31. Oktober 2012

Leben nach der Apokalypse – oder mit der Platte des Monats

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 15:25

„Privat höre ich nur sehr wenig Musik. Das mag auch einer gewissen Lähmung angesichts der Vielzahl von Möglichkeiten geschuldet sein – wahrscheinlicher aber ist es, dass ich mit wohltuender Stille den Vielklang der musikalischen Viel(be-)schreiberei zu kompensieren suche. Auf den Plattenteller kommt daher nur, was den Geist freiräumt. Bachs Cellosuiten, beispielsweise. Oder das letzten Mai veröffentlichte The Brothel der jungen Norwegerin Susanne Sundfør, und hier insbesondere der Titeltrack, der zwischen magischen Klangflächen und sphärischen Chorälen eine unbeschreibliche Weite zu schaffen vermag, klanglicher wie geistiger Natur.

Veröffentlicht solch ein auch privat gern gehörter Künstler ein weiteres Album, ist das eine Nachricht, die sowohl Vorfreude als auch Furcht auszulösen vermag. Die Vorfreude ist mit purer Gier schnell erklärt: Hier geht es schlicht um mehr davon. Die Furcht indessen gestaltet sich komplexer: Wird das neue Album an das liebgewonnene alte heranreichen? Wird es einfach nur anders als erwartet sein oder wird es gar enttäuschen? Manchmal dauert es tagelang, ehe man sich an den Nachfolger heranwagt, Tage, in denen, erstarrt zwischen Angriff und Flucht, um das noch fabrikneu eingeschweißte Album herumgeschlichen wird.

[…]“

Wie es weitergegangen ist? Nun, ich habe das Album offensichtlich gehört, denn sonst hätte ich es nicht zur Platte des Monats Oktober 2012 machen können. Und diesen Rang hat es sich verdient, geht es hier doch schließlich um nichts Geringeres als den endgültigen Kampf der Alten gegen die Neue Welt, des Archaischen gegen die Überkultur, des Walds gegen die Technologie, der Steinruine gegen das Silikon, kurz: um Susanne Sundførs zweites Album The Silicone Veil. Viel Spaß damit, wie immer auf fairaudio.de!

28. Oktober 2012

Noch amul! Jüdischer Tango und kein Ende

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 15:09

Da denkt man ja, man wäre mit dem Thema durch. Hat dazu alles gelesen, gehört, erforscht und beschrieben – und glaubt, sogar die Nichtexistenz des Phänomens bewiesen zu haben. Und dann, nach ungefähr sieben Jahren, kommen die Anfragen: Erst von der Wiener Tangozeitschrift el tango – revista Viena, dann von Sarah Ross vom Institut für Musikwissenschaft der Uni Bern, die das Ganze aus der Perspektive von „Übernahme und Anpassung, […] Grenzziehung und -verschiebung“ beleuchtet und dabei freundlich zitiert, und schließlich will es das Online-Magazin aviva-berlin.de genau wissen – jüdischer oder vielmehr: jiddisch-sprachiger Tango liegt in der Luft. Und dann nimmt auch noch Karsten Troyke mit Noch Amul – Tango Oyf Yiddish, Vol. 2 seine zweite CD mit jiddischen Tangos auf und lädt zum Record Release-Konzert in die Berliner Wabe. Da muss ich hin. Es scheint, als würde mir der jüdische Tango doch zu so einer Art Lebensthema werden, ob ich nun will oder nicht.

Ich glaube, es ist mittlerweile mein viertes – doch bestimmt nicht letztes! – Troyke-Konzert; allerdings das erste, das ganz im Zeichen des Tango oyf Yiddish – Tangos auf Jiddisch steht. Besonders freue ich mich heute Abend auch über Trio Scho-Geiger Gennadij Desatnik, der schon beim Auftakt-Instrumental, wo Troyke den Konzertmeister gibt, begeistert, obgleich sein Geigenton zunächst seltsam angezerrt klingt. Dazu aber später noch mehr, denn jetzt kommt auch schon der erste jiddische Tango des Abends: das von Chaim Tauber und Alexander Olshanetsky irgendwann in den 1930er-Jahren geschriebene Ikh Hob Dich Tsufil Lib, das mir erstmals im Rahmen meiner Recherchen für Juden im Tango = jüdischer Tango? Über die (Un-)Möglichkeit eines explizit jüdischen Beitrages zum Werden und Währen des ‚tango argentino‘ in der Version von Brise Parisienne über den Weg gelaufen ist – und schon ist alles wieder da. Wie gut, dass bei Troyke die herzzerbrechende Tragik des Stückes mit einem humoristischen Unterton konterkariert wird!

Nicht nur Ikh Hob Dich Tsufil Lib, auch Neshumele Di Mayns gibt es auf Troykes neuer CD zu hören. Live greift Gast-Klarinettist Jan Hermerschmidt hier zu meinem Lieblingsinstrument, der Bassklarinette – da kann ja schon gar nichts mehr schiefgehen! Ein Karsten Troyke-Konzert wäre aber kein Karsten Troyke-Konzert, wenn das Publikum nicht auch mitarbeiten, in diesem Falle: den „Libe“ und „host lib“-Chor geben, müsste. Damit kriegt der Berliner Chansonnier, der heute Abend mehr denn je auch Entertainer ist, selbst die letzten Skeptiker.

Nach dem Mitzi Spielmann-Song Ach, nenn mich Liebe kommt dann mit Glik nicht nur die Nummer, die Troykes neue CD eröffnet, sondern auch die bislang musikalisch interessanteste. Schon allein wegen dieses von Alexander Olshanetsky (ja, der wieder: manche können es eben!) und Bella Meisell geschriebenen Klassikers des Jiddischen Theaters, der erstmals im Stück Der Letster Tantz am Prospect-Theater in der Bronx aufgeführt wurde, sollte man Noch Amul – Tango Oyf Yiddish, Vol. 2 unbedingt im Schrank zu stehen haben – und ab und zu auch herausholen und spielen. Zumal Tangotexte auf Jiddisch die großen Tango-Sujets, den Moment des letzten Tanzes und die Trauer ob eines unwiederbringlichen Verlustes, immer auch mit einem untergründigen Augenzwinkern wiederzugeben wissen: Glik, du bist gekumen tsu mir, heißt es hier, ober a bisl tsushpet.

In jeder Band gibt es ja jemanden, der gewissermaßen multifunktionell einsetzbar ist. Hier ist es Trio Scho-Geiger Gennadij Desatnik, der sich bei der Milonga Shayn Vi Di Levune mit Troyke einen terzlastigen Zwiegesang liefert und auch schon mal zur Gitarre greift. Das Einzige, was für einen Tango-Abend ein bisschen schade ist, ist die Abwesenheit eines Bandoneons. Aber da das Trio Scho nun einmal mit einem Akkordeonisten besetzt ist, passt das schon, man will ja nicht päpstlicher als der Pabst … und so fort. Einem ganz vorzüglichen Akkordeonisten, übrigens, und das Gleiche gilt auch für den Bassisten. Das Trio Scho kann man sich durchaus auch mal solo anhören, falls „solo“ im Falle eines Trios das richtige Wort ist, aber Sie wissen schon, was ich meine, und ich meine: Bei nächster Gelegenheit nix wie hin!

Mit Habibi bzw. Chavivi steht nun ein Tango-Marsch aus den 1930er-Jahren auf dem Programm. Ganz ehrlich, das Schönste daran ist der hebräische Text. Ich mag es, wenn Troyke Hebräisch singt; die Sprache steht seiner Stimme gut. Ebenfalls aus den Dreißigerjahren ist die Nummer Kiewer Tramway, die schon für den Titel des gleichnamigen Trio Scho-Albums Pate gestanden hat. Da gibt es Tangos, Horas und Swing aus Odessa zu hören, und auch heute Abend greift Trio Scho-Frontmann Desatnik zu Mikro und Gitarre. Das ist lustig, das ist toll und erinnert an jiddisches Theater, ist vor allem aber ein echter Burner, der die Leute von ihren Stühlen reißt! Und weil es gerade so schön ist, überlässt Troyke Desatnik die Bühne ein weiteres Mal, damit dieser einen echten russischen Rock’n’Roll namens Babuschka Rebekka präsentieren kann:

Das ist mit seinem Walking Bass und seinem großartigen Klarinettensolo erstmal was für die Rockabillys unter Ihnen, aber Achtung, mit dem Auftritt Troykes artet das Ganze in eine wilde Speed-Balkan-Party aus! Zum Runterkommen gibt es zwei Duette mit Claudia Koch von Aufwind, Ven Ich Zol Dich Farlirn, das auch auf der CD zu hören ist, und das alte Volkslied Bay dem Shtetl Shteyt a Shtibl (Mit a Grinem Dach), bei dem mich Kochs Stimme an Laura Wetzler auf Klezmer Hechalot von der CD Kabbalah Music: Songs of the Jewish Mystics erinnert. Troyke und Koch im Duett zu hören, ist sehr berührend – im Grunde aber steht der Abend unter dem Vorzeichen spielerischer Leichtigkeit, weshalb auch eine klassische Show-Einlage nicht fehlen darf: Beim CD-Closer (Oi der Mentsch hot) Groisse Oygn will Troyke den Song beenden und von der Bühne gehen, die Band aber spielt unbeirrt weiter, setzt unermüdlich einen weiteren Refrain dran und „zwingt“ den Entertainer somit, ebenfalls zu bleiben. Das mag routiniert sein, ist aber immer wieder effektiv: Die Leute lieben so etwas. Auch ich finde das charmant; beeindruckter allerdings bin ich hier von Hermerschmidt, dessen Phrasierungen mich hier leicht an jenes von Helmut Eisel erinnern. Mit einem guten Gefühl werden wir nach sage und schreibe zwölf Stücken in die Pause entlassen.

Der zweite Teil des Abends gestaltet sich tänzerischer. Los geht es mit Massl, das nicht nur durch einen absurden spanischen Text, in den irgendwo ein Sputnik vorkommt, besticht, sondern sich mit seinem 6/8-Refrain auch als ausgewachsener Tango Waltz entpuppt – oder, in Troykes Worten: „Das ist zum Schunkeln!“ Sein grandioses kabarettistisches Talent zeigt Troyke auch im „Kabarett-Chanson-Tango-ich-weiß-nicht-irgendwas-dazwischen“-Stück Alts Tsilib Parnusse – seine Imitation des kranken Greises ist zum Schreien komisch! Da sei dem Publikum mit dem folgenden Instrumental ein bisschen Erholung vergönnt. Trio Scho und Hermerschmidt spielen einen arabischen Tanz aus einem Musical aus dem Libanon, bei dem der Geigensound, wie schon im gesamten Teil nach der Pause, so klingt, als hätte man ihn absichtlich dem Klarinettenton angepasst. Das ist eine nette kleine Sinnestäuschung, sieht man doch einen Geiger, hört aber etwas anderes.

Troyke kehrt zurück auf die Bühne, um uns sein Lieblingslied aus dem Shir-ha-Shirin – Du hast mein Herz gefangen und über die Weiden Libanons getrieben – zu singen, welches nicht zuletzt durch das Spiel Desatniks berührend wird, der dankenswerterweise auf „Schleimspuren“ beim Lagenwechsel verzichtet, zu denen die süßliche Melodie leicht verleiten könnte: Endlich, endlich erhebt sich das Instrument mit dem einzig ihm zustehenden Ton über all die anderen. Dass Desatnik auch singen kann, wissen wir zwar inzwischen, freuen uns aber trotzdem auf sein Lied vom alten Schneider. Bei dem Benzion Witler-Klassiker Dos Gesang Fun Mein Hartz traut sich dann auch das erste Tanzpaar aufs Parkett. Schön sind die beiden anzusehen, die können das! Und dann wird auch schon das offizielle Ende des Abends mit der schönen Nonsens-Nummer Rebbe Elimelech eingeleitet:

Als Zugabe eins gibt es den russischen Tango Herz mein, als zweite – „ist aber nicht lustig“ – die Nummer Alts Gayt Avek Mit’n Royech, die den Abend deutlich nachdenklicher enden lässt, als er begonnen hat. Dies hat vielleicht auch mit dem nachklingenden Bild des Tanzpaares zu tun, das die innige, zärtliche, vor allem aber melancholische Stimmung des Liedes in Bewegung umzusetzen wusste. In der Tat: nicht lustig. Aber sehr, sehr schön. Mehr kann man von einem Lebensthema eigentlcih kaum erwarten.

Noch Amul – Tango Oyf Yiddish, Vol. 2 bekommen Sie ab dem 1. November 2012 hier.

24. Oktober 2012

Zwischen Folktronica, altem Wein und neuen Schläuchen: die altuelle Ausgabe von Victoriah’s Music ist da

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„Die Dänen haben es mir momentan angetan. Nach Lasse Matthiessen nun also Sebastian Lind, ein weiterer melancholischer junger Mann mit Gitarre – denn anders kann man jemanden, dessen Debütalbum von den Worten „time has come for me to say goodbye“ („Still Here“) eröffnet wird, nun wirklich nicht bezeichnen. Dabei, so der Musiker, verpacke er die Welt überhaupt nicht grau. Vielmehr läge manchmal „der Spaß unter einer Staubwolke“.

Was I Will Follow seinen melancholischen Anstrich gibt, ist dann auch eher eine atamosphärische Ruhe. Der 23-jährige Lind hat ein hausgemachtes Album vorgelegt, selbst geschrieben, selbst gemischt, selbst produziert. Und hat es gar nicht eingesehen, sich selbst dabei auch nur irgendeine Form von Stress zu machen. So ist eine angenehm zurückgenommene, tiefenentspannte, raumgebende Produktion entstanden, die ihre nahezu meditative Gelassenheit auch dann nicht verliert, wenn es im Untergrund der akustikgitarrenlastigen Songs mal dubsteppig brodelt wie etwa auf „Woods“, für das man am liebsten das Genre Folktronica kreieren möchte.

[…]“

Was man noch so alles möchte und warum, steht in der aktuellen Ausgabe von Victoriah’s Music, die hier auf fairaudio.de erschienen ist. Da gibt es nicht nur einiges zu lesen, sondern auch zu sehen – nämlich einen Einblick in meinen privaten Bücherschrank, genauer: auf meine alten Reclam-Bände. Was diese mit Musikrezension zu tun haben, steht ebenso in Victoriah’s Music wie die Besprechung der folgenden Platten:

  • Sebastian Lind | I Will Follow
  • Cat Power | Sun
  • Holly Cole | Night
  • Robin McKelle & The Flytones | Soulflower
  • Alex Cuba | Ruido En El Sistema
  • Skip & Die | Riots In The Jungle
  • Gabby Young & Other Animals | The Band Called Out For Me
  • Various Artists | Reclam Musik Edition


Gabby Young & Other Animals – bzw. ein other animal

Viel Freude damit!

17. Oktober 2012

Es war nicht meine Absicht, düstere Werke zu kreieren. Anna Aaron im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 11:42

Für die Wahl von Anna Aarons Dogs in Spirit zur Platte des Monats auf fairaudio.de habe ich von Ihnen viel positives Feedback bekommen. Grund genug, noch einmal genauer hinzuschauen, was es mit den Hunden im Geiste, den Seeungeheuern und Sirenen, kurz: der fabelhaften Welt der Anna Aaron auf sich hat. Ich hatte die Gelegenheit, die Schweizer Künstlerin am 11. Oktober in Berlin zu einem persönlichen Gespräch zu treffen – über Türen, die im Körper aufgehen, je mehr man an seiner Persönlichkeit arbeitet, über die den Liebenden ausliefernde Liebe im Alten Testament und darüber, weshalb die Kunst der finale Triumph des Lebens ist.

Klangverführer: Auf deiner Platte begegnet man ja allerlei Gestalten, Seeungeheuern, Sirenen, Figuren aus der Bibel und Mythologie – und auf deiner ersten Single „King oft he Dogs“ ebenso wie beim Albumtitel „Dogs In Spirit“ Hunden. Was symbolisieren diese für dich?

Anna Aaron: Der Titel kommt von dem Satz „Selig sind die Armen im Geiste“, auf englisch heißt der ja, „Blessed are the poor in spirit“. Ich habe dann die Armen mit den Hunden ausgetauscht, weil Hunde für mich ein Symbol für Armut sind. Also, nicht für geistige Armut, sondern allgemein für Schwäche. Das habe ich nicht selber erfunden, es gibt ja beispielsweise auch den Begriff vom Underdog oder man sagt, „er ist ein armer Hund“.

Interessante Idee! Hunde werden üblicherweise ja nicht gerade als arm oder schwach dargestellt; in der Mythologie dienen sie dem Menschen als schützende Begleiter in die unergründlichen Unterwelten oder als treue Wächter des Feuers. Woher die Konnotation zu den Armen?

AA: Also, ich denke, es gibt da zwei Richtungen. Und ich bin jetzt einfach in die Richtung vom Hund als niederes Tier gegangen, wobei ich nichts gegen Hunde habe! Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass ich als Kind in den Armenvierteln Asiens war, und dort sieht man sehr oft Straßenhunde, die sind ein geläufiges Bild. Darum habe ich eher diese Art von Assoziation.

Wirst du oft gefragt, wie dieser Titel zu verstehen ist, oder ist den meisten Menschen das sofort klar?

Nein, ich habe das Gefühl, es ist nicht so einfach verständlich. Ich habe ganz allgemein das Gefühl, dass das Album nicht so zugänglich und verständlich ist, wie ich am Anfang gedacht habe. Vielleicht auch, weil ich meine eigene Mythologie, die eigene Märchenwelt im Kopf habe … Und wenn man dann etwas beschreibt, greift man auf einen Wortschatz zurück, der einem selbst ganz natürlich erscheint, mit Begriffen, die in einem selbst fest verankert sind … Wenn man das dann aber herausbringt und dann nach der Bedeutung gefragt wird, merkt man plötzlich, dass das gar nicht so offensichtlich ist.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Titeln und Namen. Anna Aaron ist nicht dein bürgerlicher Name. Zuerst hattest du „Anna in a dotted dress“ gewählt, dann den Nachnamen Aaron zugefügt. Woher kommt die Figur der Anna? Und worauf nimmt Aaron Bezug?

Ich mag die Einfachheit des Namens Anna sehr. Und es ist ja auch so, dass dieser Name in fast allen Sprachen verständlich oder zumindest aussprechbar ist. Mit meinem bürgerlichen Vornamen ist das eher schwierig. Ich habe mich selbst einfach schon immer irgendwie Anna genannt, aber jetzt nicht als Künstlername, sondern so als geheimer Name für meine Person. Und Aaron habe ich dann als Nachnamen genommen, weil ich einfach noch einen männlichen Vornamen wollte. Es ist eigentlich gar keine große Geschichte dahinter.

Kann man sagen, es ist eine Kunstfigur, ein Alter Ego, das du da mit Anna Aaron geschaffen hast?

Das würde ich nicht so sagen. Für mich ist das irgendwie alles eins. Wenn ich zu Hause arbeite, die Lieder schreibe, dann ist das ja „Anna Aaron-Arbeit“, aber es bin ja ich, die da schreibt.

Dann lasse ich das „Kunst-„ bei „Kunstfigur“ weg und frage: Zu der Figur Anna Aaron gehört auch eine ganz besondere Bildsprache. Wenn man sich die Fotostrecke vom „Dogs In Spirit“-Covershooting anschaut, sieht man Portraits von dir, wo du mit Farbe bemalt bist oder wo kleinere Gegenstände in deinen Kopfschmuck eingeflochten sind …

… eine Maske!

Das alles macht die Fotos in meinen Augen eher selbst zu Kunstwerken als zu simplen Künstlerportraits. Verfolgen sie eine bestimmte künstlerische Aussage im Zusammenhang mit deiner Musik oder sind sie eher beiläufig entstanden?

Nein, das war schon sehr absichtlich. Ich habe mich sehr mit dieser Frage befasst – es war auch eine Riesenrecherche am Anfang! Ich habe mich gefragt, was für eine Rolle der Körper eigentlich in der Musik spielt. Musik ist ja etwas irgendwie Immaterielles, und trotzdem machen wir sie mit dem Körper – und wir nehmen sie auch mit dem Körper wahr. Dann habe ich mich gefragt, wo das zusammenkommt, das Geistige und das Physische. Und da bin ich so in Richtung Rituale gegangen, zum Beispiel die Rituale von Eingeborenenstämmen. Dabei habe ich mich eine Zeitlang sehr mit dem Körper beschäftigt, auch mit Körperschmuck, Tätowierungen oder Gesichtsbemalung. Und in diesem Zusammenhang ist mir ein Ethnologiebuch in die Hände gefallen, wo ich von einem bestimmten Völkerstamm gelesen habe, der sich, wenn er gegen Menschen in den Krieg zieht, das Gesicht anmalt. Wenn er hingegen in den Krieg zieht, um gegen Dämonen zu kämpfen, dann setzen seine Mitglieder eine Maske auf. Das fand ich sehr interessant und dachte, ich baue mir meine eigene Maske. Darum gibt es auch die zwei Bilder.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen, ja, es war mir schon wichtig, dass das einfließt, denn ich versuche, Anna Aaron nicht auf die Musik zu reduzieren, sondern alle Möglichkeiten zu nutzen, die ich habe, um meine Fragen zu beleuchten. Und da gehört das Visuelle ja auch sehr stark dazu.

Kommen wir zur Musik selbst. Viele bezeichnen dein Debütalbum als Art Pop, manche aber auch als Folk Noir bzw. Chanson Noir. In Interviews kann man aber lesen, dass du deine Musik gar nicht so düster empfindest. Wie würdest du sie beschreiben, wenn du müsstest?

Ich sage meistens: ernst, ernsthaft. Auch wenn ich sage, ich finde sie nicht sehr düster, sehe ich aber schon, dass es nicht die leichteste Musik ist. Aber es war nicht meine Absicht, düstere Werke zu kreieren. Ich habe mich einfach nur sehr ernsthaft mit gewissen Fragen beschäftigt und bin dort vielleicht ein bisschen weit gegangen.

Apropos weit: Wenn wir uns noch einmal deine musikalischen Anfänge angucken … Deine Band Aiph, die sich 2001 gegründet hat, bewegte sich mit ihrer „Revolverdisco“-EP noch irgendwo zwischen Disco und Indie-Rock’n’Roll – jetzt arbeitest du mit mehrschichtigen Chorsätzen und überhaupt mit verschiedenen sich überlagernden Stimmen, die deine Musik neben deinem starken Pianospiel dominieren. Ist sie mit dir erwachsener geworden?

Also bei Aiph war ich musikalisch sehr wenig beteiligt. Ich habe nicht viel geschrieben; und irgendwann hat jemand gesagt, eure Band ist schon gut, aber die Sängerin klingt, als würde sie in einer Coverband singen. Das war zwar hart, aber ich habe es als sehr treffend empfunden, denn genau so habe ich mich auch gefühlt! Ich habe dann auch damit aufgehört, denn es war wirklich nicht meins.

Um aber auf das Erwachsenwerden zurückzukommen: Ich denke, wenn man wächst, dann wächst man ja in allen Lebensbereichen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass die Stimme auch mitwächst mit der Persönlichkeit. Es gibt gewisse Tonlagen, die ich vor fünf Jahren nicht hätte singen können. So habe ich zum Beispiel lange gedacht, dass ich niemals eine Kopfstimme entwickeln würde und niemals würde hoch singen können. Irgendwann ist das aber, parallel zu der Entwicklung der Persönlichkeit, gegangen. Je mehr man an sich selber arbeitet als Mensch, gehen auch Türen auf im Körper.

Tatsächlich sind aber die tiefen Lagen für mich bis heute die komfortablen Zonen. Und die Herausforderung ist ja, sich ein bisschen außerhalb davon zu bewegen und nicht immer da zu bleiben, wo es einem wohl ist, sondern auch darum zu kämpfen, dass man weiterkommt. Das ist mir sehr wichtig bei der Arbeit an meiner Stimme und hat auch wieder etwas mit Erwachsenwerden zu tun: Wenn sich die Stimme entwickelt, hat man auch mehr Möglichkeiten beim Schreiben, da man damit ja an die eigenen technischen Fähigkeiten gebunden ist.

Du hast vorhin die Ernsthaftigkeit deiner Platte angesprochen. Die treffen wir ja nicht nur musikalisch an – auch thematisch wird „Dogs in Spirit“ von großer Ernsthaftigkeit beherrscht. Du greifst vielfach auf uralte Geschichten zurück, auf Biblisches und Mystisches. Kommt dieser Hang zur großen Symbolik von deinem Philosophie- und Literaturstudium, das du begonnen hattest?

Ich denke, es ist einfach meine Art zu kommunizieren. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich einfach gerne auf diese Geschichten zurückgreife, weil sie zeitlos sind und auch universal zugänglich. Zum Beispiel die Geschichte von Samson und Delilah …

… die du in deinem Song „The Drainout“ verarbeitet hast …

Genau. Das war schon vom Studium beeinflusst, denn ich habe eine Vorlesung gehört, wo es um jüdische Literatur und das Alte Testament ging. Der Dozent sagte, die Liebe werde im Alten Testament sehr oft mit einem Nachteil für den Liebenden verbunden. Wenn jemand liebt, ist er dort gebrochen, ein Opfer seiner Liebe. Er ist ausgeliefert. Und das hat mich sehr berührt, auch im Hinblick auf Samson: Der war ja der stärkste Mann im ganzen Land, hat zehntausend Männer erschlagen – und am Schluss verliert er alles wegen einer Frau. Weil er sie liebt. Ich denke, darauf können wir uns alle beziehen: auf die Liebe und darauf, dass sie schwach und verletzbar macht und uns auch ein bisschen ausliefert.

Ich habe dann gemerkt, dass mir persönlich diese Geschichten einfach helfen, egal, woher sie kommen, das muss nicht die Bibel sein. Die Seeungeheuer zum Beispiel, die mag ich sehr gern, die sind ein Symbol für die Sexualität, weil sie aus den Tiefen kommen. Sie symbolisieren das Verborgene, das Rätselhafte und sind ein sehr starkes Bild.

Das heißt, du benutzt Symbolik im Grunde, damit wir uns mit unseren alltäglichen Erfahrungen darin wiederfinden, und nicht, um dich dahinter zu verstecken …

Ja, weil ich gemerkt habe, dass mich gewisse Dinge wirklich sehr tief berühren können, weil sie vielleicht in den kollektiven Wortschatz hineinreichen …

So eine Art kollektives Menschheitsgedächtnis, das losgelöst von den persönlichen Erfahrungen einfach da ist und mit bestimmten Erscheinungen wie Worten oder Musik wachgerufen werden kann?

Genau, das wäre dann ja das Stichwort zum erstzitierten Beispiel „The Drainout“. Ich finde die Kraft, die das hat, sehr interessant.

„The Drainout“ besticht ja auch durch unglaublich zärtliche Momente – in denen untergründig aber auch immer Gewaltiges oder gar Gewalttätigkeit schlummert. Gehört das zwingend zusammen, das Schöne mit dem Negativen, oder, anders gefragt, kann man das Schöne nur dann wirklich genießen, wenn man auch das absolut Unschöne kennt?

Ich hatte einen ziemlich frappanten Moment, als mir die Masterversion von „Dogs in Spirit“ zugeschickt wurde. Ich habe sie im Zug gehört, und bei einem Stück hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich mein Leben höre. Wie es nicht besiegt worden ist. Als würde mir die Musik sagen, ich bin nicht gestorben, sondern ich lebe und ich drücke mich aus. In dem Moment habe ich verstanden, dass die Kunst wirklich der Triumph des Lebens ist. Egal, wie vereinzelt wir sind, oder auch wie todesnah die Inhalte unserer Kunst – in dem Moment, in dem wir Kunst machen, leben wir. Und seit diesem Moment bin ich sehr streng mit mir selber geworden, wirklich auf das Leben zu pochen – auch, wenn es mal unangenehme Inhalte hat. Mit geht es um das Leben. Aber die Freude am Leben wird anders, wenn man einen Preis dafür bezahlt, wenn man gelitten oder etwas durchgestanden hat. Dann bekommt die Freude eine gewisse Tiefe, weil man weiß: Ich muss mich dran festhalten, das ist existenziell für mich.

Um noch einmal auf „The Drainout“ zurückzukommen: Das Lied war ja auch schon auf deiner selbstproduzierten 7-Track-EP „I’ll Dry Your Tears Little Murderer“ vertreten. Für die Menschen war der Song so besonders, dass er seitdem oft mit der Musik von Tom Waits verglichen wurde. Was macht ihn für dich so besonders, dass du dich entschlossen hast, ihn auch noch einmal auf dein aktuelles Album zu nehmen?

Das war gar nicht meine Idee. Mein Produzent fand das Lied so toll und wollte es unbedingt noch einmal aufnehmen mit Eric Truffaz …

… dem Jazztrompeter! Du hast aber gerade deinen Produzenten angesprochen: Deine EP hast du noch selbst produziert, bei „Dogs in Spirit“ hast du die Produzentenzügel aus der Hand gegeben …

Ja, das ist immer ein Zwiespalt. Einerseits bin ich sehr eifersüchtig und gebe meine Lieder nicht gern aus der Hand, gleichzeitig merke ich, ich muss an meinem künstlerischen Selbstvertrauen arbeiten, also, dass ich wirklich an meine Ideen glaube und darauf vertraue, dass ich weiß, wie es gemacht werden muss. Als junge Künstlerin kann man sich schnell einschüchtern lassen, wenn man von Leuten umgeben ist, die zwanzig Jahre mehr Musikerfahrung haben und hunderttausend Platten mehr kennen als man selbst. Dann hat man schnell das Gefühl, ich weiß eigentlich gar nicht, was gut klingt und was nicht. Aber Marcello Giuliani hat sich sehr viel Zeit genommen, und ich habe das Gefühl gehabt, dass er meine Demos sehr verstanden hat. Darum habe ich mich jetzt auch nicht so gefühlt, als würde man mir die Zügel aus der Hand nehmen.

Marcello Giuliani ist ja auch der Produzent von Sophie Hunger, mit der du auch oft verglichen wirst. Wie gehst du mit solchen Vergleichen um?

Mir fällt das gar nicht so auf. Ich denke, Vergleiche und Assoziationen sind einfach ein Teil der Art des Menschen, Dinge wahrzunehmen. Sogar, wenn ich jetzt den Apfel hier esse, grenze ich ihn ab von einer Banane, finde ihn eher einer Birne ähnlich … Das ist ein Teil vom menschlichen Verstehen, und darum finde ich es ganz normal, dass verglichen wird.

Das heißt, du gestehst den Leuten ihre Vergleiche zu, um dich einordnen zu können, lässt dich davon aber nicht unter Druck setzen?

Nein, weil ich die meisten Künstler, mit denen ich verglichen werde, selber gar nicht kenne. Und es interessiert mich auch nicht.

Gibt es aber dennoch eine Art Vorbild, jemand, an dem du dich künstlerisch orientierst oder der dich inspiriert?

Mir ist es ja immer um das Überschreiten von Grenzen zu tun, und darum gibt es mir viel Kraft, wenn ich auf Künstler stoße, die mutig sind, Kate Bush, David Bowie – ich mag die Achtziger-Jahre! Und ich schätze Künstler sehr, die einfach aus sich selbst schöpfen und bei sich bleiben können, die ihre abgeschlossene Seifenblase haben und ihre Kunst in ihrer eigenen Welt kreieren.

14. Oktober 2012

Klangköpfe # 3: Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden oder: Ich bin kein unruhiger Mensch – aber ein ruheloser. Der Traveler im Interviewportrait

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , — VSz | Klangverführer @ 17:42

Den Chemnitzer Musiker Falk lernte ich über Johnny Cash kennen. Besser gesagt über die Neuauflage von Cashs Autobiographie, die ich für fairaudio besprochen hatte. Falk hatte sie bei Amazon bestellt und stolz ein Foto seiner Neuerwerbung ins Netz gestellt. Gute Menschen kennen gute Lieder, dachte ich mir, und kurz darauf waren wir be-e-freundet. Okay, vorher hatte noch eine gemeinsame Freundin, die Altenburger Sängerin Franziska Brendel, ihre Hände im Spiel. Mit der habe ich vor einem oder zwei Jahren einen herrlichen Weiberabend bei dem einen oder anderen (eher dem anderen) Glas Wein verbracht – sie vor ihrem Computer in Altenburg, ich vor meinem Laptop in Berlin. Aber das ist eine andere Geschichte.

Da jedenfalls weder aus meinem geplanten Chemnitz-Besuch im Frühsommer, wo Falk mit seinem neuen Duo Diamonds&Rust spielte, noch aus seinem beabsichtigten Konzert in meiner Berliner Küche etwas geworden ist, dachten wir uns: Treffen wir uns doch in der Mitte! Und so kam es, dass ich mit Lina Liebhund an einem schönen Samstagmorgen im September passend zu Falks Künstlernamen Traveler nach einem im Landkreis Elbe-Elster gelegenen Städtchen namens Doberlug-Kirchhain travelte. Übrigens kostete – ich erwähne das aus Gründen der Verhältnismäßigkeit – mein Bahnticket 13,70 Euro, während man für Linas 9,90 Euro haben wollte. Ob sie dafür wenigstens auch einen Sitzplatz bekommt?, fragte ich mich.

Den bekam sie nicht, dafür aber einen im Auto des Travelers, mit dem es raus zur Klosterschänke am Schloss Doberlug ging, einem Restaurant mit ungarisch angehauchter Speisekarte, erstaunlich gutem Essen und sehr netter, hundefreundlicher Bedienung, noch dazu mit herrlichem Blick auf die spätromanische Backstein-Basilika der Klosterkirche und das behutsam modernisierte Refektorium des Klosters Dobrilugk. Ein Ausflug dahin lohnt sich auch dann, wenn man hier nicht den Traveler zum Interview und zur fröhlichen Einkehr trifft. Deutlich weniger lohnt sich ein Besuch von Steins Wein- und Bierstuben, der in seiner Unerfreulichkeit vermutlich aber nur die Vorbereitung auf die Meisterleistung der Deutschen Bahn war, welche Lina und mir auf der Rückfahrt einen unfreiwilligen, anderthalbstündigen, spätnächtlich-kühlen Aufenthalt in Falkenberg (Elster) bescherte. Nein, das ist nicht das Falkenberg bei Berlin-Hohenschönhausen, wo mein Emilyhund begraben liegt. Das ist das Falkenberg, wo der Hund schlechthin begraben liegt. Da gibt es nachts nämlich nichts. Die Nazis vor der örtlichen Pizzeria waren aber sehr nett zu uns.

Mittlerweile sind wir wieder glücklich zu Hause angekommen und freuen uns, dieses schöne, weil bescheidene und dabei ziemlich schlaue, Interview mit Ihnen zu teilen. Lesen Sie über des Travelers musikalische Erweckungserlebnisse, über die Unmittelbarkeit des Übertrags seiner Musik auf die Gitarre, darüber, dass man mit Frauen nicht streitet und weshalb er seine eigenen Songs, die ihm gewissermaßen zufliegen, nur ganz selten live spielt. Für den Klangblog hat er allerdings eine Ausnahme gemacht und uns neben einem Johnny Cash- und einem Gerhard Gundermann-Cover auch eine Eigenkomposition geschenkt. Viel Freude damit!

Klangverführer: Du bereist Thüringen seit einiger Zeit unter dem Namen Traveler. Erzählst du mir, wann und wie dieses Alter Ego entstanden ist?

Traveler: Also prinzipiell als Name verwendet habe ich das seit 2007 – damals war das aber noch ein Duo. Ich bin gerade von meinen „Wanderjahren“ wiedergekommen – ich bin im Westen drüben gewesen, in den „gebrauchten Bundesländern“, hab da ein bisschen rumgewohnt und verschiedene Geschichten gemacht, die Versicherungssache, beispielsweise. Und als ich wiederkam, habe ich einen Bekannten getroffen, der hat gerade angefangen, Geige zu spielen und wollte auch wieder so bühnenmäßig ein paar Dinge machen. Das konnte er aber nicht alleine, und so hat er gesagt: Komm, wir machen jetzt ein Duo. Und das erste, was mir dazu eingefallen ist, war „Traveler“. Im Prinzip deswegen, weil dieses Wort für mich eine ganze Menge bedeutet; es ist assoziiert mit dem „Zigeunerblut“, was ich immer so ein bisschen hatte, dass ich immer herumziehen musste, immer ein bisschen etwas sehen, irgendwo immer etwas Neues erleben und nicht immer das Gleiche um mich haben, und dementsprechend hatte ich dieses Wort schon lange im Kopf. Ich wusste nur nie, wofür es gut ist – dann hat sich aber herausgestellt, dass es ein guter Duo-Name ist. Und als es kein Duo mehr war, ein guter Alleinmusikername …

Wo du gerade diese Sache mit der Unruhe ansprichst, nimmst du schon ein bisschen meine zweite Frage vorweg. Ich wollte wissen, ob die Wahl des Symbols der Wanderers, zu dem ja nicht nur das Fernweh gehört, auch etwas mit dem Gefühl des Nie-richtig-Ankommens zu tun hat, eben mit einer allgemeinen Unruhe oder auch einem beständigen Auf-der-Suche-Sein? Ich glaube, eines deiner Lieblingszitate entstammt einem Lied der Berliner Dudelsack-Rocker Cultus Ferox, wo es heißt: „Über Land und unter Wasser/habe ich mein Glück gesucht/An den schönsten Meeresstränden/meine Einsamkeit verflucht; Überall bin ich zu Hause, nirgends komm ich wirklich an; Bin ich dort, bin ich ein Fremder, bleib ich hier, dann werd ich krank“ …

Ja, absolut richtig. Gerade in diesem Zitat habe ich mich ganz deutlich wiedergefunden. Das ist mir wirklich irgendwo aus der Seele gesprochen: Ich bin an vielen Orten gern gesehen, viele Leute kommen gut mit mir klar (ich auch mit vielen Leuten!), aber es ist wirklich so, dass ich – ich weiß nicht, warum das so ist –, wenn ich die Leute eine bestimmte Zeitlang hatte, wieder andere Leute und wieder eine andere Gegend brauche. Ich bin halt irgendwie sehr ruhelos – jetzt aber im positiven Sinne. Ich finde es auch gut, mal ‛nen ruhigen Abend zu verbringen, und ich bin jetzt auch kein unruhiger Mensch – aber ich bin ein ruheloser Mensch. So vielleicht, wenn du verstehst, was ich meine.

Ich denke schon. Als Traveler gehörst du mit deinen Auftritten ja beim City Pub Chemnitz schon fast zum Inventar. Wie bist du eigentlich zu dieser akustischen Irish Folk- bzw. keltischen Schiene gekommen?

Das war durch meinen Duo-Partner damals. Ich hatte mit Irish Folk nie was am Hut. Ich wusste, dass es die Musik gibt – aber ich kannte kein einziges Stück davon, abgesehen vielleicht von Drunken Sailor oder solche Geschichten. Er aber war schon immer Fan davon. Wenn er losgezogen ist, hatte er teilweise einen Kilt an und hat mit seinem langen Haaren und dem ganzen Drumherum da genau reingepasst. Und als wir gesagt haben, wir machen jetzt dieses Duo, war uns klar, dass das so ein bisschen auf die Pub-Schiene gehen wird – man braucht ja irgendwo ein Anlaufpublikum! Und deswegen haben wir uns zumindest teilweise auch ein Irish Folk Repertoire zusammengesucht, und dann ging es auch schon los!

Wie muss ich mir das jetzt vorstellen: Er an der Geige und du an allem anderen?

Nee, nee. Ich habe immer mein Gitarre-Mundharmonika-Gesangsding gemacht, und er hat Geige, Cajon, Bass, teilweise Dudelsack und Bodhrán gespielt, das ist so eine irische Trommel, die hat man in der einen Hand, während man in der anderen einen Schlegel hält, den man von beiden Seiten benutzen und dadurch ganz schnelle Dinge damit machen kann. Ach, und Mandoline hat er auch noch gespielt.

Eine Mandoline steht ja auch bei dir zu Hause rum, ich hab das Foto gesehen … Die spielst du ja auch, oder?

Nebenbei, ein bisschen. Nicht auf der Bühne, aber für Aufnahmen und solche Geschichten schon mal.

Du trittst aber nicht nur im Irish Pub auf, sondern spielst an den Wochenenden auf Festivitäten in ganz Sachsen und auch Thüringen, beispielsweise auf Hochzeiten. Ich glaube auf meine Frage nach deiner Musik hast du mir ganz nonchalant den Wikipedia-Link zum Stichwort „Mugge“ geschickt mit dem Nachsatz, du seist als Traveler ein „typischer Mucker“. Daneben hast du unter der Woche einen „bürgerlichen“ Vollzeitjob. Wie kommst du mit dieser Doppelbelastung klar? Gibt es da einen Trick? Das frage ich auch aus Eigennutz, weil ich ja auch zwischen Musikjournalismus und bürgerlichem Job oszilliere …

Für mich stellt sich hier gar nicht die Notwendigkeit eines Tricks dar, es ist vielmehr so, dass es für mich ein Ausgleich ist. So wie für manche vielleicht Sport, so brauche ich die beiden Geschichten. Ich könnte mir jetzt nicht vorstellen, Vollzeitmusiker zu sein, das wäre mir … Ich weiß nicht. Da würde mir zu viel Spaß an der Musik verlorengehen, wenn das zuviel werden würde. Umgekehrt brauche ich aber auch zu meinem Job irgendwo einen Ausgleich, und der ist für mich wirklich an den Wochenenden die Musik. Das passt total gut zusammen – auch wenn es manchmal ein bisschen anstrengend ist.

Kommen wir auf die Musik selbst zu sprechen und nicht nur darauf, wie man damit umgeht. Als ich zum ersten Mal dein Cover von Johnny Cashs „Hurt“ gehört habe, war ich total von den Socken – deine Stimme ist ja wie gemacht für seine Songs! Haben sich da Stimme und Musik gefunden oder, anders gefragt, woher rührt deine Faszination an Cash?

Prinzipiell ist es ja so, du kannst – und das ist jetzt ein Zitat aus dem Hefter, den ich für die Bühne benutze, wo meine ganzen Sachen drin sind, und da steht auf der ersten Seite: Man kann nur in anderen entzünden, was in einem selber brennt. Das hat mal der große Römer Aurelius Augustinus gesagt. Und das ist wirklich das Ding! Man kann in den Leuten nur dann etwas auslösen, wenn man selber überzeugt ist von der Geschichte. Und das ist schon bei Johnny Cash so gewesen – der war ja wirklich ehrlich. Er hat nur geschrieben und gesungen, was ihn bewegt hat, was ihm passiert ist, was ihm wichtig war. Ob das jetzt die „Man in Black“-Geschichte war oder Geschichten aus seinem Leben …Das haben die Leute gemerkt, das war ehrlich – was zu der Zeit ja gar nicht so modern war. Da gab es ja die ganzen Gospelsachen und so, was alles ein bisschen weiter hergeholt war. Und das ist auch meine Sache. Ich will wirklich niemandem erzählen, dass ich jetzt sonstwas für einer bin – ich bin halt wirklich ein ganz normaler Musiker, der ein ganz normales Leben lebt. Und diese Ehrlichkeit, die verbindet mich mit Johnny Cash.

Das heißt, du schlüpfst auf der Bühne nicht in eine Rolle, sondern präsentierst dich so, wie du bist?

Richtig. Es ist ja bei vielen wirklich so, dass sie sich ein Alter Ego schaffen und auf der Bühne dann total anders sind als privat. Das könnte ich gar nicht, weil das – Bühnenpersönlichkeit und Privatperson – für mich irgendwo eins ist. Ich will die Leute begeistern – und das kann ich nur mit mir selber!

Das heißt, ich habe meine erste Frage zur Figur des Travelers im Grunde falsch gestellt. Der ist gar kein Alter Ego, sondern der repräsentiert wirklich nicht nur einen Teil von dir selber, sondern dich komplett …

Komplett, wirklich komplett, ja, genau. Das ist auch wirklich die Sache, die sich durch mein ganzes (Privat-)Leben zieht, mit dieser Rastlosigkeit. Und das ist auch etwas, was mich auch noch mit Johnny Cash verbindet. Und deswegen auch – dass die Stimme jetzt passt, ist ein Zufall, wenn sie denn passt … aber diese Lieder sprechen halt zu mir, und deswegen kann ich sie vielleicht auch ansprechend rüberbringen.

Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen, denn diese Ehrlichkeit, die du vorhin angesprochen hast, gibt es ja auch durchaus noch bei anderen Musikern. Bei Johnny Cash sprechen also auch vor allem seine Lieder zu dir …

Richtig, das gibt es auch bei anderen Sachen, zum Beispiel bei Neil Young – aber auf einer anderen Ebene. Neil Young verbildert ja mehr. Der sagt jetzt nicht: so-und-so-und-so ist es gewesen, sondern der sagt, die grüne Wolke hat geleuchtet weil das-und-das war. Der schafft sich da irgendwelche Welten drum herum, das finde ich auch sehr toll, und er ist auch ein ganz großes Vorbild für mich von seiner Musik her, aber nicht auf der Ebene wie Johnny Cash.

Hast du Neil Young-Songs in deinem Repertoire?

Ja, sogar eine ganze Menge. Und der dritte, der mich ganz groß interessiert …

… Das passiert, wenn man sich gut kennt: Du nimmst meine Fragen vorweg! Ich vermute, du wolltest jetzt einen Liedermacher mit den Initialen G.G. ansprechen…

(lacht) Ja …

Dann frag ich jetzt trotzdem noch einmal ganz offiziell! Neben Cash und Young hast du noch einen anderen musikalischen Helden, nämlich Liedermacher Gerhard Gundermann. In einer Mail an mich hast du mal geschrieben, dass die Frau, die du mal heiratest, Gundermann zwingend mögen muss, obwohl das eigentlich gar nicht ginge, denn mit Gundermann könne man entweder nichts anfangen – oder man müsse ihn lieben …. Ich gestehe, dass ich als deine zukünftige Frau nicht in Frage komme. Aber ich möchte gern mehr über deine Gundermann-Faszination wissen.

Ich fange mal ganz am Anfang an. Gundermanns Musik habe ich erst sehr spät kennengelernt, da war er schon tot. Ich war in Leipzig auf dem Bahnhof gewesen und hatte Zeit. Und da war ein Saturn-Markt, in den ich zum Zeitvertreib rein bin. Zu dem Zeitpunkt habe ich es immer so gehandhabt, dass ich CDs von Leuten, die ich nicht kannte, gekauft habe, wo mir die Aufmachung gefallen hat. Und das, was ich damals dort gefunden hab, war das „Krams“-Album von Gundermann gewesen. Das ist ein Live-Album von seinem letzten Konzert eine Woche vor seinem Tod, das wusste ich damals auch noch nicht – mir hat einfach die Aufmachung gefallen. Das war so grau und zum Aufklappen und so ein bisschen erdig gemacht, irgendwo, das fand ich cool, also hab ich’s mitgenommen – und bin dadurch in eine ganz, ganz neue Welt hineingekommen. Absoluter Wahnsinn! Ich hab die CD in den CD-Player meines Autos gelegt, es war eine Doppel-CD, dachte, hörst du mal in die eine ein bisschen rein … Ich hab die eine ganz durchgehört, die zweite ganz durchgehört, die erste noch mal gehört – und dann bin ich erst losgefahren. Natürlich hab ich dabei weitergehört. Wahnsinn! Der mal einfach mal Bilder mit seinen Worten – das geht überhaupt nicht, das ist absolut unglaublich. Zum Hintergrund muss man sagen, dass Gundermann ein sogenannter Großgeräteführer war, er fuhr so einen riesigen Braunkohlebagger, und hat halt vorneweg seine Lieder geschrieben. Da würde man ja jetzt gar nicht soviel Philosophie erwarten, drumherum, eher so eine Proletengeschichte …

Er durfte in der DDR ja nicht studieren beziehungsweise wurde exmatrikuliert, weil er sich nicht „systemkonform“ verhalten hat, und musste dann Hilfsarbeiten leisten, oder?

Richtig. Er wurde dann vom Volk ja als „einer von uns“ oder „singender Baggerführer“ stilisiert, was er gar nicht so wollte, aber man muss das wirklich würdigen, dass dieser Mann so total bodenständig war. Er war auch ein Biofreund, der war ganz ganz nah an sich und an der Erde dran. Es tat ihm zum Beispiel immer weh, wenn er seine eigene Heimat, über die er geschrieben und gesungen hat, mit seinem eigenen Bagger kaputtgemacht hat, das hat ihn auch bis zum Ende beschäftigt, das wollte er gern auch wieder irgendwie gutmachen. Das war eine absolute innere Zerrissenheit; und vielleicht ist es auch das, was mich so an Gundermann fasziniert, denn diese Rastlosigkeit, diese Ruhelosigkeit, die irgendwo in mir wohnt, ist nah an dem dran, was Gundermann auch mit seinen Liedern beschreibt. Das ist unglaublich. Also, es gibt so zwei, drei Lieder von ihm, die sind wie eine Offenbarung. Vielleicht vergleichbar mit – auch, wenn das jetzt blasphemisch ist – einer Bibelerfahrung. Ich lese die Bibel – und mir sagt sie überhaupt nichts. Aber es gibt Menschen, die lesen sie und finden sich da wieder und finden da die absoluten Antworten auf ihre Fragen. Und das ist für mich Gundermann. Ich finde da wirklich Antworten auf Fragen, die ich mir teilweise schon gestellt habe, teilweise vielleicht mal stellen sollte, teilweise vielleicht auch erst in ein paar Jahren dazu komme, wo er schon soweit war. Das ist unglaublich.

So eine Art musikalisches Erweckungserlebnis.

Ja, so kann man dazu sagen.

Bei Johnny Cash sagst du, fasziniert dich die Ehrlichkeit. Bei Gundermann fasziniert dich die Zerrissenheit …

Es ist einfach immer die Geschichte, wo ich mich selber wiederfinde. Dass ich mich selber identifizieren kann und das entsprechend auch für mich selber irgendwo umsetze – jetzt für mich selber innerlich umsetze, aber auch nach außen den Leuten gegenüber. Dass ich das kommunizieren kann, in Musik und im Dasein.

Heißt, du hast natürlich auch Gundermann-Songs in deinem Repertoire …

Ja.

Musst du dich in allem, was du in dein Repertoire nimmst, selbst wiedererkennen?

Nein, eigentlich nicht. Dann muss es mir einfach gefallen. Wie gesagt, Traveler ist einer Mucker-Geschichte. Das heißt, ich will damit Leute erreichen. Leute erreichst du, wenn du die aus ihrer Welt rausholst. Und aus ihrer Welt holst du die am besten raus – also, wenn sie schon mal so vor Konzertkulissen sitzen –, indem du ihnen ein gutes Gefühl gibst. Und das machen 1.) Melodien, 2.) einprägsame Texte und 3.) Gefühle. Wenn ein Lied mir das gibt, dass ich sage, oh, das nimmt mich jetzt selber mit, das kann ich jetzt umsetzen, dann nimmt es auch die Leute mit. Wenn ich das für mich entscheide, dass es … Anders: Wenn ich für mich eine Version finde, es den Leuten entsprechend wiederzugeben, dann spiel‘ ich das auch gerne. Es muss jetzt nichts sein, dass das tiefgründig ist, oder dass das mich widerspiegelt, oder dass das die Welt widerspiegelt – es muss mir einfach die Möglichkeit geben, es so wiederzugeben, dass ich Leute begeistern kann.

Du sagtest gerade: Wenn du eine bestimmte Version davon findest. Da frag ich mich – und das bitte ich jetzt nicht polemisch zu verstehen, ich schätze die Kunst der Interpretation sehr! –, ob du „nur“ Coverversionen in deinem Programm hast, oder auch eigene Songs …

Diese Antwort kann man vielleicht am besten zweiteilen. Erstmal ist es ja so – um wieder auf Johnny Cash zu kommen, der ja seiner späteren Frau June Carter gegenüber gesagt hat, „der Sound, den ich spiele“ – dieser stampfende, wilde Sound da –, „der ist einfach entstanden, weil wir nicht besser spielen konnten. Wir haben uns eine Möglichkeit gesucht, uns auszudrücken mit den Möglichkeiten, die wir haben.“ Und so spiele ich auch. Ich bin jetzt nicht der Gitarrenvirtuose. Ich habe mal angefangen, am Lagerfeuer Gitarre zu spielen und bin nie in die Nähe virtuoser Fähigkeiten gekommen. Deswegen habe ich mir eine Möglichkeit gesucht zu interpretieren – auf eine Art, die mir gefällt und die den Leuten gefällt. So. Deswegen ist das covern von mir eine Interpretation, die … ja: Wenn ich besser spielen könnte, würde ich anders spielen. Das ist die Coversache. Zweitens: Ich habe auch eigene Sachen, aber die sind dann wirklich ganz ganz persönlich und mir oft … ja, ich weiß nicht, ich fühle mich da manchmal ein bisschen verletzlich, wenn ich so etwas spiele, weil es eben wirklich meins ist. Und ich bin der Meinung, wenn dann das Publikum vielleicht sagt, hmm, das ist jetzt ja nicht so das Ding und was spielst denn du jetzt für ’nen Zeug da, dass mich das persönlich treffen würde. Deswegen spiele ich die ganz selten, nur, wenn ich mir sicher bin dabei. Das heißt, ich hab‘ jetzt wirklich auch eigene Sachen, aber die kommen selten zum Einsatz. Meistens gegen Ende eines Konzertes, dann hab‘ ich die Leute schon erwischt, dann sind sie froh, dass sie da waren und meine Freunde, und dann kriegen sie noch etwas Eigenes dazu. Da sagt ich auch, oh, ich bin nicht so sicher, ob euch das jetzt gefällt, es ist etwas Eigenes, aber wir versuchen das jetzt mal.

Und es gefällt ihnen …

Ich glaub schon, ja. (lacht)

Möchtest du in dieser Richtung weitermachen, hast du zum Beispiel eine CD mit deinen eigenen Stücken oder so etwas in der Art geplant?

Das ist immer so ein bisschen im Hinterkopf, auf alle Fälle! Aber da ist vielleicht der Punkt, wo mich dieses zweigeteilte Leben davon abhält, weil eben wirklich wenig Zeit da ist für die Musik – außerhalb von den Gigs an sich. Und deswegen komme ich auch gar nicht in die Verlegenheit, näher darüber nachzudenken, auch wenn es mich auf alle Fälle reizen würde. Es ist auch genügend Material da, was dafür vielleicht taugen würde, aber …

Vielleicht ist das eher ein mittelfristiger Plan? Du hast bei unserem Vorgespräch anklingen lassen, dass du dir gern einen Mac mit LogicPro kaufen möchtest – könntest du dir vorstellen, im Heimstudio eine CD aufzunehmen?

Das könnte passieren.

Über eine Traveler-CD würde ich mich auf jeden Fall freuen! Bevor du aber zum Traveler wurdest, hattest du ein Projekt namens Traumfänger. Gibt es den Traumfänger noch – wenn ja, was macht er, wenn nein, warum nicht?

Den gibt’s noch, den Traumfänger gibt’s! Das ist mein Herz- und Seelenprojekt. Wenn ich mir Lieder aussuchen kann, die ich gerne spielen möchte, dann sind es meistens die, die mir ganz ganz nahe gehen, weil die mir wirklich viel bedeuten. Die passen aber selten auf Traveler-Bühnen. Weil: Da will ich die Leute holen, sie begeistern, da will ich sie wirklich aus ihrem Alltag rausdreschen, dass sie mal zwei Stunden etwas anderes hören und sehen … Traumfänger, das ist eine ruhige Geschichte. Da muss man zuhören. Da sind Gerhard Gundermann-Sachen dabei, da sind auch mehr eigene Sachen dabei, da sind Liedermachergeschichten dabei – und das muss halt auch wirklich passen. Und da habe ich momentan auch nicht so den Ansatzpunkt, wo ich so etwas spielen könnte. Das ist mir aber ein sehr sehr liebes Projekt, und immer, wenn es die Möglichkeit gibt, mache ich das sehr sehr gerne.

Seit April 2012 gibt es jetzt aber auch noch ein anderes Nebenprojekt, nämlich Diamonds&Rust, ein Duo. Erzähl mir doch auch ein bisschen darüber!

Es war eines Abends … (lacht) … in den Tiefen von Chemnitz/Karl-Marx-Stadt … Da hat eine liebe Bekannte zusammen mit anderen einen Liedermacherabend im studentischen Rahmen organisiert. Und weil das eben eine liebe Bekannte ist, war ich im Publikum, um mir das Ganze mal anzuhören. Und da war eine andere Bekannte von meiner Bekannten auch mit im Publikum – nämlich Miriam Spranger, die in der Region bei uns schon einen gewissen Namen als Singer/Songwriterin hat. Und wir haben gesagt, versuchen wir doch mal, zusammen etwas aufzumachen! Haben uns gefunden, haben uns ein Projekt erarbeitet – eben Diamonds&Rust – und bringen das jetzt in unregelmäßigen Abständen auf die Bühne. Das ist ein Coverprojekt, aber eine sehr sehr interessante Geschichte. Eben dieses Diamonds and Rust! Wir haben nach einem Namen gesucht und festgestellt, dass sie eher eine kleinere, zierliche Person ist – ich nicht so. Sie ist von der Stimme und ihren eigenen Texten her sehr feinsinnig – ich bin dann eher die Rampensau. Wir haben einen Namen gesucht, der diese Unterschiede repräsentiert, dachten an Feuer und Eis, an … was weiß ich, Pommes und Ketchup – ach nee, das passt ja wieder zusammen! (lacht) Und haben wir gesagt, Diamonds& Rust. Das ist der Titel eines Liedes von Joan Baez, das uns beiden sehr gefällt, und dann passt das natürlich: Diamanten und Rost.

Und du bist der Rost!

Ich muss Rost sein, logisch. Wir haben es mal so umschrieben: Die Diamanten, also die wertvollen, seltenen Geschichten, die durch Miriam repräsentiert sind, durch ihre Texte, durch ihre feinsinnige Stimme, und Rost ist eher … jetzt nichts Schlimmes, aber eher etwas, das …

… angreift.

Naja, eher, was ein bisschen mehr Erfahrung widerspiegelt. Ich will mich ja nicht ganz so schlecht machen! (lacht wieder) Und ich bin dann eben der, der schon mal die eine oder andere Geschichte erlebt hat in der Richtung und der auch ein bisschen rauher loslegt … Eben so, als wenn man mit der Hand eine rostige Oberfläche streift. Ja, und das sind unsere Diamonds&Rust-Gegensätze. Vom Programm her – da muss ich sagen, Miriam hat auch einen gewissen Bezug zu Johnny Cash – machen wir viele Johnny Cash-Geschichten, wo sie dann die June Carter gibt, das klappt ganz gut, und darüber hinaus Sachen, die ihr ein bisschen was bedeuten, die mir ein bisschen was bedeuten … Wir haben beispielsweise DDR-Musik im Repertoire – wir stammen beide aus dem DDR-Lager –, wir haben ein bisschen was, wo die Leute mitgehen können, ein bisschen was, wo die Leute nachdenken können, und können das halt mit einem richtig breiten musikalischen Spektrum machen. Wir haben zwei Gitarren, wir haben zwei Stimmen, wir haben das Cajon, wir haben ein Keyboard stehen …

Du springst dann während der Show an Keyboard oder Cajon?

Das macht Miriam. Ich halte mich da zurück, das ist ihre Aufgabe, ich bleibe an der Gitarre. Wir können da richtig viel machen, das ist eine ganz coole Geschichte. Ein Beispiel, das mich selber unheimlich geholt hat beim letzten Mal war „Nothing Else Matters“, da gibt es ja diese Version mit weiblichen Vocals und Klavierbegleitung …

Von Lucie Silvas!

Ja. Wir haben das aber noch anders gemacht, wir haben nämlich die Klavierversion kombiniert mit der Gitarrenversion, wie man sie kennt. Das ist unglaublich geil geworden, das macht richtig Spaß dann!

Wenn du sagst, Diamonds&Rust haben Songs im Repertoire, die euch beiden etwas bedeuten – gibt es auch Lieder, wo der eine sagt, Mensch, das würde ich unglaublich gern spielen, das würde so gut passen, und der andere sagt, nee, damit kann ich mich aber sowas von gar nicht identifizieren, nur über meine Leiche?

Ja, ja, ja! Entschuldige Miriam, wenn du das dann liest – das muss ich jetzt sagen: Als Mann muss man ja zurückstecken bei solchen Geschichten. Man streitet sich ja nicht mit den Frauen. Und deswegen ist es so, dass wir dann zwei, drei Sachen, die ich gern spielen wollte, rausgelassen haben, weil Miriam überhaupt keinen Bezug dazu gefunden hat. Das ist auch nicht schlimm, das ist gut so, weil … wir wollen ja beide in den Leuten was bewegen. Und das geht halt auch wirklich bloß dann, wenn wir beide hinter den Liedern stehen. Das ist einfach mal so. Und deswegen mussten wir auch beide Abstriche machen bei dem, was wir da reinnehmen. Wir haben uns zusammengefunden mit einem schönen Programm – aber alles ging dann wirklich nicht so, wie das nur der eine wollte, der dann meistens ich war, der dann zurückgesteckt hat.

Du hast vorhin gesagt, Miriam wechselt zwischen den Instrumenten, du bleibst aber bei deiner Gitarre. Das erinnert mich daran, dass du die Gitarre mal als „phantastische Art, Gefühle zu teilen“ beschrieben hast …

Aha? Wirklich? Solche schönen Sachen sag ich? Ist ja cool. Mein Gott, bin ich gut! (lacht)

Worauf ich hinaus will: Du spielst neben der Gitarre auch noch eine Handvoll andere Instrumente, Mandoline, Klavier … oder? Warum ist es dann bei der Gitarre geblieben?

Musik, oder vielmehr: die Musik, die ich spiele, die kommt ja aus mir selber raus. Viele Leute haben da noch ein Medium in der Hand. Wenn sie Gitarre spielen, haben sie beispielsweise noch das Plektrum. Das mag ich zum Beispiel gar nicht. Ich spiele direkt mit den Fingern, mache mir da immer einen Fingernagel kaputt, weil ich irgendwo sehr druckhaft spiele, aber ich will das, ich brauch das – ich muss die Musik wirklich von mir direkt auf das Instrument übertragen. Deswegen fallen schon mal alle elektronischen Instrumente für mich weg, ich brauche etwas Akustisches.

Das heißt, du würdest auch keine E-Gitarre spielen?

Nee. Lehne ich ab. Ich find’s gut bei anderen, aber es ist nicht meins. Deswegen auch kein Keyboard. Auch wenn ich’s zu Hause stehen hab‘ – ich nehm‘ es für Aufnahmen, für Nebengeschichten, aber ich würde es nie, auch wenn ich es sehr gut könnte, auf der Bühne spielen wollen.

Dir selbst würde da die Unmittelbarkeit fehlen, verstehe ich das richtig, aber bei anderen …

Ja, zum Beispiel bei Bands wie Neil Young mit Crazy Horse oder bei Ten Years After – ich liebe diese E-Gitarren, die die da spielen! Oder auch bei Künstlern wie Slash oder Mark Knopfler – ich liebe diese E-Gitarren! Aber selbst wenn ich es auch nur annähernd so gut könnte, was ich nie im Leben können werde, würde ich sie nicht so gern spielen wie Akustikgitarren. Weil das wirklich das ist, was in allen Kleinigkeiten … wenn ich die Saiten nur leicht anstupse, dann machen sie einen ganz anderen Ton, als wenn ich da mit Gewalt rangehe … Ich kann über die Akustikgitarre ganz genau sagen, was ich jetzt ausdrücken möchte – und das ist mir unheimlich viel Wert! Das kann ich auf der Mandoline nicht, weil mir da einfach die Fähigkeiten fehlen. Das will ich auf dem Keyboard nicht, weil mir das einfach zu elektronisch ist. Das kann ich auf dem Schlagzeug nicht, weil … keine Ahnung, was man da ausdrücken kann, das macht halt nur Krach. Die Gitarre ist wirklich meins geworden.

Siehst du dich als Gitarristen, als singenden Gitarristen, oder eher als gitarrespielenden Sänger?

Also, auf jeden Fall nicht als Gitarristen, weil … Ich habe angefangen Gitarre zu spielen, da war ich fünfzehn Jahre alt. Wir waren beim Zelten und einer hat Gitarre gespielt – und die ganzen Mädels saßen drum herum. Mit fünfzehn dachte ich, okay, du musst jetzt anfangen, Gitarre zu spielen …

Der klassische Grund!

Also, was ich damit sagen wollte: Es war damals Lagerfeuerniveau. Es ist jetzt ein bisschen besser geworden, ich kann wirklich viel ausdrücken, dafür reicht es aus, aber ich bin kein Virtuose.

Dagegen bist du ein begnadeter Sänger …

Ich bin ein auszuhaltender Sänger … (lachen beide). Ich werde tatsächlich sehr oft für meine stimmlichen Fähigkeiten gelobt, und ich selbst bin auch der Meinung, ich mache das nicht ganz schlecht. Deswegen vielleicht eher: Sänger mit Gitarrenbegleitung. Es gehört für mich zusammen, ich könnte nicht alleine mit Stimme oder alleine mit Gitarre die Leute so holen, wie ich es gerne möchte, das geht halt wirklich nur in der Kombination.

Ich hatte ja zu Beginn unseres Interviews gesagt, dass ich finde, bei deinen Johny Cash-Sachen haben sich Stimme und Musik getroffen. Jetzt aber, wo ich dich deinen eigenen Song und das Gundermann-Cover habe singen hören, finde ich, dass dir die deutschen Sachen noch besser stehen. Gibt es für dich einen Unterschied zwischen deutsch singen und englisch singen? Warum schreibst du deutsch?

Ich schreibe deutsch und englisch. Dazu muss ich sagen, dass mich die Lieder, die ich schreibe, manchmal ein bisschen überrumpeln. Das beste Beispiel ist ein Lied, das heißt „Moments“. Ich habe es innerhalb von zwanzig Minuten auf der Autobahn im Kopf gehabt. Ich hatte das Fenster auf, es kam reingeflogen – ich bin heimgefahren und musste es nur noch aufschreiben. Es war einfach da. Und so ist das bei vielen Liedern von mir: Die sind einfach da. Vielleicht ist dann der Moment einfach reif, die Zeit da für dieses Lied, aus irgendeiner Geschichte heraus, aus irgendeiner Person heraus, aus einer Erfahrung heraus, und dann ist das da. Und dann ist es egal, ob es deutsch oder englisch ist. Das Wichtige dabei ist, dass es aus mir kommt – oder aus einem bestimmten Grund zu mir kommt. Und so ist das auch mit den deutschen Liedern: Das sind Lieder in meiner Sprache, ich kann mir vorstellen, was der Künstler damit sagen wollte. Und wenn ich mir schon nicht vorstellen kann, was der Künstler sagen wollte, oder wenn ich eine falsche Vorstellung habe, dann habe ich doch zumindest eine eigene Geschichte dazu. Und deswegen ist es vielleicht auch die Authentizität, die mir so wichtig ist, die da noch besser rüberkommt.

Die man in der Muttersprache eher finden kann …
Ja, richtig. Mein Englisch ist nicht schlecht, aber es gibt ja immer so Spitzfindigkeiten in der Sprache, die man nur als Muttersprachler hat. Und dass das im Deutschen besser rüberkommt, könnte ich mir vorstellen. Zum Beispiel bei Gundermanns „Der Narr“, das berührt ja diese Traveler-Geschichte …

Ja, durch alle drei Lieder, die du gespielt hast, zieht sich das als roter Faden: Da hatten wir erst das Verletztsein, dann das Fernweh und zuletzt dieses Unstete, was sich unter der Narrenkappe verbirgt …

Und das ist genau die Geschichte: Dass mir halt die Lieder irgendetwas sagen müssen, was mich selber betrifft – oder was aus mir spricht. Und „Der Narr“ ist wirklich eins von den Liedern Gundermanns, die mir am meisten sagen. Das ist jetzt kein gutes Gundermann-Beispiel, denn eigentlich schreibt er ja mehr über Sachen, die in seine Zeit gehören, die ihn selber irgendwo betreffen, und das ist ja so ein bisschen aus der Zeit gerissen – aber es gehört wirklich zu denen, die mir am meisten bedeuten.

Hast du diese drei Lieder extra für unser Treffen ausgesucht und motivisch aufeinander abgestimmt, oder beinhalten Lieder, die dich bewegen, generell dieses Traveler-Motiv?

Nee, nee. Ich habe sehr viele Lieder, die dieses Thema zumindest vordergründig nicht haben. Aber ich wollte heute etwas spielen, das mir viel bedeutet. Und es ist auf jeden Fall so, dass diese Lieder, die in den roten Faden reinpassen, weil der rote Faden ja aus mir kommt, dass das also die sind, die mir am meisten bedeuten. Deswegen ist es bestimmt kein Zufall.

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