27. März 2011

Mann mit Hund sucht Frau mit Herz –
die aktuelle Victoriah’s Music ist da

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 12:57

Treue Leser von Victoriah’s Music erinnern sich vielleicht noch an die Besprechung von Max Raabes Übers Meer einer bezaubernd schlichten Platte, für die der Sänger erstmals sein Palast Orchester zu Hause ließ, um sie in aller Stille mit dem Pianisten Christoph Israel einzuspielen. Und so wandelte Raabe mit Übers Meer vor einem Jahr erstmals auf Solopfaden, aber es gefiel ihm nicht.

Traurig und allein saß er am Straßenrand und stellte resigniert fest, dass man alleine nun mal nicht küssen kann. Da kam ein großer Hund vorbei, der trug dasselbe wie der Sänger: nämlich schwarz-weiß. Er durfte mit aufs Foto, und Max Raabe war nicht mehr so allein. Allerdings kann man auch mit Hunden nicht besonders gut küssen, es sei denn, man ist immun gegen den Sabber. Nein, da fehlt ganz einfach noch jemand, befand Max Raabe.

Dieser Jemand findet sich in Gestalt der jüngst mit dem Echo für ihr Lebenswerk ausgezeichneten Ich+Ich-Schöpferin Annette Humpe, die aus heiterem Himmel bei Raabe anruft. Ihr sei gerade eine Textzeile eingefallen, die nach Zwanzigerjahre-Chanson, kurz: nach Max Raabe klänge. Aus dieser einzelnen Zeile ist mittlerweile ein ganzes Album entstanden, mit zwölf von Raabe und Humpe geschriebenen Songs. Und wieder ist das eine Premiere für den Chansonnier, denn obgleich er zwar schon durchaus eigene Lieder komponiert hat, reichte es bislang noch nie zu einer ganzen Platte voller Eigenkompositionen. Alte Bekannte dürfen bei diesem Experiment aber nicht fehlen: Natürlich reicht Pianist und Arrangeur Christoph Israel auch hier seine helfende Hand, während 2Raumwohnung, und damit Annettes jüngere Schwester Inga Humpe, mit dem Remix der ersten Singleauskopplung beauftragt wurden, der Max Raabe endgültig in der heutigen urbanen Elektro-Pop-Welt ankommen lässt.

Jedes der Lieder auf Küssen kann man nicht alleine erzählt eine kleine Geschichte, mal zeitlos von Zwischenmenschlichem, mal ganz aktuell von Günther Jauch und Eisbär Knut (Bin nur wegen Dir hier) – das war übrigens lange vor dessen Tod! Gern stilisiert sich der „Lausbub im Frack“ auch mal zum Agenten (In geheimer Mission), fühlt sich aber schon im nächsten Atemzug auch mal als Wurm (Täglich besser). Oder bedarf als ICE-Fahrgast ob der erotischen Ausstrahlung der Schaffnerin dringend ärztlicher Hilfe. Seine genaue Beobachtungsgabe, die das Ungewöhnliche im Alltäglichen und das Allgemeingültige im Besonderen mittels feinster Ironie sichtbar werden lässt, hat der Sänger mit Humpe gemein. Raabe und Humpe teilen eine Weltsicht, die man als „heitere Melancholie“ bezeichnen könnte – und dazu sind nun einmal ein paar Lebensjahre mehr nötig. Du weißt nichts von Liebe könnte hier getrost als genrekonstituierend angesehen werden.

Mein persönliches Lieblingslied auf Küssen kann man nicht alleine aber ist – neben dem sehr sehr lustigen Doktor, Doktor, das ganz Raabe-untypisch groovt wie Hund – Ich hab dich zum Weinen gebracht, dessen Melodie mich an Rosamunde (ja, genau: Rosamunde, schenk mir Dein Herz und Dein „Ja“) erinnert. Da diese schöne tschechische Polka von 1927 hierzulande vor allem in der Schlagerversion von Dennie Christian bekannt ist, musste ich zwar erst einmal all meine Schlagerressentiments abwerfen, aber dann! Dann entpuppt sich Ich hab dich zum Weinen gebracht als echter Ohrwurm. Auch Krank vor Liebe erinnert mich an einen anderen Klassiker: die Benny Goodman-Nummer The Glory Of Love von 1936. Vielleicht fühlt man sich mit Küssen kann man nicht allein auch deshalb so wohl, weil einem viele der Lieder von fern bekannt vorkommen.

Küssen kann man nicht alleine gibt es auch auf Vinyl. Die weiteren Rezensionen der aktuellen gibt es wie immer hier auf fairaudio.de. Besprochen wurden außerdem:

  • Meike Köster, Seefahrerherz
  • Regina Spektor, Live in London
  • Joan As Police Woman, The Deep Field
  • Cosmonautix, Energija
  • Slagr, straum, stille und
  • Cassandra Wilson, Silver Pony

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