11. Oktober 2011

Was Schönes zwischen Röhrenverstärkern – Jasmin Tabatabai im Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 10:51

Eine Geschichte, an der man seit Ende August arbeitet, die immer wieder redigiert, freigegeben, re-redigiert und weiter gekürzt wird, braucht einfach einen Kick, um ein gutes Ende zu finden – oder überhaupt ein wie auch immer geartetes Ende. Wenn dann irgendwann der Lieblingsherausgeber anruft und charmant drängelt – „Kannst du das bis heute Abend fertig machen? Wir brauchen mal wieder was Schönes zwischen all den Röhrenverstärkern!“ –, ist das genau der richtige Katalysator, die unendliche Geschichte zu einem Abschluss zu bringen. Et voilà!

Zum Gespräch über ihre neue, gemeinsam mit David Klein herausgebrachte Platte, habe ich die Sängerin und Schauspielerin Jasmin Tabatabai Ende August in Berlin getroffen. Ich war leicht erkältet, was mir den mütterlichen Rat „Kind, steck bloß die Dame nicht an!“ einbrachte. Habe ich nicht, sondern stattdessen ein wirklich nettes Gespräch jenseits des üblichen Frage-Antwort-Spiels gehabt. Das daraus gestrickte Interview sowie die Rezension der Platte finden Sie, wie immer, auf fairaudio.de. Wobei – „wie immer“ stimmt diesmal nicht, denn es ist mein erstes Interview, das ich für fairaudio geführt habe. Es sind aber auch noch genügend O-Töne für den Klangblog abgefallen. Eine kleine Resteverwertung:

Tabatabai und ich sprechen gerade über David Klein, Gründer und damaliges Mitglied der schweizer Klezmer-Kombo Kol Simcha, der schon den Soundtrack zu Tabatabais 2000er-Film Gripsholm lieferte und damit die Zusammenarbeit an der aktuellen Platte begründete – auch wenn Eine Frau mehr sein will als die bloße Fortsetzung von Grispholm. Auf mein vermutlich allzu beharrliches Herumreiten auf dem zehn Jahre alten Film und seiner Musik meint die Schauspielerin nur lapidar: „Endlich mal jemand, der den Film gesehen hat!“

Klangverführer: Ich fand den Soundtrack genial, und da ich ein großer Kol Simcha-Anhänger bin, war der Film Pflicht …

Jasmin Tabatabai: Heißen die jetzt eigentlich wieder Kol Simcha? Die hießen eine Weile World Quintet …

Jetzt wohl wieder Kol Simcha, ja, aber in zwei Worten. Als sie in den Achtzigern angefangen haben, hießen sie wohl Kolsimcha in einem Wort, wenn ich richtig informiert bin. Damals waren sie ja noch ein Duo, David und der, der das jetzt managt …

Ich weiß nur, dass David Gründungsmitglied war und jetzt nicht mehr dabei ist.

Schlagzeuger damals …

Bei Gripsholm war er auch Schlagzeuger …

Aber eigentlich ist er Saxophonist, oder?

Er ist auch Saxophonist. Aber in erster Linie ist er Musikverrückter, mit so hohem Anspruch – auch an sich -, dass er auf der Platte weder Schlagzeug noch Saxophon gespielt hat, weil … es gab ja jemanden, der es besser kann. Und die Musiker, die er für die Platte geholt hat, sind wirklich ein Traum.

Natürlich sprechen wir auch über ihren Gesang. Tabatabai freut sich, dass sie diesmal nicht produziert und sich „ganz egoistisch mal aufs Singen“ konzentrieren kann. Zudem ist es ihre erste Platte komplett auf Deutsch.

Auf deiner Fanpage jasmin-tabatabai.com wirst du mit der Aussage zitiert, dass es sich auf Englisch schöner singe, da Deutsch nicht unbedingt leicht sei, und zudem schnell profan wirke. Hat sich deine Einstellung dazu mit der Arbeit an Eine Frau geändert? Immerhin ist es dein erstes komplettes Album auf Deutsch, sogar der ursprünglich französische Text von Un Homme Heureux hat eine Übersetzung ins Deutsche erfahren …

Also, „schöner“ kann man nicht sagen – und das habe ich bestimmt auch so nicht gesagt. Was ich gesagt habe und wozu ich auch stehe: Ich finde, für Popmusik und auch Rockmusik ist Englisch die dankbarere Sprache, in dem Sinne, dass in unseren Ohren „I want you“ weniger profan klingt als „ich will dich“. Es ist sicherlich schwieriger, einen guten deutschen Text zu schreiben, weil einem weniger durchgeht. Und weil die Leute viel genauer zuhören – weil es eben die eigene Sprache ist.

Und weil man ehrlicher zu sich selbst sein muss?

Vielleicht auch das – dass du noch tiefer graben musst und noch genauer sein musst, um …

… um Phrasen zu vermeiden?

Genau.

Mit dem „dankbarer“ stimme ich dir auf jeden Fall zu, aber mit dem „leichter“ … seitdem Deutsch den HipHop erobert hat und ich sehe, was man damit machen kann, vielleicht aktuell nicht mehr, aber vor ein paar Jahren noch …

Ja, es gibt auch viele, die da ganz großartige Sachen machen. Wobei sehr selten die Qualität erreicht wird, wie sie den Hits der Zwanziger- oder Dreißigerjahre innewohnt – woran das auch immer liegt.

Weil sich die Sprache generell geändert hat?

Ganz sicher auch deswegen.

Ich habe gehört, dass du im Zusammenhang mit deinem Solo-Debütalbum Only Love (2002) gesagt haben sollst, a-Moll sei für dich „der Inbegriff von Traurigkeit“, weshalb auch immer ein bisschen a-Moll in jedem Lied stecke …

Ja, es sollte ja auch ursprünglich Songs Around A-Minor heißen – und dann kam Alicia Keys! Ich war so erschüttert. Im Nachhinein habe ich mich total geärgert, ich hätte meine Platte trotzdem so nennen sollen!

In jedem Fall erweist du dich damit als Anhängerin der – heiß diskutierten – Tonartencharakterlehre. Hat dies auch Einfluss auf Eine Frau genommen?

Nein, ich habe dafür nichts geschrieben, ich bin jetzt nicht Komponistin auf dieser Platte. Live werden wir ein paar von meinen alten Sachen spielen – im jazzigen Gewand. Aber auch Banditssongs, wie Catch me.

Ich mag After You Killed Me von deinem Solo-Debüt sehr gern …

Ja, das machen wir als Swing!

Einer der Tucholsky-Songs deines neuen Albums, Augen der Großstadt, wurde vor dir ja bereits von Udo Lindenberg vertont – das Lied schaffte es 1987 auf die B-Seite von Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr, was ja zu einem von Lindenbergs größten Hits werden sollte. Kanntest du seine Interpretation – und wenn ja: Wie konntest du dich davon freimachen und einen völlig neuen, unabhängigen Zugang finden?

Ich kenne Udo Lindenbergs Interpretation nicht, aber selbst wenn, es hätte keinen Unterschied gemacht. Ich habe schon immer gerne gecovert, die Cowgirls waren ja zum Beispiel anfangs eine reine Cover-Band. Ich habe mir sehr früh angewöhnt, ganz wenig in das Original reinzuhören. Zum Beispiel bei Bandits, All Along The Watchtower, das ist eines der bekanntesten Lieder von Bob Dylan, und es gibt natürlich die berühmte Interpretation von Jimi Hendrix … Ich habe mir wirklich nur das Original von Bob Dylan ein-, zweimal angehört, um den Song zu kapieren – und dann nie wieder. Nur so kann ich meine spezielle Art, meinen eigenen Zugang zu einem fremden Text finden.

Auch, um keine Angst aufzubauen vor der übermächtigen bekanntesten Interpretation?

Also, vor Covern darf man eigentlich sowieso keine Angst haben. Wie heißt es so schön? „Wenn man auf die Bühne geht, darf man keine Angst haben etwas zu tun, weil es sowieso anders sein wird als das, was alle anderen davor gemacht haben.“

Irgendwann kommt das Gespräch natürlich unvermeidbar bei der aktuellen Situation der Musikindustrie an. Tabatabai selbst hat 2001 als Frustreaktion
auf die Behandlung der Künstler durch die Industrie ihr eigenes Label Polytrash gegründet. Und noch immer kann sie sich ereifern:

Und es ist auch so, also, die Musikbranche … und wie die mit Künstlern umgeht, im Allgemeinen ein langweiliges Thema – aber die brauchen sich auch echt nicht zu wundern!

Stimmt, aber ich denke, dass es auch da besser wird, eben weil sie gesehen haben, dass sie es so gegen die Wand gefahren haben …

Ja, zum Beispiel hat uns Edel „full artistic control“ gegeben. Das wäre vor einigen Jahren nicht möglich gewesen.

Abschließend machen wir noch einen Abstecher in Sachen jüdische Kultur:

Was man in deiner musikalischen Arbeit, wenn man jetzt die Dinge betrachtet, die du mit David gemacht hast, immer wieder als verbindendes Element findet, sind Hommagen an deutsch-jüdische Textdichter aus der Weimarer Zeit. 2005 hast du in Zusammenarbeit mit David Kleins World Quintet ein Gedicht der jüdischen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger, dass diese als 18-jährige 1942 geschrieben hat, aufgeführt; jetzt im September wirst du mit dem David Klein Quintett im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in der Synagoge Rykestraße spielen … Woher kommt dieser Bezug zur jüdischen Kultur?

Ach, den muss man jetzt gar nicht speziell haben. Die besten Textdichter der Zwanziger und Dreißiger waren nun mal jüdischer Herkunft. David ist, so weit ich weiß, selber Jude, aber das ist zwischen uns auch nie ein Thema jemals gewesen, weil es mich persönlich überhaupt nicht interessiert, welcher Religion jemand angehört.

Das wäre jetzt meine Frage gewesen, ob das etwas ist, was einfach aus dem Sujet selbst kommt.

Ich glaube schon. Es ist einfach so. Genauso wie es in Hollywood immer schon unglaublich viele kreative Leute aus der jüdischen Kultur-Szene gab und eben vor der Nazizeit auch bei uns, diese ganz tolle Kombination mit den Deutschen zusammen, die ja dann leider gewaltsam aufgelöst wurde. Und davon hat sich auch unsere Kultur nie wieder erholt. Ein Jammer.

Das vollständige Interview mit den Hintergründen zur neuen Platte sowie deren Rezension finden Sie hier.


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