23. Dezember 2011

Schöne Feiertage …

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 14:38

… wünschen Klangverführer und Kopfhörerhund allen unseren Lesern und natürlich auch den Musikern, die wir dieses Jahr begleiten durften. Wir schließen den Klangblog zwischen den Jahren und melden uns 2012 wieder – wie gewohnt authentisch, ausführlich, anders.

21. Dezember 2011

Schöpfen aus derselben Seele: Olivia Trummer über das deutsche Jazzlied, musikalisches Erwachsenwerden und was Friedrich Nietzsche damit zu tun hat

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 13:40

E-Mail-Interviews sind eine heikle Sache: Schließlich kann der Interviewer weder nachfragen, noch den Faden des Gesagten in der nächsten Frage weiterspinnen. Und auch der Interviewte sieht sich mit einem starren Fragenkorsett konfrontiert, das es abzuarbeiten gilt. Eine Pflichtübung. Oder, anders ausgedrückt: Man kommt nicht wirklich miteinander ins Gespräch, es findet kein Austausch statt – und dann ist das Ganze meiner Meinung nach ohnehin entbehrlich.

Dass ein E-Mail-Interview jedoch nicht zwingend zum drögen Abfragen von Bekanntem oder einem sonstwie gearteten Fragenkatalog mit entsprechend vorhersehbaren Antworten verkommen muss, beweist die Stuttgarter Pianistin, Komponistin, Sängerin und Textdichterin Olivia Trummer, deren ungebändigtes künstlerisches Temperament sich nicht darauf beschränkt, mit Poesiealbum das wohl spielfreudigste Album des Jahres vorgelegt zu haben. So müsste die Überschrift zu diesem Interview passenderweise „Schöpfen aus dem Vollen“ lauten; denn Olivia Trummer erweist sich auch im unhandlichen Format des E-Mail-Interviews als ebenso überschäumend wie tiefgründig.

Ich freue mich sehr, Ihnen kurz vor Weihnachten noch dieses schöne Interview präsentieren zu können. Lesen Sie, was Olivia Trummer über den wundervollen Ausdruck der deutschen Sprache denkt, weshalb sie ihr Genre-sprengendes Album als eine stilistische Einheit versteht und was es mit der Schönheit und Tiefe des Alltäglichen auf sich hat.

Klangverführer: Liebe Frau Trummer, eigentlich sind Sie ja Pianistin. Dennoch war schon Ihr letztes Album „Nobody Knows“ (2010) keine reine Instrumentalplatte mehr – Sie haben auf einigen der Stücke erstmals gesungen. Wie ist es zu dem Entschluss gekommen?

Olvia Trummer: „Eigentlich“ sehe ich mich nicht als Pianistin, sondern als Musikerin. Hinter diesem Wort steht weniger die offensichtliche Spezialisierung auf einen scharf umgrenzten Arbeitsbereich, sondern das Vermitteln von Geschichten, Gedanken und letztlich Werten über einen musikalischen Weg. Mein erster öffentlicher Gesangsauftritt im Jazzbereich war im Rahmen meiner Jazz-Abschlussprüfung 2008: Ich spielte eine jazzige Bachbearbeitung und sang eine dritte Stimme dazu, ohne Worte, mithilfe von spontanen Scat-Silben. Das Bedürfnis zu singen und somit noch mehr von meinem musikalischen Wesen zu zeigen war schon lange da. Als ich dann das Gefühl bekam, auch die Geschichten, die ich erzählen wollte, seien wirklich interessant und ungewöhnlich, gab es für mich kein Halten mehr. Wie zu den meisten meiner Entschlüsse habe ich auch zu diesem mit einer großen Portion Intuition gefunden.

Auch auf Ihrem aktuellen Album singen Sie, und ich finde, Sie phrasieren auf eine für eine Sängerin ganz ungewöhnliche Weise. Übertragen Sie die Phrasierung von Ihrem angestammten Instrument auf Ihre Stimme, oder täuscht der Eindruck?

Die Verbindung von meiner Stimme mit dem Klavier habe ich mir über all die Jahre angewöhnt, die ich beim Üben meine Linien mitgesungen oder mich an frühen Liedern mit meiner Klavierbegleitung versucht habe. Da ist sicher eine Wesensähnlichkeit, zumal ich bei der Phrasierung (auf jeglichem Instrument) ja auch aus derselben Seele heraus schöpfe. Ich denke wahrscheinlich weniger über Gesangs-Feinheiten nach als hauptamtliche Sängerinnen und gerate beim Singen dadurch – nicht zuletzt auch durch die Bewegungen meiner Finger & Hände – in einen wohl untypischen Fluss.

Letzte Gesangsfrage: Mittlerweile singen Sie auf Deutsch, obgleich das ja im Allgemeinen (und im Vergleich mit dem Englischen) als eher unsangliche Sprache gilt – und Sie toppen das Ganze noch mit nahezu unsingbaren Texten, durch die Sie sich mühe- und schwerelos bewegen …

Lustig, dass ich hierbei eigentlich keine „Frage“ entdecken kann sondern vielmehr eine Feststellung! Ich singe auf deutsch genauso selbstverständlich oder zufällig wie ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Über den höheren Coolness-Faktor des Englischen (gegenüber einem deutschen Muttersprachler) habe ich mir zuletzt als Teenager Gedanken gemacht, das ist lange vorbei. Dass ich auf „Nobody knows“ vorwiegend englisch singe, rührt nicht aus einer Vorsicht dem Deutschen gegenüber heraus, sondern aus der Tatsache, dass ich das ganze Jahr bis zur Aufnahme in New York City gelebt und dort vor allem Englisch gesprochen habe. Da kamen die Gedanken eben auf Englisch und ich mochte Klang und Inhalt. Generell möchte ich einen Liedtext in der Original-Sprache belassen, in der mir die Worte eingefallen sind, ich fühle mich nicht auch noch zur Dolmetscherin berufen. Während ich in Deutschland lebe, denke und spreche, werde ich meinen Liedern auch „deutsches Leben einhauchen“. In der deutschen Sprache liegt wunderbar viel Ausdruck, Poesie, Aufrichtigkeit und Ironie und Differenziertheit; ich mag den Klang und mache mir sehr wenig Gedanken darüber, wie ich einzelne Worte ausspreche.

Ihr „Poesiealbum“ sprengt nicht nur rein formal Grenzen (ich glaube, in der Presseerklärung wurde es in dieser Hinsicht charmant als „schon abenteuerlich“ bezeichnet), sondern bricht auch mit Leichtigkeit die Grenzen zwischen Genres auf, ist mal (moderne) Klassik, mal Jazz …

Ich lasse mich nur von meinen eigenen (Geschmacks-)Grenzen prägen, nicht durch stilistische oder gängige. So kommt es, dass ich beinahe überrascht war als ich las, welch vielfältige Musikstile sich auf meinem neuen Album glücklich vereinen. Für mich ist das alles eine Einheit – es kommt ja schließlich alles von Herzen. Schade nur, dass das Radio dermaßen an Längenlimits gebunden ist, dass man dort von den Poesiealbum-Liedern nur im Ausnahmefall Gebrauch machen kann. Da entgehen der „Menschheit“ generell sämtliche Lieder, die über 5 Minuten hinauswachsen…

Das Poesiealbum ist das erste Ihrer vier Alben, das unter Ihrem eigenen Namen erscheint. Davor waren Sie als „Olivia Trummer Trio“ unterwegs – jetzt haben Sie zur Quartettbesetzung gefunden. Wieso wurde der bewährte Trioklang für das Poesiealbum aufgegeben?

Es war an der Zeit, offiziell „erwachsen“ zu werden. Das Musikprodukt gärt 90 % der Zeit in meinen Händen und in meinem Kopf, ich gebe meinen (fantastischen!) Musikern recht differenziertes Material vor, das sie dann hervorragend umsetzen und auch dem sie selbst noch Kreativität beisteuern können. Hinter der Musik und nun auch der neuen Ebene der Texte steht aber in erster Linie mein Wesen, alles andere wäre irreführend zu behaupten. Die Musik ist prinzipiell auch nicht an ein bestimmtes Ensemble gebunden. Ich gebe auch gerne Solo- oder Duo-Konzerte. Die Betitelung mit meinem Namen beschreibt also einerseits die Quelle und andererseits meine Zukunftspläne, da ich mich als Künstlerin nicht ausschließlich in der Trioformation präsentieren, sondern mich auch solistisch und in neuen Projekten und Konstellationen herausfordern möchte.

Was ich am Poesiealbum am meisten bewundere, ist Ihre ungeheure Spiel- und Improvisationsfreude. Das ist eine Platte, die einfach Spaß macht! Und dabei täuscht sie zunächst ganz harmlos an, um sich dann in einen Rausch zu steigern und den Zuhörer zu packen und mitzureißen … Woher kommt diese unbändige Freude am Spiel, auch am Wortspiel?

Wer mich persönlich kennt, weiß sehr gut wie viel Freude ich an Wortspielen habe! 🙂 So wie die CD geworden ist, begegne ich meinen Zeitgenossen auch persönlich. Ich bin ein fröhlicher, lustiger Mensch mit starker Neigung zu essentiellen Themen und Fragen, die nicht klar beantwortet werden müssen, mich aber andauernd begleiten und auch Inspirationsquelle für mich sind. Das Leben ist doch ungemein spannend – schon alleine dadurch, dass man nicht weiß was danach passieren wird! Ein Musiker, der nicht „spielt“, ist mir im gleichen Maße suspekt wie Friedrich Nietzsche sagte, er würde keinem Gott vertrauen, der nicht zu tanzen verstünde. Dass das Ausmaß meiner Spielfreude vielleicht überdurchschnittlich hoch ist, habe ich nicht zuletzt einem seit frühester Kindheit ermutigendem und stärkendem Umfeld zu verdanken. Vor allem meinen Eltern gebührt mein Dank, da sie Vernunft nicht als Gegenteil von Spielfreude bezeichnen. Mein Vater sagte: „Fantasie ist das Wertvollste, was man hat“ und meine Mutter: „Talent verpflichtet“. Seitdem versuche ich, das Schönste und Wertvollste was ich habe, mit möglichst vielen Menschen zu teilen und in ihnen selbst anzuregen – Fantasie, Dankbarkeit, Glück.

Andererseits ist das Poesiealbum auch eine ernste Platte, die um hochgradig symbolisch aufgeladene existenzielle Themen kreist. Zwei Seelen, die da in Ihrer Brust wohnen, oder geht die Lebensfreude nicht ohne Melancholie, das Helle nicht ohne das Dunkle?

Ja, ich denke, es ist stets ein Zusammenspiel aus scheinbar Gegenteiligem. In Momenten des Glücks empfinde ich zugleich eine wohlige Melancholie und umgekehrt. Ob man dies aus Übersichtsgründen in zwei Hälften teilt oder es als Einheit belässt – man befindet sich im Leben ständig in einer Schwingung zwischen verschiedenen Möglichkeiten, Wünschen, Aufgaben, Gefühlen. In meinen Werken soll diese Schwingung nicht temporär in Vergessenheit geraten, sondern offensichtlich werden. Ich will die Schönheit und Tiefe des Alltäglichen, die Kraft eines selbst gewählten Blickwinkels, die Faszination des Natürlichen in den Vordergrund stellen. Alles andere käme mir „künstlich“ vor.

Neben der Musik selbst finde ich auch das Booklet des Poesiealbums beeindruckend; es ist ebenso ungestüm und lebensfreudig wie die Platte! Besonders angetan hat es mir das Bild vom Teebeutel im Martiniglas – ein Symbol für Ihre Musik oder gar für Sie selbst?

Das Booklet bzw. die Grafik – übrigens das Erstlingswerk der jungen Fotografin & Grafikerin Mascha Zhuk (seit kurzem: Mascha Seitz!) im Musikbereich – ist sehr gelungen und besitzt tatsächlich beinahe „Dolmetscherqualitäten“ im Hinblick auf die Musik! Es war mir sehr wichtig zu wissen, ob Mascha ein Gefühl für meine Musik entwickeln konnte. Bevor wir also anfingen, zusammen zu arbeiten, habe ich mich erstmal in den Zug gesetzt und sie besucht, um ihr einige meiner Lieder am hauseigenen Klavier vorzuspielen und zu singen. Jede Zusammenarbeit basiert für mich nicht nur auf der Identifikation mit der jeweiligen Grundidee, sondern darauf, eine regelrechte Liebe dafür entwickeln zu können. Ich denke, die Idee mit dem Teebeutel im Martiniglas ist eine geniale Reaktion und Kombination aus „Ohne Winter“, „500 Millionen“ und „Verrückt“! Darin liegt ein hintergründiger Humor, den ich sehr liebe. Die Grafik verleiht dem „Produkt Poesiealbum“ noch eine weitere, wunderbare Dimension.

Wissen Sie schon, wohin es Sie jetzt mit dem Poesiealbum verschlagen wird, oder kurz: Was sind Ihre Pläne für die nächste Zeit?

Sicherlich werde ich weiter in die Richtung des „deutschen Jazzlieds“ arbeiten. Ich habe noch einige unveröffentlichte eigene Lieder vorrätig, und es kommen auch immer wieder neue Ideen hinzu. Die anspruchsvolle Verbindung aus Musik und Wort reizt mich generell sehr, und ich möchte die Seite der „gelungenen Beispiele“ auf meine Weise gerne stärken. Ein Projekt mit eigenen Eichendorff-Vertonungen winkt bereits im kommenden Sommer (mal wieder „genre-übergreifend“!), hinzu kommen im nächsten Jahr einige Festival-Auftritte in verschiedenen Besetzungen und ein Soloprogramm, das ich inklusive klassischer Klavierliteratur aufbauen möchte. Ende Dezember werde ich mich aber erstmal(s) nach New Orleans begeben um dort (mit neugewonnenen Freunden vor Ort, die ich kürzlich in Ingolstadt kennengelernt habe) ein Groove- & Song-Projekt auf die Beine zu stellen, das ich im April auch in Deutschland präsentiere. Da bin ich wirklich total gespannt drauf!

Was mich dann natürlich noch brennend interessiert: Vor einiger Zeit sind Sie gemeinsam mit Bobby McFerrin aufgetreten. Können Sie mir verraten, wie es dazu kam – und natürlich, wie sich das angefühlt hat?

Dass ich mit Bobby McFerrin auf der Bühne stehen sollte, konkretisierte sich erst eine Stunde vor dem Auftritt! Ich hatte am Vortag eine Probe mit Bobby und vier jungen Sängern am Klavier begleitet und war offiziell nicht im Konzert-Programm (a-capella) eingeplant. Auf einen Tipp seiner Managerin hin war ich aber dann doch beim Soundcheck anwesend. Ich wartete und hoffte auf Bobbys Spontaneität und wurde nicht enttäuscht. Es fühlte sich intensiv, aber nie beunruhigend an, so plötzlich mit einem Vertreter des „Jazz-Olymps“ in einem Raum bzw. auf der Bühne zu stehen. Er ist ein ungemein liebevoller, sensibler Mensch, der einem sämtliche Angst nimmt, so dass nur noch Freiheit und Schönheit übrigbleibt. Eine wegweisende Erfahrung! Diese wertvollen Momente auf und hinter der Bühne (z.B. als er direkt nach dem Konzert von der Bühne abging, mich dort stehen und jubeln sah und dann noch mal mit den Worten „Olivia, you’re wonderful“ umarmte) werde ich sicher nie vergessen.

Und da sind wir auch schon bei der letzten Frage angekommen. Natürlich wäre der Klangblog nicht der Klangblog, wenn es zum Schluss nicht eine Hundefrage gäbe – schließlich ist „Kopfhörerhund“ Wahrzeichen und Maskottchen des Klangblogs. Bei Ihnen ist das einfach, da gibt es dieses eine tolle Bild, wo Sie vor der Graffiti-übersäten Großstadtkulisse New Yorks mit Ihren Fender Rhodes sitzen, davor liegt ein alter Schäferhund. Können Sie uns ein bisschen über das Bild erzählen?

Schön, dass es auch in Stuttgart Ecken gibt, die glatt als New York City durchgehen würden! Das Bild stammt nicht aus New York, sondern aus Stuttgart, wo wir vor einem Auftritt ein Fotoshooting veranstalteten. Auch der Hund, Kimbo, ist nicht von mir, sondern von der Stylistin Ines. Kimbo war bei jedem unserer Treffen mit dabei und verhielt sich stets seelenruhig und würdevoll wie ein Wolf im Ruhestand. Die Idee, ihn mit ins Bild zu nehmen, kam spontan. In diesem Bild finden Wildnis und Seelenfrieden scheinbar zusammen – einerseits in der Kontrastwirkung (schrilles Graffiti und liegender Hund), andererseits als Einheit (Hund/Wolf). Ich sitze sozusagen dazwischen und überlasse es dem Betrachter, ob er in mir eher das verspielte, wilde, unberechenbare Element entdeckt oder das friedvolle, natürlich-erhabene…

Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview!

Wer nach diesem ausführlichen Einblick in den Trummer’schen Klang- und Gedankenkosmos noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk sein sollte, dem sei das Poesiealbum noch einmal wärmstens ans Herz gelegt – das gilt natürlich auch für all jene, die erst nach Weihnachten hier reinschauen und noch nicht wissen, was sie mit ihrem geschenkten Amazon-Gutschein anfangen sollen …

19. Dezember 2011

Rendezvous mit dem Duo Scheeselong im Heimathafen

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 15:21

Fräulein Mitzi liebt die leichte Muse. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als
so zu sein wie ihr großes Idol Marlene Dietrich. Ihre gestrenge russische Korrepetitorin Frau Rosenroth hingegen liebt „richtige Musik“, und das heißt für sie: Beethoven, Rachmaninow & Co. Dass das eigentlich nicht gut gehen kann, hier schlussendlich aber sogar mehr als gut ausgeht, davon konnte ich mich am Freitag bei der Vor-Premiere des Programms Rendevouz mit Marlene, dem neuesten Streich des Duos Scheeselong, im Neuköllner Heimathafen überzeugen.

Das Duo Scheeselong – das sind die Sängerin Caroline Bungeroth, die hier mit großer Spielfreude (und nicht minder großer Stimme) die sexy Naive vom Lande gibt, und die nicht nur durch ihr virtuoses Spiel, sondern auch durch ihren schönen Rücken entzückende Pianistin Valerie Wildemann, in deren Rolle der klavierspielenden Domina mit dem wunderbaren russischen Akzent man sich sowieso verlieben muss. Und dabei lebt man bei den beiden musizierenden Damen in der ersten Reihe nicht ganz ungefährlich: Da regnet es Konfetti, es wird mit Sekt gespuckt und mit Rasierschaum gespritzt, und wer Bonbons – Werthers Echte und Storck Riesen – will, der muss schon mal auf die Bühne. Im konkreten Falle hat es als wahrgewordenen Alptraum eines jedem Musikwissenschaftlers mich ereilt, denn natürlich kann ich die Habanera (als ein Bestandteil des sich entwickelnden Tango) theroretisch und musikhistorisch rauf und runterbeten, bin aber hoffnungslos überfordert, wenn ich ihre Basslinie spielen soll. Was tut man nicht alles für Bonbons!

Wenigstens bin ich keiner der bedauernswerten Herren, die als Opfer eines Rosenroth’schen Temperamentausbruches herhalten müssen. Denen ist vermutlich Hörern und Sehen vergangen, was allerdings hochgradig bedauerlich wäre, denn Rendezvous mit Marlene ist nicht nur hörens-, sondern auch sehr sehenswert. Es macht einfach Spaß, jemandem zuzuschauen, der sein Metier mit Leichtigkeit bewältigt; und die Damen des Duos sind nicht nur fantastische Musikerinnen in ihrem jeweiligen Fach, sondern verstehen sich auch auf Komposition, Schauspiel und vor allem allerlei schönen Unsinn, der nur dann funktioniert, wenn man ihn beherrscht, und das tun Bungeroth und Wildemann aus dem sprichwörtlichen Effeff. Ihr williges Publikum haben die beiden fest im Griff, und nicht zuletzt sorgt ein ebensolcher in die Requisitenkiste – in diesem Falle: in die jeweilige Handtasche – für immer neue Überraschungen, die bei so manch anderem aufgesetzt bis nervig wirken würden, hier aber einfach nur perfekt sind.


Und das alles nur wegen Emil seine unanständ’ge Lust …

Das Programm wird, ähnlich wie beim Trio Ohrenschmalz, durch eine umrahmende Geschichte zusammengehalten, sodass man von einem bloßen Liederabend nicht mehr sprechen kann. Natürlich stehen nichtsdestotrotz die Lieder von Marlene Dietrich (und ergo die Stücke von Friedrich Hollaender) im Mittelpunkt des Abends, und auch der leider kürzlich verstorbene Georg Kreisler oder Paul Linck schauen einmal um die Ecke. Klar, dass es da auch die Fesche Lola zu hören gibt, Jonny, wenn du Geburtstag hast und Ich hab noch einen Koffer in Berlin, ganz zu schweigen von dem Klassiker Ich weiß nicht zu wem ich gehöre, den ich dieses Jahr bereits als Instrumental-Version von Trio Ohrenschmalz-Geigerin Angelika Feckl und in der Neudeutung durch Jasmin Tabatabai gehört habe. Dennoch – oder gerade deshalb – gelingt es Caroline Bungeroths sehr nahe am Original (falls man in diesem Falle überhaupt von Original sprechen kann) gehaltener Interpretation davon zu überzeugen, dass hier nichts neu gedeutet werden muss: So, wie sie es singt, muss man dieses Lied singen, und nicht anders. Und bei ihrem Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt wird mir sogar erstmals bewusst, wie zärtlich – und wie wenig frivol! – diese Melodie, dieses Lied eigentlich ist.


Oh, Alexander – was für ein Neander!

So viel Marlene zum Trotz ist mein persönliches Lieblingslied des Abends die Bungeroth’sche Eigenkompostion Neulich im Neandertal, deren kongeniale Reimfortsetzung „traf ich Alexander mal“ mir die nächsten Tage nicht aus dem Kopf geht. Ohenhin ist Rendezvous mit Marlene etwas, das man mit nach Hause nimmt und das noch lange vorhält, wie eine gute Mahlzeit. Wer noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Weihnachtsgeschenk ist, der schenke Tickets für diese Show!

Die nächste Gelegenheit, das Duo Scheeselong mit Rendezvous mit Marlene zu sehen, gibt es im Rahmen des Kurt-Weill-Festes 2012 am 1. März um 20:00 Uhr im Brauhaus „Zum Alten Dessauer“ in Dessau. Karten gibt es hier.

16. Dezember 2011

Voll auf die Nuss: BossHoss-Interview online

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Cowboys und Cowgirls! Jetzt ist auch das vollständige Interview zur neuen Platte von The BossHoss online – wie gehabt auf Eurem Lieblings-Online-HiFi-Magazin fairaudio.de. Viel Freude damit! Und auch wenn die Platte erst in der kommenden Ausgabe von Victoriah’s Music besprochen wird, macht man mit ihr unterm Weihnachtsbaum nicht viel falsch. Yee Haw!

8. Dezember 2011

Jennifers musikalische Diener

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 15:09

Ich habe eine Kindheitsfreundin, die genau genommen Schuld daran ist, dass ich mit der Musik angefangen habe. Sie belegte einen Kurs in musikalischer Früherziehung, und ich glaube, meiner Mutter gefiel das. Jedenfalls fand ich mich innerhalb kürzester Zeit, fünf- oder knapp sechsjährig, im selben Kurs und dort im Kreis gehend und „ta-ta-titti-ta, ta-ta-ta-ah“ klatschend, wieder. Meine Freundin wurde dann der Klavierfakultät der Musikschule zugeteilt, ich den Geigern, denn es standen nur drei Instrumente zur Auswahl: Klavier, Geige und Konzertflöte. Klavier spielten alle, und Flöte, also mal ehrlich, wer wollte das schon? Also entschied ich mich für Geige, und wohin das geführt hat, sehen Sie ja selbst.

Meine Freundin habe ich dann aus den Augen verloren, aber nach knapp dreißig Jahren haben wir uns, wo auch sonst, auf Facebook wiedergetroffen und sehr darüber gefreut, dass wir unabhängig voneinander beide ein „Emmchen“ haben, sie ein selbst gemachtes zweibeiniges, ich ein adoptiertes felliges. Natürlich hat das zweibeinige Emmchen auch einen Vater, den Mann meiner Freundin. Und der spielt, wenn er keine Filme macht, in seiner Freizeit Cello. Wieder vorgekramt hatte er es eigentlich nur als Hochzeitsüberraschung für meine Freundin: Gemeinsam mit einem Freund, der zufällig Singer/Songwriter und Gitarrist ist, sollte ihr ein romantisches Ständchen gespielt werden. Und wie das so ist mit „Eigentlich sollte es nur eine einmalige Sache werden“ – man hat es ja gerade erst bei B•S•O gesehen, das sich ursprünglich ja auch nur als Geburtstagsüberraschung gegründet hatte –, wurde auch hier eine regelmäßige, intensive Zusammenarbeit daraus, die dann auch einen Namen bekam. Zum Namen kamen Auftritte, kamen Facebook-, Youtube- und MySpace-Seiten, kamen Fans, kommt eine Platte – und komme ich heute hierher.

„Hier“ ist diesmal ein ganz besonderer Ort: Die von der sympatischen Heike Mössner betriebene, nur einmal die Woche öffnende, halb-private und ebenfalls im Filmumfeld angesiedelte Seimobar, eine Art Wohnzimmer mit angeschlossener Küche, wo es für wenig Geld hausgemachtes Essen plus Nachschlag und -tisch ohne Ende gibt. Da verwundert es wenig, dass manche sogar auch nur wegen des Essens kommen, heute Abend beispielsweise die Heavy Metal Band, die sich vor ihrem Auftritt in einem benachbarten Laden an Rotkohl, Klößen und Krustenbraten gütlich tut. Und tatsächlich hat die Wohnzimmerszene an der langen Tafel unter dem beleuchteten „Million Dollar Hotel“-Wandbild etwas vom Abendmahl.

Während die anderen essen, habe ich die Gelegenheit, für ein Mini-Interview mit den beiden Protagonisten des heutigen Abends, Joseph Bolz, den Singer/Songwriter, und Friedhelm Pörner, der zu der Bolz’schen Musik die Cello-Arrangements schreibt und spielt. Klar, dass ich erst einmal wissen will, wie das Duo denn auf den Namen „Gwen Hyfar“ gekommen ist. Ursprünglich, so erfahre ich, wollte man sich „Zoe“ nennen, doch gibt es leider schon zu viele Bands dieses Namens. Da es aber ein Frauenname sein sollte und man melancholische Träumerinnen aus Schweden wie Mire Kay und Audrey schätzt, kam man auf das nordische „Gwen Hyfar“, das nichts als ein verklausuliertes „Jennifer“ ist, die als „Jenny“ wiederum einen wichtigen Teil im Bolz’schen Textkosmos einnimmt. Und in der Tat taucht sie in mindestens zwei Stücken des Abends auf.

Erst einmal aber rumpeln Gwen Hyfar beim Opener Like Wool, den mir die wohlmeinende Ehefrau vorab schon als Youtube-Link geschickt hat, vor sich hin, die Raumakustik schluckt viel der leiseren Gesangpassagen, das Cello dominiert zu stark. Dann aber hat man sich eingespielt, auf den Raum, aufeinander, worauf auch immer, in jedem Falle fällt hier schon die außergewöhnlich schöne Songstruktur auf, mit ausgeklügeltem Arrangement und fein austarierter Aufnahmetechnik ist das etwas, was ich sehr gern auf CD hören würde. Schon ab dem zweiten Song ist man von der Intensität der Bolz’schen Songstrukturen völlig in Bann gezogen, und zunehmend fällt auf, dass hier ein im positiven Sinne absolut Besessener am Werk ist. Wo hat man den denn bis jetzt versteckt und warum hat man ihn vor uns versteckt? Die Welt braucht solche Lieder, ganz sicher.

Pörner hingegen mag kein Profi-Cellist sein, und obwohl ich mit so etwas sonst sehr streng bin, fällt mir heute Abend dazu nur ein: Das muss er auch nicht, denn hier geht es um etwas völlig anderes. Zudem: Weshalb auch eine Laienmusiker an den Maßstäben für Profis messen? Allein die Songs von Joseph Bolz machen alles um einen herum vergessen, nicht nur ich bin froh, hier zu sein, auch das restliche Publikum ist regelrecht hypnotisiert. Die Klangfarbe seiner Stimme, seine Phrasierung, ja sogar die Art der Songs erinnert mich an jemanden, der mir gerade auf Teufel komm raus nicht einfallen will, der von solchen Songs aber nur träumen kann. Chris Cornell vielleicht?

Wenn es Ihnen einfällt, schreiben Sie mir. Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: Kaufen Sie das Album, wenn es nächstes Jahr erscheint. Ich werde Sie ganz bestimmt daran erinnern.

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