28. Mai 2011

Das doppelte Schmittken

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 22:13

Gestern noch hat er mit seinem wunderbaren Projekt trondheym das Freudenzimmer in den Kreuzberger Ritterhöfen gerockt, da steht er schon wieder auf der Bühne: der unermüdliche Gerhard Schmitt, der heute mit seinen Schmittkeliedern beim Pop-Pourri, einer Veranstaltungsreihe der Freunde Guter Musik, besser bekannt als Ich bin Pop, auftritt.

Auch wenn Kopfhörerhund sich vermutlich besonders über den Auftritt von Labrador aus Dänemark gefreut hätte, habe ich den elendigen Steuermarkenverlierer – ab der wievielten weigert sich das Finanzamt eigentlich, eine Ersatzmarke zu schicken? – in seinem Tagesrudel geparkt, um ein paar ungestörte Musikstunden zu verbringen. Und da Bassplayerman wieder im Arbeits-Orbit verschwunden ist, gibt sich heute Hofcompositeur als Co-Kritiker die Ehre, dessen Goldene Worte zum Tage lauten: „Osnabrück – musste mal hingehen. Ist so groß wie Neukölln, ist aber nicht Neukölln“. Und trotz dieser Weisheit wird mir selbst im angetrunkenen Zustand und zu später Stunde bewusst, dass es eigentlich recht fies ist, immer Leute vom Fach mitzunehmen, die ihre bösen Zungen schon wetzen. Andererseits muss damit leben, wer sich den Kritiker ins Haus holt.

Der Abend wird eröffnet von Singer-Songwriter-Pop-Elfchen Diane Weigmann, an deren Mädchen-versteckt-sich-hinter-Gitarre-und-singt-über-persönliche-Befindlichkeiten-Auftritt das Bemerkenswerteste die Kosmetiktasche im Polka Dot-Look ist, die auf der Bühne herumsteht. Ohnehin hat die Sängerin ein Händchen für Mode. Ausgehend von ihren Fotos hätte ich allerdings eher Fiona-Apple-Musik erwartet; stattdessen höre ich etwas, das – zumindest, was den thematischen und emotionalen Kosmos angeht – an die Berlinerin Anjaka erinnert, würde man dieser die Elektronika wegnehmen. Akustisch bin ich einem interessanten Stereo-Effekt ausgesetzt, da Dianes Freundin direkt hinter mir jedes einzelne Wort mitsingt – ach was, singt: mitjubiliert! Unfreiwillig komisch dann das ebenso unfreiwillig zweideutige „Du versprichst mir den Sommer/ich kann Dir nur Regen geben/viel zu feucht für diese Jahreszeit …“

Es folgt Schmittke im obligatorischen Streifenpulli, der heute im Gegensatz zu seinem b-flat-Auftritt im März, wo er von Bassklarinette und -gitarre flankiert wurde, ganz allein vier seiner schönen Schmittkelieder spielt, die wie immer irgendwo zwischen grenzwertig (Liebe) und cool (alle anderen) oszillieren, kurz: am ehesten als Singersongwriterschlager zu beschreiben sind. Ja, manchmal fragt man sich schon, ob Textzeilen wie „Dein Ohr grinst mich an/es schaut durch Deine Haare“ überhaupt „gehen“! Bei Schmittke gehen sie auf jeden Fall, und man muss diese Lieder einfach lieben – ich zumindest tue es heiß und innig. Hofcompositeur ist sich noch unschlüssig, da ihn Schmittkes zum Stilmittel erhobener Nicht-Gesang beim ersten Song an die ungeliebten Tocotronic erinnert; doch schon beim zweiten Song hat Schmittke auch ihn auf seiner Seite: Den Bordun-Bass auf Das Leben macht Geräusche findet auch der Mann vom Fach cool. Nicht zuletzt ist dieser Song im – wie ich finde für die Schmittkelieder völlig untypischen, für die Solobesetzung aber natürlich optimalen – Liedermacherstil eine Premiere, und ich freue mich, hier eine Klangprobe präsentieren zu können:

Als drittes spielt Schmittke das Lied für mich, und hier wird auch der stilistische Unterschied zwischen b-flat-Auftritt und heutiger Kleinstbesetzung eklatant: War dieser Song im März noch ein großer Lacher, kommt er heute ungeheuer melancholisch daher; die damalige treibende Energie ist einer depressiven Grundstimmung gewichen, statt des hedonistischen nur-für-mich-Aspekts dominiert heute jener Teil des Liedes, wo, Textzitat, „mit Mollakkorden rumgedealt“ wurde – gewissermaßen Lied für mich in Slow Motion, aber schön. Aus seiner Tristesse wird das Publikum von Song Nummer vier gerissen, Verlieb Dich, dessen Refrain sich zumindest in der Live-Version innerhalb einer Quarte bewegt – jenem Intervall, welches jeder von dem Türschließsignal der S-Bahn bzw. jeder Polizei- und Feuerwehrsirene kennt – und ergo eine angenehm alarmierende Wirkung hat. Gern würde ich mit diesem Lied den ganzen Sommer über Fahrrad fahren, den Fahrtwind im Haar, den Fernsehturm vor Augen und den wunderbaren Imperativ Verlieb Dich im Ohr. Ähnlich geflasht hat mich bislang nur 2Raumwohnungs 36 Grad, mit dem ich ganze zwei Sommer lang Fahrrad gefahren bin.

Ähnlich einprägsam und mit jedem Hören schöner ist nur noch Mittendrin (ja, das ist das mit „Wimperntusche, Futterneid“ und den „edlen Stoffen und schönen Mustern, die sich über kurviges Gebiet spannen“ aus dem b-flat!), welches Schmittke heute zwar nicht spielt, man sich aber auf seiner Soundcloud-Präsenz anhören kann – wie auch sieben andere Schmittke-Lieder, die in der Studio-Version noch dazu extrem gut produziert sind. Die Schmittkelieder brauchen einfach die größere Besetzung, dann machen sie wirklich froh.

Da erst einmal alles um- und eingestöpselt werden muss, bietet der angekündigte Auftritt von Hans Rohe & die Felsenschrippe Gelegenheit zum um-die-Ecke-Gehen, das hier recht eigentlich ein die-Treppe-runter-Gehen ist. Dann ist die vierköpfige Formation, die mit einer weiblichen Bassisten einen heutzutage leider immer noch seltenen Anblick bietet, erst einmal eines: laut. Ansonsten schwelgen die vier in Popzitaten irgendwo zwischen La Boum-Soundtrack, den Stones und Pink Floyd, wobei das Lied über die polyphone Achterbahn schon nicht mehr als „inspired by Pink Floyd“ durchgeht, sondern vielmehr reinrassiges Echoes-Cover ist. Spätestens bei Dorothea leide ich dann sehr und begrüße einmal mehr das Konzept des Abends, welches den Künstlern nur Raum für vier bis fünf Songs lässt.

Labrador aus Dänemark dann sind schlichtweg großartig. Und nein, nicht nur wegen des Namens, der jeden Hundehalter entzücken muss. Man sagt es als Landsmännin der drei vorangegangenen Künstler ungern, aber der Qualitätssprung zu Labrador, diesem bleiben, rothaarigen Riesen mit Tom-Waits-Hut, ist – Schmittke ausgenommen – ganz enorm. Mittlerweile neige ich dazu, meinen Interviewpartnern aus Skandianvien und Dänemark zu glauben, dass dort tatsächlich „something in the water“ ist, das diese Menschen unglaublich gute Musik hervorbringen lässt.

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