11. Mai 2021

Close together from afar – jazzahead! digital

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , , , , — VSz | Klangverführer @ 13:48

Fünfzehn Jahre jazzahead!, zehn Jahre jazzahead! Festival – dieses Doppeljubiläum sollte eigentlich 2020 begangen werden, aber aus allseitig bekannten Gründen wurde nichts daraus. Diesjahr dann also digital. Hatte man sich schon längst auf der entsprechenden Plattform registriert und auf gemütliche Sofatage mit Live-Stream eingerichtet, hieß es in letzter Minute doch noch: zwanzig Journalisten können pro Produktionstag in Bremen unter Einhaltung eines strengen Hygienekonzepts live dabei sein. Am 22. April – exakt eine Woche vor Festivalbeginn also – rauschte die Einladung durch den Presseverteiler.

Eingedenk der Tatsache, dass ich zu meiner ersten jazzahead! dank genau so einer Spontanaktion gekommen war (und wir alle wissen: wer einmal dabei war, ist ab jenem Moment Teil der Familie und künftig immer dabei, da gibt es keine Ausreden – zum einen, weil man selbst Blut geleckt hat und immer wieder auf der Suche nach einer Wiederholung des allerersten Geflashtseins ist, zum anderen, weil einen die Sippe nicht mehr entkommen lässt), meldete ich mich kurzentschlossen an, nahm einen Urlaubstag im Parallelgewerbe, brachte den eigentlich ununterbringbaren Hund unter – und bin nun also hier: Good morning Bremen, my love!

Wobei es recht eigentlich Abend ist. Aufgrund unvorhersehbarer Terminkollisionen, wie es im Businessdeutsch so schön heißt, was alles und nichts bedeuten kann, in meinem Falle jedoch, dass das Parallelgewerbe mehr als einen Urlaubstag nicht gewähren konnte, fuhr ich erst am Freitagabend in die Hansestadt ein. Dabei war auch diesjahr der Donnerstag, der klassischerweise Eröffnungsreden, diversen Check-ins, ersten (Re-)Meets&Greets und der Showcase-Nacht des jeweiligen Partnerlandes vorbehalten ist, schon Produktionstag. Ich verpasse das Eröffnungskonzert von Markus Stockhausen ebenso wie das dänische Pianosextett Red Kite und drei niederländische Gruppierungen: Sun-Mi Hong Quintet, Guy Salamon Group und Rembrandt Frerichs Trio.

Auch am Freitag hat bereits Heidi Bayers „Virtual Leak“ gestreamt, bevor ich auch nur am Bahnhof bin, hat der Zug aus Hamburg doch Verspätung. Der – wie immer – vorzüglichen Pressebetreuung gelingt es jedoch, mich derart schnell mit Bändchen & Badge zu versorgen, dass ich, 17:50 Uhr am Hauptbahnhof angekommen, zu 17:55 Uhr der Livestream-Produktion des Kölner Quartetts NIAQUE beiwohnen kann. Um den tagesaktuellen Corona-Negativ-Test, ohne den niemand in die Messehallen gelangt, hatte ich mich schon am Vormittag in Berlin gekümmert.

Apropos Halle. Da wir es diesjahr mit einer Messe ohne Messe zu tun haben, wird nur eine Bühne gebraucht. Und weshalb nicht die größte und schönste nehmen, die die Messe Bremen zu bieten hat? Was sonst immer auf die Messehallen 7.1/7.2 und den Schlachthof verteilt ist, findet nun in der ÖVB-Arena statt. Das ist eine Halle für bis zu 14.000 Menschen. Wir sind zu zehnt: drei Journalisten, zwei Leute von der Messe, eine Kamerafrau, zwei Kameramänner, ein Licht- und ein Tontechniker. Plus das Quartett auf der Bühne.

Es ist spooky. Vor allem aber wahnsinnig spannend. Ich fühle mich an das Messejahr 2017 erinnert, wo mir das Presseteam den uneingeschränkten Zugang hinter die Kulissen von Festival und Messe ermöglichte, um meine Abschlussreportage „180 Minuten – Countdown zur Eröffnung der jazzahead!“ nebst Recherchedokumentation für das Deutsche Journalistenkolleg zu schreiben. Nicht weniger geisterhaft ist die Stadt selbst, der ich noch am selben Abend einen Besuch abstatte. Bremen hat, im Gegensatz zu Berlin, eine Ausgangssperre ab 21:00 Uhr verhängt, und damit die Pandemie zwar strenger, aber auch deutlich besser im Griff als die Hauptstadt. Der Marktplatz: verlassen. Wo sonst auch um diese Zeit noch Touristentrauben drängen, um sich vor den Stadtmusikanten ablichten zu lassen oder dem Esel einen Wunsch mitzugeben, herrscht gähnende Leere, und das, obgleich einzelne Klimaschützer auf dem Marktplatz protesthalber dauerkampieren. Ein paar Polizeiwannen, ein paar versprengte Aktivisten – und eine Handvoll jener, die berufsbedingt unterwegs sind. Auch wir jazzahead!-Arbeiter haben eine entsprechende Sondergenehmigung in der Tasche. Ich stehe mitten in der Stadt in der Fußgängerzone auf den Straßenbahngleisen. Kein Mensch, nirgends. Allein für dieses dystopische Erlebnis hat sich die Reise gelohnt.

Auch die Glocke, traditionsreicher Austragungsort des jährlichen jazzahead!-Galakonzertes: zu.

Wiese nicht die eine oder andere einsame Leuchtreklame auf sie hin, stolperte nicht der eine oder andere Musiker spätnächtlich zu den wenigen geöffneten Versorgungsquellen – es gäbe keinen Hinweis auf die Messe.

Obwohl am nächsten Tag der 1. Mai und somit Feiertag ist, stehen sechs Produktionen auf dem Plan. Nach dem tagesaktuellen Test in der Messe, der nach meinem Empfinden ebenfalls bedeutend strenger organisiert ist als in Berlin, erlebe ich – und entdecke für mich neu – das niederländische MAKA Kollektiv um die finnische Sängerin und Trompeterin Kirsi-Marja „Kiki“ Harju im Rahmen des European Jazz Meetings, denn seinen vertrauten Formaten ist das Festival weitestgehend treu geblieben. Es gibt neben dem erwähnten European Jazz Meeting die Canadian Concerts des Partnerlandes, die Overseas Night und die German Jazz Expo. Nicht alle davon werden in den Messehallen produziert. Heute stehen nach dem KAMA Kollektiv noch folgende Acts an: Tilo Weber Quartet „Four Fauns“, The True Harry Nulz, Nau Trio, Neferititi Quartett und Tobias Meinharts „Berlin People“. Ich konzentriere mich auf Weber und Meinhart, muss ich doch, wie so oft, extra die Hauptstadt verlassen, um den Berliner Schlagzeuger, Komponisten und Malletmuse-Labelgründer Weber sowie den Saxophonisten und Teilzeithauptstädter Meinhart zu treffen und sprechen. In Bremen ist endlich Muße dafür.

Tilo Weber hat mit seinem All-Star-Quartett Four Fauns gerade das Zweitwerk Faun Renaissance veröffentlicht, wobei sich der Titel nicht auf die Wiederkunft des Quartetts bezieht, sondern tatsächlich auf die Musik der Renaissance, die Weber hier eigenen Worten zufolge „durch den Wolf gedreht“ hat. Dabei hört man schon vom ersten Ton des Openers, der Gesualdo-Komposition „Se la mia morte brami“, dass es sich um das Album eines Schlagzeugers Handelt, denn auch, wenn Bass, Klarinette und die sich sehr ins Soundgefüge flechtende, überraschend WahWah-lose Trompete Richard Kochs über allerlei Tempiwechsel zart Kontra geben – vor allem klappert’s, rührt’s und scheppert’s hier. Erst mit der darauf folgenden Ockeghem-Komposition „O Rosa Bella“, deren Schlagwerk immer etwas enorm Rührtrommelartiges, Marschbegleitendes aufweist, wird dem Hörer bewusst, dass er es mit – bekannten und weniger bekannten – Reinterpretationen von Melodien der Renaissance zu tun hat, hätte das erste Stück doch durchaus auch als Eigenkomposition Webers durchgehen können. Schön: „Calextone, qui futdame d’Arouse“ mit seinem sekundenbruchteilkurzen Intro von gestrichenem Kontrabass, über dem Kochs – immer noch ungewohnte, weil ungedämpfte – Trompete die Fanfare gibt, bis eine gequälte Klarinette den Eindruck erweckt, hier wäre mindestens ein Synthesizer mit am Start, was aber nicht sein kann, weil die Fauns ein Akustikquartett sind. Und das hat offenkundigen Spaß an der Klangauslotung sowie der mal vollendet harmonisch parallelen, mal kunstvoll gegenläufigen Stimmführung.

Seite A der Platte endet mit dem „Canon Couperin“, von dem man annehmen könnte, dass er ins Repertoire der Alten Musik gehört, derweil er tatsächlich eine Neukomposition Webers ist, der hier das Metronomische von Barock und Renaissance, das hier vor allem vom (Walking?)Bass kommt, betont, das sich wiederum mit etwas Oh-So-Luftigem der Klarinette verbindet, zu der sich in perfekter Zweistimmigkeit die Trompete mal hinzugesellt, mal quietschend ausschert, derweil Weber besensanft begleitet, um bald schon wieder in Klappergeräuschexperimente abzudriften, sich insgesamt aber ungemein zurücknimmt, was das Ätherische der Komposition einmal mehr aufblühen lässt. Auf der digitalen Version gibt es jetzt noch „Mesomedes‘ Hymn to the Muse“, ein Jazz-Jazz-Stück – was das ist, steht hier unter der Rezension von Peter Schwebs Quintet – in Reinform, das es nicht aufs Vinyl geschafft hat.

Dessen Seite B startet mit einer weiteren Weber-Komposition: „Kyrie V“. Und als hätte er das Dystopische der leeren Stadt geahnt, ist sie ihm ein bisschen gespenstisch geraten. Da läuten Totenglocken. Nicht ohne Grund gibt es in jedem Requiem eine Kyrie. Ganz, ganz zart schließt sich eine weitere Eigenkomposition namens „Here Comes Everybody“ an, die eine Tür im Hörer zu öffnen versteht, sodass er sich ab 4:20 gern von der einmal mehr alarmistischen Fanfare zum Appell rufen lässt. „Ma fin est mon commencement“ besticht, um nicht zu sagen: erschreckt mit Störgeräuschigem, Electro-Clashigem, und wieder ist da diese Synthesizer-Anmutung, die zum munteren und dabei irgendwie auch pastoral-beschaulichen (Kreis-)Tanz ruft, der zum wilden Gypsie-Swing gerät, bis wir ganz zum Schluss dann auch die Koch’schen WahWahs sowie allerlei anderes Distortion hören. Mit der sehr getragenen, nahezu zeremoniellen „Kyrie“ aus Palestrinas „Missa Papae Marcelli“ entlässt das Album den Hörer … fast möchte ich schreiben: geheiligt. Doch wirkt sie nicht nur erhebend nach, sondern vor allem auch besänftigend, beruhigend, Ja: Ruhe gebend. Geistesruhe. Seelenruhe. Schön, das.

Ich spreche mit Tilo Weber über das Album, klar, aber auch darüber, dass das Tiefe in der Kunst nicht durch Leiden entsteht, sondern durch Hingabe, sowie über die Situation des Jazz im Lockdown. Natürlich gehört auch die Verortung des Gefühls, in die leere Riesenhalle hineinzuspielen, dazu. Zu diesem befrage ich auch den mittlerweile seit dreizehn Jahren in New York lebenden, seine Sommer aber immer in Berlin verbringenden Saxophonisten Tobias Meinhart. Der hatte 2019 mit einer Handvoll Berliner Musiker das Album „Berlin People“ aufgenommen, die Releasetour und ein paar weitere Konzerte gespielt, bevor er vom Lockdown ereilt wurde. Unter dem Motto „ECM trifft Blue Note“ unterhalten wir uns über die europäische und die amerikanische Jazz-Tradition, über Meinharts musikalische Familiengeschichte und das erhoffte baldige Ende der Pandemie.

Das sehnen alle Musiker in Bremen herbei. Manche fragen ängstlich, ob man ihnen angehört hätte, dass sie so lange nicht mehr aufgetreten wären – aber insgesamt überwiegt die Freude darüber, endlich wieder spielen zu dürfen, wenn auch vor leeren Hallen. Vor den Bildschirmen indessen haben neunhundertzwei Teilnehmer aus fünfzig Nationen sowie neunzig Aussteller aus einundvierzig Ländern an der digitalen Fachmesse teilgenommen, zu der auch die Live-Streams der Showcases gehören. Einige Wochen später wird man sie auch einem Nicht-Fachpublikum zugänglich machen. Wie es war, sich auf einer Messe, die von der persönlichen Begegnung lebt, rein digital zu tummeln, müssen indessen die Menschen vor den Bildschirmen beurteilen. Die Live-Produktion ließ wenig Zeit, mich in die bereit gestellte Plattform einzuloggen. Allerdings steht auch diese den Registrierten noch bis Ende Juli offen, sodass das Weiterspinnen des Jazznetzes auch unabhängig von den tatsächlichen Messetagen möglich ist.

9. Mai 2021

ECM trifft Blue Note oder: Über den Umweg zurück. Tobias Meinhart im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , , — VSz | Klangverführer @ 18:05

VSz: Ich find es ja ganz lustig, dass der Berliner erst nach Bremen reisen muss, um deine „Berlin People“ zu sehen …

(beide lachen)

 … wobei du ja seit mittlerweile gut zehn Jahren, glaub ich, in New York lebst …

TM: Mittlerweile sind es schon zwölf. Aber ich verbring seit den letzten sechs Jahren eigentlich den Sommer immer in Berlin. Wie New York auf Dauer einfach zu anstrengend ist.

Ich hab ja dein Lockdown-Bildertagebuch aus deinem letzten New Yorker Jahr begeistert verfolgt … Warum nennst du die Platte „Berlin People“?

Weil jetzt alle Bandmitglieder in Berlin wohnen. Das ist ein Grund. Und auch, weil ich die Platte im Sommer ein Jahr vorher in Berlin geschrieben habe, wo mich die Berliner Leute und das Berliner Leben beeinflusst hat. Das ist ein sehr großer Kontrast zu New York; und auch die Leute draußen sind anders. Also: Einmal sind die Band „Berlin People“, aber es ging auch, vor allem in dem einen Song, um die Berliner Art.

Du hast gesagt, dass du deine Sommer immer in Berlin verbringst. Ist das so eine Art zweites Zuhause?

Ja, würde ich sagen. Ich kann mir auch vorstellen, wenn mir New York einmal nicht mehr … wenn ich zu müde dazu bin, nach Berlin zu ziehen. Ich finde die beiden Städte in gewisser Hinsicht sehr ähnlich. Da ist die Kunst … Berlin ist sehr künstlerfreundlich, was New York schon teilweise nicht mehr ist, weil es zu kommerziell geworden ist, aber ich finde, dass einen, zumindest anders als in Bayern, wo ich aufgewachsen bin, niemand komisch anschaut, wenn man jetzt keinen Nine-to-Five-Job hat oder wenn man ein bisschen etwas anderes macht.

Man sagt ja, Berlin ist so wie New York vor zehn Jahren.

Ja, oder zwanzig Jahren.

Zwanzig sogar!

Vielleicht so wie in den Neunzigern. Ja. Aber Berlin war auch vor zehn Jahren noch anders …

… als es heute ist, ja. Die Platte, „Berlin People“, vereint ja deine deutschen Wurzeln einerseits, und die US-Tradition, andererseits. Kann man sagen: ECM trifft auf Hot Jazz?

ECM trifft Blue Note. (beide lachen) Darauf bin ich ja noch gar nicht gekommen, ich werde das ausleihen! Nee klar, man kann das auf jeden Fall sagen. Ich bin mit der Musik von meinem Großvater aufgewachsen, dem auch diese spezielle Platte gewidmet ist, der hat viel amerikanischen Jazz gespielt, er hat auch mit Amerikanern gespielt in amerikanischen Clubs. Als die Amerikaner Besatzungsmacht waren und Musiker brauchten. Das war auch für ihn ein Weg, wieder Arbeit nach dem Krieg zu haben. Da hat er ganz viel gespielt und dabei den Jazz gelernt. Ab dann hat er eigentlich immer weiter Jazz gespielt und mich auch zu Bigband-Konzerten mitgenommen, und von demher war ich eigentlich erstmal von dieser amerikanischen Seite beeinflusst und wollte Swing lernen und Standards lernen und Standards spielen. Von daher war es mir auch wichtig, irgendwann in das Land zu gehen, wo das her ist; und erst dann hat es sich so ein bisschen entwickelt, dass ich dachte, hey, ich bin jetzt nicht in Harlem großgeworden, ich habe europäische, deutsche Wurzeln, und bayerische Wurzeln, und dann hat sich das so ein bisschen geöffnet. Ich bin also über den Umweg zurückgekommen.

Wenn du sagst, schon dein Großvater hat Jazz gespielt – bist du aus einer Musikerfamilie?

Nein, dann gab es ein Gap. Er war Musiker, aber dann meine Eltern, die sind im medizinischen Bereich tätig. Meine Mama hat zwar Querflöte studiert, aber nach einem Jahr … die Nachkriegsgeneration war da, glaube ich, so ein bisschen vorsichtig, um das dann komplett zu machen.

Verstehe. Wir haben ja gerade über das Album gesprochen. Deine damaligen Mitmusiker waren Kurt Rosenwinkel, Ludwig Hornung, Tom Berkmann, Mathias Ruppnig – ist diese Besetzung auch heute mit am Start?

Ja, genau. Bis auf Kurt. Aber sonst genau die Besetzung, die sind alle genauso dabei. Ich hab mich gerade gefragt, ob es unter ihnen wirklich einen Original-Berliner gibt, aber die sind auch alle aus anderen Städten oder Ländern nach Berlin gekommen.

Spielt jemand anders für Kurt die Gitarre oder spielt ihr im Quartett?

Wir spielen im Quartett. Auf dem Album sind ja auch zur Hälfte Quartettstücke ohne Gitarre drauf.

Im März 2020 sollte es ja eine Berlin-People-Tour durch ein paar der schönsten Clubs Deutschlands geben – was ist eigentlich daraus geworden? Konntet ihr die Konzerte noch spielen?

Nee, eine Woche vor Abflug … Also, wir hatten ein Jahr vorher, im März 2019, zum Release eine ähnliche Tour. Die wollten wir dann 2020 wiederholen. Aber eine Woche vorher hat dann New York die Grenzen dichtgemacht. Wir hatten schon alle Flüge gebucht, alle Hotels gebucht, das war schon … das war schon ein bisschen hart. Und das Lustige ist, die Nachholtour war jetzt für den März 2021 geplant, und die ist auch wieder abgesagt worden.

Das heißt, heute Abend hören wir das erste „Berlin People“-Konzert seit der Release-Tour? Oder gab es inzwischen noch welche?

Nee, wir haben schon ein bisschen gespielt, auch noch in Berlin, wo ich den Sommer vor Corona war, im Donau und im Zig Zag …

Klar, 2019, zum Release. Aber 2020 war dann zu, oder?

2020 war zu, ja. Aber wir haben im März 2019 die Release-Tour gespielt, und dann, im Sommer 2019, haben wir noch ein bisschen weitergespielt.

Aber seit dem Lockdown …

… nicht mehr.

Stichwort Lockdown und Konzerte. Die Jazzahead findet jetzt digital statt, es gibt drei Journalisten, die Kamerafrau, Ton, Bild, zwei, drei Leute von der Messe … und sonst eigentlich niemanden. Hast du den Soundcheck schon hinter dir?

Nee, der steht jetzt gleich an.

Dann kann ich nicht fragen, wie sich das anfühlt, da oben. Aber was glaubst du, wie wird es sich anfühlen? Das ist eine Hallo für 14.000 Leute!

Ich stell mir einfach vor, da sind 14.000 Leute! (lacht) Ich hoffe, irgendwann mal wirklich vor 14.000 zu spielen! (lacht nochmal) Aber im Ernst: Das ist natürlich schwierig. Andererseits überwiegt die Freude, jetzt nach … gut, in New York gab es zwischenzeitlich wieder Konzerte, aber es ist mein erstes Konzert 2021. Die Freude, jetzt wieder spielen zu können, überwiegt einfach. Das ist ein Privileg. Im Moment gibt es ja seit November einfach mal gar nichts. Und da ist es dann egal, ob das vor drei Leuten ist oder vor vielen.

Hast du Streamingkonzerte gespielt?

Ja, in New York, im Small’s, die das streamen, aber da war auch immer teilweise Publilkum. Nur Streaming war eigentlich nie. Es war immer ein bisschen Publikum zugelassen.

Ich frag mich einfach die ganze Zeit, wie sich das auf der Bühne anfühlt. In die Kamera, vor allem aber in den leeren Raum zu spielen.

Ja, ich glaube, das ist extrem schwierig. Vielleicht gerade auch bei Jazz, wo sonst immer wieder mal ein Applaus dazwischen kommt und wo man auch vom Publikum mit gepusht wird. Es ist, glaube ich schon, nicht ganz so einfach. Aber hoffentlich ist das ja auch bald vorbei!

Dein Wunsch in Gottes Gehörgang! Vielen Dank für das Gespräch.

„Die Musik berührt mich einfach.“ Tilo Weber im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , , — VSz | Klangverführer @ 17:55

VSz: Dein letztes Quartettalbum hieß „Four Fauns“ …

TW: Ja.

… das aktuelle „Faun Renaissance“. Warum der Faun, was fasziniert dich am Wesen des Waldgeistes?

Das wurde ich schon einmal gefragt – und auch da bin ich in die Bredouille gekommen, das erklären zu müssen. Die bittere Wahrheit ist die, dass ich durch Oliver Potratz, dem Bassisten von Clara (Haberkamp, Anmerkung v. VSz), auf Arno Schmidt aufmerksam geworden bin. Schon vor ein paar Jahren. Oli hat mir die Bücher von ihm gezeigt, die haben mich sofort total infiziert. Und da gibt es diese Geschichte „Aus dem Leben eines Fauns“, wo er so ein bisschen autobiografisch – also, es ist ja fast alles so ein bisschen autobiografisch bei ihm – schreibt von diesem Herren, der irgendwie ausbrechen will. Aus den Konventionen. Aus der Gesellschaft. Aus diesem Kriegsdeutschland, natürlich auch. Und dann so klischeemäßig auch im Wald eine Hütte hat und sozusagen der Faun ist. Und für diese Musik, dachte ich, passt das Bild von diesem Wesen, das so ein bisschen außerhalb steht, ganz gut. Weil es vier Personen sind, die Musik machen und auf der einen Seite natürlich einen Bandsound generieren, der schön zusammenklingt, aber auch jeder oder jede für sich steht. Wie ein Faun, eigentlich. Und dann dachte ich, warum nicht Four Fauns?

Wo du es gerade ansprichst, jeder steht für sich … Jeder hat auch für sich eine recht lange Diskografie! Sind die Four Fauns eine Art All-Star-Quartett?

Für mich ist das ein All-Star-Quartett, absolut! Also, heute ist ja auch Almut mit dabei, Almut Kühne am Gesang, und nicht Claudio Puntin, der leider nicht da sein kann.

Ist Richard Koch heute dabei?

Richard ist dabei, ja.

Ich kenne ihn sehr gut von seinen anderen Projekten, und war ganz überrascht, dass sein typischer Signature-WahWah-Sound nur ganz zum Schluss auf dieser einen Swing-Nummer auftaucht und er sonst auf deiner Platte völlig anders klingt, als er sonst klingt.

Ja, genau! Ich habe, glaube ich, Richard am meisten bearbeitet. Was heißt bearbeitet. Ich glaube, ich habe Richard mit der Musik am meisten aus seiner Komfortzone rausgelockt. Claudio hat ja einen klassischen Background; und auch James (Banner, Anmerkung v. VSz) hat sich damit auseinandergesetzt. Wobei man sagen muss, dass Richard aus einem Elternhaus kommt, wo Alte Musik gespielt wurde. Der ist also durchaus damit sozialisiert. Sein Vater ist da auch Experte. Der kam mal nach einem Konzert zu mir und meinte, das hast du jetzt aber falsch angesagt. Ich habe … ich weiß gar nicht, irgendwie habe ich einen Komponisten in eine Epoche gesteckt, bei der Ansage, die nicht korrekt war. Das kann man nicht sagen, meinte er, Machaut – das ist Mittelalter, da kannst du nicht sagen, das ist Renaissancemusik. Oder irgend so etwas.

Und der Klarinettist, der hat einen echt klassischen Background?

Ja.

Und der Bassist?

James nicht, aber James ist jemand, der auf jeden Fall einen soundästhetischen Background hat. Und den Background, dass er auch Komponist ist. Also, er hat sich einfach mit viel Musik auseinandergesetzt – und wenn man das macht, dann macht man das ganz automatisch auch mit klassischer Musik. Ich hab mal ein Stück mitgebracht, wo ich meinte, es wäre schön, das im Duo zu spielen, dann meinte er, ah okay, er checkt das aus, und dann hat er die stilechten Basstöne durchgängig ausgecheckt – und das war schon cool.

Wir haben die klassische Musik gerade schon angesprochen. Weil: Faun Renaissance ist ja nicht nur im Sinne von Nachfolgealbum des ersten Fauns-Albums zu verstehen …

Ah, okay! Ja …

… sondern es handelt sich tatsächlich um Neuinterpretationen von Melodien der Renaissance. Warum gerade diese Epoche?

Diese Epoche ist ja eine sehr, sehr große Epoche. Wir haben Stücke von Machaut und Solage, das ist noch Mittelalter, dann haben wir Palestrina und Gesualdo und Ockeghem, das ist, insgesamt betrachtet, eine sehr lange Zeitspanne. An dieser Musik fasziniert mich, dass da eine Essenz drin ist, die immer noch wahnsinnig aktuell ist. Also, ich finde, die Musik ist tiefgründig und hat einfach eine sehr starke Stimmung. Die Musik berührt mich einfach.

Und es ist ja nun alles andere als so eine Klassik-meets-Jazz-Platte …

Nee, auf keinen Fall!

Die Sachen sind ja jetzt nicht „verjazzt“ – was ohnehin ein Wort ist, das ich hasse! –, sondern es entsteht etwas total Neues, das sich, wie ich finde, auch so ein bisschen der herkömmlichen Begrifflichkeit entzieht. Ich selbst suche noch nach Worten dafür. Wie würdest du’s denn beschreiben, wenn du denn gezwungen wärst?

Wenn ich gezwungen wäre. Das ist die Frage, die jeder hasst.

Ich weiß. Ist ja auch unser Job, nicht eurer.

Ja.

Aber dennoch!

Ich … Ich … ja. Es ist … puh! Vielleicht kommt man dem mit „kammermusikalischem Jazz“ am nächsten. Zumindest steht das so auf dem Rider. Ich glaube, das stärkste Charakteristikum ist einfach der Sound. Und in dem Sound hört man natürlich ganz klar Jazz. Ich glaube, ein klassischer Musiker oder ein Popmusiker, die würden sagen, das ist Jazz, das ist doch vollkommen klar. Aber trotzdem würde man beim zweiten Hinhören merken, dass wir eine andere Ästhetik verfolgen als so eine normale Jazzästhetik. Wobei … Was ist schon so eine „normale Jazzästhetik“?

Es gibt ja dieses Stück, „Mesomedes’Hymn to the Muse“, das ist für mich so ein klassisches Jazz-Jazz-Stück, wenn ab 1:45 der Bass übernimmt und dann die ganze Band dazukommt, besonders dann ab Minute drei. Wo du wirklich die Ästhetik hast, die jeder gemeinhin als Jazz bezeichnen würde.

Dieses Swingmäßige darauf?

Hm, ein Dark Swing vielleicht … Aber eigentlich schwingt für mich „Ma fin est mon commencement“ am meisten. Wenn es die Störgeräusche hinter sich gelassen hat.

Interessant! Ja, dann gilt das so! (beide lachen)

Wir haben uns jetzt auf „kammermusikalischen Jazz“ geeinigt?

Ja. Und „Ma fin est mon commencement“ mit diesen Geräuschen am Anfang …

… ja, das hat sowas von Electro Clash …

Ja, genau!

… und du denkst zunächst, dass da ein Synthesizer dabei ist, was ja nicht stimmt, weil es ein akustisches Quartett ist … Ich weiß gar nicht, von wem das Distortion kommt!

Das ist ein kleines Megaphon.

Und wer spielt das?

Claudio, die Klarinette. Aber stimmt, es ist da nicht konsequent. Es ist da nicht akustisch, sondern ist ein kleines elektronisches Intermezzo.

Und dann wird das so ein Tanz, ein munterer, pastoraler Tanz, und der gerät dann zum Swing – wirklich ganz klassischer Gypsie-Swing!

Okay! So gesehen, ja.

Und dann zum Schluss haben wir die Koch’schen WahWahs und wieder viel Distortion.

Genau, ja. Das ganze Stück ist auf jeden Fall eine Reise. Das ist Machaut – das ist eigentlich Mittelalter, ganz klar Alte Musik, und ich hab das einmal durch den Wolf gedreht. Ich habe bis jetzt noch keine Rückmeldung von Klassikern, ob die das gräuselig finden oder interessant, wenn man die Musik so arrangiert.

Ich finde, du merkst erst ab dem zweiten Stück, dass es barocke – oder renaissancistische, weil ja dieser Takt, dieses Metronom da immer mitläuft – Originale sind. Beim ersten kannst du noch denken, es ist eine Eigenkomposition.

Das erste ist keine, das ist tatsächlich das Gesualdo-Stück „Se la mia morte brami“. Aber das hab ich auch so verändert, dass es eigentlich nicht mehr erkennbar ist.

Du hast vorhin gesagt, dass heute der Klarinettist nicht dabei ist – stattdessen Almut Kühne als Sängerin. Kommt ein anderes Blasinstrument dazu oder bleibt es beim Quartett, nur eben mit Stimme, Trompete, Schlagzeug und Bass?

Ja, ganz genau. Auch die gleichen Stücke.

Sie übernimmt quasi den Part des einen Blasinstruments, kann man das so sagen?

Ja, auf der einen Seite übernimmt sie den Part, auf der anderen Seite ist das eine neue Band. Also, als klar war, Claudio kann nicht dabei sein, hab ich kurz überlegt, ob ich jemanden frage, der auch Klarinette spielt, und hab gemerkt … Um auszuholen: In der ersten Band war Hayden Chisholm am Altsaxophon. Und Hayden hat einen ganz, ganz tollen Saxophonsound, das ist für mich *der* Altsaxophonist, eigentlich. Wenn ich an Altsaxophon denke, dann denk ich an Hayden. Und so war’s bei Claudio auch. Wenn ich an Klarinette denke, dann denke ich an Claudios Sound. Und deswegen war ich total happy, dass Claudio mit dabei war, mit dabei ist. Genau. Und deswegen hab ich jetzt nicht einfach einen Sub geholt, der auch Klarinette spielt – es gibt ja auch andere Klarinettisten! –, sondern ich wollte dieses Konzept weiterführen. Ich hab mir gedacht, mit Almut ist es einfach eine neue Band, es ist ein neuer Sound, der ist ähnlich wie der alte Sound, aber … Ich wollte sie immer schon irgendwie in die Band integrieren. Gern, dass wir dann zu fünft sind. Jetzt sind wir wieder zu viert, das passt auch super.

Ich habe Almut vor ein paar Jahren hier auf der jazzahead! im Duo mit Gebhard Ullmann gehört, und das geht ja gern auch mal in eine sehr fordernde Richtung. Wird auch euer Sound dadurch … fordernder?

Würde ich nicht sagen. Nee. Ich empfinde das nicht so. Sie kann ja auch einen sehr klassischen Sound haben, sie singt ja auch in Chören … Ich habe sie eigentlich, interessanterweise, meistens in klassischen Settings gehört. Bei dem Duo mit Ullmann, da geht es um Sounds, um freie Impro – das find ich auch spannend; in unserer Band macht sie das aber nicht. Das klingt ganz natürlich. Es geht darum, diese Linien zu singen, und – das klingt jetzt so trocken, aber – sie hat auf jeden Fall den Background dazu und macht das ohnehin auch in Chören, und genau diesen Sound wollte ich in der Band haben.

Wie ist das eigentlich … Ich war gestern bei dem letzten Konzert dabei, in einer Halle, die für 14.000 Leute ausgelegt ist … Es waren drei Journalisten im Publikum, drei von der Messe, eine Kamerafrau, ein Kameramann, Licht und Ton – fertig. Hattest du schon Soundcheck?

Wir hatten schon Soundcheck, ja.

Wie fühlt sich das an? Wie wird sich das anfühlen?

Also … Ich war überrascht, wie gut es sich tatsächlich anfühlt. Weil das Team sehr eingespielt ist, alle sind supernett, und der Bühnensound war gut – wir haben von vornherein gesagt, wir wollen möglichst ohne Monitor spielen …

Saalsound ist auch sehr gut!

Ja, Saalsound ist auch gut, das ist immer so schwer einzuschätzen von der Bühne aus, aber … Ja, klar. Ich mein, dass das komisch ist, in einer Riesenhalle vor keinem Publikum zu spielen, das ist klar. Das ist total komisch. Man ist ja jetzt erschreckenderweise schon ein bisschen daran gewöhnt.

Es ist nicht dein erstes Mal, dass du in einen leeren Saal hineinspielst.

Nee. Also, ich glaube, wir alle sind natürlich schon so ein bisschen müde, dass es jetzt immer noch so ist, aber es ist einfach nicht … Wir können’s nicht erzwingen. Wir können weiter das machen, was wir tun, das ist in unserem Fall eben Musik machen. Vielleicht berührt es ja die Entscheiderinnen, die Entscheider da oben irgendwie oder sie merken selbst, dass es durchaus eine Notwendigkeit hat.

Hast du perspektivische Szenarien, Vorschläge, wie das …

… politischer Art?

Ja.

Ich habe ja am Mittwoch schon ein Interview gegeben für 3Sat und Arte, das gestern ausgestrahlt wurde. Und auch da habe ich gesagt: Es ist immer wahnsinnig schwierig, etwas dazu zu sagen. Ich glaube, was nicht gut ist, aber gern mal gemacht wird, ist, die Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker in so eine Ecke zu drücken: die armen Schlucker, die eh nichts haben. Und diese ganzen Klischees zu bedienen. Das Leben steht eh Kopf, da passt der Jazz wunderbar rein. Aber ich persönlich möchte das auf jeden Fall nicht haben. Es geht mir nicht darum, kommerzielle Musik zu machen oder irgendwie den Jazz zu verleugnen, auf gar keinen Fall, aber ich möchte nicht diese komischen Klischees bedienen. Dass wir arm dran sind und dass wir leiden müssen …

… um Kunst machen zu können?

Um Kunst machen zu können. Ich glaube, diese Tiefgründigkeit, die Tiefe in der Musik, die kommt durch andere Dinge. Die kommt durch Hingabe, durch Arbeiten mit dem Material, dass man richtig darin wühlt und richtig daran arbeitet. Und das muss reichen. Deswegen habe ich schon den Appell, dass es nicht in Ordnung ist, was gerade abläuft. Dass die Kulturbranche, die ganze Veranstaltungsbranche einfach lahmgelegt wird. Die Wirtschaft dagegen läuft, soweit ich das beurteilen kann, einfach weiter. Frau Merkel hat auch letztes Jahr schon gesagt, wie die Kosten der Pandemie wieder eingeholt werden: durch Wirtschaftswachstum. Also, die politisch-wirtschaftliche Marschroute ist total klar, nach wie vor: Exporte raushauen. Und da ziehen wir natürlich den Kürzeren mit unserer Branche. Wir sind einfach nicht darauf ausgerichtet – so funktionieren wir nicht! Ich meine, Till Brönner hat das auch angesprochen, wir haben ja sogar eigentlich belegbare Zahlen, was wir umsetzen. Wie groß oder klein die jetzt sind, ist aber fast unerheblich.

Wobei es schon eine nennenswerte Größe war!

Das war eine nennenswerte Größe! Ich kann die Zahlen jetzt nicht zitieren und weiß auch nicht, ob die nun genau stimmen oder ob es ein bisschen weniger ist oder ein bisschen mehr ist, aber auf jeden Fall war mir eigentlich schon vorher klar, dass es nicht so wenig sein kann. Aber es hat auch für mich noch mal bestätigt, dass es – selbst, wenn man Zahlen auf den Tisch legt – selten genau darum geht. Es geht oft darum, „Ja, das ist ja nur Kultur …“ Und wir wiederholen das so mantramäßig: Kultur und Kunst, das sind keine Accessoires, das ist wichtig. Das ist nicht einfach nur ein Luxusgut. Das ist wichtig für die Gesellschaft. Dass wir als Gesellschaft bestehen. Das wiederholen wir mantramäßig. Aber mehr als das zu wiederholen, als das zu zeigen, können wir nicht. Wenn es nicht wirklich verstanden wird, von den Menschen, die das entscheiden, dann haben wir keine Chance.

Und dann läuft Jazz ja ohnehin noch unter ferner liefen, unter Nischenkultur …

Ja, es ist eine Nischenkultur. Jazz ja sowieso. Genau. Aber es gibt ja auch viele andere Sachen, die eigentlich keine Nischenkultur sein sollten. Und da wird es sich dann zeigen: Geht die ganze Schlagermusik, mit dem Musikantenstadl, als erstes wieder ans Netz? Und wir als letztes? Was ich befürchte. Ich glaube, Almut meinte sogar, nein, wir werden die ersten sein, bei den großen Acts dagegen wird es schwierig. Vielleicht. Das wäre interessant.

Das ist eine interessante These. Aber ich fürchte, ich teile deine Befürchtungen.

Also, es ist ja … Ich glaube, der Pessimismus gehört schon fast so ein bisschen dazu. Aber nichtsdestotrotz sind wir ja hier. Wir machen unsere Musik, jazzahead! stellt das hier auf die Beine, was toll ist, es sind alle da, es haben auch alle Bock – und das ist das Wichtige.

Ich bin gespannt, wie das Format digital funktionieren wird. Wir haben jetzt viel über den Lockdown gesprochen …

Ja.

Kann man sagen, dass „Faun Renaissance“ ein Lockdown-Album ist?

(überlegt kurz) Von der Stimmung, ja. Aber vom Konzept her, nein. Konzipiert wurde es …

… länger her?

Ja. Auf jeden Fall. Also, wir haben es tatsächlich in der Märzwoche aufgenommen, wo am Freitag dann die ersten Maßnahmen beschlossen wurden.

Im März 2020.

Ja. Und geprobt und erarbeitet haben wir das schon Ende des Jahres davor, 2019. Ewig her! Und deswegen ist es vom Konzept her kein Lockdown-Album. Aber es ist sehr interessant, dass mich viele darauf angesprochen haben, ey, du musst das jetzt schon im Winter, im Herbst 2020 rausbringen, das ist so eine starke Musik für diese komische Zeit, in der wir sind … Und das stimmt auf jedem Fall! Aber ich würde mal kühn behaupten, dass ich die Musik auch genauso gemacht hätte ohne Lockdown, mit einem fröhlichen Sommer – weil es einfach die Musik ist, die ich gerne mache.

Die raus musste.

Ja, die musste raus.

Das nehm ich gern als Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch.

2. Mai 2021

Sind nicht alle Platten Abschiedsplatten? Anette von Eichel im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 09:22

Das Bedürfnis, sich ganz zu zeigen, Steinlawinen, die im Vagen lassen, ob sie auf ehemalige Geliebte herniedergehen oder doch nicht, die Gnade der Nichtbenennung – wer mit Anette von Eichel über ihr neues Album Inner Tide spricht, gräbt tief in der Introspektion, die auch den Frager nicht außen vor lässt, und fördert dabei so manch schillerndes Vexierstück zu Tage.

Ich durfte mit der Sängerin, Texterin, Komponistin und Produzentin für die Mai/Juni-Ausgabe des Jazzthetik Magazins über im Sinne des Jazz befreite Songs, blaubartische Wendungen und tilleulenspiegelige Endungen sprechen. Hier das Gespräch im Volltext.

VSz: Dein neues Album heißt „Inner Tide“, und tatsächlich gibt es da ja so einiges an innerem Aufruhr zu hören …

AvE: Ja.

… fast entsprechend der Phasen, wie man sie durchlebt, wenn eine Liebe zu Ende gegangen ist. Ist das die Idee dahinter?

Interessant, dass du das fragst, weil ich glaube, dass sich die Texte auf Liebesbeziehungen beziehen lassen, auf jeden Fall, aber auch auf Beziehungen von uns zu uns selbst. Und das finde ich total spannend: Dass man, wenn man über die Beziehung zu anderen schreibt, auch immer über sich selbst schreibt, aus dem eigenen Blickwinkel. Die Idee dahinter ist, dass ich einen inneren Garten habe und darin ja auch alle meine Teile vertreten sind, also sowohl die schönen wie auch die unschöneren Teile, die sind alle in meinem Garten drin. Und von daher lassen sich die Texte, glaube ich, unterschiedlich lesen.

Gestern hat mich zum Beispiel jemand angerufen und „Merry-Go-Round“ – wo ich singe Let us give it no name – mit der Bibel verbunden. Und zwar mit dem Ersten Gebot, dass man sich kein Bild von Gott machen soll und dass die Idee dahinter ja wäre, dass, wenn du den Dingen einen Namen gibst, sie in ein Bild formst. Und das stimmt! Aber das war eben so eine Parallele, die ich überhaupt gar nicht gezogen hatte.

Und umgekehrt gilt das genauso: Manche Dinge werden erst dadurch gebannt, dass du sie benennen kannst. Unbestimmte Ängste zum Beispiel. Das Ungeheuer ist gebannt, sobald es einen Namen hat.

Das ist richtig.

Vielleicht auch so ein bisschen wie bei Rumpelstilzchen: Ach wie gut, dass niemand weiß. Und sobald der Name erraten ist, verschwindet es auf Nimmerwiedersehen. Dingen einen Namen zu geben kann also auch etwas Positives sein. Nicht wie beim Göttlichen, dem man durch den Namen ein Bild geben und es dadurch profanieren würde, sondern wenn man einen Namen für etwas hat, das man fürchtet: dann fürchtet man es nicht mehr so sehr.

Auch das würde mit Bezug auf das Stück passen. Weil es die Geschichte einer Beziehung ist, wo der Vorschlag gemacht wird: Lass sie uns instandhalten, indem wir sie nicht benennen. Aber vielleicht ist es ja gar keine so positive Beziehung und man würde sie im Sinne von Rumpelstilzchen entlarven, gäbe man ihr einen Namen. Und das stimmt auch! Klasse, oder? Ich bin immer total froh – und auch ein bisschen stolz –, wenn Leute mir erzählen, was sie zu meinen Texten denken und wenn das ein bisschen anders ist oder ein bisschen einen anderen Dreh nimmt als das, was ich mir ursprünglich gedacht habe. Weil ich finde: Eine gute Geschichte kann unterschiedliche Gesichter haben.

Und manchmal auch ein Eigenleben entwickeln, dass sie zum Schluss eine ganz andere Bedeutung bekommt als jene, die man ihr ursprünglich zugedacht hat. Bist du einer jener Schreiber, die gern darüber sprechen, was sie sich ursprünglich gedacht haben oder hältst du es lieber mit denen, die sagen, wenn das Kunstwerk erst einmal in der Welt ist, spricht es für sich und jeder soll sich seine eigene Interpretation davon, seine eigenen Gedanken dazu machen?

Das zweite. Absolut. Das finde ich auch so spannend. Ich möchte gar nicht … Ich finde es einfach so schön, dass wir mit Kunst und Musik die Menschen anregen können zum Denken. Und ich möchte nicht vorgeben, was die Leute denken. Ich find’s auch gar nicht … Ich freu mich immer total, wenn Leute meine Musik mögen und darauf stehen und Spaß haben dabei. Und wenn Leute sagen, das ist mir unbequem – zum Beispiel kriege ich öfter zu hören, dass ich ein sehr spezielles Timbre habe, und das finden nicht alle einfach –, das finde ich auch okay, darüber freue ich mich auch. Ich finde, Kunst soll uns dazu bringen, dass wir uns öffnen und dass wir unsere Gedanken öffnen. Und das geht in viele Richtungen.

Wobei: Klar, man merkt gleich beim allerersten Akkord der Platte, Achtung, das hier ist Jazz-Jazz, aber er löst die Drohung des Anstrengenden ja nicht ein; im Gegenteil! „Angenehm“ ist sicherlich das falsche Wort, aber er ist total inspirierend, anregend und wohltuend – und du hast, wie ich finde, ein sehr beruhigendes Timbre, von dem man sich gern in seine Geschichten ziehen lässt. Und wenn man sich erst einmal darüber hinaus, was so manchem am Jazz so sperrig erscheint, darauf einlässt, dann ist das doch ganz wunderbar!

Ich finde, gerade das Anregende ist das Interessante. Ich glaube, bei der neuen Platte … also, ich seh mich selbst zwar wirklich als Jazzsängerin, aber ich glaube, bei der neuen Platte ist das Spannende, dass die Lieder auf der einen Seite etwas sehr Songhaftes haben …

Pop, eigentlich!

Ja. Voll! Das finde ich auch bei Joni Mitchell total inspirierend: wie sie ihre Musik ihren Texten folgen lässt. Und das war hier auch meine Idee. Ich habe zuerst die Texte und dann die Songs geschrieben – und ich wollte wirklich, dass die Musik verkörpert, was die Texte für mich verkörpern. Das ist die eine Seite der Platte. Und die andere, finde ich, ist, dass wir das dann als Band im Sinne des Jazz befreien. Es bleibt nicht nur bei den Songs, die einfach schön sind, sondern es macht dann einfach nochmal wusch!

Ja, das stimmt. Aber natürlich stehen schon die Geschichten, die Geschichtenlieder ganz klar im Mittelpunkt der Platte.

Ja.

Im Livestream-Konzert aus dem Kölner Stadtgarten vor ein paar Tagen hast du gesagt, das Besondere an dieser Platte sei zudem, dass du zum ersten Mal alles allein gemacht hättest. Kannst du das ein bisschen näher erläutern?

Ja. Ich habe zwar auf allen meinen Alben Stücke von mir gehabt – und auch besonders viele Texte, denn ich habe viele Stücke von Kolleginnen und Kollegen vertextet … Was für eine süße Tasse! (Off-topic: VSz hat im Videobild gerade eine Herzchentasse zum Mund gehoben, prostet AvE damit noch einmal zu und beide lachen jetzt erstmal.) Aber ich wollte jetzt bei dem neuen Album … Ich habe vor etwa drei Jahren angefangen, daran zu arbeiten. Vor dreieinhalb Jahren. Und ich hatte diese Sammlung von Texten, mit denen ich etwas machen wollte. Und dann hab ich gedacht: Lass ich die jetzt von tollen Kolleginnen und Kollegen vertonen, so, wie ich das in der Vergangenheit auch zum Teil gemacht habe? Doch dann dachte ich plötzlich: Nee. Nee, nee. Ich improvisiere total gern, und Improvisation ist ja eigentlich Komposition on the spot, ich hab dann gedacht, nee, jetzt will ich das alles von vorne bis hinten selbst machen, das soll wirklich nur ich sein.

Es ist auch das erste Album von mir, wo ich geradeaus in die Kamera gucke. Weil ich finde … Wir haben, ich weiß nicht, vielleicht kommen wir da im Gespräch dahinter … Ich bin jetzt an dem Punkt, wo ich mich wirklich ganz geradeaus zeigen möchte. Meine Plattencover davor sind auch unheimlich schön, aber da gucke ich verträumt nach links oben oder kokett nach rechts unten … Ich weiß nicht, vielleicht haben wir in unserer Gesellschaft so eine Art Tabu, uns ganz direkt zu zeigen. Und ich hatte das Bedürfnis, mich zu zeigen. Das sollte einfach von vorn bis hinten von mir sein. In Komposition, in Text, in der Reihenfolge auf der Platte und eben auch im Coverfoto von vorn.

Vielleicht auch … „sich nicht verstecken“ ist die falsche Wortwahl … aber: das Bedürfnis haben, sich nicht nur komplett zu erkennen geben, sondern auch erkennen zu lassen. Erkannt zu werden.

Ja. Ich steh auch auf Auseinandersetzungen. Auf konstruktive, offene Auseinandersetzungen. Und ich finde auch, mich mit meiner Innerlichkeit – also diesem inneren Garten, dieser Inner Tide – zu konfrontieren, erfordert auch Mut. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Und damit so geradeaus rauszugehen, das war für mich einfach jetzt genau der richtige Moment. Ich glaube, vorher hätte ich damit auch noch gar nicht richtig umgehen können.

Angeregt durch den Lockdown auch, wo man ohnehin so ein bisschen auf sich zurückgeworfen ist und dazu neigt, mehr als sonst Introspektion zu betreiben? Wobei, du sagtest ja, es ist schon dreieinhalb Jahre her, seit du mit der Platte angefangen hast … Also einfach auch angeregt durch das gelebte Leben, das sich im Laufe der Jahre so ansammelt?

Ja, ich glaube, angeregt durch das gelebte Leben trifft es gut. Ich war lange im Ausland, habe zwölf Jahre in den Niederlanden gelebt, und ich hab jetzt zwei Kinder, die zwölf und fünfzehn Jahre alt sind. Ich glaube, ich komm jetzt einfach in die Phase meines Frauseins, wo ich recht mittig bin. Wo ich ganz gut weiß, was ich kann, und ganz gut weiß, was ich will – und mir auch nicht mehr so viel erzählen lasse. Und das klingt jetzt vielleicht aggressiver, als ich es meine. Ich habe einfach das Gefühl, diese neue Phase in meinem Leben ist noch einmal unheimlich produktiv: Gewisse Dinge sind fertig, und das gibt jetzt wieder Raum für ganz neue Aspekte.

Das kann ich auch persönlich ganz gut nachvollziehen – wie ohnehin vieles auf der Platte oder zumindest, wie ich es verstehe.

Ja, wie schön! Ich find auch deine Webseite so klasse: Klangverführer!

Dankeschön.

Was für ein cooler Titel!

Der Name ist tatsächlich einmal in einem Branding-Workshop entstanden, wo man sich ein Wochenende lang eingeschlossen hat, um einen Markennamen zu finden. Als ich mit Klangverführer herauskam, war mir gar nicht bewusst, dass es damals schon den Sonic Seducer für die Gothic Szene gab. Ich war also nicht besonders originell. Glücklicherweise übersetzt Wikipedia ihn mit „Schallverführer“. (beide lachen) Aber nochmal zu deinem Konzert im Stadtgarten: Da hattest du auch einen Song gespielt, der nicht auf dem Album ist, „The Bridge“.

Ja, genau!

Und du sagtest dazu so etwas wie: Manchmal braucht es die Antwort nicht, um die Frage zu lösen. Das fand ich total spannend. Was genau meinst du damit?

Ich glaube, und da zähle ich mich selbst auch dazu, dass man eine Frage gestellt bekommt, und dann überlegt man sich eine Antwort. Diese beiden Menschen im Song treffen sich an irgendeiner Küste oder irgendeinem Strand, und sie schauen übers Wasser und sehen dort etwas, das sie mögen. Und dann überlegen sie. Also, die Frage ist: Wie kommen wir dahin? Und die Antwort, die sie sich geben, ist: Wir bauen eine Brücke. Aber das scheitert ja. In dem Moment, wo sie anfangen, die Brücke zu bauen, merken sie, dass das überhaupt nicht funktioniert. Und das frustriert sie total! Und was auch passiert, ist, dass sie anfangen, ihr Ziel in Frage zu stellen. Dass sie glauben, weil es nicht funktioniert, diese Antwort zu konzipieren, wäre auch das Ziel, wo die Antwort hinführen soll, Quatsch.

Dass sie also sagen, wir wollen, wir müssen da ja eigentlich gar nicht hin.

Die Lösung am Schluss ist: Sie haben das Gefühl, es ist eigentlich wie bei Sisyphos. Der eine ist Sisyphos und der andere ist der Stein, und sie kugeln sich dauernd den Berg hoch und rollen wieder runter, bis sie zu einem Zaubertrick greifen und sagen, wir verwandeln den Stein erst in einen Ball und dann verwandeln wir den Ball in einen Ballon und dann hängen wir uns da dran und fliegen einfach rüber. Und ich glaube, dass wir ganz oft in diese Situation kommen, dass wir … na, wir lernen irgendwie: zwei plus zwei ist vier. Aber das muss ja gar nicht unbedingt stimmen. Also, wenn ich zum Beispiel zwei plus zwei Eier in eine Schüssel kloppe und die dann durchrühre, habe ich keine vier Eier. Das ist dann ein Ganzes. Und es gibt da ja so viele unterschiedliche Antworten! Ich hab mal ein tolles Buch gelesen, vielleicht kennst du das, „Der Rabbi hat immer recht“. Kennst du das Buch?

Nein, ich fürchte nicht.

Das ist ein Wahnsinnsbuch! Da geht es genau um diese Idee, dass im Judentum – und gerade im Judentum, weil es so viel Verfolgung und Bedrängung gab – eine Kultur entstanden ist, wo man genau drauf achtet, was man für Antworten gibt. Wenn ich meine Tochter losschicke, und ich geb ihr zwei Euro mit, und dann kommt sie wieder und hat drei, dann kann ich ja vermuten, sie hat einen geklaut, oder sie hat einen geschenkt bekommen oder gefunden. Es kann aber auch sein, dass sie etwas für zwei Euro gekauft und das dann für drei Euro wieder verkauft hat, das weiß man ja nicht! Ich glaube, es ist ganz schnell so, dass wir von der Frage zur Antwort springen, basierend auf einer Vermutung, und dann mit der Antwort natürlich scheitern. Darum dreht sich das.

Was du mit den Eiern auch sagst: dass das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile.

Ja! Ja, und das nicht immer die Antwort, die uns gleich anspringt, die richtige sein muss.

Ja, das stimmt. Ist das Lied von einem deiner früheren Alben oder gehört es zu dem Inner Tide-Zyklus, hat es aber nicht auf die Platte geschafft?

Nee, das ist jetzt erst ganz neu entstanden. Für unser Arbeiten schreibe ich weiter, und da hatte ich zwei Stücke fertig, aber bei dem zweiten konnte ich den Text noch nicht auswendig. Deswegen habe ich dann gesagt, nee, dann mache ich das nicht. Weil: Ich will immer auswendig singen.

Verstehe. Kommen wir mal zu den Stücken auf dem Album zurück. Da gibt es diesen verheißungsvollen „Secret Garden“, in dem man sich selbst verlieren – und auch wiederfinden – kann, und dann gibt’s auf „All We Need“ all die Dinge, die wir im Leben brauchen, vom Apfelbaum über die Zahnbürste zum Mechaniker und natürlich den Rausschmeißer vom Stadtgarten-Konzert, „Merry-Go-Round“, über den wir zu Beginn schon sprachen und wo es heißt: „let’s not give it a name“. Du hast gesagt, es geht hier darum, einer Verbindung zwischen zwei Menschen keine Definition überzustülpen und, wenn ich dich vorhin richtig verstanden habe, einer nicht ganz so gesunden Verbindung.

Oh, ich glaube, das lässt sich auf … Das ist jetzt der Anlass für das Stück, aber der Gedanke dahinter ist: Wir sind ja so schnell damit beschäftigt … Wir sehen irgendwas, und dann überlegen wir, in welches Schublädchen das bei uns passt – und dann haben wir das in dem Schublädchen und denken nicht mehr drüber nach. Und dieses „let us give it no name“ ist eigentlich die Idee davon, es überhaupt nicht in Schublädchen zu tun und es dadurch nicht klein zu machen, indem wir, etwa auf Beziehungen übertragen, sagen, das ist jetzt eine Freundschaft oder das ist eine Liebesbeziehung oder das ist der Mensch fürs Leben. Ich kann mir da ja lauter Korsette überlegen. Die Idee hinter dem Stück ist, genau das nicht zu tun. Und was mir jetzt gerade klargeworden ist, als du vorhin meintest, bei Ängsten ist es ganz gut, wenn man sie benennt – so hatte ich das noch gar nicht gedacht, aber das stimmt auch. Dann würde es bedeuten, dass man eigentlich dadurch, dass man einer Beziehung keinen Namen gibt, sie am Leben erhält, obwohl sie vielleicht gar nicht so …

Ah ja, das war der Punkt, der auf das Negative abzielte.

Genau, obwohl es vielleicht gar nicht so gut ist. Ich habe jetzt das Studiovideo zu „All We Need“ veröffentlicht, und einer hat da jetzt als Kommentar dazugeschrieben: Bravo! How about decision? (lacht) Da habe ich gedacht: Ja, stimmt!

Mir ist das mit den Zuschreibungen neulich tatsächlich passiert, dass jemand angefangen hat, mir Projektionen – oder, wie du es nennst: Korsette – überzustülpen und mich entsprechend zu behandeln, obwohl die überhaupt nichts mit mir zu tun hatten.

Ja!

Und ich dachte nur, das ist eine ganz seltsame Sache, die hier passiert. Da muss man wirklich sehr vorsichtig sein, ob man irgendwem reflexartig Dinge überstülpt, von denen man annimmt, dass sie so sind, oder ob man nicht viel eher genau hingucken sollte, wieviel hat das jetzt mit mir zu tun und wieviel mit ihm. Denn irgendwann wird derjenige genau zu dem Korsett, das er übergestülpt bekommt. Das ist das Gefährliche daran. Sag jemandem oft genug, was er ist, und er wird es.

Ja. Ich weiß nicht, wie’s dir geht, aber ich hab auch oft das Gefühl, wenn Menschen miteinander reden, dann erzählen sie über sich selber. Es ist gar nicht immer automatisch so, dass Menschen sich dann auch austauschen. Das passiert mir auch manchmal, dass ich dann in so einem Gespräch bin und denke, wieso? Was hat das jetzt mit mir zu tun?

Das heißt, du fühlst dich in der Situation zum Stichwortgeber für einen Monolog reduziert?

Ich glaube, das passiert jedem. Dass man dann merkt, jetzt geht das Gespräch eigentlich nicht mehr über uns. Sondern du möchtest mir jetzt was mitteilen, was wichtig für dich ist. Und das kann ich dann ja auch versuchen zu hören und zu verstehen, aber es muss tatsächlich nicht unbedingt etwas mit mir zu haben.

Die Corona-Zeit hat dazu geführt, dass sich mein Album unheimlich zeitverzögert hat. Eigentlich wollten wir im April aufnehmen, und im September sollte das Ganze erscheinen. Und dann konnten wir im April nicht aufnehmen wegen Corona, also hab ich für Mai geplant. Und dann konnten wir im Mai nicht aufnehmen wegen Corona, und dann hab ich für Juni geplant. Und dann wurde Ende Mai klar, dass wir im Juni nicht aufnehmen können, und ich hab gedacht, es kommt überhaupt nicht mehr auf die Welt. Da war ich ein paar Tage lang wirklich sehr niedergeschlagen.

Es ist ja auch extrem unschön, etwas Unabgeschlossenes mit sich herumzutragen!

Ja. Gerade, wenn es so wichtig ist wie dieses Album für mich. Und dann haben wir im Juli dieses Zeitfenster gehabt, wo es dann klappte, und dann war auch klar, dass das funktioniert, aber die Platte ist eben dadurch ein halbes Jahr später erschienen als geplant, sie wurde vier Monate später aufgenommen … Es hat sich halt alles sehr verzögert. Und das ist eigentlich interessant, weil gerade auch diese retrospektiven Aspekte der Platte in die Corona-Zeit total reinpassen.

Retro-, aber vor allem auch introspektive Aspekte, finde ich. Ich höre das Album als eine komplette Introspektion.

Ja, ich glaube, das stimmt auch. Das ist auch wahr.

Und dann gibt es noch „Fallen“, eines meiner Lieblingsstücke. Ich möchte dir gern vorlesen, was ich dazu gestern Nacht notiert habe: Fallen. Eine ganze Welt in einem Wort. Gefallen. Was wäre (gewesen), wenn ich gefallen, dir verfallen wäre? Wäre ich zerfallen? Machen wir uns nichts vor: Fallen ist toll. Die Kontrolle abgeben, völlig. Sich dem Fall ins Unbekannte überlassen. Klar, das geht nur, wenn Vertrauen da ist. War es wohl hier – auf dem Lied – nicht. Aber manchmal möchte man Round Midnight dessenungeachtet über your touches, your kisses, then sinking back again reminiszieren. Übler als fehlendes Vertrauen wie hier ist nur, wenn es da war, dann plötzlich aber nicht mehr, wie du sagst: I’m alone now deep in your forest. Und dann die Einsicht “All the women that ever were yours – and me”. Möchtest du dazu etwas sagen?

Ja. Der Text kam wirklich so in einem Fluss raus. Und: Das ist ja nicht passiert. Weil es am Anfang ja heißt: If I had fallen for you, then … Das Ich war so schlau, das nicht zu machen. Weil das Ich irgendwie gespürt hat: Ich kann nicht vertrauen. Aber das Ich war total verführt, es zu tun, total verführt! Und es war soviel Vertrauen da, dass das Ich durchaus mit diesem Du in den Wald reingegangen wäre. Und ich liebe den Wald, muss ich dazusagen. Ich bin wirklich voll der Waldmensch. Und ich wäre tatsächlich auch wahnsinnig gerne mitgegangen. In diesen Wald, denn Wahnsinn, der ist ja so schön! Da ist alles grün, ganz moosig, da gibt es Farne, und die hohen Bäume erst … Ich stelle mir hier einen Buchenwald vor, wo sich das Licht so bricht, das finde ich wunderschön. Ja, ich glaube, in dem Text … der hat ja dann diese blaubartische Wendung, dass dieses Du so ein Verführer ist, der mit allen eigentlich das Gleiche macht, egal, wie nah sie ihm stehen, mit allen Frauen: Diese Erkenntnis, dass das, was für das Ich so besonders war, letztendlich gar nichts Besonderes ist, weil: Das Du macht das halt. Mit den Frauen, die ihn umgeben, an die es herankommt. Und ich glaube, diese Erleichterung, dass das Ich sich nicht dafür entschieden hat … aber gleichzeitig auch die Idee der Symbiose mit dem Geliebten, die ja unheimlich verführerisch ist und in unserer Gesellschaft ja auch unheimlich romantisiert wird … Die meisten romantischen Hollywoodenden sind ja symbiotische Enden … Und ich meine, es ist ja auch eine Riesensymbiose, wenn du dann plötzlich Teil von so einem Wald bist! Das Ich wird ja in gewisser Weise auch durch die Situation aufgefangen. Weil: Du kommst ja quasi an. In diesem Wald. Aber halt nur in dieser einen Rolle. Das ist die einzige Möglichkeit, und da kommst du auch nicht mehr raus.

Du sagtest ja, das Ich war so schlau, es nicht zu tun – aber stellt sich hier nicht vor allem die Frage, was stärker wiegt: Die Freude darüber, dass das Ich so schlau war, oder die leichte Wehmut über die verpasste Chance? Denn wenn das Ich dem nachgegeben hätte – zum Verführen gehört ja nicht nur der Verführer, sondern auch der, der sich bereitwillig und gern verführen lässt –, wiegt diese Erfahrung letzten Endes nicht mehr? Will man zum Schluss nicht sagen: Hätte ich mich doch nur verführen und fallen gelassen und alles, was das nach sich zieht, dafür in Kauf genommen? Einfach für diese symbiotische Erfahrung, so kurz sie auch ist?

Ich glaube gar nicht, dass das Ich so schlau war. Ich glaube, es war so intuitiv.

Oder ängstlich?

Vielleicht auch eine Mischung aus all dem. Für mich als Ich wäre, so verführerisch so eine symbiotische Beziehung auch wäre, das überhaupt nichts. Ich bin ein total beweglicher Mensch. Für mich ist die Idee, dass du mich in so einen Baum reinfesselst, puh, echt hart! Also, ich glaube, das war mehr als schlau. Das war klug. Auch vertrauend auf sich selbst. Vielleicht nicht checkend warum, aber irgendwie merkend: Da stimmt was nicht. Und die Geschichte erzählt das im Nachgang auch mit Wehmut, auf jeden Fall! Von der Schönheit dieser Verführung. Wenn sich das Ich komplett drauf eingelassen hätte. Aber die Frage ist: Muss man jede Verführung auch tatsächlich erleben? Oder passiert sie nicht auch schon zu einem Großteil dadurch, dass wir sie denken und empfinden? Das ist in dem Moment ja gar nicht so richtig getrennt.

Sie kann ja tatsächlich nur dann passieren, wenn wir sie schon zu achtzig, neunzig Prozent gedacht und antizipiert haben. Natürlich passiert Verführung größtenteils im Kopf. Aber wenn sie schon so weit gediehen ist, dann ja, dann möchte man sie auch tatsächlich erleben. Umsetzen, gewissermaßen, vom Kopf in die Realität.

Ja, das war auch wirklich … Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich den Text geschrieben habe. Aber er blubberte einfach so komplett aus mir raus. Wie ein Märchen. Das ist eigentlich so eine Art Märchengeschichte.

Ja. Dann gibt es gleich danach noch die „Stones“, auch ein Lieblingsstück von mir – und das komplette Gegenteil eines Märchens, diese kleine Abrechnung, die ohne politisch korrekte Ich-Botschaften auskommt, dafür aber mit einer Menge herrlichstem Blaming aufwartet: our love is getting smaller, you cut it in pieces, bit by bit, oder: you cut off our connection. Alles, was man nicht machen soll: Du hast! Nicht: Ich empfinde das so und so. Was ich daran aber davon abgesehen so toll finde: Wo du dich mit Emotionen wie Wut oder gar Boshaftigkeit zurückhältst, scheint das Saxophon sie zu kanalisieren und regelrecht auszuspeien, dem Angesprochenen direkt vor die Füße.

Ja, das finde ich so schön an instrumentaler Musik: dass sie mir keine Bilder vorgibt. Instrumentale Musik schafft gleich eine emotionale Verbindung zu uns, während Sprache das Schöne aber auch gleichzeitig das Gefährliche hat, dass ich in ein Bild gepresst werde. Und ich wollte gern, dass in der Musik dieser emotionale Gehalt drin ist, auch in den Melodien und den Taktverschiebern und diesem ganzen Engen und Eckigen, aber ich fand, dann muss ich das gar nicht mehr so nötig in den Gesang reinlegen. Ich erzähle es ja auch retrospektiv. Mir ist ja klar, da hängt eine Steinlawine, und die kommt auch runter, und ich werde gehen. Also, ich trenne mich davon. Genau, ja. (lacht) Es ist fies, oder?

Es ist schon fies, wobei du im Konzert sagtest, es habe trotzdem einen positiven Ausklang, da du nunmal ein positiver Mensch wärst …

Oh Mann, ja, ich habe mir so überlegt, wie ich das enden lassen soll! Mir war klar … Dieser Aufbau: erst ist es so kalt wie’n Stein, dann ist es so schwer wie’n Stein, und dann ist es die Steinlawine … Mir war also klar, dass dräut alles so sehr, die muss runterkommen. Und dann habe ich echt überlegt: Aber wie? Kommt die jetzt runter und ich wünsch mir, du liegst drunter und bist platt? Oder kommt die runter und ich bin auch drunter? Und dann habe ich aber gedacht, nee, ich will das abschließen. Die kommt runter und ich wünsche dir, dass sie dich nicht kaputtmacht. Und dann werde ich mich umdrehen und gehen. Damit schließe ich das wirklich ab.

Das heißt, sie kommt einfach so neben dem Du herunter? Das ist aber auch ein bisschen enttäuschend, oder?

Ich glaube, in dem Text ist es gar nicht ganz sicher. Also, sie kommt runter, aber im Text ist nicht ganz sicher, ob das Du drunterliegt oder nicht. Das ist auch nicht mehr so wichtig für das Ich.

Das Ich geht ohnehin. Und schaut nicht zurück, was da noch passiert.

Ja.

Das Ich sagt ja dann auch noch etwas im Sinne von „go for good now“ oder „leave for good“ oder „leave you for good“, ich habe das genau Zitat gerade nicht im Kopf.

„I leave you for good“, ja.

Dabei kann man dem Ich ja nur viel Glück wünschen, denn wenn diese ganzen Emotionen noch da sind, kann man sich gar nicht vorstellen, dass dem Ich das gelingt. Mit all dem, was da noch ist.

Weiß nicht! Das ist ja auch wieder … Das ist ja total unreflektiert. Im Sinne von: Das Du macht ja den ganzen Scheiß. Das Du macht ja alles kaputt! Aber wenn ich mich reflektiere und in meinem inneren Garten bewege, ist das ja auch ein Teil von mir. Jeder kennt so einen dunklen Anteil. Und ich glaube auch, dass wir Sängerinnen und Sänger nicht alles erleben müssen, worüber wir singen – du brauchst nur Vorstellungsgabe. Und ich persönlich glaube, dass in uns als Menschen alles drin ist, vom guten Menschen bis zum Menschen, der böse Dinge tut. Ich glaube, jeder Mensch ist in der Lage, das alles zu erfüllen. Das heißt, auch ich kann so jemand sein, der so ein Du ist. Der jemanden so schlecht behandelt. Und von daher muss die Frage, glaube ich, nicht sein, ob ich das komplett hinter mir lassen kann, sondern vielleicht eher, wie ich damit umgehe. Inwieweit ich das einbetten kann. Die Schmuddelecke in meinem Garten. Da mach ich ein Insektenwildgebiet draus, zum Beispiel.

Oder indem ich gesehen habe, wie es bei anderen sein kann und mir deshalb nicht erlaube, es bei mir auszuleben? Weil ich gesehen habe, dass es verheerende Wirkung hat?

Vielleicht auch das. Man sucht ja im Gegenüber auch immer das, was man braucht.

Man bekommt automatisch genau das Gegenüber, das man gerade braucht. Das ist nicht immer angenehm  und kuschelig und schön, es ist meistens anstrengend, aber … ja. Es findet einen immer zur rechten Zeit.

Ja. Und dann ist die Frage eher: Wie gehe ich damit um? Und vielleicht ist es auch Teil von dieser Phase in meinem Schaffen, mich dem zu stellen. Zu sagen: Auch diese Anteile sind in mir. Und sind auch in den Gegenübern, die ich mir suche. Und wie gehe ich jetzt damit um? Ja. (lacht)

Und dann haben wir hier noch das letzte Stück, ein kurzes Instrumental. Du hast ja gerade schon gesagt, dass du an Instrumentalmusik magst, dass sie dir kein konkretes Bild liefert, sondern sich direkt mit deinen Emotionen verknüpft … Ich bin gar nicht sicher, ist das noch ein gestrichener Bass oder doch schon ein Cello?

Ein gestrichener Bass.

Er bringt zum Schluss so einen hohen Ton, wo ich gezweifelt habe, dass der noch vom Bass sein könnte.

(lacht) Ja.

Jedenfalls kommt dadurch so eine völlig neue kammermusikalische Tonalität in die Platte. Und das macht natürlich neugierig, was es damit auf sich hat, das Album so enden zu lassen.

Wir haben das Stück in unterschiedlichen Besetzungen ausprobiert und mussten dann einfach feststellen, dass es so am besten klingt. Ursprünglich wollte ich „In Silence“ ohne Text singen, aber es wurde durch den stimmlichen Sound so dinglich. Und das war mir dann zu viel. Das fand ich nicht richtig, es hat musikalisch einfach nicht gemacht, was ich wollte. Dann haben wir überlegt, und ich habe gesagt, ich würde es eigentlich gern ohne Gesang machen und ohne Schlagzeug, einfach nur ihr zwei – und als diese Idee erst einmal im Raum war, fing sie an zu leben. Ich sagte, ich sing da nicht, und die Band sagte, wie, du singst da nicht? Aber dann dachten wir, das ist eigentlich genial! Die beiden hatten dann total Spaß, das zu machen, und ich fand’s einfach auch … hm, wie sagt man das? Es ist ein großartiges Narrenstück, die Platte einer Sängerin mit Eigenkompositionen enden zu lassen ohne Gesang. Sie hat das Stück geschrieben, aber sie ist nicht dabei. Das fand ich so ein bisschen tilleulenspiegelig.

Du bist quasi schon Backstage und schminkst dich ab, während deine Band noch in der Bühne ist. Oder wie bei so manchem Superstar – du bist schon auf dem Weg zum nächsten Flieger, und deine Band spielt noch.

Ja, so! Oder „In Silence“ ist halt komplett still und nicht nur ohne Text.

Quasi John Cage mit Bass und Klavier.

(beide lachen)

Wenn man auch das stille Verschwinden am Ende mit in Betrachten zieht – kann diese Platte retrospektivisch als Abschiedsplatte gelten?

Was für eine gute Frage! Ja, vielleicht! Aber sind nicht alle Platten Abschiedsplatten? Weil sie in gewisser Weise Abschlüsse einer Phase sind. Ich schreib ja jetzt auch schon wieder weiter. Und ja, so eine Platte hat auch schon ein bisschen was von einer Geburt. Sie fasst eine Phase zusammen. Und ich glaube wirklich, dass dieses Album sehr viel von mir zeigt. Sehr viel. Und ich finde das auch in Ordnung. Ich bin auch auf der Bühne jemand, der gern etwas von sich zeigt. Das ist alles gut. Und ich fände es schön, wenn wir das alle ein bisschen mehr machen würden. Ja. Wenn einfach der Raum da wäre, dass Menschen trauen, sich zu zeigen.

Für mich ist es so: Ich habe jetzt das Ei ausgebrütet, jetzt geht es weiter, ich schreibe weiter, und dabei geht es natürlich immer um meine Wahrnehmung der Welt, von mir selbst und meiner Beziehungen. Und insofern ist das natürlich auch ein Abschluss. Vor ein paar Jahre ist meine Mutter verstorben und meine Töchter sind jetzt zwölf und fünfzehn, die gehen also so langsam aus dem Haus, und ich glaube, ich habe da als Mensch vielleicht auch so eine familiäre Nestphase hinter mich gebracht. Vielleicht ist diese Platte auch ein bisschen Ausdruck dessen.

Ein schöner Schlusssatz, den ich gern als solchen nehmen würde – es sei denn, du sagst, es gibt da noch etwas, das wir unbedingt über diese Platte erfahren sollten.

Nein. Ich find’s super, was du mich jetzt alles gefragt hast! Ich find’s auch so schön und ich bin so froh darüber, dass –wenn ich mit dir jetzt oder auch mit anderen über die Musik rede oder höre, was die denken, wenn sie sie hören – ich jedes Mal noch etwas darüber lerne. Das finde ich total spannend. Ich setze so etwas in die Welt und gebe damit die Deutungshoheit weg. Und ich finde das gut. Und dadurch, dass ich jetzt Feedbacks kriege, wie die Leute das hören oder was das mit denen macht, denke ich: Okay! Und das lässt mich total wachsen. Weil ich es cool finde, dass es Bewegung hat. Ich find Beweglichkeit so wichtig.

Dass die Musik ein Eigenleben entwickelt. Sich dadurch aber auch deiner Kontrolle entzieht.

Ja. Das halte ich für ein Zeichen von Stärke. Dass die Platte das kann. Offensichtlich.

Und auch von dir, dass du sie loslassen kannst.

Ja? Ja, das muss man ja. Da hast du gar keine Wahl.

Ich glaube, die Deutungshoheit abzugeben, würde mir schon schwerfallen.

Ja, aber es ist wie Samen: Ich habe die jetzt so rausgestreut und es ist unheimlich spannend zu sehen, nicht nur was, sondern dass da überhaupt etwas draus entsteht! Das finde ich eigentlich das Tollste. Dass das irgendwie ausschlägt. Das ist gut. Was dann daraus wächst? Ja, hoffentlich wächst was draus!

Ich freu mich einfach sehr über dieses Album. Ich habe in diesem Jahr festgestellt, dass es wie mit den Menschen ist, über die wir vorhin sprachen, die dann in dein Leben kommen, wenn du sie am nötigsten brauchst, gar nicht mal, dass die deine Baustellen beheben, sondern dich dazu anregen, deine eigenen Baustellen zu beheben – und so geht es mir zurzeit auch mit Musik. Dass dich wirklich die Musik findet, die du gerade brauchst.

Ohhh, schön. Das ist auch tatsächlich … Also, ich sehe mich sehr als Jazzsängerin, aber das hat auch Qualitäten von guter Popmusik.

Ja, weil es so songbasiert ist. Und auch wirklich ein Album. Nicht nur eine Aneinanderreihung von möglichst vielen Tracks, um die CD-Spielzeit maximal auszunutzen, sondern acht Songs mit Instrumental“reprise“ dran, also achteinhalb, das passt super auf Vinyl … Ja, ich finde, es ist ein klassisches Singer/Songwriter-Album!

Ja, ja.

(beide schauen sich einen Moment des Einverständnisses an und nicken sich zu, um dann laut loszulachen)

Ach, voll schön! Danke für das tolle Gespräch, es hat mich gefreut, dich kennenzulernen!

Ja, ich fand unser Gespräch auch sehr schön. Vielen Dank dafür!

backtotop