18. Mai 2013

Schön, dass es so etwas gibt!

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 16:28

Treue Klangblog-Leser werden es kaum glauben, und auch ich würde mich damit schwertun, hätte ich nicht mit eigenen Ohren gehört, dass dieser empathische Ausruf, den ich mir nach meiner ersten Überraschung gleich mal für die Überschrift ausgeliehen habe, keinem Geringeren als Mr. Böse Zunge himself, sprich: Bassplayerman, entfahren ist.

Schuld daran war mal wieder der Bossa Nova, der gestern Nacht in Form von Louise Gold und dem Quarz Orchestra das üblicherweise harten Cow-a-billys vorbehaltene Bassy sanft überrollte, und das, obgleich der Abend irritierend genug begann, mit einem Barkeeper, der sich Sorgen um die Leber seiner Gäste machte, einem hirnerweichenden Siebziger-Jahre-Softporno-Marathon – sollte sich der Beginn des Konzertes doch um ungeplante anderthalb Stunden verschieben – auf der Clubwand, bei dem man autounfallgleich einfach nicht weggucken konnte, und einer, als es (kurz bevor man uns mit einer sicherlich exquisiten Auswahl aus der „Mexicana“-Reihe der hauseigenen Cinemathek beglücken wollte) gegen Mitternacht dann endlich losging, meinerseits völlig unerwarteten Bourlesque-Künstlerin als „Vorprogramm“, die sich letztlich jedoch nicht nur als ganz niedlich erweisen sollte, sondern auch ein tolles Beispiel dafür war, dass normal- bzw. nach heutigen Maßstäben leicht übergewichtige Frauen ebenfalls ein gerüttelt Maß an Sinnlichkeit versprühen können.

Da tut die unterkühlte Erotik von Louise Gold als Kontrast jedenfalls dringend Not – und gut. Denn dann endlich spielt man sich, trotz „kleiner“ Besetzung im Sextett, für die sich Hans Quarz im Vorfeld bestimmt dreimal – und obendrein völlig überflüssigerweise, denn seiner Posaune allein gelingt es, einen ganzen Bläsersatz zu kompensieren – entschuldigt hatte, bravourös durch einige der schönsten Stücke von Debut, lässt aber auch Altes und Brandneues hören. Völlig egal, ob Bossa Nova …

… Swing …

… oder der Umgebung angepasster Rockabilly – in diesem Falle: das Elvis-Cover That’s Alright, Mama mit Ukulelen-Begleitung und Retro-Gitarrensolo – …

… da stehen sechs Leute, die wissen, was sie tun. Ob nun Thibault Falk an den Tasten brilliert, Florian Segelke den Django Reinhardt gibt, Gold die spröde Diva mimt oder Quarz seine Musikerherde schäferhundgleich zusammenhält – das freut nichzt nur den Kritiker, sondern auch die feierwütige Meute, die wild tanzt. Bass und Schlagzeug sind in dem extrem dichten Bandsound stellenweise kaum als eigenständiger Beitrag auszumachen – und bereiten dem Ganzen doch den Boden. Das Erstaunlichste aber ist die Stimme von Louise Gold, denn live offenbart sich, dass ihr spezieller Klang nicht der Retro-Studiotechnik geschuldet ist. Dieser leicht angezerrte, klassisch-jazzige Sound, der eigentlich nur entsteht, wenn man in ein Bändchenmikrofon singt – der kommt bei Gold einfach so aus der Kehle, auch wenn sie ein strunznormales Shure SM58 vor dem Mund hat.

Damit meistert sie nicht nur souverän die Stücke, die eigentlich für die Tentett-Besetzung gedacht sind, wie beispielsweise Footloose Fancy-Free oder meine persönlichen Lieblinge Boys Are Heroes und – den hier hier leider ob eines übereifrigen Tänzers leicht verwackelten – Tillerman and Comrade

… sondern auch die große Ballade Hush! Hush! Sweet Baby, mit der ich mich anfänglich noch schwertat, die es aber mittlerweile ebenfalls in den Kreis meiner persönlichen Favoriten geschafft hat und deren Darbietung mich heute Nacht einmal mehr an die Opern-Version von Gershwins Summertime erinnert. Los wird man die Stücke ohnehin nicht mehr, denn wie schon bei der Platte tritt auch nach dem Konzert der Goldquarz-Effekt ein, dass man die Stücke noch die ganze Nacht über immer und immer wieder im Kopfrekorder abspielt.

Findet man dann zu Hause noch einen friedlich schlummernden, seinem Namen alle Ehre machenden Lina Liebhund vor, der sich nicht innenarchitektonisch betätigt, ja, nicht einmal das kleinste bisschen randaliert hat, während man ihn allein gelassen hat, dann kann man sich Bassplayerman nur aus vollem Herzen anschließen: Schön, dass es sowas gibt!

20. Juli 2011

Out of India: ein sehr meditativer Abend mit Tanpura, Tabla und Bassplayerman

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 09:02

Bassplayerman ist von seinem mehrwöchigen Indienaufenthalt zurück und hat ein paar nette elektronische Spielereien mitgebracht. Fasziniert vom Klang der Tanpura, einer Langhalslaute, die traditionell als Borduninstrument verwendet wird und dabei einen obertonreichen Sound erzeugt, sollte diese eigentlich seine umfangreiche Gitarren- und Bass-Sammlung ergänzen – allein, das mit einer Höhe von 140 bis 150 Zentimetern riesige Instrument ließ sich nicht so recht ins Flugzeug verfrachten. Zum Trost kaufte er den Swarangini Digital – eine elektronische Tanpura, die von indischen Bands gern – hübsch versteckt in einer Tonvase – im Hintergrund eingesetzt wird. Ein tolles Ding, welches mich wohl nicht von ungefähr an meinen kleinen Buddha Player erinnert.

Mit einem Gewicht von nur 600 Gramm und den kompakten Maßen von 18 x 10 x 9 cm war dann noch Platz für den Riyaz Master Pro, eine elektronische Tabla – im Original ein nordindisches Perkussionsinstrument mit erstaunlich großem Klangspektrum. Das ist auch in der Electro-Version erhalten geblieben, die jedoch mit ihren 1,4 Kilo und 17,7 x 9,7 x 12,3 Zentimetern darüber hinaus echt fluggepäcksfreundlich ist. Auch wenn er über vier Regler verfügt – Volume, Balance, Tempo & Pitch -, ist es eigentlich nur Letzterer, mit dem man Musik machen kann, will man das elektronische Tabla-Maschinchen als Solo-Instrument verwenden.

Nun, was soll ich sagen? Es wurde spät, der ein oder andere Gin Tonic ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig: Hier ist unsere erste „Komposition“ – schließlich muss man sich bei den neuen Nachbarn ja gleich mal so richtig beliebt machen … Viel Spaß!

3. April 2011

Sound erdrückt Songs: Generat feiern im Pfefferberg Premiere & Albumrelease

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 21:44

Wenn Generat mit ihren Chansons noirs modernes loslegen, ist das nichts für latent Depressive, Suizidgefährdete oder von anderen Schwermutsdämonen Gequälte. Dachte ich, denn ich hatte mich davon schon auf ihrer 3-Track-Promo-CD überzeugt, die mich vor allem mit der düsteren Berlin-Hommage Bye Bye Berlin begeistert hat – wobei man „Begeisterung“ hier nicht im Sinne von Jubel, Fanfaren und Fanchöre verstehen darf, sondern von einer stillen Freude über dieses schöne Lied.

Gestern Abend nun sollte es die traurigen Töne im Pfefferberg erstmals live geben – genau hierauf war ich gefasst. Auch ein Gespräch mit Generat-Schöpferin Kathy Kreuzberg ließ einen Abend voller Drama, Wahnsinn und Tristesse erwarten. Was dann aber tatsächlich folgen sollte, hatte mit der in Aussicht gestellten Fahrt in die menschlichen Abgründe nichts mehr gemein.

Erst einmal aber ist Frank Viehweg dran, seines Zeichens Liedermacher, Textautor und Nachdichter. Statt des Nietzscheschen Imperativs „Werde, der Du bist“, heißt es bei ihm abenderöffnend: „Kann doch sein, dass wir noch werden, wer wir waren“. Viehweg attestiert der modernen Zeit, „hier, wo ich lebe, komm ich nicht mehr an“, und ich beginne, den Abend zu genießen. Schließlich ist dies nicht nur Lamento der älteren Generation, sondern berührt auch all die, die sich in der schnellen bunten Logowelt aus welchen Gründen auch immer deplaziert fühlen. Als „seltenen Vogel zwischen den Welten“ bezeichnet sich der Dichtersänger, der den Ton nicht träfe, sollte er mit den Wölfen heulen.

Nach diesen melancholisch-wehmütigen Reminiszenzen kommt Vieweg in der Liebesliedsektion des Abends an; und hier läuft er zur Hochform auf. Wortschöpfungen wie „Liebeshaltungskosten“ (Neunzehntes Liebeslied) kommen beim Publikum gut an, und der „Schambehaarungsshampoonierer“ aus Alles, was ich kann ist der Brüller schlechthin.

Sehr eindeutig geht es in dem Song weiter, in dem man sich gehetzt die Kleider fortnimmt und dann so allerlei Dinge miteinander treibt, die man als feinsinniges Publikum in dieser Deutlichkeit (ich sage nur: ein Pfahl und Glocken spielen eine große Rolle) vielleicht doch nicht hören möchte. Das ist die Tragik mit deutschen Texten: Man versteht auch das, was man nicht verstehen will – zumal Viehweg über eine klare Aussprache verfügt. Bei Das Problem, einem Sechsachtler über Träume, die man nicht über seine Pläne vergessen solle, hätte ich mir eine Latin-Gitarre gewünscht. Ernsthaft zu meckern habe ich allerdings nichts. Was Viehweg da produziert, ist solide. Der Mann hat eine klare Botschaft, setzt sich hin, nimmt eine Gitarre in die Hand und verkündet sie. Punkt.

Leider aber rückt die Botschaft im weiteren Verlauf des Liederabends – der mit zwölf Stücken den Rahmen eines Vorprogramms dann doch arg überstrapaziert – zunehmend in den Vordergrund. Spätestens bei Martinas Lied offenbart sich eine ganz fürchterliche Gesinnungs- und Betroffenheitslyrik, die es seit den späten Siebzigern so eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Begriffe wie Panzer, frisch verminte Felder, Bruderkrieg, ausgesetzte Babys und um ihre gefallenen Väter weinenden Kinder dominieren die Texte. Niemand streitet ab, dass es all diese Dinge gibt. Sie werden aber auch nicht davon verschwinden, dass man sie noch einmal besingt. Auch mit dem letzten Stück reißt Viehweg das Ruder nicht noch einmal herum, sondern mäandert weiter durch den mittlerweile monothematischen Kosmos. Es scheint, als habe er sich erst jetzt so richtig warm gesungen. Warum kriegen wir zum Abschluss nicht noch so etwas wie Alles, was ich kann zu hören? So hätte ich Viehweg gut – und gern – in Erinnerung behalten. Das hatte Wortwitz, war schon fast virtuos! Stattdessen bekommen wir noch ein Pioniernachmittags-FDGB-Heim-Ferienlagerlied vorgesungen. Schade. Es fing doch eigentlich ganz schön an.

Schade ist das Motto, unter dem der Abend auch weitergehen soll. Was wir im Folgenden dargeboten bekommen, ist in erster Linie eine Überraschung. In zweiter Linie Irritation, in dritter Ärgernis: Das hier ist weder Volksbühne noch SO36 – und es ist definitiv kein Chanson, der sowohl Kreuzberg als auch ihren Kompositionen viel besser gestanden hätte. Vielmehr findet sich das Publikum einer unglücklichen Mischung aus Musical und Rockoper ausgesetzt. Die überladenen Arrangements erdrücken Kreuzbergs Songs, ganz zu schweigen von ihrer Stimme. Wer nicht wie wir das Glück gehabt hat, vor der Show von der Sängerin über das mythologische Konzept des Programms aufgeklärt worden zu sein, hat keine Chance, es zu verstehen.

Mehrere Dinge sind hier schief gelaufen: Zum einen die theatralische Präsentation der Songs durch Kreuzberg selbst, die zeitweise trotz aller zierlichen Kulleräugigkeit unfreiwillig komisch ist, zum anderen – und das ist das Hauptproblem – die Arrangements der Lieder, die einfach nicht zu diesen passen. Ohrenfällig wird dies vor allem bei den Songs, die ich schon kenne, Asche zu Asche und Grauer alter Mann. Was auf der CD im Vergleich zur Show schon fast wie eine Akustikversion daherkommt, still und schön ist und vor allem berührt, wird hier durch das bombastische Arrangement mit einer kreischenden E-Gitarre von Leander Reininghaus und einem beständig Achtel spielenden Christian Schönefeld, der so tut, als gäbe es keine Band und er müsste diese im Alleingang am Piano substituieren, schlicht erdrückt. In dieser Form berühren die Lieder Kreuzbergs nicht mehr. Und das ist einfach wahnsinnig schade, denn diese Lieder haben mehr verdient.

Diese Lieder brauchen keinen Bombastrock à la Marillion. Diese Lieder muss man pur hören. Das einzig Gute: Dank des überladenen Arrangements deprimieren diese Lieder niemanden mehr. Allerdings hört auch niemand mehr ihre Schönheit. Und schön sind sie, auch wenn sich einem die Poesie Kreuzbergs nicht unbedingt sofort erschließt. So beispielsweise könnte Straßenbahn des Todes trotz des zunächst makaber anmutenden Titels *eigentlich* ein schönes Lied sein. Hier wird es durch einen Pianisten, der zu viel Musical gehört zu haben scheint und in Mamma Mia-Manier begleitet, ruiniert. (Gut, diese Pianobegleitung ist schon auf der CD so angelegt. Das macht die Sache aber nicht besser.) Paavo Günther am Schlagzeug ist ohnehin schon den ganzen Abend viel zu laut und zieht – abgesehen davon, dass er die mit Abstand ärgerlichsten Sachen spielt (unter anderem eine fürchterliche Double Bass Drum) – die ganze Band mit hoch. Der einzige der Musiker, der nicht nervt, ist der Bassist – und zwar deshalb, weil man ihn schlicht nicht hört. Der hat sich hinter seinem Apple Book verschanzt und ward fortan weder gesehen noch gehört.

Wer bislang geglaubt hat, dass gute Songs zur nichts kaputt zu kriegen sind, wurde mit diesem Abend eines Besseren belehrt. Was dieser Show fehlt, ist ein musikalischer Direktor, ein Producer mit einer klaren klanglichen Vision – dann kann das hier ganz großartig werden, davon bin ich überzeugt. Aktuell ist es in erster Linie sehr laut. Nicht einmal bei der Schlussansage Kreuzbergs beweisen die Musiker genügend Feingefühl, die Lautstärke wenigstens etwas zu reduzieren. Zudem ist das Programm mit ungefähr zwei Stunden Spielzeit viel zu lang. Es gewänne deutlich an Tiefenschärfe, würde man es auf die Hälfte der Zeit kürzen.

Die ganze Tragik des Abends, die nicht die erwartete thematische, sondern eine ebenso unerwartete wie unwillkommene musikalische war, offenbart sich in meinem Lieblingsstück Bye Bye Berlin. Dies gehört nicht zu dem Programm, sondern speist sich aus einem persönlichen Erlebnis Kreuzbergs. Es wird als Epilog aufgeführt, und endlich tritt Kreuzberg aus ihrer Rolle hinaus und wir bekommen einen Eindruck davon, wie es hätte sein können. Bye Bye Berlin wird nur von Kathy Kreuzberg und dem Pianisten intoniert und ein Zauber beginnt sich auszubreiten. Leider macht sich die Band schon bald spielfertig, und als sie einsetzt, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wo vorher reine Schönheit herrschte, dominiert nun Hau-Drauf-Suppe. Der Schlagzeuger rumpelt auf maximal Bierzeltniveau, es ist wirklich ganz unglaublich! Hier leben die Achtziger- und Neunzigerjahre mitsamt ihren musikalischen Formen wieder auf, von denen man geglaubt hatte, sie würden in Frieden ruhen und hoffentlich nie mehr auferstehen.

Um die gescholtenen Musiker etwas zu entlasten: Diese Arrangements sind im Kern schon auf der CD so angelegt. Das verführt live natürlich. Man hätte es allerdings genau umgekehrt machen und die Lieder live nackt und entkernt vorstellen können. Das wäre in jedem Falle spannend geworden. Leider nämlich klingt auf der CD Rockoper als Genre ebenfalls schon ab dem ersten Track, Genesis, durch. Im Gegensatz zur Live-Show werden die Lieder aus der Feder von Kathy Kreuzberg hier aber vor allem von der Akustikgitarre Jordi Kuragaris getragen, und auch die Produktion lässt der Stimme Kreuzbergs Raum. Ob Elemente wie das Gitarrensolo auf Asche zu Asche nun wirklich sein müssen, sei dahingestellt – zumindest ufern sie auf der CD im Gegensatz zum Live-Programm nicht aus. Lieder wie Grauer alter Mann funktionieren in jedem Falle auch ohne den mythologischen Unterbau des Programms und können auch zu Hause als Liedermacherstücke rezipiert werden – immer mit einem gehörigen Schuss 80er-Rock und auch Schlager.

Es verwundert wohl kaum, dass ich mich immer noch schwer tue damit, das Gehörte dem Genre „Chanson“ zu subsumieren. Als Musical würde es funktionieren – ganz offensichtlich wird das bei der Ballade vom Mauerblümchen. Und unter dem Label „Musical“ würde das Programm auch das richtige Publikum anziehen. Das geschmackssichere Chanson-Publikum hingegen muss hier zwangsläufig enttäuscht sein.

Hochgradig irritierend ohne die begleitende Show ist dann aber auf jeden Fall das Weihnachtslied Leise rieselt der Schnee – möchte man so etwas im April auf der heimischen Anlage hören? Der Wahnsinnswalzer Pokerspieler ist eine gelungene Ausnahme. So stellt man sich finsterstes Kabarett vor, guter Text, gut gesungen, gut arrangiert. Doch gleich darauf folgt wieder ein mit einer Rezitation beginnendes Stück. Die gesprochenen Texte sind für zu Hause schwierig, die gehören ausschließlich auf die Bühne. Dabei ist Umgekehrt ein durchaus interessantes Stück, für das ich mir ein bestimmtes Publikum gut vorstellen kann. Hier klingen auch tatsächlich Chansonelemente durch. Weshalb zum Ende der verzerrten E-Gitarre wieder eine solch prominente Rolle eingeräumt wird, bleibt wohl das Geheimnis von Kreuzberg. Kreise zieh’n ist wieder eine klassisch-überproduzierte Musical-Ballade (oder ist das hier schon Schlager? Richard Clayderman trifft Claudia Jung?), angesichts derer ich gern in einen Adorno’schen Kulturpessimismus verfallen möchte. Der Wind erzählt ein altes Lied bringt das Dilemma auf den Punkt: Ein an sich traumschönes Lied, bis kurz nach dem ersten Drittel eine völlig unnötige und übermotivierte Band einsetzt, die dem Lied keinen weiteren Aspekt hinzufügt, sondern ihm vielmehr viel von seiner Bedeutung nimmt, und man möchte sich fragen, was zum Geier soll das?!

Weshalb also die CD trotzdem kaufen? Nun, es gibt da einen Song, dessen erste Takte an Lionel Richies Hello erinnern, der sich aber schon bald als Bye Bye Berlin entpuppt. Lloyd-Webber tritt hier wohltuend in den Hintergrund, wenngleich er – zumindest in den Strophen in Gestalt vom Phantom der Oper und daraus: Wishing you were somehow here again – überall latent lauert. Der Refrain aber setzt sich sofort im Kopf fest, und klingt dort schon nach einmaligem Hören noch tage- und nächtelang nach. Wenn sich gute Musik dadurch definiert, dass sie die Menschen berührt, dann ist das hier ein gutes Lied, ein sehr gutes sogar. Vielleicht, weil die Künstlerin hier von ihrem ganz persönlichen Schmerz singt und sich nicht hinter einem konstruierten Mythos versteckt. Ich liebe diesen Song – davon will ich mehr! Da verzeihe ich sogar die Bombast-Rock-Einlage ab Minute 4.40, hier geht sie eher in Richtung Jennifer Rush oder Robin Beck, wird aber von der wunderschönen Melodie des Refrains wieder aufgefangen. Dieses Lied unplugged und Kathy Kreuzberg hätte in mir einen Fan fürs Leben gewonnen.


Endlich nicht mehr in der Rolle. Nicht nur das Haar löst sich

Zwei Tracks gibt es noch, zum einen Phoenix, der im luftigen Bossa-Schlager-Gewand daherkommt. Das würde ich privat jetzt nicht unbedingt hören, ist aber völlig in Ordnung. Und einen Hidden Track, der komplett auf die Band verzichtet und Kreuzbergs Stimme nur mit Klavier untermalt. Das spielt zwar auch hier die wohl unvermeidlichen Achtel, aber nichtsdestotrotz bekommt man einen Eindruck davon, wie es sein könnte.

13. Februar 2011

Zuviel Appeal – Klangverführer auf Premierenbesuch beim Trio Ohrenschmalz

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 14:40

Eine Kollegin von mir kennt die Geigerin. Die wohnt in einer sehr lustigen WG. Dort gibt es manchmal auch sehr lustige WG-Parties. Bei einer davon gab sie – also die Geigerin, nicht die Kollegin – gemeinsam mit ihren beiden Mitmusikern ein spontanes Wohnzimmerkonzert. Die Kollegin war begeistert und erzählte mir davon. Ich hörte daraufhin auf der Website des Trios mal hinein, war auch begeistert und erzählte Bassplayerman davon. Der hörte rein und war wiederum begeistert … Und so also sitzen wir hier und warten darauf, dass die Premiere von Zu viel Appeal beginnt.

Zu viel Appeal, das ist das neue Programm vom Trio Ohrenschmalz – eines sympathischen Dreiergespanns junger Musikstudenten, genauer: Sänger Julius Hassemer, Geigerin Angelika Feckl und Pianist Stefan Haberfeld, der gleichzeitig als Komponist und Texter des Trios auftritt. Es geht um eine
Frau mit – klar – zuviel Appeal – und zwei um sie buhlende Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, Besserwisser gegen Schwerenöter. All das im Stil der Zwanziger- und Dreißiger-Jahre, denn dort fühlen sich die drei zu Hause. Und so gehören nicht nur einige der Klassiker jener Zeit in das Repertoire des Trios, wie beispielsweise Friedrich Hollaenders Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre oder Auf Wiederseh’n, leb’ wohl, das vor allem durch die legendäre Abschiedskonzertszene in Vilsmaiers filmischer Verbeugung vor den Comedian Harmonists auch der MTV-Generation ein Begriff ist, sondern auch die Eigenkompositionen Haberfelds, die dem damaligen Stil täuschend echt nachempfunden sind. Schließlich passen die Zwanziger so gut zu den Dreien „wie Zucker zum Kaffee“, weshalb es in Haberfelds programmatischem In den 20ern dann auch heißt:

    Wir drei sind in den Zwanzigern, vom Scheitel bis zum Schuh
    wir trinken Absinth und wir tanzen gern und spiel’n Musik dazu
    Wir schmalzen und wir swingen, das ist eine Sensation
    wir sind die neue Generation Grammophon

Und tatsächlich werden die Zwanziger (oder zumindest das Bild, das man sich heute von ihnen macht) schlagartig lebendig, wenn Stefan Haberfeld in seiner Rolle als hochgebildeter, aber weltfremder Musikprofessor die Bühne betritt und, gleichsam den Conferencier gebend, in die Handlung einführt. Zugegeben, es ist ein schwieriges Genre. Das, was Trio Ohrenschmalz da auf der Bühne veranstalten, wird im allgemeinen als Kabarett, als Kleinkunst – ein schreckliches Wort, denn die Kunst der Leute, die sie betreiben, ist zumeist alles andere als klein – oder gar als Revue nach Art von Max Raabe und seinem Palast Orchester bezeichnet. Und das ist schade, denn diese drei kann auch jeder mit großer Belustigung sehen, der nicht der typische Kabarett-Gänger ist oder Teil der Schellack-Charleston-Bubikopf-Szene à la Bohème Savage (die by the way nahezu vollzählig erschienen ist). Und auch einer bestimmten Altersgruppe muss man nicht angehören, um sich am Trio Ohrenschmalz zu erfreuen: Im Publikum sitzen solche, die die Zwanziger (na gut, sagen wir, die Dreißiger) tatsächlich noch selbst miterlebt haben dürften, friedlich neben solchen, die selbst erst in ihren Zwanzigern sind und sich von diesem sagenumwobenen Jahrzehnt nicht nur angezogen fühlen, sondern versuchen, selbst eine Art Flapper-Lifestyle dort wieder aufleben zu lassen, wo er auch damals blühte und gedieh – in Berlin. Dazwischen ganz normale Kulturhungrige.

Spätestens bei der vierten Nummer des ersten Teils des Abends, Der Männer Eitelkeit, hat Trio Ohrenschmalz auch das heutige Publikum auf seiner Seite. Der Saal brüllt vor Lachen, und nicht wenige Herren dürften sich in dem pointierten Text Haberfelds wieder erkannt haben: Da hat man(n) einfach keine Zeit, weil er von Konferenz zu Meeting zu Termin hetzt, schon längst im Flieger sitzen sollte und ohnehin nicht weiß, wie er das alles schaffen soll – nur dass dies keine Klage, sondern eine Prahlerei ist, für die SIE ihm aufrichtige Bewunderung zollen soll. Auch so manche Dame im Publikum nickt wissend …

Haberfeld, selbst hochvirtuoser Pianist, hat für seine Lieder die perfekte Besetzung gefunden. Noch nie habe ich solch eine weibliche Geige gehört, wie beispielsweise auf Lauter Lügen, die flüstert, schöntut, kokettiert und zickt und launt, dass es eine Freude ist – und das auf technisch höchstem Niveau. Hassemers Gesang ist ohnehin über jegliche Kritik erhaben; zudem ist er ein großartiger Interpret, dem man seine ungeheure Spielfreude anmerkt. Jede einzelne Silbe bekommt hier exakt die Emotionsnuance, die sie verdient. Das beispielsweise vermisse ich an den eher distanzierten Interpretationen Max Raabes, der sich ja demselben Genre verschrieben hat. Julius Hassemer hält selbst im dramatischsten Augenblick ein Augenzwinkern in der Hinterhand – und das, ohne sich dabei von seinem Sujet zu distanzieren. Besonders augen-, nein, ohrenfällig wird dies, wenn man die Interpretationen von Auf Widerseh’n leb wohl von Raabe und Hassemer miteinander vergleicht.

Doch trotz aller in petto gehaltenen Ironie vermag der junge Sänger nicht nur Lachsalven zu provozieren, sondern auch zu Tränen zu rühren. Der greise Herr, der während der Konzertes neben mir sitzt, hat bei Auf Widerseh’n leb wohl echte Tränen in den Augen, die er sich verstohlen abwischt. Ansonsten aber konnte der zweite Teil des Abends nach den ersten vier Liedern – darunter die Premiere von Vergissmeinnicht und, ganz großartig, Mein Mädchen und ich geh’n nach Haus – nicht an den ersten anknüpfen. War der erste Teil in sich rund, die Geschichte stringent und schlüssig, scheinen nach der Pause eher Versatzstücke zu dominieren; und es ist sicherlich nicht hilfreich, dass das Trio auf dem dramatischen Höhepunkt der Story, der einige stille Momente verlangt, gegen die draußen tobende Berlinale-Party ankämpfen muss, die für ungefähr zwanzig Minuten auch im Saal 101 im dritten Stock überdeutlich zu hören ist.

Charmant ist im zweiten Teil allerdings die Präsentation allerlei musikalischer Taschenspielertricks, so zum Beispiel die soeben an Vergiftung verstorbene Bühnenrolle Haberfelds, die aus der Liegeposition heraus weiter am Klavier begleitet (und das erstaunlich gut), oder die zum Mini-Akkordeon wechselnde Feckl, die kurz vorher auf ihrer Violine noch zur großen Ergötzung des Publikums quietschende Bettfedern imitiert. Ansonsten kommt die Geigerin in Zu viel Appeal leider etwas kurz. Klar, das liegt an der Rolle. Sie ist das Objekt, um das die Männer kämpfen. Die Männer agieren, buhlen um sie, produzieren sich – sie ist einfach nur da, und nur selten hat sie eine tragende Rolle in der Story. Sie könnte ebenso gut ein Bild an der Wand sein, denn die Show ist ganz klar auf den Schlagabtausch zwischen Sänger und Pianist ausgerichtet. Die Männer aktiv, die Frau passiv. Den einen oder anderen Moment hätte ich mir gewünscht, wo auch Feckl die Geschichte selbstständig vorantreibt, etwa in einem kurzen Monolog zu Wort kommt oder dergleichen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir jammern hier auf hohen, ja: höchstem Niveau, denn auch dieser zweite Teil ist um Klassen besser als so vieles, was ich in dieser Richtung schon gehört und gesehen habe. Nur hat das Trio Ohrenschmalz mit dem ersten Teil den Maßstab selbst gesetzt. Und der ist nun Mal … ich wiederhole mich hier gern … enorm hoch. Lange habe ich nicht mehr so etwas Intelligentes, Lustiges und Gutgemachtes gesehen. Punkt.

Es macht immer Spaß, wenn Leute etwas können. Wenn sie darüber hinaus noch Humor haben, der auch beim Publikum funktioniert, und sich von mir aus auch erstreckt vom billigen Kalauer, der ob einer guten Pointe nicht ausgelassen werden kann (auffällig dominieren in dieser Dreiergeschichte die Schnwanzvergleichsanspielungen der Herren), bis zum musikalischem Insiderwitz, ist es umso besser. Der Stoßseufzer „Es ist wie G-Dur – ein Kreuz“ fällt wahrscheinlich in beide Kategorien …

Ein hübscher Überraschungseffekt zum großen Finale ist Von Z bis A, eine Art Medley, bei dem alle Songs des Programms noch einmal in umgekehrter Reihenfolge im Schnelldurchlauf anklingen, ganz so, als würde man einen Film zurückspulen. Das Publikum tobt und fordert die Künstler durch anhaltenden Applaus immer wieder heraus. Es gibt zwei Zugaben; die letzte wird trocken kommentiert mit: „Wir sind gerührt – aber vorbereitet!“

Nach der Show ist das Publikum lädiert und zerzaust, das Augen Make-up der Frauen vor Lachtränen verwischt, die Männer verschwitzt und glühend; und mir selbst sind vor Lachen die BH-Häkchen aufgesprungen, ich muss mich erst einmal restaurieren gehen – und bin damit nicht allein, wenn ich mir die Menschentraube vor dem Spiegel der Damentoilette so anschaue. Fazit: Das Trio Ohrenschmalz hat die verdammte Bude gerockt; der Saal mit einer Aufnahmekapazität von 200 Leuten war über-ausverkauft, manche mussten stehen, und das taten sie gern. Wer schlau war, nahm die CD Zuviel Appeal, die auch am selben Tag ihre Premiere feierte, gleich mit.

Ich hätte gedacht, dass diese CD nur funktioniert, wenn man auch die Show gesehen hat. Als nette Reminiszenz, sozusagen, die die gesehenen Bilder wiederbringt. Aber weit gefehlt! Schließlich enthält Zuviel Appeal auch Lieder, die nicht Bestandteil der Show waren und trotzdem ganz wunderbar funktionieren. Zuviel Appeal kann man in der Tat einfach so hören, und es macht Spaß. Großartig finde ich Der x-te Frühling, wo Feckl die ungarische Stehgeigerin raushängen lässt und Hassemer im Refrain immer wieder ins Berlinische Idiom fällt, das in Arm aber sexy vollends ausgeprägt ist und in der Tat richtig sexy klingt! Arm aber sexy ist mein neuer Klarinettenhass – ein Stück, das vom Heimatgenre des Interpreten abweicht und trotzdem oder gerade deshalb umso mehr reinhaut.

Mehr davon? Die CD Zuviel Appeal bekommen Sie im Bauchladen des Trios; live können Sie das Programm noch zu folgenden Terminen erleben:

  • 18.02.2011 Putbus, Theater Putbus
  • 24.02.2011 Berlin, Admiralspalast
  • 25.02.2011 Berlin, Admiralspalast
  • 26.02.2011 Berlin, Admiralspalast
  • 29.04.2011 Berlin, Heimathafen
  • 29. Januar 2011

    Die Energija-Rakete hebt ab –
    ich aber will nur noch ins Bett

    Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 17:45

    Das erste Mal im Pfefferberg war ich 1996, die Location ein heruntergekommenes Abrissgebäude, und ich Bandbetreuerin – nein, das ist bei weitem weniger anzüglich als es klingt: es hat etwas mit dem Aufhängen von Garderobe und Bewachen der Instrumente im Backstag-Bereich zu tun – im Rahmen des vom Deutschen Rockmusikerverband gestifteten Berlin Music Award. Danach haben wir uns irgendwie aus den Augen veroren, der Pfefferberg und ich. An zwei, drei Konzerte kann ich mich noch, wenngleich dunkel, erinnern, danach überließ ich die ehemalige Brauerei samt Biergarten den diversen Sanierungsbemühungen. Das erste Mal im „neuen“ Pfefferberg war ich vorgestern, genauer genommen in einem seiner unterirdischen Teile: dem Bassy Club, wo Joan Wasser alias Joan As Police Woman ihre neue Platte vorstellte.

    Und gestern dann gleich wieder. Das ist in zweifacher Weise wie Und täglich grüßt das Murmeltier – gleiche Uhrzeit, gleicher Begleiter, gleicher Ort; und dann sind da auch noch die Freundinnen der Jungs von den Cosmonautix, die, bevor der allgemeine Publikumsverkehr einsetzt, eifrig Tische rücken, Plakate ausrollen und überhaupt alles so machen wie ich vor 15 Jahren, während durch eine Tür die Klangfetzen des Soundchecks – genauer: eine Trompete. Eine Trompete? Seit wann gibt es bei den Cosmonautix Bläser? – zu hören sind. Manche Abläufe ändern sich eben nie.

    Mr. Bassplayerman trifft ein, genau so übermüdet vom gestrigen Konzertabend wie ich auch, und mindestens genauso überarbeitet. Ja, ich habe mal geschrieben, Radiokonzerte seien schon allein deshalb so toll, weil sie pünktlich über die Bühne gehen müssen und man selbst beizeiten ins Bett kommt. Leider haben wir da vorgestern etwas falsch gemacht. Nach Konzertschluss war es einfach noch so früh, dass der angebrochene Abend dringend noch nach Weiterziehen schrie. So etwas geht meistens böse aus, und das ist es auch diesmal … Und da Arbeitstiere, saßen wir gestern trotzdem um neun schon wieder hinter unseren Schreibtischen. Unsere Verfassung kann man sich also vorstellen, denn wir sind beide keine zwanzig mehr! Wenn einen die Freundin eines Musikers dann auch noch anfängt zu siezen, ist endgültig klar, dass man die magische Altersgrenze überschritten hat. Da hilft auch meine bevorzugte Sündenausbesserungscreme „Anti-Müdigkeit“, die laut Hersteller gegen „Stress, Wechsel der Jahreszeiten und unruhigen Lebensstil“ wirkt, wohl nur noch bedingt …

    Alldieweil sorgt der eigens aus Australien eingeflogene DJ Delay mit allerlei Balkantronika (Reinhören? Ein Free Set gibt es hier) und vor allem guter Lautstärke für ein erstes Wiedermunterwerden. Gegen neun dann der Auftritt vom „Unterweltbarden“ Ganef aus Odessa mit seinem „Ganoven-Chanson“, auf dessen Homepage auch ein sehr nett anzuschauendes Hundetier sein (Un-)Wesen treibt:

    Ein zweiter Gainsbourg möchte Ganef sein, klingt dann allerdings doch eher nach Wolf Biermann. Wogegen ja auch gar nichts zu sagen ist. Vor fünfund-
    dreißig Jahren wäre er unter Studenten sicher toll angekommen, der Mann mit der kratzigen Stimme und der im Gegensatz dazu supersmooth angeschlagenen Gitarre. Konzertmusik ist das allerdings nicht, eher etwas für eine gesellige Runde unter Freunden, wo es Bier gibt, und irgendwann holt dann einer die Gitarre raus. Ich ertappe mich trotzdem dabei, wie ich bei seinem Lied vom Einsamen Wolf ein bisschen heule; ich denke an Kopfhörer-
    hund, und der – wie es sich für das Genre gehört – tragisch endende Wolf
    tut mir leid. Ich muss wirklich sehr müde und sehr überarbeitet sein.

    Eine Stunde später dann kommen die Wiener Niftys, die laut PR „Klezmer-Dub“ machen. Mich allerdings erinnert ihre Musik an die H-Bloxx, die sich im Spielen von Begräbnismärschen versuchen. Von mir aus auch an Nu Metal-Balkan oder Nu Balkan-Metal. Wenn der Manager hier von einer „schwierigen Mischung“ spricht, untertreibt er schamlos. Denn egal wie gut sie sind – und insbesondere der Schalgzeuger und der Bassist sind gut; selten habe ich ein so präzises Timing gehört! -, sie sind vor allem laut und lang. Aber wenigstens hat sich das Rätsel der Trompete vom Soundcheck gelöst – die spielt hier. So sehr ich Balkan Brass ansonsten liebe, so sehr leide ich unter den Niftys – was ich umso mehr bedaure, da ihr extrem hübscher Bassist ein bisschen aussieht wie lecker Adam Levine von Maroon 5. Auch Mr. Bassplayerman leidet. Wir sind beide inzwischen so genervt, dass wir einfach nur noch raus wollen. Die Befürchtung: Egal wie toll die Cosmonautix jetzt spielen, wir werden sie nicht mögen, da mittlerweile jeder Ton einer zu viel ist. Himmlische Ruhe wäre jetzt herrlich – so eine Band sind die Niftys. Sie haben es sogar geschafft, dass sich zwei ansonsten ziemlich tolerante und aufgeklärte Wesen mittlerweile in – wenngleich harmlosen – Österreicherwitzen üben, nach dem Motto, dürfen die hier überhaupt spielen? Bzw. wahrscheinlich fand man sie in Wien so schrecklich, dass man sie einfach abgeschoben hat, die Berliner zu quälen. Schlimme Musik. Ganz schlimme Musik.

    Die frische Luft und der Veggieburger auf Blumenkohlbasis – man weiß, dass man im Prenzlauer Berg ist, wenn der nächstgelegene Imbiss so etwas anbietet – helfen gegen den Klangschock. Sogar Mr. Bassplayerman, der wirklich abgenervt ist, lässt sich noch einmal zu einer Rückkehr zum Konzertgeschehen überreden. Da spielen jetzt, kurz nach dreiundzwanzig Uhr, endlich endlich die Cosmonautix.

    Diesmal mit einer schicken Elektofidel und einigen neuen Stücken – und natürlich wie nicht anders zu erwarten sehr gut und sehr lustig. Selbst Bassplayerman freut sich, doch noch mal zurückgekommen zu sein. Besonders die Bassbalalaika hat es ihm angetan, und gemeinsam rätseln
    wir, ob das Ding trotz Dreisaitigkeit in Quarten gestimmt ist. Tja, hätte ich mal in Instumentenkunde besser aufgepasst! Zu meiner Ehrverteidigung sei gesagt, dass Instrumentenkunde ein Wahlpflichtfach war und ich dessen Alternative, Elektroakustik, belegt habe. Bassplayerman kommentiert trocken: „Heißt also, dass du eins davon gar nicht kannst …“

    Ob nun die These zutrifft, je weniger Saiten, desto größer das Stimmintervall, oder in diesem Falle eben nicht, werden wir zumindest an diesem Abend nicht mehr erfahren, denn leider war es keine gute Idee, bei einem Konzert mit drei, zählt man den DJ mit, sogar vier Acts ausgerechnet die letzte Band sehen zu wollen. Nicht, wenn einem noch die Konzertnacht davor in den Knochen steckt. Das ist ohnehin das Problem dieser sogenannten Labelnights, die schnell in konditionszehrende Mini-Festivals ausarten: Der Act, den man sehen will, spielt zum Schluss, und vorher muss man sich noch durch die B- und C-Acts des Labels quälen … Mr. Bassplayerman jedenfalls macht um halb zwölf schlapp. Ich selbst halte mmerhin bis Mitternacht durch, dann rufe auch ich mir ein Taxi. Die Show sehe ich nicht mehr bis zum Ende, und ich mag gar nicht daran denken, dass DJ Deelay auch noch zur Aftershowparty bittet. Wer hält so einen Marathon denn durch?

    Ganz einfach: die nächste Generation. Mag sein, dass ich für so etwas mittlerweile gut fünfzehn Jahre zu alt bin, aber die Nachfolger jenes Publikums, die damals zu den Klängen der Grinen Kuzine groovten, feier- und tanzwütig bis in den Morgen, hebt richtig ab. Da wird Polka oder das, was man in Berlin dafür hält, getanzt. Der ganze Saal ist ein einziges Auf- und Niederhopsen. Band und Publikum haben am nächsten Tag vermutlich fünf Kilo abgenommen …

    Es ist einfach immer wieder erstaunlich zu sehen, wie die Cosmonautix die ganze Zeit in Bewegung sind, wie die Flummis, und dabei noch überaus akzeptable Töne produzieren! Wie lange muss man trainieren, um für so eine Show fit zu sein? Und dann noch die Ganzkörperanzüge und die Pelzmützen … Vermutlich heißt ihr Debütalbum nicht umsonst Energija. Nicht nur die Cosmonautix scheinen Energie ohne Ende zu haben – die braucht man auch im Publikum. Ich habe sie nicht mehr aufbringen können. Liebe Cosmonautix, dass ich in diesem Zustand überhaupt aus meinem Loch gekrochen bin – das mach ich nur für Bands, die ich richtig, richtig mag. Spielt doch das nächste Mal samstags, Jungs, dann kann ich – wie als Kind zu Silvester – vorschlafen. Oder einfach früher, und auch Euer Publikum Mitte/Ende dreißig wird dann durchhalten …

    Fazit: Mit Achim Rinderles Zen-Klarinette hätte ich für diesen Abend die passendere Wahl getroffen …

    28. Januar 2011

    Wer röhrt denn da im Bassy?

    Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 17:21

    Was im Januar für manche die Ballsaison ist, ist für die Musikschreiber die Konzertsaison. Da wird gesungen, gefiedelt, geklimpert, getrommelt und gezupft, als hätten alle Musiker den gemeinsamen Neujahrvorsatz gefasst, im nächsten Jahr mehr zu touren. Kann ja sein, dass das für die Party People noch unter „normales Ausgehpensum“ fällt, ich jedenfalls finde, dass drei Konzerte die Woche auch erst mal verdaut sein wollen. Schlaf jedenfalls kommt im Moment definitiv zu kurz. Wem dafür aber so schön gesungen, gefiedelt, geklimpert … wird, der sollte sich nicht beschweren!


    Im Bassy röhrt der Wolf …

    Beschweren ist auch das letzte, was ich im Rückblick auf den gestrigen Abend im Sinn habe. Kurz: Das Konzert war toll. Soooo schön wurde da gesungen, ge … hm, genaugenommen wurde gestern gar nicht gefiedelt, obwohl Joan Wasser, besser bekannt als Joan As Police Woman, von Hause aus klassische Geigerin – und zwar nicht irgendeine, sondern Schülerin des Oistrach-Schülers Yuri Mazurkevich! – ist, und zwar eine, die jedoch nie davor zurückschreckte, ihr Können in den Dienst der „U-Musik“ zu stellen. So ist ihr Geigenspiel auf Platten von diversen Künstlern, vorrangig der Indie-Sparte, zu hören, wie etwa Sheryl Crow, Adam Green, David Gahan, Sparklehorse, Elysian Fields, Trail Of Dead oder Scissor Sisters. Nun, der Klangblog war ohnehin stark geigenlastig in letzter Zeit, und auch heute Abend wird der Jammerschinken bei den Cosmonautix wieder kräftig bemüht werden, also seien wir froh drum, dass Frau Wasser zur nicht-öffentlichen Vorab-
    präsentation ihres neuen Albums The Deep Field nur mit Klavier und E-Gitarre anreiste.


    … aber nicht nur der!

    Wo sonst Cowboys und die, die sich dafür halten, „wild music before 1969“ genießen, konnte man gestern abend dem ganz speziellen Umgang der Künstlerin mit den großen Themen der Menschheit, mit Liebe, Sex, Freiheit und Tod, lauschen, an dem sich wenig geändert hat. Von Joan Wasser selbst wird The Deep Field allerdings nicht nur als ihr bislang offenstes Album bezeichnet, sondern gleichzeitig ihr fröhlichstes. Aber keine Angst, die Meisterin der Selbstreflektion wird auch jetzt nicht zum Happy Hippo, doch sah man das ein oder andere Mal durchaus den Schalk in Wassers Augen, die spichwörtliche Zunge in der Backe hervorlugen. Auf ist nicht mehr alles so tragisch wie früher.

    Zwar scheint ab und an auch hier ein Hauch der von ihren beiden Vorgängeralben (Real Life, 2006 und To Survive, 2008) hinlänglich bekannten Melancholie auf, insgesamt aber ist The Deep Field ein intimes Singer-Songwriteralbum irgendwo zwischen zauberhaftem Gitarren-Folk, Indie-Jazz und sexy Soul. Auch in die härtere Aternative-Rock-Gangart schaltet Wasser nur noch selten, es dominieren zarte Töne. Gleich dem Weltraumteleskop Hubble, nach dessen 1995er-Bild „Deep Field“ das Album benannt ist, habe die Musikerin ihr eigenes Innerstes ausloten und dann in Musik gießen wollen.

    Man erinnere sich: Hubble wurde damals auf einen Bereich des Großen Bären gerichtet, von dem man annahm, er sei völlig leer. Stattdessen lieferte das Teleskop Bilder von Sternen und fernen Galaxien, die bis dato unentdeckt waren. Genau dies könne auch passieren, wenn man sein eigenes Leben betrachte, und Joan Wasser scheint kein Problem mit einem derartigen Seelen-Striptease zu haben: Sie liefert sich ihrem Publikum in ihren eindringlichen Songs nackt und schutzlos aus. Dafür wird sie geliebt.

    Und tatsächlich berühren Sänger, so hat mir meine eigene Gesanglehrerin immer wieder gepredigt, ihr Publikum nur dann, wenn ihre Emotionen glaubhaft sind. Wir können uns nicht hinter dicken Instrumenten verstecken. Wir haben nur unsere Stimmen. Joan Wasser glaubt man, was sie singt. Das mag ihr auch die Vergleiche mit Kolleginnen wie PJ Harvey, Cat Power oder Feist eingebracht haben. Zudem verfügt sie über eine derart betörende Präsenz, dass mein sonst eher kühl zurückhaltender Konzertbegleiter, nennen wir ihn der Einfachheit halber Bassplayerman, aufgeregt wie ein Schuljunge um ein Autogramm bat. Bitten ist die eine Sache, Stift und Papier dabei haben, die andere. Letztendlich musste eine – herausgerissene – Seite meines schönen Moleskines dran glauben. Als Belohnung für so viel Einsatz öffnete Wasser dann mal noch so en passant den durchgehenden Front-Reißverschluss ihres Leder-Cat Suits, den ich bis dato für eine Erfindung für die Radio-Hörer gehalten hatte. Aber nein, sie, die ihrem Berliner Publikum attestiert, „you are all soooo punk!“, war tatsächlich in dieses Ganzkörperzipperding gehüllt! Mr. Bassplayerman brauchte eine eine Weile, bis er sich von dem Anblick erholt hatte und wieder ansprechbar war.

    Und ich habe mich gefreut: Endlich mal eine Amazone unter diesen ansonsten so elfenhaften storytelling-pianoplaying Fräuleins! Denn auch Joan Wassers Stimme ist alles andere als zart. Kraftvoll bis an den Rand der Aggressivität singt sie alle Obels und Lenz‘ dieser Welt glatt an die Wand.

    Mehr davon? Wassers Label Pias hat das komplette Zehn-Track-Album als Soundcloud-Stream bereitgestellt. Bitte vergessen Sie trotzdem nicht, es
    zu kaufen.

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