30. Dezember 2019

Sitzkonzerte für den Sessel oder: „Wo die STÜBAphilharmonie noch um halb zwölf Geigen einspielt, hätten die Babelsberger schon längst Feierabend gemacht!“

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 10:17

Genau wie Tobias Preisig traf ich auch Pat Appleton und Pit Baumgartner vom sich zwischenzeitlich ohne Bindestrich schreibenden Heidelberger Klangkollektiv De-Phazz vor sieben Jahren zum ersten Mal zum Interview und begleite die Band seither Platte für Platte. Disclaimer: Für ihr Triple-A-Doppelvinyl „Garage Pompeuse – The Berlin Session“ habe ich die Liner Notes gemacht.

Nun also De-Phazz mit der STÜBAphilharmonie. Lounge goes Klassik. Natürlich nicht ohne Spacecakebreak on the Titiicaca lake, um den die „Lounge-Punks“ ebenso wenig herumkommen wie die Stones um „Satisfaction“. Subversive Texte wie diese, eingebettet in wohlfühlige, um nicht zu sagen: -gefällige Easy-Listening-Klänge, wissen vor allem die Fans aus dem ehemaligen Ostblock zu goutieren, wo vieles auch nur verbrämt gesagt werden durfte.

Warum sich De-Phazz mit dem Begriff „erwachsen“ trotz gut zwanzig Jahren im Geschäft schwertun, weshalb sie sich als „eigentlich eine Wende-Band“ bezeichnen und was das alles mit dem Russenschwarzmarkt zu tun hat, steht hier. Anlass für das Gespräch mit De-Phazz-Erfinder Pit Baumgartner und -Sängerin Pat Appleton war ein Doppelseiter in der Januar/Februar-Ausgabe des Jazzthetik-Magazins, die druckfrisch an den besser sortierten Kiosken ausliegt.

Die De-Phazz’schen Luxus-Remixe in der Januar/Februar-Ausgabe des Jazzthetik-Magazins

Noch bevor ich dazu komme, meine erste Frage zu stellen, übernimmt Pit Baumgartner das Kommando: Du bist doch die Erfinderin des Begriffs „Lounge-Punks“!

Victoriah Szirmai: Dieser Begriff wird mir zwar immer zugeschrieben, aber tatsächlich hab ich ihn nicht erfunden, sondern damals auch irgendwo abgeschrieben. Nur, seitdem kursiert tatsächlich im Netz, dass ich das erfunden hätte.

Pat Appleton (lacht): Hihi, genau.

Pit: Aber das ist doch schön, oder? Das erinnert auch an die Frage an Beethoven, warum er immer von Haydn abschreibe, woraufhin er meinte: Von wem denn sonst?!

VSz: Aha! Leider kenne ich ja den Urheber des Begriffs nicht, deshalb kann ich nicht mit „Von wem denn sonst?“ antworten.

Pit: Aber es ist so eine alte Tradition, hier bei uns.

VSz: Und das führt mich auch zu meiner ersten Frage, denn mit diesem Album kann man ja überhaupt nicht mehr von „Lounge-Punks“ sprechen. Wollt ihr damit das Image als „Lounge-Punks“ hinter euch lassen und nach mehr als zwanzigjähriger Bandgeschichte erwachsen werden? Immerhin ist es euer 15. Studioalbum!

Pat: Du hast das Album noch nicht gehört, deswegen weißt du noch nicht, wie … (bricht in einen Lachanfall aus) Oder hast du’s schon gehört?

VSz: Ich? Natürlich hab ich’s gehört!

Pat: Ah, siehste, da haste mir ein bisschen was voraus!

VSz: Und ich hab es sogar schon rezensiert.

Pat: Oh!

Pit: Ja, ich muss gestehen, mir gefiel der Begriff „Lounge-Punks“ irgendwie sehr, weil er trifft eine Seite von mir, denn ich bin ja The Clash-Fan und so weiter, deswegen kann ich damit was anfangen! Aber du hast recht, das vorliegende Album hat sich … nun ja … ein bisschen davon entfernt, aber man darf uns halt nicht aus den Augen lassen! Es hat sich unheimlich schnell ergeben, muss ich gestehen, Anfang des Jahres war das noch gar kein Thema. Da waren Konzerte anberaumt mit dem Orchester, aber keine Aufnahme. Und es hat sich so ergeben, in einem schwachen Moment sagt man dann mal ja – und der Sommer ist vorbei. (lacht) Das heißt, ich war seit Juli sechs Wochen im Studio und hab das gemischt. Für mich natürlich als Produzent eine wunderbare Erfahrung, sehr anstrengend, aber lehrreich: Also, ich weiß auch jetzt, wie man ein Orchester stimmt und wie die Kollegen sitzen und so weiter, also, man lernt doch nie aus. Was die Musik betrifft, muss ich gestehen, da sollen andere sich den Kopf zerbrechen. Ich hab diese Gelegenheit wirklich äußerst gerne wahrgenommen und hab auch natürlich meine drei, vier Lieblingssongs, aber ich musste das erstmal auch Dinge in fremde Hände geben. Das war auch so’ne Übung …

Pat: Die Arrangements, halt.

Pit: Zum Beispiel die Arrangements.

VSz: Du sagst, das Ganze ist erst aus einem Live-Projekt entstanden und nachträglich auf Platte gebannt worden. Wie ist es denn überhaupt zur Zusammenarbeit mit dem Erfurter Sinfonieorchester STÜBAphilharmonie gekommen, wie ist diese Idee entstanden, euer Repertoire in ein klassisches Gewand zu hüllen?

Pit: Also der Dirk, unser neuerlicher Manager seit Kurzem, ja doch, seit zwei Jahren, der ist in Berlin umtriebig und er hatte halt diesen Kontakt. Er kannte die von einer anderen Künstlerin, mit der sie vorher ein Projekt gemacht haben …

Pat: Alin Coen.

Pit: … Danke Pat, weil ich tatsächlich ein sehr schlechtes Namensgedächtnis habe!

Pat: Dafür bin ich ja da!

(alle lachen)

Pit: … und ganz vorher noch mit Clueso, den hab ich mir gemerkt! Weil: Der fiel mir selbst auch schon auf. Und da hab ich mir das mal angehört. Äh, ich muss gestehen: Ich bin jetzt nicht der klassische Komponist vor dem Herrn, und so eine Gelegenheit – meine bescheidenen Kompositionen oder auch unsere Texte – in so einem Rahmen zu hören und zu verwirklichen, da musste ich sofort zusagen! Da gab es dann überhaupt kein Überlegen, obwohl es dann doch viel Zeit in Anspruch nimmt und auch die Kollegen, die dann denken, was machen wir jetzt? Klassik? Und um unser Publikum kümmern und Konzerte spielen … aber für mich ist es natürlich immer eine Herausforderung, sowas zu machen. Wir haben ja auch schon Bigband gemacht, und um jetzt mal den Zeitaspekt zu betonen, wir arbeiten auch gerade an einer Kinderplatte …

VSz: Diese Sache mit der HR-Bigband, das war ja 2006, da hattet ihr mit denen ein Live-Album aufgenommen, aber ein Sinfonieorchester ist dann ja nochmal was ganz anderes. Lounge und Klassik – wie passt das zusammen?

Pit: Also, wenn du jetzt zum Beispiel … puh …

Pat: „No Jive“!

Pit: Ja, „No Jive“, aber auch … Komisch, in jedem Stück findet sich was … Ein Pariser Kollege, der mit uns mit Videos zusammenarbeitet, meinte: Das könnten eigentlich die Ursprungsversionen gewesen sein und die anderen Sachen sind Remixe.

VSz: Das ist schön!

Pit: Fand ich eine interessante Ansichtsweise. Weil, du findest in jedem Stück diese unheimlich cheesy Geigen oder sowas. Und da find ich, da gibt es Berührungspunkte.

VSz: Stimmt, das klingt manchmal sogar so wie so’n Disneyfilm-Soundtrack, mit den Geigen …

Pit: Das sind einfach Deluxe-Remixe, sagen wir es mal so! Deluxe-Remix, weil: Du kannst sowas eigentlich nicht bezahlen. Wenn du sowas buchen möchtest, würde das unsere wirtschaftlichen Kapazitäten empfindlich überschreiten. Aber in dem Kontext mit diesen … sag ich mal: unheimlich motivierten jungen Menschen, die natürlich alle Musiker sind, aber halt nicht im Orchester arbeiten, weil da auf zwei Posaunenstellen hundert Bewerber kommen, die sind nichtsdestoschlechter oder untalentierter. Die haben unheimlich viel Motivation! Wo die noch um halb zwölf Geigen eingespielt haben, hätten die Babelsberger schon längst Feierabend gemacht.

VSz: Hinter den Babelsbergern steht vermutlich auch eine Art Gewerkschaft, und hinter der STÜBA nicht.

Pit: Eben. Ich will den Kollegen da jetzt nicht an den Karren fahren, ich hab früher auch für das ZDF gearbeitet, da geht’s … um vier ist da Tuck! Und wir sind halt gewohnt so zu arbeiten: Wenn’s fertig ist, hören wir auf. Aber gut.

VSz: Genau. Das läuft bei mir hier nicht anders. Wie hieß der Kollege nochmal, der gesagt hat, für ihn sind eigentlich die Orchester-Versionen die Originale und die Originale die Remixe?

Pit: Unser Freund Basil Cremer aus Paris!

VSz: Basil Cremer … schreib ich den mit K oder mit C?

Pat: Mit C wie Bruno! Bruno Cremer. Basil ist der Enkel von ihm.

Kurz vor dem Auftritt im Volkshaus Jena: Wiedersehen mit Pit Baumgartner und Pat Appleton. Foto: Karl Frierson

VSz: Das Programm der CD steht ja unter dem Motto „Lounge goes Classic“ – oder zumindest wird es in der Pressemitteilung so angekündigt. Die Arrangements allerdings wurden von verschiedenen Personen aus beiden Genres gemacht – du hast ja vorhin auch gesagt, dass du sie erstmals aus den Händen gegeben hast, unter anderem in die von Joo Kraus. Wie ist es denn zu dieser kunterbunten Aufteilung der Arrangements gekommen?

Pit: Wenn ich vorher noch kurz ergänzen darf, ohne mich da jetzt andauernd frei zu machen: Wir haben verschiedene Listen zusammengetragen, die Kollegen hier, die Pat, oder Karl, welche Stücke denn in Frage kämen, und dann sollten es sich die Arrangeure selbst aussuchen, denn ich wollte da niemandem irgendwas aufdrängen. Und die haben sich dann ihre Lieblingsstücke ausgeguckt und haben sie dann auch arrangiert. Ich hab noch mal kurz drübergeguckt, ob was dabei ist, was vielleicht kritisch ist bezüglich der Rechtevergabe und so, da war aber alles okay, und dann sind die losmarschiert! Und ich war selbst überrascht, als man … beziehungsweise, ich konnte mir erst überhaupt nichts vorstellen, sondern war überrascht, als dann langsam die Demos reinkamen und dachte, na, schaun mer mal! Du musst wissen, ich bin … Ich hatte in Englisch eine Fünf und verdiene mein Geld mit englischen Texten; ich kann keine Noten lesen und verdiene mein Geld mit Musik. Ich bin da Zaungast gewesen, erstmal als Zuschauer oder Zuhörer.

VSz: Apropos englische Texte: Wem von euch beiden verdanken wir eigentlich die legendäre Zeile vom Spacecake break on the Titicaca lake?

Pit: Die Dame sitzt da gegenüber. Ich glaub, sie war damals mit ihrem Verflossenen in Südamerika unterwegs.

Pat: Genau. Und ich hatte schon so die Idee des Space Cake Picknick, weil: Ich war tatsächlich am Titicacasee auf 4.200 Metern Höhe, und ich hab mir dann vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn man sich da oben dann so’n Keks einwirft. Meine erste Erfahrung mit solchen Drogen war, dass mir eine einen Keks gab und mir nicht sagte, was das für ein Keks war. Und der schmeckte mir so gut, dass ich gleich noch einen zweiten dazu gegessen hatte und war völlig … Also ich hatte … danach war ich satt. Ich hab gesagt, ich brauch nie wieder irgendwas von diesem Zeug! Es war fürchterlich, zu Fasching irgendwie drei Tage völlig neben der Spur zu sein, alle Leute sagen irgendwie komisch aus … Und da hab ich mir gedacht, weil man da oben bei 4.000 Metern ja auch so einen komisch aufgeblähten Kopf hat, weil ja das Blut völlig anders fließt als sonst, wie das dann wohl sein würde, wenn man sich dann da oben noch so’n Keks einwirft. Und dann hab ich zu Pit gesagt: Wie wäre es denn mit Space Cake Picknick? Und dann sagte er, mach doch einfach Space Cake Break draus! Weil: Picknick ist zu lang. Und so ist das dann entstanden. Aber es war witzig, weil wir haben das Lied zuerst angefangen, und dann bin ich in den Urlaub gefahren, und wir wollten erst so Orte wie Beirut oder so einbauen, also so Krisenurlauber haben wir da schon früh beleuchten wollen, und dann kam ich aus Südamerika zurück und hab gesagt, du, da sind die Namen von den Orten viel, viel schöner, lass uns doch das nehmen! Und so kam das dann.

VSz: Es ist wirklich meine Lieblingstextzeile von euch, ich hab mich sehr gefreut, dass sie hier wieder auftaucht!

Pit: Ja klar, der „Mambo“ muss natürlich rein, weil das ist … ich mein, frag mal Mick Jagger, der kommt um „I can’t get no“ auch nicht mehr rum – und die Leute hätten gefragt. Weil, ich finde auch … lustigerweise, „Mambo“ kannste eigentlich nicht kaputtmachen, der klingt immer gut, wie er klingt, ob das jetzt mit der Philharmonie war oder mit der Bigband … Der Mambo ist irgendwie immer der Mambo.

VSz: Er ist ja auch irgendwie euer Signature-Song. Und ich finde ihn auch subversiv – das ist eigentlich das, was ich damals mit den „Lounge-Punks“ meinte, dass ihr so etwas Hintergründiges an euch habt.

Pit: Das zieht sich ja wie ein roter Faden durch unsere Kunst. Das fängt bei der ersten Platte mit den „Rosenbergs“ an, eingebettet in ein zartes Lounge-Gewand, da geht es um rauchende Köpfe, oder „Something Special“ ist auch so’ne Umkehrung, das klingt nett, ist aber eigentlich auch eine ganz profane Popbotschaft. Ich funktioniere selber so, wenn ich Musik höre, ich sprech auf ganz profane Zeilen an, die retten dann den Tag oder machen dich beschwingt oder lösen kurz Mal dein Problem …

VSz: Hören das die Fans auch so oder genießen die einfach die Leichtigkeit der Musik?

Pat: Ich glaube, die Verklausulierung von Dingen ist zum Beispiel ganz besonders in Russland beliebt, weil die da auch nicht immer sagen dürfen, wie es eigentlich ist. Deswegen mögen die auch solche verschachtelten Gedanken. Also man merkt schon, dass die Leute sich das dann auch irgendwann mal anhören oder plötzlich macht es ping! und sie sagen, ach, das habt ihr gesungen? Das hab ich ja gar nicht mitgekriegt! Es ist auch manchmal erst bei der Lektüre der Texte dann klar, was da eigentlich so unter der Oberfläche noch alles schimmern könnte. Und deswegen glaube ich schon, dass das auch gut ankommt – gerade in Osteuropa, weil die Leute da irgendwie gewöhnt sind, in blumigen Bildern zu sprechen, um Dinge zu beschreiben, die man eigentlich gar nicht ansprechen darf.

Pit: Was mir dazu auch einfällt, ist, wo ich beim Mischen auch nicht sicher war, ist es kitschig oder nicht, ist bei „No Jive“ die Kinderstimme mit den Waffen. Das ist ein ganz süßes Thema, und dann hast du dieses Kind, das Waffen aufzählt …

Pat: „Rifle … twenty-two“.

Pit: Genau. Und lustigerweise mache ich gestern beziehungsweise am Freitag die Süddeutsche auf, und der Leitartikel geht um „Gott gab uns die Waffen“, da ist ne Mutter mit ihrem Kind und in der Mitte ne Kalaschnikow. Weil die Amis sich das Recht auf ihre Waffen nicht nehmen lassen. Ich hab den Artikel nicht gelesen, weil ich fand’s abstoßend, aber dieses Thema ist im Grunde eigentlich aktuell wie nie! Oder immer aktuell, keine Ahnung. Aber da sind wir schon wieder beim Thema! Wir könnten uns über Waffenlieferungen unterhalten, kein Problem, aber wir können’s auch über Lounge-Musik machen – was der Tag braucht.

VSz: Ihr macht ja beides: Ihr unterhaltet euch innerhalb süßer Lounge-Musik über diese ernsten Themen. Aber ich möchte noch einmal kurz darauf zurückkommen darauf, was Pat eben gesagt hat, mit Russland – ihr habt eure größte Fanbase eigentlich dort, oder?

Pat: Ja, könnte man sagen. Auf jeden Fall unter den Leuten, die zu Konzerten erscheinen.

Pit: Mir ist es immer noch ein Rätsel. (alle lachen)

Pat: Naja, es ist ganz einfach, der Schwarzmarkt hat uns da weitergebracht …

Pit: Das klingt gut!

Pat: …es war einfach relativ billig, da zu kaufen, überall, an jeder Ecke, und es gab Alben, die haben wir hier nie gesehen. Manchmal, wenn mir etwas zum Signieren gereicht wurde, dann habe ich gedacht, was ist denn das bitte für ein Album? Es gab da auch ganze Alben, wo nur Barbara drauf ist oder wo nur Pat drauf ist oder wo nur Karl drauf ist, die haben sich da echt die Mühe gemacht, die dann auseinanderzuklauben und deswegen … Das war einfach in einer Zeit, da kommen sie heute noch auf uns zu und sagen, das war der erste Moment eines kleinen bescheidenen Wohlstandes. Wo sie einfach gemerkt haben, oh, es geht bergauf, die Sowjetunion verschwindet, wir können unser Leben selber gestalten, in Gänsefüßchen, und wir können ein bisschen Luxus genießen. Und da war unsere der Soundtrack dafür. Es war einfach toll, und das danken die uns bis heute.

VSz: Ihr wart also zur richtigen Zeit bei der richtigen historischen Entwicklung dabei.

Pat: Wir sind sozusagen eigentlich auch ne Wende-Band! Nur ist das hier in Deutschland nicht so bekannt.

VSz: Eine Wende-Band! Das heißt, ihr hättet eigentlich gestern zum dreißigjährigen Mauerfalljubiläum spielen müssen.

Pat: Eigentlich hätten wir da rumspringen müssen. Wobei ich froh bin, dass wir nicht da in der Kälte stehen mussten!

Pit: Ich bin ja weit weg von der Hauptstadt!

Pat: Sei froh!

VSz: Apropos Konzerte – das Orchesterprojekt wird es jetzt ja auch wieder live geben, ich weiß zumindest von zwei Konzertterminen in Hamburg und Berlin. Wie viele Musiker stehen denn da letzten Endes eigentlich auf der Bühne?

Pat: In Berlin? Ich glaube, da spielen wir bis jetzt noch nicht.

VSz: Warte mal … Ach nee, Jena. Im Volkshaus. Entschuldigung. Hamburg und Jena.

Pat: Berlin ist leider noch nicht dabei. Wir planen natürlich für nächstes Jahr noch weitere Konzerte, aber es ist erstmal so’n bisschen schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass das jetzt geil ist. Deswegen müssen wir da langsam drangehen.

Pit: Wir stoßen da auch an logistische Grenzen. Die Menschen im Orchester haben teilweise auch Jobs nebenbei, die können sich jetzt nicht Zeit nehmen für vier Wochen Tour. Also muss man alles auf ein enges Zeitfenster begrenzen, und dann wird es schwer, so stringente Termine zu finden. Es sind fast sechzig oder siebzig Leute oder irgendwas in der Art – find mal ne Jugendherberge für die …

VSz: Oder finde überhaupt mal einen Konzertveranstalter, der sagt, ich zahle jetzt für siebzig Leute auf der Bühne statt für sieben!

Pit: Ja, das muss dann in einem anderen, gesponsorten Rahmen laufen oder mit irgendwelchen Goethe-Instituten, keine Ahnung. Ich bin natürlich auch am Fühlerausstrecken – wir haben hier ja auch die Rheinland-Pfalz-Philharmoniker, die haben, so wie damals die Bigband, natürlich professionelle Strukturen, das könnte man natürlich nutzen. Vielleicht gibt es auch ein entsprechendes Orchester in Moskau, ich weiß es nicht. Wir sind da im Moment dran, es ist jetzt erstmal auf dem Tisch, es muss jetzt erstmal zerrissen werden von der Kritik und dann werden wir sehen, ob wir noch irgendwo spielen können!

(alle lachen)

VSz: Ich hab hier noch zwei Fragen eher technischer Natur, die sich wahrscheinlich eher an Pit richten …

Pat: Kein Problem!

VSz: Beim zweiten Stück, den „Roses“, da setzt bei Minute 2:20 so ein schleppender 2010-Beat ein und man fühlt sich wieder ganz in den After-Work-Soundkosmos von DePhazz zurückversetzt … Wird der Beat jetzt wirklich live gespielt oder ist der programmiert?

Pit: Nee nee, wir hatten schon einen Schlagzeuger dabei, der hat ja das ganze Orchester geleitet! Im Grunde hat die Band das Fundament gelegt, das muss verteilt sein, zusammengehen, das gibt ja, wie ich gelernt habe, Vorschriften auf dem Notenblatt, das heißt, wenn da steht, auf der Eins fangen wir an, dann sollten alle auf der Eins anfangen. Und der Schlagzeuger hat die Grundierung gelegt, und das Orchester hat sich dann im Idealfall draufgesetzt. Der ist natürlich auch dabei. Das ist vom Klang her natürlich ein Unterschied, ob du im Raum spielst oder ob man im Studio nochmal die Möglichkeit hat, einen anderen Klang beizumischen wie ein Klangmaler, so dass es noch ein bisschen wie in dem Fall elektronisch klingt. Das weiß ich noch, bei den „Roses“ wollte ich es ein bisschen elektronischer haben, weil auch das Stück daherkommt, aus der Technophase vom Anfang, oder der Drum&Bass-Phase. Auf der Bühne wird es dann natürlich erdiger klingen und live – das ist aber ein komplett anderes Medium, da ist wirklich der Moment wichtig. Wenn du dahinkämest, würdest du glaub ich nicht auf den Snare-Sound achten, sondern das Gesamtkunstwerk anhören in dem Moment.

VSz: Wahrscheinlich. Das heißt, du warst mit dem Stück aber nochmal nachträglich im Studio.

Pit: Ich war mit allen Stücken nochmal nachträglich im Studio. Das musst du auch! Das ist, tja, wie soll ich sagen, ein Thema, da könnten wir jetzt zwei Stunden drüber reden – das war ja für mich die große Erfahrung in diesem Projekt. Wie klingt es in der Halle – ich stand da erstmal überwältigt in diesem Raum, als das Orchester vor mir stand –, und danach hast du den ganzen Schmutz auf hundert Spuren im Studio. So. Da geht es plötzlich um was ganz anderes. Räume, um Wiederverschmelzung, es geht um: Wie dämme ich diese Gewalt ein und unterordne sie der Stimme?

Pat: Ja, und es geht ja auch um deinen Sound, so ein bisschen, weil du bist ja eigentlich derjenige, der diesen Sound auch erfunden hat und den dann auch irgendwie wiederfinden will auf dem Album.

Pit: Ja, einerseits das, andererseits sind das ja auch immer noch Popsongs, und ein Popsong besteht aus einer Stimme und wenn du ne Stimme hast, muss sich die Band hinter die Stimme einfügen, sonst hat das keinen Zweck. Wenn du im Radio irgendso’ne halbherzige Stimme da irgendwo in der Ferne hörst, nur, weil ein Orchester spielt … Das muss den Popkriterien unterworfen werden! Und da, liebe Victoriah, wenn du mir ʽne Freude machen willst, da gibt es einen ganz wichtigen Menschen in dem Prozess, das ist der Horst Schnebel, der mir da unheimlich beigestanden hat bei dem Ganzen. Ich wäre da technisch überfordert gewesen. Du musst die Geigen in den Raum bringen, du hast Blechbläser, die müssen hörbar sein und grooven, aber die müssen hinter der Stimme sein! Du hast Holzklapperleute überall, du hast Pauken drin, mein Gott, ein Paukenschlag, und der Song ist zu! Also, du musst das alles bändigen. Und das war für mich die große Erfahrung. Aber wie gesagt, ein Thema, könnten wir zwei Stunden drüber reden! Darüber könnte ich jetzt eine Abhandlung schreiben!

VSz: Horst Schnebel, der ist Tontechniker?

Pit: Tontechniker, ja. Der macht schon immer unsere Platten. Und er kannte auch schon die Aufnahmeprozesse von einem Orchester, weil er in Russland einen Popstar damit aufgenommen hat. Deswegen hat er mir da auch die Angst genommen. Ich selbst wäre da wahrscheinlich erstmal …

VSz: Noch eine Frage zu Stück, zum „Mambo Craze“: Dieser Auftakt, der wieder so etwas Märchenhaftes, Die-Fee-erscheint-mäßiges hat, so etwas Magisches … Ist das ein verfremdetes Vibraphon?

Pit: Eine Harfe! Also, entweder es kann die Harfe sein – oder es ist ein Vibraphon. In so einem Orchester hast du ja alles. Live sogar noch! Es muss wohl ein Vibraphon gewesen sein, ich geh mal davon aus, oder auch die Harfe. Weil die muss natürlich … Eine Harfe ist so ein zerbrechliches Instrument, und das kämpft dann plötzlich gegen sechs Posaunen an, und das ist ne Aufgabe, das dann noch so rauszuarbeiten, dass es dann immer noch zerbrechlich klingt!

Pat: Wobei die Harfenistin auch wirklich ein steiler Zahn war, eine tolle Frau!

Pit: Hat Spaß gemacht, ihr zuzu- … äh … -hören.

VSz: Gibt es noch etwas zu dieser Platte zu sagen, von dem ihr unbedingt wollt, dass die Welt es erfährt?

Pit: Wenn du mich so fragst, dann fällt mir immer in erster Linie ein, dass ich diese ganze Platte mache, weil ich Musiker bin und kein Schreiber, das heißt, die Antwort steckt bei mir eigentlich in der Musik. Mir fällt da jetzt nichts anderes zu ein, außer liebe Grüße aus der Provinz!

Pat: Ich würde sagen, da sollen endlich auch mal wieder Leute kommen, die sich bei der letzten Tour beschwert haben, dass sie stehen mussten. Weil wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten!

VSz: Das werden jetzt also Sitzkonzerte …

Pat: Genau, es werden Sitzkonzerte. Wer tanzen möchte, der möge sich an die Seite stellen, solange die Ordner das zulassen, aber man könnte sich auch einfach mal schön in einen kuscheligen Sitz hüllen und die Musik in ihrer neuen Form auf sich wirken lassen. Also, das wäre glaube ich für uns alle schön, weil es einfach auch so einen feierlichen Rahmen hat, das ist etwas ganz Besonderes. Wir geben uns da echt redlich Mühe, das super hinzustellen, also, wir freuen uns alle drauf!

Pit: Du siehst, Victoriah, dahinter verbirgt sich das wahre Motiv für die Produktion dieser Platte. Damit wir in richtigen Konzertsälen sitzen können und nicht in klebrigen, schmutzigen Clubs herumstehen müssen.

(alle lachen)

VSz: Also doch erwachsen geworden mit diesem Album.

Pit: Ich tu mich so schwer mit dem Wort „erwachsen“.

Pat: Nennen wir es „alt“ …

Vsz: Das wollte ich gerade vermeiden!

Pit: Man muss sich manchmal in unserer Branche noch diesen Kopf fürs Querdenken erhalten, und der ist so gar nicht erwachsen, manchmal. Den brauchst du, um auf dumme Ideen zu kommen oder für kreative Prozesse.

VSz: Nach dem Alterswerk frage ich dann also in zehn Jahren nochmal …

Pit: Das ist eine gute Idee! Lass uns da in zehn Jahren nochmal drüber reden. Wenn die uns aus den Opernhäusern wieder entlassen haben.

Das Motto eines rauschenden Abends: pures Glück!

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