26. April 2010

Obwohl ich kein Geld habe, kann ich singen!
— eine Klangverführer-Konzertkritik —

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 10:00

Seitdem meine Eltern vor ungefähr zehn Jahren beschlossen, der Haupt-
stadt den Rücken zu kehren und sich stattdessen ein Häuslein in Bernau zuzulegen, komme ich besuchenderweise so manches Mal in den Genuss
des Bernauer Musiklebens, das für eine kleine Stadt mit solch renommierten Veranstaltungen wie den Siebenklang Musikfestspielen oder dem Festival der Alten Musik ohnehin erstaunlich exzellent aufgestellt ist. Frappierend übrigens: In Berlin lähmt mich oftmals die Vielzahl der Alternativen. Da bleibe ich lieber zu Hause. Bin ich hingegen in Bernau, nutze ich jede sich bietende Gelegenheit, ins Konzert zu rennen. Mittlerweile dürfte ich mehr Bernauer als Berliner Veranstaltungen besucht haben!

Gestern Abend ging es in die eher ungewöhnliche Location „Stadtteilzentrum Bernau Süd“ – ein echter Geheimtipp. Dorthin ist es der winzigen, aber sehr engagierten russischen Gemeinde zum wiederholten Male gelungen, einen der bedeutendsten zeitgenössischen Interpreten jiddischen Liedgutes einzuladen: Karsten Troyke. Ein Abend, auf den ich mich seit Wochen freue, bin ich dem Charisma des Künstlers doch verfallen, seit ich ihn vor ziemlich genau zwei Jahren schon einmal dort erleben durfte. Seither fristet er nicht nur ein Dasein in meinem musikalischen Herzen, sondern auch an meiner Badezimmertür.


Der Mann an der Badezimmertür

So gab ich also nach der obligatorischen Sonntagshunderunde den Kopf-
hörerhund in die Obhut befreundeter Hundehalter und machte mich auf den Weg in das mit ca. 80 Menschen überausverkaufte Stadtteilzentrum. Troyke erwartete sein Publikum mit neuem Programm und altem Gitarristen –
El Aleman Jens Peter Kruse. Der ist ein Phänomen: Sieht aus, als hätte
man ihn gerade mit spitzen Fingern am Kapuzenpulli aus dem Bett gezogen, kann aber spielen wie ein Tier. Und beides ist durchweg positiv gemeint: Gerade unter Gitarristen ist ja der Menschenschlag des Posers, Stylers, Selbstdarstellers leider überproportional verbreitet. Kruse ist keiner von ihnen, und seine unprätentöse Art macht ihn nicht nur zum guten, sondern obendrein zum sympathischen Musiker. Und so ist er sich dann auch nicht zu schade, die Rolle des Ewigen Zweiten auszufüllen. Wie bei einem routinierter Fernsehmoderator und seinem Side-Kick lebt die Show in Duo-Besetzung zu einem Teil von Gitarristenveralberung – etwa, wenn Troyke sich seinem Begleiter süffisant zuwendet und dessen Spiel kommentiert: „Eh, was du da spielst, stimmt nicht!“ Die Lacher sind groß, El Aleman (er-)trägt es stoisch. In den Pausen, wo der Sänger kurz die Bühne verlässt, entführt er ein verzückt lauschendes Publikum mit seinen Eigenkompositionen wie etwa dem fast schon klassischen Gitarrenstück Esperanza kurzerhand in den Süden.

Zur Ankündigung des Konzertes schrieb ein Bernauer Lokalblatt, man wisse bei Troyke nie, wann er etwas ernst, wann ironisch meine. Das mag für die Show-Elemente durchaus zutreffen. Für die Liedinterpretationen gilt es mit Sicherheit nicht. Zentrales Thema des „>Kreisler-lastigen Abends waren auch diesmal die verschiedenen Spielarten der Heimatlosigkeit, vom launigen Ich fühl mich nicht zu Hause bis zum sehnsuchtsvollen Shir ha-noded, dem Lied der Wanderung, welches davon handelt, dass dem Sänger zwar alle Wege gehören, aber nie ein Ziel, nie ein Ort, an dem er endlich ankommen und zu Hause sein kann – selbst auf den freiesten Vogel wartet am Abend irgendwo ein Nest, auf den Wanderer jedoch nicht. Uraltes Sujet eines Volkes in der Diaspora. Und auch die Liebeslieder bergen so manches melancholische Moment: Warum kann ich dich gestern nicht mehr lieben zum Beispiel handelt von dem Wunsch, alles möge wieder so sein, wie es einmal war und natürlich auch die einst so innige Liebe, die über Nacht erkaltet ist, solle wieder so sein wie gestern.

Die ein oder andere Träne wird im Publikum verdrückt. Karsten Troyke hat
es fest im Griff. Ob bei Kreislers Nicht-arischen Arien Onkel Joschi mal wieder nichts dafür kann, sieben Mäuse und zwei Shikurim in der Kneipe auf dem Boden liegen, der Mensch weg muss, denn Eulen heulen wie die Hunde und wunde Hunde können schreien … Der gelernte Sprecher erweist sich nicht nur als starker Chansonnier – ist doch einzig die Gitarre eingestöpselt, wo-hingegen sein Organ keines Mikros bedarf und auch so mehr als raumfüllend ist –, sondern auch als großartiger Rezitator.


Halbzeit: Das, was unten liegt, ist schon geschafft.
Was oben auf dem Ständer ruht, muss noch.

Nach der Pause geht es weiter mit einem französischen Partisanenlied aus den 40-ern, wiederentdeckt von Leonard Cohen in den 1960er-Jahren und nun überzeugend wiederbelebt von Karsten Troyke: Oh, the wind is blowing / through the graves the wind is blowing / freedom soon will come / then we’ll come from the shadows! Mit viel Fingerspitzengefühl aufgemuntert werden
die Zuhörer durch eine Sektion mit drei Roma-Liedern, die dem Tenor folgen, obwohl ich kein Geld habe, bin ich reich an Liedern! Und natürlich immer wieder Jiddisches, deshalb ist das Publikum gekommen, das will es hören: Zum Beispiel ein Liebeslied des sowjetischen Poeten Itzik Pfeffer. „Es ist schon komisch mit dem Jiddischen“, so Troyke, „es ist dem Deutschen so ähnlich, doch würde man diese Texte auf Deutsch singen, sie klängen sofort kitschig!“ Kitschig indes gerät der Abend nie. Und wenn es stimmt, was jemand mal über das Hebräische gesagt hat – dass das bloße Hören der Sprache, selbst wenn man sie nicht versteht, glücklich macht -, dann trifft das definitiv auch aufs Jiddische zu.

Auch wenn ich die meisten seiner CDs – okay, ein paar gab’s mal im Tausch gegen mein Juden im Tango-Buch, aber das ist eine andere Geschichte – gekauft habe und gern mag: Karsten Troyke ist und bleibt ein Live-Mensch. Nachdem ich ihn jetzt dreimal gesehen habe, einmal davon im Rahmen
eines Tango-Klezmer-Abends zusammen mit dem Trio Sho in der Berliner Philharmonie, komme ich nicht umhin festzuhalten: Der Troyke’sche Zauber entfaltet sich so richtig erst im kleinen Kreis, im intimen Dialog mit einem Publikum, für das er sich verausgabt und das es ihm mit Standing Ovations dankt. Ja, der „Bernauer Chor“ (Troyke) war wieder aktiv. Nicht nur Gassen-hauer wie Hava Nagila erfreuten sich großer Textsicherheit; Troykes Publikum verfügt über eine überraschende Repertoirekenntnis.

Ganz besonders froh machte mich mein persönlicher Liebling Oi I’m crazy for her, a scheines liedele! Und so hat es Karsten Troyke mal wieder geschafft und mir einen Abend geschenkt, an dem ich musikerfüllt nach Hause gehe. Danke dafür!

Neugierig geworden? Bitte unterstützen Sie den Künstler, indem Sie seine Platten kaufen. Ob es nun Kreisler oder eher Tango oder lieber vergessenes jiddisches Liedgut sein soll, ganz egal – empfehlenswert sind sie alle! Zu den CDs geht es hier.

3 Kommentare zu „Obwohl ich kein Geld habe, kann ich singen!
— eine Klangverführer-Konzertkritik —


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