von Louise Gold und dem Quarz Orchestra das üblicherweise harten Cow-a-billys vorbehaltene Bassy sanft überrollte, und das, obgleich der Abend irritierend genug begann, mit einem Barkeeper, der sich Sorgen um die Leber seiner Gäste machte, einem hirnerweichenden Siebziger-Jahre-Softporno-Marathon – sollte sich der Beginn des Konzertes doch um ungeplante anderthalb Stunden verschieben – auf der Clubwand, bei dem man autounfallgleich einfach nicht weggucken konnte, und einer, als es (kurz bevor man uns mit einer sicherlich exquisiten Auswahl aus der „Mexicana“-Reihe der hauseigenen Cinemathek beglücken wollte) gegen Mitternacht dann endlich losging, meinerseits völlig unerwarteten Bourlesque-Künstlerin als „Vorprogramm“, die sich letztlich jedoch nicht nur als ganz niedlich erweisen sollte, sondern auch ein tolles Beispiel dafür war, dass normal- bzw. nach heutigen Maßstäben leicht übergewichtige Frauen ebenfalls ein gerüttelt Maß an Sinnlichkeit versprühen können.

Da tut die unterkühlte Erotik von Louise Gold als Kontrast jedenfalls dringend Not – und gut. Denn dann endlich spielt man sich, trotz „kleiner“ Besetzung im Sextett, für die sich Hans Quarz im Vorfeld bestimmt dreimal – und obendrein völlig überflüssigerweise, denn seiner Posaune allein gelingt es, einen ganzen Bläsersatz zu kompensieren – entschuldigt hatte, bravourös durch einige der schönsten Stücke von Debut, lässt aber auch Altes und Brandneues hören. Völlig egal, ob Bossa Nova …

… Swing …

… oder der Umgebung angepasster Rockabilly – in diesem Falle: das Elvis-Cover That’s Alright, Mama mit Ukulelen-Begleitung und Retro-Gitarrensolo – …

… da stehen sechs Leute, die wissen, was sie tun. Ob nun Thibault Falk an den Tasten brilliert, Florian Segelke den Django Reinhardt gibt, Gold die spröde Diva mimt oder Quarz seine Musikerherde schäferhundgleich zusammenhält – das freut nichzt nur den Kritiker, sondern auch die feierwütige Meute, die wild tanzt. Bass und Schlagzeug sind in dem extrem dichten Bandsound stellenweise kaum als eigenständiger Beitrag auszumachen – und bereiten dem Ganzen doch den Boden. Das Erstaunlichste aber ist die Stimme von Louise Gold, denn live offenbart sich, dass ihr spezieller Klang nicht der Retro-Studiotechnik geschuldet ist. Dieser leicht angezerrte, klassisch-jazzige Sound, der eigentlich nur entsteht, wenn man in ein Bändchenmikrofon singt – der kommt bei Gold einfach so aus der Kehle, auch wenn sie ein strunznormales Shure SM58 vor dem Mund hat.

Damit meistert sie nicht nur souverän die Stücke, die eigentlich für die Tentett-Besetzung gedacht sind, wie beispielsweise Footloose Fancy-Free oder meine persönlichen Lieblinge Boys Are Heroes und – den hier hier leider ob eines übereifrigen Tänzers leicht verwackelten – Tillerman and Comrade

… sondern auch die große Ballade Hush! Hush! Sweet Baby, mit der ich mich anfänglich noch schwertat, die es aber mittlerweile ebenfalls in den Kreis meiner persönlichen Favoriten geschafft hat und deren Darbietung mich heute Nacht einmal mehr an die Opern-Version von Gershwins Summertime erinnert. Los wird man die Stücke ohnehin nicht mehr, denn wie schon bei der Platte tritt auch nach dem Konzert der Goldquarz-Effekt ein, dass man die Stücke noch die ganze Nacht über immer und immer wieder im Kopfrekorder abspielt.

Findet man dann zu Hause noch einen friedlich schlummernden, seinem Namen alle Ehre machenden Lina Liebhund vor, der sich nicht innenarchitektonisch betätigt, ja, nicht einmal das kleinste bisschen randaliert hat, während man ihn allein gelassen hat, dann kann man sich Bassplayerman nur aus vollem Herzen anschließen: Schön, dass es sowas gibt!

12. Mai 2013

Boah, wie geil! Die aktuelle Ausgabe von Victoriah’s Music ist online

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 20:28

Ein Special zum Thema „Das zweite Album ist das schwierigste“? Nein, soweit möchte ich nicht gehen, auch wenn sich in der neuen Ausgabe von Victoriah’s Music so einige Zweitlinge tummeln. Den Auftakt macht Spaces von Maïa Vidal, die den Sprung vom Punk-goes-Billie-Holiday-Debüt zum schräg-schnasseligen Hippie-Feeling im Weltall, inklusive Hundehimmel und Liebesparaden, wagt: „Spaces hat so gar nichts von seinem Vorgängeralbum, ignoriert man die Tatsache, dass Vidal auch hier wieder ein ganzes Spielzimmer voller Instrumente im Selbstversuch durchexerziert, von Keyboards, Violine und Kontrabass über Klarinette, Theremin und Trompete bis zu Xylophon, Glockenspiel und Autoharp. Gerade Letztere spielt hier in all ihren Facetten, ob als angezerrter Gitarrenton, als spacige Harfe oder ambientes Rauschen, die tragende Rolle und ist sicherlich nicht unschuldig am raumschiffartigen Sternenklang des Albums. Die Zeiten des omnipräsenten Akkordeons scheinen mit Spaces jedenfalls endgültig der Vergangenheit anzugehören.

[…]“

Was Vidal ihrem gegenwärtigen Publikum bietet, warum nicht zwingend traumhafte Töne drin sind, wo „Traumton“ draufsteht, wie es mit dem Erwachsenwerden von Fräulenwundern so ist, warum das Volk in Ehrfurcht starrt und staunt, was die Brontë’sche Heldin Helen Burns mit noisigen Trompetenklängen zu tun hat, die sich jedoch ganz schnell verstecken, wenn ein Könner wie Frederik Köster die Trompete auspackt, der sich seinerseits in Kafkaeske Käferhaltung begibt, warum der Rezensent angesichts der Turning Points von Triosence ganz un-hoch-kulturell nur noch „boah, wie geil!“ rufen möchte und was es mit „Retro Futurist Electro“ so auf sich hat – das erfahren Sie auf fairaudio.de, Ihrem Lieblings-Online-HiFi-Magazin. Besprochen wurden:

  • Maïa Vidal | Spaces
  • Lea W. Frey | How Soon Is Now?
  • Fredrika Stahl | Off To Dance
  • Katriana | Aber Klar Doch
  • Flea | Helen Burns
  • Frederik Köster | Die Verwandlung
  • Triosence | Turning Points
  • Dirty Honkers | Superskrunk

Viel Freude damit!

6. Mai 2013

Unterwegs im Dienst der Klangverführung. Tag 3 der Jazzahead! 2013

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 20:30

Dachte ich nach dem Avishai-Cohen-Konzert am 2. Abend der Jazzahead! noch, ich sei randvoll mit Musik und keines einzigen Tons mehr aufnahmefähig, wusste ich noch nicht, was am Dritttag auf mich zukommt, der allein aus logistischer Sicht eine Herausforderung werden sollte. Vorab soviel: Bremer Taxifahrern scheint nicht an ihrem Verdienst gelegen zu sein. Einmal war die Strecke zu lang („Haben Sie etwa den zug verpasst? Der fährt da doch auch!“), ein anderes Mal zu kurz („Wollen Sie da wirklich hin? Das kann man doch laufen!“). Wer allerdings bepackt mit seinem 10-Kilo-Technikrucksack und wirrem Blick auf die Uhr durch die Gegend rennt, stellt diese Fragen gar nicht erst. Schlussendlich haben mich auch alle gefahren und waren sehr nett – wie überhaupt die meisten Bremer.

Dazu später mehr. Erst einmal steht ein spätes Frühstück im Hotel an, wo ich ein Pärchen treffe, das die Augen noch voller Glanz vom gestrigen Cohen-Konzert hat. Bin ich also nicht die einzige, in der die Kraft des Mitbegründers von Chick Coreas Origin-Ensemble noch nachhallen. Mitunter, wenn man sich in seiner Begeisterung zu verlieren droht, tut so ein kleiner Reality-Check ja ganz gut. Aus diesem Grunde kann ich auch jetzt noch aus vollem herzen ausrufen: Kaufen Sie die CDs von Avishai Cohen, und wenn er auch nur im entfernten Umkreis Ihres Aufenthaltsortes spielt, lassen Sie alles stehen und liegen und gehen Sie hin. Hunde, Kinder und Ehemänner können sich auch einen Abend lang mal selbst versorgen.


Und weiter geht’s!

Tag drei steht ganz im Zeichen des European Jazz Meeting. Und wie es schon beim Tell Aviver Gitarristen Yotam der Fall war, hat mir die offizielle Jazzahead!-Compilation solchen Appetit auf das finnische Kokko Quartet gemacht, dass ich extra meinen Terminplan umgeschmissen habe, um sie live zu hören. Und bin erst einmal überrascht. Eigentlich sollte es ja kaum noch eine Erwähnung wert sein, aber das Kokko Quartet ist zu fünfzig Prozent weiblich. Dass das im Jazz noch lange nicht der Normalfall ist, machen – positiv gemeinte – Bemerkungen wie „Die klaingen aber gar nicht wie Frauen“ deutlich. Und tatsächlich, Platten, die in letzter Zeit vor meinem Ohr eine ähnliche Klanglandschaft haben vorbeiziehen lassen – ich denke da an das Peter Schwebs Quintet oder an Triosence -, sind ausschließlich männlich besetzt. Jazz ist eben doch immer noch eine Spielwiese für die großen Jungs – Frauen kommen hier, wenn überhaupt, größtenteils als Sängerinnen vor. Unsere nordischen Zeitgenossen sind auch hier mal wieder einen Schritt weiter.

Apropos nordisch: Zwar werden Anhänger des Nordic Jazz ihre helle Freude am Kokko Quintet haben, doch kennt dessen Spielfreude keine geografischen Grenzen: Arabische und indische Einflüsse werden von Kaisa Siirala am Saxophon und der nordindischen Bansuri, Johanna Pitkänen am Klavier und Keyboard, Timo Tuppurainen am Bass und Risto Takala am Schlagzeug ebenso selbstverständlich verarbeitet wie der ein oder andere kubanische Rhythmus. Gepaart mit einer herrlichen Unterkühltheit und viel Luft, viel Raum, ja, ich mag sagen: viel Atem, ergibt das eine berückende Melange, wie bei Yasmin, in das ich mich schon auf der Jazzahead!-Compilation verliebt habe:

Zum Nachklingen lassen ist wenig Zeit, denn heute feiert das von Singer/Songwriterin Jana Herzen gegründete, in Harlem ansässige Jazz-/World-Label Motéma Music seinen zehnten Geburtstag. Da lassen es sich natürlich auch die Motéma-Künstler nicht nehmen, mit einem Ständchen zu gratulieren. Mich interessiert hier besonders der Bassist Charnett Moffett – nicht nur, weil er schon als Teenager bei Wynton Marsalis und Branford Marsalis spielte, sondern vielmehr, weil er eine Solo-Platte herausgebracht hat, auf der Bass pur und sonst nichts zu hören ist. Kann das wirklich funktionieren und interessiert das jenseits von Bassisten und anderen Spezialisten ein größeres Publikum? Jana Herzen bemüht bei der Vorstellung ihres Künstlers das schöne Wortspiel „Solo bass works“. Jetzt ist es an Ihnen, sich zu überzeugen! Ob er nun mit Fragile Sting covert …

… (was Sinn macht, denn Sting ist schließlich, auch wenn ihn heute nur noch die wenigsten als solchen wahrnehmen, von Haus aus Bassist – und zwar ein ziemlich guter!), ein eigenes, dem Jazz-Bassisten Paul Chambers gewidmetes Stück zum besten gibt …

… oder ein Thelonius-Monk-Medley hören lässt:

Ja, das war wirklich Round Midnight (außerdem: Well, You Needn’t und Rhythm-A-Ning)! Zu hören gibt es all das auch auf Charnett Moffetts aktuellem Album The Bridge – darüber lesen können werden Sie bald auch noch in Victoriah’s Music auf fairaudio.de. Ich hatte Sie ja gewarnt. Mein Besuch bei der diesjährigen Jazzahead! ist zu einer Art Bassisten-Special geworden. Sollten Sie meine Liebe zum tiefergelegten Frequenzbereich – völlig unverständlicherweise – jedoch nicht teilen, begleiten Sie mich einfach weiter zum nächsten Termin.

Der ist garantiert Bass-frei und findet etwas außerhalb statt – Sie ahnen es, die Taxifahrt, über die der Fahrer sich gewundert hat. Die vierzig Euro sind es aber wert, denn im wunderbar atmosphärischen KITO spielt jetzt die kanadische Folksängerin Chloé Charles, deren intelligente Prosa, irgendwo zwischen Beatnik und Nachtmahr, und deren zwischen Zärtlichkeit und Gewalttätigkeit changierenden Ausdruck ich ebenfalls auf der Jazzahead!-Compilation für mich entdeckte, im Rahmen der Clubnight ein Akustikset. Charles hätte ich zwar auch am Vorabend im Rahmen der Overseas Night im Schlachthof hören können, allein: Avishai Cohen hat es verhindert.

Das KITO im Alten Packhaus Vegesack ist etwa siebzehn Kilometer vom Messegeschehen im nordöstlichen Bremen beheimatet, und irgendwann muss ich einmal ganz ohne Termindruck wiederkommen, denn hier kann man einen völlig unprätentiösen, ungezwungenen Abend verbringen. Man hat sich mit den Jahren ein Stammpublikum für die Jazz-, Blues-, Folk-, Chanson- oder Klassikabende erspielt – den warmen Holzgeruch und das anheimelnde Gefühl unter zwischen knarrenden Bodendielen und knarzenden Deckenbalken gibt es umsonst dazu. „It’s cosy in here“, eröffnet dann auch Charles den Abend; und was könnte besser zu ihrem schlauen Hippie-Sound aus Harmoniegesang und Geigen-/Bratschenbegleitung passen als das! Lernen Sie Chloé Charles von ihrer sanften Seite mit dem charmanten Dreiminüter Find Her Way kennen:

… um sie dann durch einen Alptraum aus mysteriös durcheinanderwirbelnden Tarotkarten zu begeleiten:

Zu hören gibt es die beiden Stücke, wenngleich etwas elektronischer, auf Charles‘ zauberhaftem Album Break The Balance. Garantiert nicht zu hören gibt es dort ihr Carole-King-Cover So Far Away, das ich Ihnen als besonderen Leckerbissen mitgebracht habe:

Für die Rückfahrt überlege ich mir das mit dem Taxi aber noch einmal gut und mache es, wie der Kutscher empholen hat: Ich setze auf die NordWestBahn, die einmal die Stunde fährt. Ein netter Bremer, mein Sitznachbar im Publikum von Chloé Charles, bringt mich auf den richtigen Weg. Überhaupt die Bremer! Die sind eben keine Berliner, was da heißt: Sie sind richtig nett. Während ich zum Beispiel im Ratskeller geduldig auf den Kellner warte, weil ich es gewohnt bin, von diesem erst einmal fünfundvierzig Minuten lang ignoriert zu werden, zitiert ihn meine Bremer Tischnachbarin energisch für mich herbei. Und jetzt werde ich sogar zur Bahn gebracht, wo man sich in Berlin einen Spaß daraus macht, Ortsfremde voller Absicht ind ie falsche Richtung zu schicken – wenn man sie nicht einfach übersieht, oder was auch immer man an Unschönigkeiten mehr in seinem persönlichen Repertoire hat. Ganz anders die Bremer, denen an dieser Stelle ein herzlicher Dank gebührt!

Jetzt muss ich aber zur Bahn rennen, wo ich drei Euro (okay, das ist ein Unterschied) in den Fahrkartenautomaten werfe und in etwa zwanzig Minuten wieder am Hauptbahnhof bin. Von da geht es im Galoppschritt weiter zum Schlachthof, denn hier endet das European Jazz Meeting und überhaupt die ganze Jazzahead! 2013 mit dem Showcase von Tobias Preisig, der sich wieder einmal auf die Suche nach dem soeben noch hörbaren Ton macht und sein Publikum einmal mehr auf seine Klanggrenzgänge, die ich nicht anders als „Spaziergänge auf dem Seelengrund“ zu bezeichnen weiß, mitnimmt.

Hallelujah indessen spielt er heute Abend nicht. Stattdessen gibt es heute zunächst das nicht weniger berauschende Infinite Inhalte und Infinite Exhale aus seinem lebensverändernden Debütalbum In Transit zu hören:

Die Trilogie wird eigentlich von Transforming vervollständigt, das Sie sich
bitte auf Platte anhören, bevor Sie weiterlesen, denn an seiner statt habe
ich Ihnen das brandneue Splendid mitgebracht, das den Abend in einen rauschenden verwandeln und die Jazzahead! 2013 würdig abschließen soll.

Ob es daran liegt, dass es meine erste Jazzahead! und damit alles neu und aufregend war, ob daran, dass Bremen eine kleinere Stadt ist als Berlin und der Transit zwischen Messe und Showcases hier besser funktioniert, oder vielleicht auch daran, dass Jazz ein freundlicheres und in gewisser Weise auch menschlicheres Genre zu sein scheint als Pop – auf der Jazzahead! 2013 hat all das geklappt, wovon die nunmehr zur Berlin Music Week verstümmelte Popkomm nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Wenn man Musikmessen macht, dann so.

30. April 2013

Als hätte es das letzte halbe Jahrhundert nicht gegeben: die Platte des Monats April ist online

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 08:22

Während ich mich in Bremen auf der Jazzahead! herumgetrieben habe, feierten Louise Gold und das Quarz Orchester in Berlin den Record Release ihres wunderbaren und passenderweise mit Debut betitelten Debütalbums: Seit dem 26. April 2013 steht es in allen Läden und ist natürlich auch in den einschlägigen Downloadshops zu haben. Mich persönlich hat Debut derart in seinen Bann gezogen, dass ich es auf fairaudio zur Platte des Monats April gemacht habe:

„Wir schreiben das Jahr 1964. Stan Getz reitet mit seinem ein Jahr zuvor aufgenommenen Album Getz/Gilberto auf dem Höhepunkt der aktuellen Bossa Nova-Welle – dem kollektiven Rausch, verursacht durch diese neue Musik aus Brasilien, die Ende der Fünfzigerjahre angetreten war, die Welt zu erobern. Die sinnlichen, dabei aber nie schwülstigen, sondern immer luftig-leichten Klänge erwiesen sich als ideale Hintergrundbeschallung mondäner Dinner Partys – gemeinsam mit den Easy-Listening-Hits jener Zeit, wie etwa den Kompositionen Burt Bacharachs. Die knisterten in den Wohnzimmern nun elegant vom Vinyl, gilt die gute alte Schellackplatte doch zumindest in Westeuropa und Nordamerika gemeinhin seit spätestens 1960 verschwunden.

Als hätte es das letzte halbe Jahrhundert nicht gegeben, knüpft Louise Gold mit dem Orchester von (Big-)Band-Leader Hans Quarz genau an diesem Punkt an, wenn Debut gänzlich unvermittelt von einem gedämpften Posaunenton, dezentem Bossa-Nova-Geschnassel und prätentiösem Diven-Gesang eröffnet wird. Zutaten, die zusammengenommen derart aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, dass man versucht ist, die CD nochmals aus dem Spieler zu nehmen und das Kleinaufgedruckte zu lesen: Hat man da wirklich ein 2013er-Album erwischt? Man hat.“

Wer das Geheimnis des Sounds von Louise Gold & the Quarz Orchestra ergründen will, lese einfach weiter – wie immer auf fairaudio.de, unserem Lieblings-Online-Magazin nicht nur für HiFi Stereo, sondern auch für Jazz im weitesten Sinne.

Doch damit nicht genug: Klangblog-Leser können außerdem eine signierte Vinyl-Ausgabe von Debut gewinnen. Was Sie dafür machen müssen? Einfach bis zum 13. Mai eine Mail an an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben und dort erklären, warum gerade Sie diese Platte unbedingt haben müssen. Bestechungsversuche in Form von Präsentkörben und Hundekeksen werden zwar gern angenommen, helfen beim Losglück allerdings nicht weiter. Klangverführer behält sich vor, den Namen des Gewinners zu veröfentlichen. Und nun viel Glück!

27. April 2013

Die Bremer Jazzmusikanten. Tag 1 und 2 der Jazzahead! 2013

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 14:39

„Alles ist Jazz“. Das wissen die Leser Lili Grüns spätestens seit der Neuauflage ihres ursprünglich Herz über Bord betitelten Berlin-Roamns von 1933, der mich dann auch stilecht bei meiner Expedition auf die Jazzahead! nach Bremen begleitet.


Auch beim Bremer Bahnhofsbuchhandel ist man auf die in die Stadt einfallende Jazz-Meute eingestellt

Musste dieser mittlerweile „wichtigste und größte Treffpunkt der Branche“ (Pressemitteilung) die ersten verflixten sieben Jahre noch ohne Klangverführer auskommen, ist er – sprich: bin ich – bei der achten Jazzahead! live vor Ort, um sich bzw. mich zu überzeugen, dass Bremen nicht nur mit seinen vier Stadtmusikanten, sondern tatsächlich auch einem beeindruckenden Line-up an gern gehörten Jazzmusikern – ich sage hier nur: Tobias Preisig, Olivia Trummer Trio, Zodiak Trio und Helge Lien Trio, nur, um ein paar zu nennen – und sechshundert Ausstellern aus aller Welt aufwarten kann. Nicht zuletzt lockt auch das diesjährige Partnerland Israel, zu dessen Künstlern ich seit jeher eine enge Beziehung pflege, von meiner allerersten Besprechung für fairaudio (Yael Naim), über Shabbat Night Fever und Ofrin bis hin zu den jungen Wilden à la Joe Fleisch oder Gad von den Dirty Honkers.

Da bleibt es natürlich nicht aus, dass ich mich auch beim einstimmenden Hören des offiziellen Jazzahead-Samplers in eine Komposition eines Mannes aus Israel verliebt habe: Bye Y’all des Tel Aviver Gitarristen Yotam Silberstein, mit der die Compilation beginnt. Das Stück indessen eröffnet nicht nur den Sampler, sondern auch das erste von vier Themenbündeln der Messe, die Israeli Night, in deren Zuge verteilt zwischen Halle 2 in der Messe und Kulturzentrum Schlachthof auch noch das Omer Klein Trio, Malox, Daniel Zamir, Ilana Eliya, LayerZ und das Ensemble Yaman zu hören sein werden.

Während des Showcases von Yotam passiert dann aber erst einmal noch etwas anderes: Ich verliebe mich in den Bassisten Gilad Abro. Der ist so unglaublich geil, dass ich ihn Ihnen nicht vorenthalten will – meine ganz persönliche Entdeckung an Tag 1 der Jazzahead! 2013. Hier erstmal etwas funky Swingendes …

… und dann noch die Ballade Nocturno.

Ich meine, ein Kontrabasssolo bei einer Ballade, das dermaßen unkitschig gerät, wer hat so etwas denn schon einmal gehört? Nicht zuletzt ist auch Schlagzeuger Amir Brevler, der vormals bei Avishai Cohen – von dem später noch die Rede sein soll – gespielt hat, sehr sehr geil. Kurz: Eine Rhythmusgruppe, die man (oder zumindest ich) gern klauen möchte! Und offensichtlich bin ich nicht die Einzige, die so denkt, denn Abro und Bresler spielen nicht nur bei Yotam, sondern auch bei Klarinettist Daniel Zamir. Abro allein fungiert zudem als Vokalist bei LayerZ. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, die israelische Jazz-Szene sei eben überschaubar. Es könnte aber auch für die herausragende Qualität der genannten Musiker sprechen, dass ein jeder möchte, dass sie bei ihm spielen. Und Qualität ist hier definitiv vorhanden.


Sieht zu allem Überfluss auch noch gut aus: Mr. Gilad Abro

Yotams Stücke jedenfalls singe ich noch den ganzen Abend vor mich hin,
auch beim folgenden Rundgang über die beinahe noch schlafende – gilt der Donnerstag doch gemeinhin als „the quiet day“ – Messe. Doch auch heute schon trifft man alte Bekannte und solche, die es noch werden wollen, beispielsweise die netten Leute von Jazzthetik, die Musik nicht wie der Klangverführer in Worte fassen, sondern schlicht „lesen“ (lassen) wollen.

Natürlich ist der eine nette Jazzthetik-Mensch gleichzeitig Bassist, und ich heimse die erste (von vielen) CDs der Messe ein. Dies hier wird, da müssen sie jetzt ganz stark sein, eine Art Bassisten-Special werden. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die vibrierenden Tieftöner tatsächlich die Jazzahead! dominieren, oder dass nur ich aufgrund einer leicht abseitigen Vorliebe meinen Fokus darauf gelegt habe. Dazu aber später mehr, der Gelegenheit wird hierzu noch reichlich sein, glauben Sie mir! Erst einmal aber treffen wir am österreichischen Stand, der, ebenso wie bei der letzten – nicht im Sinne von vorjährigen, sondern von: letzten ihrer Art – Popkomm unter dem Motto „Austria sounds great“ firmiert, ein nettes Pappschaf.

Einen Tag später wird übrigens ebenso nettes Pappgras hinzukommen. Und noch einen Tag später stelle ich fest, dass das Pappschaf als CD-Regal dient. So weit sind wir aber noch nicht. Heute kann sich dafür, wer mag, ins Wohnzimmer von Berthold Records einladen lassen …

… wo es nicht nur Omas Mobiliar inklusive Kommode und Stehlampe, sondern auch jede Menge ziemlich gute Musik gibt. Oder man bewundert die Trompete vom Jazzcastle Wolfsburg …

… und holt sich dabei einen Vorgeschmack darauf, was einen hier vom 14.
bis zum 16. Juni erwartet, denn das Line-up kann sich sehen und vor allem hören lassen: von der bezaubernden Viktoria Tolstoy über Jazzanova bis hin zu Nils Wogram oder Michael Wollny sind sie alle dem Ruf der Autostadt gefolgt. Alternativ kann man den sympathischen Standbetreibern versprechen (und das Verspechen später natürlich auch halten), ihre Facebook-Seite zu liken, dann bekommt man als Dank ein Miniaturpiano, das sich beim näheren Hinsehen als Brotdose entpuppt.

Wem dieses nähere Hinsehen nicht mehr zielsicher gelingt – denn natürlich gibt es auch an allen Ständen diverse Alkoholika -, der kann in der Chill-Out-Zone vor einer Südseetapete im Liegestuhl eine Pause einlegen …

… oder sich von den netten Catering-Damen orientalische Spezialitäten kredenzen lassen.

Die Alkoholika indessen sind auch hier nicht weit, wie man sieht. Es wird Zeit für einen spätabendlichen Ausflug in die Bremer Altstadt – und wie froh bin ich, in dieser milden Frühlingsnacht dem Eselchen der Stadtmusikanten an die Hufe gefasst und damit immerwährendes Glück auf mich gezogen zu haben …

… denn schon der nächste Tag macht ernst mit der angedrohten Wetterprognose: Die Temperaturen fallen um mindestens zehn Grad, es stürmt und dauerregnet. Nicht gerade ideales Hufanfasswetter! (Ich komme allerdings trotzdem noch einmal zu dem Getier zurück, um stellvertretend für Lina Liebhund auch dem Stadtmusikantenhund an die Pfoten zu fassen.) Erst einmal aber beginnt Tag 2 mit einer unangenehmen Überraschung, die allerdings technischer und nicht meteorologischer Natur ist: Der Internetzugang auf dem Hotelzimmer erlaubt einen maximalen Datentransfer von 250 MB – da Jazzer für gewöhnlich nun aber etwas länger spielen als Popper & Co., hat so ein HD-Video schon mal gute vier- bis fünfhundert MB. Frustriert begebe ich mich ins Spa; und auch, wenn es so ein beheizter Außenpool in seiner Klimabilanz vermutlich locker mit hundert Heizpilzen aufnehmen kann und ich mich die geschätzten nächsten drei Jahre ausschließlich per Fahrrad fortbewegen und vegan ernähren muss, um das irgendwie wieder gutzumachen – es ist genau das, was ich jetzt brauche. Und unter den fachkundigen Händen der hauseigenen Masseurin fällt dann auch der letzte Groll über die verdammte Technik von mir ab. Okay, ich höre ja schon auf, Sie neidisch zu machen und lade Sie stattdessen ein, mich zu Themenbündel zwei auf die German Jazz Expo zu begleiten.

Hier treffen wir, wie eingangs schon angekündigt, auf eine alte Bekannte. Olivia Trummer gibt sich charmant wie eh und je, ob sie nun solo Gershwin-Klassiker wie They Can’t Take That Away From Me oder mit ihrem Trio Eigenkompositionen spielt, von denen ich Ihnen – um künftige Komplikationen zu vermeiden, ab nun nicht mehr in HD-Qualität, sondern ganz normal, sehen Sie mir das nach – eine mitgebracht habe:

Bleibt nur die Frage: Wie kann man mit diesen Absätzen – immerhin geschätzte zwölf Zentimeter – überhaupt Klavier spielen?, die die Sängerin dann auch selbstironisch stellt. Wie, weiß man zwar auch danach nicht, aber dass – das weiß man jetzt. Dass die Laune mittlerweile wieder auf dem Höhepunkt ist, liegt aber nicht nur an dem sympatischen Flirt Trummers mit ihrem Publikum – auch das Presseoffice auf der Jazzahead! ist technisch auf dem höchsten Stand. Nett und kompetent betreut lade ich hier meine Videos in wenigen Minuten hoch. Wer braucht schon den schwächelnden Internetzugang des Hotels?


Mit diesen Schuhen kann man sicherlich auch Tresore knacken

Jetzt aber schnell weiter, denn heute Abend steht das Galakonzert der Jazzahead! auf dem Programm: Der Tel Aviver Bassist Avishai Cohen spielt in der Glocke. Über dieses als „eines der Highlights der Partnerlandprogramms“ angekündigte Konzert wurde im Vorfeld schon so viel gesagt und gemunkelt – vor allem aber über Cohen selbst. Hoffentlich musst du Arme kein Interview mit ihm machen, wurde ich gewarnt, gilt der Künstler doch als maulfaul und schwierig. Wenn das Publikum in seiner Begeisterung noch eine Zugabe will, so die Lästerer weiter, könne es vorkommen, dass Cohen schon ohne ein Wort im Taxi sitze und zurück ins Hotel fahre. Auch die strengen Film- und Fotorestriktionen für die Presse, eine absolute Ausnahme auf der in dieser Hinsicht sonst sehr liberalen Jazzahead!, bestätigen das bislang heraufbeschworene Diven-Bild des Ausnahme-Bassisten.

Als ich ihn dann aber spielen höre, habe ich plötzlich verstanden. Avishai Cohen legt sein ganzes Leben, sein Sein, sein Selbst in sein Spiel, verausgabt sich bei einem Konzert bis zur Selbstaufgabe. Alles, was er zu sagen hat, tut er durch die Musik. Und wenn in seinen Augen ein Konzert beendet ist, weil er alles gesagt hat, dann ist es eben beendet. Warum sollte er dem dann noch was hinzufügen oder gar blöde Fragen beantworten?

Cohen muss man zuhören, und mehr muss man nicht wissen. Das Besondere an der Musik Avishai Cohens ist dann auch gar nicht mal, dass sie außergewöhnlich kreativ oder experimentell oder sonstwie abgefahren ist, denn bis auf einen völlig umgestrickten Cole-Porter-Song war sein Programm eher konventionell. Das Besondere liegt in dieser überirdischen Virtuosität, die beim letzten regulären Stück des Konzerts, Seven Seas, vollends zum Tragen kam, und in der langen Zeit, die er manchmal braucht, einer Stimmung, ob nun seiner eigenen oder der seiner Musiker hinterherzufühlen, bis er einen Ton anschlägt. Aber wenn, dann hat man das Gefühl, als offenbare sich ein Heiligtum. „Es spricht“, raunt man ehrfürchtig, und das ist auch alles, was man hierzu sagen sollte, denn angesichts eines Avishai-Cohen-Konzerts, das einer Heiligen Messe gleichkommt, sollte man einfach die Klappe halten und zuhören – nicht zuletzt auch den unglaublichen Musikern Cohens, dem Pianisten Nitai Hershkovits und dem blutjungen Ofri Nehemya, Sohn des Schlagzeugers Naor Nehemya.

Hiernach ist bei aller Liebe der Besuch der Jazz@Israel Jam Session mit Omer Klein (Piano), Haggai Cohen-Milo (Bass), Yotam Silberstein (Gitarre), Aviv Cohen (Schlagzeug) und Jonathan Albalak (Gitarre, Synthesizer) im Park Hotel nicht mehr drin – meine Aufnahmekapazität in Sachen Musik ist für heute restlos erschöpft. Ich falle völlig erlebnisberauscht, und das meint hier: musikgesättigt, in mein Bett.

Über Tag 3 berichte ich in den kommenden Tagen – schauen Sie einfach wieder mal vorbei! Mit dabei: Musik vom Kokko Quartett, Charles Moffett, Chloe Charles und Tobias Preisig.

19. April 2013

Jazz ist Jazz und Bier ist Bier: die Jubiläumsedition von Victoriah’s Music ist da

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 10:12

Zur Feier meiner mittlerweile 5-jährigen Liaison mit fairaudio beschreitet die aktuelle Ausgabe von Victoriah’s Music neue Wege: Nicht nur, dass die „Jazz-Quote“ – auch in Hinblick auf die kommende Jazzahead in Bremen – nochmals signifikant erhöht wurde – ich habe auch eine völlig neue Art der Dokumentation meines Hörerlebnisses ausprobiert. Zwei Tage am Stück habe ich mit moralischer Unterstützung von Lina Liebhund eine Listening-Session veranstaltet und dabei allerlei erlebt, erfühlt und erhört. Eine Geschichte habe ich mit Victoriah’s Music zwar schon öfter erzählt, aber noch nie hat sie sich so zusammenhängend durch die acht Platten gezogen wie dieses Mal. Außerdem wollte ich schon immer mal über Jazz-Jazz schreiben und was der mit Bier-Bier zu tun hat!

Nicht zuletzt geht es um eine nur als „Gothic Jazz“ zu bezeichnende Schauerromantik mit Kopfnickerattitüde, zu deren Enträtselung eine Wagner-Partitur beigetragen hat; um beängstigend menschlich – und auch mal nach Yak – klingende Mundorgeln jenseits von Raum und Zeit; um eine konsensfähige, dabei aber immer heitere, ja: seligmachende Quartettproduktion; um ein Quintett, das dermaßen schwebt, dass es für mich aktuell die Platte des Jahres 2013 ist; um einen nachgerade seelsorgerischen Soundtrack, der einen die schlimmen Stunden zwischen zwei und vier Uhr morgens geisterfrei hält; um eine deliziöse Dinner-Verabredung mit viel Soul; um die Neulandung des ausgefreakten Funkmutterschiffs und um die Frage, ob man posthume Veröffentlichungen denn wirklich als neu oder lieber doch als „bislang unveröffentlicht“ bezeichnen sollte, kurz: um folgende Platten:

  • Bodo und Herzfeld | Liederseelen
  • Christian Zehnder & Gregor Hilbe | Oloid
  • Yakou Tribe | 100% Results
  • Peter Schwebs Quintet | In-between Seasons & Places
  • Paolo Thorsen-Nagel Projekt | And On
  • Delicious Date | Next
  • Electro Deluxe | Live in Paris 2012
  • Jimi Hendrix | People, Hell & Angels

Zu lesen gibt es das Ganze wie immer hier auf fairaudio.de, Ihrem Lieblings-Online-HiFi-Magazin.

16. April 2013

A certain will to be independent from clichés: die Dirty Honkers und ihr Futurist Retro Swing Tech im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 08:09

Schon einen Tag, nachdem wir uns mit Louise Gold zum Interview getroffen haben, stehen wir auch schon wieder mitten in Neukölln, denn auch die Dirty Honkers, vielen bekannt als Kings & Queen of Retro Futurist Electro, haben hier ihre Headquarters aufgeschlagen. Eigentlich hätten wir also gleich hier übernachten können. Indessen hätte dies Lina Liebhund um einen weiteren Versuch gebracht, den gestrengen Herren Polizisten in Schwarz, auf die sie aus welchen Gründen auch immer total abfährt, auf dem Alexanderplatz eine Streicheleinheit zu entlocken.

Leider wollten die Beamten auch diesmal nicht mit Lina kuscheln – doch Ersatz fand sich schnell in Gad Baruch Hinkis, dem musikalischen Kopf der Dirty Honkers, und auch Sängerin Andrea Roberts und Saxophonist Florent Mannant sparten nicht mit Streicheleinheiten. Vollends versöhnlich gestimmt war das Tierchen wieder, als es in der Honkers-Küche diesen tollen, deckellosen Mülleimer entdeckte – im Liebhund’schen Universum ein unwiderstehlicher Genuss, für den man Ärger mit seinem Menschen gern in Kauf nimmt.

Und während die drei Musiker und ich dem Hund abwechselnd leere Streichholzschachteln, gebrauchte Teebeutel & Co. wieder aus der Schnauze operieren, gelingt es uns nebenbei, über die Songs ihres neuen Albums Superskrunk zu sprechen, die sich oft aus den Live-Shows entwickeln, über die Berliner Electro Swing-Szene und den unbedingten Willen, sich nicht darauf limitieren zu lassen, und nicht zuletzt über das Superhelden-Image, das sich die Honkers kürzlich verpasst haben. Viel Vergnügen damit!


Honkerfied: Wenn Lina Liebhund nicht weiß, wie ihr geschieht, sind – v.l.n.r. – Andrea, Gad und Florent von den Dirty Honkers daran Schuld!

Klangverführer: When I first heard about you, the first thing that attracted my attention was your band name. I wondered – and I still do – what in the world made you name yourself “Dirty Honkers”?

Florent: I guess it was a little bit of a brainstorm. We started doing music before we had a name.

Andrea: Yeah, we started collecting a lot of words that we associated to, and „dirty“ was one of them, and the word „honkers“ sounded very cartoonesque and we were quite Swing-orientated and thought about cartooney music … And it also can mean „a big nose“ or „big boobies“, or the sound that a goose make – we have two saxophones and they really sound like ducks or geese.

Gad: And it’s a good combination– like, „Dirty Honkers“ is what we sometimes like to direct our sounds to, like a really explosive horn, like the horn of an old, loud car.

Listening to your new album, the first impression is: Oh, this is just another act riding on the Electro Swing wave. But soon the music turns out to be going beyond that and you hear vocal big band with a Rock’n’Roll attitude and techno beat, which is retro and futuristic at once and which I would describe best as “Swingtech” … How would you yourself describe your kind of music?

Andrea: Dirty Honkers!

Gad: Thanks a lot for the compliment, first of all! Well think, for a long time we used to describe our music as „Dirty Swing Tech“.

Andrea: Yeah, the vibe is sometimes more Swing, then we actually do have more of a Rock vibe in it, there are some songs on the album which have a surf vibe and really go away from the genre, so it also became tricky for us to just put a title on our music. Basically, we really like to take retro sounds and mix them with new-timey beats like techno or Drum&Bass …

Gad: You can also call it skrunk, skrunk music!

Florent: We develop the music rather from the stage than from the studio, always thinking about what we can do to make the concert exciting, to make it a really vibrant experience, and that’s why we always think of dance music, that makes a lot of sense.

Andrea: It’s a constant development because when we first started, we had a lot of songs, and then we found out what we really wanted to do: to make the kids dance. That was really a huge requirement. So the music definitely went a bit in the direction of electro and techno so we could create songs that the kids will move their hands and shake their heads to, pretty upbeat music.

Which makes it quite difficult listening to it in your living-room! Talking about Electro and Techno, your music sounds, at least to my ears, very metropolitan – not to say, very Berlin. Which role does this city play for the way you sound or for the Dirty Honkers, in general?

Gad: It’s hard to say how Berlin influences us. I think mostly it just influences us in the sense that we can do our thing here, that we can be ourselves. And maybe because each one of us can be more his- or herself, the combination between all three of us is less influenced by Berlin, you know? Because Berlin is so very much letting you be who you actually are you are less influenced by Berlin. Like, if I imagine that something like this would happen in London, for example, then maybe we would – because we would be forced to fit into the scene because it’s so hard there – sound more like London. But because we live in Berlin, each of us can really bring his or her own influences and create something that doesn’t sound like anything else for us.

Does that mean that Berlin, compared to London for example, gives you a unique artistic freedom by letting you be who you are?

Gad: I would say it’s freedom on an individual level for us to bring our own influences, but we definitely do have a relationship with the German and in particular with the Berlin Electro Swing scene. I think we helped a lot to bring Electro Swing into Germany before it was popular here.

Andrea: I definitely think that the fact that Berlin is not an expensive capital city definitely plays a role on the freedom you have. You don’t have to push yourself in a certain genre and can afford to be more experimental and more open. But there are definitely small vibes of minimal techno that you hear on songs like for instance „Party People“, and minimal techno definitely comes from the Berlin techno scene – you can hear it in all the clubs … So I would definitely say that Berlin, at least unconsciously from hanging out in clubs, influences the sound that we make.

Florent: Well, I think Berlin has influenced us in a way … for me personally, I grew up here for ten years, and when I first came here I really discovered a wide spectrum of how you can make music. I think Berlin has this very strong call of musicianship. All levels, all backgrounds, street musicians, very high-end musicians, there is really everything here. And it also clashes together very intensely. And I think this also brings this wide range of sound and music and inspiration you cannot find everywhere. In summer for instance, in Berlin you have music everywhere, outside, inside, late, early and this naturally influences us.

Andrea: Plus, on a show aspect level, we have a bit of a Punk Rock attitude that’s coming out of Berlin, kind of „Ach, scheißegal, let’s get drunk“, this kind of party vibe that you can do what you want. When my brother came here from Canada he was like, wow, I’m drinking a beer on the street – it’s a huge thing! Canada is really strict about this, you can get in jail. And here you can feel like you can party all hours to, whatever, eight in the next morning, and this kind of brings this Punk Rock attitude into your stage vibe, like „I’m partying in a cellar, in a dirty club and it’s ten o’clock in the morning, I’m pretty drunk“, you know? It’s not so detectable in our music but in the stage attitude.

Gad: Maybe an interesting point is that there is this contrast in the electro scene and in the live scene, whereas the electro scene is very, very specific, divided into sub-genres and sub-sub-genres, and you can’t go too wild in that. But, in contrast to the live scene which is very free and displays a more Punk Rock attitude by letting people do interesting things, the electro scene influenced us in the way that we all come from that scene individually and it’s a good place to come from.

Your first hit song was “Gingerbread Man” from your first album, an almost “classic” Electro Swing track. The songs of your new album sound much more freaky, overexcited, and, yeah, simply “superskrunk”. What has changed, musically speaking, and why?

Florent: I think „Gingerbread Man“ already stands out on our first album if you listen to the whole thing, it has more Electro Swing sounds …

Andrea: Yeah, more of a pop vibe …

Florent: It’s definitely more poppy with that Jazz guitar …

More acoustic!

Florent: True. But meanwhile due to the fact that we played a lot we play a lot of big sounds. We came to develop the sound towards larger audiences, you know, we tend to play late shows and big parties, and that influenced the way we develop our music. We still have the playfulness of our acoustic side, but the sound is cultivated differently.

Andrea: We’re really sensitive to our audiences, we roll with the punches here for we are very flexible people. We love to make music and we still have the same instrumentation, but if we’re playing at two in the morning or at midnight in place of a live show at nine or ten o’clock, then you have to conduct yourself a bit differently. We are doing more and more of this late-night stage shows where people expect some freaky fun dance music, so we went into the direction that we like to dance on stage ourselves. Our set is quite dynamic; it starts a bit more songey, then it’s going quite techno in the middle and at the end it’s a big mash-up of party-hardy music … So our new album is definitely party music.

Talking about your musical roots, I think Gad’s lay in the Tel Aviv HipHop scene …

Gad: … and Rave! HipHop and Rave!

… whereas Andrea and Paul played Swing and Rock’n’Roll with the Berlin-based “Haferflocken Swingers”. What would you say, how does the musical background of each of you influence the Dirty Honkers?

Andrea: Just exactly as how it is, of course!

Gad: Definitely, I’m the one with sounds, like I bring a lot of rave into the whole thing, and hiphop with the rap, and Florent is definitely the jazzer, he brings rich harmonies, arrangements and improvisations … A lot of the songs come from Jazz and a lot of the themes we wrote were developed in the show by just improvising on something. And on this Album, Andrea has brought a lot of this Rock’n’Roll edge, that’s something she really pushed for.

Andrea: I like Rock’n’Roll – and Pop.

Gad: Yeah, she’s really on top of the arrangements, like getting everything not too much, like pop structures, coupled with her Rock’n’Roll attitude.

Florent: And, what is more, that we don’t come from the same places. That means from before we met we only shared specific influences. The only thing we really had in common was that we wanted to work around Swing. That was the base.

Andrea: I think another huge thing is that it’s not just about Swing music, it’s really about Jazz music where our music comes from, playing a theme together as well as going for the solo improvisations … It’s more like the soul of the music. We’re not just doing cliché swing. For instance, with the Haferflocken Swingers it was really like going to where Swing music came from, like New Orleans traditional Jazz, Blues, Dixieland, but more about the idea of how the music was played and not too much …

Gad: … more like the raw energy! And I think this energy is also very much in the Dirty Honkers.

Like you’re trying to extract the soul or spirit or energy of that music and translate it into something more contemporary?

Florent: Definitely. And also in the attitude and a lot of times in the groove itself we extract these old grooves, like just sampling a riff and putting it on a house beat.

Andrea: We like it when it actually swings.

Florent: But when it comes to production, we don’t use samples, that’s why we also sound kinda different. We actually record the horns by ourselves that we put on our beats.

Gad: And through the Swing network – Berlin actually has a big underground scene – we know a lot of musicians who are always happy to participate. We prefer to have a real musician playing on the track rather than using a sample. It’s more soulful.

Let’s move on to the subject of favorites. My favorite track on your new album is “Back to the jungle”, I like its oriental approach, and I like “Dirty Looks” for its laidbackness – is there one of the songs that you like best?

Andrea: I’m starting to become a pretty big freakin‘ fan of „Oh Doctor“.

Gad: It’s surprising, it’s refreshing – it’s the last song we did for the album. And it was a mess! We had it for a long time, this song, we had to re-arrange it for the album and it was like mission: impossible. But everything fit together in the end and now we are just so happy with it.

Andrea: It’s really retro, but it’s more than cliché Electro Swing. People that only know us from „Gingerbread Man“ are looking for that and will not find it. Maybe they are disappointed, but we don’t care, because we admit to the evolution of music and maybe the next album will be one hundred percent different from this one! Now, this is our second full-length album, and with every time that we play together or recording together we’re learning so much more about each other, or how the music works or how to record – it’s a huge learning process.

Gad: We have a certain will to be independent from clichés. So people who know us for Electro Swing – and don’t get me wrong, „Ginger Bread Man“ is a great track, but it’s not necessarily the music we want to be identified with. We have a lot more to say. And because this whole Electro Swing movement … I think it’s great, but it also puts limitations on the directions and on the way you do it. And we don’t want that. We want to keep some freedom. So that’s also why we take different directions, as a kind of statement, saying: We’re not what you want us to be. We are gonna be wild and we are gonna be experimental and we want to try to sound unique. And I think we do and I think this uniqueness is our strength.

I understand that being associated with a certain genre puts limitations on a musician, but I think for the audience, especially the younger one, Electro Swing is a great thing because it lets them discover some classics, for instance Ella Fitzgerald records which they probably wouldn’t have heard otherwise!

Gad: Yes, and I think Electro Swing is also nice because it connects to Swing dancing – and for me it’s also like a gateway for … first of all, like you said, for getting to know some of the roots of modern dance music, and secondly for changing the attitude that is going on on the dancefloor in the clubs. In Electro Swing, you can actually couple dance, or pretend to couple dance which is sometimes good enough but is something that was not done for decades! So this is maybe like a gateway to something else.

Florent: Yes, that’s a very good point, I also think. Because if you go to any club nowadays, people are dancing in their bubble, not paying attention to the other.

And it takes people away from this monotonous four-to-the-floor thing because it operates with off-beats and stuff. So I think it brings a bit more musicality into music.

Florent: Yes, it can be very musical! But again, it depends on how you do it, but it can definitely be very musical.

Andrea: This is the most important thing for us, I think we don’t want to be a too much classified genre because each of us has so many musical ideas from so many different genres that it’s impossible that they know where each of their ideas come from.

Gad: And only in the last year we have kinda decided with ourselves that we’re gonna try to get this balance of making music that people would want to hear but being true to ourselves and not being too much in this Electro Swing …

Alright, completely different question: If I look at your promo pictures, I experience style seems to play an important role for you. Can the Dirty Honkers be described as a kind of Gesamtkunstwerk, a total work of art?

Andrea: We’re definitely very do-it-yourself, D.I.Y. I’m making the costumes, Gad is producing the music and Florent is doing the graphics and the website. We’re not really hiring people to do our dirty work. So it’s that we really create this superhero vibe image by ourselves, come up with concepts and develop our image around it – though it changes quite often.

Talking about this superhero thing – do you enjoy slipping in this role from time to time?

Gad: Yes, but it’s not about creating a totally different alter ego but having our own characters – only bigger. This is the first time we really put on these characters with the pictures and the video. It’s actually the first time we’re going for this superhero thing. We will not go on stage and pretend to be someone who we are not – it’s always gonna be us, you know? Our real characters can always be identified on stage.

Florent: But yes, it’s definitely like a “Gesamtkunstwerk” because I think it’s far beyond only the music . We have a lot to show, so during the concert itself it’s not only about the music, definitely not. It’s like we interact with the audience. For instance, Gad made some custom-made joy sticks … There’s a lot going on in the show, and we are very aware of the impact of the image and we play with that, I think. We want the people to scream when we come on stage – we want to make it Hollywood-style, you know?! Hollywood-Las Vegas.

It must be therefore that the Dirty Honkers are kind of notorious for their live shows! Talking about the synthesis of arts … . You just mentioned that Gad has created some kind of a self-constructed joystick controls to generate certain special effects?

Gad: Basically it’s because I have to apply a critique on electronic music. If you want to play live – you need some instruments to do that. And the instruments that are on the market are not at all good for being in a live band, cuz it’s no instruments that you can hold and go to the public and play on. Usually it’s like a box.

Using a laptop on stage is not an option?

Gad: Oh, we have a laptop, it’s there. But I’m not gonna go behind the laptop and work on it during a live show! And even if it’s an instrument, it works like a laptop: It’s a heavy box with buttons and knobs and you can’t do anything with it! So taking a joy stick or a game controller is a cheap and easy way to do it. They are already built for control – you just gotta connect them to your computer and you can control basically anything you want!

It gives you the freedom to move.

Gad: The freedom to move – and I don’t have to look at its screen. I can make sound effects, or now I only started to play melodic solos, Andrea is controlling her vocal effects – there’s a lot you can do with a game controller! Florent now has a dance mat. We used to have a foot station with pedals and buttons, but that was way too heavy …

Florent: And it was much less fun than the dance mat. You can make loops, you can make effects … If we want, we can sound like a wall of sound, we can improvise …

Andrea: That’s when it comes back again to the spirit of Jazz music, of improvising … The controllers give us a lot of freedom to improvise and to have fun. It’s cool when you have this option.

And I think its playfulness is also a big part of it, isn’t it?

Gad: Definitely the playfulness! And I think in this band, we have in each category – the music, the image, everything – we have a lot of important subjects to say, but on top of everything, it’s just fun. We’re just about having fun. And having people together, having fun together – and lose your inhibition. I think one of the best compliments we have ever got is in our shows … we want people to dance … and the girls dance without noticing what’s going on, like completely losing themselves in music.

Florent: Amen.

Once again, talking about your live shows … You’ll be celebrating the album release on the 19th of April at Festsaal Kreuzberg. What can your audience expect?

All: Should we tell her?

Florent: I think we want to make it definitely special because we play in Berlin a couple of times in a year, that’s why it must be extra-special, for sure. So we are gonna have a couple of surprises like …

Gad: We’re gonna have guests. Beautiful guests.

Florent: Without being too detailed, because we want to save some surprises … It will be flashy.

Andrea: It’s gonna be flashy, it’s gonna be fun.

Florent: We will also be screening our latest video for “Static” on an big screen behind the band.

Well, we’re almost done. Is there anything left you would like the world to now?

Andrea: Be prepared to dance.

Gad: And give us all your virgin daughters!

Florent: Yeah, be prepared to be honkerfied.

Gad: Warm up your nipples …

Andrea: … it’s gonna be a honkin’ good time!

Superskrunk erscheint am 19. April 2013 – klar, dass das mit einer Superrecordreleaseparty gefeiert wird: Im Festsaal Kreuzberg in der Honkers-Wahlheimat Berlin. Gehen Sie hin, wenn Sie können!

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