31. Dezember 2013

Generalpause

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„Geld oder Leben!“ war der vom postkutschenausraubenden Bösewicht deklamierte Schlüsselsatz eines jeden Westerns meiner Kindheit. Die Überfallenen wollten zwar ihre Barschaft nur ungern hergeben – allein, noch mehr hingen sie an ihrer bloßen Existenz. Der Räuber machte fette Beute, nahm so manche Geisel, wilde Verfolgungsjagden begannen, der Sheriff kam ins Spiel und klar, zum Schluss erhielt der Schurke seine gerechte Strafe.

Als Kind habe ich Western geliebt. In Buchform jene von Lieselotte Welskopf-Henrich, im Fernsehen die von Karl May. Die schienen – unterdrückte Indianer hier, ausbeuterische Imperialisten da – der DDR so gut in den Kram szu passen, dass sie in gefühlter Dauerwiederholung liefen. Klar, dass ich sie mit meiner damaligen besten Freundin Corinna nachgespielt habe, wobei ich natürlich immer die schöne Indianerin gab, während die bemitleidenswerte Corinna notgedrungenerweise Old Shatterhand, die Gesamtheit der bösen Weißen und alle übrigen Indianer in Personalunion darstellen musste.

Dreißig Jahre später stellt sich die Geld-oder-Leben-Frage aus zeitlicher Perspektive, wobei Arbeitszeit den einen und Lebenszeit den anderen Pol bildet. Gerade Letztere scheint mir wahnsinnig knapp bemessen, dabei hätte ich so gern so viel mehr davon! Ich schicke den Klangblog für ein Jahr in die Ferien, um ausgiebig die vollkommen alltäglichen Dinge zu zelebrieren, am-Herd-stehen-und-kochen etwa, mit-dem-Hund-spazieren-gehen und dann und wann auch mal ein-paar-Löcher-in-die-Luft-starren – ganz zu schweigen von dem Vergnügen, rein privat ein Konzert zu besuchen und den Musikern zuhören zu dürfen, ohne sie gleich bewerten zu müssen.

Doch wie das mit Generalpausen so ist: Es gibt immer einen, der sich – sorry, liebe Hornisten – gründlich verhupt. Ab und zu werde auch ich eine Pause von der Pause machen, nämlich dann, wenn besondere Ereignisse – wie beispielsweise der Record Release von illute im März – besondere Maßnahmen erfordern. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen großartigen Start in ein aufregendes Jahr!

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Apropos illute: Die macht nicht nur lebensrettende Platten, sondern auch solch schöne Illustrationen wie diese hier. Ihnen gefällt die Illute-Illu? Der Weg dahin führt über www.illute.com

23. Dezember 2013

„Wenn schon Jazz unterm Tannenbaum …

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… dann solchen!“ Mit diesem Kommentar zu René Maries schwül dahingehauchtem Santa Baby verabschiedet sich die aktuelle Ausgabe von Victoriah’s Music auf fairaudio.de in die Weihnachtsferien. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn es gibt schon noch Jazziges zum Weihnachtsfest, das sich – auch als Last-Minute-Geschenk – gut unterm Tannenbaum (oder an der Weihnachtswäscheleine) macht.

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Allem voran zu nennen ist hier der Engelrausch des Jazz-World-Tango-Trios Tango Transit, der mich über FrauContraBass-Bassist Hanns Höhn erreichte, welcher in seinem anderen Leben eben dort die tiefen Saiten rührt. Nach einem exzessiv volkstümlichen Auftakt irgendwo zwischen der Grunewalder Holzauktion und Alpenglühen kristallisiert sich die Melodie von Kommet ihr Hirten heraus, das die CD richtungsweisend eröffnet, denn ja, die Engel rauschen hier im Gewand alpin-volkstümlicher Akkordeonklänge, kommen aber auch mal karibisch, mal piazollaesk daher. Martin Wagner an den Tasten, Andreas Neubauer am Schlagzeug und eben Hanns Höhn am Bass interpretieren traditionelles Liedgut überraschend neu, spielfreudig und energiegeladen (man höre nur mal in Morgen kommt der Weihnachtsmann rein, wen es da auf seinem Stuhl hält, der ist scheintot, mal ehrlich!), ohne es gewaltsam zu verjazzen, vom üblichen „Swingin‘ Christmas“ ganz zu schweigen. Ohnehin wäre Jazz das falsche Label für dieses Album – zumindest wäre der Engelrausch damit nur höchst ungenügend beschrieben.

Absolutes Highlight aber ist dem fröhlichen Tenor des Albums zum Trotz keine atemlose Uptempo-Nummer, sondern das hier an den Libertango erinnernde Es kommt ein Schiff geladen, das nur noch von Maria durch den Dornwald ging übertroffen wird, angesichts dessen man zunächst glauben könnte, in Piazollas Milonga del Angel hineingeraten zu sein, das dann aber einen dezent orientalischen Einschlag entwickelt und dessen letzte „Jesus und Maria“-Zeile bei Tango Transit eine derart zwingende Inbrunst entwickelt, dass man auch als Nicht-Christ auf der Stelle gläubig werden möchte. Ein absolutes Haben- und immer wieder Hören-Müssen-Album, das nur direkt bei den Musikern zu bestellen gibt.

Engelrausch-Cover

Wer auch diesjahr auf ein gerüttelt Maß Swingin‘ Christmas nicht verzichten will, ist bei Paul Carrack und der SWR Big Band gut bedient. Lief uns Letztere erst kürzlich in Form von Fola Dadas Beitrag zum Fräuleinwunder über den Weg, dürfte Carracks Stimme den meisten noch von Projekten wie Ace, Squeeze oder Mike + The Mechanics im Ohr sein. Gemeinsam sorgten Bigband und Sänger schon 2005 mit A Soulful Christmas, dessen Produktion man den Kitschfaktor nicht absprechen kann (aber das muss so!), für wohlige Gänsehaut. Swinging Christmas steht dem in nichts nach, hat aber den Vorteil der Live-Aufnahme, der jeglichen Ansatz der überproduzierten Glätte schon im Keim erstickt. Klar gibt es auch hier das volle Programm der Coca-Cola-Weihnacht, White Christmas, Santa Claus Is Coming To Town oder Jingle Bells, aber eben auch völlig un-weihnachtliche Swing-Klassiker wie das Van Morrison’sche Moondance oder den Zweiunddreißigtakter Fly Me To The Moon, an dessen Interpretation sich spätestens seit Sinatra jeder große Crooner messen lassen muss. Überrascht wird der Hörer durch Carracks Version von John Lennons Imagine, das hier beweist, wie es jenseits ungezählter Musikschulaufführungen klingen kann, klingen muss! Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Paul Carrack hat die Stimme, die es schafft, Kitsch in Kunst zu verwandeln, und die SWR Big Band ist eine Institution.

Swinging Christmas

Wer zu Weihnachten auf der Suche nach ruhigeren Edelklängen ist, könnte versucht sein, zu Valerie Sajdiks Les Nuits Blanches zu greifen. Und in der Tat lässt sich das von Samuel Devauchelle produzierte, in eleganter Schwarz-Weiß-Optik gehaltene Album mit einem betörenden Zwigesang von Sajdiks warmer Stimme und Kontrabass, zu dem sich später ein verhaltenes Piano und noch später dezentes Schlagwerk gesellen soll, hochelegant an, wozu die französischen Lyrics das ihre beitragen. Dennoch hat die Wiener Sängerin mit russischen Wurzeln alles andere als den Soundtrack zur Stillen Nacht am Kamin geliefert, denn schon Track zwei wartet mit einem ausgewachsenen Kosakenchor auf. Fortan mäandern die Weißen Nächte irgendwo zwischen Tango, Chanson und Kabarett (ein traumverlorenes Cover von Doublés Captain Of The Heart gibt es auch noch), und spätestens da, wo man den Text des quadrilingualen Albums versteht, ist klar, dass es die Stücke ganz schön in sich, nämlich faustdick hinter den Ohren haben. Die Englein schweben bei Valerie Sajdik nicht keusch umher, sondern feiern auf ihren Opiumwolken wilde Sexorgien, und die Katze – miau! – wird auch gleich noch en passant begraben. Sajdik selbst hat eine jener Stimmen, die ganz beiläufig von bitterbösen Begebenheiten erzählen können – sofort glaubt man ihr, dass sie mal eben den Nachbarn zum Frühstück verspeist, wenn er sich nicht vorsieht. Das alles macht die Nuits Blanches zu einem Album für jene, deren musikalischer Humor sich im Spannungsfeld zwischen Tiger Lillis und Cosmonautix bewegt. Lassen Sie sich nicht vom Cover täuschen! Unbedingte Anspieltipps: Métropolis, I Spy On You und Comme Ça. Ich muss hier aber wohl nicht extra erwähnen, dass ich das ganze Werk ganz großartig finde und ihm viele Hörer wünsche.

Nuits Blanches

Ihnen dagegen wünsche ich eine schöne und nicht zuletzt schön klingende Weihnachtszeit!

12. Dezember 2013

Zeit der Unschuld. Die dänische Sängerin Kira im Klangverführer-Interview

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Seitdem Rosenhändler, Pralinenproduzenten und die Hersteller von Kitschartikeln aller Couleur, ob Grußkarte oder Herzluftballon, ihn auch hierzulande für sich instrumentalisiert haben, wird er weitestgehend gehasst: der Valentinstag. Wahre Liebe, so mosert der echte Romantiker, braucht keinen verordneten Feiertag. So weit, so richtig. Trotzdem möchte ich Sie heute bitten, ihre neuerworbenen Jahresplaner für 2014 zur Hand zu nehmen und sich den vierzehnten Februar dick anzustreichen. Nein, keine Angst, es steht kein Richard-Clayderman-Konzert an – und falls doch, haben wir damit nichts zu schaffen! Vielmehr erscheint an diesem Tag die neue Platte von Kira Skov, deren letztes Album Memories of Days Gone By – eine Hommage an Billie Holiday – mich seinerzeit veranlasste zu schreiben: „Kira möchte ich in Zukunft wieder mit eigenem Material hören“, endlich auch in Deutschland.

Und auch mein damaliger Wunsch wurde erhört. Das mit Hilfe von PJ Harvey-Produzent John Parish und Nick-Cave-Tonmeister Paul Corkett ausgenommene When We Were Gentle enthält ausschließlich Eigenkompositionen, die, bei allem Respekt vor den Interpretationen der Dänin, ihre wahre musikalische Stärke ausmachen. Ich hatte die Gelegenheit, mit Kira im Vorfeld der Albenveröffentlichung, die sie als Essenz ihrer musikalischen Reise betrachtet, über Glaube, Liebe, Hoffnung, Schuld und Sühne, kurz: die ewigmenschlichen und allzeitgültigen Themen, zu sprechen.

kira skov photo by: jasper carlberg 2013

Klangverführer: Your last album Memories of Days Gone By was more or less a tribute to Billie Holiday. Your curent album sounds much more electronic and even a bit „triphoppy“ to me. Did you aim to go back to the roots, musically speaking? I have heard that it was no less a figure than English trip hop musician Tricky who originally discovered you …

Kira: It is true that I collaborated with Tricky and that he dicovered me and signed me to his label, but at this time I already had released 4 studio albums in Denmark playing rock’n’roll. I toured with Tricky as a guest in his band and performing all the vocal based tracks from his back catalog on his world tour in 2008. Since then I have released 5 albums in Denmark, the latest being When were were gentle. I think this album in many ways sums up the musical journey I have been on for the past many years. You will find shadows and references to both the Billie Holiday Jazz tribute album and my more cinematic and abstract journeys of my side project Persona, as well as a more singer/songwriter rooted tunes, related to my earlier works.

When We Were Gentle was produced by John Parish. Why did you chose him to produce the album and how did this collaboration actually come into existence?

I contacted John on Myspace in 2009 and I send him a bunch of songs over a long period of time and we communicated by mail for a while. He then produced an album for me on Iceland called Look up ahead in 2010. I found him to be a really great producer and we also became good friends. He is an outstanding musician and he has a really unique sense of sound. He also is very aware of how to concentrate an energy during a recording session and has lots of experience of the dynamics of recording and working with peoples energies. He is a very pleasant person to work with and I have endless amounts of respect for him as a musician and producer.

Another big name on When We Were Gentle is Paul Corkett, who has recorded and mixed such serious, „melancholy“ artists like The Cure or Nick Cave before. Do you think that the gloomy undertone of your album can be accredited to him?

It was John that introduced me to Paul. He is another lovely englishman and very good at what he does. I think everyone involved in the recordings of this album can be credited for having a share in the sound and atmosphere, but the gloomy undertones was already present in the demos of the songs I think.

Talking of „gloomy“ – for me, not only the music sounds quite dark, but also the lyrics seem to be very pessimistic: There are cold winds blowing and cold waters running … Is this how you experience the state of the world today?

I think there is a darkness in the songs, but for me making music is a way of creating some sort of balance in my life. I’m really quite an optimistic person, but I think I give my own personal darkness a room in the music, where it can exist without messing up my personal relations as they might have done when I was younger. It has turned out to work for me in this way.

Anyhow, there seems to be „Hope Fot Change“, which I regard as the key line in Idea Of Love. Could „gentleness“ as it is used in the album title be understood in the sense of „innocence“, as in The Age of Innocence?

Yes, the hope for change is present in the album and very much specifically in the song Idea of Llove. Gentleness could in this way be interpreted as innocence. It is also the wish to return to that moment in early love where there is no past or future. No preconceived ideas and notions. Where you a free of someone having a fixed idea of who you are and where you therefor can rest truly in the moment. That was when we were gentle and I’m trying to grasp the essence of this state.

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2. Dezember 2013

Ein Mann, ein Hut und eine Gitarre. Thomas Dybdahl entzündet das Licht

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Wenn sich ein Kreis schließt – und sei er noch so klein! -, stellt sich ein Gefühl tiefen Wohlbefindens ein. Das mag durch den Reim jetzt nach Kalenderspruch klingen, wird dadurch aber nicht weniger wahr. Kommt der Kreisschließer noch dazu in Gestalt des norwegischen Superstars Thomas Dybdahl, der hierzulande trotz aller Bemühungen meinerseits immer noch dramatisch unterschätzt wird, daher, kennt die Zufriedenheit am Ende des Tages kaum noch Grenzen.

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Es begab sich nämlich, dass ich mir nach einer Vielzahl arbeitsamer Wochen endlich mal wieder einen faulen Sonntagvormittag im Bett gönnen konnte; und wie ich da so zwischen Teetasse, leichter Lektüre und Schmusehund selig vor mich hindümpelte, wurde mir gar vorweihnachtlich zumute – immerhin schrieben wir den Ersten Advent. Da kann es schon mal passieren, dass sich von Ferne eine kleine Melodie in den Kopf schleicht, um sich dort niederzulassen und bei Kaffee und Adventsgebäck gemütlich einzurichten:

„Have yourself a merry little Christmas,
Let your heart be light
From now on,
our troubles will be out of sight

Have yourself a merry little Christmas,
Make the Yule-tide gay,
From now on,
our troubles will be miles away“,

sang es in meinem Kopf, und wie schön das da sang! Eigentlich mochte ich gar nicht aufstehen, hätte dies doch unweigerlich den Zauber gebrochen. Aber immerhin lockte – umsonst und draußen – ein Akustik-Set von Thomas Dybdahl, der auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor beim diesjährigen Lichteranzünden des Weihnachtsbaums, den Berlinern von der Königlichen Norwegischen Botschaft als „glowing symbol of Norway’s friendship“ traditionell zum Geschenk gemacht, den musikalischen Botschafter aus dem Reich der Mitternachtssonne geben sollte – im Vorjahr traf das Los, nicht minder verlockend, die Damen von Katzenjammer. Ach Norwegen, du hast schon tolle Künstler!

Also flugs aus dem Bett gesprungen und im Schlepptau des großartigen Jo_Hannes samt Familie zum Tore gewandert, dem die Massen in der Hoffnung auf Lichterglanz und norwegischen Glühwein bereits ebenso zahlreich wie freudig erregt zuströmten. Kaum angekommen, stand er auch schon auf der Bühne – Thomas Dybdahl, ein Mann, ein Hut und eine Gitarre. Rein akustisch und – abgesehen vom Schellenkranz am Fuß – ohne jegliche Effekte. Und genau hier zeigt sich (endlich wieder!) die Stärke der dybdahl’schen Lieder, die sich auf dem letzten Album hinter der aufgeblasenen Produktion versteckt hielt, denn Starproduzent hin wie her – Thomas Dybdahl braucht das alles nicht. Dem kann man eine alte, sich in der Kälte permanent verstimmende Klampfe um den Hals hängen und ihn seiner Backingband berauben – sein irgendwo zwischen Curtis Mayfield und Maxwell flackerndes Falsett strahlt umso heller. Und seine Kompositionen, derart entkernt, treffen mitten ins Herz, falls man, um die Kollegen von Max zu zitieren, eines hat.

Und genau da kommt auch das kleine Weihnachtslied wieder ins Spiel, denn Dybdahls sechs-Stücke-Set endet mit einer echten Premiere: Zum ersten Mal in seiner Karriere spielt er ein Weihnachtslied. Und welches hat er sich ausgesucht? Der Mann hat eben nicht nur göttliches Talent, sondern auch noch Geschmack.

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