Alle Fragen offen: Spoken Word mit Schule der Unruhe – klangverführer | Musik in Worte fassen

Alle Fragen offen: Spoken Word mit Schule der Unruhe

Die Musiker waren großartig. Die Musik gewöhnungsbedürftig. Vielleicht aber habe ich auch nur mein Verständnis zu Hause vergessen, an diesem Nationalfeiertag der Schweizer, an dem das Berliner Label Traumton Records – dem wir unter anderem so schöne Veröffentlichungen wie die von Patty Moon oder Kathrin Scheer verdanken – Bassplayerman und mich freundlicherweise ins Radialsystem V zu den Spokenwordfreefolkjazzpoeten „Schule der Unruhe“, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe Schweizgenössisch spielten, eingeladen hatte.

Vielleicht muss man aber auch nicht alles erklären können. Ohnehin will man immer viel zu viel verstehen. Lassen wir anstatt tiefgreifender Deutungsversuche oder sonstwie gearteter Hermeneutik lieber Herrn Halter, kreativen Kopf und Frontmann der SDU, zu Worte kommen – denn derer hat dieser Mann wahrlich zur Genüge!

Das erste Stück des Abends – In der letzten Straßenbahn – ist befremdlich. Das zweite – Sag jetzt nichts – nur noch leicht seltsam und allenfalls uninteressant, aber schon mit dem dritten Guten Morgen, Deutschland – hat Jürg Halter sein Publikum am Haken. Doch bereits bei Tanz den Roman Signer wird es mit Colin Vallons Handkantepiano wieder zeimlich seltsam. Ein niedliches Berlin-Gedicht (oder vielmehr: Nicht-Gedicht) erfreut,

und auch der Brief an Kaiserin Elisabeth ist wunderhübsch anzuhören, mit so schönen Zeilen wie „im Licht gegen eine Straßenlaterne/tanze ich ausgiebig und gerne“. Leg den Mantel ab besticht mit seinem durch ein Glockenspiel ersetztes Piano, gefolgt von der ziemlich wilden Improvisation Kann schon sein.

Der Bahnhof, eine Art persönliches Manifest, bringt en passant das Lebens-
gefühl der Thirty-Somethings auf den Punkt: „Sprunghaft wie ich bin, weiß mein Herz nie, in welcher Brust es abends zur Ruhe kommt.“ Schön, das.

Große Klasse auch der Schweizer Psalm, wo es schon einmal richtig laut wird, während die erste Zugabe La Bombe, Titeltrack des aktuellen SDU-Albums, als leises Duett von Stimme und Piano überrascht. Um Schöngesang geht es hier allerdings weniger; ja, es ist fraglich, ob es überhaupt um Gesang geht; schließlich zischt, spuckt und würgt Halter seine Laute rhythmisch hervor, bis sie manchmal puren Sound, aber keinen Sinn mehr ergeben – zumindest keinen, der sich dem menschlichen Ohr erschlösse, denn hier ist Stimme nurmehr ein weiteres Instrument des Quartetts. Weitaus mehr als Jürg Halter und der erstmals mit Schule der Unruhe musizierende Colin Vallon haben mich allerdings Philipp Schaufelberger an der Gitarre und vor allem Julian Sartorius an den Drums beeindruckt. Klar, wer mit Jean-Paul Bourelly & Co. spielt, hat sich eigentlich ausreichend qualifiziert, um keine großen Worte mehr verlieren zu müssen.

Nach mit Das Wandern des Lebens nur noch einer weiteren Zugabe endet das erfreulich kurze Konzert, das – einem Schweizer Uhrwerk nicht unähnlich – pünktlich um halb zehn begann, wie auf der Einladung angekündigt.

Live funktionieren die Songs von La Bombe, doch kann ich mir nicht vorstellen, dass sie jemand tatsächlich im heimischen Wohnzimmer hört. Unwillkürlich fragt sich der Zuschauer, was denn dieser ganze Kram – zwar Kram auf musikalisch unglaublich hohem Niveau, aber letzten Endes dennoch Kram – eigentlich soll, selbst wenn Halter intellektualisierend und auch verzichtbar die Metaebene seiner Poesie oftmals gleich mitliefert.

Mehr noch: Soll und will das Ganze überhaupt etwas? Nimmt und meint der Poet das (und sich selbst) Ernst? Oder ist das am Ende gar subversiv? Anarchistischer Schweizer Humor? Gar wie von Sophie Hunger behauptet „die wunderbare Kunst des poetischen Widerstands“? Wir bleiben ratlos zurück und beenden diesen Beitrag so, wie schon Reich-Ranicki jede Sendung des Literarischen Quartetts beendete: Mit dem Brecht-Zitat „Und so sehen wir betroffen/den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

 


Kopfhörerhund beäugt skeptisch Bassplayermans Bein/der fürchtet der Hund denkt:
Da beiß‘ ich jetzt rein

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