17. Oktober 2012

Es war nicht meine Absicht, düstere Werke zu kreieren. Anna Aaron im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 11:42

Für die Wahl von Anna Aarons Dogs in Spirit zur Platte des Monats auf fairaudio.de habe ich von Ihnen viel positives Feedback bekommen. Grund genug, noch einmal genauer hinzuschauen, was es mit den Hunden im Geiste, den Seeungeheuern und Sirenen, kurz: der fabelhaften Welt der Anna Aaron auf sich hat. Ich hatte die Gelegenheit, die Schweizer Künstlerin am 11. Oktober in Berlin zu einem persönlichen Gespräch zu treffen – über Türen, die im Körper aufgehen, je mehr man an seiner Persönlichkeit arbeitet, über die den Liebenden ausliefernde Liebe im Alten Testament und darüber, weshalb die Kunst der finale Triumph des Lebens ist.

Klangverführer: Auf deiner Platte begegnet man ja allerlei Gestalten, Seeungeheuern, Sirenen, Figuren aus der Bibel und Mythologie – und auf deiner ersten Single „King oft he Dogs“ ebenso wie beim Albumtitel „Dogs In Spirit“ Hunden. Was symbolisieren diese für dich?

Anna Aaron: Der Titel kommt von dem Satz „Selig sind die Armen im Geiste“, auf englisch heißt der ja, „Blessed are the poor in spirit“. Ich habe dann die Armen mit den Hunden ausgetauscht, weil Hunde für mich ein Symbol für Armut sind. Also, nicht für geistige Armut, sondern allgemein für Schwäche. Das habe ich nicht selber erfunden, es gibt ja beispielsweise auch den Begriff vom Underdog oder man sagt, „er ist ein armer Hund“.

Interessante Idee! Hunde werden üblicherweise ja nicht gerade als arm oder schwach dargestellt; in der Mythologie dienen sie dem Menschen als schützende Begleiter in die unergründlichen Unterwelten oder als treue Wächter des Feuers. Woher die Konnotation zu den Armen?

AA: Also, ich denke, es gibt da zwei Richtungen. Und ich bin jetzt einfach in die Richtung vom Hund als niederes Tier gegangen, wobei ich nichts gegen Hunde habe! Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass ich als Kind in den Armenvierteln Asiens war, und dort sieht man sehr oft Straßenhunde, die sind ein geläufiges Bild. Darum habe ich eher diese Art von Assoziation.

Wirst du oft gefragt, wie dieser Titel zu verstehen ist, oder ist den meisten Menschen das sofort klar?

Nein, ich habe das Gefühl, es ist nicht so einfach verständlich. Ich habe ganz allgemein das Gefühl, dass das Album nicht so zugänglich und verständlich ist, wie ich am Anfang gedacht habe. Vielleicht auch, weil ich meine eigene Mythologie, die eigene Märchenwelt im Kopf habe … Und wenn man dann etwas beschreibt, greift man auf einen Wortschatz zurück, der einem selbst ganz natürlich erscheint, mit Begriffen, die in einem selbst fest verankert sind … Wenn man das dann aber herausbringt und dann nach der Bedeutung gefragt wird, merkt man plötzlich, dass das gar nicht so offensichtlich ist.

Bleiben wir noch ein bisschen bei Titeln und Namen. Anna Aaron ist nicht dein bürgerlicher Name. Zuerst hattest du „Anna in a dotted dress“ gewählt, dann den Nachnamen Aaron zugefügt. Woher kommt die Figur der Anna? Und worauf nimmt Aaron Bezug?

Ich mag die Einfachheit des Namens Anna sehr. Und es ist ja auch so, dass dieser Name in fast allen Sprachen verständlich oder zumindest aussprechbar ist. Mit meinem bürgerlichen Vornamen ist das eher schwierig. Ich habe mich selbst einfach schon immer irgendwie Anna genannt, aber jetzt nicht als Künstlername, sondern so als geheimer Name für meine Person. Und Aaron habe ich dann als Nachnamen genommen, weil ich einfach noch einen männlichen Vornamen wollte. Es ist eigentlich gar keine große Geschichte dahinter.

Kann man sagen, es ist eine Kunstfigur, ein Alter Ego, das du da mit Anna Aaron geschaffen hast?

Das würde ich nicht so sagen. Für mich ist das irgendwie alles eins. Wenn ich zu Hause arbeite, die Lieder schreibe, dann ist das ja „Anna Aaron-Arbeit“, aber es bin ja ich, die da schreibt.

Dann lasse ich das „Kunst-„ bei „Kunstfigur“ weg und frage: Zu der Figur Anna Aaron gehört auch eine ganz besondere Bildsprache. Wenn man sich die Fotostrecke vom „Dogs In Spirit“-Covershooting anschaut, sieht man Portraits von dir, wo du mit Farbe bemalt bist oder wo kleinere Gegenstände in deinen Kopfschmuck eingeflochten sind …

… eine Maske!

Das alles macht die Fotos in meinen Augen eher selbst zu Kunstwerken als zu simplen Künstlerportraits. Verfolgen sie eine bestimmte künstlerische Aussage im Zusammenhang mit deiner Musik oder sind sie eher beiläufig entstanden?

Nein, das war schon sehr absichtlich. Ich habe mich sehr mit dieser Frage befasst – es war auch eine Riesenrecherche am Anfang! Ich habe mich gefragt, was für eine Rolle der Körper eigentlich in der Musik spielt. Musik ist ja etwas irgendwie Immaterielles, und trotzdem machen wir sie mit dem Körper – und wir nehmen sie auch mit dem Körper wahr. Dann habe ich mich gefragt, wo das zusammenkommt, das Geistige und das Physische. Und da bin ich so in Richtung Rituale gegangen, zum Beispiel die Rituale von Eingeborenenstämmen. Dabei habe ich mich eine Zeitlang sehr mit dem Körper beschäftigt, auch mit Körperschmuck, Tätowierungen oder Gesichtsbemalung. Und in diesem Zusammenhang ist mir ein Ethnologiebuch in die Hände gefallen, wo ich von einem bestimmten Völkerstamm gelesen habe, der sich, wenn er gegen Menschen in den Krieg zieht, das Gesicht anmalt. Wenn er hingegen in den Krieg zieht, um gegen Dämonen zu kämpfen, dann setzen seine Mitglieder eine Maske auf. Das fand ich sehr interessant und dachte, ich baue mir meine eigene Maske. Darum gibt es auch die zwei Bilder.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen, ja, es war mir schon wichtig, dass das einfließt, denn ich versuche, Anna Aaron nicht auf die Musik zu reduzieren, sondern alle Möglichkeiten zu nutzen, die ich habe, um meine Fragen zu beleuchten. Und da gehört das Visuelle ja auch sehr stark dazu.

Kommen wir zur Musik selbst. Viele bezeichnen dein Debütalbum als Art Pop, manche aber auch als Folk Noir bzw. Chanson Noir. In Interviews kann man aber lesen, dass du deine Musik gar nicht so düster empfindest. Wie würdest du sie beschreiben, wenn du müsstest?

Ich sage meistens: ernst, ernsthaft. Auch wenn ich sage, ich finde sie nicht sehr düster, sehe ich aber schon, dass es nicht die leichteste Musik ist. Aber es war nicht meine Absicht, düstere Werke zu kreieren. Ich habe mich einfach nur sehr ernsthaft mit gewissen Fragen beschäftigt und bin dort vielleicht ein bisschen weit gegangen.

Apropos weit: Wenn wir uns noch einmal deine musikalischen Anfänge angucken … Deine Band Aiph, die sich 2001 gegründet hat, bewegte sich mit ihrer „Revolverdisco“-EP noch irgendwo zwischen Disco und Indie-Rock’n’Roll – jetzt arbeitest du mit mehrschichtigen Chorsätzen und überhaupt mit verschiedenen sich überlagernden Stimmen, die deine Musik neben deinem starken Pianospiel dominieren. Ist sie mit dir erwachsener geworden?

Also bei Aiph war ich musikalisch sehr wenig beteiligt. Ich habe nicht viel geschrieben; und irgendwann hat jemand gesagt, eure Band ist schon gut, aber die Sängerin klingt, als würde sie in einer Coverband singen. Das war zwar hart, aber ich habe es als sehr treffend empfunden, denn genau so habe ich mich auch gefühlt! Ich habe dann auch damit aufgehört, denn es war wirklich nicht meins.

Um aber auf das Erwachsenwerden zurückzukommen: Ich denke, wenn man wächst, dann wächst man ja in allen Lebensbereichen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass die Stimme auch mitwächst mit der Persönlichkeit. Es gibt gewisse Tonlagen, die ich vor fünf Jahren nicht hätte singen können. So habe ich zum Beispiel lange gedacht, dass ich niemals eine Kopfstimme entwickeln würde und niemals würde hoch singen können. Irgendwann ist das aber, parallel zu der Entwicklung der Persönlichkeit, gegangen. Je mehr man an sich selber arbeitet als Mensch, gehen auch Türen auf im Körper.

Tatsächlich sind aber die tiefen Lagen für mich bis heute die komfortablen Zonen. Und die Herausforderung ist ja, sich ein bisschen außerhalb davon zu bewegen und nicht immer da zu bleiben, wo es einem wohl ist, sondern auch darum zu kämpfen, dass man weiterkommt. Das ist mir sehr wichtig bei der Arbeit an meiner Stimme und hat auch wieder etwas mit Erwachsenwerden zu tun: Wenn sich die Stimme entwickelt, hat man auch mehr Möglichkeiten beim Schreiben, da man damit ja an die eigenen technischen Fähigkeiten gebunden ist.

Du hast vorhin die Ernsthaftigkeit deiner Platte angesprochen. Die treffen wir ja nicht nur musikalisch an – auch thematisch wird „Dogs in Spirit“ von großer Ernsthaftigkeit beherrscht. Du greifst vielfach auf uralte Geschichten zurück, auf Biblisches und Mystisches. Kommt dieser Hang zur großen Symbolik von deinem Philosophie- und Literaturstudium, das du begonnen hattest?

Ich denke, es ist einfach meine Art zu kommunizieren. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich einfach gerne auf diese Geschichten zurückgreife, weil sie zeitlos sind und auch universal zugänglich. Zum Beispiel die Geschichte von Samson und Delilah …

… die du in deinem Song „The Drainout“ verarbeitet hast …

Genau. Das war schon vom Studium beeinflusst, denn ich habe eine Vorlesung gehört, wo es um jüdische Literatur und das Alte Testament ging. Der Dozent sagte, die Liebe werde im Alten Testament sehr oft mit einem Nachteil für den Liebenden verbunden. Wenn jemand liebt, ist er dort gebrochen, ein Opfer seiner Liebe. Er ist ausgeliefert. Und das hat mich sehr berührt, auch im Hinblick auf Samson: Der war ja der stärkste Mann im ganzen Land, hat zehntausend Männer erschlagen – und am Schluss verliert er alles wegen einer Frau. Weil er sie liebt. Ich denke, darauf können wir uns alle beziehen: auf die Liebe und darauf, dass sie schwach und verletzbar macht und uns auch ein bisschen ausliefert.

Ich habe dann gemerkt, dass mir persönlich diese Geschichten einfach helfen, egal, woher sie kommen, das muss nicht die Bibel sein. Die Seeungeheuer zum Beispiel, die mag ich sehr gern, die sind ein Symbol für die Sexualität, weil sie aus den Tiefen kommen. Sie symbolisieren das Verborgene, das Rätselhafte und sind ein sehr starkes Bild.

Das heißt, du benutzt Symbolik im Grunde, damit wir uns mit unseren alltäglichen Erfahrungen darin wiederfinden, und nicht, um dich dahinter zu verstecken …

Ja, weil ich gemerkt habe, dass mich gewisse Dinge wirklich sehr tief berühren können, weil sie vielleicht in den kollektiven Wortschatz hineinreichen …

So eine Art kollektives Menschheitsgedächtnis, das losgelöst von den persönlichen Erfahrungen einfach da ist und mit bestimmten Erscheinungen wie Worten oder Musik wachgerufen werden kann?

Genau, das wäre dann ja das Stichwort zum erstzitierten Beispiel „The Drainout“. Ich finde die Kraft, die das hat, sehr interessant.

„The Drainout“ besticht ja auch durch unglaublich zärtliche Momente – in denen untergründig aber auch immer Gewaltiges oder gar Gewalttätigkeit schlummert. Gehört das zwingend zusammen, das Schöne mit dem Negativen, oder, anders gefragt, kann man das Schöne nur dann wirklich genießen, wenn man auch das absolut Unschöne kennt?

Ich hatte einen ziemlich frappanten Moment, als mir die Masterversion von „Dogs in Spirit“ zugeschickt wurde. Ich habe sie im Zug gehört, und bei einem Stück hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich mein Leben höre. Wie es nicht besiegt worden ist. Als würde mir die Musik sagen, ich bin nicht gestorben, sondern ich lebe und ich drücke mich aus. In dem Moment habe ich verstanden, dass die Kunst wirklich der Triumph des Lebens ist. Egal, wie vereinzelt wir sind, oder auch wie todesnah die Inhalte unserer Kunst – in dem Moment, in dem wir Kunst machen, leben wir. Und seit diesem Moment bin ich sehr streng mit mir selber geworden, wirklich auf das Leben zu pochen – auch, wenn es mal unangenehme Inhalte hat. Mit geht es um das Leben. Aber die Freude am Leben wird anders, wenn man einen Preis dafür bezahlt, wenn man gelitten oder etwas durchgestanden hat. Dann bekommt die Freude eine gewisse Tiefe, weil man weiß: Ich muss mich dran festhalten, das ist existenziell für mich.

Um noch einmal auf „The Drainout“ zurückzukommen: Das Lied war ja auch schon auf deiner selbstproduzierten 7-Track-EP „I’ll Dry Your Tears Little Murderer“ vertreten. Für die Menschen war der Song so besonders, dass er seitdem oft mit der Musik von Tom Waits verglichen wurde. Was macht ihn für dich so besonders, dass du dich entschlossen hast, ihn auch noch einmal auf dein aktuelles Album zu nehmen?

Das war gar nicht meine Idee. Mein Produzent fand das Lied so toll und wollte es unbedingt noch einmal aufnehmen mit Eric Truffaz …

… dem Jazztrompeter! Du hast aber gerade deinen Produzenten angesprochen: Deine EP hast du noch selbst produziert, bei „Dogs in Spirit“ hast du die Produzentenzügel aus der Hand gegeben …

Ja, das ist immer ein Zwiespalt. Einerseits bin ich sehr eifersüchtig und gebe meine Lieder nicht gern aus der Hand, gleichzeitig merke ich, ich muss an meinem künstlerischen Selbstvertrauen arbeiten, also, dass ich wirklich an meine Ideen glaube und darauf vertraue, dass ich weiß, wie es gemacht werden muss. Als junge Künstlerin kann man sich schnell einschüchtern lassen, wenn man von Leuten umgeben ist, die zwanzig Jahre mehr Musikerfahrung haben und hunderttausend Platten mehr kennen als man selbst. Dann hat man schnell das Gefühl, ich weiß eigentlich gar nicht, was gut klingt und was nicht. Aber Marcello Giuliani hat sich sehr viel Zeit genommen, und ich habe das Gefühl gehabt, dass er meine Demos sehr verstanden hat. Darum habe ich mich jetzt auch nicht so gefühlt, als würde man mir die Zügel aus der Hand nehmen.

Marcello Giuliani ist ja auch der Produzent von Sophie Hunger, mit der du auch oft verglichen wirst. Wie gehst du mit solchen Vergleichen um?

Mir fällt das gar nicht so auf. Ich denke, Vergleiche und Assoziationen sind einfach ein Teil der Art des Menschen, Dinge wahrzunehmen. Sogar, wenn ich jetzt den Apfel hier esse, grenze ich ihn ab von einer Banane, finde ihn eher einer Birne ähnlich … Das ist ein Teil vom menschlichen Verstehen, und darum finde ich es ganz normal, dass verglichen wird.

Das heißt, du gestehst den Leuten ihre Vergleiche zu, um dich einordnen zu können, lässt dich davon aber nicht unter Druck setzen?

Nein, weil ich die meisten Künstler, mit denen ich verglichen werde, selber gar nicht kenne. Und es interessiert mich auch nicht.

Gibt es aber dennoch eine Art Vorbild, jemand, an dem du dich künstlerisch orientierst oder der dich inspiriert?

Mir ist es ja immer um das Überschreiten von Grenzen zu tun, und darum gibt es mir viel Kraft, wenn ich auf Künstler stoße, die mutig sind, Kate Bush, David Bowie – ich mag die Achtziger-Jahre! Und ich schätze Künstler sehr, die einfach aus sich selbst schöpfen und bei sich bleiben können, die ihre abgeschlossene Seifenblase haben und ihre Kunst in ihrer eigenen Welt kreieren.


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