9. September 2011

Im Auftrag Ihrer Majestät, der Musik, oder: Alles wird besser. Popkomm 2011, Tag 2

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Die Stimmung ist verkatert. Das liegt nicht an der Nordic Bar, sondern an der allgemeinen Trostlosigkeit. Am lustigsten ist es noch im Press Room, der eine schulische PC-Kabinett-Atmosphäre verströmt. Und so benehmen sich die Kollegen auch wie bei einer Schulstunde, wo „freies Arbeiten“ ohne Aufsicht auf dem Plan steht. Man zeigt sich gegenseitig seine Messefotos, tauscht Frustrationen und Lästereien aus. Neben dem eigentlich keinerlei weiteren Worte bedürfenden Niedergang der Branche, der hier nur allzu greifbar ist, natürlich auch über die Popkomm-Presseausweise, die jedes Jahr größer zu werden scheinen. Irgendwie kommt man sich damit vor wie ein Erstklässler, der sein Schülerticket weithin sichtbar um den Hals trägt. Im nächsten Jahr laufen wir wahrscheinlich alle mit Badges im A4-Format herum.

Auch bei den Ausstellern macht sich ein zunehmender Leerstand breit; die einzig relevante Frage ist eigentlich nur noch die, welchen Showcase man am Abend besucht. Auf das Lamentieren in den Panels hat ohnehin so niemand recht Lust. Allzu offensichtlich umkreisen sie thematisch die Ratlosigkeit der Musikindustrie angesichts eines sich verselbstständigten Hörer- bzw. Musikkonsumentenverhaltens.“Huch“, scheint sich die Branche zu erschrecken, „da passieren ja Dinge ohne uns. Ohgottogottogott, und was jetzt?!?“

Ich nutze den Tag zur Arbeit im Press Room – ich liebe diesen OS X Mac (Version 10.6.4) mit seinem 3.06 GHz Intel Core Duo Prozessor und seinem 4 GB 1067 MHz RAm Speicher. Meine Eltern haben genau den gleichen, und manchmal verlege ich komplette Arbeitstage kurzentschlossen zu ihnen, einfach, weil das Äpfelchen so schön und so schnell ist … Ist schon ein schönes Spielzeug; wobei mir siedend heiß wieder einfällt, dass ich ja genau in dem Moment vom Mac auf PC umgestiegen bin, als auch Nicht-Grafiker mit einem Mal begannen, den Mac als bessere Schreibmaschine zu verwenden und sich wahnsinnig cool dabei vorkamen, den leuchtenden Apfel auf der Rückseite ihres Computers herumzuzeigen. Aber heimlich schön finde ich ihn doch.

Nach einem Tag voller Geschreibe und Bilderhochgelade habe ich kurz vor Toresschluss noch eine sehr angenehme Begegnung mit Hörakustiker Claus Zapletal. Der präsentiert mit den Fabs nämlich individuell angepasste In-Ear-Headphones, die nicht nur durch ihr 2-Wege-System bestechen, sondern vor allem durch die komplette Abschirmung aller Außengeräusche – das heißt, selbst unter Lärmschutzbedingungen ist es möglich, leiser – und besser – mit ihnen Musik zu hören. Ich stelle mich für einen Test zur Verfügung. Die maßangefertigte Abschirmung wird auf der Messe mit Silikon demonstriert – allein, ich habe zu kleine Ohren dafür, sodass die Stöpsel nicht so tief im Ohr sitzen, wie sie sollten. Dennoch ist das Ohr nach kurzer Zeit vollkommen abgeschlossen, die Umgebung nach weniger als einer Minute komplett ausgeblendet, die Menschen inklusive Dipl.-Ing. Zapletal führen auf einmal sehr schöne Pantomimen um mich herum auf. Das Schönste aber, was mir nach diesem lauten Messetag passieren konnte, ist die entspannende Testmusik. Ich höre Cannonball Adderly mit Autumn Leaves und Miles Davis. Das besänftigt sehr. Und dann kommt James Blake. Wow, bei 24 Bit und 192 kHZ habe ich Limit To Your Love wirklich noch nie gehört! Die Qualität der Fabs zu beurteilen, ist wohl eher Sache der fairaudio-Jungs, sie wird aber verglichen mit dem AKG 1000-er On Ear – und den kenne ich, den habe ich zu Hause herumzuhängen.

Die Fabs wurden ursprünglich für vielreisende Geschäftsleute konzipiert, die auch unterwegs nicht auf den von Zuhause gewohnten HighEnd-HiFi-Klang verzichten wollten. HiFi to go, sozusagen. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass immer mehr Musiker sie auf der Bühne einsetzen, da die Fabs einerseits auf Lärmschutzniveau abschotten und andererseits dennoch einen qualitativ hochwertigen Monitor bieten, der eine leisere Einstellung erlaubt als herkömmliche Monitore. Leider eignen sie sich nicht für meine Zwecke, denn ich höre portable Musik auf dem Fahhrad – und mit den Fabs sollten nicht einmal Fußgänger am Straßenverkehr teilnehmen.

Ganz besonders angetan hat es mir auch das Gerätelchen in Zigarrenkistenoptik, auf dem die Musik spielt: der Colorfly, der ebenfalls unter die Überschrift „HiFi to go“ fallen könnte. Ein portabler HiFi-Player mit 192KHz/24Bit – was aber auch heißt, dass die audiophilen .flac-Dateien mittels foobar 2000 erst einmal wieder in .wavs gewandelt werden müssen, denn bei .flacs macht der Colorfly die Grätsche.

Bis auf diese etwas umständliche Bestückung mit Musik ist er aber ein Spielzeug, in das ich mich an Ort und Stelle verliebt habe. Falls Sie noch nichts zu Weihnachten für mich haben …

Relaxed mache ich mich auf den Weg zum letzten Programmpunkt des Tages, dem Tel Aviver Showcase im Grünen Salon. Wenn man den ganzen Tag auf der Messe verbracht hat, fällt einem erst draußen auf, was für ein eigener Mikrokosmos so eine Messe eigentlich ist, abgeschottet wie ein Raumschiff, wo einem das Gefühl für Zeit und Wetter komplett verloren geht. Leider hat sich der Beginn der gesamten Show verzögert, sodass ich dann doch noch in den Genuss des Auftrittes von Mary Ochers experimental theatrical Punk komme, den ich – klug geworden durch ähnliche Veranstaltungen – eigentlich bewusst verpassen wollte. Naja, habe ich meine Punk Royal-Jacke wenigstens nicht umsonst angezogen. Ansonsten wird es dank Marys Auftritt Zeit für den ersten Drink der Popkomm, wovon ich bislang aufgrund von Erkältungsnachwehen wohlweislich Abstand genommen habe.

Dann, endlich, kommen The Raw Men Empire, eine „Weird Folk“-Formation, die als „charming lo-fi“ und „Pop Dylan“-artig angekündigt sind. Meine Erwartungen jedenfalls sind hoch; und allein ihnen beim Aufbau – ein T-Shirt-gedämpftes Schlagzeug! eine Ukulele! und allerlei anderes Spaßgeschnassel! – zuzusehen, lässt sie noch weiter steigen. Dies scheint auch für das so unberechenbare Berliner Publikum zu gelten, denn Flashmob-artig ist es voll im Grünen Salon. Und dann spielen sie. Nein, The Raw Men Empire sind nicht King Oliver’s Revolver. Aber dafür, was sie machen, sind sie sehr sehr lustig – und haben einen wirklich unglaublichen Schlagzeuger, den man glatt entführen müsste.


Lassen Sie sich nicht einlullen. Warten Sie Minute 3:38 ab …

Spätestens mit Song Nummer vier – Israeli Women are the best-looking Women in the World – haben Tsvika Frosh (lyrics, music, vocals, guitar, flute), Yonatan Miller (guitar, vocals, smile), Nadav Lazar (bass, glockenspiel, percussion, guitar, melodica, programming, vocals) und Itai Kaufman (beatbox, percussion, bass, melodica, vocals) die Berliner endgültig überzeugt.

Kaufen Sie die EP – Sie bekommen sie zum Beispiel auf www.myspace.com/therawmenempire oder therawmenempire.bandcamp.com

22. Dezember 2010

Buddha bei die Fische
― ein Klangverführer-Erfahrungsbericht ―

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So, jetzt ist sie also da, meine Néocéa Sound Machine. Seit letztem Wochenende wohnt sie bei mir. Kam in einer matt glänzenden Verpackung in lavendellila an. Darin ein ebenfalls lavendellilafarbenes Säckchen, und dann – voilà! – war sie auch schon ausgepackt. Glücklicherweise hatte ich in Zeiten von wiederaufladbaren Akkus auch noch irgendwo zwei brauchbare AA-Batterien herumzuliegen. Und gestresst war ich ohnehin – irgendwie versucht gerade jeder, sein noch verbliebenes Jahresbudget schnell auszugeben, und zwar am besten in meinem Büro, aber über zu viel Arbeit werde ich mich wohl nicht beschweren! dennoch erschöpft sie mich am Ende des Tages –, das Experiment konnte also beginnen.

Die Bedienung der Buddha Machine ist intuitiv. Es gibt zwei Regler, von denen einer dem An- und Ausschalten sowie der Lautstärkenregulierung dient, der zweite steuert den Pitch, sprich die Tonhöhe. An der Seite gibt es noch einen Knopf, mit welchem man zwischen den acht verschiedenen Tonspuren hin- und herschalten kann, wobei das nicht ganz richtig ist, man kann damit nur die jeweils nächste Spur anwählen, ein Zurückschalten ist nicht möglich. Außerdem verfügt meine Néocéa Sound Machine über eine – wie sich später herausstellen wird: nutzlose – Öffnung zum Einstöpseln von Kopfhörern und eine Kontrolllampe, die rot leuchtet, wenn das Gerätelchen in Betrieb ist.

Auf der Vorderseite dominiert ein im puristisch gehaltenen (und nicht von ungefähr an den ersten iPod erinnernden) Design der Lautsprecher. Womit wir auch schon direkt beim Thema wären: die Tonausgabe! Auch wenn der Lautstärkeregler ein recht hohes Volumen hergibt, fängt es bei ungefähr der Hälfte der vollen Lautstärke an zu kratzen und schnarren, wie man es von schlechten Handylautsprechern oder den in einen PC eingebauten Laptop-Speakers kennt. Möchte man also den vom Hersteller beworbenen Effekt erreichen, den Klang „wie ein Parfum im Raum [zu] verteilen“, funktioniert das nicht. Bei geringer Lautstärke hingegen ist die Soundqualität annehmbar bis angenehm. Dazu muss einem das Maschinchen allerdings direkt zugewandt sein. Das geht beispielsweise auf dem Schreibtisch gut, und weshalb auch nicht auf dem Nachttisch? Letzteres habe ich allerdings noch nicht ausprobiert.

Ausprobiert habe ich den Sound hingegen am Schreibtisch. Sowohl allein zu Haus als auch im Mehrpersonenbüro. Bei letzterem lohnt sich der Einsatz der Buddha Machine nicht, da die qualitativ erträgliche (also recht leise) Lautstärke von jedem Gespräch mühelos übertönt wird. Hintergrundbeschallung nimmt man so nicht mehr wahr. Allein am Schreibtisch jedoch ist es sehr schön und entspannend mit der Néocéa Sound Machine. Also habe ich mir gedacht, wie schön und entspannend muss es erst sein, wenn ich sie mir mit in die übervollen, unregelmäßig fahrenden Bahnen nehme, wo mich schlechtgelaunte und dichtgedrängte Menschen erwarten? Leider gab es da ein Problem: Obwohl ich sehr – und als passionierter MP3-Hörer meine ich sehr – gute Kopfhörerstöpsel besitze, war die Soundqualität egal auf welchem Lautstärkelevel noch schlimmer als ohne Kopfhörer bei voller Lautstärke. Es hat geknistert und geraschelt und gerauscht, aber ich rede hier nicht von einem angenehmen vinylartigen Knistern, sondern eher von einem überlagernden Störgeräusch. Ähnliches habe ich nur im Zusammenhang mit kaputten Kopfhörern gehört. Da diese aber an allen anderen Anschlüssen, ob PC, MP3-Player o.ä., perfekt funktionieren, fürchte ich, es liegt an dem Kopfhörereinstöpselloch – wenn jemand hierfür den Fachterminus kennt: immer her damit – am Buddha Player. Das ist insofern ärgerlich, da ich den „Wellness to Go“-Effekt als ein ganz wesentliches Merkmal des Geräts angesehen habe.

Nun ja. Steht das Maschinchen also treu auf meinem Schreibtisch. Dort leistet es gute Dienste. Zwei bis drei der neun low-fi Soundschleifen gehen mir zwar ziemlich auf den Geist, die anderen jedoch sind okay. Manche sogar richtiggehend schön. Gern würde ich schreiben, welche, aber – Hauptärgernis Nummer zwei – es gibt kein Soundspurverzeichnis. Nicht einmal eine Nummerierung. Und da ich mich beim besten Willen nicht daran erinnerte, welche Spur ab Werk als Soundspur eins eingestellt war, kann ich nicht einmal selbst Nummern vergeben. Insofern müssen Sie mir einfach glauben, dass einige der Soundspuren schön sind. Bei zwei bis drei weiteren nervt die ständige Wiederholung der sehr kurzen Sequenzen nach gewisser Zeit, und statt Entspannung stellt sich dann Aggression ein – ähnlich der beim Ertragen eines permanent tropfenden Wasserhahns. Die zwei bis drei restlichen Klangschleifen aber sind großartig. Zumindest funktionieren sie bei mir. Eine habe ich vorgestern einen ganzen Nachmittag lang gespielt. Im Gegensatz zu herkömmlicher Musik, die mich als Hintergrundbeschallung beim Arbeiten stört, da vom Denken ablenkt, hatte ich das Gefühl, dass sich durch die Buddha-Sounds meine Gedanken eher fokussieren und meine Konzentration wächst. Was dann allerdings etwas spooky war: Nachdem ich den Buddha Player längst ausgestellt hatte, hallte die Schleife noch stundenlang in meinem Kopf wieder – so, als würde er tatsächlich noch spielen. Ein bisschen wie ein Tinnitus villeicht: man hört etwas, was de facto gar nicht erklingt. Das ging übrigens die ganze Nacht lang so und verschwand erst, als mir ein zufällig aufgeschnapptes Weihnachtslied einen neuen Ohrwurm bescherte.

Bei den Soundschleifen handelt es sich übrigens ursprünglich um eine spirituelle Unterstützung des gläubigen Buddhisten, dem unabhängig von seinem Aufenthaltsort ermöglicht werden soll, andächtig seine Sutren zu beten, ohne dass er auf die gewohnte Geräuschkulisse verzichten muss. Uns Westlern tun die meditativen Töne unter bestimmten Voraussetzungen einfach wohl.

 

Kopfhörerhund meint: So so, den Raum klanglich parfümieren – ist schon klar. Für schicken Raumklang, der auch noch gut aussieht, habe ich andere Empfehlungen – vielleicht auch als last minute-Geschenkidee?

Hier geht es zu den Hundelautsprecherempfehlungen von Kopfhörerhund.

30. November 2010

Wider den Weihnachtsstress: Wellness to go

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Den ersten Advent und somit den ersten in einer Reihe von einkaufsoffenen Sonntagen haben wir dieses Wochenende hinter uns gebracht. Tüten- und paketbepackt rennen Familien durch die Gegend, als gäbe es morgen nichts mehr zu kaufen. Bling bling machen nicht nur die pompös geschmückten Einkaufsmeilen, sondern auch die Kassen. Und selbst, wenn man sich dem Geschenke-Wahn entzieht (oder schon im August anfängt, einen kleinen Geschenkevorrat anzulegen, oder ganz bequem per Internet bestellt, um sich dem Geschiebe und Gewürge nicht aussetzen zu müssen), gibt es zum Jahresende hin eine Million Dinge, die erledigt werden wollen. Kunden trachten noch danach, ihre letzten Schäflein ins Trockene zu bringen. Wofür monatelang die Briefings fehlten, das muss plötzlich am besten schon gestern fertig sein. Dann wäre da noch die unbedeutende Kleinigkeit, dass ich zum ersten Mal in meiner eigenen Wohnung das Fest ausrichte – bislang war ich immer bequemer Gast. Nicht ganz unerheblich vielleicht auch, dass über die Festtage ein ebenso junger wie wilder Weimaraner bei uns gastiert, der, vorsichtig ausgedrückt, etwas grobmotorisch veranlagt ist. Die Wohnung muss familiengerecht aufgeräumt und junghundegerecht gesichert werden. Ganz zu schweigen von dem CD-Stapel, der im Vorfeld besprochen werden möchte, damit die Redaktion auch über die Jahreswende immer schöne frische Artikel zur Verfügung hat. Kurz gesagt: Ich hab Stress. Und ich bin nicht die Einzige.

Jedenfalls stieß ich neulich während eines Streifzuges durch die virtuellen Welten bei Daniel Jouvance, einem meiner liebsten Kosmetikversender (ich sage nur: das Körperöl Aquamondi Maroc! die Duftkerze Aquamondi India, mit der ich mich in jedem Hotelzimmer dieser Welt wie Zuhause fühle!), unter der Rubrik „für eine sinnliche Atmosphäre“ auf ein Gerätelchen, dass sich hier Néocéa Sound Machine nennt, aber ursprünglich als Buddha Player, Buddha Box oder Buddha Machine bekannt ist. Hierbei handelt es sich um eine kleine elektronische Spielerei im iPod-Format, die nach dem Vorbild buddhistischer Gebetsmühlen entspannende Sounds to go verspricht. Entwickelt und auf Konzerten erprobt wurde die originale Buddha Machine vom sino-europäischen Künstler-Duo FM3.

Die für Jouvance geschaffene Néocéa spielt exklusive, in Südfrankreich aufgenommene Endlosschleifen mit ebenso beruhigenden wie hypnotischen Meditations-Klängen. Auf Knopfdruck hat der Entspannungsbedürftige die Wahl zwischen neun verschiedenen Klangteppichen, die sich laut Hersteller „wie ein Parfum im Raum verteilen“ sollen. Ob was dran ist an Entspannung auf Knopfdruck? Und warum kann man nicht einfach eine Entspannungs-CD einlegen? Irgendwie gefällt mir das Maschinchen. Ich habe es bestellt und werde berichten …

P.S.: Mit meiner Bestellung ist die Néocéa Sound Machine ausverkauft. Zumindest ist sie auf der Seite nicht mehr zu finden.

12. September 2010

Der Popkomm neue Kleider: Über eine Musikmesse, die alles anders machen möchte als bisher

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Das geht ja schon mal wieder gut los. Statt der angekündigten 10:00 Uhr öffnet der Presse-Akkreditierungs-Counter kurz vor elf. Die wartende Journaille, die über die Gründe der Verzögerung zu informieren man erst auf Nachfrage für nötig befindet, wird lapidar mit „technische Probleme“ beschieden. Als es endlich los geht, stellen wir allesamt fest, am falschen Counter gewartet zu haben. Dieser war nur für das Berlin Festival, nicht für die Popkomm. Zwar kommt man mit Popkomm-Badge auf das Berlin Festival, umgekehrt jedoch nicht. Weshalb dann ausgerechnet dieser Counter mit großen Presse-Akkreditierungs-Schild vor dem Eingang aufgebaut ist, bleibt ein Geheimnis. Meine Kollegen und ich fragen uns durch zur Popkomm-Akkreditierung, und einmal gefunden – was so einfach nicht ist, da jeder Security-Mensch seine eigene Vorstellung davon hat –, räumt die Popkomm-Presseverantwortliche sekundenschnell und unbürokratisch letzte Hindernisse, geschuldet einer geistig etwas schwerfälligen Hostess, aus dem Weg. Da kann man nicht meckern, würde der Berliner sagen, wenn man sich erstmal zur Presseverantwortlichen vorgearbeitet hat, ist die Betreuung vorzüglich. Das Chaos bezüglich des Was-ist-wo? bleibt allerdings. Garderobe? Weiß niemand. Auch am dritten Messetag nicht. Jazzkomm? Keine Ahnung, man solle einfach mal auf den Plan schauen. Ich spreche mit Mitarbeitern und Ausstellern, und alle halten die neue Location im ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof für, gelinde ausgedrückt, „unglücklich“ gewählt. Niemand versteht das Gelände, die Wege sind lang, eine Ausstellerin vertraute mir an, sie habe es gesehen und spontan „Oh Gott“ gedacht. Wo der Eingang zum Fachbesucherbereich ist, wird nur im Trial-and-Error-Prinzip klar.


Die Location mit ihrem 30er-Jahre-Charme ist erst einmal gewöhnungsbedürftig.

Endlich drin, treffe ich sogleich auf den Wettbewerb, wie man neuerdings so schön formuliert. Früher hätte man gesagt: die Konkurrenz. Ronson Jonson, ebenfalls Musikwissenschaftler, ebenfalls Autor bei einem Hifi-Magazin und obendrein auch noch Musiker, der – und hier kommt jetzt doch ein Fünkchen Neid auf – im Gegensatz zu mir auch aktiv ist. Er drückt mir seine letzte Produktion in die Hand: Natascha Leonie, Forget Humble. Die CD der Frankfurter Indie-Folk-Sängerin/Songwriterin mit Hang zur Melancholie hat ein hübsches Artwork, ich bin gespannt, ob sie hält, was es verspricht. Beim Hören zu Hause soll sich das Album über „Leben und Lieben und Verlassen und Verlassenwerden“ als ganz zauberhaft erweisen und, das wird sich viel später herausstellen, zudem als eines der besten, die ich von der Popkomm mitgenommen habe.

Bei der Fortsetzung meines Streifzuges stoße ich auf Ulrich Sourisseau, den Macher des Vinylrecorders T-560 – einem Gerät, welches es ermöglicht, eigene Schallplatten in Kleinst- oder gar Einzelauflage ganz ohne Presswerk herzustellen, sprich: zu schneiden. Ein speziell beschichteter Diamantschneidestichel fräst tiefe Rillen in eine sich in Abspielgeschwindigkeit drehende Leerplatte, indem er von Spulen, an denen das verstärkte Mono- oder Stereosignal anliegt, vertikal bzw. horizontal zur Plattenoberfläche bewegt wird. Das Besondere am T-560 nun aber ist die um 45 Grad gedrehte horizontale wie auch vertikale Modulation, die ein Stereosignal in einer einzigen Rille ermöglicht – die Piktogramme hier veranschaulichen den Vorgang besser als ich ihn beschreiben kann! Warmen Vinylsound verspricht das Ergebnis. Dann zeigt mir einer der beiden seinen ganzen Stolz, den Vakuumabsauger, der dafür sorgt, den aus der Rille herausgeschnittenen Span gleichzeitig mit dem Schneidevorgang zu entfernen.

Auf Sourisseaus Webpräsenz www.vinylrecorder.com gibt es neben anschaulichen Infos rund um den T-560 sogar so etwas wie Elektroakustikpoesie, beispielsweise eine Art Haiku zum Tod des Stichels:

    Der Stichel stirbt langsam,
    Jede Schallplatte ein wenig!
    Die Geräusche werden lauter,
    die Höhen schwächer!

In einschlägigen DJ-Foren jedenfalls wird intensiv über Sinn oder Unsinn des T-560 debattiert. Fakt ist, dass mit ihm bislang unbezahlbare Dubplate Schneidemaschinen erschwinglich werden. Fakt ist aber auch, dass der Vorgang des Schallplatteschneidens nicht vergleichbar ist mit mal eben eine CD brennen – zu abhängig ist er von Peripherie und nicht zuletzt audiotechnischem Vorwissen – da kann es sein, dass man gute zehn Leerplatten verbrät, bevor man endlich die richtigen Einstellungen gefunden hat. Aber dann! Anschauen kann man sich die ganze Sache hier.


Vor dem VUT-Stand wird auch schon mal lebhaft diskutiert.

Wer sich dann doch lieber auf ein Kleinstauflagenpresswerk verlassen möchte, wird schräg gegenüber fündig – beim Gemeinschaftsstand des VUT, des Verbandes unabhängiger Musikunternehmen, dessen einem oder anderen Mitglied ich schon im Frühjahr bei der (Pop Up über den Weg gelaufen bin. Hier gibt es nicht nur wieder die Rohmasse Vinyl in allen Farben des Regenbogens zu bewundern, sondern auch die ziemlich martialisch anmutende Goldene Indie-Axt, mit der demnächst eine Person geehrt werden soll, die „die für den ideellen, kulturellen und/oder den wirtschaftlichen Erfolg der unabhängigen Musikunternehmen mutigen, unkonventionellen und wirksamen Einsatz gezeigt hat“. Auf der Popkomm ist der VUT unter dem Motto „Independent Business Class” mit 64 Musikunternehmen aus ganz Deutschland vertreten, unter anderem alte Bekannte wie PIAS Germany oder Uwe Kerkau Promotion, und natürlich gibt es neben Informationen zum deutschen Independent Markt auch wieder eine Vinylproduktionsstraße, anhand derer Björn Bieber vom Vinylduplicationunternehmen Flight 13 erklärt, wie das „schwarze Gold“ der Musikindustrie von der Rohmasse zur fertigen Schallplatte wird.

Ein Schwerpunkt liegt auf Musikunternehmen aus Berlin und Brandenburg, und so verwundert es nicht, dass ich am Stand der Tonkooperative auch hier so manchen Bekannten der (Pop Up wiedertreffe, wie beispielsweise Eastblok Music mit ihren Balkan Grooves, die – was lange währt, wird gut – jetzt aber wirklich in der kommenden Ausgabe von Victoriah’s Music besprochen werden (sollen). Neben dem ebenso engagierten wie sympathischen VUT wird Deutschland auf der Popkomm von einem Stand Baden-Württembergs vertreten, der beweist, dass man im Ländle Wert auf eine solide Ausbildung legt. Mit dem Slogan Wenn schon Popstar, dann mit Abschluss wirbt das „Bundesland der Superlative“ für die Mannheimer Pop-Akademie, wo sich ein Bachelor in Studiengängen wie Musikbusiness oder Popmusikdesign (Claim: „Musikalisches Talent entwickeln, Kreativität wecken, Potenzial beschleunigen“) erwerben lässt. Bezeichnenderweise ist dies der größte Stand der ganzen Messe.

Gleich neben den deutschen Ständen finden sich unsere unmittelbaren Nachbarn, die Österreicher und Schweizer. Wo mir die ersten einen allzu kommerziellen Sampler bereit zu halten scheinen – wo sind so großartige Österreichische Musiker wie beispielsweise die Wiener Tschuschenkappelle, wo Electric Poetry & Lo-Fi Cookies? –, kann die Schweiz mit vier Compilations aufwarten, darunter jazz. made in switzerland. selection 2009/2010, die zu meiner großen Freude auch den Track It’s a Sonic Life von Rusconi featuret. Ich komme mit dem netten Schweizer Repräsentanten ins Gespräch, und er empfiehlt mir eine Art Schweizer My Space, welches sich als wahre Fundgrube in Sachen Schweizer Musikszene im Allgemeinen und Jazz im Besonderen erweisen soll: www.mx3.ch.

Was ansonsten von dem Trend zu halten ist, dass die verschiedenen Länder – allen voran die Nordlichter, neben Kanada die Iren, Dänemark, Schweden und natürlich Norwegen und Finnland – ihre staatlich subventionierten Musikexportbüros auf die Messe schicken … darüber soll lieber geschwiegen werden. Auch Südafrika, durch die WM dieses Jahr ein Must, ist mit einer „Collection of South African Songs“ vertreten. Ich denke Vuvuzela und mache mich aus dem Staub. Vielleicht bin ich ignorant, aber ich halte es für ohnehin nur schwerlich vorstellbar, dass die in den Büros zur Förderung des Musikexportes ausgewählte Musik wirklich dem Neuen, Überraschenden oder gar dem ein oder anderen Geheimtipp des jeweiligen Landes gerecht werden kann. Experimentelles? Fehlanzeige! Kein Wunder, dass viele Länderrepräsentanten im persönlichen Gespräch mehr als auf ihre Musiksampler verschämt auf einschlägige Internetadressen verweisen, wo man dann die „wirklich gute“ Musik findet. Und so lebt der Export dann auch eher von Mundpropaganda und Myspace als vom Musikexportbüro. Doch das nur am Rande.

Einen der beiden Seitengänge, die den Besucher nach Durchquerung eines schier unendlich langen Flughafenflurs in Form einer T-Gabelung erwarten, habe ich abgelaufen und kann eine aufkommendes Gefühl der Enttäuschung über das Angebot der Popkomm nicht unterdrücken. Deshalb die Stunde Anstehen am Morgen? Na, ich weiß nicht. Zufällig schnappe ich dann im Vorbeigehen auf, wie ein junger Mann und eine Frau einem Popkomm-Mitarbeiter die richtige Aussprache eines ungarischen Wortes nahebringen wollen. Es stellt sich heraus, dass es sich um den 1980 in Ungarn geborenen, aber in Deutschland aufgewachsenen Chansonnier Ivan und seine Managerin handelt. Der junge Barde versucht, enttäuscht von seinem Vaterland („Ungarn sprechen keine Sprachen“) von Berlin aus im europäischen Musikmarkt Fuß zu fassen. Seine für die Popkomm zusammengestellte 5-Track-Promo-EP beeindruckt dann auch zunächst durch eine demonstrative Multilingualität. Ivan singt auf ungarisch, englisch, spanisch, französisch, die Musik bleibt aber trotz eines Édith Piaf Covers sehr im Euro-Beat-Bereich mit überladenen Backgroundchören und Plastikschlagzeug verhaftet, genau so wie das mit Meer und Sonnenuntergang kein Klischee auslassende Video. Leider hört man für meine Begriffe den gelernten Musical- bzw. Operettensänger allzu deutlich durch, in der Eurovision Song Contest Ecke könnte jemand wie Ivan allerdings funktionieren – zudem der Sänger neben seinem weichen lyrischen Tenor über ein äußerst ansprechendes Äußeres verfügt. Wenn Berlin ihm jetzt noch ein paar Ecken und Kanten verpasst – und welcher Zuzügler ist davon je verschont geblieben? –, dann könnte das etwas werden. Allerdings eher auf der Musiktheater- denn der Rock-Bühne. Und das ist durchaus legitim, schließlich hat bei uns ein Alexander Klaws seine musikalische Heimat auch im Musical gefunden. Zwei Tage später bemerke ich allerdings, dass mir die weiter oben bemängelten Chöre von Új vágy ébred bennem nicht mehr aus dem Kopf gehen, dessen englische Übersetzung A new day is dawning es nur sinngemäß trifft – wortwörtlich genommen bedeutet der Titel soviel wie „ein neues Verlangen erwacht in mir“, und hierzulande denkt man dann natürlich an das ach-so-feurige Gulasch-Paprika-Csárdás-Puszta-Klischee, an gefährlich-edle Hunnen, halbwilde Reiterhirten oder glutäugige Zigeuner. Sorry, aber für irgendetwas muss so ein Hungarologie-Studium ja gut sein! Also, Ivan erweist sich am Ende des Tages als formidalbler Ohrwurm, obwohl er so ganz und gar nicht „meine“ Musik macht.

Mittlerweile bin ich vom Laufen, Hören und Reden schlicht platt. Ich brauche eine Pause und vor allem neue Energie. Die wird auch hier bevorzugt durch veganes bzw. organisches Essen geliefert – das war ja schon auf der (Pop Up so und bestätigt wieder einmal die These des Musikers als ziemlich heiklem Esser. (Wer einen wirklich heiklen Esser erleben möchte, ist herzlich eingeladen, sich einmal Kopfhörerhund anzuschauen: der ist das, was man einen „Futtermäkler“ nennt und treibt mich damit regelmäßig an den Rand des Wahnsinns, aber das nur nebenbei.)


Völkerverständigung der besonderen Art: Jamaikanische Gemüse-Reis-Pfanne trifft
auf bayuwarische Bierzelt-Tischdecke. Und ja, das schmeckt bedeutend besser als es aussieht.

Frisch gestärkt widme ich mich dem zweiten Gang der T-Gabelung, der mit Ausstellern aus der privaten Musikwirtschaft aufwartet. Universal Music beispielsweise ist dort. Machen indessen tun sie nichts. Sie sind einfach nur da. Allerdings hat man vom ganz in blau gehaltenen Universal-Stand einen hübschen Ausblick auf das Rollfeld. Der Blick ins Schaufenster des H’Art-Standes ist auch hübsch und lässt mich schmunzeln. Die Compliation-Reihe Chill n’ X (also Chill n’ Flamenco, Chill n’ Jazz, Chill n’ Lounge etc.) wurde um Chill n’ Michael – ein “Chill Out Tribute to Michael Jackson” ergänzt. Die nette Dame von H’Art versichert mir auf meine zaghaft hervorgebrachten Zweifel, dass das Konzept aufgehe und „keine Blasphemie“ sei. Zu Hause stellt sich heraus, dass sie Recht behalten soll. Schon der erste Track, eine Neueinspielung von Thriller durch Jingo feat. Lafemme, funktioniert. Ebenso Billie Jean von Hypnomusic. Großartig ist das schon fast ins Reggae-artige verschleppte Wanna Be Startin’ Somethin’ von Funky Rhythm Affair, die klar machen, dass hier gar nichts gestartet, sondern erst einmal gepflegt abgehangen wird! Heal The World, einer der wenigen Jackson-Tracks, die ich schon in der Originalversion nicht mag, hätte meiner Meinung nach nicht sein müssen – schon das weltverbesserische Thema eignet sich nicht zum Loungen. Ansonsten aber bin ich von dem Album sehr angetan. Auf Chill n’ Michael will man Michael Jackson nicht covern – was ja auch zwangsläufig schief gehen müsste! –, sondern seine Musik ins Chill-Out-Idiom übersetzen, was sie klingen lässt wie eine neue Platte von Sade. Laszive Frauenstimmen singen Jacksons Kompositionen in Zeitlupentempo – das ist tatsächlich schön.

Neben der Chill n’ X und Bossa n’ X (also Bossa n‘ Stones, Bossa n‘ Roses, Bossa n‘ Ramones, Bossa n‘ Marley etc.) habe ich den H’Art-Vertrieb bislang vor allem für seine Beginner’s Guide To-Serie geschätzt. Der Beginner’s Guide To Eastern Europe beispielsweise bietet – ganz im Gegensatz zu den Zusammenstellungen der Länderbüros – einen wirklich guten und fundierten Querschnitt durch Balkan Club, Balkan Brass & Gypsy wie Eastern Rock&Fusion – ein idealer Ausgangspunkt für alle, die vorhaben, sich in das Genre zu vertiefen. Ich selbst habe damals den Beginner’s Guide to Tango zum Ausgangpunkt meiner Recherchen genommen, als ich zu der rioplatensischen Musik gefunden hatte. Tango gibt es bei H’Art auch jetzt noch, nur diesmal in Form eines „essenziellen Samplers“, der auch vor der Elektronisierung des Genres nicht die Augen verschließt und so auch neben klassisch agierenden Tango-Orchestern und -Sängern einiges an Electrotango bereit hält.


Am H’Art-Stand gibt es CDs, CDs, CDs … ach ja, und Dosenbier!

Wirklich überrascht bin ich allerdings, dass der Vertrieb auch Solokünstler bzw. Bands jenseits der hundertsten Remastering-Serie im Programm hat. Beispielsweise Joyce, allerdings nicht mit der jüngst erschienenen Slow Music, sondern mit einer Kollaboration mit einem meiner Lieblingskünstler, Bugge Wesseltoft (Ja, der Herr am Norwegen-Stand hat mir beigebracht, den Vornamen auszusprechen. Und ich habe es schon wieder vergessen.) Oder das Zürcher Trio My Heart Belongs To Cecilia Winter, das sich in den letzten zwei Jahren den Ruf als „die neuen Arcade Fire“ erspielen konnte. Oder eine deutsch-kanadische Jazzsängerin namens Mystéfy, die man mir mit besonderem Nachdruck ans Herz bzw. Ohr legte. Ihr Showcase im Rahmen der Jazzkomm am Vorabend hatte ich leider verpasst, und als ich das Album zu Hause zum ersten Mal hörte, dachte ich, sehr schön, aber nichts Besonderes, live hingegen bestimmt ganz zauberhaft. Aber je öfter ich es hörte, desto mehr zog es mich in seinen Bann. Schließlich wurde Mystéfy Me zum Soundtrack einr durcharbeiteten Nacht – bislang leistete mir in diesen Fällen stets Buster Williams’ Griot Liberté zuverlässige Dienste –, und ich bin überzeugt, dass es keinen besseren hätte geben können. Zu später Stunde entfaltet dieses Album, was anfänglich sehr nach Standards und tausendmal gehört klingt, seine ganz spezielle Mystik. Endlich ein Stand, wo es das gab, weshalb ich hierher gekommen bin: gute neue Musik.

Enttäuschung und Verzweiflung weichen nahezu vollständig, als ich – jenseits der Fachbesucherzone, gewissermaßen auf der Empore der Haupthalle – die kleinen feinen Jazz-Stände entdecke, namentlich jene vom Jazz-NuJazz-Lounge-Electro-Label Ozella Music, das bei Jazz-Heads mit Künstlern wie Karl Segem, Randi Tytingvåg oder dem Helge Lien Trio reüssiert, dem breiteren Publikum aber eher durch Produktionen wie Henschkeschlotts Café Thiossane, dem „Kind of Blue der Lounge Generation“ oder seine The Sound-Reihe bekannt sein dürfte. Ich habe die Möglichkeit, mit Labelgründer Dagobert Böhm ins Gespräch zu kommen und freue mich darauf, in den kommenden Ausgaben von Victoriah’s Music einige seiner Kleinode zu besprechen. Ozella teilt sich den Stand mit dem Verein Jazz&World Partners, der jedes Jahr die kleine, aber sehr feine Compilation Hörvergnügen (nicht zu verwechseln mit Schöner Hören vom Kultur Spiegel) herausgibt. Verbindendes Element ist Randi Tytingvåg, die sich auf dem diesjährigen Sampler findet. Aber auch sonst gibt es im siebten Jahrgang Musik(er) jenseits des Mainstreams zu entdecken. Besondern gut gefällt mir diesmal Daniel Stelter, der mit seinen Homebrew Songs eine „Gitarrenplatte der anderen Art“ vorgelegt hat und dessen hier zu hörender Track Flutter groovt wie nichts Gutes – ebenso wie die Circles des Samuel Jersak Trios, eine klassische Soulnummer à la Anita Baker mit Debby Van Dooren an den Vocals. Der Klezmer’s Freilach von Ausnahmegeigerin Martina Eisenreich kommt in seinem aberwitzigen Tempo einem Ritt durch Paganinis Capricen gleich, James „Blood“ Ulmer überzeugt mit kompromisslosem, zeitgenössischen Blues. Oder gefällt mir am Ende doch The Gaze vom Tord Gustavsen Ensemble am besten, was auf leisen semi-orientalischen Sohlen heranschleicht? Es gibt in jedem Falle viel zu entdecken, und selbst Liebhaber von Außereuropäischem, Progressivem oder Free Jazzigem werden mit Hörvergnügen 7 auf ihre Kosten kommen.


Ozella bringt seine Schätzchen auch auf Vinyl heraus. Ganz groß: Edgar Knecht mit Good Morning Lilofee, wo urdeutsches Liedgut einer jazzigen Frischzellenkur unterzogen wird.

Vernachlässigt man mal den Stand der Russen, die mit einer vermeintlich an die gute alte Zarenzeit gemahnenden Schnörkelmöbeleinrichtung und vorgeschaltetem Video mit zwei Silikon-Blondinen à la Donatella Versace und einem Belusconi-Verschnitt – recht eigentlich handelt es sich um das TV-Projet Moscow Star – schon so sehr nach postsozialistischem Hinterzimmergeklüngel aussehen, dass ich mich gar nicht hinein traue, bietet die Empore nur Highlights für die Nujazz-Fraktion: Ich entdecke nämlich den Stand der Holländer und ihr Dutch NuJazz Movement, außerdem das kammermusikalisch anmutende Berliner Duo Piadeux, bestehend aus Silva Finger an der Violine und Gerhard A. Schiewe am Akkordeon, das seine musikalische Verwandtschaft zu Piazolla nicht verhehlen kann. Jepp, hier oben sind ganz klar „meine“ Stände, hier bin ich richtig.


Klangtapete mal anders

Zum Schluss schaue ich in der Haupthalle des Flughafens noch bei tape.tv und den Merchandisern von Trashmark vorbei, und lasse den Messetag bei einem DJ-Set vor der Musikbox, einer Art von der Berliner Clubcommission organisiertem interaktiven Club in der Box, ausklingen. Der amtierende DJ spielt eine housige Version von Sexual Healing, und gerade, als ich mich frage, wer denn da auflegt, fällt einem Musikboxmitarbeiter auf, dass ja, oh Schreck, ein falscher Name im Hintergrund prangt. Und so werde ich Zeugin eines lustigen DJ-wechsel-dich-Spiels:


Huch, dass ist ja gar nicht SQIM …


… fällt einem Mitarbeiter auf!


Wenn man aber das „M“ stehen lässt …


… kommt DJ &ME schneller zu seinem richtigen Namenszug an der Wand!

So ein Messetag hat es immer in sich – weshalb tut man sich das eigentlich an? Die Kataloge und CDs in meinen Taschen werden nicht leichter, meine Füße sind platt und kurzzeitig spiele ich mit dem Gedanken, die vor Ort angebotene Shiatsu-Massage in Anspruch zu nehmen, entscheide mich aber dann ob der Länge (20 Minuten) doch dagegen. Tütenbepackt mache ich mich auf den Heimweg. Und jetzt, auf dem Weg nach draußen, sehe ich auch die Garderobe.


Da Kopfhörerhund erst später abgeholt wird, muss solange seine Ziehtochter, Rottweiler Lieselotte, beschmust werden.

Apropos Kopfhörerhund: Im Gegensatz zur (Pop Up halten sich die musikalischen Hunde auf der Popkomm bis auf Simon White’s White Dog Media Ltd mit dem selbstformulierten Anspruch, „der Body Shop der Musikindustrie“ zu werden, sowie einer Ozella-CD, die nach Auskunft des Label-CEOs „groovt wie Hund“, eher bedeckt. Dafür gibt es einige zwischenmenschliche Begegnungen, die einem schon fast wieder den Glauben an die Musikindustrie zurückgeben können – bezeichnenderweise gehen diese Impulse eher seltener von den Multis und den staatlichen Einrichtungen aus, sondern wie gehabt von jener handvoll Enthusiasten, die trotz aller widrigen Umstände ihre Ideale hochhalten, an eine kompromisslose Musik glauben und ihren Traum nicht aufgeben. Dafür gebührt ihnen allen Respekt und Dank.


Und so sieht das dann aus, wenn man frisch von der Messe kommt. Das muss jetzt alles nur noch gehört und verarbeitet werden … Von den Highlights, die ich sicherlich darunter finden werde, lesen Sie zuverlässig in Victoriah’s Music auf fairaudio.de

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