19. November 2013

Wieder mal die Liebe. FrauContraBass im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 12:18

Nach fünfjähriger Zusammenarbeit muss es endlich mal erwähnt werden: Wenn Musikpromoter Uwe Kerkau anruft und meint, es gäbe da etwas, das unbedingt hörenswert sei, dann hat er – meistens – recht. Im Sommer 2009 war es mal wieder so weit: Es gäbe da „ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Ensemble“, ganz reduziert, nur Bass und Gesang, das 2mit Wurzeln im Jazz das Prinzip der jamaikanischen version auf ganz eigene Art interpretierte und sich auf diese Weise quer durch das weite Universum von Soul, Jazz und Pop covere, wobei die Bearbeitung zur eigentsändigen Kusntform erhoben“ würde. Kontrabass- und vokalfixiert, wie ich bin, reichte das, mich neugierig zu machen. Ich forderte das beworbene Werk an und bekam Saal 3, ein Album, dass mich einerseits veranlasste, ganz privat den selbstbetitelten FrauContraBass-Erstling nachzukaufen, und mich andererseits mit einem der Lieder versorgte, die ich auswählen würde, wenn ich mein restliches Leben lang nur noch drei Lieder hören dürfte: Corner of the Earth. Die anderen beiden sind übrigens Feeling Good von Nina Simone und Hallelujah von Leonard Cohen.

Gut vier Jahre nach Saal 3 dann überraschen die Frau und der Kontrabass, also Sängerin Katharina Debus und Bassist Hanns Höhn, mit dem Vorhaben, ihr Drittwerk ganz dem Repertoire des Great American Songbook zu widmen. Dass das auch heutzutage noch gutgehen kann, haben wir ja gerade erst bei Kat Edmonson erlebt. Trotzdem … Sollte FrauContraBass etwa eine bloße Retro-Platte produziert haben? Hat sie nicht, denn auch die Bearbeitung der Songklassiker lässt die lieb gewonnene, Debus-Höhn’sche Herangehensweise nicht missen. Man nehme einen Song, verstehe einen Song, entkleide einen Song bis auf die Haut – und lege so sein Wesen offen. Das hat viel mit Respekt, oder, wie Hanns Höhn es im Interview ausdrückt, Ernstnehmen zu tun, eine Fähigkeit, die im Ironie-Zeitalter zunehmend in Vergessenheit gerät. Dafür nimmt man schon mal in Kauf, dass bei einem Live-Auftritt schon mal – wie jüngst im Berliner Naherholung Sternchen, wo auch die Konzertfotos entstanden sind, geschehen – die Heizung ausfällt. Ich verkneife mir an dieser Stelle alle Wortspiele zum Thema einheizen & Co. und lasse Sie stattdessen lieber Zeuge eines Gesprächs werden, in dessen Verlauf Sie erfahren können, was es mit der „Moll-Falle“ auf sich hat, warum „so ein Jazz-Studium ja eigentlich nicht wichtig“ ist und weshalb die Liebe auch hier – wieder mal – den Ton angibt.

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Klangverführer: Auf euren letzten beiden Platten habt ihr euch vor allem der Neuinterpretation von Popsongs, von Stevie Wonder und Michael Jackson über Jamiroquai und Udo Lindenberg bis hin zu Britney Spears und Alicia Keys, verschrieben. Comes Love dagegen schöpft ausschließlich aus dem Repertoire des Great American Songbook …

Hanns: Wir hatten das eigentlich auch vorher schon immer im Kopf, und dann haben wir gemerkt, dass es Songs gibt, die noch viel älter sind … Und bei der dritten CD mit Pop-Stücken von 2011 weiterzumachen, fand ich einfach nicht interessant! Also dachte ich mir, lass uns doch ein bisschen zurückgucken. Wir hatten in der Zwischenzeit auch schon ganz andere Plattenideen, die wir vielleicht in den nächsten zehn Jahren noch umsetzen werden …

Eine Stevie-Wonder-Tribute-Platte?

Hanns (lacht): Ah, zum Beispiel! Vielleicht …

Katharina (stimmt ins Gelächter mit ein): Die wird noch kommen, aber darüber sprechen wir jetzt auf gar keinen Fall, das ist ganz geheim! (lacht wieder)

Hanns: Jedenfalls, was mich bei vielen Jazz-Standards schon immer genervt hat, zum Beispiel wenn sie von den Leuten im Studium gespielt wurden, dass da der Song gar nicht als Song gesehen wird, sondern einfach nur als Hülle, worüber man improvisieren kann. Auch deswegen hat sich dieses Album für uns ganz gut angeboten.

Katharina: Es ist ja auch eigentlich etwas, dass bei der Besetzung, die wir haben, erstmal sehr nahe liegt. Kontrabass und Gesang ist ja eine klassische Jazz-Besetzung, man denke zum Beispiel nur an …

Beide, wie aus einem Mund: Sheila Jordan!

Katharina: Und das Gute liegt manchmal eben so nah – und trotzdem geht man dann erstmal andere Wege. Das haben wir jetzt jahrelang gemacht und das war auch super, aber es ist jetzt auch mal total angenehm, sich das, was sozusagen am nächsten liegt, anzugucken und zu merken, es ist trotzdem noch ganz eigen. Es klingt jetzt nicht plötzlich nach viel mehr Jazz, die Platte ist trotzdem noch unser eigener Sound! Und eben, was Hanns gerade gesagt hat, der Song an sich ist wichtig.

Kann man das Album in dem Sinne auch als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln beschreiben? Wie viele eurer persönlichen musikalischen Wurzeln liegen im Great American Songbook?

Katharina: Tatsächlich ist es so, dass Hanns natürlich Jazz-Bass studiert hat, während ich gar nicht Jazz-Gesang oder so studiert habe. Bei mir ist es eher so, dass ich mit dieser Musik aufgewachsen bin. Ich habe sie immer im Ohr gehabt und sie hat mir total viel bedeutet, ohne dass ich wusste, was das eigentlich ist. Insofern könnte ich auch sagen, es sind Wurzeln von mir, ganz andere.

Hanns: Eigentlich sogar viel tiefere Wurzeln! Ich meine, so ein Jazz-Studium ist ja eigentlich nicht wichtig. Also … für mich natürlich schon, ich habe sehr viel gelernt – aber ich habe eben auch gelernt, dass da die Stücke meistens nicht ernst genommen werden, sondern einfach nur gespielt, gedudelt, und fertig. Ich habe mit zehn schon mal in einer Jazzband gespielt und deswegen sind es Songs, die ich auch schon seit meiner Kindheit kenne, aber eben ganz anders als bei Katharina.

Katharina, du hast gerade gesagt, du bist mit den Stücken aufgewachsen – du bist ja auch ein endsiebziger Jahrgang, da lief so etwas ja nicht unbedingt im Radio, und auch die Plattensammlung der Eltern sah zu dieser Zeit meistens anders aus …

Katharina: Nee, im Radio lief das gar nicht, das stimmt. Zum Bügeln lief bei uns „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“, ich weiß nicht mal, von wem das ist! Aber es gab bei uns eben auch so ein paar Platten – ich weiß gar nicht, wer uns die mitgebracht hat –, die liefen sozusagen im „Oldie-Modus“, wobei es dann letztendlich Frank Sinatra war, oder Aretha Franklin und Ella Fitzgerald. Und obwohl ich „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“ immer noch mitsingen kann – klar, so etwas brennt sich eben ein! –, habe ich bei den anderen Songs Gott sei Dank aufgehorcht und schon als Kind gesagt, geil, was ist das denn?! Es hat mich wirklich berührt.

Was genau fasziniert euch denn so an diesen Stücken, dass ihr ihnen gleich ein ganzes Album widmet?

Hanns: Es sind in erster Linie Songs, die etwas erzählen. Und das muss man einfach ernst nehmen. Wenn ich früher mit Katharina einen Song spielte, habe ich gelernt, auch schon mal zu gucken, worum es da eigentlich geht. Und bei diesen Songs ist das auch so. Zum Beispiel Love for Sale, das wird oft so Happy-Sound-mäßig gespielt, so (singt): Loooove for sale, düp-dü-düp-dü-dü, und wie schön das alles ist … Dabei ist das eigentlich ein ganz bitteres Thema! Und das finde ich total reizvoll, das mal wirklich musikalisch umzusetzen.

Es geht euch also gar nicht so sehr um die vielbeschworene Zeitlosigkeit der Songklassiker, die bei den meisten Künstlern als Argument für die eigene Interpretation herhält …

Hanns: Da haben wir eigentlich gar nicht so drüber nachgedacht, das hat keine große Rolle gespielt.

Katharina: Nee, irgendwie nicht.

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Neulich habe ich ein Interview mit dem norwegischen Musiker Thomas Dybdahl gemacht, der meinte, er gäbe ihm überhaupt keinen Kick, Jazzstandards neu zu interpretieren, das sei alles „durch“. Was glaubt ihr, warum braucht man von einem fünftausendmal gecoverten Stück noch eine fünftausendunderste Version? Oder, anders gefragt: Was gibt euch den Kick bei der Sache?

Hanns: Also, ich finde es total interessant, den Song noch einmal anders zu beleuchten, als er schon fünftausendmal beleuchtet wurde. Und auch, ihn in unserem minimalistischen Sound und, jetzt ganz persönlich gesehen, gerade auch mit Katharina zu spielen. Es geht auch gar nicht darum, die Sache jetzt neu zu erfinden, aber dadurch, dass wir es so machen wie wir es machen, ist es einfach anders, und deswegen ist es für mich sehr interessant gewesen, diese Platte aufzunehmen – und das Repertoire jetzt auch live zu spielen. Darum geht es. Wir wollen einen Song jetzt ja nicht entstellen, sondern einfach auf unsere Art spielen. Und die Reaktionen darauf sind bis jetzt auch alle positiv, bis jetzt sagen die Leute alle: toll, super!

Katharina: Geht mir genauso. Mir persönlich geht es eigentlich gar nicht so sehr darum, ob das jetzt Jazz ist, oder was es überhaupt ist, ob das nun Standards sind – klar, da gibt es sowas wie Fever, und das macht man dann eben nicht mit Gesang, gerade deswegen nicht, weil es jeder so erwartet –, sondern es geht um Songs, die wir lieben und die uns etwas geben, was wir weitergeben können. Auch bei unseren älteren Covern, dem Britney-Spears-Stück oder der Udo-Lindenberg-Nummer, die wir immer noch live spielen, sagen uns die Leute manchmal, krass, ich habe nie auf den Text gehört, aber jetzt verstehe ich, worum es geht. Und das finde ich toll, dass auch jetzt im Nachhinein, wo wir live gespielt haben, Freunde von mir, aber auch wildfremde Personen, zu mir kommen und sagen: Ich steh‘ eigentlich nicht so auf Jazz, aber jetzt find‘ ich’s grad geil! Das ist natürlich super.

Dann seid ihr quasi so eine Art Übersetzer oder Mittler zwischen den Geschmäckern bzw. Genres … Apropos Genres: Hat euch euer neues, jazziges Repertoire zum Labelwechsel bewogen? Die ersten beiden FrauContraBass-Platten sind ja bei Klangraum erschienen, Comes Love jetzt auf Contemplate, wo auch Lisa Bassenge veröffentlicht …

Katharina: Nee, das hat sich einfach so ergeben, dass wir gesagt haben, so, jetzt ist es mal Zeit für neuen, frischen Wind!

Hanns: Und wir hatten Kontakt zu Ulla und Sebastian (Binder und Studnitzky, Labeleigentümer), das hat mit der Stilistik gar nichts zu tun. Einfach mal eine neue Tür aufmachen und gucken, was sich dahinter für neue Möglichkeiten verbergen.

Stichwort neu: Neu ist bei eurem dritten Album ja nicht nur das Jazz-Repertoire und die Plattenfirma, ihr habt auch zum ersten mal die gesamte Postproduktion per Crowdfounding finanziert – und zwar erfolgreich. Die veranschlagten 8.000 Euro sind dank der Hilfe von 62 Supportern zusammengekommen. Wie seid ihr auf die Idee des Crowdfounding verfallen und welche Möglichkeiten eröffnet es den heutigen Künstlern?

Hanns: Ich habe das auch erst vor ungefähr einem Jahr kennengelernt. Es ist einfach eine tolle Möglichkeit, verschiedene Dinge unter einen Hut zu kriegen. Erst einmal natürlich, die Platte zu finanzieren – schließlich ist es ja nicht so, dass irgendwelche wichtigen Plattenbosse einfach so sagen, komm, mach mal, wir bezahlen dir alles! Auf der anderen Seite gab es ein tolles Gemeinschaftsgefühl: Man merkt, es passiert was, und die Leute freuen sich auch, mitmachen zu können. Obwohl sie ja auch bezahlen, haben sie dieses positive Gefühl. Und jeder hat was davon! Also, wir haben eine tolle Platte, und die Leute – auch. Deswegen war es eine tolle Energie, die da für uns entstand, das hat uns viel Kraft gegeben. Ich würde jedem Künstler empfehlen, das einmal zu versuchen.

Katharina: Die Zeiten haben sich einfach geändert. Man hat nicht mehr den Plattendeal bei einem Riesenlabel, das vorstreckt – und vielleicht will man das auch gar nicht mehr. Vielleicht will man gar nicht zu einem Riesenlabel hecheln und sagen, wie machen alles, was ihr wollt. Man will sich nicht verbiegen! Und durch Crowdfounding hat man die Möglichkeit zu versuchen, dass die Leute, die unsere Musik lieben, uns unterstützen. Klar ist das erstmal ein Schritt, weil man damit ja quasi sagt: Wir sind bedürftig. Davor hatte ich ein bisschen Angst. Aber als das startete, war das für uns dann sofort ein anderes Gefühl. Es war überhaupt nicht mehr, wir müssen, oder wir brauchen, sondern es war so … so … geil, ihr seid alle dabei, und das ist cool! Das war total schön.

Hanns: Und es wäre auch kein Problem gewesen, bedürftig zu klingen, denn es wird jetzt für Jazzmusiker allgemein auch nicht einfacher: Keiner kriegt Subventionen, keiner wird irgendwie staatlich unterstützt. Deswegen, selbst, wenn wir jetzt sagen würden, wir können nicht anders, wäre das auch legitim, finde ich.

Abgesehen von den monetären Zwängen gibt einem dieser Weg doch auch mehr künstlerische Freiheit, oder?

Hanns: Ja, klar, es gibt ja Labels, die einem alles vorschreiben wollen. Das geht mit dem Cover los. Da machst du einfach deine Musik, und mit einem Mal hast du da so ein komisches Bild vorne drauf, das du gar nicht haben möchtest, während unser Cover in unserem Freundeskreis entstanden ist. Und auch bei allen anderen Dingen wird einem unter Umständen mehr reingequatscht, von wegen neu mischen oder nehmt das in dem und dem Studio auf. Wir konnten alle diese Dinge selbst entscheiden.

Heißt das, dass ihr, auch wenn es nicht immer einfach ist, über die von Katharina angesprochenen geänderten Zeiten im Grunde ganz glücklich seid?

Hanns: Ja, ich meine, es macht natürlich kreativ und man bleibt flexibel. Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn jetzt Warner Brothers anrufen und sagen würde, wir haben hier dreihunderttausend Dollar, nehmt die und macht ein Album damit!

Katharina (lacht): Das kannst du auch schreiben, falls das jemand von Warner liest …

Hanns: Um auf deine Frage zurückzukommen, es war eine tolle Erfahrung. Wir wussten ja nicht, ob das überhaupt funktioniert, und es ist natürlich ein tolles Gefühl, dass wir so viele Leute dafür begeistern konnten.

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Wir haben jetzt so viel über Neues, vom Repertoire über das Label bis zur Finanzierung, geredet – lasst uns doch mal schauen, was gleich geblieben ist. Für mich ist das in erster Linie eure Herangehensweise an die Jazz-Klassiker, die der bei den Pop-Stücken der letzten Platten ähnelt. Die Songs werden bis auf die Grundfesten entkernt, um nur das Wesentliche übrig zu lassen. „Den Ursprung erfassen“, nennt ihr das auf Startnext, während Jazz thing von „sensible[n] Neuorientierungen“ spricht. Wie geht dieser Prozess der FrauContraBassisierung eigentlich vor sich, wie entsteht ein typisches FrauContraBass-Arrangement eines Songs?

Hanns: Das ist verschieden. Es gibt Stücke, die … Nein, von vorn. Erst einmal geht es um die Idee der Auswahl, also darum, dass wir einen bestimmten Song überhaupt nehmen, da gibt es ja tausende Möglichkeiten. Nach diesem ersten Schritt, der ein sehr wichtiger ist, probieren wir damit rum. Das heißt, wir spielen den Song erstmal zum Beispiel als Bossa und merken, das ist totale Scheiße, wie wir es vorher auch schon wussten (allgemeines Gelächter). Und dann geht es weiter mit einer Soundidee. Bei Windmills zum Beispiel hatte ich im Kopf, es müsste einfach klingen wie so ein Windrad …

Katharina: Wie etwas Monotones!

Ja, das leiert ja auch so …

Beide: Genau!

Hanns: Und auf der Platte ist ja da noch dieses Rascheln dabei, das wie irgendetwas Kaputtes klingt …

Katharina: Da hatten wir am Bass und an Hanns selbst Plastiktüten befestigt – das können wir aber auf der Bühne schlecht machen, weil: Sieht einfach nicht aus! (lacht)

Hanns: Und diese Soundidee entwickelt man dann weiter. Oder …

Katharina: … man beschäftigt sich, wenn man jetzt rein musikalisch nicht weiter kommt, nochmal mit dem Text und fragt sich, worum geht es denn hier eigentlich? Früher haben wir gern ein blöde Bossa-Version auf Deutsch gemacht, wobei ich quasi spontanübersetzt habe, und dann haben wir uns darüber unterhalten, worum es hier geht und was das für uns heißt – und dann sprudelt es meistens schon aus Hanns heraus!

Hanns: Genau, ich brauche immer die Idee vom Text und dann das Gefühl, was da eigentlich dahinter steckt. Love for Sale oder Windmills sind solche Beispiele, wo ich eigentlich in Bildern denke oder in Gefühlszuständen.

Das Ernstnehmen des Songs, das du vorhin angesprochen hast.

Hanns: Ja, einfach ernst nehmen!

Du hast eben auch gesagt, dass der erste Schritt im Prozess die Auswahl des Songs ist. Heißt das umgekehrt auch, dass ihr keinerlei Ambitionen habt, Eigenkompositionen zu veröffentlichen?

Katharina: Doch, das haben wir auch schon mal angefangen. Einen Song haben wir mal auf ein Gedicht geschrieben, einen anderen Song hat uns ein Freund geschrieben …

Hanns: Ja, eigene Songs haben wir schon gemacht. Aber das ist noch einmal … das ist einfach wesentlich schwieriger, da einen Weg zu finden, der so komplett ist wie das, was wir jetzt machen. Das ist ein Prozess, in dem wir wahrscheinlich immer noch drin sind und drin bleiben werden. Jetzt war es aber erst einmal an der Zeit, etwas zu machen, was greifbar ist – auch für uns. Das hatte eine tolle Energie, weil wir das Programm sehr schnell, innerhalb von einem halben Jahr, fertig gehabt hatten. Was sehr schnell ist. Und deswegen war es auch ganz gut.

Katharina: Ich glaube auch nicht, dass die Idee komplett verworfen wurde, die gibt es schon noch. Aber vor unserer aktuellen Platte haben wir so eine kleine Pause eingelegt …

Hanns: Naja, das stimmt eigentlich gar nicht! Vielleicht eine Pause vom Spielen her, aber gearbeitet haben wir wie die Tiere! An zwei Programmen.

Katharina: Ja, das stimmt – du hast recht!

Hanns: Wir haben zwei Programme ausprobiert …

Katharina: … und es war irgendwie klar, wir wollen eine neue Platte machen und wir wollen wieder spielen, spielen, spielen! Wir haben beide gespürt, dass es jetzt nicht angesagt ist, sich alle Zeit der Welt zu nehmen und zu sagen, okay, wir gehen das jetzt ganz locker an und gucken mal, was aus uns rauskommt. Das hätte wahrscheinlich viel länger gedauert!

Hanns: Und noch länger, weil wir ja schon zwei Programme in der Leitung hatten – da muss man dann auch vorankommen. Deshalb die Idee, das machen wir jetzt so – und das war auch gut so. Aber die Sache mit den Eigenkompositionen – die existiert nicht nur im Hinterkopf, die existiert auf irgendwelchen Computern, in irgendwelchen Demoversionen … Ein andermal, vielleicht.

Ich bin sehr gespannt darauf! Von eurem aktuellen Album mag ich den Titelsong Comes Love am liebsten und freu mich, dass ihr ihn vorhin gespielt habt! Natürlich frage ich mich, welche Bedeutung der Song für euch hat, dass ihr gleich das ganze Album unter dieses Motto gestellt habt?

Katharina: Es geht einfach um die Liebe (seufzt). Wieder mal. Immer wieder kommen wir darauf zurück. Wenn man sich fragt, worum geht’s denn eigentlich im Leben? Ah ja, die Liebe, bumm. Und deswegen war es einfach dieser Song, nach dem wir das Album benannt haben.

Du sagtest das gerade mit so einem Seufzer, und auch vorhin auf der Bühne meintest du, es gäbe ja nun nicht wirklich viele fröhliche Songs über die Liebe. Auch Comes Love lässt sich nicht gerade als fröhlich bezeichnen; und mit eurer Interpretation von Nature Boy, einem Stück, das 1948 vom Spiegel als „Lied mit tödlicher Wirkung“ bezeichnet wurde, klingt das Album dann auch sehr melancholisch aus und macht es passend zum VÖ-Termin zu einer typischen November-Platte. Leidet FrauContraBass zum zehnjährigen Bandjubiläum an akuten Depressionen? Warum ist diese Platte so traurig?

(allgemeines Gelächter)

Hanns: Ich sehe es gar nicht nur als traurig an, sondern eher als nachdenklich. Für mich hat das dann immer eine andere Tiefe, weil die Leute, glaube ich, dann nochmal mehr zuhören. Es öffnet ein bisschen mehr, dieses Melancholische.

Die Leute per Mollakkord zum Zuhören zwingen?

Hanns: Ein bisschen auch, aber das war auch eher Zufall. Es war nicht so, dass wir uns vorgenommen haben, wir machen jetzt Moll, damit die Leute da sitzen und zuhören …

Katharina (lacht): Die Moll-Falle!

Hanns: Es kann ja auch sehr schön sein. Ich sehe es gar nicht als traurig an, sondern ehr als tief.

Katharina: Ich persönlich hatte nach diesen Platte mit den Popsongs, die total cool sind und die wir immer noch spielen und total lieben, auch einfach Lust auf Entspannung. Auf eine totale Entspannung. Und sogar in unserer Reduktion, die wir sowieso haben, nochmal zu sagen, wir müssen niemandem nichts beweisen, sondern einfach nur das machen, was uns jetzt gerade bewegt und gefällt. Und das dann auf die Platte zu nehmen. Ich glaube, das haben wir auch geschafft. Die neue Platte ist unaufgeregter.

Hanns: Im Nachhinein ist die Saal 3 stellenweise ein bisschen zu …

Akademisch?

Hanns: Ja, so wir-zeigen-euch-jetzt-allen-was-abgeht. Aber trotzdem mag ich die auch, es war auch eine tolle Sache, da aufzunehmen … Aber die aktuelle Platte hat einfach mehr Ruhe. Und diese Reduktion finde ich auch noch ein bisschen reifer.

Aber die Reife ist ja ein natürlicher Prozess, der zwangsläufig mit der Zeit kommt und von Album zu Album weiter voranschreitet … „Abgeklärt“ ist ein blödes Wort, aber vielleicht trifft es das?

Hanns: Vielleicht. Kann sein. Ich finde es auf jeden Fall runder, auch als Gesamtidee.

Katharina: Abgeklärt trifft es für mich nicht. Aber entspannter trifft es. Und reifer. Ja, reifer!

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Lasst uns „Entspannung“ als Stichwort für meine letzte Frage nehmen. Nach zehn gemeinsamen Jahren braucht man doch sicherlich auch mal Entspannung oder Ruhe voneinander, oder? Anders gefragt, was macht ihr, wenn ihr nicht FrauContraBass seid?

Hanns: Dann sind wir ganz traurig! (Gelächter)

Katharina: Also, dass wir uns jetzt irgendwie auf die Nerven gehen würden – coolerweise ist es nicht so. Wirklich nicht. Wir sind zu zweit so hochmotiviert unterwegs, das ist großartig! Und ich erzähle immer allen, mit dem Hanns zu spielen ist total toll, und er erzählt allen, mit der Katharina zu spielen, ist total toll – und es ist wirklich großartig, dass das nach zehn Jahren noch so ist. Nicht, dass wir uns nicht streiten … (lacht) Um auf die Frage zurückzukommen: Hanns hat eine tierische Combo namens Tango Transit …

Hanns: Ein Trio mit Akkordeon, Schlagzeug und Bass.

Katharina: Total schön!

Hanns: Wir spielen sehr viel, auch jetzt wieder an Weihnachten – die Weihnachtsplatte kommt jetzt raus, da ist dann auch immer irgendwas … Aber ich glaube, FrauContraBass hat schon eine besondere Stellung für uns beide, weil es so besonders konzentriert ist. Ich meine, das sieht man ja, wenn man hier auf so einer kleinen Bühne steht, das ist sehr intim, und ich würde das wahrscheinlich auch das ganze Jahr über machen. Es gibt dann aber noch ein paar andere Projekte, ich spiele noch mit einem Kabarettisten als Sideman – solche Sachen eben, die ganz normal zum Berufsleben eines Musikers, der nicht weltberühmt ist, dazu gehören. So ist das bei mir. Und Katharina ist ja mit Slixs international unterwegs.

Katharina: Das ist diese Vokalformation, in der ich mitsinge, aus Halle an der Saale. Und das ist auch großartig …

Hanns: Tierisch ist das!

Katharina: … da kann ich mich als Sängerin einfach in so eine Gruppe einbinden. Ich bin da zwar die einzige Frau, aber trotzdem muss ich nicht immer solo singen, was auch mal total angenehm ist, sich da hineinfallen zu lassen. Aber natürlich ist es toll im Duo, das ist einfach so pur! Und man kann sich nicht verstecken. Die Angst, die man davor hat, ist aber genau das, was es dann so toll macht.

Hanns: Es wird immer neue Programme geben und vielleicht auch ein paar Experimente mit Sounds, aber im Grunde wird das mit uns immer so weitergehen.

Das heißt, ihr habt mit FrauContraBass eure Herzformation gefunden.

Beide: Ja, absolut!

Hanns: Ich glaube, das merkt man auch. Es ist nicht normal, dass man sich da hinstellt, beziehungsweise, wir denken manchmal, gerade, wenn wir vor vielen Leuten spielen, wie krass sind wir eigentlich drauf, dass wir uns jetzt hier hinstellen, quasi nackt, und den Leuten, die wir noch nicht kennen, unsere Songs vorspielen? Das Tolle dabei ist, dass wir immer für uns beide wissen, es darf alles passieren. Es kann nichts schief laufen, das heißt, es wird jetzt keiner auf einmal ohnmächtig vor Angst oder so, sondern wir stehen da und wir wollen das beide gut machen zusammen, tolle Musik machen. Das ist etwas, was auch nicht mit jedem so intensiv möglich ist.

Katharina: Es ist auch schön zu wissen, dass man zu zweit mittlerweile so eingespielt ist, dass man, selbst, wenn etwas passieren würde, gar nicht so tief unter das gegebene Niveau fallen kann. Es kann eigentlich nicht viel passieren, und selbst, wenn man selber das Gefühl hatte, oh Mann, heute war das aber nicht so toll, haben die Leute im Publikum trotzdem immer noch das Gefühl, es war ein guter Abend. Das entspannt uns auch ein bisschen vorm Konzert.

Hanns: Stimmt. Es kann nichts passieren.

Weil der andere da ist , der einen auffängt?

Hanns: Ja, klar.

Katharina: Genau. Ich weiß, wenn ich mal einen kompletten Text versemmel und nichts mehr weiß – das ist egal, weil Hanns dann eben kurz mal solo spielt. Oder er macht den Groove weiter, und ich komme dann halt irgendwann wieder rein.

Hanns: Vor Jahren ist mir mal passiert, dass ich einen Song in einer falschen Tonart angefangen habe, eine Quarte zu hoch …

Katharina (kichert): Das war die Hölle! ‚Ne Quarte höher!

Hanns: Take Me Home, der ist auf der letzten Platte drauf … Ich hab’s dann irgendwann gemerkt, aber ich wusste dann auch nicht mehr genau, wie ich da jetzt wieder rauskomme …

Klammheimlich zurückmodulieren …

Hanns: Ja, das haben wir, glaub ich, sogar so gemacht.

Katharina: Nee, wir haben das nicht gemacht. Wir haben die komplette Nummer ’ne Quarte höher gespielt. Und eigentlich geht die so (singt in Originaltonart): Take me home …, so ganz entspannt, aber ich war die ganze Zeit so (singt höher): Take me home … haaaaaa, und dachte mir so, egal, ich bin ein Engelchen! (Gelächter)

Hanns: Also, es geht alles. Und auch Situationen, in denen es brenzlig wird, weil man im Stau stand und erst fünf Minuten vorher ankommt oder wo auf einmal ganz viele Leute sitzen – das geht alles. Oder auch, wenn nur drei Leute da sitzen. Wir haben nie ein Problem damit, wir wollen es immer gut machen.

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Comes Love ist am 1. November 2013 auf Contemplate/Edel erschienen. Klangblog-Leser können ein signiertes Exemplar gewinnen. Einfach eine Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben und auf etwas Losglück hoffen.

11. November 2013

Subtext im Märchenland: Mira Falk im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 13:56

Gerade hatte ich dem Hund in der Küche sein Futter hingestellt und mich ins Wohnzimmer verzogen, als das Telefon klingelte. Unbekannte Nummer. Ich gehe trotzdem ran. „Hallo, hier ist Mira“, tönt es aus dem Hörer, den ich vor Schreck beinahe fallen lasse. Hat sich der Hund heimlich ein Handy besorgt und ruft mich jetzt aus der Küche an, um mir mitzuteilen, dass er noch gern einen Nachschlag hätte? Mit der Einsicht „Die letzte Nacht war zwar lang, aber so lang nun auch wieder nicht“ schwindet auch der Schreck und es klärt sich, dass nicht etwa mein Mira-Hund telefonieren gelernt hat, sondern Sängerin Mira Falk anruft, um sich mir mir zum Interview zu verabreden.

Und das wird dann auch sehr schön. Entführt ihr Debütalbum Enchanting Land den Hörer in die fabelhafte Welt der Mira Falk irgendwo zwischen Kreuzberger Kindheit und der Multikulturalität Amsterdams, in der das Mira Falk Quartet zum Leben erwacht ist, fasziniert im Gespräch vor allem, wie offen und wortreich die Halb-Italienerin darüber spricht, dass es für junge Musiker nicht immer ganz so einfach ist und wie sie dem mit einer Art Nachbarschaftshilfe unter Kreativen zu begegnen weiß, warum man es sich nicht auch noch gegenseitig schwer machen sollte und weshalb sie sich selbst „nicht als totale Jazzsängerin bezeichnen“ würde, Enchanting Land aber durchaus als Jazzplatte. Viel Freude damit!

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Mira & Mira auf dem Klangverführer-Sofa

Klangverführer: Enchanting Land ist dein erstes Album. Von einem wirklichen Debüt kann man aber eigentlich gar nicht sprechen, denn das Mira Falk Quartet hat 2011 schon eine EP gemacht, richtig?

Mira Falk: Genau. Ich habe 2010 meinen Abschluss gemacht und mein Traum war immer, ein ganzes Album aufzunehmen. Ich hatte zwar schon zig Demos aufgenommen oder mal bei Freunden was eingesungen, aber dass es so wirklich meine CD ist, mein Name, meine Lieder – das hatte ich noch nicht. Nach dem Studium wollte ich mir dann aber erstmal so etwas wie einen Probelauf dafür geben und hab‘ dann eben diese EP gemacht. Ich hatte kurz vorher eine Rückzahlung von der Steuer gekriegt, was sehr schön war, und dachte, investiere ich das doch mal sinnvoll! (lacht) Bei der EP war wirklich alles handgemacht, sie wurde bei einem Studio um die Ecke aufgenommen, was zwar schon eines der besseren war, das aber trotzdem noch über diese Wohnzimmeratmosphäre verfügte, ein Studienkollege hat es gemixt, mein Freund das Artwork gemacht … Das war jetzt nicht mehr völlig auf dem Level eines Demos – immerhin haben wir die EP auch richtig verkauft –, aber es war noch viel „Try-Out“ dabei.

Für die CD wollte ich das Ganze dann etwas größer angehen. Ich habe mit der EP im Gepäck einige Labels angeschrieben, und zwei waren auch sehr interessiert, darunter auch das Label, bei dem zwei befreundete Kolleginnen, Simin Tander und Julia Oschewsky, ihre CDs rausgebracht haben. Mir war es zunächst wichtig, meine CD bei einem deutschen Label herauszubringen – nicht nur, weil ich Deutsche bin, sondern auch, weil der deutsche Markt größer ist. Zu der Zeit habe ich noch in Amsterdam gewohnt und wollte lieber von Deutschland aus in den niederländischen Musikmarkt vordringen als andersrum.

Zeitgleich kamen mir aber grundsätzliche Zweifel an der ganzen Label-Idee, weil Labels, wenn man jetzt nicht gerade bei Blue Note & Co. veröffentlicht, kein großes Budget für Promotion haben, und wenn sie in dem Monat, wo deine Platte veröffentlicht wird, auch noch fünf andere Alben veröffentlichen, kann es sehr schnell sein, dass du einfach hinten runter fällst. Dann hast du investiert – und keiner hört’s! Ich fand es dann viel zeitgemäßer, mir direkt einen Promoter zu nehmen. Also habe ich mich mit einer Promoterin bei „Initiative Musik“ beworben, und dort hieß es, sie fänden zwar die EP musikalisch super – was auch erst einmal sehr schön zu hören war! –, aber ohne Label im Hintergrund ist ihnen das, gerade bei einem Debüt, nicht stark genug. In den Niederlanden ist das anders, aber in Deutschland scheinen noch etliche Traditionen im Weg zu stehen. Ich habe den Eindruck, hier mahlen die Mühlen in der Hinsicht etwas langsamer.

Letzten Endes bin ich aber bei meiner Meinung geblieben und habe meinen Fokus mehr auf die Zusammenarbeit mit einem Promoter gelegt. Mein Label Record Jet, für welches ich mich zum Schluss entschieden habe, ist ja eigentlich hauptsächlich für die Distribution verantwortlich. Ein renommiertes Label hätte mich eventuell künstlerisch auch zu sehr eingeschränkt. So beispielsweise war es mir wichtig, mit Künstlern aus meinem Umfeld zu arbeiten. Ich wollte mit einem ganz bestimmten Fotografen arbeiten, ich wusste, von welcher Designerin meine Kleidung stammen sollte – für all dies und noch viel mehr gibt es bei Labels ja sonst Vorgaben. Ich hatte an mein Debütalbum den Anspruch, alles selbst zu bestimmen, das wäre in Zusammenarbeit mit einem größeren Label weitaus schwieriger umzusetzen gewesen. Auch das Studio wird einem oft vorgegeben – und die Bauer Studios sind natürlich super, da will jeder aufnehmen! –, aber ich hatte immer den Traum gehabt, mein erstes Album in der Fattoria Musica aufzunehmen. Und wenn man sich den Traum vom ersten eigenen Album schon erfüllt, dann muss man ihn sich auch richtig erfüllen, ist meine Meinung. Dieser Freiheitsgedanke spielt für mich eine wichtige Rolle.

Wahrscheinlich betrachtet man das Album dann auch umso mehr als wirklich eigenes, je mehr Anteil man an seiner Entstehung hat! Jetzt ist es ja geschafft. Wann und wo und wie habt ihr eigentlich als Quartett zusammengefunden?

Wir haben alle am Conservatorium van Amsterdam studiert, kannten uns also aus dem Studium. Natürlich hätte ich auch gern am JIB in meiner Heimatstadt Berlin studiert, bin dann aber über den Umweg eines kombinierten Klassik- und Popularstudiums an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock in Amsterdam gelandet. Ich will die Klassik zwar nicht missen, aber letzten Endes wollte ich Jazz studieren, wozu ich ans Conservatorium van Amsterdam gegangen bin. Letztendlich hat sich die Stadt für mich als total wundervoll herausgestellt. Ich meine, mittlerweile ist Berlin ja auch viel internationaler geworden, aber an dieser Riesenschule in Amsterdam kamen etwa drei Viertel der Leute aus der ganzen Welt! Ich bin selbst Halb-Italienerin, ich bin in Kreuzberg großgeworden – ich mag einfach diesen Mix, der gibt mir ganz viel. So setzt sich auch das Mira Falk Quartet aus einem Isländer, einem Engländer, einem in Australien großgewordenen Deutschen und mir zusammen. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, doch die Musik vereint das dann alles.

Wie sehr prägt denn dieser multikulturelle Background euren Stil?

Jetzt spiele ich live ja mit anderen Musikern, als mit denen ich die CD aufgenommen habe. Dazu will ich aber nachher noch mehr sagen. Für mich persönlich bedeutet Multikulturalität, dieser Mix, dass ich gar nicht anders leben könnte. Ob das jetzt mein Freundeskreis ist oder die Leute, mit denen ich spiele – das finde ich mit am inspirierendsten. Das mag jetzt vielleicht etwas idealistisch klingen, aber egal, wo jemand herkommt, wo er aufgewachsen ist – was zählt, ist die gemeinsame Leidenschaft, die einen vereint. Und was man dafür alles in Kauf nimmt – von schlecht bezahlten Gigs zu künstlerischen Krisen – da wird die Herkunft sehr schnell egal, denn alle müssen da durch, egal, woher sie kommen. Die zweite Hauptsprache in Amsterdam ist Englisch, was noch einmal mehr Internationalität dahin bringt.

Ich habe mal gelesen, es gibt auf der Welt hundertdreiundachtzig oder so ähnlich – halt mich da jetzt nicht an den Zahlen fest – Nationen, und hundertachtzig davon sind in Amsterdam vertreten. Und genau so ist auch das Lebensgefühl, wenn man dort ist.

Lass uns mal einen Blick auf deine Zeit vor Amsterdam und vor dem Mira Falk Quartet werfen. Du bist ja schon eine ganze Weile musikalisch unterwegs. Bei der Recherche zu diesem Interview ist mir auf YouTube eine Aufnahme von 2004 aus Rostock in die Hände gefallen, wo du gemeinsam mit einem Gitarristen Cindy Laupers Time after Time coverst. Spielt Pop für dich noch eine Rolle?

Ja, auf jeden Fall! Ob das jetzt Regina Spektor ist oder Tuneyards oder Tom Waits, den ich über alles liebe, bis hin zu den Beatles … also, total! Für mich war relativ früh klar, ich will eigene Musik schreiben, auch wenn es ewig gedauert hat, bis es endlich so weit war. Und für mich ist eigentlich alles, ob das die Klassik ist, ob das Pop ist, ob das Jazz ist, wichtig, um Musik zu schreiben. Ich liebe halt Musik einfach! Letzten Endes fand ich es am geschicktesten, Jazz zu studieren, da mir Klassik zu perspektivenlos war, es ging dann eben doch immer nur Richtung Opernbühne, und Pop war mir ein bisschen zu flach, auch wenn sich die Studiengänge da gerade auch wandeln. Jazz hat sich da am meisten angeboten, wobei ich mich nicht als totale Jazzsängerin bezeichnen würde.

Enchanting Land ist in deinen Augen aber eine Jazz-CD?

Doch, schon. Als Grundtenor auf jeden Fall. Ich liebe Jazz auch total! Ob das jetzt die ganzen alten Sängerinnen sind, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan, über den Jazz-Folk von Joni Mitchell bis hin zu Becca Stevens, die liebe ich sehr, und Gretchen Parlato. Aber die Platte ist irgendwie ein Mix, Chanson ist da ja auch zu hören, den mag ich auch total gern, und die deutsche Sprache, mit der ich in vielerlei Hinsicht am Anfang Berührungsängste hatte. In meinem Live-Programm sind jetzt auch mehr deutsche Stücke dabei als auf der CD. Anfangs wusste ich nicht, ob das jetzt überhaupt geht, ob das massentauglich ist, weil wir ja auch viel international spielen, ob man das seinem Publikum zumuten kann.

Und klar ist es dann auch noch einmal ein bisschen anders, in der eigenen Sprache zu singen, man macht sich noch einmal mehr angreifbar. Auch die Kombination Jazz und Deutsch war am Anfang fraglich. Roger Cicero, der auch bei mir an der Hochschule studiert hat, macht das ja mit großem Erfolg. Zwar wäre der Stil, wie er es macht, allein von der Sprache her überhaupt nichts für mich, aber ich habe Respekt davor und er hat gezeigt, dass das geht. Und wenn man live spielt, ist es toll zu merken, dass viele Leute gerade das total gut finden. Dieses Jazz-Folk-Pop-mäßige auf Deutsch scheint relativ viele Leute anzusprechen! Ich fühle mich jetzt auch total wohl darin.

Ich liebe schreiben, ich liebe Worte. Meine Hochschule war auf Englisch, die letzten sechs Jahre habe ich eigentlich fast nur auf Englisch gelebt, auch in meiner Beziehung – ich fühle mich im Englischen zu Hause und kann mich da auch ausdrücken, aber auf Deutsch schreibe ich eben für mich selbst schon ewig, wenn auch mehr privat, und es ist sehr schön, dass ich dafür jetzt so ein gutes Feedback kriege. Dadurch fühle ich mich auch ermutigt, in diese Richtung weiterzuarbeiten.

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Du hast gerade den Aspekt „Chanson“ angesprochen – auf Enchanting Land gibt es ja auch eine Interpretation von Whatever Lola Wants im Salon-Tango-Stil, das ist das einzige Cover auf der CD. Warum gerade die Lola, welchen Bezug hast du zu dem Stück?

Wir hatten eigentlich noch ein Tom-Waits-Stück, das hat es leider nicht auf die CD geschafft, da es einfach zu schwierig war: Ich spiele da Kalimba, und mit der Intonation ist da so eine Sache, auch aus technischen Gründen, weil das sehr offen gespielt ist und kaum Nachbearbeitung zulässt. Die Lola … ich finde erstmal den Text super. Es gibt eine grandiose Version von Sarah Vaughan, die ich sehr liebe. Und mit Kristján, meinem Pianisten, der da Akkordeon gespielt hat …das hat einfach total etwas in mir angesprochen! Auch dieses Laszive … Ich habe ja sonst eher dieses Träumerische, Zarte, Sensible, aber diese Seite habe ich in jedem Fall auch in mir und kann sie bei diesem Stück mal kurz ausleben! (lacht)

Eben hast du ein Tom-Waits-Stück erwähnt; und auch deiner aktuellen Pressemitteilung kann man entnehmen, dass ihr euch gern mal an Neuarrangements seiner Stücke, aber auch der von Kurt Curbain und sogar Benjamin Britten versucht – was macht da für dich die Herausforderung aus, im Gegensatz zur Interpretation von Eigenkompositionen?

Ich würde sagen, dass ich den Großteil meines musikalischen Werdegangs der Interpretation von fremden Stücken gewidmet habe, klar, da waren im Jazz erstmal die Standards, aber natürlich auch in der Klassik, obwohl man hier strenger an Vorgaben à la „Den Bach singt man so“ gebunden ist, aber trotzdem natürlich auch seine interpretatorische Freiheit hat. Für mich ist es immer eine schöne Herausforderung, dass man so sich darin findet. Im Klassikstudium zum Beispiel hatte ich auch Schauspiel, und da hieß es immer: der Subtext. Und genau darum geht es, dass es egal ist, was man macht, wenn man seinen persönlichen Subtext darin findet. Es gibt Stücke, ob das nun ein klassisches Lied von Benjamin Britten ist oder ein eher derber Song von Tom Waits, wenn ich mich darin finde, ob in den Akkorden oder in dem Text, und meistens ist es der Text, weil ich Worte sehr wichtig finde, dann klingt da etwas in mir an, was ich dann auch erzählen will, auf meine Art. Und daraus ergibt sich dann unser Arrangement. Es ergibt sich nicht alleine nur daraus, aber sicher das ist dann der Boden dafür.

Lass uns auch über die Eigenkompositionen sprechen. Bis auf die Lola stammt Enchanting Land ja komplett deiner Feder. Erzähl mir doch ein bisschen mehr über dieses zauberhafte Mira-Falk-Land, in das du deine Hörer entführst …

Ich finde das Wort „Märchen“ total schön. Märchen kommt ja von Mär bzw. Mar oder Mahr, und das ist ein mythologischer Dämon, der sich bei den Leuten, wenn sie geschlafen haben, auf die Brust gesetzt und ihnen (sexuell aufgeladene) Träume eingegeben hat. Das hat also auch so einen kleinen moralischen Aspekt. Im Englischen gibt es ja noch das Wort „nightmare“ …

… und im Deutschen entsprechend die „Nachtmahr“, auch wenn sie leider nicht mehr ganz so gebräuchlich ist …

Ja, aber eben auch die mittels Diminutiv verkleinerten „Märchen“. Und die deutschen Märchen sind ja im Grunde oftmals auch unheimlich. Disney hat sie ja leider in diesen Superkitsch umgewandelt. Ich liebe aber diese ursprünglichen deutschen Märchen, mit denen bin ich auch aufgewachsen. Meine Mutter hat sie mir noch aus einem Buch der Urgroßmutter vorgelesen, das hatte auch unglaublich tolle Bilder! Dieses Szenario hat mich extrem geprägt, die Ofenheizungswohnung in Berlin-Kreuzberg und diese Märchenbücher, das bildet den Grund meiner Persönlichkeit.

Ich hatte lange überlegt, der CD einen deutschen Titel zu geben. Als ich mich dann doch dafür entschied, dem Album einen englischen Titel zu geben, wollte ich nichts mit „fairy tale“ machen, denn ich finde, dieses Wort ist total abgenudelt und weckt gleich Assoziationen zu Tinkerbell und dem Disneyschloss, das wollte ich auf gar keinen Fall! Denn das Album ist zwar oft sehr träumerisch und leicht, hat aber auch eine dunkle Seite. Die ist auch da. Und die brauche ich auch.

Als ich dann nach dem Pendant zu „Märchen“ suchte, kam ich irgendwann auf dieses „Enchanting Land“ – das ist jetzt nicht verzaubert, nicht „enchanted“, sondern „enchanting“. Ein bisschen wie bei Amélie …

Die fabelhafte Welt der Mira Falk!

So ungefähr! Und die ist für mich auch immer da. So träume ich mich im Alltag auch oft weg, zurück in meine Kindheit. Also, meine „kleine“ Kindheit. Als ich dann in der Schule war, wurde alles anders! (lacht) Aber diese „kleine“ Kindheit in Kreuzberg … darüber erzähle ich ja auch in My Wondrous Little House.

Dieses Verzauberte wird auch noch einmal durch das Instrumentarium, das auch Mini-Piano und Glockenspiel umfasst, verstärkt – das sind ja alles fragilere Sounds, denen man Schönheit und Süße zuschreibt. Jenseits vom klanglichen finde ich es für mich auch spannend, diese Instrumente auf der Bühne zu bedienen. Da spiele ich auch Kalimba, auch als Daumenpiano bekannt. Früher wusste ich oft nicht, was ich auf der Bühne mit meinen Händen machen soll – als Instrumentalist hat man da immer was zu tun, während man als Sängerin nur das Mikro hat. Das gibt mir rein haptisch ein anderes Gefühl auf der Bühne; und auch diese leichten Veränderungen von Lied zu Lied – also, dass man erst da und da steht und das eine Extrainstrument spielt, sich dann aber dort und dort hin begibt – finde ich spannend. Ich beweg‘ mich halt gerne.

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Wenn aber Enchanting Land so sehr um deine zauberhafte Welt, um deine Person kreist – welche Rolle kommt dann den Jungs vom Mira Falk Quartet zu?

Ja, ich fand es auch lange Zeit schwierig, ob ich das Album nur unter dem Namen Mira Falk laufen lassen soll. Jetzt läuft es unter Mira Falk Quartet; aber letztendlich sind die Texte von mir und müssen völlig „in tune“ mit mir sein. Ich komme dann in den Proben mit den Akkorden, der Melodie etc. an und das generelle Gerüst steht, aber ich brauche Jungs, also das ganze Quartett, die da auch viel von sich reinbringen, nicht nur an Improvisation, das ist im Jazz ja selbstverständlich, sondern auch beim Arrangement. Das ist mir dann auch sehr wichtig, sie zu haben und ihnen musikalisch völlig zu vertrauen.

Sind sie austauschbar im Sinne von: Hauptsache, irgendjemand kümmert sich um das Arrangement?

Also, ich hänge schon sehr an meinen Musikern, aber der Umzug von Amsterdam nach Berlin hat das jetzt leider ein bisschen erschwert. So doll bezahlt sind Jazz-Gigs jetzt ja nicht und extra Reisekosten kommen ja auch noch dazu, wenn nicht alle in einer Stadt leben, weshalb es sich dann doch mehr angeboten hat, mit Berlinern zu spielen, die auch total super sind und um die ich sehr dankbar bin, aber wenn du jetzt fragst, wie sehr ich an meinen Musikern hänge: eigentlich sehr. Ich habe mich schon mit einem sehr großen weinenden Auge von ihnen getrennt, denn ich bin eigentlich sehr loyal.

Wo wir gerade beim Stichwort Jungs sind: Auch dein Quartett setzt sich ausschließlich aus männlichen Musikern zusammen. Was glaubst du, warum nehmen Frauen im Jazz bis heute meist den Part der Sängerin ein und spielen als Musikerinnen eine prozentual vernachlässigbare Rolle?

Für mich persönlich ist erst einmal der Pianist sehr wichtig, das ist für mich der Grundstock einer Band. Bei mir an der Hochschule gab es auch viele Jazz-Pianistinnen, die kamen aber alle fast durchweg aus Korea. Und es war dann auch klar, dass die wieder zurückgehen. In der Klassik ist das ja sehr weit verbreitet, aber auch im Jazz, dass so ein Studium in Europa so eine Art Adelsschlag ist – aber dann geht man wieder zurück. Und ich wollte Leute, die zumindest in Europa sind – und jetzt merke ich, am liebsten sogar in der eigenen Stadt, weil es sonst logistisch einfach zu schwierig ist.

Generell Frauen im Jazz: Das ist eine gute Frage! Es gibt ja immer wieder Hornspielerinnen in Bigbands und auch mal Pianistinnen, aber es stimmt schon, in der Rhythmusgruppe gibt es fast nie welche! Ich weiß auch nicht genau, warum das so ist. Ich hätte auch überhaupt nichts dagegen, mit Frauen zu spielen, um das in die Richtung zu beantworten. Ich habe auch eine Zeitlang mit einer Pianistin gespielt, was dann leider persönlich nicht so gut geklappt hat, aber musikalisch fand ich das total toll!

Komischerweise habe ich aber auch die Erfahrung gemacht, dass – da ich oft zeige, dass ich etwas sensibler bin – Frauen im Jazz doch ein bisschen tougher sind oder meinen, es sein zu müssen. Zumindest vor den Jungs. Ich empfinde es in der Zusammenarbeit als schwierig, wenn dann in so einer Probensituation der halbe Macho rausgelassen wird – sogar mehr noch als bei den Jungs. Wobei ich jetzt auch nicht mit solchen Macho-Jungs spiele, das kann ich auch überhaupt nicht, das sind dann eher so die netten Typen von nebenan, die dann mit mir auch noch einmal ein bisschen sensibler sind. Wobei: Am Ende sind ja alle schüchtern und sensibel, das ist es ja klar!

Ich kann nachvollziehen, warum Frauen im Jazz so sind, wie ich gerade beschrieben habe, aber ich bin halt überhaupt nicht so und finde das in der Zusammenarbeit dann ein bisschen anstrengend. Ich habe es mit meiner Art auch nicht immer leicht, das weiß ich auch, aber die es dann mögen, die freuen sich dann auch wirklich darüber. Und ganz ehrlich, ich möchte auch nur noch mit solchen Leuten zu tun haben. Ich mach‘ mein Ding und ich hab‘ mein Zeug zusammen, aber ich bin jetzt nicht so eine Ellenbogenperson – will ich auch nicht sein!

Zwischen Sängerinnen herrscht aber leider oft so ein Grundtenor der „Stutenbissigkeit“, einer anderen etwas nicht zu gönnen, bedingt auch durch Unsicherheit. Und das finde ich immer total schade, weil ich generell immer toll finde, wenn Frauen etwas machen. Das ist immer so ein blöder Satz, dass eine Frau sich „verwirklicht“, aber ich finde das echt wirklich toll! Und auch, wenn ich jetzt nicht so eine Toughe, Harte bin, kann ich mich verwirklichen; ich mach‘ trotzdem mein Ding und ich weiß genau, was ich will. Vielleicht brauche ich dann auch mal länger – aber das ist ja auch alles in Relation zu sehen, denn was heißt schon länger, was heißt kürzer? Letztendlich mach‘ ich’s jetzt, Punkt.

Und das ist vielleicht etwas, was ich mir gerade von Kolleginnen manchmal mehr wünschen würde: gönnen können, sich mitfreuen, sich inspirieren lassen. Dass man den positiven Aspekt dahinter sieht und nicht nur die Konkurrenz. Dass man sieht, Mann, die macht das so und so, das ist ja total cool, das probiere ich doch auch mal! Auf der anderen Seite wünsche ich mir, dass man mehr ein offenes Ohr hat, wenn jemand an einen herantritt – was mir immer mehr passiert und wo ich mich dann geehrt fühle. Wenn da eine Sängerin kommt, teilweise jünger, teilweise auch älter, und sagt, hey toll, wie hast du das denn gemacht?, da gibt es gar keine Frage, da erzähle ich gern, wie ich das gemacht habe. Und sage dann auch, dass ich nicht weiß, ob es richtig ist, aber ich habe es so gemacht, bei mir funktioniert es gut – vielleicht funktioniert es bei ihr auch. Dann hat man nämlich etwas, was ich auch schön finde: dieses Stärken von allen miteinander.

Denn letztendlich ist man ja nicht nur Musikerin – also, man ist natürlich Musikerin, aber dass diese ganze Musikwelt untereinander funktioniert, da hängen Journalisten drin, da hängen Promoter drin, da hängen Designer drin. Es sollte darum gehen, und das habe ich bei meiner CD auch probiert, dass man eine ganze Generation stärkt, denn letztendlich haben wir es im Kultursektor alle nicht einfach, das ist nun mal so. Man hat ja schon gegen die Tante so-und-so zu kämpfen, die immer noch nicht versteht, was genau man da jetzt macht, oder gegen irgendwelche alten Schulkameraden oder das Amt. Ich meine, man hat doch schon genug Stellen, denen gegenüber man sich rechtfertigen muss, dass man jetzt so einen komischen Job ergriffen hat – das ist jetzt so ein idealistischer Gedanke, aber da muss man es sich doch nicht auch noch gegenseitig schwer machen! Man muss ja auch jeden Morgen, an dem man aufwacht, schon ein stückweit mit sich selber kämpfen. Es ist ja auch alles gar nicht so einfach, und man braucht viel Kraft und muss viel an sich arbeiten, dass man das auch über einen längeren Zeitraum durchhält. Auch wenn ich mir vorerst gar kein anderes Leben vorstellen kann, freue ich mich, auch mal von einer Kollegin oder auch einem Kollegen natürlich ein nettes Kompliment zu hören. Die muss ja auch gar nicht alles hundert Prozent geschmacklich toll finden, aber einfach das Ding an sich respektieren.

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Enchanting Land ist am 4. Oktober 2013 auf recordJet erschienen. Klangverführer verlost unter all denen, die eine Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben, ein von Mira Falk signiertes Exemplar. Viel Glück!

5. Oktober 2013

Ein sehr schönes Grau oder: Das Duo als „relativ nackte Art“ – Mara & David im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 17:44

Es hat drei ganze Alben sowie den Umzug der Sängerin von Dresden nach Berlin gebraucht, bis ich das Duo endlich an meinen Wohnzimmertisch zum Interview bitten konnte. Schön, dass es geklappt hat, denn die aktuelle Veröffentlichung von Mara & David hat mindestens genausoviel Charakter und Tiefe, wie die beiden Musiker, die jenseits aller Presse-trifft-Künstler-Konventionen selten offen und unglaublich poetisch darüber sprechen, dass man sich manchmal ausdünnen muss, um sich wiederzufinden, dass ihre Musik, „auf die man schon ein bisschen zugehen“ sollte, ein schönes Gegengewicht zur Zeit ist, und nicht zuletzt darüber, dass es irgendwann dann auch mal mit dem Herzschmerz reicht. Wäre es kein so furchtbares Klischee – wie gern würde ich schreiben, dass die Stärke von Mara von Ferne und David Sick in ihrer Verletzlichkeit begründet liegt! Sie nennen es Freiheit – ich nenne es ein rundum gelungenes Interview, das gleichzeitig auch den ersten „Arbeitstag“ von Linaliebhundnachfolgehund Mira, im Folgenden: Mademoiselle Mirabelle, markiert. Viel Freude daran!

Mara_David_und_Mira
Peter, Paul & Mary – pardon: Mara, David & Mira, die den Bettvorleger gibt, in meinem Wohnzimmer

Klangverführer: Wenn etwas veröffentlich wird, was ich vor einiger Zeit geschrieben habe – und das ist ja der Regelfall, das von der Abgabe des Manuskripts bis zur Publikation eine Weile ins Land geht –, ist das für mich immer ein seltsames Gefühl, weil ich mit Kopf und Herz ja schon wieder an einer ganz anderen Sache arbeite. Geht euch das auch so, anders ausgedrückt: Wie emotional verbunden seid ihr mit Call It Freedom zum Erscheinungszeitpunkt noch? Geschrieben und aufgenommen habt ihr das Album ja vor etwa einem Jahr, oder?

David: Victoriah, Du fängst mit einer Frage an!

Mara: Es stimmt, es ist schon etwas länger her – wir gehen mal nicht ins Detail, wie lange …

David: Lass uns mal 2010 nehmen als Zeitpunkt des Songschreibens, oder?

Mara: Ja, geschrieben haben wir die Songs 2010, zum Teil 2011 …

David: 2009 sogar, oder? „Wanderlust“ ist wann entstanden? Jedenfalls sehr früh …

Mara: Und aufgenommen wurde es 2011, komplett war alles schon Ende 2011 fertig.

Wie fühlt es sich dann für euch an, wenn man jetzt überall lesen kann, es ist das *neue* Mara&David-Album?

Mara: Also, für mich fühlt es sich trotzdem relativ neu an, weil wir die Songs ja nicht so viel gespielt haben, eben um sie frisch zu halten.

David: Das ist es, was ich auch gerade dachte. Ich finde auch, dass es sich darum neu anfühlt, weil wir die Songs einfach nicht gespielt haben. Und das Album gefällt mir auch sehr gut! Wenn ich es so höre, denke ich: schönes Album! Dieser Abstand ist ja sonst nicht gegeben. Normalerweise nimmt man es auf, und dann spielt man es die ganze Zeit und dann denkt man irgendwann, diese Songs kann ich nicht mehr hören! Man steckt viel zu tief drin. Und das ist bei uns jetzt durch diesen Abstand alles so ein bisschen … schöner.

Das heißt, du siehst es sogar als Vorteil, wenn man emotional nicht mehr so sehr daran bzw. darin hängt?

David: Ja, wir hatten eine sehr intensive Zeit in Dresden, und jetzt ist das anders: Wir haben jetzt zwei verschiedene Städte und sind nicht mehr so eng, was das angeht, und das ist meiner Meinung nach auch für so einen Abstand ganz gut. Der räumliche Abstand tut uns immer noch gut …

(großes Gelächter)

Mara: Nein, im Ernst: Natürlich ist es so, dass man durch die verstrichene Zeit schon einen emotionalen Abstand zu den Songs hat, aber es ist wirklich so, dass, wenn man sie dann wieder hört, man ganz überrascht ist, wie schön sie eigentlich sind! Nicht, dass ich jetzt vorher gedacht hätte, sie wären nicht gut, aber nach einer Weile hauen sie mich dann doch noch einmal neu um!

David: Ja, man hört sie dann manchmal so wie ein Fremder, und das ist gut. Trotzdem kann man sich noch mit den Gefühlen, die man damals hatte, identifizieren; und die Musik trifft ja auch meinen und Maras Geschmack – wir haben sie ja immerhin geschrieben, da kommt man jetzt nicht auf die Idee zu fragen, was ist das denn für’n Zeug?

Abstand ist ohnehin ein gutes Stichwort: Euer letztes Album, Once We Were Gods, ist 2009 erschienen. Was habt ihr in den letzten vier Jahren bis zum Erscheinen eures aktuellen Albums musikalisch getrieben

David: Ich hatte eine Krebserkrankung und war dann auch emotional weiter weg. Ohnehin hatten wir beide da gerade so eine Phase, wo es sich etwas entspannt hat. Und das ist auch wichtig gewesen, denn wir hatten davor so eine intensive Zeit, es musste dann einfach ein bisschen … Wie nennt man das, sag du!

Mara: … ein bisschen … ausdünnen für eine Weile. Um sich dann wiederzufinden.

David: Wie auch immer! Also so eine Phase wie in einer Beziehung, man schnuppert mal woanders rein, und wenn man sich dann wieder trifft, dann hat man wieder dieses Gefühl, und dann kann man das auch wieder machen.

Mara: Es entwickelt sich auch jeder auf seine Art weiter!

David: Das ist ein gutes Stichwort für mich. Jeder für sich entwickelt Bereiche, die er noch braucht, um weiter Duo spielen zu können, intensiv weiter.

Damit hast du schon so ein bisschen meine nächste Frage vorweggenommen: In meiner Rezension eures Albums für fairaudio habe ich festgehalten, dass dieses Album für mich ernsthafter, erwachsener klingt als die beiden Vorgänger. Einmal musikalisch, da es sehr Blues-lastig ist, andererseits aber auch von den Texten her, die sich nicht mehr so sehr der Introspektion widmen, sondern auch schauen, was in der Welt vor sich geht. Was ist eurer Meinung nach in dieses Album eingeflossen, dass es sich von den Vorgängern abhebt?

David: Genau das.

Mara: Die Vorgänger waren auch noch vielmehr introspektiv auf uns im Sinne von auf das Duo bezogen. In der Phase ist für uns beide total viel passiert, Gutes und Schlechtes, und dann sind auch noch mehr äußere Einflüsse dazugekommen.

David: Es hat sich nach außen geöffnet.

Auch in dem Sinne, dass ihr beide mehr zu Individuen geworden seid?

David: Ja, sowieso! Das habe ich schon auf der Bühne gemerkt, dass man jetzt völlig bei sich selbst ist. Ich zumindest fühle mich so, wenn ich spiele. Und trotzdem völlig beieinander.

Mara: Weil man sich mittlerweile so gut kennt, dass man das sein kann. Und sich trotzdem nicht verliert.

David: Genau. Es ist zwar natürlich immer eine Gefahr, wenn man so völlig bei sich selber ist, da kann man sich auch mal verlieren, aber an sich ist das eine schöne …

Mara: Man findet sich dann auch wieder!

David: … ja, und das Finden ist auch ein schöner Prozess. Wir haben da schon so eine Selbstverständlichkeit, mittlerweile, dass es in Ordnung ist, auch mal so eine Zeit zu haben, oder Momente zu haben, wo man bei sich ist. Aber man ist irgendwie trotzdem verbunden, weil es schon so gewachsen ist! Wir haben durch dieses Intensive – und ich muss das immer wieder sagen, weil es echt intensiv war in Dresden: wir haben so viel gespielt, wir haben es auch übertrieben zum Teil und zu oft geprobt, es gewissermaßen totgeprobt; trotzdem hat sich das dadurch … mehr vereint.

Dass ihr eure Duo-Beziehung auch weniger hinterfragt?

Mara: Das Gefühl habe ich eigentlich nicht. Wir hinterfragen eigentlich schon und wir reden oft über uns.

David: Das ist auch klar. Man fragt sich ja schon, wie geht das jetzt weiter?

Mara: Durch die unterschiedlichen Städte ist das ja jetzt auch recht schwierig. Man muss es wirklich wollen und dranbleiben, damit was passiert. Man kann nicht mehr alles einfach so laufen lassen, man geht nicht mehr fünf Minuten rüber zum anderen und probt. Jetzt muss man alles organisieren und planen, das ist ja auch irgendwie erwachsener. Und man hat jetzt ja auch noch mehr Verpflichtungen! Man ist ja nicht mehr Student und kann einfach nur proben.

David: Das ist natürlich schade, das muss ich schon sagen.

Mara: Ja, das ist ein bisschen schade.

David: Man hat dann eben einen Job – wie du ja auch einen Job hast, der dich grundsichert, und dass man dann noch so was macht, und dann will man aber auch noch so was machen … Man will heutzutage so vieles so gut machen, das ist ja das Problem unserer Zeit! Ich will dann super solo spielen, ich will mit einer Frau zusammen sein, mit der alles schön läuft, mit der man sich aber auch entwickelt, was ein Haufen Arbeit ist, und dann will ich plötzlich wieder auch noch ganz viel Klassik üben, und dann ist da noch Mara, und dann spielen wir Konzerte , dann kommt die CD raus …Das ist total toll, da ist viel los, aber das ist jetzt eben nicht wie früher, wo man sagt, hey, ich hab gerade ‘nen Stipendium bekommen, ich hab jetzt ‘ne Woche Zeit …

Mara: Genau, wo man sich die ganze Zeit so völlig darauf fokussieren kann!

Das war der Vorteil des Studiums, dass man so eine Art geschützten Raum hatte, um sich auszuprobieren?

Mara: Genau, und das ist ein Luxus, den man oft erst …

David: … hinterher erkennt. Und es war ja nicht nur im Studium. Mara hatte noch studiert, ich nicht mehr, da hatten wir ja wahnsinnig intensiv geprobt und getan … Und es ist einfach gut, wenn man das macht, das kann man eigentlich gar nicht in Frage stellen. Dieses Intensive ist es eigentlich. Da entwickelt sich das Zeug weiter. Aber was jetzt bei dem neuen Album eben ist, diese Öffnung nach außen, da hab‘ ich auch gedacht, dass wir das mal machen müssen. Ich habe das auch schon beim Songschreiben so gesagt, und Mara hat das auch so gesagt, und dann haben wir das auch so gemacht. Das war nicht nur ein Gefühl, sondern auch so ein bisschen ein Konstrukt, also, dass wir das so wollten!

Mara: Ich finde aber auch, dass man in den Aufnahmen hört, dass es für uns beide so eine besondere, so eine krasse Zeit war. Ich finde, man hört in uns beiden so eine gewisse Verletzlichkeit – die mir total gut gefällt und von der ich weiß, dass man die so nicht mehr reproduzieren kann.

David: Schön gesagt. Ja, genau. Also ich finde auch, man hört so etwas Graues. Ein sehr schönes Grau. Und ich finde ein Song, dieser ruhige Tango, wie heißt der? …

Mara: Winter Sky.

David: … Winter Sky der ist so bezeichnend für die Platte. Oder auch der letzte Song. Die sind alle so ein bisschen …

Melancholisch?

David: Nee, das ist so ein Gefühl … Das kann man nur hören! So ein grauer Himmel, eigentlich. Und so eine Welt, die sich verändert. So ein bisschen Endzeitstimmung. Leicht. Latent. So ein bisschen: Was passiert denn auf der Welt? Man guckt sich auch um.

Ihr habt diesem „grauen“ Album ja den Titel Call it Freedom gegeben – was ist es, das ihr Freiheit nennt, und was bedeutet Freiheit für euch?

Mara: Der Titel hat natürlich mehrere Aspekte. Zum einen bezieht er sich auf den Titelsong, da geht es darum, dass der Begriff „Freiheit“ heutzutage auch ja oft total pervertiert verwendet wird …

Also politisch?

Mara: Ja, im Weltgeschehen. Für uns persönlich hat der Titel dann noch die Bedeutung, dass es das letzte Album ist, was wir mit unserer aktuellen Plattenfirma machen.

Bleiben wir beim politischen Aspekt des Titels: Jazz thing hat den Titelsong ja als „gutmenschelnd“ bezeichnet … Wie geht ihr generell mit Kritik um?

David (zu Mara): Mach du!

Mara: Also, naja … Ich erinnere mich, dass das zweite Album ein paar zum Teil richtig fiese Kritiken gekriegt hat, die mich dann doch getroffen haben.

David: War das das, wo man geschrieben hat, wir sollten mal ‘ne Querflöte dazu nehmen, oder war das das erste Album?

Mara: Das war das erste Album, aber das war so’ne kleine Zeitung, da hab ich dann gedacht, naja (macht eine wegwerfende Handbewegung). Aber das zweite Album, das hatte zum Beispiel auch eine Mini-Kritik im Rolling Stone, wo wir nur zwei Sterne hatten und darauf rumgeritten wurde, dass wir studiert haben, das war ein bisschen gemein. Klar, als ich das gelesen habe, hab‘ ich mich schon aufgeregt. Aber was soll man denn machen, ich meine: Wenn man über Liebeskummer schreibt, dann ist das alles zu introspektiv, und wenn man dann halt über Politik schreibt …

… ist es wieder zu gutmenschelnd.

Mara: Genau.

David: Dabei ist das Album gar nicht so politisch. Ich meine, es ist ein bisschen Politik dabei, aber gar nicht so krass – da gibt es ja ganz andere Leute, Ani DiFranco oder so!

Mara: Ja, wir sind relativ poetisch geblieben, auch in der politischen Diskussion.

David: Es ist vielleicht mal der Versuch gewesen, dass das ein bisschen mehr ist, aber das ist halt auch nur ein Song! Es ist ja sowieso alles Politik, was man macht, aber so ein Song ist eben trotzdem noch Poesie.

Mara: Und ich finde ihn auch nicht gutmenschelnd.

David: Nee, gar nicht!

Find ich auch nicht. Heißt das, Kritik berührt euch gar nicht, wenn sie offensichtlich danebenliegt?

Mara: Naja, erstmal ist man natürlich trotzdem so ein kleines bisschen gekränkt.

David: Ich hab mich schon dran gewöhnt. Wie gesagt, beim Vorgängeralbum gab es mehr von wirklich harter Kritik.

Mara: Ja, das war mehr gespalten. Und jetzt hab‘ ich das Gefühl, das Gros der Meinungen ist uns wohlgesonnen – wobei ich auch schon ein paar andere Rezensionen gesehen habe, wo definitiv nichts Schmeichelhaftes drinstand, zum Beispiel, ich sollte doch lieber Deutsch schreiben, dann müsste ich im Englischen nicht so viele einfache Worte benutzen …

Oh, das ist wirklich ziemlich gemein!

David: Das hast du ja noch gar nicht erzählt!

Und wie gehst du damit um, wenn du so etwas liest?

Mara: Das ist natürlich schon ein bisschen schwierig. Man muss erst einmal gucken, wie man dazu steht. Ich hab‘ da schon drüber nachgedacht. Aber dann hab‘ ich mir wiederum überlegt, dass ich meine Songs vor der Veröffentlichung auch einigen Native Speakern gezeigt habe, die sie auch für gut befunden haben. Ich schäme mich eigentlich nicht für mein Englisch und finde auch nicht, dass ich nur einfache Worte verwende. Ich bin zufrieden mit den Texten, ich mag das Album sehr.

Du überprüfst Kritik also sogar darauf, ob sie einen wahren Kern haben könnte.

Mara: Ja.

Mara&David

Anderes Thema: Als ich für dieses Interview recherchiert habe, bin ich im Zusammenhang mit eurem Debüt Sixteen Secrets darauf gestoßen, dass ihr eure Musik als „acoustic passion“ versteht …

David: Ach, um Gottes willen!

(kollektives Aufheulen)

Moment, das war noch nicht die Frage! Die ist: Was macht für euch die Faszination akustischer Musik aus, weshalb sollte man sie im von elektronischer Musik dominierten Zeitalter hören?

David: Na, sie ist einfach phantastisch! Ich finde es total geil, akustische Gitarre und Gesang – diese Luft, die dazwischen ist, und diese Freiräume … Das ist auch ein schönes Gegengewicht zu der Zeit, und dabei sind wir trotzdem so nah dran, denn ich verwende die Gitarre so hart, dass die Bässe aufgedreht sind. Ich biedere mich der Zeit mit meinem Gitarrensound also trotzdem an. Und Maras Texte auch …

(widersprüchliches Gemurmel von Mara)

… dazu kann sie ja gleich selber noch was sagen, aber ich finde vor allem, dass diese Luft und dieses Akustische und dieses Puristische, ich finde es total schön, dass wir da auf wenig Effekthascherei setzen. Ich würde so eine Musik auch selber gern hören. Einfach so als Ausgleich zu diesem anderen druckvollen, komprimierten, heftigen Zeug. Ich meine, wir komprimieren unsere Songs ja auch, aber mit Augenmaß!

Luft auch im Sinne von Raum?

Mara: Ja.

David: Ja. Also auch Zwischenraum, aber auch Raum, der beim Spielen entsteht – und aber auch einfach Stille. Mehr Stille. Nicht alle Frequenzen sind abgedeckt.

Um die Hörer auch wieder vermehrt zum Zuhören zu zwingen?

David: Zwingen wollen wir die Hörer nicht!

Mara: Naja, aber es stimmt schon. Zwingen nicht direkt … aber es erschließt sich Vieles ja auch nur, wenn man wirklich zuhört. Es ist ja keine Musik, die man einfach so laufen lassen kann, weil sie so voll ist und einen einfach so irgendwohin mitnimmt. Man muss schon ein bisschen drauf zugehen, hab ich den Eindruck.

David: Den Eindruck hab ich auch.

Mara: Ich glaube aber auch, dass das mit dem akustischen Sound und so einfach etwas ist, was uns gefällt und was wir können. Ich hab‘ das Gefühl, wir brauchen da nicht viel anderes, aber trotzdem hab‘ ich nicht den Eindruck, dass jetzt diese Musik auch 1960 schon hätte entstehen können. Ich finde, man hört doch irgendwie den Einfluss von heute.

Es geht hier also nicht um den zeitlosen Aspekt von Stimme und Gitarre …

David: Der spielt da sicher mit rein …

Mara: Doch, schon, wir versuchen schon irgendwie zeitlos zu sein. Aber gleichzeitig leben wir ja auch in dieser Welt und finden das auch gut so!

David: Ich finde, es ist eine relativ nackte Art, dieses Gesang-Gitarre. Und das gefällt mir gut. Ich komme da schneller in ein Gefühl rein, weil die Stimme so nackt ist, die wird nicht von einem Kontrabass oder so getragen. Es ist auch ein bisschen schwierig, damit jetzt erfolgreich zu sein, weil es eben der gängigen Frequenzabdeckung zuwiderläuft, auf die das Gehör schon abgerichtet, schon konditioniert ist. Der entspricht das eben nicht.

Mit dieser, wie du sagst: Nacktheit, macht man sich dann aber auch extrem verletzlich … Wenn ich mich jetzt ins Studio stelle und auf irgend so einen krassen Monsterbeat singe, zeige ich mich ja auch viel weniger!

Mara: Ja. Aber trotzdem. Gerade deshalb!

David: Das Verletzliche geht auch irgendwie weg, wenn man zu zweit ist, weil man ja mit sich schon eine Einheit bildet und dadurch auch sehr verletzlich spielen kann, aber man ist in dem Moment aufgehoben und warm.

Mara: Und die Verletzlichkeit ist ja auch ein Schatz. Damit, dass man von sich selbst so etwas Verletzliches nach außen trägt, gibt man dem Hörer ja auch die Chance, sich zu öffnen.

David: Ja, das finde ich auch. Wir sehen das als kleine Schatzkiste an und nicht als fettes Projekt, was jetzt in allen Charts oder auf allen Radiostationen in einer Super-Schleife, in der Heavy Rotation, läuft, ist ja klar. Und das ist aber auch schön, das ist was Gutes!

Machen wir einen Themensprung. Mir brennt da noch eine Frage unter den Nägeln, die sich bei einem Duo automatisch aufdrängt – und nein, keine Angst, es ist nicht die „Seid ihr eigentlich auch privat ein Paar?“-Frage …

(großes Gelächter)

… Vielmehr will ich wissen: Gab es irgendwann so eine Art Mara&David-Schlüsselmoment für euch, den ihr ganz klar benennen könnt, wo völlig klar war, das ist es jetzt, wir bleiben zusammen?

David: Es gab viele kleine Schlüsselmomente, der eine große fällt mir jetzt nicht … dir?

Mara: Doch, ich muss spontan sagen, bei mir war das eigentlich schon so, als wir das erste Mal geprobt haben und als wir diesen Song geschrieben haben, der war irgendwie noch so total unfertig und komisch und roh, aber irgendwie habe ich da gewusst: Okay, das will ich weitermachen, diesen Gitarristen will ich mir warmhalten. (lacht) Den muss ich bezirzen, dass das was Richtiges wird!

David: Klar, da war von Anfang an Magie drin, aber …

Mara: Oder als wir „Masquerade“ geschrieben haben! Weißt du das noch?

David: Ja, eben! Das wollte ich auch sagen: Bei jedem Song, den wir geschrieben haben, gab es eigentlich so einen magischen Moment! „Weeping Clown“ – total magischer Moment …

Mara: Ja, krass!

David: … oder „What Is There“ von der neuen CD, ein magischer Moment, der plötzlich im Raum war – das ist halt einfach dieses Kreative, was einen zusammenschweißt! Das Songschreiben. Das ist das Elementare an unserem Duo.

Wie muss ich mir das denn vorstellen, wenn ihr zusammen Songs schreibt? Mara, du schreibst die Texte allein. Sind die dann erstmal als eine Art Gedicht fertig und David vertont den fertigen Text oder wie sieht das aus?

Mara: Nee, so überhaupt nicht. Es ist eher so … Manchmal hab ich irgendwie schon eine Textidee, aber das ist eher selten. Meistens improvisieren wir so vor uns hin … und alles ist blöd … und wir denken nur, Gott, wir sind total unkreativ, nichts geht mehr, die Magie ist weg …

David: Alles ist doof, wir wälzen uns im heißen Sommer auf dem Teppichboden …

Mara: … schließen uns ein, trinken Kaffee …

David: … und bauen einfach immer wieder an dieser einen Idee rum, das ist schlimm, das dauert Tage! Ein Zustand der völligen Lethargie, nichts geschieht – und dann kommt eben dieser Moment …

Mara: … dabei machen wir zwischendrin immer wieder „Pep-Talk“, so nach dem Motto, naja, es ist ja normal, drei Tage muss man sich quälen, und dann …

David: Dabei ist das gar nicht immer so! Manchmal ist es auch richtig fies, dann geht es sogar sechs Tage so!

Mara: Manchmal geht es auch schneller. Ab und zu hat man mal Glück und es zündet direkt – aber das ist selten.

Ihr sitzt also nicht mit einem vorgefertigen Konzept da, nach dem Motto, wir möchten jetzt einen Song über das Thema xy schreiben …

Mara: Nee, überhaupt nicht!

David: Null!

Mara: Sehr intuitiv …

David: Bauchgefühl regiert! Aber nicht beim Song-Machen, da überlegen wir schon genau.

Mara: Nur beim Schreiben! Sobald der Song fertig ist, wird er sehr bewusst …

David: … arrangiert.

Es ging mir ja auch darum, wie eure Songs überhaupt entstehen. Wenn Mara aber die Texte quasi in Eigenverantwortung schreibt, mischt du dich, David, da auch mal ein und sagst, sorry, diese Zeile hier geht gar nicht? Hast du da eine Art Vetorecht oder hältst du dich da total raus?

David: Ich habe absolut ein Vetorecht und hab auch schon zwei-, dreimal gesagt, hey Mara, also diese Zeile ist jetzt doof.

Mara: Das macht er vor allem, wenn ich anfange, von irgendwelchen Fabelwesen zu schreiben …

David (lacht): Das geht immer schief! Wir haben ein paar Songanfänge von Fabelwesen, und die sind immer für die Tonne!

Mara: Oder irgendwelche komischen Tiere …

David: Also, wenn schon irgendwas mit so’nem Viech kommt …

Mara: Wobei, Tiere gehen ja noch, das geht manchmal klar …

David: Stimmt, Möwen und so … aber Fabelwesen – da ist der Ofen aus! Das haben wir aufgegeben.

Und du hörst dann auch auf David?

Mara: Klar. Gestritten haben wir uns da eigentlich noch nie. Ich finde ja auch oft Sachen, die er spielt, doof …

(wieder großes Gelächter)

Mara: … aber ich weiß mittlerweile schon, dass ich dann ein bisschen warten muss und es dann meistens wird! Was allerdings blöd ist, ist oft, dass gerade die Teile, die mir am besten gefallen, irgendwie rausfallen, weil sie dann nicht mehr passen. Das passiert häufiger. Manchmal kann man daraus aber einen neuen Song machen!

Oder die B-Sides, für später!

David: Es gibt eigentlich gar nicht so viele B-Sides, weil wir dieses System entwickelt haben, dass wir immer bis zum Ende schreiben …

Mara: Ich meinte jetzt auch eher so bei ’nem Song, wenn man dann noch so ein Teil übrig hat … So wie dieser schöne Anfang, der nach „Winter Sky“ kommen sollte und wo du jetzt einen eigenen Solo-Song draus gemacht hast …

David: Ja, also, ich verwurste das dann auch manchmal solo, das Zeug! (lacht)

Auf die Solo- bzw. Nebenprojekte will ich in meiner nächsten Frage, die dann auch die letzte sein wird, noch einmal zurückkommen. Jetzt möchte ich aber erst einmal noch bei euren Songs bleiben. Euer letztes Album bestand ausschließlich aus Eigenkompositionen. Auf eurem Debüt gab es schon mal ein Ani DiFranco-Cover und eins von den Smashing Pumpkins. Call It Freedom wartet auch mit zwei Coverversionen auf, einmal von Portisheads Glory Box und einmal von Fleetwood Macs Little Lies. Welche besondere Verbindung habt ihr zu diesen Songs, dass sie es auf eure Platte geschafft haben?

David: Fleetwood Mac habe ich halt als Kind rauf und runter gehört, also, gerade diesen Song …

Mara: Ja, das war definitiv dein Vorschlag, ich kannte den gar nicht so gut, nur so aus dem Radio. Aber irgendwie dann – mochte ich ihn auch.

David: Ich hatte schon als Kind gedacht, dass ich ihn irgendwann mal covern will. Intuition. „Glory Box“ hingegen – ich weiß noch, ich habe ein YouTube-Video gesehen, wo Beth Gibbons das live gesungen hat, und ich dachte nur, ey, das passt wahnsinnig gut zu Mara! Das fand ich cool.

Die beiden Cover-Geschichten waren also beides deine Ideen …

David: Bei Glory Box weiß ich nicht mehr so genau. …

Mara: Bei Glory Box bin ich mir auch nicht mehr so sicher. Zu dem Song habe ich schon auch eine Beziehung, den habe ich auch in so einer bestimmten Phase in meiner komischen ersten WG in Berlin recht viel gehört und mochte so dieses Verruchte! Aber wer genau den jetzt vorgeschlagen hat, kann sein, dass du es warst.

David: Ich weiß nur noch, wie ich vor diesem Video saß! Wir haben übrigens auch andere Sachen gecovert, die nicht auf dem Album sind. Dafür haben wir die zwei genommen, von denen wir dachten, sie passen am besten rein. John Lennon oder Nirwana haben wir nicht mit aufs Album genommen, obwohl die live manchmal sogar stärker sind, Sachen eben, die man von früher als Kind oder Jugendlicher kennt, mit denen wir aufgewachsen sind.

Wir haben es vorhin schon mal angesprochen: Ich weiß, dass ihr neben dem Duo auch noch Solo- bzw. Nebenprojekte macht und Lehraufträge habt – gibt es auch noch ein Leben jenseits der Musik für euch?

Mara: Ich lauf ja Marathon jenseits der Musik. Das ist dann für mich auch mein Leben.

David: Es ist schon viel Musik bei mir. Ich treff‘ auch gerne Freunde oder bin mit meiner Freundin zusammen, aber ansonsten … Das Private ist eben privat.

Mara: In Dresden haben wir uns viel mehr eingeschlossen, aber seit ich in Berlin bin, habe ich ein bisschen mehr verstanden, dass auch zu der Musik dazugehört, dass man sich auch anderen Musikern und anderen Leuten mehr öffnet.

Du meinst, es tut dann auch der Kunst wieder gut, wenn man außerkünstlerischen Aktivitäten nachgeht?

Mara: Ja, irgendwoher muss man ja auch wieder seine Inspiration nehmen – man hat ja nicht immer so starke Gefühle aus sich selbst heraus!

David: Und selbst wenn, dann würde es ja immer nur klingen wie etwas aus sich selbst heraus, das man nach außen lenkt …

Mara: Ja, irgendwann ist auch genug mit Herzschmerz!

David: Wobei das natürlich immer ein Thema ist …

1.0_M&D_Cover

Call It Freedom ist am 30. August auf Ozella Songways erschienen. Klangblog-Leser können ein Exemplar gewinnen – einfach eine Mail an an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben. Viel Glück!

30. April 2013

Als hätte es das letzte halbe Jahrhundert nicht gegeben: die Platte des Monats April ist online

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 08:22

Während ich mich in Bremen auf der Jazzahead! herumgetrieben habe, feierten Louise Gold und das Quarz Orchester in Berlin den Record Release ihres wunderbaren und passenderweise mit Debut betitelten Debütalbums: Seit dem 26. April 2013 steht es in allen Läden und ist natürlich auch in den einschlägigen Downloadshops zu haben. Mich persönlich hat Debut derart in seinen Bann gezogen, dass ich es auf fairaudio zur Platte des Monats April gemacht habe:

„Wir schreiben das Jahr 1964. Stan Getz reitet mit seinem ein Jahr zuvor aufgenommenen Album Getz/Gilberto auf dem Höhepunkt der aktuellen Bossa Nova-Welle – dem kollektiven Rausch, verursacht durch diese neue Musik aus Brasilien, die Ende der Fünfzigerjahre angetreten war, die Welt zu erobern. Die sinnlichen, dabei aber nie schwülstigen, sondern immer luftig-leichten Klänge erwiesen sich als ideale Hintergrundbeschallung mondäner Dinner Partys – gemeinsam mit den Easy-Listening-Hits jener Zeit, wie etwa den Kompositionen Burt Bacharachs. Die knisterten in den Wohnzimmern nun elegant vom Vinyl, gilt die gute alte Schellackplatte doch zumindest in Westeuropa und Nordamerika gemeinhin seit spätestens 1960 verschwunden.

Als hätte es das letzte halbe Jahrhundert nicht gegeben, knüpft Louise Gold mit dem Orchester von (Big-)Band-Leader Hans Quarz genau an diesem Punkt an, wenn Debut gänzlich unvermittelt von einem gedämpften Posaunenton, dezentem Bossa-Nova-Geschnassel und prätentiösem Diven-Gesang eröffnet wird. Zutaten, die zusammengenommen derart aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, dass man versucht ist, die CD nochmals aus dem Spieler zu nehmen und das Kleinaufgedruckte zu lesen: Hat man da wirklich ein 2013er-Album erwischt? Man hat.“

Wer das Geheimnis des Sounds von Louise Gold & the Quarz Orchestra ergründen will, lese einfach weiter – wie immer auf fairaudio.de, unserem Lieblings-Online-Magazin nicht nur für HiFi Stereo, sondern auch für Jazz im weitesten Sinne.

Doch damit nicht genug: Klangblog-Leser können außerdem eine signierte Vinyl-Ausgabe von Debut gewinnen. Was Sie dafür machen müssen? Einfach bis zum 13. Mai eine Mail an an kontakt@klangverfuehrer.de schreiben und dort erklären, warum gerade Sie diese Platte unbedingt haben müssen. Bestechungsversuche in Form von Präsentkörben und Hundekeksen werden zwar gern angenommen, helfen beim Losglück allerdings nicht weiter. Klangverführer behält sich vor, den Namen des Gewinners zu veröfentlichen. Und nun viel Glück!

9. September 2012

My Berlin Music Week: zwischen leeren Stühlen, authentischer Imitation und der endgültigen Entmystifizierung des Songwritings

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , — VSz | Klangverführer @ 18:33

Nachdem man letztes Jahr mit der in die Berlin Music Week eingebetteten Popkomm alles anders machen wollte als vorletztes, wo man mit nämlichem Ziel antrat, um daran grandios zu scheitern, hat man dieses Jahr die Popkomm kurzerhand gestrichen. Zumindest den Messeteil. Länderorientierte Showcases sowie die Conference genannten Podiumsdiskussionen, in denen über die Zukunft der Musikindustrie meditiert wird, finden auch dieses Jahr statt, wenngleich man dem Kind einen anderen Namen gegeben hat: Word on Sound nennt sich das Sammelsurium aus Impulsreferaten und Workshops, untertitelt mit Die neue Plattform für Professionals. Das Ganze gibt es, schon allein – aber nicht nur – aus geographischer Sicht industrienah, im Spreespeicher in der Stralauer Allee.

Uninteressant sind die in die Segmente Arts and Polity, Werkstatt, Most Wanted: Music, World Nightlife Fund, Green Berlin Music Week, Master Class, digi-digi con, Denkfabrik und Umg€ld unterteilten Veranstaltungen indessen nicht, denn mit Themen wie „Kapitalismus, Kreativität und die Krise der Musikindustrie“, „Was wurde aus den Utopien der frühen elektronischen Clubkultur?“ oder „Studien zu Herrschaftssturkturen“ verharrt man wenigstens nicht wie sonst im Bejammern der aktuellen Entwicklung, sondern bringt einen Hauch Kapitalismusikritik in die Diskussion ein, die hoffentlich mehr zu bieten hat als die wohlfeile Klage über die Gentrifizierung der Subkulturen.


Ein schöner Ort, dieser Spreespeicher. Kein Wunder, dient er sonst doch als virtueller Indoor-Golfplatz für die Reichen und Schönen.

Freilich schwingt die Tanz-am-Abgrund-Stimmung auch dieses Jahr mit, von Kollege Jens Balzer für die Berliner Zeitung kongenial mit Genieße es, so lange du noch kannst übertitelt und von mir nur ganz leicht aus dem Zusammenhang gerissen. Praktische Antworten auf die Krise werden indessen gewohnt konventionell gegeben, auch wenn man trefflich daran zweifeln kann, ob Streaming das Heilsversprechen der Musikindustrie der Zukunft ist. Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass Menschen ihre Musik auch besitzen wollen – und wenn sie schon auf physische Tonträger verzichten, dann wenigstens als Datei auf ihren Festplatten. Sämtliche virtuelle Speicher, Clouds und was nicht alles noch kranken an dem selben Problem: Mensch vertraut ihnen nicht, getreu der Urangst: Was, wenn morgen das Internet abgeschaltet wird?


Hat mittlerweile dreijährige Tradition: das Speise(karten-)foto der Berlin Music Week auf Klangverführer.de

Ich werfe bei einem ersten Rundgang erst einmal einen Blick in The New TV: The Evolving Landscape of Online-Videos und Stuff, you will love to watch. Neue Geschichten, neue Formate, neue Partizipationen. Gut: Man hat verstanden, denen über die Schultern zu schauen, die nach dem Tod des klassischen Musikfernsehens Musikvideos kreieren, welche sich wie ein Lauffeuer in der YouTube-Landschaft verbreiten, beispielsweise den genialen Gregory Brothers mit ihrer Autotune the News-Reihe. Was man noch verstehen will: Was machen die, was herkömmliche Musikvideo-Produzenten nicht machen – und vor allem: Wie machen die das? Leider sind die Reihen in der Zuhörerschaft recht spärlich besetzt.


Wenig los im Fachpublikum …


… sowie draußen …


… und auch drinnen.

Vielleicht muss die Musikindustrie zuallererst einmal verstehen, dass sie, wenn sie als Industrie auftritt, machen kann, was sie will: Das Vertrauen ist ohnehin weg. Da scheint mir das Konzept Let’s Build Our Own Industry des For-Artists-By-Artists-Künstlerkollektivs A Headful Of Bees schon zukunftsweisender. Kreiert wird hier auf D.I.T. (Do It Together)-Basis, der monetäre Aspekt soll auf Freiwilligkeit beruhen, denn schließlich operieren Cafés und Konzertveranstalter mit dem „Jeder zahlt am Schluss, soviel es ihm Wert war“-Konzept ja auch recht erfolgreich, wie A Headful of Bees-Mitglied Eric Eckhart im Interview einräumt. Dazu aber später noch mehr, denn erst einmal steht die offizielle Eröffnungsveranstaltung der Berlin Music Week an – „15 Jahre Radio Eins“ im Tempodrom.


Ein einsamer BOSE hält tapfer die Stellung

Der Abend verspricht, lang zu werden, denn fünf Künstler treten hier auf, vom Hamburger Singer/Songwriter Olli Schulz und der grandiosen Gemma Ray über die Gangsta-Swing-Oriental-Balkan-Surf-Punker BudZillus bis hin zum Schmusesoulsingersongwriter Jonathan Jeremiah und den TripHop-Rockern Archive aus London – zum Teil begleitet vom Filmorchester Babelsberg, das auch schon Künstlern wie The BossHoss oder Peter Fox streichender-, trompetender- und paukenderweise die nötige Portion Schmelz – und manchmal auch Pathos – verliehen hat.

Den Auftakt macht Olli Schulz, der ganze vier Songs spielen durfte – und das ohne Orchesterbegleitung, worüber er sich wortreich beschwert. Außerdem sei die Garderobe zu klein, und an Sclaf schon lange nicht mehr zu denken, ist doch unter seiner Wohnung ein Bubble Tea-Laden eingezogen, der bis nachts um eins des Künstlers zarte Ohren belästigenden Kirmestechno spielt. Auch die Kollegen der Welt bekommen ihr Fett weg, haben sie sich doch erdreistet, Schulz via Überschrift zum „Klamauk-Barden“ zu machen. Ohnehin scheint latentes Angepisstsein bei dem Songwriter zur Masche zu gehören – trotzdessn oder gerade deshalb lieben ihn die Frauen, die sich angesichts der Schlechtigkeit der Welt ein Schwesternhäubchen aufsetzen und Schulz vor allem Unbill abschirmen können. Wie schon beim Interviewtag, wo dem notorisch übellaunigen Sänger ein mit „We Love You“ beschrifteter Bierdeckel zugetragen wird, ruft hier eine Frau nach seiner Beschwerdelitanei zu: „Ich hab‘ dich lieb“. Und egal, wie Schulz sich auch ereifern mag und wie sehr man auch nie weiß, was davon er ernst meint und was nur Show ist, liebhaben muss man einen Mann, der so schöne Lieder schreibt wie Schrecklich schöne Welt auf jeden Fall!

Schrecklich schöne Songs spielt auch die britische, in Berlin lebende Fifties- bzw. Sixties-Retropop-Sängerin Gemma Ray, bei der erstmalig an diesem Abend das Filmorchester aufgefahren wird.

Besonders gefällt mir Flood and a Fire von ihrem aktuellen Album Island Fire, das ich mir in der Pause dann auch dringend auf Vinyl kaufen muss. Leider habe ich kein Video davon machen können, aber dafür ein weiteres, das um das Thema Feuer kreist: Fire House.

Die Berliner von BudZillus, wegen denen ich eigentlich hier bin, spielen sich in furiosem Tempo durch ihr neues Album Auf Gedeih und Verderb, aber, ich kann mir nicht helfen, auf der Platte scheint mir vieles bedeutend besser gemixt. Gerade die Vocals haben im Tempodrom’schen Raumklang schwer zu kämpfen, und was Thomas Prestin vor sich hinklarinettiert, ist, bei allem Respekt: vorhersehbar. Am Sax hingegen gefällt er mir ausnehmend gut – und das „Tier“ am Schlagzeug verdient einfach nur Bewunderung und Respekt, denn getreu ihrem Motto „Wir spiel’n weiter“ spielt er einfach immer weiter, und das bei dem Speed – ob er jeden Abend ein halbes Kalb verspeist? Hier jedenfalls It’s Up To You:

Auch wenn ich mich heute Abend nicht des Gefühls erwehren kann – das ich beim Hören des grandiosen Albums Auf Gedeih und Verderb übrigens nicht habe -, hier die authentische Imitation einer Balkan-Kapelle zu sehen – die Leute lieben es, und erstmals an diesem Abend werden Zugabe-Rufe laut, denen man ob des straffen Zeitplans aber leider nicht nachkommen kann. Wobei, was heißt leider: Im Grunde ist das einer der großen Vorteile von Radio-Konzerten, ob live ausgestrahlt oder für spätere Sendungen mitgeschnitten: Der Zeitplan wird eingehalten, ewiges Warten auf den Hauptact gibt es nicht, man kommt früh genug ins Bett.

Davon bin ich heute Abend aber noch weit entfernt, denn jetzt kommt erst einmal Jonathan Jeremiah, dessen Existenz mir bislang völlig entgangen war, der sich aber nach anfänglich zauderndem Singer-Songwriter-Allerlei als gestandener, am Motown-Retro-Sound orientierter Soulrocker mit Eiern erweisen soll. Bei Heart of Stone sind gar die Nutbush City Limits nicht weit – das groovt!

Weshalb man allerdings Archive zum Hauptact des Abends gemacht hat, entzieht sich meinem Verständnis komplett. Egal, wie oft ich mir das anhöre – ich finde es grässlich, und dabei bin ich TripHop-Fan der ersten Stunde! Wer das geil findet, schreibe mir bitte, weshalb. Vielleicht steckt ja eine verborgene Schönheit in diesen Songs – die wäre dann allerdings sehr gut verborgen:

Kollateralschaden des Abends ist – neben einem komplett verlorenen nächsten Tag inklusive der verpassten Nordic by Nature-Nacht im Postbahnhof mit Acts wie I Got You On Tape (DK), Sandra Kolstad (NO) oder LCMDF (FIN) – ein verlorenes Notizbuch. Ein schwarzes, kariertes Moleskine mit Logoprägung der VZ-Netzwerke auf dem Einband und einem eingeklemmten Druckbleistift. Ich freue mich, wenn ich es zurückbekomme – sogar so sehr, dass ich dem Finder glatt fünf CDs dafür geben würde. Neben dem Entwurf einer Konzertkritik der Radio Eins-Nacht enthielt es ein flammendes Plädoyer über die Freuden bedingungslosen Fantums, ausgelöst durch den Kauf der frisch signierten Platte von Gemma Ray, denn Fansein gilt weder in Musikwissenschaftler- noch Musikkritikerkreisen als sonderlich cool – dabei ist das doch die Basis für Musikliebe und einen der Musik angemessenen Umgang mit ihr, der dadurch nicht weniger professionell wird. Nur durch die Lupe kühler Überheblichkeit und damit zwingend verknüpfter Distanz kann man einem so emotionalen Sujet nicht gerecht werden, und ich bin gottfroh, dass ich Professoren hatte, die nicht müde wurden mir zu versichern, dass sich auch Wissenschaftler den Luxus persönlichen Geschmacks leisten dürfen. Nun, jetzt muss es eben ohne dieses Plädoyer gehen …

Ein Kollateralschaden der angenehmeren Art, nennen wir ihn daher ruhig Kollateralnutzen, war, dass mein persönliches Verkaterungserlebnis am übernächsten Tag den Anstoß für einen Song gab, der im Rahmen eines vierstündigen Workshops – zwei für das Songwriting, eine fürs Ausprobieren des Arrangements und eine fürs Recording – entstanden ist und den ich Ihnen an dieser Stelle nicht vorenthalten will. Es war eine hochgradig inspirierende Erfahrung, bei der a2n-Werkstatt in den Räumlichkeiten der Noisy Music World in der Warschauer Straße unter Anleitung des Künstlerkollektivs A headful af bees mit einer handvoll Musiker und Musikinteressierter in einer Art Hippie-Session einen tragfähigen Song zu entwickeln. Ziel dabei war auch, den Prozess des Songschreibens zu entmystifizieren; denn während der Songschreiber sonst emotional tief bewegt im stillen Kämmerchen sich plagt, sollte hier gezeigt werden, dass man mit ein paar Musikinstrumenten (und Leuten, die möglichst viele davon spielen können), Stimmen, Stiften und Papier im Kollektiv in wenigen Stunden zu einem durchaus brauchbaren Ergebnis kommen kann.


Ganz ohne Weltschmerz und stilles Kämmerlein: Songwriting im Kollektiv

Herausgekommen ist der Titel Five More Hours, dessen Grundidee die Zustandsbeschreibung am morgen nach einer durchfeierten Nacht ist: Oh mein Gott, wann werde ich es endlich lernen, nicht mehr so zu übertreiben? Noch zwei Stunden, und ich werde in der Lage sein, meinen Kopf wieder zu bewegen. Noch fünf Stunden, und ich schaffe es, eine Aspirin zu nehmen. Und so fort. Und dann die Rückerinnerung, warum sie all das getan hat – und definitiv wieder tun wird, denn sie war die Königin der Nacht! Und auch, wenn wir angehalten waren, allzu deutliche musikalische Klischees zu vermeiden, konnten wir uns nicht helfen, dieses Bild mit einem kleinen Moll-nach-Dur-Shift zu illustrieren. Aber hören Sie selbst:

Natürlich hänge ich persönlich an dem Song. Aber ich finde ihn auch aus der Distanz zweier Tage immer noch gut. Und bin erstaunt, wie schnell man gemeinsam zu einem brauchbaren Liedchen kommt. Aber auch sonst lässt sich die Workshop-Reihe für Musiker sehen, denn anstatt in theoretischem Gejammer zu erstarren, zeigt man bei der all2gethernow (a2n)-Werkstatt, wie man es selbst macht: Um Überlebensstrategien für junge Künstler geht es, von wie publiziere ich meine eigene Musik über wie lizensiere ich sie für Filme und Fernsehen bis zu einem „Zirkeltrainig“ in Sachen Crowdfunding.


So funktioniert Songwriting heute: Zusammen einsperren, enge Deadline setzen –
und es klappt!

Viele, viele Clubkonzerte weiter ist am Sonntag mit dem ADD (Auf den Dächern)-Festival der nun dringend notwendige Schlusspunkt der Berlin Music Week erreicht. Hier treten im 20-Minuten-Takt Künstler für jeden Geschmack und Intellekt auf, von Phillip Poisel und Cro über Max Herre und Two Door Cinema Club bis zu M.I.A. und Ghostpoet auf. Wer also das Berlin Festival verpasst hat, bekommt hier die Chance, deren Auftritte in Miniaturformat nachzuholen – natürlich wieder in der Stralauer Allee am Osthafen mit phantastischer Aussicht.


Der Mann mit der Maske lugt in die Menge: Cro auf den Dächern.

Die Veranstalter der Konzerte, ob im kleinen Club oder als großes Festival, können im Gegensatz zum Kongress ein positives Fazit ziehen: Während sich nur 2.000 Fachbesucher für die Berlin Music Week fanden, hat es ungefähr 60.000 Menschen in die Clubs und Konzertsäle getrieben. In weiser Voraussicht wird die Berlin Music Week auch nächstes Jahr ohne den Messeteil – die Popkomm – stattfinden. Wirklich gefehlt hat sie nicht, denn schließlich war sie schon im letzten Jahr so klein gehalten, dass man ihr Verschwinden nur mit Mühe bemerken konnte.

Klangverführer wird auch nächstes Jahr wieder berichten. Diesjahr bleibt nur noch das traditionelle Gewinnspiel, wenngleich es im Gegensatz zu letztem Mal keine Popkomm-Taschen zu gewinnen gibt – dafür aber ein paar Fender-Gitarrenplektren, die auf einen neuen Besitzer warten. Also, ihr Gitarristen da draußen, die ihr keine Anhänger des Fingerstyle seid – schreibt eine Haben-wollen-Mail an kontakt@klangverfuehrer.de. Wer zuerst kommt – und so weiter.

13. Juni 2012

Electro Swing als Einladung für den Körper, die Faszination der Retro-Sounds und die Wiederkunft des urweiblichen Prinzips – MisSiss im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 18:57

Die Feierlichkeiten zum zweiten Geburtstag des Klangblogs am 4. Mai 2012 sind der Krankheit von Kopfhörerhund zum Opfer gefallen – mir war es wichtiger, mich um ihn zu kümmern anstatt eine große Party auf die Beine zu stellen. Ich selbst habe mir dann aber doch ein kleines Bonbon gegönnt: Den Live-Auftritt von Sissy „MisSiss“ Kudlicska, die an diesem Abend für die Partyreihe Electro Swing Revolution auf Einladung des Produzentenduos Bart&Baker im Berliner Kulturhaus Astra auf der Bühne stand.

Und wo sie schon einmal da war, dachten wir uns, machen wir doch gleich ein kleines Interview, denn schließlich a) hat unser letztes Gespräch im Oktober 2011 großen Spaß gemacht, b) bin ich großer Electro-Swing-Fan und c) hatte die charmante Wienerin nicht nur ihre aktuelle Single, sondern auch ihr neues Album im Gepäck, das ab 15. Juni 2012 überall zu haben sein wird.

Nachträglich also: Happy Birthday, lieber Klangblog! Und jetzt: Vorhang auf für eine wahre Diva …

Klangverführer: In Österreich bist du ja vor allem als Gospel- und Soulsängerin bekannt, und seit ein oder zwei Jahren wirst du aufgrund deiner Zusammenarbeit mit argentinischen Tangomusikern international als „Soultango-Queen“ gefeiert …

MisSiss (unterbricht lachend): Wenn man Sissy heißt wie die Kaiserin, passt das schon mit der Queen!

Heute Abend jedenfalls können wir dich mit einer Melange aus Tango, Swing, Soul und Jazz erleben. Woher kommt deine Faszination für diese Retro-Musikstile?

MisSiss: Ja, also Retro – vor allem diese Retro-Sounds, wie du richtig sagst, die haben es mir immer schon angetan! Und wir haben ja eben schon vor sechs Jahren begonnen, das Soulistics-Album zu produzieren und haben damals schon mit Retro-Sounds gearbeitet. Das heißt, das ist etwas, was mir immer schon entsprochen hat. Ich bin auch ein großer Fan von meiner Oma, und diese Zeit war eben die Blüte ihrer Jahre. Das hat mir immer schon gefallen – auch diese ganz leicht verzerrten Bläsersounds und Klaviersounds von diesen alten, kaputten Pianos und so, das war mir auch schon bei der Soulistics-CD extrem wichtig. Und dann ergab sich eben diese Möglichkeit, mit Bart & Baker gemeinsam etwas zu machen, und ich habe gesagt: Ja, großartig! Ich wurde ihnen quasi vorgeschlagen, und sie haben gesagt; Ja, die ist perfekt, die wollen wir! Und eigentlich singe ich ja heute außer meiner aktuellen Single Diva, zu der es jetzt eine Kooperation mit Bart&Baker gibt, die einen Remix davon gemacht haben, der heute hier zum allerersten Mal gespielt wird, Electro Swing-Songs von Bart&Baker. Das sind fast alles Coverversionen, die aber großartig sind und mir total entsprechen und auch von der Stimme her sehr gefallen. Und, was mir zusätzlich einfach auch noch sehr gefallen hat, ist, dass es bei dieser Electro Swing Party gewünscht ist, in einem passenden Outfit zu kommen. Unabhängig davon habe ich davor schon das Fotoshooting zum Soulistics-Album gemacht, und das war quasi das perfekt passende Teil! Dementsprechend passt der Abend heute voll zu meiner ganzen Einstellung, Haltung, Attitude, dass ich sage, hey, ich will mich echt schön machen, wenn ich auf die Bühne gehe und für mein Publikum was mache, ob ich nun meine Geschichten erzähle oder die Geschichten anderer erzähle, und das kann ruhig in diesem coolen Retro-Style sein.

Das heißt, der Name „Diva“ von der Single ist bei dir schon Programm …

Ja, ja, genau!

Und wenn du sagst, das sind eigentlich Coverversionen – heißt das, Bart&Baker haben die Originaltracks mit den Original-Vocalspuren genommen, dann geremixt und du singst sie jetzt nur live neu, oder wurden die Sachen schon für die Bart&Baker-Platten neu eingesungen?

Das Zweite ist der Fall. Die haben eben andere Sängerinnen dafür genommen, denn wir haben uns noch nicht gekannt zu dem Zeitpunkt, wo sie die Dinger aufgenommen haben! Aber: Es besteht von deren Seite bereits Interesse, dass wir vielleicht sogar auch einen deutschen Song aus dieser Zeit aufnehmen, vielleicht aber auch was Englisches. Wir finden uns, glaube ich, gegenseitig ziemlich gut und die Zusammenarbeit war äußerst unkompliziert, und nachdem ich ja auch in Wien aufnehmen kann und wir das hin und her schicken können – das bin ich ja schon von den Soultangos gewohnt! –, ist das sicher easy.

Was für Lieder werden wir heute hören? Kannst du mir da schon die Titel verraten?

Ja, Peak-a-boo werden wir starten, der ist total nett, charmant, leichtfüßig, und auf den zweiten Titel freue ich mich besonders, weil ich da meine mittlerweile etwas angestaubten Französischkenntnisse auspacken kann: Je cherche un homme. Und das ist auch total lustig, wenn man auf der Bühne mal irgendwie laut sagt, dass man einen Mann sucht …

Ja, wie ging der Text nochmal? Je cherche un homme, un Pierre, un Paul, un Jacques ou Tom …

Genau! Also, das ist ganz witzig. Und es einen total eigenen Charme, Französisch zu singen. In meiner Schulzeit habe ich das eigentlich total geliebt, Jaques Brel und Edith Piaf, die habe ich da gehört und mitgesungen, auch ein paar moderne Künstler …

Hast du auch diese ganze Chanson Nouveau-Sache verfolgt vor ein paar Jahren? Benjamin Biolay und so?

Verfolgt wäre zu viel behauptet, aber ja, ein paar der modernen Künstler kenne ich. Aber dadurch, dass ich selbst so viel Musik mache, komme ich viel zu wenig zum Hören. Man braucht manchmal Stille.

Das kenne ich von vielen Leuten, die beruflich mit Musik zu tun haben, die hören privat so gut wie keine Musik mehr. Aber lass uns noch einmal auf deine Zusammenarbeit mit Bart&Baker zu sprechen kommen. Du sagst, ihr habt erst mit der Kooperation begonnen, als dein Album schon fertig war. Wenn ich mir das Soulistics-Album aber anhöre und gerade die Single Diva, hört sich das auch schon sehr nach Electro Swing an! Da ist dieses Verzerrte, deine Stimme klingt fast, als würdest du durch so ein Bändchenmikrophon singen, ein bisschen wie Shirley Bassey bei den Propellerheads …

Ja, wie schon gesagt, das ist etwas, was mich immer schon fasziniert hat! Zu meinen größten Vorbildern gehören ja auch Aretha Franklin, Dionne Warwick und Natalie Cole. Und gerade die alten Aufnahmen von denen sind ja auch zum Großteil so schrill angezerrt – und ich lieb‘ des! Meine Stimme ist ja gerade in den höheren Sequenzen sehr durchsetzungskräftig, weil ich sehr viele hohe Mitten in der Stimme habe, und mein Produzent Ariel Gato sagt, da schneidet es einem durch Mittelhirn! Aber ich finde an manchen Stellen ist ein bisschen Edge und ein bisschen Dreck ganz gut!

Definitiv! Wozu man aber auch zwingend das Vinylknistern braucht …

Du wirst lachen: Ist auf ein paar Tracks drauf!

Aber das ganze Album auch auf Vinyl herausbringen, das ist nicht geplant, oder?

Wenn sich das Ding gut verkauft, dann kann man das immer noch nachholen. Natürlich ist das ein Traum. Man muss einfach nur ein bisschen schauen, wie es ankommt – aber die Chancen sind gut. Also, im Plan wär’s!

Das würde mich freuen – und das würde vor allem auch die fairaudio-Leser freuen, die natürlich Vinyl bevorzugen. Der heutige Abend steht ja, nicht nur in Bezug auf Musik, sondern auch was Mode und so weiter angeht, ganz im Zeichen von Retro und Vintage. Warum, glaubst du, ist diese Rückbesinnung auf die Kultur vergangener Dekaden gerade so absolut beliebt bei den jungen Partymenschen?

Ich glaube, für die ganz jungen ist es einfach wirklich etwas total Neues. Anderen geht es vielleicht so wie mir, dass sie einen besonderen Bezug zu ihren Großmüttern haben und sich denken, ah, diese Kleider von der Oma, die sind so cool, oder auch diese Schuhe! Für mich sind das wirklich meine tollsten, schönsten Kindheitserinnerungen, wenn wir bei der Oma waren. Dort in en Kleiderschränken zu stöbern! Und meine Oma hatte Kleiderschränke voller Kleider, voller Pelze, und am Boden waren dann im Kleiderschrank diese ganzen Riemchensandalen und diese Peep Toes und so, und wir sind als Fünf- und Siebenjährige in diesen Dingern herumgestöckelt, das war das Großartigste der Welt! Und dann gab es noch so ein Frisiertischchen mit ausklappbarem Spiegel, und da war Schmuck ohne Ende drauf. Man konnte uns da sicher einen halben Tag allein lassen, ohne dass wir uns auch nur im Geringsten gelangweilt hätten! Und ich kann mir vorstellen, dass das sicher auch ein Anreiz für viele junge Leute ist, musikalisch mal ganz was anderes zu hören, was sie nicht kennen oder nicht gut kennen. Ich denke mir, wenn jemand in den Achtzigern geboren ist oder in den Neunzigern, dann kennt man einfach eine ganz andere Art von Musik. Und auch mit unserer ganzen Media-Welt ist es vielleicht nett, einfach mal ein Konzert im Stil der 30er-Jahre, komplett mit Kostümierung und Charleston-Tänzern, live zu sehen. Also, für mich sind da ganz viele Reize dabei, und ich kann es total gut verstehen, dass es jetzt wieder so groß im Kommen ist, weil wirklich viele interessante Aspekte dabei sind, die wieder zurück zum Ursprung finden.

Spielt da auch der pädagogische Aspekt eine Rolle, dass man sagt, man holt die jungen Menschen mit der Musik ab und zeigt ihnen dann, was noch geht?

Was noch geht, ja! Und, ich denke auch, ich habe das so ein bisschen bei Saint Laurent kennen gelernt, es gab ja die Zeit der Kristallflakons und dann gab es die Zeit, wo Parfüms in Metalldosen mit schrillen Farben verpackt waren – und mittlerweile kommt man wieder zu diesem Pomp und diesem Kristall und Glitzer und die Rüschen und so, ich sage mal, auf dieses Ur-Weibliche, zurück, was ich eigentlich sehr schön finde und ich schätze, das zieht sich durch alle Bereiche oder Felder durch, Kosmetik, Mode, Musik.

Zurück zu den Ursprüngen, also. Das Motto des heutigen Abends heißt ja, genau wie die dazugehörige CD-Serie, „Electro Swing Revolution“. Und da frage ich mich natürlich, was ist so revolutionär am Electro Swing?

Das, was wir gerade angesprochen haben: Für viele ist es sicherlich etwas ganz Neues. Und ich denke tatsächlich, da kann ich jetzt nur unterstellen, dass es vielen so geht wie mir, diese Musik mit diesen alten Sounds lädt noch mehr zum Tanzen ein als wenn man nur die Beats hätte. Weil nur die clubbigen Beats werden irgendwann ein bisschen langweilig, aber gemixt mit Swing und diesen anderen alten Tunes wie Charleston-Tunes, da ist so viel Leben drin, da bekommt man immer wieder Überraschungen geboten und es ist nicht die ganze Zeit immer nur der gleiche Beat und unks-unks-unks-unks (imitiert einen technoartigen Beat), sondern es ist wie ah!, und man kriegt Einladungen, auch für den Körper – also ich habe gar nicht still stehen können beim Soundcheck, es war so, ah ja, jetzt will die Schulter mehr, und jetzt will die Hüfte mehr … (lacht). Also, ich denke, dass es für manche tatsächlich auch eine Bewegungsrevolution sein kann, weil tatsächlich der Körper hier irgendetwas anderes macht als normalerweise. Probier es aus!

Lass uns noch einmal auf deine Zusammenarbeit mit dem Pariser DJ- und Produzenten-Duo Bart & Baker, die für ihre Remixe von Musikstücken der 20er- bis 50er-Jahre bekannt sind, zurückkommen. Du hast vorhin erzählt, du wurdest von ihnen ausgewählt. Kannst du das noch ein bisschen vertiefen?

Also, ich wurde von meinem Booker gefragt, ob ich Interesse hätte. Ich sagte ja, und er meinte, gut, dann schlägt er mich mal vor. Ich habe keine Ahnung, wieviele Sängerinnen ihnen vorgeschlagen wurden. Er hat mir dann eine E-Mail von Bart&Baker weitergeleitet, in der stand: „MisSiss is just perfect. We want to work with her.“ Dann habe ich mich gefreut und gesagt, okay, cool, wie ist der Plan? (lacht) Und der Plan war dann der, dass die Jungs gesagt haben, wir haben da ein paar Tracks, wo weibliche Stimmen drauf sind, hör dir mal an, ob’s dir gefällt, und ja, so ist das zustande gekommen. Dann habe ich die Stücke nach dem Motto, das hier finde ich schön – und das da finde ich auch schön, ausgesucht, und so ist das Programm für den heutigen Abend entstanden.

Dein Booker hat euch also für die Live-Kollaboration zusammengebracht. Du hast vorhin aber auch von einem Bart&Baker-Remix eines deiner eigenen Songs gesprochen – das heißt, ihr werdet auch über die heutige Live-Show hinaus etwas zusammen machen?

Genau! Und wir wollen auch unbedingt in Österreich etwas gemeinsam machen. Vielleicht ergibt sich auch noch etwas in Deutschland, keine Ahnung, aber wir sind für alle Schandtaten bereit, live auch mehr zu machen, denn es wäre natürlich schade, wenn das eine einmalige Sache bliebe, weil es so gut passt mit uns. Und ja, einerseits haben sie jetzt eben zu „Diva“ einen Remix gemacht, an dem sie noch ein bisschen feilen müssen, der dann aber mit auf die Single kommt.

Das heißt, die Single ist noch gar nicht gepresst?

Es wird sie nur digital geben …

Ah, so wie den Clubjumpers-Remix der einen Single von „Sissita’s Soul Tangos“!

Genau. Also, für die Presse haben wir natürlich auch Hardcopies …

Für die Presse verteilst du wieder diese schönen gebrandeten USB-Sticks …

(Lacht) Man darf sich nicht lumpen lassen, sagt man in Österreich!

Ein Merchandising, unglaublich! Ich halte den Stick auch sehr in Ehren, der hat diese tolle geriffelte Gummikappe …

Und die „Krawattennadel“!

Ja, mit dem schnörkelig eingeprägten Schriftzug „Sissita’s Soul Tangos“!

Eine schöne Sache! Lustigerweise hatte ich diese Idee, bevor ich das bei manchen anderen Firmen gesehen habe. Ich hatte die Sticks schon herstellen lassen, als ich eine Yves Saint Laurent-Freundin im Büro besucht habe, und sie sagte, du, ich habe da etwas Schönes für dich, schau! Und sie gibt mir dann so ein Etui, und da war ein goldener Yves Saint Laurent-USB-Stick drin!

Du hast gerade zum zweiten Mal Yves Saint Laurent erwähnt – hattest du beruflich mit ihm beziehungsweise mit der Marke zu tun?

Ja, ich habe für Saint Laurent zehn Jahre lang die Schulungen gemacht. Das war meine Zeit, wo ich Musik als Hobby betrieben habe und Yves Saint Laurent hauptberuflich, und dann habe ich den Job immer mehr reduziert und reduziert und reduziert und reduziert, weil die Musik immer mehr Raum einnahm. Aber daher kommt natürlich auch meine Liebe zu Parfums und Schminke und einfach auch dieses sich selbst Wertschätzung zu geben und diese auch seinem Gegenüber zu zeigen, indem man sich einfach nett herrichtet, auch auf der Bühne natürlich. Auch die Songs auf meinem Album sind davon geprägt, da gibt es beispielsweise einen Song, der heißt „Parfum“, dann einen, der heißt „Diva“ … Natürlich ist das auch ein bisschen mit einem Augenzwinkern zu sehen, denn die wahren Werte darf man nicht aus den Augen verlieren, das ist schon klar, aber ich sehe es eben mehr als Wertschätzung, und für mich hat das nichts mit Tussi oder sonst irgendwas zu tun.

Das stand ja auch in der Pressemitteilung: „kein Zickenalarm“!

Kein Zickenalarm, genau! „Diva“ ist eine Hommage an diese Leinwandgöttinnen, an eine Grace Kelly, an eine Audrey Hepburn, an diese wirklich ganz Großen, auch eine Maria Callas und so, wo ich sage, wow, die sind wirklich über den Dingen gestanden und hatten einen wirklich wertschätzenden Umgang und es echt nicht nötig, zickig zu sein.

Vermutlich war das ein anderer Diven-Begriff als heute, wo man bei jedem singenden Hochglanzgeschöpf gleich von einer „R&B-Diva“ spricht …

Ja, absolut. „La Diva“ kommt ja von „la Divina“, die Göttliche. Und ich glaube, es gibt keine Göttin, die zickt.

Och, vielleicht haben die da oben auch mal miese Laune …

Wie Hades! Vielleicht gibt es ja das weibliche Pendant dazu! (lacht) Ich glaube, ich habe zu viel Walt Disney geguckt … Dazu gibt es auch einen coolen Song, aber: egal.

Als wir uns Ende Oktober 2011 unter dem Motto „MisSiss in Wonderland“ zuletzt trafen, haben wir nicht nur über deine damals aktuellen Soultangos gesprochen, sondern auch über deine Zukunftspläne, genauer, dein zweites Album, das ja im Grunde genommen dein erstes Album ist. Du hast geschrieben, dass die Albumproduktion neun Monate dauerte und so eine Art Schwangerschaft war …

Ja, das kommt jetzt! Und es ist eben deswegen so spannend für mich, weil es sicherlich Leute geben wird, die „Sissita’s Soultangos“ zuerst kennengelernt haben und die von „Soulistics“ nichts wissen. In Österreich ist die Band Soulistics sehr präsent, da kennt man den Namen schon, und die ist eigentlich seit sieben Jahren mein Baby. Deswegen habe ich mir auch gedacht, dieses Baby, also mein aktuelles Album, bekommt auch den Namen „Soulistics“, weil es eben die Songs sind, die ich geschrieben habe für die Soulistics und die ich mit den Soulistics singe. Wir haben vor sechs Jahren begonnen, dieses Album zu produzieren. Dieses neun-Monate-später bezieht sich darauf, dass es neun Monate nach dem Europa-Release der Soultangos veröffentlicht wird, das fand ich ganz witzig, denn erst neun Monate vor dem neuen Release kam das erste Album hier auf den Markt. Am 1. Juni kommt die Single „Diva“, wie gesagt ein Digitalrelease, und am 15. Juni kommt dann eben das Album.

Das heißt, jetzt kann ich dich noch gar nicht fragen, ob es eine schwere Geburt war, da es noch in den letzten Zügen liegt …

Für mich ist es schon eine perfekte Geburt gewesen! (lacht) Weil die Promo schon läuft und weil die Dinger schon fertig sind und schon bei den Vertrieblern liegen, die schon darauf warten, die Geschäfte zu bestücken, und weil auch schon sehr sehr gute Deals eingesackt sind. Natürlich freue ich mich auf die nächsten Wochen, wo dann immer mehr passiert, aber für mich ist es eigentlich schon … für mich ist es schon da.

Und es ist auch rein optisch wieder sehr gelungen, mit der Prägung und der Lackierung …

Es gibt ja immer Leute, die sagen, naja, aber diese Silberprägung und diese Lackierung, die kannst du dir doch sparen, das macht es gleich doppelt so teuer, und ich sag dann: Ja, genau! Und das ist es auch wert! Und das hebt es auch ab von den anderen. Ich sag‘ dann immer, es ist nicht preiswert, aber es ist seinen Preis wert.

Klangverführer verlost zwei Promo-Exemplare von MisSiss‘ neuem Album. Dazu ganz einfach die folgende Frage beantworten: Von welchem Soulistics-Song hat das französische Produzentenduo einen Remix gefertigt? Und die Antwort per Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schicken. Einsendeschluss ist der 20. Juni 2012. Die glücklichen Gewinner werden per Mail kontaktiert.

Eine Albumrezension erscheint in der kommenden Ausgabe von Victoriah’s Music.

9. Juni 2012

Erlaubt ist, was gefällt: Mit DePhazz über den Dächern Berlins

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 15:54

Es gab eine Phase in meinem Leben, da war ich auf der Suche nach größtmöglicher Stressfreiheit und Tiefenentspannung – schließlich war mein Leben zu dieser Zeit aufregender, als mir gut tat. Klar, dass ich schon bald den passenden Soundtrack gefunden hatte: Lounge, Ambient, Downtempo, TripHop, Chillout. Nicht unbedingt in den Niederungen des Niveaus von Café del Mar oder Buddha Bar, für meine Musikerfreunde aber trotzdem schwer genug zu ertragen. Oft wurde über die Klangtapete gespottet, dabei hat sie sie stets als kleinster gemeinsamer musikalischer Nenner, beispielsweise für die Hintergrundbeschallung eines gelungenen Spätsommerfestes, erwiesen. War es nicht Pop-Literat Benjamin von Stuckrad-Barre, der die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister als das „Köln Concert unserer Generation“ und damit als „echtes Problem“ (da sie eben jeder mag) bezeichnete? Aber: Kann man aus ästhetisch-künstlerischer Perspektive wirklich an Massive Attacks Blue Lines oder Protection/No Protection zweifeln? Kann man eben nicht.

Und selbst die unzähligen und vielleicht künstlerisch weniger originellen Epigonen, die diesen Vorreitern folgen sollten, einte zumindest Eines: Ihre Musik war immer elegant, stilvoll, mondän, kurz: passte ideal zu den After Work-Veranstaltungen der von beiden Enden brennenden New Economy Kids. Lounge Compilations eroberten Bars und Wohnzimmer im Sturm – schließlich musste man sich dann nicht selbst um die Musikzusammenstellung kümmern, sondern hatte unter Garantie eine geschmackvolle Beschallung für alle Fälle zur Hand. Nachdrücklich im Gedächtnis geblieben aus dieser Zeit ist mir, neben allgegenwärtigen Bands wie Lamb oder Morcheeba (von deren großartiger Sängerin Skye Edwards es übrigens diesen Herbst ein neues Album auf Pias geben wird), das Heidelberger Klangkollektiv DePhazz. Spätestens dessen drittes Album Death by Chocolate fand sich in fast jedem Wohnzimmerregal wieder – von den unzähligen Samplern, auf denen sie vertreten waren, ob Bar Lounge Classics, Lounge for Lovers, Hotel Costes oder Erotic Lounge, ganz zu schweigen.

Mit der Wirtschaftskrise ist diese Musik dann irgendwie verschwunden – nicht nur aus meinem privaten Plattenschrank, sondern auch aus dem öffentlichen Bewusstsein. Smooth und chillig wollte keiner mehr. Auch DePhazz wähnten sich schon beinahe aufgelöst, bevor sie 2010 mit dem selbstironischen LaLa 2.0 – meiner Meinung nach die Platte mit dem coolsten Albumtitel ever! – wieder auf der Bildfläche erschienen: Ja, Lala geht auch noch im neuen Jahrzehnt, war die Botschaft. Mit Audio Elastique, immerhin ihrem bereits neunten Studioalbum, zeigen DePhazz, dass sie sich selbst bei weitem nicht so ernst nehmen, wie man es aufgrund ihrer gediegenen Musik glauben könnte. Sitzt man nämlich dem Band-Gründer und Produzenten Pit Baumgartner sowie der Sängerin/Songwriterin Pat Appleton gegenüber, merkt man sehr schnell, dass sie im Grunde höchst subversive Lounge-Punks, wie sie sich selbst bezeichnen, sind.

Ich habe die Gelegenheit, die beiden auf der Dachterrasse des Berliner RBB-Gebäudes zu einem unerwartet lustigen Interview zu treffen. Bevor es allerdings losgehen kann, muss dringend noch Milka, der 15-Wochen-alte Welpe von DePhazz-Promoterin Nash, geherzt werden. Der ist so süß, dass es verboten gehört und einem das Hirn verklebt: Erst nach einigen Minuten Hundebeschmusung fällt mir nämlich wieder ein, dass da ja auch noch zwei Musiker sitzen, die nicht nur begrüßt werden wollen, sondern auch auf ihr Interview warten.


Schokosüß und aus dem gleichen Tierheim wie Kopfhörerhund: Nachwuchskopfhörerhund Milka. Gehen Sie mal nach Falkenberg! Sa sitzen noch ganz viele, die auf ein Zuhause warten.

Klangverführer: Als Einleger zu eurer neuen CD gibt es einen Flyer mit dem Motto „Endangered Media – Each Sold Album Helps To Survive“, das sich auch auf eurer Bandpage findet. Könnt ihr mir ein paar Worte zu eurem Engagement sagen?

Pit: Naja, meine Idee war es einfach, so einen Fonds zu gründen, so wie dieser WWF Wildlife Fonds, und einfach darauf hinzuweisen, dass das ein Medium ist, das wohl aussterben wird. Genau wie die Kassette ausgestorben ist oder der Leierkasten ausgestorben ist oder das Tonbandgerät. Und das muss man wissen! Es ist auch keine Wehmut dabei und kein Lamentieren. Ich hätte es gern eher komisch rübergebracht, nach dem Motto „Spenden Sie fünfzig Cent!“ – an mich natürlich –, aber da fängt es dann an: Das macht der Handel nicht mit. Sobald Spendenkonten auftauchen, muss man eine seriöse Firma sein. Und übrig blieb dann einfach dieser Einleger „Aussterbendes Medium“. Und die meisten fragen sich, oh, was ist das denn, aber dann ist auch schon gut. Man kann es rumdrehen und als Postkarte verschicken. Wie gesagt, das war die Idee dahinter. Und wir sind ja auch so eine Band, die gerne humoristisch unterwegs ist – wir nehmen das Ganze nicht so ernst. Das war also mein Beitrag zu dieser ganzen Diskussion über illegale Downloads und so weiter. Aber das Rad kann man nicht mehr zurückdrehen.

War die Gründung deines eigenen Labels Phazz-a-Delic denn ein Versuch, diesbezüglich ein bisschen mehr Selbstkontrolle zu erhalten, sprich: eine Reaktion auf deine Enttäuschung über die traditionelle Arbeitsweise der Musikindustrie?

Pit: Nee, ganz im Gegenteil! DePhazz ist ja eine Band mit sehr vielen Individualisten. Bei Pat angefangen, bei Karl, damals Otto – und die Idee war, dass man ein Label hat, wo man dann ohne großes Tamtam Platten veröffentlichen kann. Das ging auch eine Weile gut, bis dann auch bei uns der Einbruch kam, und jetzt kann ich viele Produktionen einfach nicht mehr finanzieren, ganz einfach weil das Geld fehlt. Ich kann es nicht vernünftig promoten – eine gute Promo kostet Geld –, und wenn die Verkäufe einbrechen, dann musst du das aus eigener Tasche zahlen, und das funktioniert alles nicht mehr. Das muss man einfach wissen, wenn man über digitale Raubkopien spricht. Geld fehlt nicht den Menschen, die im Urlaub in die Karibik fahren , sondern Geld fehlt, wenn es um Produktion geht. Und das fehlt auch nicht Robbie Williams oder Pink, sondern das fehlt den Bands die einfach …

Pat: … am Anfang stehen!

Pit: Genau, also den Talenten, wie immer. Jungen Leuten wird der Boden unter den Füßen weggezogen, weil man nicht mehr investiert. Gut, an Stelle dessen ist natürlich die Verbreitung im Internet getreten, da kann jeder seine Musik hochladen – aber wer hört das schon? Vor allem: Wie weiß ich, wo was ist? Und deswegen ist natürlich eine professionelle Promo immer noch wichtiger oder eine gute Plattenfirma, weil sie einfach andere Türen öffnen kann! Aber gut, wenn wir jetzt sehen, wie es sich entwickelt, das Rad ist nicht mehr zurückzudrehen, wir schauen mal, was passiert.

Kommen wir zu „Audio Elastique“. Die Platte ist euer mittlerweile neuntes Studioalbum. Was hat sich aus eurer Sicht im Gegensatz zum Vorgänger „LaLa 2.0“ geändert, oder anders gefragt: Wo wollt ihr mit diesem Album hin?

Pit: Zunächst einmal wieder auftauchen. Es gibt ja so eine Kampagne, das heißt, „Platte – Tour“ beziehungsweise „keine Tour ohne Platte“, das sei Quatsch. Wenn man also touren möchte – und die meisten Kollegen meiner Band möchten touren …

Pat: Müssen touren!

Pit: Ist das so? Bei mir ist es auch eher ein Müssen, denn ich bin Studiomusiker und Produzent – ich muss nicht auf die Bühne! Aber die Kollegen haben eigentlich sehr viel Spaß dabei und machen das auch gut, und da brauchen sie natürlich immer neues Futter, das heißt: neues Songmaterial, und deswegen gibt’s ’ne CD. Wie die sich jetzt unterscheidet von der anderen – das weiß ich nicht, weil wir immer so einen Spagat versuchen zwischen einer gewissen Originalität, etwas Neuem, aber gleichzeitig auch so etwas wie einem Wiedererkennungswert. Man weiß, ach, das sind doch die, die Querköpfe oder was auch immer … Das sind doch DePhazz! Und deswegen kann ich dir gar nichts dazu sagen. Auch wenn ich anfange zu produzieren, habe ich ja kein Konzept in dem Sinne, sondern erlaubt ist, was gefällt, und was am Ende dann rauskommt, ist meistens auch für mich überraschend, wo ich denke, „Ach Gott, so ist sie jetzt geworden! Na toll, hoffentlich findet sie Ihre Hörer“ … Also, im besten Falle. Aber unabhängig davon müssen wir das machen, weil wir einfach aus Passion Musiker sind, ob sich das jetzt verkauft oder nicht ist sekundär. Mal sehen, wie lange wir noch durchhalten.

Ihr seid ja immerhin schon eine ganze Weile dabei! Ich glaube, ich habe angefangen, euch zu hören, als Drum&Bass, TripHop, LoFi, Ambient und Downtempo gerade ganz neu und aufregend war – ich glaube, es gab damals keine einschlägige Compilation, auf der ihr nicht vertreten wart. Zu jener Zeit seid ihr ja als Klangkollektiv mit dem zukunftsweisenden Motto „Destination Phuture Jazz“ angetreten – wie hat sich euer Anspruch an das eigene Studiomaterial im Laufe der Zeit entwickelt? Würdet ihr Euer erstes Studioalbum heute nochmal genauso aufnehmen?

Pit: Wenn es ’97 wäre: Ja. Aber 2012 ist glaube ich … Du wirst keine Drum&Bass-Elemente mehr finden, weil ich lustigerweise an diesem Drum&Bass-Aspekt gemerkt habe, wie alt die Musik geworden ist. Also, wenn du Achtzigerjahre-Musik hörst, hörst du ja auch sofort, oh, Achtziger: Große Snares, der Song wurde totgeknüppelt mit der Snare …

Und mit dem Hall, furchtbar!

Pit: Brian Eno, ein geschätzter Kollege von mir, sagte mal, warum meine Musik nicht altert liegt daran, dass ich keine Schlagzeuge benutze! Und es ist tatsächlich so: Am Schlagzeug hört man oft, wie alt die Nummer ist. In unserem Fall ist es Drum&Bass. Wenn ich heute eine Drum&Bass-Platte gemacht hätte, wären wir zwar irgendetwas treu geblieben und hätten bestimmt auch Fans, die sagen, ah, toll, aber es wäre backdated gewesen, meiner Meinung nach zu viel. Deswegen ist die neue Platte nicht ganz so rumpelig, sondern vielleicht sogar gediegener, aber man muss einer Band auch zugestehen, dass sie sich einfach entwickelt, wohin auch immer, und dass sie das Recht hat, sich selbst nicht zu langweilen und Dinge zu tun, die ihr einfach Spaß machen!


Spaß haben die beiden hier auf jeden Fall …

Kritiker werfen eurer Musik ja gern vor, sehr Easy Listening zu sein, mondäne Soundtapete, und mit euren Albumtiteln, ob „LaLa 2.0“ oder eben jetzt „Audio Elastique“ gebt ihr ihnen zusätzlich Futter. Gerade Titel wie „Désir au Maximum“ oder „Funk Desaster“ scheinen den Geist einer musikalischen Hängematte oder einer sich schier ins Endlose dehnenden musikalischen Elastizität perfekt zu verkörpern – den Kaugummi als Sinnbild liefert ihr mit feiner Ironie gleich selbst dazu. Ich habe von Pat dazu mal in einem alten Interview die Aussage gelesen: „Wir sind Künstler, wir bieten den Leuten schöne Musik an, zu der die Leute auch mal entspannen können. Das ganze Hickhack, was man sonst so tagtäglich an der Backe hat, das dürfte verpuffen, wenn man eine unserer CDs einlegt.“ Setzt ihr bei eurer Musik bewusst auf den Wohlfühlfaktor? Und was entgegnet ihr Leuten, die meinen, dann können es mit dem künstlerischen Anspruch ja nicht weit her sein?

Pat: Naja, wir legen ja sehr viel Wert auf unsere Texte, und ich hoffe, dass wir mit den Texten ein bisschen von dem wegkommen, was man … ja, wenn man es „gefällig“ nennt, meinetwegen; ich finde es ja gar nicht so unangenehm, weil ich privat ja auch gern Musik höre, die mich jetzt nicht aufregt. Ich möchte mich ja entspannen! Wenn ich tanzen möchte, dann gehe ich auch zu Musik tanzen, die vordergründig im Raum steht, aber ich finde einfach, dass die Platten von DePhazz so vielschichtig sind! Mann kann sie ja auch unter dem Kopfhörer hören und dabei wirklich erstaunliche Dinge entdecken, gerade das, was Pit so zusammenbastelt. Und was man dann so unter dem Kopfhörer vernimmt, ist doch nicht immer so leicht einfach abzutun! Aber mann kann die Musik eben auch sehr schön im Hintergrund hören, und das finde ich angenehm. Ich war schon oft auf Parties, wo dann so richtig vordergründige Musik lief, und man konnte sich gar nicht unterhalten. Ich brauche da lieber Hintergrundmusik, ich kann sonst gar keinen Gedanken fassen, wenn da einer ständig rumblökt und man gezwungen wird, sich den Text anzuhören!

Pit: Darf ich da einsteigen? Ich würde dieses Pferd nämlich gern von der anderen Seite aufzäumen. Was steht denn auf der anderen Seite von Easy Listening? Die Musik, in der man über die Texte zur Revolution aufruft – mit Coca Cola als Sponsor! Das ist definitiv vorbei. Burt Bacharach, der Easy-Listening-Papst – hör die an, wie qualitativ hochwertig diese Musik ist! Ob ich die jetzt im Hintergrund laufen lasse, zum Staubsaugen, zum Frühstücken, ist jedem selbst überlassen. Und ich habe auch keine Probleme, wenn man mich als musikalische Tapete bezeichnet – das ist besser, als meine Musik gar nicht zu hören! Wenn hundert Kritiker darüber schreiben, das sei Easy Listening, ist mir das lieber als einer! Mir ist einfach der Verbreitungsaspekt wichtig. Und ich glaube, in dem Moment, wo wir die Platte produzieren und herausgeben, lassen wir los. Und dann obliegt es dem Hörer zu sagen, das gefällt mir, oder es gefällt mir nicht. Also mehr möchte ich, ehrlich gesagt, auch gar nicht dazu sagen. Aber wie gesagt, ich bin ja auch ein Kind der Siebziger, wo damals die Welt verändert wurde, auch mit Musik, und mittlerweile kann ich es nicht mehr hören. Es hat nicht funktioniert – also, es hat uns schon ein stückweit wohin gebracht, zum Beispiel die Frauenbewegung, den Feminismus, was auch immer –, aber es werden dadurch keine Kriege verhindert! Und das ist frustrierend. Ich würde mich da jetzt nicht als Weltverbesserer sehen, mein Gott, ich möchte einfach nur einen Soundtrack liefern, den sich dann der Hörer reinlegen kann wo immer er möchte. Wenn er auf die Straße geht hinterher, auch recht, zum demonstrieren, wenn er aber auf der Couch bleibt, auch gut.

Pat, du hast eben das Wort angenehm verwendet; und auch ich bin der Meinung, dass sich„Audio Elastique“ unglaublich angenehm hört – nicht umsonst hat euch die Presse ja auch den Beinamen „Godfathers of Lounge“ verpasst! Allerdings scheint es in der ersten Albumhälfte (mit Ausnahme der für eure entspannten Verhältnisse dann doch recht getriebenen Single „The Ball Is My Friend“, der zugleich mit seinem gar nicht so hintergründigen Humor besticht) auch keinen Song zu geben, der sich besonders hervortut – gehört dieses homogene Klangbild zum Konzept dieses Albums, wollt ihr die Leute erst einmal in Sicherheit wiegen, bevor an die anderen Tracks kommen?

Pit: Ach weißt du, im Grunde bin ich ja Ästhet. Das ist natürlich alles auch sehr subjektiv, aber ich hab dann am Schluss diesen bunten Strauß an Melodien und denke, wie bringe ich die jetzt in eine Reihenfolge. Da geht es um geschmackliche Dinge und um Bindungen durch kleine Interludes, aber das ist konzeptionell nicht so ausgeklügelt, das entsteht eher spielerisch, und meistens auch so, wie ich die Platte selbst gern hätte, wenn ich sie reinlege. Wenn ich merke, diese Nummer stört mich immer, dann schmeiße ich sie einfach wieder raus. Ich hab‘ ja die Macht. Es ist auch bitter, als Produzent zu sagen, na Freunde, die Nummer hier muss ich leider wieder streichen – zum Beispiel gibt es da das Lied „Timeless Times“ auf dieser Platte, das doch relativ oft gepickt wird im Moment. Die Nummer hängt schon seit zehn Jahren im Regal, und nie hat es mir gefallen, ich habe sie immer wieder verschoben und rausgenommen. Und jetzt habe ich sie endlich mal rausgebracht. Es ist aber auch so: Manche Dinge reifen. Und manche bleiben ewig in der Schublade. Diese vergeudete Arbeit gehört eben dazu – Schwund ist immer.

Die zweite Hälfte des Albums überrascht dann aber mit ihrer Vielfältigkeit …

Pit: Oh, ab wo beginnt denn die zweite Hälfte?

Meiner Meinung nach kannst du es tatsächlich symmetrisch in zweimal acht Tracks teilen, das heißt, die zweite Hälfte beginnt für mich mit Track 9, der „Good Morning Suite“, die schon sehr in Richtung experimentelle Collage geht und garantiert nicht im Formatradio zu hören sein wird! Der Sechsachtler „Not Sally“ dann ist schon ein fast klassischer Smooth-Jazz-Track, bei den ersten Takten von „After Lunch“ fühlte ich mich kurz an Elvis erinnert, „Männer die Pokale Küssen“ irgendwo zwischen Chanson und Schlager, auf „Into The Blue Hour“ gibt es diese Twang-Gitarre, gepaart mit Gesang, der an zerkratze Ella-Fitzgerald-Platten erinnert …Das ist jetzt eigentlich gar keine Frage, nur eine …

Pat: … Feststellung, aber sehr sehr sehr schön!

Pit: Ja, aber wenn du gerade auf das Thema zu sprechen kommst: Diese Vielfältigkeit ist uns ja ein Anspruch, aber andererseits denke ich manchmal, gerade das ist ein Problem, weil du halt nicht ein Klientel bedienst, zum Beispiel die puristischen Jazz-Hörer, die sind dann beim dritten Lied enttäuscht, dann kommt ein Fußballlied, und das fragen sich unsere Lounge-Leute, was machen sie jetzt?, und ich glaube, „Timeless Times“ ist eher so ein Rocksong, so ein verkappter … Und das ist etwas, was mir sehr viel Spaß macht, zu bedienen, denn als Produzent denkst du ja, oh, kann ich das auch? Lass mal probieren! Aber diese Vielfältigkeit kann eben auch nach hinten losgehen, weil du dann keine strikte Linie drin hast. Aber soll ich jetzt deswegen etwas nicht machen, was ich gern machen würde? Nee.


… während sich Milka nicht ganz so wohl in ihrer Haut zu fühlen scheint.

Jetzt kommt eine Frage, die Künstler meistens hassen, aber Kritker suchen nun einmal nach Genre-Begriffen, weil die Leser wissen wollen, was zum Geier machen die da eigentlich, wo ordnet man das ein …

Pat: Lounge-Punk!

(großes Gelächter)

Lounge-Punk? Ich wollte zwar noch auf etwas anderes hinaus mit meiner Frage, aber das ist gut! Ich wollte …

Pit: Entschuldige, dass ich dich unterbreche, aber das ist deswegen gut, weil wir jetzt in der Ukraine in so einen Nobelclub eingeladen waren, ein Oligarchen-Verein, und die saßen alle da an sehr teuren Tischen, haben ganz edel getafelt und so, und wollten wahrscheinlich auch so etwas Ähnliches wie Lounge dazu hören. Und dann haben wir da angefangen mit „Let The Dog Run“ …

Pat: … und „Fear Is My Business“!

Pit: … und das war so gar nicht das, was sie erwartet haben! Und dann fiel mir in dem Moment auf der Bühne der Begriff ein: Das ist Lounge-Punk! Es wird euch nicht gefallen, aber wir haben die Macht, wir haben die Lautstärke!

Woran ich beim Hören der ersten Tracks dachte … Track 2, „Our Relashionship“, swingt ja wie in den Zwanzigerjahren, ist aber gleichzeitig so zerhackstückelt, dass man hierfür eigentlich nur den Begriff „Electro Swing“ verwenden könnte. Auch Track 3, der „Dog Run“, swingt ganz gehörig im Retro-Sil, zeigt durch seinen clubbigen Beat aber auch deutlich, dass es sich hier um eine absolut zeitgemäße Aufnahme handelt. Hegt ihr, wollte ich fragen, eine besondere Affinität zur aktuellen Electro-Swing-Szene, identifiziert ihr euch damit?

Pit: Also ich muss sagen, wenn, dann ist das Zufall. Ich bin der Albtraum eines jeden Musikredakteurs, weil ich höre kaum Musik. Also neue Sachen finde ich nicht so prickelnd, weil ich das alles irgendwo schon mal gehört habe; alte Sachen lehne ich ab, weil ich dann weiß, wie alt ich bin …

(wieder mal großes Gebrüll von allen Seiten)

… obwohl es mir gefällt! Und deswegen höre ich ganz wenig Musik. Ich kann auch nicht sagen, was angesagt ist. Das ist bitter genug; aber wenn du selbst Musik produzierst, dann gehst du abends mal Fußball spielen oder weiß der Teufel, was, aber du hörst definitiv nicht im Radio die angesagten Sachen. Ich werde auch oft angesprochen nach dem Motto, hast du das da und da kopiert?, und ich muss dann sagen, es kann sein, aber wenn, dann bring es mir, dann kann ich dir sagen, ob es kopiert ist. Ich kenne die aktuellen Sachen nicht. Insofern, wenn du nach Kategorien suchst: Lounge-Punk trifft es schon ganz gut.

Was mir bei dem Album noch aufgefallen ist – wobei, eigentlich kann man das von all euren Alben sagen –, ist diese stilprägende Mischung aus elektronischen Sounds und akustischen Instrumenten. Schon bei der „Prelude“ paart sich Electrogeschnassel, das an das Knistern einer Schallplatte erinnert, mit Vocalsamples und dem Sopransaxofon von Frank Spaniol. Technik oder klassische Instrumente, Studioarbeit oder Livegig – welcher dieser Teile ist die größere Herausforderung für einen Musiker? Und: Seht ihr euch eher als Studioprojekt, das sich über Soundfrickelei definiert, oder als Live-Act, dem es um den organischen Klang geht?

Pit (deutet auf sich selbst): Studioprojakt. (Deutet auf Pat): Live-Band.

Pat (deutet auf sich selbst): Rampensau!

(Gelächter)

Das heißt, ihr seid bewusst beides …

Beide: Ja.

Pat: Wir arbeiten natürlich schon ein bisschen für die Bühne, wenn wir die Platte machen, aber im Studio hat man eben viel mehr Möglichkeiten!

Pit: Ich habe viel mehr Zeit im Studio. Auf der Bühne habe ich keine Zeit, da muss es Zack-Zack gehen, da müssen die Leute bei der Stange gehalten werden, da ist Pat die Expertin und da halte ich mich zurück. Während im Studio … da kann ich beraten, kann sagen, mach mal hier diesen Schlenker noch, da ist Zeit. Weil: So ’ne Zerhackung von so ’nem Song dauert netto 32 Stunden, je nachdem. Und da gehen schon mal Beziehungen drauf – aber das ist es Wert!

(lacht, und alle anderen liegen auch vor Lachen auf dem Tisch)

Pit: Frag Kollegen! Die rufen dann an, sag mal, kommst du heute nochmal hoch, oder übernachtest du im Studio?

Apropos Kollegen: Gerade erst vor Kurzem habe ich das neue Album „Modular Soul“ des mittlerweile auch in Heidelberg lebenden Jazz-Keyboarders Jo Bartmes rezensiert. Das Projekt wiederum hat mich sehr an die Stücke vom Bahama Soul Club erinnert, an denen du, Pat, beteiligt warst. Ist Heidelberg mittlerweile so eine Art Keimzelle für Pop-Jazz-Soul-Funk-Latin-Fusion?

Pit: Wir haben Ruhe! Wir sind entschleunigt! Wir müssen nicht jeden Tag etwas Neues machen! Ich kenne dort tatsächlich ganz tolle Leute, ohne den Berlinern da jetzt irgendwo an den Karren fahren zu wollen. In Berlin musst du immer bamm-bamm-bamm: Trends setzen. Aber wenn man in die Provinzen geht, da ist do viel Talent unterwegs! Gerade der Jo, ein klasse Typ, macht ’ne tolle Show, ist ganz entspannt, und ich bedaure, dass er aber eigentlich nie dahin kommt, wohin er es eigentlich verdient hätte zu kommen, weil vorher schon die Amis Schlange stehen, und die haben eben viel größere Budgets im Rücken. Der Ort, wobei ich da jetzt nur für Heidelberg sprechen kann, spielt insofern eine Rolle, dass Heidelberg eine Stadt am Fluss ist. Wir haben in de Nähe Mannheim; wenn wir Industrie wollen und roughness und rudeness, dann gehen wir nach Mannheim, und wir haben die Amis da …

Pat: Ja, wir haben diese Ami-Club-Geschichte, da haben ja die meisten von uns irgendwann mal angefangen zu spielen!

Pit: Wir haben Studenten, auch sehr klasse …

Pat: Und einfach auch internationale Klientel, also fast mehr als in Berlin, finde ich. Ich bin ja auch sehr früh nach Heidelberg gekommen, wieder zurück aus Afrika, und das war dort eben sehr international. Das prägt einen natürlich auch.

Pit: Ich bin ein Freund der Provinz, muss ich ehrlich sagen. Ich liebe es, nach Berlin zu fahren, nach Köln oder nach Hamburg, aber leben lässt es sich besser in der Provinz.

Pat: Naja, wobei, machen wir uns mal nichts vor: Wenn wir zwanzig Minuten aus Berlin raus fahren, sind wir auch in der Provinz!

Sogar innerhalb Berlins gibt es so manche Provinz!

Pat: Genau, fahr mal nach Rixdorf!

Pit: Das mein‘ ich ja, Lebensqualität … Da gibt es einen berühmten Ausspruch von einem Sufi-Meister, der hörte, dass in New York damals elf Millionen Menschen lebten, und er sagte, och, die müssen sich aber lieben!


Lieber schnell wieder auf den Arm – notfalls auch auf meinen.

Schön, ja! Ich weiß, die Zeit drängt, darum möchte ich auch so langsam zum Schluss kommen. Gestern habe ich auf Facebook gepostet, dass ich heute ein Interview mit euch mache und meine Leser aufgefordert, mir zu schreiben, was sie euch schon immer mal fragen wollten. Diese Leserfragen würde ich jetzt gern noch an euch weiterreichen. Hier zum Beispiel fragt ein Leser: „Woher nimmt DePhazz die Inspiration für ihre unter die Haut gehenden Klänge? Klingt teilweise sehr erotisch …“

Beide im Chor: Uuhhhhh!

Pit: Ja, dann geb‘ ich doch den Staffelstab mal an die Frauen weiter. Wenn ich Frauen sehe, bin ich inspiriert! (lacht) Nein, im Ernst, ich weiß es nicht. Talent? Ich kann einfach nix anderes! (lacht wieder)

Auch eine schöne Überschrift: „Erotische Musik – ich kann nix anderes!“

Pit: Ich hab‘ nichts Vernünftiges gelernt. Ich bin auf dem Arbeitsamt schwer vermittelbar, mittlerweile.

Pat: wobei, zwei Jahre als Clown – ich glaube, damit könntest du auf jeden Fall punkten!

Dann gibt es hier einen Leser, der schreibt, er hätte eine etwas ketzerische Frage, nämlich: „Nachdem der ‚Café del Mar‘ und ‚Wohlfühl-Jazz-Lounge-Sektor‘ musikalisch erschöpft scheint, wohin wird sich die Szene wohl hinbewegen? Wird es auch im Bereich der mehr konsumorientierten Jazzmusik quasi eine bepobartige Bewegung hin zu den ‚Roots‘ geben?“

Pit (schreit fast): Ja!!! Hör dir „Dog Run“ an!! „Dog Run“ ist Be-Bop! Aber ich muss dazu sagen, wir Musiker überlegen uns das ja nicht, wir Musiker denken uns diese Lounge-Geschichte ja nicht aus. Das macht der Handel, denn der muss ja irgendwelche Kategorien erfinden, wo die Leute auch geleitet werden: Ach, da find ich dieses, und da finde ich jenes … Musiker denken nicht in terms like this. Also ich mach ja jetzt nicht mit Vorsatz eine Lounge-Platte – deswegen ist die Frage an die falschen Leute gerichtet, da musst du die Leute aus den Marketing-Agenturen fragen. „Are you working in the marketing business? Kill yourself!“

Pat: Wir denken überhaupt nicht über die Zukunft des Genres nach, denn wir wurden da ja sozusagen reingepresst.

Pit: Wofür ich mich bedanke!

Pat: Ja, denn so haben wir unsere Nische gefunden, und das ist auch gut so.

Pit: Es ist ein angenehmes Publikum, die Leute sehen gut aus …

(Gelächter)

Pit: … die Sofas sind bequem, die Drinks sind lecker. Aber ich muss das jetzt nicht bedienen, was man, glaube ich, uns auch hier und da übel nimmt, weil wir nicht nur diese smoothen Klänge aus Ibiza vertreten, sondern auch mal eckig und kantig werden. Und ein Song mit Textzeilen wie „Wait on the Lord because the Lord will come“, der ist natürlich mit einem Martini in der Hand nicht so leicht zu verarbeiten!

Pat (lacht): Kommt drauf an, wieviel man getrunken hat!

Pit: Wenn du vor den Herren trittst und es darum geht, deine Rechnungen zu bezahlen – und du hast einen Martini in der Hand …

Ja, genau! Nach dem Motto: Ich habe betrogen … nipp … Ich habe gestohlen … schlürf … Okay, bevor wir jetzt vollends albern werden,
will ich noch den letzten Leser zu Wort kommen lassen. Pit, du hast erwähnt, du seist ein Kind der Siebzigerjahre – und dieser Leser hat eine Art-Rock-Frage. Er schreibt: „Eure Gigs sind mediale Ereignisse
mit Lichtshows, Projektionen und Farbspielen. Zusammen mit den Ambientsounds und dem Loungecharakter, wird man streckenweise an Pink Floyd erinnert. Zufällige Ähnlichkeit oder bewusstes Aufgreifen des Konzeptes für alle Sinne?“

Beide: Woahh!

Ich habe tolle Leser, oder?

Pat: Ja, Wahnsinn! Ich möchte auch dein Leser werden! Wo kann ich mich anmelden?

Pit: Connectet euch doch mal! Also, Pink Floyd habe ich da nicht gesehen, aber ich habe damals Nektar gesehen. Nektar waren eine Krautrockband zu den Zeiten von Can und Kraftwerk und wie sie alle hießen. Und die haben damals mit zwei Dias schon verlaufende Farben gemacht. Damals hat man noch Drogen genommen, das ist ja jetzt auch unmodern … (Lachen) Und vielleicht ist das noch ein Überbleibsel von dieser Zeit!

Pat: Wir versuchen ja auch nur davon abzulenken, dass wir keine vollwertige Band auf der Bühne haben. Wir haben ja auch viel computergenerierte Musik, einfach auch aus dem Grund, dass es heutzutage zu teuer ist, eine sechzehnköpfige Band auf die Bühne zu stellen!

Pit: Auf der Bühne geht noch – aber das Essen kannst du nicht mehr bezahlen!

(wieder lachen alle)

Pat: Und die Zugfahrten! Und deshalb versuchen wir unsere Shows so ein bisschen künstlerisch zu gestalten, damit man das so ein bisschen ausgleicht. Die Leute sind ja heutzutage Bilder einfach auch gewöhnt – man kann eigentlich kaum noch Musik hören, ohne Bilder zu haben! Die Leute wollen die Bilder ja schon vorgeliefert haben, was im Grunde ein bisschen schade ist, aber die sind nunmal so aufgewachsen. Und wir bedienen das mit unserer Show so ein bisschen.

Pit: Ja, es ist einfach ein Tribut an die Zeit. Zumal wir den Markus Lang haben, der macht das richtig klasse, das ist ein toller Videokünstler! Und ihm macht es Spaß, da seinen Job auszuüben, und mir macht es Spaß, wenn ich die Bilder sehe. Es gibt ja auch Fotos von der Band, und da ist so ein optischer Aspekt im Hintergrund auch Gold wert, wenn man eben nichts hört. Wir überlegen, ob wir nächstes Jahr oder in zwei Jahren mal auf eine kleine Bühne gehen, in kleine Theater, das fände ich auch spannend. Aber im Moment ist es schon wie es ist- und bei uns ist im Moment der Spaßfaktor wichtig, und der wird durch die Videokunst abgerundet. Und in Zukunft, das schreib den Lesern, wir haben auch eine Facebook-Seite, wenn sie Fragen haben, sollen sie das uns direkt schreiben, dann hast du die Jungs von der Backe und ich schreib dann selber zurück!

Das Interview endet in großem Gelächter – und was Spaß macht, soll man teilen. Darum gibt es heute auch etwas zu gewinnen, nämlich ein frisches Exemplar von Audio Elastique. Was Sie dafür tun müssen? Aufschreiben, wie die wunderbare Genre-Neuschöpfung heißt, das DePhazz für sich erfunden haben und das Ganze per Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schicken. Einsendeschluss ist der 16. Juni 2012. Der glückliche Gewinner wird per Mail kontaktiert.

Die Rezension von Audio Elastique gibt es in der nächsten Ausgabe von Victoriah’s Music auf fairaudio.de

8. September 2011

Alles wird kleiner – aber auch besser?
Die Popkomm 2011, Tag 1

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 13:35

Ich habe rasende Kopfschmerzen. Die Nacht war nicht gut, und jetzt ist die Stimmung entsprechend. Die Eröffnungsveranstaltung Popkomm 2011 jedenfalls schwänze ich, was insofern schade ist, als dort Schwedens Außenhandelsministerin Ewa Björling sprechen wird und ich im Moment Dank King Oliver’s Revolver riesiger Fan des schwedischen Musikexportes bin.

Als ich auf dem Messegelände ankomme und erwartungsvoll den Schwedischen Stand aufsuche, ist die Enttäuschung jedoch groß. Bezeichnenderweise findet sich auf dem Ländersampler Sweden @ Popkomm 2011 nicht das kleinste Fitzelchen Weird Folk Funk Surf Whatever Crazy Stuff, sondern ziemlich unausgegorenes Zeug und damit eher das, was die Franzosen als Le Rock bezeichnen. Disco gibt es noch und Electro-Clash – das klingt alles eher nach Eurovision Song Contest und hat einfach mal so überhaupt keinen Groove. Einzig cool bei den Schweden dieses Jahr: Die Pop-Rock-Punk-Mädels von Tantrum To Blind. Ziemlich geil finde ich auch Corroded, aber dafür muss man schon eine ausgeprägte Schwermetallader haben oder zumindest irgendwann im Leben mal Metalhead gewesen sein.

Dann gibt es noch ein Cover von The one and only – das Original von Chesney Hawks war ja schon schlimm, aber die Version von Andres Fernette toppt das locker. Einmal mehr frage ich mich, wer diese Sampler zusammenstellt, die für ein Land angeblich repräsentativ sein sollen. Um Klassen besser ist da schon Out of Norway mit Künstlern wie Kaizers Orchestra, Blind Archery Club oder Elly Marvellous. Phantastisch: Anette Askvik mit Liberty. Wer Kate Bush mag, wird das hier lieben:

Mindestens genau so hörenswert: Hasse Farmen mit Lang het sommer, Live Foyn Fris mit Make Me Smile und Jenny Moe mit Mon Capitaine. Oder Phone Joan mit Na na na na na mit seinen Gitarrensoli, wie sie seit den Achtzigerjahren verboten, aber nichtsdestoweniger großartig sind. Vermutlich kann man zurzeit einfach kein Norweger sein und schlechte Musik machen. Aber auch hier fehlen mir aktuelle Lieblinge wie Major Parkinson, Thomas Dybdahl oder Katzenjammer, von All-Time-Favorites wie Bugge Wesseltoft ganz zu schweigen.

Finland bringt wie immer ein massives 4-CD-Päckchen unter die Leute, unterteilt in die Genres Indie/Electronic, Pop/Rock, Hard Rock/Metal und World/Jazz. Auf Letzterer gibt es nicht nur mit dem Tango-Orkesteri Unto, sondern auch mit Johanna Juhola Reaktori und Pipoka schönen finnischen Tango zu hören – genau das Richtige für einen latent depressiven Morning After nach dem ersten Messetag. Finnischer Klezmer (Sväng mit Schladtzshe) ist auch nicht unbedingt als Ausbund der Fröhlichkeit zu bezeichnen, aber nichtsdestotrotz großartige Musik. Ganz kurz ärgere ich mich noch über diese idiotische Zuordnung zum meiner Ansicht nach non-existenten Genre „World“ – Denn mal ehrlich, was haben Tango und Klezmer gemein, dass man sie in eine Schublade steckt? Und weshalb muss man das Ganze dann noch mit Jazz zwangsvergesellschaften? –, aber das ist ein anderes Problem. Vorerst müssen wir mit dieser Subsummierung leben, ob und das nun gefällt oder nicht. (Weshalb es uns nicht gefällt, kann der interessierte Leser in dieser schönen Streitschrift nachlesen.)

Auch Maria Kalaniemi mit ihrem Akkordeon und Elfengesang versteht es, einem aufs Gemüt zu schlagen. Die können einen schon runterziehen, diese Finnen! Naja, mit irgendetwas muss sich die höchste Selbstmordrate weltweit ja erklären. Dann allerdings geigt man sich mit Frigg plötzlich in sonnigere Gefilde, und unwillkürlich fragt man sich, ob es in Finland auch Hardanger-Fiedeln gibt. Endgültig happy werden die Finnen mit der Bad Ass Brass Band, und die ist – nomen es omen – definitiv eine Entdeckung! Finnischer Balkan-Brass? Geht! Irland hat mit seinem Kopfhörercover zumindest den Preis für die schönste CD verdient.

Neben teils seltsamer Musikauswahl haben sich die Nordlichter dankenswerterweise auf ihre große Stärke besonnen und vorsorglich die gemeinschaftlich betriebene Nordic Bar aufgebaut.

Wie gut, dass ich noch von letztem Jahr weiß, wo die dem Messegelände nächstgelegene Apotheke ist. Das kleine Apothekchen „am Flughafen“ sieht sich einmal im Jahr mit einem unerwarteten Besucheransturm konfrontiert, meine Kollegen stehen nach Kopfschmerztabletten Schlange. Und dabei ist heute gerade mal der erste Tag! Genügend Entspannungsmöglichkeiten gibt es jedenfalls, ob mit der mobilen Masseurinnen oder mit einladenden Sitz- oder vielmehr Lümmelgelegenheiten.

Ohnehin hat man gelernt. Alles ist kompakter und funktionaler, vor allem aber noch kleiner geworden als im Vorjahr. Gleichgeblieben ist die wegweisende Verwirrung. Auf die Frage, wo ich denn eine warme Mahlzeit herbekomme, schickt man mich von unten nach oben und von dort wieder runter. In der Tat kann man das warme Essen in der Main Hall beinahe übersehen. Es stehen exakt zwei warme Gerichte zur Auswahl, eine Paella-Pfanne und eine Steak-Pfanne. Die Lasange und damit das einzige vegetarische Gericht ist aus – ein krasser Gegensatz zum vorigen Jahr, wo man mit Jamaican Food und Organic Food und was-auch-immer-Food aufwartete. Wer konkurrenzlos ist, kann es dafür aber auch von den Lebendigen nehmen. Für solch ein Winzpfännchen werden dann eben mal sechs Euro fällig.

Da das hier natürlich nicht sättigt, steht man danach automatisch für ein weiteres Sandwich Schlange. Und draußen, wo letztes Jahr eine komplette Bio-Fressmeile aufgebaut war, herrscht tote Hose, ebenso auf den Emporen, wo es statt weiterer Labels schlichte Rückzugsmöglichkeiten für Sprecher, Hostessen und die Presse gibt. Und auch der eine oder andere Meetingraum findet sich hier.


Wo früher die Administration von Laurèl Airlines saß, kann heute die Presse ihre Texte an die Redaktion schicken, drucken, faxen – oder einfach auf Facebook surfen, was die meist aufgerufene Website der Messe sein dürfte. Auf welchen Bildschirm man auch einen Blick erhascht, überall sieht man Kollegen, die ihr FB-Profil auf den neuesten Stand bringen.

Die Atmosphäre mag man nur mit viel gutem Willen als „voller Flughafencharme“ bezeichnen. Die passendere – und vor allem ehrlichere – Bezeichnung indessen wäre „trostlos“. Zumindest funktioniert alles, denn die diejährige Popkomm erweist sich als gnadenlos effizient. Zeit und Muße für einen spontanen, unverbindlichen Schnack bleibt da kaum. Wer im Vorfeld keinen Termin gemacht hat, hat schlicht und ergreifend Pech gehabt. Dafür allerdings hätte es auch gereicht, die große Halle zu buchen und Freibier auszuschenken – das bisschen Drumherum interessiert hier sowieso keinen.

Auch der Stand der H’Art-Vertriebes, der im Vorjahr noch eine stattliche Fläche einnahm, ist erheblich geschrumpft. Bier getrunken wird dort indessen noch immer, die H’Art-CDs allerdings gehütet wie der eigene Augapfel. Wo mir voriges Jahr noch mehr CDs aufgenötigt wurden, als ich tragen konnte – darunter die wunderbare Mystefé me, My Heart Belongs to Cecilia Winter und Chill’n’Michael, die ich alle gern rezensiert habe, höre ich dieses Jahr gleich von drei Mitarbeitern: „Unsere CDs sind aber keine Promo-Exemplare.“ Ist ja schon gut, ich wollte auch nur mal gucken. Viel Neues sehe ich ohnehin nicht. Eine Acid-Jazz-Compilation weckt meine Aufmerksamkeit, aber nicht einmal das aus-dem-Regal-Holen der CD und Lesen der Rückseite ist gern gesehen.

Ein weiteres Cover spricht mich an, denn es verspricht schummerige Stunden irgendwo zwischen Luxushotellaken und Jazzspelunke: Gaslight von fDeluxe. Was das denn für Musik sein, möchte ich wissen. Genau diese eine CD habe er nicht gehört, bedauert der zuständige H’Art-Mitarbeiter. Dem Label zufolge aber etwas Smooth-Jazziges. Ob ich mal hineinhören könne? Leider gäbe es keine Hörstationen. Wo ich die CD denn hören könne? Ich solle doch auf Amazon.de gehen. Wahrscheinlich sprach mein Blick Bände, jedenfalls habe ich das kostbare und nicht zu vergebene Stück schlussendlich doch ausgehändigt bekommen, um es zu Hause in Ruhe zu hören. Das erleichtert die Arbeit des Klangverführers, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, seine Leser kontinuierlich mit guter Musik zu versorgen, dann doch ungemein.

Allerdings stellt diese unerwartete Freigiebigkeit vor ein neues Dilemma, denn die CD ist nett anzuhören, ich möchte sie den Klangblog-Lesern gern ans Herz legen. Immerhin trifft sich auf Gaslight Rock mit Funk mit Jazz mit Club – smooth ist daran zwar so gar nichts, dafür ist das Ganze sehr tanzbar. Wie eine Transformation von Acid Jazz in die 2010er-Jahre. Ein bisschen Brand New Heavies, ein bisschen Cultured Pearls, nur weniger Lounge und dafür mehr Bebop. Nikka Costa mit mehr Bläsern. Und Prince schaut auch mehr als einmal um die Ecke. Sehr cool: Track fünf, @8. Das Dilemma an der Sache? Das Album ist nicht überall erhältlich; wer es haben möchte, solle sich doch ebenfalls vertrauensvoll an Amazon wenden – dort sei „die Chance noch am höchsten“, lässt der H’Art-Mitarbeiter wissen. Auch ein seltsames Geschäftsmodell für einen Vertrieb: Mit Musik auf eine Messe zu gehen, die nicht überall zu haben ist.

Dann lieber doch wieder zu den Länderbüros. Bei den Ösis – Claim: Austria sounds great! – gibt es Salami mit Chilligeschmack, die Argentinier haben mit dem Bajafondo-Tangoclub feinsten Electro-Tango im Gepäck – leider habe ich den schon 2003 in Buenos Aires entdeckt, und ich mag kaum glauben, dass sich seitdem nichts Spektakuläres in Sachen bonarenser Clubszene getan hat. Die vertretungsweise gebriefte Hostess weiß auch nicht wirklich viel darüber, der Standinhaber ist nicht aufzutreiben. Sie preist noch die Showcases von Tremor („a fusion between Argentine folkloric music and digital production“) und Mati Zundel („different styles of Latin American folklore from Argentine chacareras and vidalas all the way to Peruvian huaynos and Mexican sonideros“) an. Och nö. Die definitiv schönste Standdeko hat Tallinn mit einer Kopfhörerelchmama samt Babyelch.

Für weniger rührselige Naturen hält Tallinn aber auch eine ganze Kühlbox  Saku bereit; und gleich daneben hat Heineken eine grüne Lounge aufgebaut.

Der Gemeinschaftsstand der PopAkademie Baden-Württembrg und der Stadt Mannheim hat wieder mal den schönsten Claim. War es im Vorjahr „Wenn Popstar, dann mit Abschluss“, ist es diesmal ein plakatives „Wir hassen Musik“. Wer genau hinsieht, kann aber den Zusatz „wenn sie aus ist“ entdecken.

Zudem beweist man mit dem popakademie mixtape no. 01, das Künstler wie Abby, Reich und Schön oder Alina Wichmann featured, dass es auf der Popkomm sehr wohl frische neue Musik zu entdecken gibt. Und es ist definitiv symptomatisch für die Branche, wenn Studenten bzw. Jung-Absolventen dank Marie & The Redcats mit So Many Birds das schönste Lied der Popkomm machen.

Ansonsten findet die Musik auch dieses Jahr außerhalb der Popkomm statt, ob mit Berlin Music Week oder Berlin Festival. Wenn man die Musik dann aber erst einmal aufgespürt hat, lässt sich festhalten: Alles wird besser.

Indessen ändert dies nichts an den hinlänglich bekannten Herausforderungen, denen sich die Musikindustrie stellen muss, wenn sie nicht endgültig von den Entwicklungen, die bislang ohne sie stattfinden, überrollt werden möchte. Die Titel der Keynotes, Panels und Workshops sprechen da Bände. „How to do digital marketing“, fragt man sich dort, oder „What is the future of music online?“, nur um am Schluss zu resignieren: „Why they will not even steal your music any more!“ Die Branche singt auch dieses Jahr wieder ihren eigenen Schwanengesang.

Davon morgen mehr. Ich muss mir jetzt erst einmal ein vernünftiges Essen kochen. Sie als fleißiger Klangblog-Leser können alldieweil zwei dieser hübschen Popkomm 2011-Taschen abstauben. Schreiben Sie einfach eine Mail an kontakt@klangverfuehrer.de

1. November 2010

Weihnachtliche Gassihauer:
Mal wieder Hundemusik zu gewinnen

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 13:32

Regenprasseln, Grillenzirpen, Walfischgesang – alles Schnee von gestern! Der trendbewusste Naturklanghörer lauscht in der (Vor-)Weihnachtszeit Hund. Aber nicht irgendeinem. Nein, der erste Hundechor Deutschlands, genannt Die Kleinen Wölfe, muss es schon sein.

Spitz Lucky, Pudel Elli, Rehpinscher Strolch, Labrador Max, Schäferhund Tom und Tibet Terrier Sam haben sich auf ihrer CD Spectaculum des traditionellen Weihnachtsliedgutes angenommen. Ob Leise rieselt der Schnee, Kling Glöckchen oder O Tannenbaum – die Kleinen Wölfe bellen, knurren und heulen, was die Kehle hergibt. Okay, so ganz ohne menschliche Unterstützung ging das natürlich nicht. Die Idee kam von Monika Knuth, die das Dauergekläffe ihres Vierbeiners in Bahnen lenken wollte, die nicht in eine Nachbarschaftsklage münden. Arrangiert und produziert wurde das Album dann von Alexander Muschalle, Michel Ackermann und Stefan Pick, der auch Gitarre und Bass beisteuert.

Reinhören? Bitte sehr: Spectaculum_-_Demo

Wer Spectaculum jetzt unter den Weihnachtsbaum legen möchte, kann das sogar für lau – denn Klangverführer hat ein Exemplar zu vergeben. Was Sie dafür tun müssen? Schreiben Sie uns einfach den Grund, weshalb Sie, genau Sie und nur Sie diese CD unbedingt haben müssen, hierher. Der aus Hundesicht plausiblelste wird von Kopfhörerhund ausgewählt und im Klangblog veröffentlicht. Einsendeschluss ist der 3. Dezember 2010.

1. Juni 2010

Eine kleine Hundemusik

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , — VSz | Klangverführer @ 15:07

Liebserklärung an einen Dachshund

Stevens schrieb I Love My Dog über einen ausgesetzten Dackel, den er
als Jugendlicher an einem Pfahl angebunden gefunden, mit nach Hause genommen und aufgepäppelt hatte. Als Produzent Mike Hurst den erst 18-jährigen Musiker das Lied performen hörte, beorderte er ihn auf der Stelle ins Studio und nahm ihn professionell auf. I Love My Dog wurde am 30. September 1966 als Cat Stevens’ erste Single veröffentlichet. Zunächst gespielt von den Piraten-Radiostationen Englands, sorgte die 2 Minuten und 26 Sekunden kurze Nummer für den Beginn einer Weltkarriere: Stevens unterschrieb bei Dream, einem Decca-Imprint, und I Love My Dog wurde innerhalb von nur drei Monaten zum internationalen Hit. Später sollte der Sänger/Songwriter zugeben, dass die Melodie stark von Yusef Lateefs Plum Blossom inspiriert war.

I love my dog as much as I love you
But you may fade, my dog will always come through.

All he asks from me is the food to give him strength
All he ever needs is love and that he knows he’ll get

So, I love my dog as much as I love you
But you may fade, my dog will always come through.

All the pay I need comes shining through his eyes
I don’t need no cold water to make me realize that

I love my dog as much as I love you
But you may fade, my dog will always come through.

Na, na, na, na, na, na, nana…

I love my dog as much as I love you
But you may fade, my dog will always come through.

Na, na, na, na, na, na, nana…

I love my dog, Baby, I love my dog. Na, na, na…
I love my dog, Baby, I love my dog. Na, na, na…

Gar nicht niedlich: Tierversuche

Weniger hübsch, aber dafür wahr und wichtig – ja, auch das kann Popmusik leisten, wenngleich sie in diesem Falle im Gewande Hamburger Punkrocks
der Achtzigerjahre daherkommt -, ist das schlicht mit Hund betitelte Lied der Band Angeschissen (später Dackelblut, Blumen am Arsch der Hölle, Kommando Sonnenmilch), das einen sehr bitteren Text hat:

„Mein Hund raucht Zigaretten, das hab ich in der Zeitung geseh’n, er raucht mit einigen Hunden und darf dabei auch noch stehen. Er raucht für so ne Anstalt, er raucht für Kosmetika, er raucht für Farben und Lacke, geprüft von Menschenhand …“

Funk Dog

Und dann wäre da noch Atomic Dog von George Clinton. Der Song stammt von Clintons 1982er-Album Computer Games und erreichte, nachdem er von den Radiostationen aus politischen Gründen lange boykottiert wurde, schließlich den Spitzenplatz der US R&B-Charts – übrigens als letzte Single des P-Funk Collectives, der diese Ehre vergönnt sein sollte. Später wurde Atomic Dog, und deshalb haben wir uns für eine Pramierung entschieden, von zahlreichen Künstlern gesampelt und hat so seinerseits weitere Musik möglich gemacht, u.a. von 2 Pac (Holler If Ya Hear Me), Blackstreet (Bootie Call), Digital Underground (Doowutchyalike, Bran New Swetta, Good Thing We’re Rappin), Ice Cube (Ghetto Bird, A Man’s Best Friend, 2 N Tha Mornin), Ice-T (Funky Gripsta), Nas (American Way), Pitbull (Girls), Public Enemy (Pollywanacraka), PM Dawn (Comatose), Redman (Process of Elimination, Slide and Rock on, Watch Yo Nuggets, Winicumuhround), Scarface (Diary of a Madman) oder – und hier schließt sich ein Kreis – Snoop Dogg (Who Am I? [What’s My Name?]).

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