26. November 2013

Eine disziplinierende Angelegenheit. Wladimir Kaminer im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 19:35

Als Autor des Romans Russendisko schrieb sich Wladimir Kaminer im Jahr 2000 in die Herzen des hiesigen Publikums und gilt mithin als der Deutschen „Lieblingsrusse“. Seitdem hat er nicht nur 19 (!) weitere Romane verfasst, sondern ist vor allem auch als DJ der gemeinsam mit Yuriy Gurzhy im Kaffee Burger veranstalteten Discothekenreihe Russendisko, bei der er moderne, (nicht nur) russische Popmusik mit folkloristischen Elementen auflegt, zur Kultfigur geworden.

Aus der Russendisko ist eine Compilation-Reihe hervorgegangen, die jüngst mit Die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer Zuwachs bekam. Klangverführer sprach mit Compilator Wladimir Kaminer über das Politische in der Kunst, den Stinkefinger der Gesellschaft und die Idee, endlich mal eine Rap-Band für ältere Menschen zu gründen.

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Fahrgast Kaminer …

Klangverführer: Das aktuelle Russendisco-Album trägt den Titel Die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer. Was haben die deutschen Taxifahrer mit dieser doch sehr Balkan-lastigen Musik zu tun?

Wladimir Kaminer: Wir haben immer nach einer Musik gesucht, die als verbindendes Element dienen kann, die im Stande ist, verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammenzubringen. Und der deutsche Taxifahrer – das ist eine Metapher, ein Bild. Ich weiß, dass überall in Deutschland sehr unterschiedliche Menschen Taxi fahren, also sehr viele Menschen aus anderen Ländern, die sich inzwischen aber besser hier in Deutschland auskennen als die Einheimischen und die, die hier aufgewachsen sind, weil sie ja Taxifahrer sind.

Die Idee dieser Platte war es, zu demonstrieren, wie Menschen aus der ganzen Welt auf Deutsch singen, denn sie machen das aus sehr unterschiedlichen Gründen. Zum Beispiel dieser Finne, Numminen, der singt auf Deutsch, weil er aus dieser Achtundsechziger Generation kommt – und in Finnland war Deutsch lange Zeit die Sprache der Linken, eben weil Karl Marx sein Kapital auf Deutsch geschrieben hat! Das war quasi die Sprache der europäischen Sozialdemokratie. Die Russen singen auf Deutsch … zumindest dieser Sänger von der Band Megapolis, das ist einer, den ich persönlich gut kenne … Ich glaube, dass er Deutsch einfach in der Schule hatte. Bei uns in der Sowjetunion wollte eigentlich niemand Deutsch lernen. In der Schule standen zwei Sprachen zur Auswahl: Englisch und Deutsch – und alle wollten Englisch. Aber irgendjemand musste auch Deutsch lernen, klar, es war ja Planwirtschaft! Deswegen hat man die Rebellen, „Hooligans“ und die schlechten Schüler zum Deutschunterricht verdonnert!

Sie sagen, dass Deutsch für die Musiker auf dem Album eine jeweils unterschiedliche Bedeutung hat – für manche ist es die Sprache der neuen Heimat, manche mussten es in der Schule lernen, für manche ist es die Sprach der sozialen Gerechtigkeit …Was verbinden Sie persönlich mit der deutschen Sprache?

Ich bin vor dreiundzwanzig Jahren aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen und habe mir aus diesem Sprachproblem ehrlich gesagt nie etwas gemacht. Das war ein Kommunikationsmittel, das war eine Notwendigkeit! Ich wollte mich verständlich machen für die anderen – das war auch für mich als Schriftsteller nie eine Frage, ob ich jetzt in meiner Muttersprache oder auf Deutsch schreiben sollte. Ich war von Anfang an an breiten Leserschichten interessiert und deswegen hab‘ ich auf Deutsch geschrieben. Außerdem ist es eigentlich auch eine sehr disziplinierende Angelegenheit, wenn man sich in einer Fremdsprache äußert.

Inwiefern?

Naja, also, man denkt mehr nach bevor man etwas sagt. Man prüft irgendwie jedes Wort und jeden Satz – also, zumindest beim Schreiben tu‘ ich das –, ob alles richtig ist, ob alles stimmt. Wenn ich zum Beispiel auf Russisch geschrieben hätte, wären meine Bücher bestimmt viel dicker!

Ich verstehe! Sie sprachen vorhin von der Metapher des deutschen Taxifahrers. Dass sich der, der von weither kommt, besser auskennt, heißt im übertragenden Sinn ja auch, dass er ein besserer Beobachter von landestypischen Marotten ist …

Und vor allem entsteht aus dieser Verschmelzung der Kulturen etwas Neues, Interessantes. Ich glaube, dass man in dieser Art von Musik die Zukunft Deutschlands erkennen kann. Das klingt jetzt vielleicht sehr pathetisch und abgehoben, aber ich sehe das bei diesen Tanzveranstaltungen in der Tat, wie die Musik Menschen hilft, zusammenzukommen. Und eigentlich ist ja jedes Land, jede Staatlichkeit auf Dauer nur dann überlebensfähig, wenn sie offen ist und wenn sie auch die Kraft hat, dieses Neue aufzunehmen. Und das geht niemals ohne Reibungen, ohne zwischenmenschliche Konflikte, und da kann die Musik eigentlich sehr gut helfen. Das sieht man zum Beispiel auch an diesem EU-Projekt, an dieser Europäischen Union, die ja unglaublich viel Kritik erntet und beinahe gescheitert ist – auf allen möglichen Ebenen, ob jetzt finanziell, politisch, wirtschaftlich … Aber kulturell hat diese Union inzwischen jetzt schon enorm viel gebracht. Die Menschen in Europa sind viel näher zueinander gerückt, haben einander besser kennengelernt, die sind keine Nachbarn mehr, sondern das ist schon eine WG, die haben inzwischen schon viel mehr voneinander erfahren!

Das ist ja jetzt schon als politische Aussage zu werten – verstehen sich die Lieblingslieder der deutschen Taxifahrer politisch, ist das eine politische Platte?

Wissen Sie, ich glaube, wir leben in einer Zeit, wo jede Aussage eine politische Aussage ist. Jedes muss sich mit Politik beschäftigen, sonst beschäftigt sich die Politik mit ihm – und die erste Variante finde ich besser. Ich habe gerade die Nachrichten gelesen über die Unruhen in der Ukraine, wo seit drei Tagen schon Hunderttausende in Kiew auf dem Platz stehen – sie fühlen sich verarscht von ihrer Regierung. Sie haben darauf gehofft, näher zu Europa zu kommen, und ihre Regierung hat ihnen jetzt den Weg in die Europäische Union versperrt. Das ist sehr interessant. Also, diese Bündnisse, diese neuen, stehen. Die Russen machen vierundzwanzig Stunden am Tag Propaganda gegen die Europäische Union, sie sagen, die Europäische Union ist am Ende. Das kann man jeden Abend in den russischen Nachrichten hören: Die Schwachen hätten die Starken kaputtgemacht, Spanier, Griechen und so weiter … Gleichzeitig aber wollen sie ihre euro-asiatischen Bündnisse stärken. Hier hört man dann das Gegenteil: Es sei alles in Ordnung mit der EU, sie wolle sich vergrößern und neue Länder aufnehmen … Sehr interessant! Und ich glaube, dass diese Art Politik wirklich jeden angeht. Das war in meiner Heimat, der Sowjetunion, anders. Damals hatte es wirklich keinen Sinn, sich mit Politik zu beschäftigen – man hatte ja überhaupt keine Einflussmöglichkeiten auf die politische Situation. Aber heute ist das sehr spannend.

Bleiben wir noch ein bisschen beim Stichwort Politik. Als ich mich auf dieses Gespräch vorbereitet habe, bin ich auf ein Interview mit Ihnen gestoßen, wo Sie sagen: Ohne Politik, ohne Verantwortung für das Leben da draußen zu übernehmen, kann Musik nicht richtig passioniert sein. Können Sie das genauer erklären?

Es gibt tatsächlich zwischen der politischen und der musikalischen Entwicklung eine Verbindung. Wir haben zum Beispiel bei der Arbeit zu unserer vorletzten Platte Ukraine Do Amerika, die nach der Orangenen Revolution entstanden ist, festgestellt, dass der Aufbruch politisch genau genommen nicht viel Neues brachte – außer einer neuen Regierung, die der alten ziemlich ähnelte –, aber kulturell, musikalisch brachte dieser damalige Widerstand unglaublich viele neue Kollektive, neue Bands hervor, die phantastische Musik machten! Klar, das war in Russland auch so: nach den Protesten vor einem Jahr sind mehrere Platten entstanden, zum Teil von Bands, die ich früher überhaupt nicht kannte. Und viele Kunstarten – zum Beispiel diese Rapmusik, die, glaube ich, erst später kommerzialisiert wurde, aber am Anfang als eine Art Stinkefinger der Gesellschaft gedacht war. Plötzlich wurde dann in Russland diese Rapmusik neu erfunden, und sie singen dermaßen enthusiastisch und tagesaktuell, dass man dann zwangsläufig anfängt, diese Verbindung zwischen Politik und Kunst überall zu suchen.

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… und Steuermann Gurzhy

Apropos Rapmusik: Sie haben auf den Liebesliedern ja zum ersten Mal auch das Mikro in die Hand genommen und zusammen mit Gurzhy auf dem Russkaja-Track „Radost“ gerappt …

Ah, ich bin nicht zufrieden mit diesem Ergebnis. Man versteht kaum, was ich eigentlich singe. Das ist alles viel zu schnell! Ich wollte schon früher eine Rap-Band für ältere Menschen organisieren, wo man langsam rappen kann und wo der Akzent mehr auf Inhalte gelegt wird. Aber vielleicht kommt’s irgendwann noch dazu!

Die Lieblingslieder sind aber nicht einfach nur eine weitere Russendisko-Compilation, sie sind auch Teil Ihres aktuellen Buches Diesseits von Eden und gehen mit Ihnen in einem moderner Cross-Promotion-Ansatz auf Lesereise …

Ja, wir haben einfach festgestellt, dass man mit dieser Musik die Menschen überall auf der Welt zum Tanzen bringen kann – auch in meinem Garten in Nordbrandenburg! Aber auch überall sonst. Wir waren jetzt im Herbst mit der Disco in vielen Ländern, in Frankreich, in Finnland … in Helsinki habe ich in einem Club namens „Dubrovnik“ aufgelegt …Dann waren in Brasilien, in Rio …Und auch dafür war die Platte gut, die hat überall funktionier!

Im Dezember gibt es dazu noch einen ganz besonderen Auftritt in Berlin – können Sie uns hierzu schon ein bisschen mehr verraten?

Am 12. Dezember treffe ich im Heimathafen mit der Band RotFront – das ist die Kombo von Yuriy Gurzhy – zusammen. Das machen wir zum ersten Mal, dass ich meine Texte zu Live-Musik vorlese, und ich bin sehr aufgeregt wegen dieses Auftritts. Ich glaube, es wird ein unvergesslicher Abend!

19. November 2013

Wieder mal die Liebe. FrauContraBass im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 12:18

Nach fünfjähriger Zusammenarbeit muss es endlich mal erwähnt werden: Wenn Musikpromoter Uwe Kerkau anruft und meint, es gäbe da etwas, das unbedingt hörenswert sei, dann hat er – meistens – recht. Im Sommer 2009 war es mal wieder so weit: Es gäbe da „ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Ensemble“, ganz reduziert, nur Bass und Gesang, das 2mit Wurzeln im Jazz das Prinzip der jamaikanischen version auf ganz eigene Art interpretierte und sich auf diese Weise quer durch das weite Universum von Soul, Jazz und Pop covere, wobei die Bearbeitung zur eigentsändigen Kusntform erhoben“ würde. Kontrabass- und vokalfixiert, wie ich bin, reichte das, mich neugierig zu machen. Ich forderte das beworbene Werk an und bekam Saal 3, ein Album, dass mich einerseits veranlasste, ganz privat den selbstbetitelten FrauContraBass-Erstling nachzukaufen, und mich andererseits mit einem der Lieder versorgte, die ich auswählen würde, wenn ich mein restliches Leben lang nur noch drei Lieder hören dürfte: Corner of the Earth. Die anderen beiden sind übrigens Feeling Good von Nina Simone und Hallelujah von Leonard Cohen.

Gut vier Jahre nach Saal 3 dann überraschen die Frau und der Kontrabass, also Sängerin Katharina Debus und Bassist Hanns Höhn, mit dem Vorhaben, ihr Drittwerk ganz dem Repertoire des Great American Songbook zu widmen. Dass das auch heutzutage noch gutgehen kann, haben wir ja gerade erst bei Kat Edmonson erlebt. Trotzdem … Sollte FrauContraBass etwa eine bloße Retro-Platte produziert haben? Hat sie nicht, denn auch die Bearbeitung der Songklassiker lässt die lieb gewonnene, Debus-Höhn’sche Herangehensweise nicht missen. Man nehme einen Song, verstehe einen Song, entkleide einen Song bis auf die Haut – und lege so sein Wesen offen. Das hat viel mit Respekt, oder, wie Hanns Höhn es im Interview ausdrückt, Ernstnehmen zu tun, eine Fähigkeit, die im Ironie-Zeitalter zunehmend in Vergessenheit gerät. Dafür nimmt man schon mal in Kauf, dass bei einem Live-Auftritt schon mal – wie jüngst im Berliner Naherholung Sternchen, wo auch die Konzertfotos entstanden sind, geschehen – die Heizung ausfällt. Ich verkneife mir an dieser Stelle alle Wortspiele zum Thema einheizen & Co. und lasse Sie stattdessen lieber Zeuge eines Gesprächs werden, in dessen Verlauf Sie erfahren können, was es mit der „Moll-Falle“ auf sich hat, warum „so ein Jazz-Studium ja eigentlich nicht wichtig“ ist und weshalb die Liebe auch hier – wieder mal – den Ton angibt.

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Klangverführer: Auf euren letzten beiden Platten habt ihr euch vor allem der Neuinterpretation von Popsongs, von Stevie Wonder und Michael Jackson über Jamiroquai und Udo Lindenberg bis hin zu Britney Spears und Alicia Keys, verschrieben. Comes Love dagegen schöpft ausschließlich aus dem Repertoire des Great American Songbook …

Hanns: Wir hatten das eigentlich auch vorher schon immer im Kopf, und dann haben wir gemerkt, dass es Songs gibt, die noch viel älter sind … Und bei der dritten CD mit Pop-Stücken von 2011 weiterzumachen, fand ich einfach nicht interessant! Also dachte ich mir, lass uns doch ein bisschen zurückgucken. Wir hatten in der Zwischenzeit auch schon ganz andere Plattenideen, die wir vielleicht in den nächsten zehn Jahren noch umsetzen werden …

Eine Stevie-Wonder-Tribute-Platte?

Hanns (lacht): Ah, zum Beispiel! Vielleicht …

Katharina (stimmt ins Gelächter mit ein): Die wird noch kommen, aber darüber sprechen wir jetzt auf gar keinen Fall, das ist ganz geheim! (lacht wieder)

Hanns: Jedenfalls, was mich bei vielen Jazz-Standards schon immer genervt hat, zum Beispiel wenn sie von den Leuten im Studium gespielt wurden, dass da der Song gar nicht als Song gesehen wird, sondern einfach nur als Hülle, worüber man improvisieren kann. Auch deswegen hat sich dieses Album für uns ganz gut angeboten.

Katharina: Es ist ja auch eigentlich etwas, dass bei der Besetzung, die wir haben, erstmal sehr nahe liegt. Kontrabass und Gesang ist ja eine klassische Jazz-Besetzung, man denke zum Beispiel nur an …

Beide, wie aus einem Mund: Sheila Jordan!

Katharina: Und das Gute liegt manchmal eben so nah – und trotzdem geht man dann erstmal andere Wege. Das haben wir jetzt jahrelang gemacht und das war auch super, aber es ist jetzt auch mal total angenehm, sich das, was sozusagen am nächsten liegt, anzugucken und zu merken, es ist trotzdem noch ganz eigen. Es klingt jetzt nicht plötzlich nach viel mehr Jazz, die Platte ist trotzdem noch unser eigener Sound! Und eben, was Hanns gerade gesagt hat, der Song an sich ist wichtig.

Kann man das Album in dem Sinne auch als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln beschreiben? Wie viele eurer persönlichen musikalischen Wurzeln liegen im Great American Songbook?

Katharina: Tatsächlich ist es so, dass Hanns natürlich Jazz-Bass studiert hat, während ich gar nicht Jazz-Gesang oder so studiert habe. Bei mir ist es eher so, dass ich mit dieser Musik aufgewachsen bin. Ich habe sie immer im Ohr gehabt und sie hat mir total viel bedeutet, ohne dass ich wusste, was das eigentlich ist. Insofern könnte ich auch sagen, es sind Wurzeln von mir, ganz andere.

Hanns: Eigentlich sogar viel tiefere Wurzeln! Ich meine, so ein Jazz-Studium ist ja eigentlich nicht wichtig. Also … für mich natürlich schon, ich habe sehr viel gelernt – aber ich habe eben auch gelernt, dass da die Stücke meistens nicht ernst genommen werden, sondern einfach nur gespielt, gedudelt, und fertig. Ich habe mit zehn schon mal in einer Jazzband gespielt und deswegen sind es Songs, die ich auch schon seit meiner Kindheit kenne, aber eben ganz anders als bei Katharina.

Katharina, du hast gerade gesagt, du bist mit den Stücken aufgewachsen – du bist ja auch ein endsiebziger Jahrgang, da lief so etwas ja nicht unbedingt im Radio, und auch die Plattensammlung der Eltern sah zu dieser Zeit meistens anders aus …

Katharina: Nee, im Radio lief das gar nicht, das stimmt. Zum Bügeln lief bei uns „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“, ich weiß nicht mal, von wem das ist! Aber es gab bei uns eben auch so ein paar Platten – ich weiß gar nicht, wer uns die mitgebracht hat –, die liefen sozusagen im „Oldie-Modus“, wobei es dann letztendlich Frank Sinatra war, oder Aretha Franklin und Ella Fitzgerald. Und obwohl ich „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ immer noch mitsingen kann – klar, so etwas brennt sich eben ein! –, habe ich bei den anderen Songs Gott sei Dank aufgehorcht und schon als Kind gesagt, geil, was ist das denn?! Es hat mich wirklich berührt.

Was genau fasziniert euch denn so an diesen Stücken, dass ihr ihnen gleich ein ganzes Album widmet?

Hanns: Es sind in erster Linie Songs, die etwas erzählen. Und das muss man einfach ernst nehmen. Wenn ich früher mit Katharina einen Song spielte, habe ich gelernt, auch schon mal zu gucken, worum es da eigentlich geht. Und bei diesen Songs ist das auch so. Zum Beispiel Love for Sale, das wird oft so Happy-Sound-mäßig gespielt, so (singt): Loooove for sale, düp-dü-düp-dü-dü, und wie schön das alles ist … Dabei ist das eigentlich ein ganz bitteres Thema! Und das finde ich total reizvoll, das mal wirklich musikalisch umzusetzen.

Es geht euch also gar nicht so sehr um die vielbeschworene Zeitlosigkeit der Songklassiker, die bei den meisten Künstlern als Argument für die eigene Interpretation herhält …

Hanns: Da haben wir eigentlich gar nicht so drüber nachgedacht, das hat keine große Rolle gespielt.

Katharina: Nee, irgendwie nicht.

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Neulich habe ich ein Interview mit dem norwegischen Musiker Thomas Dybdahl gemacht, der meinte, er gäbe ihm überhaupt keinen Kick, Jazzstandards neu zu interpretieren, das sei alles „durch“. Was glaubt ihr, warum braucht man von einem fünftausendmal gecoverten Stück noch eine fünftausendunderste Version? Oder, anders gefragt: Was gibt euch den Kick bei der Sache?

Hanns: Also, ich finde es total interessant, den Song noch einmal anders zu beleuchten, als er schon fünftausendmal beleuchtet wurde. Und auch, ihn in unserem minimalistischen Sound und, jetzt ganz persönlich gesehen, gerade auch mit Katharina zu spielen. Es geht auch gar nicht darum, die Sache jetzt neu zu erfinden, aber dadurch, dass wir es so machen wie wir es machen, ist es einfach anders, und deswegen ist es für mich sehr interessant gewesen, diese Platte aufzunehmen – und das Repertoire jetzt auch live zu spielen. Darum geht es. Wir wollen einen Song jetzt ja nicht entstellen, sondern einfach auf unsere Art spielen. Und die Reaktionen darauf sind bis jetzt auch alle positiv, bis jetzt sagen die Leute alle: toll, super!

Katharina: Geht mir genauso. Mir persönlich geht es eigentlich gar nicht so sehr darum, ob das jetzt Jazz ist, oder was es überhaupt ist, ob das nun Standards sind – klar, da gibt es sowas wie Fever, und das macht man dann eben nicht mit Gesang, gerade deswegen nicht, weil es jeder so erwartet –, sondern es geht um Songs, die wir lieben und die uns etwas geben, was wir weitergeben können. Auch bei unseren älteren Covern, dem Britney-Spears-Stück oder der Udo-Lindenberg-Nummer, die wir immer noch live spielen, sagen uns die Leute manchmal, krass, ich habe nie auf den Text gehört, aber jetzt verstehe ich, worum es geht. Und das finde ich toll, dass auch jetzt im Nachhinein, wo wir live gespielt haben, Freunde von mir, aber auch wildfremde Personen, zu mir kommen und sagen: Ich steh‘ eigentlich nicht so auf Jazz, aber jetzt find‘ ich’s grad geil! Das ist natürlich super.

Dann seid ihr quasi so eine Art Übersetzer oder Mittler zwischen den Geschmäckern bzw. Genres … Apropos Genres: Hat euch euer neues, jazziges Repertoire zum Labelwechsel bewogen? Die ersten beiden FrauContraBass-Platten sind ja bei Klangraum erschienen, Comes Love jetzt auf Contemplate, wo auch Lisa Bassenge veröffentlicht …

Katharina: Nee, das hat sich einfach so ergeben, dass wir gesagt haben, so, jetzt ist es mal Zeit für neuen, frischen Wind!

Hanns: Und wir hatten Kontakt zu Ulla und Sebastian (Binder und Studnitzky, Labeleigentümer), das hat mit der Stilistik gar nichts zu tun. Einfach mal eine neue Tür aufmachen und gucken, was sich dahinter für neue Möglichkeiten verbergen.

Stichwort neu: Neu ist bei eurem dritten Album ja nicht nur das Jazz-Repertoire und die Plattenfirma, ihr habt auch zum ersten mal die gesamte Postproduktion per Crowdfounding finanziert – und zwar erfolgreich. Die veranschlagten 8.000 Euro sind dank der Hilfe von 62 Supportern zusammengekommen. Wie seid ihr auf die Idee des Crowdfounding verfallen und welche Möglichkeiten eröffnet es den heutigen Künstlern?

Hanns: Ich habe das auch erst vor ungefähr einem Jahr kennengelernt. Es ist einfach eine tolle Möglichkeit, verschiedene Dinge unter einen Hut zu kriegen. Erst einmal natürlich, die Platte zu finanzieren – schließlich ist es ja nicht so, dass irgendwelche wichtigen Plattenbosse einfach so sagen, komm, mach mal, wir bezahlen dir alles! Auf der anderen Seite gab es ein tolles Gemeinschaftsgefühl: Man merkt, es passiert was, und die Leute freuen sich auch, mitmachen zu können. Obwohl sie ja auch bezahlen, haben sie dieses positive Gefühl. Und jeder hat was davon! Also, wir haben eine tolle Platte, und die Leute – auch. Deswegen war es eine tolle Energie, die da für uns entstand, das hat uns viel Kraft gegeben. Ich würde jedem Künstler empfehlen, das einmal zu versuchen.

Katharina: Die Zeiten haben sich einfach geändert. Man hat nicht mehr den Plattendeal bei einem Riesenlabel, das vorstreckt – und vielleicht will man das auch gar nicht mehr. Vielleicht will man gar nicht zu einem Riesenlabel hecheln und sagen, wie machen alles, was ihr wollt. Man will sich nicht verbiegen! Und durch Crowdfounding hat man die Möglichkeit zu versuchen, dass die Leute, die unsere Musik lieben, uns unterstützen. Klar ist das erstmal ein Schritt, weil man damit ja quasi sagt: Wir sind bedürftig. Davor hatte ich ein bisschen Angst. Aber als das startete, war das für uns dann sofort ein anderes Gefühl. Es war überhaupt nicht mehr, wir müssen, oder wir brauchen, sondern es war so … so … geil, ihr seid alle dabei, und das ist cool! Das war total schön.

Hanns: Und es wäre auch kein Problem gewesen, bedürftig zu klingen, denn es wird jetzt für Jazzmusiker allgemein auch nicht einfacher: Keiner kriegt Subventionen, keiner wird irgendwie staatlich unterstützt. Deswegen, selbst, wenn wir jetzt sagen würden, wir können nicht anders, wäre das auch legitim, finde ich.

Abgesehen von den monetären Zwängen gibt einem dieser Weg doch auch mehr künstlerische Freiheit, oder?

Hanns: Ja, klar, es gibt ja Labels, die einem alles vorschreiben wollen. Das geht mit dem Cover los. Da machst du einfach deine Musik, und mit einem Mal hast du da so ein komisches Bild vorne drauf, das du gar nicht haben möchtest, während unser Cover in unserem Freundeskreis entstanden ist. Und auch bei allen anderen Dingen wird einem unter Umständen mehr reingequatscht, von wegen neu mischen oder nehmt das in dem und dem Studio auf. Wir konnten alle diese Dinge selbst entscheiden.

Heißt das, dass ihr, auch wenn es nicht immer einfach ist, über die von Katharina angesprochenen geänderten Zeiten im Grunde ganz glücklich seid?

Hanns: Ja, ich meine, es macht natürlich kreativ und man bleibt flexibel. Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn jetzt Warner Brothers anrufen und sagen würde, wir haben hier dreihunderttausend Dollar, nehmt die und macht ein Album damit!

Katharina (lacht): Das kannst du auch schreiben, falls das jemand von Warner liest …

Hanns: Um auf deine Frage zurückzukommen, es war eine tolle Erfahrung. Wir wussten ja nicht, ob das überhaupt funktioniert, und es ist natürlich ein tolles Gefühl, dass wir so viele Leute dafür begeistern konnten.

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Wir haben jetzt so viel über Neues, vom Repertoire über das Label bis zur Finanzierung, geredet – lasst uns doch mal schauen, was gleich geblieben ist. Für mich ist das in erster Linie eure Herangehensweise an die Jazz-Klassiker, die der bei den Pop-Stücken der letzten Platten ähnelt. Die Songs werden bis auf die Grundfesten entkernt, um nur das Wesentliche übrig zu lassen. „Den Ursprung erfassen“, nennt ihr das auf Startnext, während Jazz thing von „sensible[n] Neuorientierungen“ spricht. Wie geht dieser Prozess der FrauContraBassisierung eigentlich vor sich, wie entsteht ein typisches FrauContraBass-Arrangement eines Songs?

Hanns: Das ist verschieden. Es gibt Stücke, die … Nein, von vorn. Erst einmal geht es um die Idee der Auswahl, also darum, dass wir einen bestimmten Song überhaupt nehmen, da gibt es ja tausende Möglichkeiten. Nach diesem ersten Schritt, der ein sehr wichtiger ist, probieren wir damit rum. Das heißt, wir spielen den Song erstmal zum Beispiel als Bossa und merken, das ist totale Scheiße, wie wir es vorher auch schon wussten (allgemeines Gelächter). Und dann geht es weiter mit einer Soundidee. Bei Windmills zum Beispiel hatte ich im Kopf, es müsste einfach klingen wie so ein Windrad …

Katharina: Wie etwas Monotones!

Ja, das leiert ja auch so …

Beide: Genau!

Hanns: Und auf der Platte ist ja da noch dieses Rascheln dabei, das wie irgendetwas Kaputtes klingt …

Katharina: Da hatten wir am Bass und an Hanns selbst Plastiktüten befestigt – das können wir aber auf der Bühne schlecht machen, weil: Sieht einfach nicht aus! (lacht)

Hanns: Und diese Soundidee entwickelt man dann weiter. Oder …

Katharina: … man beschäftigt sich, wenn man jetzt rein musikalisch nicht weiter kommt, nochmal mit dem Text und fragt sich, worum geht es denn hier eigentlich? Früher haben wir gern ein blöde Bossa-Version auf Deutsch gemacht, wobei ich quasi spontanübersetzt habe, und dann haben wir uns darüber unterhalten, worum es hier geht und was das für uns heißt – und dann sprudelt es meistens schon aus Hanns heraus!

Hanns: Genau, ich brauche immer die Idee vom Text und dann das Gefühl, was da eigentlich dahinter steckt. Love for Sale oder Windmills sind solche Beispiele, wo ich eigentlich in Bildern denke oder in Gefühlszuständen.

Das Ernstnehmen des Songs, das du vorhin angesprochen hast.

Hanns: Ja, einfach ernst nehmen!

Du hast eben auch gesagt, dass der erste Schritt im Prozess die Auswahl des Songs ist. Heißt das umgekehrt auch, dass ihr keinerlei Ambitionen habt, Eigenkompositionen zu veröffentlichen?

Katharina: Doch, das haben wir auch schon mal angefangen. Einen Song haben wir mal auf ein Gedicht geschrieben, einen anderen Song hat uns ein Freund geschrieben …

Hanns: Ja, eigene Songs haben wir schon gemacht. Aber das ist noch einmal … das ist einfach wesentlich schwieriger, da einen Weg zu finden, der so komplett ist wie das, was wir jetzt machen. Das ist ein Prozess, in dem wir wahrscheinlich immer noch drin sind und drin bleiben werden. Jetzt war es aber erst einmal an der Zeit, etwas zu machen, was greifbar ist – auch für uns. Das hatte eine tolle Energie, weil wir das Programm sehr schnell, innerhalb von einem halben Jahr, fertig gehabt hatten. Was sehr schnell ist. Und deswegen war es auch ganz gut.

Katharina: Ich glaube auch nicht, dass die Idee komplett verworfen wurde, die gibt es schon noch. Aber vor unserer aktuellen Platte haben wir so eine kleine Pause eingelegt …

Hanns: Naja, das stimmt eigentlich gar nicht! Vielleicht eine Pause vom Spielen her, aber gearbeitet haben wir wie die Tiere! An zwei Programmen.

Katharina: Ja, das stimmt – du hast recht!

Hanns: Wir haben zwei Programme ausprobiert …

Katharina: … und es war irgendwie klar, wir wollen eine neue Platte machen und wir wollen wieder spielen, spielen, spielen! Wir haben beide gespürt, dass es jetzt nicht angesagt ist, sich alle Zeit der Welt zu nehmen und zu sagen, okay, wir gehen das jetzt ganz locker an und gucken mal, was aus uns rauskommt. Das hätte wahrscheinlich viel länger gedauert!

Hanns: Und noch länger, weil wir ja schon zwei Programme in der Leitung hatten – da muss man dann auch vorankommen. Deshalb die Idee, das machen wir jetzt so – und das war auch gut so. Aber die Sache mit den Eigenkompositionen – die existiert nicht nur im Hinterkopf, die existiert auf irgendwelchen Computern, in irgendwelchen Demoversionen … Ein andermal, vielleicht.

Ich bin sehr gespannt darauf! Von eurem aktuellen Album mag ich den Titelsong Comes Love am liebsten und freu mich, dass ihr ihn vorhin gespielt habt! Natürlich frage ich mich, welche Bedeutung der Song für euch hat, dass ihr gleich das ganze Album unter dieses Motto gestellt habt?

Katharina: Es geht einfach um die Liebe (seufzt). Wieder mal. Immer wieder kommen wir darauf zurück. Wenn man sich fragt, worum geht’s denn eigentlich im Leben? Ah ja, die Liebe, bumm. Und deswegen war es einfach dieser Song, nach dem wir das Album benannt haben.

Du sagtest das gerade mit so einem Seufzer, und auch vorhin auf der Bühne meintest du, es gäbe ja nun nicht wirklich viele fröhliche Songs über die Liebe. Auch Comes Love lässt sich nicht gerade als fröhlich bezeichnen; und mit eurer Interpretation von Nature Boy, einem Stück, das 1948 vom Spiegel als „Lied mit tödlicher Wirkung“ bezeichnet wurde, klingt das Album dann auch sehr melancholisch aus und macht es passend zum VÖ-Termin zu einer typischen November-Platte. Leidet FrauContraBass zum zehnjährigen Bandjubiläum an akuten Depressionen? Warum ist diese Platte so traurig?

(allgemeines Gelächter)

Hanns: Ich sehe es gar nicht nur als traurig an, sondern eher als nachdenklich. Für mich hat das dann immer eine andere Tiefe, weil die Leute, glaube ich, dann nochmal mehr zuhören. Es öffnet ein bisschen mehr, dieses Melancholische.

Die Leute per Mollakkord zum Zuhören zwingen?

Hanns: Ein bisschen auch, aber das war auch eher Zufall. Es war nicht so, dass wir uns vorgenommen haben, wir machen jetzt Moll, damit die Leute da sitzen und zuhören …

Katharina (lacht): Die Moll-Falle!

Hanns: Es kann ja auch sehr schön sein. Ich sehe es gar nicht als traurig an, sondern ehr als tief.

Katharina: Ich persönlich hatte nach diesen Platte mit den Popsongs, die total cool sind und die wir immer noch spielen und total lieben, auch einfach Lust auf Entspannung. Auf eine totale Entspannung. Und sogar in unserer Reduktion, die wir sowieso haben, nochmal zu sagen, wir müssen niemandem nichts beweisen, sondern einfach nur das machen, was uns jetzt gerade bewegt und gefällt. Und das dann auf die Platte zu nehmen. Ich glaube, das haben wir auch geschafft. Die neue Platte ist unaufgeregter.

Hanns: Im Nachhinein ist die Saal 3 stellenweise ein bisschen zu …

Akademisch?

Hanns: Ja, so wir-zeigen-euch-jetzt-allen-was-abgeht. Aber trotzdem mag ich die auch, es war auch eine tolle Sache, da aufzunehmen … Aber die aktuelle Platte hat einfach mehr Ruhe. Und diese Reduktion finde ich auch noch ein bisschen reifer.

Aber die Reife ist ja ein natürlicher Prozess, der zwangsläufig mit der Zeit kommt und von Album zu Album weiter voranschreitet … „Abgeklärt“ ist ein blödes Wort, aber vielleicht trifft es das?

Hanns: Vielleicht. Kann sein. Ich finde es auf jeden Fall runder, auch als Gesamtidee.

Katharina: Abgeklärt trifft es für mich nicht. Aber entspannter trifft es. Und reifer. Ja, reifer!

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Lasst uns „Entspannung“ als Stichwort für meine letzte Frage nehmen. Nach zehn gemeinsamen Jahren braucht man doch sicherlich auch mal Entspannung oder Ruhe voneinander, oder? Anders gefragt, was macht ihr, wenn ihr nicht FrauContraBass seid?

Hanns: Dann sind wir ganz traurig! (Gelächter)

Katharina: Also, dass wir uns jetzt irgendwie auf die Nerven gehen würden – coolerweise ist es nicht so. Wirklich nicht. Wir sind zu zweit so hochmotiviert unterwegs, das ist großartig! Und ich erzähle immer allen, mit dem Hanns zu spielen ist total toll, und er erzählt allen, mit der Katharina zu spielen, ist total toll – und es ist wirklich großartig, dass das nach zehn Jahren noch so ist. Nicht, dass wir uns nicht streiten … (lacht) Um auf die Frage zurückzukommen: Hanns hat eine tierische Combo namens Tango Transit …

Hanns: Ein Trio mit Akkordeon, Schlagzeug und Bass.

Katharina: Total schön!

Hanns: Wir spielen sehr viel, auch jetzt wieder an Weihnachten – die Weihnachtsplatte kommt jetzt raus, da ist dann auch immer irgendwas … Aber ich glaube, FrauContraBass hat schon eine besondere Stellung für uns beide, weil es so besonders konzentriert ist. Ich meine, das sieht man ja, wenn man hier auf so einer kleinen Bühne steht, das ist sehr intim, und ich würde das wahrscheinlich auch das ganze Jahr über machen. Es gibt dann aber noch ein paar andere Projekte, ich spiele noch mit einem Kabarettisten als Sideman – solche Sachen eben, die ganz normal zum Berufsleben eines Musikers, der nicht weltberühmt ist, dazu gehören. So ist das bei mir. Und Katharina ist ja mit Slixs international unterwegs.

Katharina: Das ist diese Vokalformation, in der ich mitsinge, aus Halle an der Saale. Und das ist auch großartig …

Hanns: Tierisch ist das!

Katharina: … da kann ich mich als Sängerin einfach in so eine Gruppe einbinden. Ich bin da zwar die einzige Frau, aber trotzdem muss ich nicht immer solo singen, was auch mal total angenehm ist, sich da hineinfallen zu lassen. Aber natürlich ist es toll im Duo, das ist einfach so pur! Und man kann sich nicht verstecken. Die Angst, die man davor hat, ist aber genau das, was es dann so toll macht.

Hanns: Es wird immer neue Programme geben und vielleicht auch ein paar Experimente mit Sounds, aber im Grunde wird das mit uns immer so weitergehen.

Das heißt, ihr habt mit FrauContraBass eure Herzformation gefunden.

Beide: Ja, absolut!

Hanns: Ich glaube, das merkt man auch. Es ist nicht normal, dass man sich da hinstellt, beziehungsweise, wir denken manchmal, gerade, wenn wir vor vielen Leuten spielen, wie krass sind wir eigentlich drauf, dass wir uns jetzt hier hinstellen, quasi nackt, und den Leuten, die wir noch nicht kennen, unsere Songs vorspielen? Das Tolle dabei ist, dass wir immer für uns beide wissen, es darf alles passieren. Es kann nichts schief laufen, das heißt, es wird jetzt keiner auf einmal ohnmächtig vor Angst oder so, sondern wir stehen da und wir wollen das beide gut machen zusammen, tolle Musik machen. Das ist etwas, was auch nicht mit jedem so intensiv möglich ist.

Katharina: Es ist auch schön zu wissen, dass man zu zweit mittlerweile so eingespielt ist, dass man, selbst, wenn etwas passieren würde, gar nicht so tief unter das gegebene Niveau fallen kann. Es kann eigentlich nicht viel passieren, und selbst, wenn man selber das Gefühl hatte, oh Mann, heute war das aber nicht so toll, haben die Leute im Publikum trotzdem immer noch das Gefühl, es war ein guter Abend. Das entspannt uns auch ein bisschen vorm Konzert.

Hanns: Stimmt. Es kann nichts passieren.

Weil der andere da ist , der einen auffängt?

Hanns: Ja, klar.

Katharina: Genau. Ich weiß, wenn ich mal einen kompletten Text versemmel und nichts mehr weiß – das ist egal, weil Hanns dann eben kurz mal solo spielt. Oder er macht den Groove weiter, und ich komme dann halt irgendwann wieder rein.

Hanns: Vor Jahren ist mir mal passiert, dass ich einen Song in einer falschen Tonart angefangen habe, eine Quarte zu hoch …

Katharina (kichert): Das war die Hölle! ‚Ne Quarte höher!

Hanns: Take Me Home, der ist auf der letzten Platte drauf … Ich hab’s dann irgendwann gemerkt, aber ich wusste dann auch nicht mehr genau, wie ich da jetzt wieder rauskomme …

Klammheimlich zurückmodulieren …

Hanns: Ja, das haben wir, glaub ich, sogar so gemacht.

Katharina: Nee, wir haben das nicht gemacht. Wir haben die komplette Nummer ‚ne Quarte höher gespielt. Und eigentlich geht die so (singt in Originaltonart): Take me home …, so ganz entspannt, aber ich war die ganze Zeit so (singt höher): Take me home … haaaaaa, und dachte mir so, egal, ich bin ein Engelchen! (Gelächter)

Hanns: Also, es geht alles. Und auch Situationen, in denen es brenzlig wird, weil man im Stau stand und erst fünf Minuten vorher ankommt oder wo auf einmal ganz viele Leute sitzen – das geht alles. Oder auch, wenn nur drei Leute da sitzen. Wir haben nie ein Problem damit, wir wollen es immer gut machen.

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Comes Love ist am 1. November 2013 auf Contemplate/Edel erschienen. Klangblog-Leser können ein signiertes Exemplar gewinnen. Einfach eine Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben und auf etwas Losglück hoffen.

11. November 2013

Subtext im Märchenland: Mira Falk im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 13:56

Gerade hatte ich dem Hund in der Küche sein Futter hingestellt und mich ins Wohnzimmer verzogen, als das Telefon klingelte. Unbekannte Nummer. Ich gehe trotzdem ran. „Hallo, hier ist Mira“, tönt es aus dem Hörer, den ich vor Schreck beinahe fallen lasse. Hat sich der Hund heimlich ein Handy besorgt und ruft mich jetzt aus der Küche an, um mir mitzuteilen, dass er noch gern einen Nachschlag hätte? Mit der Einsicht „Die letzte Nacht war zwar lang, aber so lang nun auch wieder nicht“ schwindet auch der Schreck und es klärt sich, dass nicht etwa mein Mira-Hund telefonieren gelernt hat, sondern Sängerin Mira Falk anruft, um sich mir mir zum Interview zu verabreden.

Und das wird dann auch sehr schön. Entführt ihr Debütalbum Enchanting Land den Hörer in die fabelhafte Welt der Mira Falk irgendwo zwischen Kreuzberger Kindheit und der Multikulturalität Amsterdams, in der das Mira Falk Quartet zum Leben erwacht ist, fasziniert im Gespräch vor allem, wie offen und wortreich die Halb-Italienerin darüber spricht, dass es für junge Musiker nicht immer ganz so einfach ist und wie sie dem mit einer Art Nachbarschaftshilfe unter Kreativen zu begegnen weiß, warum man es sich nicht auch noch gegenseitig schwer machen sollte und weshalb sie sich selbst „nicht als totale Jazzsängerin bezeichnen“ würde, Enchanting Land aber durchaus als Jazzplatte. Viel Freude damit!

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Mira & Mira auf dem Klangverführer-Sofa

Klangverführer: Enchanting Land ist dein erstes Album. Von einem wirklichen Debüt kann man aber eigentlich gar nicht sprechen, denn das Mira Falk Quartet hat 2011 schon eine EP gemacht, richtig?

Mira Falk: Genau. Ich habe 2010 meinen Abschluss gemacht und mein Traum war immer, ein ganzes Album aufzunehmen. Ich hatte zwar schon zig Demos aufgenommen oder mal bei Freunden was eingesungen, aber dass es so wirklich meine CD ist, mein Name, meine Lieder – das hatte ich noch nicht. Nach dem Studium wollte ich mir dann aber erstmal so etwas wie einen Probelauf dafür geben und hab‘ dann eben diese EP gemacht. Ich hatte kurz vorher eine Rückzahlung von der Steuer gekriegt, was sehr schön war, und dachte, investiere ich das doch mal sinnvoll! (lacht) Bei der EP war wirklich alles handgemacht, sie wurde bei einem Studio um die Ecke aufgenommen, was zwar schon eines der besseren war, das aber trotzdem noch über diese Wohnzimmeratmosphäre verfügte, ein Studienkollege hat es gemixt, mein Freund das Artwork gemacht … Das war jetzt nicht mehr völlig auf dem Level eines Demos – immerhin haben wir die EP auch richtig verkauft –, aber es war noch viel „Try-Out“ dabei.

Für die CD wollte ich das Ganze dann etwas größer angehen. Ich habe mit der EP im Gepäck einige Labels angeschrieben, und zwei waren auch sehr interessiert, darunter auch das Label, bei dem zwei befreundete Kolleginnen, Simin Tander und Julia Oschewsky, ihre CDs rausgebracht haben. Mir war es zunächst wichtig, meine CD bei einem deutschen Label herauszubringen – nicht nur, weil ich Deutsche bin, sondern auch, weil der deutsche Markt größer ist. Zu der Zeit habe ich noch in Amsterdam gewohnt und wollte lieber von Deutschland aus in den niederländischen Musikmarkt vordringen als andersrum.

Zeitgleich kamen mir aber grundsätzliche Zweifel an der ganzen Label-Idee, weil Labels, wenn man jetzt nicht gerade bei Blue Note & Co. veröffentlicht, kein großes Budget für Promotion haben, und wenn sie in dem Monat, wo deine Platte veröffentlicht wird, auch noch fünf andere Alben veröffentlichen, kann es sehr schnell sein, dass du einfach hinten runter fällst. Dann hast du investiert – und keiner hört’s! Ich fand es dann viel zeitgemäßer, mir direkt einen Promoter zu nehmen. Also habe ich mich mit einer Promoterin bei „Initiative Musik“ beworben, und dort hieß es, sie fänden zwar die EP musikalisch super – was auch erst einmal sehr schön zu hören war! –, aber ohne Label im Hintergrund ist ihnen das, gerade bei einem Debüt, nicht stark genug. In den Niederlanden ist das anders, aber in Deutschland scheinen noch etliche Traditionen im Weg zu stehen. Ich habe den Eindruck, hier mahlen die Mühlen in der Hinsicht etwas langsamer.

Letzten Endes bin ich aber bei meiner Meinung geblieben und habe meinen Fokus mehr auf die Zusammenarbeit mit einem Promoter gelegt. Mein Label Record Jet, für welches ich mich zum Schluss entschieden habe, ist ja eigentlich hauptsächlich für die Distribution verantwortlich. Ein renommiertes Label hätte mich eventuell künstlerisch auch zu sehr eingeschränkt. So beispielsweise war es mir wichtig, mit Künstlern aus meinem Umfeld zu arbeiten. Ich wollte mit einem ganz bestimmten Fotografen arbeiten, ich wusste, von welcher Designerin meine Kleidung stammen sollte – für all dies und noch viel mehr gibt es bei Labels ja sonst Vorgaben. Ich hatte an mein Debütalbum den Anspruch, alles selbst zu bestimmen, das wäre in Zusammenarbeit mit einem größeren Label weitaus schwieriger umzusetzen gewesen. Auch das Studio wird einem oft vorgegeben – und die Bauer Studios sind natürlich super, da will jeder aufnehmen! –, aber ich hatte immer den Traum gehabt, mein erstes Album in der Fattoria Musica aufzunehmen. Und wenn man sich den Traum vom ersten eigenen Album schon erfüllt, dann muss man ihn sich auch richtig erfüllen, ist meine Meinung. Dieser Freiheitsgedanke spielt für mich eine wichtige Rolle.

Wahrscheinlich betrachtet man das Album dann auch umso mehr als wirklich eigenes, je mehr Anteil man an seiner Entstehung hat! Jetzt ist es ja geschafft. Wann und wo und wie habt ihr eigentlich als Quartett zusammengefunden?

Wir haben alle am Conservatorium van Amsterdam studiert, kannten uns also aus dem Studium. Natürlich hätte ich auch gern am JIB in meiner Heimatstadt Berlin studiert, bin dann aber über den Umweg eines kombinierten Klassik- und Popularstudiums an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock in Amsterdam gelandet. Ich will die Klassik zwar nicht missen, aber letzten Endes wollte ich Jazz studieren, wozu ich ans Conservatorium van Amsterdam gegangen bin. Letztendlich hat sich die Stadt für mich als total wundervoll herausgestellt. Ich meine, mittlerweile ist Berlin ja auch viel internationaler geworden, aber an dieser Riesenschule in Amsterdam kamen etwa drei Viertel der Leute aus der ganzen Welt! Ich bin selbst Halb-Italienerin, ich bin in Kreuzberg großgeworden – ich mag einfach diesen Mix, der gibt mir ganz viel. So setzt sich auch das Mira Falk Quartet aus einem Isländer, einem Engländer, einem in Australien großgewordenen Deutschen und mir zusammen. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, doch die Musik vereint das dann alles.

Wie sehr prägt denn dieser multikulturelle Background euren Stil?

Jetzt spiele ich live ja mit anderen Musikern, als mit denen ich die CD aufgenommen habe. Dazu will ich aber nachher noch mehr sagen. Für mich persönlich bedeutet Multikulturalität, dieser Mix, dass ich gar nicht anders leben könnte. Ob das jetzt mein Freundeskreis ist oder die Leute, mit denen ich spiele – das finde ich mit am inspirierendsten. Das mag jetzt vielleicht etwas idealistisch klingen, aber egal, wo jemand herkommt, wo er aufgewachsen ist – was zählt, ist die gemeinsame Leidenschaft, die einen vereint. Und was man dafür alles in Kauf nimmt – von schlecht bezahlten Gigs zu künstlerischen Krisen – da wird die Herkunft sehr schnell egal, denn alle müssen da durch, egal, woher sie kommen. Die zweite Hauptsprache in Amsterdam ist Englisch, was noch einmal mehr Internationalität dahin bringt.

Ich habe mal gelesen, es gibt auf der Welt hundertdreiundachtzig oder so ähnlich – halt mich da jetzt nicht an den Zahlen fest – Nationen, und hundertachtzig davon sind in Amsterdam vertreten. Und genau so ist auch das Lebensgefühl, wenn man dort ist.

Lass uns mal einen Blick auf deine Zeit vor Amsterdam und vor dem Mira Falk Quartet werfen. Du bist ja schon eine ganze Weile musikalisch unterwegs. Bei der Recherche zu diesem Interview ist mir auf YouTube eine Aufnahme von 2004 aus Rostock in die Hände gefallen, wo du gemeinsam mit einem Gitarristen Cindy Laupers Time after Time coverst. Spielt Pop für dich noch eine Rolle?

Ja, auf jeden Fall! Ob das jetzt Regina Spektor ist oder Tuneyards oder Tom Waits, den ich über alles liebe, bis hin zu den Beatles … also, total! Für mich war relativ früh klar, ich will eigene Musik schreiben, auch wenn es ewig gedauert hat, bis es endlich so weit war. Und für mich ist eigentlich alles, ob das die Klassik ist, ob das Pop ist, ob das Jazz ist, wichtig, um Musik zu schreiben. Ich liebe halt Musik einfach! Letzten Endes fand ich es am geschicktesten, Jazz zu studieren, da mir Klassik zu perspektivenlos war, es ging dann eben doch immer nur Richtung Opernbühne, und Pop war mir ein bisschen zu flach, auch wenn sich die Studiengänge da gerade auch wandeln. Jazz hat sich da am meisten angeboten, wobei ich mich nicht als totale Jazzsängerin bezeichnen würde.

Enchanting Land ist in deinen Augen aber eine Jazz-CD?

Doch, schon. Als Grundtenor auf jeden Fall. Ich liebe Jazz auch total! Ob das jetzt die ganzen alten Sängerinnen sind, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, über den Jazz-Folk von Joni Mitchell bis hin zu Becca Stevens, die liebe ich sehr, und Gretchen Parlato. Aber die Platte ist irgendwie ein Mix, Chanson ist da ja auch zu hören, den mag ich auch total gern, und die deutsche Sprache, mit der ich in vielerlei Hinsicht am Anfang Berührungsängste hatte. In meinem Live-Programm sind jetzt auch mehr deutsche Stücke dabei als auf der CD. Anfangs wusste ich nicht, ob das jetzt überhaupt geht, ob das massentauglich ist, weil wir ja auch viel international spielen, ob man das seinem Publikum zumuten kann.

Und klar ist es dann auch noch einmal ein bisschen anders, in der eigenen Sprache zu singen, man macht sich noch einmal mehr angreifbar. Auch die Kombination Jazz und Deutsch war am Anfang fraglich. Roger Cicero, der auch bei mir an der Hochschule studiert hat, macht das ja mit großem Erfolg. Zwar wäre der Stil, wie er es macht, allein von der Sprache her überhaupt nichts für mich, aber ich habe Respekt davor und er hat gezeigt, dass das geht. Und wenn man live spielt, ist es toll zu merken, dass viele Leute gerade das total gut finden. Dieses Jazz-Folk-Pop-mäßige auf Deutsch scheint relativ viele Leute anzusprechen! Ich fühle mich jetzt auch total wohl darin.

Ich liebe schreiben, ich liebe Worte. Meine Hochschule war auf Englisch, die letzten sechs Jahre habe ich eigentlich fast nur auf Englisch gelebt, auch in meiner Beziehung – ich fühle mich im Englischen zu Hause und kann mich da auch ausdrücken, aber auf Deutsch schreibe ich eben für mich selbst schon ewig, wenn auch mehr privat, und es ist sehr schön, dass ich dafür jetzt so ein gutes Feedback kriege. Dadurch fühle ich mich auch ermutigt, in diese Richtung weiterzuarbeiten.

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Du hast gerade den Aspekt „Chanson“ angesprochen – auf Enchanting Land gibt es ja auch eine Interpretation von Whatever Lola Wants im Salon-Tango-Stil, das ist das einzige Cover auf der CD. Warum gerade die Lola, welchen Bezug hast du zu dem Stück?

Wir hatten eigentlich noch ein Tom-Waits-Stück, das hat es leider nicht auf die CD geschafft, da es einfach zu schwierig war: Ich spiele da Kalimba, und mit der Intonation ist da so eine Sache, auch aus technischen Gründen, weil das sehr offen gespielt ist und kaum Nachbearbeitung zulässt. Die Lola … ich finde erstmal den Text super. Es gibt eine grandiose Version von Sarah Vaughan, die ich sehr liebe. Und mit Kristján, meinem Pianisten, der da Akkordeon gespielt hat …das hat einfach total etwas in mir angesprochen! Auch dieses Laszive … Ich habe ja sonst eher dieses Träumerische, Zarte, Sensible, aber diese Seite habe ich in jedem Fall auch in mir und kann sie bei diesem Stück mal kurz ausleben! (lacht)

Eben hast du ein Tom-Waits-Stück erwähnt; und auch deiner aktuellen Pressemitteilung kann man entnehmen, dass ihr euch gern mal an Neuarrangements seiner Stücke, aber auch der von Kurt Curbain und sogar Benjamin Britten versucht – was macht da für dich die Herausforderung aus, im Gegensatz zur Interpretation von Eigenkompositionen?

Ich würde sagen, dass ich den Großteil meines musikalischen Werdegangs der Interpretation von fremden Stücken gewidmet habe, klar, da waren im Jazz erstmal die Standards, aber natürlich auch in der Klassik, obwohl man hier strenger an Vorgaben à la „Den Bach singt man so“ gebunden ist, aber trotzdem natürlich auch seine interpretatorische Freiheit hat. Für mich ist es immer eine schöne Herausforderung, dass man so sich darin findet. Im Klassikstudium zum Beispiel hatte ich auch Schauspiel, und da hieß es immer: der Subtext. Und genau darum geht es, dass es egal ist, was man macht, wenn man seinen persönlichen Subtext darin findet. Es gibt Stücke, ob das nun ein klassisches Lied von Benjamin Britten ist oder ein eher derber Song von Tom Waits, wenn ich mich darin finde, ob in den Akkorden oder in dem Text, und meistens ist es der Text, weil ich Worte sehr wichtig finde, dann klingt da etwas in mir an, was ich dann auch erzählen will, auf meine Art. Und daraus ergibt sich dann unser Arrangement. Es ergibt sich nicht alleine nur daraus, aber sicher das ist dann der Boden dafür.

Lass uns auch über die Eigenkompositionen sprechen. Bis auf die Lola stammt Enchanting Land ja komplett deiner Feder. Erzähl mir doch ein bisschen mehr über dieses zauberhafte Mira-Falk-Land, in das du deine Hörer entführst …

Ich finde das Wort „Märchen“ total schön. Märchen kommt ja von Mär bzw. Mar oder Mahr, und das ist ein mythologischer Dämon, der sich bei den Leuten, wenn sie geschlafen haben, auf die Brust gesetzt und ihnen (sexuell aufgeladene) Träume eingegeben hat. Das hat also auch so einen kleinen moralischen Aspekt. Im Englischen gibt es ja noch das Wort „nightmare“ …

… und im Deutschen entsprechend die „Nachtmahr“, auch wenn sie leider nicht mehr ganz so gebräuchlich ist …

Ja, aber eben auch die mittels Diminutiv verkleinerten „Märchen“. Und die deutschen Märchen sind ja im Grunde oftmals auch unheimlich. Disney hat sie ja leider in diesen Superkitsch umgewandelt. Ich liebe aber diese ursprünglichen deutschen Märchen, mit denen bin ich auch aufgewachsen. Meine Mutter hat sie mir noch aus einem Buch der Urgroßmutter vorgelesen, das hatte auch unglaublich tolle Bilder! Dieses Szenario hat mich extrem geprägt, die Ofenheizungswohnung in Berlin-Kreuzberg und diese Märchenbücher, das bildet den Grund meiner Persönlichkeit.

Ich hatte lange überlegt, der CD einen deutschen Titel zu geben. Als ich mich dann doch dafür entschied, dem Album einen englischen Titel zu geben, wollte ich nichts mit „fairy tale“ machen, denn ich finde, dieses Wort ist total abgenudelt und weckt gleich Assoziationen zu Tinkerbell und dem Disneyschloss, das wollte ich auf gar keinen Fall! Denn das Album ist zwar oft sehr träumerisch und leicht, hat aber auch eine dunkle Seite. Die ist auch da. Und die brauche ich auch.

Als ich dann nach dem Pendant zu „Märchen“ suchte, kam ich irgendwann auf dieses „Enchanting Land“ – das ist jetzt nicht verzaubert, nicht „enchanted“, sondern „enchanting“. Ein bisschen wie bei Amélie …

Die fabelhafte Welt der Mira Falk!

So ungefähr! Und die ist für mich auch immer da. So träume ich mich im Alltag auch oft weg, zurück in meine Kindheit. Also, meine „kleine“ Kindheit. Als ich dann in der Schule war, wurde alles anders! (lacht) Aber diese „kleine“ Kindheit in Kreuzberg … darüber erzähle ich ja auch in My Wondrous Little House.

Dieses Verzauberte wird auch noch einmal durch das Instrumentarium, das auch Mini-Piano und Glockenspiel umfasst, verstärkt – das sind ja alles fragilere Sounds, denen man Schönheit und Süße zuschreibt. Jenseits vom klanglichen finde ich es für mich auch spannend, diese Instrumente auf der Bühne zu bedienen. Da spiele ich auch Kalimba, auch als Daumenpiano bekannt. Früher wusste ich oft nicht, was ich auf der Bühne mit meinen Händen machen soll – als Instrumentalist hat man da immer was zu tun, während man als Sängerin nur das Mikro hat. Das gibt mir rein haptisch ein anderes Gefühl auf der Bühne; und auch diese leichten Veränderungen von Lied zu Lied – also, dass man erst da und da steht und das eine Extrainstrument spielt, sich dann aber dort und dort hin begibt – finde ich spannend. Ich beweg‘ mich halt gerne.

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Wenn aber Enchanting Land so sehr um deine zauberhafte Welt, um deine Person kreist – welche Rolle kommt dann den Jungs vom Mira Falk Quartet zu?

Ja, ich fand es auch lange Zeit schwierig, ob ich das Album nur unter dem Namen Mira Falk laufen lassen soll. Jetzt läuft es unter Mira Falk Quartet; aber letztendlich sind die Texte von mir und müssen völlig „in tune“ mit mir sein. Ich komme dann in den Proben mit den Akkorden, der Melodie etc. an und das generelle Gerüst steht, aber ich brauche Jungs, also das ganze Quartett, die da auch viel von sich reinbringen, nicht nur an Improvisation, das ist im Jazz ja selbstverständlich, sondern auch beim Arrangement. Das ist mir dann auch sehr wichtig, sie zu haben und ihnen musikalisch völlig zu vertrauen.

Sind sie austauschbar im Sinne von: Hauptsache, irgendjemand kümmert sich um das Arrangement?

Also, ich hänge schon sehr an meinen Musikern, aber der Umzug von Amsterdam nach Berlin hat das jetzt leider ein bisschen erschwert. So doll bezahlt sind Jazz-Gigs jetzt ja nicht und extra Reisekosten kommen ja auch noch dazu, wenn nicht alle in einer Stadt leben, weshalb es sich dann doch mehr angeboten hat, mit Berlinern zu spielen, die auch total super sind und um die ich sehr dankbar bin, aber wenn du jetzt fragst, wie sehr ich an meinen Musikern hänge: eigentlich sehr. Ich habe mich schon mit einem sehr großen weinenden Auge von ihnen getrennt, denn ich bin eigentlich sehr loyal.

Wo wir gerade beim Stichwort Jungs sind: Auch dein Quartett setzt sich ausschließlich aus männlichen Musikern zusammen. Was glaubst du, warum nehmen Frauen im Jazz bis heute meist den Part der Sängerin ein und spielen als Musikerinnen eine prozentual vernachlässigbare Rolle?

Für mich persönlich ist erst einmal der Pianist sehr wichtig, das ist für mich der Grundstock einer Band. Bei mir an der Hochschule gab es auch viele Jazz-Pianistinnen, die kamen aber alle fast durchweg aus Korea. Und es war dann auch klar, dass die wieder zurückgehen. In der Klassik ist das ja sehr weit verbreitet, aber auch im Jazz, dass so ein Studium in Europa so eine Art Adelsschlag ist – aber dann geht man wieder zurück. Und ich wollte Leute, die zumindest in Europa sind – und jetzt merke ich, am liebsten sogar in der eigenen Stadt, weil es sonst logistisch einfach zu schwierig ist.

Generell Frauen im Jazz: Das ist eine gute Frage! Es gibt ja immer wieder Hornspielerinnen in Bigbands und auch mal Pianistinnen, aber es stimmt schon, in der Rhythmusgruppe gibt es fast nie welche! Ich weiß auch nicht genau, warum das so ist. Ich hätte auch überhaupt nichts dagegen, mit Frauen zu spielen, um das in die Richtung zu beantworten. Ich habe auch eine Zeitlang mit einer Pianistin gespielt, was dann leider persönlich nicht so gut geklappt hat, aber musikalisch fand ich das total toll!

Komischerweise habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass – da ich oft zeige, dass ich etwas sensibler bin – Frauen im Jazz doch ein bisschen tougher sind oder meinen, es sein zu müssen. Zumindest vor den Jungs. Ich empfinde es in der Zusammenarbeit als schwierig, wenn dann in so einer Probensituation der halbe Macho rausgelassen wird – sogar mehr noch als bei den Jungs. Wobei ich jetzt auch nicht mit solchen Macho-Jungs spiele, das kann ich auch überhaupt nicht, das sind dann eher so die netten Typen von nebenan, die dann mit mir auch noch einmal ein bisschen sensibler sind. Wobei: Am Ende sind ja alle schüchtern und sensibel, das ist es ja klar!

Ich kann nachvollziehen, warum Frauen im Jazz so sind, wie ich gerade beschrieben habe, aber ich bin halt überhaupt nicht so und finde das in der Zusammenarbeit dann ein bisschen anstrengend. Ich habe es mit meiner Art auch nicht immer leicht, das weiß ich auch, aber die es dann mögen, die freuen sich dann auch wirklich darüber. Und ganz ehrlich, ich möchte auch nur noch mit solchen Leuten zu tun haben. Ich mach‘ mein Ding und ich hab‘ mein Zeug zusammen, aber ich bin jetzt nicht so eine Ellenbogenperson – will ich auch nicht sein!

Zwischen Sängerinnen herrscht aber leider oft so ein Grundtenor der „Stutenbissigkeit“, einer anderen etwas nicht zu gönnen, bedingt auch durch Unsicherheit. Und das finde ich immer total schade, weil ich generell immer toll finde, wenn Frauen etwas machen. Das ist immer so ein blöder Satz, dass eine Frau sich „verwirklicht“, aber ich finde das echt wirklich toll! Und auch, wenn ich jetzt nicht so eine Toughe, Harte bin, kann ich mich verwirklichen; ich mach‘ trotzdem mein Ding und ich weiß genau, was ich will. Vielleicht brauche ich dann auch mal länger – aber das ist ja auch alles in Relation zu sehen, denn was heißt schon länger, was heißt kürzer? Letztendlich mach‘ ich’s jetzt, Punkt.

Und das ist vielleicht etwas, was ich mir gerade von Kolleginnen manchmal mehr wünschen würde: gönnen können, sich mitfreuen, sich inspirieren lassen. Dass man den positiven Aspekt dahinter sieht und nicht nur die Konkurrenz. Dass man sieht, Mann, die macht das so und so, das ist ja total cool, das probiere ich doch auch mal! Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass man mehr ein offenes Ohr hat, wenn jemand an einen herantritt – was mir immer mehr passiert und wo ich mich dann geehrt fühle. Wenn da eine Sängerin kommt, teilweise jünger, teilweise auch älter, und sagt, hey toll, wie hast du das denn gemacht?, da gibt es gar keine Frage, da erzähle ich gern, wie ich das gemacht habe. Und sage dann auch, dass ich nicht weiß, ob es richtig ist, aber ich habe es so gemacht, bei mir funktioniert es gut – vielleicht funktioniert es bei ihr auch. Dann hat man nämlich etwas, was ich auch schön finde: dieses Stärken von allen miteinander.

Denn letztendlich ist man ja nicht nur Musikerin – also, man ist natürlich Musikerin, aber dass diese ganze Musikwelt untereinander funktioniert, da hängen Journalisten drin, da hängen Promoter drin, da hängen Designer drin. Es sollte darum gehen, und das habe ich bei meiner CD auch probiert, dass man eine ganze Generation stärkt, denn letztendlich haben wir es im Kultursektor alle nicht einfach, das ist nun mal so. Man hat ja schon gegen die Tante so-und-so zu kämpfen, die immer noch nicht versteht, was genau man da jetzt macht, oder gegen irgendwelche alten Schulkameraden oder das Amt. Ich meine, man hat doch schon genug Stellen, denen gegenüber man sich rechtfertigen muss, dass man jetzt so einen komischen Job ergriffen hat – das ist jetzt so ein idealistischer Gedanke, aber da muss man es sich doch nicht auch noch gegenseitig schwer machen! Man muss ja auch jeden Morgen, an dem man aufwacht, schon ein stückweit mit sich selber kämpfen. Es ist ja auch alles gar nicht so einfach, und man braucht viel Kraft und muss viel an sich arbeiten, dass man das auch über einen längeren Zeitraum durchhält. Auch wenn ich mir vorerst gar kein anderes Leben vorstellen kann, freue ich mich, auch mal von einer Kollegin oder auch einem Kollegen natürlich ein nettes Kompliment zu hören. Die muss ja auch gar nicht alles hundert Prozent geschmacklich toll finden, aber einfach das Ding an sich respektieren.

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Enchanting Land ist am 4. Oktober 2013 auf recordJet erschienen. Klangverführer verlost unter all denen, die eine Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben, ein von Mira Falk signiertes Exemplar. Viel Glück!

6. November 2013

Die Liebe, die mir entgegengebracht wird, haut mich um! Nils Wogram im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 07:47

Am Sonntag erhielt der Ausnahme-Posaunist Nils Wogram in Berlin die höchste deutsche Auszeichnung im Jazz, den Albert-Mangelsdorff-Preis. Seitdem versinkt er in Glückwünschen, Lobeshymnen – und vermutlich auch Interviewanfragen. Umso mehr freut es mich, dass er sich die Zeit genommen hat, dem Klangverführer Rede und Antwort zu stehen!

Wogram spricht im Klangverführer-Interview über die Erwartungshaltung, die seit der Preisverleihung an ihn herangetragen wird, erklärt, weshalb er sein aktuelles Album Riomar, das mit einem Streichertrio aufwartet, nicht, wie die Kritik es gern möchte, irgendwo zwischen Neuer Musik und Avantgarde angesiedelt sieht und gibt stattdessen als Einflüsse unter anderem zwei Miles-Davis-Platten sowie Musik von Serge Ginsberg an, hätte aber auch nichts dagegen, es als zeitgenössische Fortsetzung von Charlie Parker with Strings zu betrachten. Nicht zuletzt verrät der frischgebackene Preisträger, weshalb er trotz seines eigenen Labels nWog Records ein Angebot von ECM nicht ausschlagen würde – und was es mit der Katze auf dem Riomar-Cover auf sich hat.

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Klangverführer: Herzlichen Glückwunsch, du hast am 3. November den nach Albert Mangelsdorff benannten Deutschen Jazzpreis und damit die renommierteste Anerkennung, die es im deutschen Jazz gibt, entgegengenommen. Damit schreibst du als jüngster Mangelsdorff-Preisträger aller Zeiten Geschichte. Wie fühlst du dich im Kreise der ansonsten um die siebzigjährigen Preisträger?

Nils Wogram: Es gibt Preise, die wirklich aussagekräftig sind und sich auf eine künstlerische Leistung beziehen. Der Albert-Mangelsdorff-Preis gehört dazu. Deshalb fühle ich mich sehr geehrt. Die Jury ist kompetent und spartenübergreifend besetzt. Wenn die sich einstimmig auf mich einigen können, sagt das viel aus.

Mein Ziel ist es seit jeher, zeitlose Musik zu schaffen. Dass ich jetzt in einer Reihe stehe mit Musikern, die dieses erreicht haben, ist eine tolle Auszeichnung und bestätigt mich in meinem Schaffen.

All der Lob, Respekt und die Liebe, die mir entgegengebracht wird, haut mich um. Man kommt sich fast vor wie ein Heiliger. Dieser Erwartung stand zu halten ist nicht leicht. Ich versuche, mich weitestgehend davon zu befreien und mich nicht unter Druck zu setzen.

Der Mangelsdorff-Preis macht dich zum wichtigsten deutschen Jazzmusiker dieses Jahres und wird auch viel Aufmerksamkeit auf dein Anfang Oktober veröffentlichtes Album Riomar lenken. Ich bin allerdings schon bei der diesjährigen Jazzahead! in Bremen darauf aufmerksam geworden – einfach aufgrund des ungewöhnlichen Covers, und das sage ich jetzt als bekennender Nicht-Katzenfan. Wie um alles in der Welt hat es ein Katzenbild auf das Cover eines Wogram-Albums geschafft? ?

Ja, es gab sogar eine DPA Meldung zum Preis mit dem Album und ich glaube, es ist eine meiner besten CDs. Von daher ist das gutes Timing und viel Glück dabei.

Zum Cover: Wenn man genau hinschaut, spielt die Katze mit ihren Barthaaren, wie ein Pizzicato bei einem Streichinstrument. Das Ziel dieses Albums war es, romantische, emotionale und verspielte Musik aufzunehmen. Es gibt gewisse Anspielungen an Charlie Parker with Strings. Auf dem Cover sind Vögel (= Charlie „Bird“ Parker). Ein Tiermotiv zu nehmen, was viel mit Jazzmusikern zu tun hat (= „the cats“), lag also nahe. Es hat aber nichts mit dem Charakter dieses Tieres zu tun. Wenn man den auf freiheitliebend und individualistisch beschränken kann, ist es aber gar nicht so schlecht getroffen.

Kommen wir von der Hülle zum Inhalt, der zunächst überrascht, wenn man sich deine beiden letzten Veröffentlichungen mit Root 70 vergegenwärtigt: Da hatten wir einen Ausflug in Mikro-Tonalitäten (On 52nd and 1/4 Street, 2008) und ein Blues-Album (Listen To Your Woman, 2010) – und jetzt finden wir uns irgendwo zwischen Groove-betontem Avantgarde-Jazz und Neuer Musik wieder, gekrönt von einem Streich-Trio …

Ich bin nicht der Meinung, dass dieses Album zwischen Groove-betontem Aventgarde-Jazz und Neuer Musik anzusiedeln ist. Einflüsse sind eher: Birth of the Cool, Sketches of Spain, Mendelsohn, Alban Berg, Barock und Filmmusik, zum Beispiel die von Serge Ginsberg. Es ist eine sehr harmonische, konsonante Musik mit Formen, funktionsmäßigen Akkordverbindungen und größtenteils gesanglichen Melodien mit Anspielungen auf diverse Musiktraditionen. Mit Neuer Musik und Avantgarde hat das gar nichts zu tun. Die Intro zu Vacation without Internet entspringt der zweiten Wiener Schule (Webern etc.) die auch schon hundert Jahre alt ist.

Im Gegensatz zu sogenannten Crossover-Projekten sind die Streicherparts bei Riomar aber nicht nur eine Art drüber gekippter Zuckerguss, vielmehr scheinen sie schon ein integraler kompositorischer Bestandteil zu sein. Ist es das, worum es dir geht, wenn du sagst, dass sich die Streicher auf Riomar „ein Stück weiter auf die Jazz-Seite [begeben], als das in einem solchen Projekt normal wäre“?

Mir kam es darauf an, einen Bandsound zu gestalten. Also keine Gegenüberstellung von klassischen und Jazzmusikern, sondern ein gemeinsames Ding. Die Streicher haben Stellen, an denen sie so fungieren wie in klassischer Musik, aber größtenteils spielen sie in time mit der Rhythm Section. Also keine Agogik, sondern metrische Musik. Die musikalische Sprache kommt größtenteils aus dem Jazz. Die Root 70 Band versucht nicht Stockhausen oder andere E-Musikkomponisten zu imitieren. Insofern gehen die Streicher mehr auf den Jazz zu als wir auf die Klassik. Obwohl es, siehe obige Beispiele, auch Anklänge an diese gibt.

Dem Fachmagazin für Blasmusik Clarino hast du 2011 auf die Frage „Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit/Epoche geboren worden zu sein?“ geantwortet: „Immer wenn ich Charlie Parker with Strings höre.“ Hast du dir mit Riomar jetzt deine persönliche Zeitreisemaschine geschaffen?

Es ist natürlich gefährlich, sich stark auf die Vergangenheit und auf ein bestimmtes Album zu beziehen. Man wird bestenfalls eine relativ gute Kopie der Zeit und eines Albums erreichen ‒ und selbst das ist äußerst fragwürdig.

Bei fast allen meiner Alben gibt es einen historischen Bezug und einen starken Einfluss aus der Jazztradition. Ich bin es gewohnt, bekanntes Material zu verwenden und dabei meine eigene Sprache mit einfließen zu lassen. Es ist also eher so, dass man sich erinnert fühlt, aber dann eben genau doch nicht, da viele Elemente komplett anders sind. Andere Melodieführungen, andere Formen und Akkorde.

Wenn man Riomar als eine Art zeitgenössische Variante bzw. eine Weiterführung von Charlie Parker mit Strings sieht, würde mich das freuen. Romantik, Tradition, Stimmungen und Spielfreude stehen im Vordergrund dieses Albums.

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Die Platte entführt den Hörer auf eine – internetfreie – Reise, ausgehend von Lissabon über das bluesgetränkte Riomar nach Kalifornien, macht einen Zwischenstopp bei Duke Ellington vorbeigehört, um dann eindruckserfüllt wieder zu Hause anzukommen. Welche Eindrücke, persönlich wie künstlerisch, verbindest du mit den einzelnen Stationen dieser Reise, die Jazzthetik als „ein großes Wunder“ bezeichnet?

Das Album als Reise zu begreifen, finde ich eine schöne Anspielung. Jedenfalls ging es mir darum, einen Bogen zu spannen, der abwechslungsreich und trotzdem thematisch ist. Orte spielen auf diesem Album eine große Rolle, weil ich damit tiefe und starke Stimmungen verbinde. Und darum geht es hier: den Hörer auf eine emotionale Reise mitzunehmen, auf der man viel entdecken, aber sich auch einfach treiben lassen kann.

Zu den einzelnen Stationen: Riomar liegt im Ebro-Delte in Katalonien. Ich war dort mehrmals im Urlaub. Es ist eine eindrucksvolle Landschaft mit Reisfeldern, Meer … Der große Fluss Ebro, die schwüle und langsame Stimmung ‒ alles passiert hier in Zeitlupe und ist irgendwie zeitlos, verlassen (im guten Sinne).

Lissabon ist eine große Stadt, die ebenso eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Immer, wenn ich dort bin, fühle ich die Tradition und Romantik dieses Ortes. Das habe ich versucht im Stück zu transportieren.

Das Stück Vacation without internet basiert auf einer Anzeige, die ich in einer Zeitung gesehen habe. Ich fand es erstaunlich und symptomatisch, dass man jetzt schon Geld mit internetfreien Ferien verdienen kann, in denen die Teilnehmer zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Die Frage ist: Wieso lassen sich die Menschen durch das Internet so stressen? Und: Wie muss ein Stück klingen, dass sich die Befreiung von diesen Zwängen zum Thema macht? Meiner Meinung nach fröhlich, locker und beschwingt.

Duke Ellington ist eine wichtige Person für fast alle Jazzmusiker, weil er Tradition und Moderne wie fast kein andere verbinden konnte. Außerdem ist er für mich ein Vorbild, was seine Haltung zu Gesellschaft, Menschen und Kunst angeht. Das ihm gewidmete Stück ist jedoch nicht durch seine Musik, sondern durch einen Ausspruch inspiriert in dem er erklärt, dass man sich durch mentale Isolation an jedem erdenklichen Ort zu einem neuen Stück inspirieren kann.

Riomar wurde auf nWog Records veröffentlicht, deiner eigenen Plattenfirma. Was hat dich vor drei Jahren zu dem Schritt der Labelgründung bewogen? Immerhin hattest du davor auf renommierten Labels wie beispielsweise Enja, Intuition oder Act veröffentlichen können, wofür andere Jazzmusiker töten würden … Und was hat sich mit dem eigenen Label geändert, aus künstlerischer Perspektive?

Zu ACT hatte ich nur als Mitspieler eine Beziehung, aber nie einen Plattenvertrag. Enja und Intuition waren für mich wichtige Stationen. Beide Labels haben mir sehr geholfen bei meiner musikalischen Laufbahn. Jedoch entließ Intuition, bei denen ich damals einen Optionsvertrag für weitere Alben hatte, seinen Labelmanager und speckte sein Programm radikal ab. Als ich nachfragte, wie es um meinen Vertrag stände, bekam ich zu hören: „Wir mögen deine Musik sehr und möchten weiter mit dir arbeiten, können dir jedoch nicht die bisherigen Konditionen erhalten“. Diese Konditionen waren damals schon schlecht, und es war für mich schwierig, die Produktionskosten wieder herein zu holen. Also machte ich aus der Not eine Tugend und fragte den damals entlassenen Labelmanager Andreas Schaffer, ob er für mich ein eigenes Label managen würde. Schließlich sagte er zu und wir gingen in die Planung.

Für mich hat sich dieser Schritt sehr gelohnt. Zum ersten Mal verdiene ich nun ‒ wenn auch nicht viel ‒ Geld mit meinen Alben und kann eine künstlerische Stringenz verfolgen. Ich kann den Zeitplan für eine Veröffentlichung genau planen und mit Konzerten koordinieren. Ich kann Alben aufnehmen, die mir in der Zeit künstlerisch wichtig erscheinen und zu denen ich inspiriert bin. Ich kann auf langfristige Entwicklungen meiner Bands setzten und muss keine kommerziellen Kompromisse eingehen. Ich muss mich mit niemandem absprechen beziehungsweise mich vor niemandem rechtfertigen, was ich für eine Musik aufnehme. Das ist eine große Freiheit, die ich sehr zu schätzen weiß. Dafür nehme ich gerne auch etwas mehr Arbeit in Kauf.

Ideen, die mit der Veröffentlichung zu tun haben und deren Bekanntmachung dienen, aber auf den ersten Blick nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar sind, kann ich nun einfach auf eigenes Risiko umsetzen. Es gibt also auch hier keine Bremse, was irgendwelche Investitionsvorhaben angeht. Dadurch erfahren viel mehr Leute von meinen Alben und generell meinem musikalischem Schaffen.

Ich möchte aber auch sagen, dass ich die Zusammenarbeit mit einem renommierten Label nicht grundsätzlich ausschließe. Wenn jemand mir Bedingungen bietet, die besser sind als das, was ich mit nWog records geschaffen habe, würde ich ein Angebot annehmen. Ich weiß aber, dass das sehr schwer ist zu toppen, denn das, was wir bereits haben, ist eine gut koordinierte internationale Pressearbeit, absolute künstlerische Freiheit, Zusammenarbeit mit Top Leuten im Studio und Grafikbereich. Da kann man sich eigentlich nur mit einem besseren internationalen Vertriebsweg, Renommee und guten Verbindungen verbessern. Da fällt mir spontan nur ECM ein.

Neben nWog Records und der Band Root 70 leitest du auch noch die Ensembles Nostalgia und das Nils Wogram Quartett bzw. Septett (und ich meine, sogar von einem Sextett und einem Oktett gelesen zu haben …), spielst im Simon-Nabatov- Duo, im Conny-Bauer-Duo, im Türköz-Wogram-Duo sowie mit der NDR Big Band – und da ist ja noch das Studioprojekt „Lush“ und die Lehrverpflichtung an der Musikhochschule in Luzern … Gibt es für Nils Wogram auch noch ein Leben neben der Musik?

Absolut! Wenn Musiker so wie ich all ihre Projekte auflisten würden, kämen sie oft auf eine weit höhere Anzahl. Der Unterscheid ist nur, dass ich auf langfristige Entwicklung und Kontinuität setzte. Das heißt, auch eine Band, die manchmal nur zwei bis drei Auftritte im Jahr hat, ist nicht weg von der Bildfläche, sondern kann jederzeit wieder mehr in den Fokus rücken. Im Moment gibt es auch einige Veränderungen ‒ zum Beispiel arbeiten Simon Nabatov und ich nicht mehr zusammen.

Ich versuche soviel wie möglich Rücksicht auf mein Privatleben zu nehmen, denn ich habe eine Familie mit einer Frau und drei Kindern. In der Regel bin ich vier Monate im Jahr unterwegs. Das bedeutet aber auch gleichzeitig, dass ich acht Monate im Jahr zu Hause bin und wahrscheinlich viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringe, als manche Personen, die einen „9 to 5 Job“ haben. Ich spiele auch gerne Fußball und halte mich viel wie möglich in der Natur auf.

Dann hoffe ich, dass du auch jetzt noch ausreichend Zeit dafür findest. Ganz herzlichen Dank für das Interview!

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Riomar ist am 11. Oktober 2013 auf nWog Records erschienen

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