2. Mai 2021

Sind nicht alle Platten Abschiedsplatten? Anette von Eichel im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 09:22

Das Bedürfnis, sich ganz zu zeigen, Steinlawinen, die im Vagen lassen, ob sie auf ehemalige Geliebte herniedergehen oder doch nicht, die Gnade der Nichtbenennung – wer mit Anette von Eichel über ihr neues Album Inner Tide spricht, gräbt tief in der Introspektion, die auch den Frager nicht außen vor lässt, und fördert dabei so manch schillerndes Vexierstück zu Tage.

Ich durfte mit der Sängerin, Texterin, Komponistin und Produzentin für die Mai/Juni-Ausgabe des Jazzthetik Magazins über im Sinne des Jazz befreite Songs, blaubartische Wendungen und tilleulenspiegelige Endungen sprechen. Hier das Gespräch im Volltext.

Anette von Eichel in der Mai/Juni-Ausgabe des Jazzthetik Magazins

VSz: Dein neues Album heißt „Inner Tide“, und tatsächlich gibt es da ja so einiges an innerem Aufruhr zu hören …

AvE: Ja.

… fast entsprechend der Phasen, wie man sie durchlebt, wenn eine Liebe zu Ende gegangen ist. Ist das die Idee dahinter?

Interessant, dass du das fragst, weil ich glaube, dass sich die Texte auf Liebesbeziehungen beziehen lassen, auf jeden Fall, aber auch auf Beziehungen von uns zu uns selbst. Und das finde ich total spannend: Dass man, wenn man über die Beziehung zu anderen schreibt, auch immer über sich selbst schreibt, aus dem eigenen Blickwinkel. Die Idee dahinter ist, dass ich einen inneren Garten habe und darin ja auch alle meine Teile vertreten sind, also sowohl die schönen wie auch die unschöneren Teile, die sind alle in meinem Garten drin. Und von daher lassen sich die Texte, glaube ich, unterschiedlich lesen.

Gestern hat mich zum Beispiel jemand angerufen und „Merry-Go-Round“ – wo ich singe Let us give it no name – mit der Bibel verbunden. Und zwar mit dem Ersten Gebot, dass man sich kein Bild von Gott machen soll und dass die Idee dahinter ja wäre, dass, wenn du den Dingen einen Namen gibst, sie in ein Bild formst. Und das stimmt! Aber das war eben so eine Parallele, die ich überhaupt gar nicht gezogen hatte.

Und umgekehrt gilt das genauso: Manche Dinge werden erst dadurch gebannt, dass du sie benennen kannst. Unbestimmte Ängste zum Beispiel. Das Ungeheuer ist gebannt, sobald es einen Namen hat.

Das ist richtig.

Vielleicht auch so ein bisschen wie bei Rumpelstilzchen: Ach wie gut, dass niemand weiß. Und sobald der Name erraten ist, verschwindet es auf Nimmerwiedersehen. Dingen einen Namen zu geben kann also auch etwas Positives sein. Nicht wie beim Göttlichen, dem man durch den Namen ein Bild geben und es dadurch profanieren würde, sondern wenn man einen Namen für etwas hat, das man fürchtet: dann fürchtet man es nicht mehr so sehr.

Auch das würde mit Bezug auf das Stück passen. Weil es die Geschichte einer Beziehung ist, wo der Vorschlag gemacht wird: Lass sie uns instandhalten, indem wir sie nicht benennen. Aber vielleicht ist es ja gar keine so positive Beziehung und man würde sie im Sinne von Rumpelstilzchen entlarven, gäbe man ihr einen Namen. Und das stimmt auch! Klasse, oder? Ich bin immer total froh – und auch ein bisschen stolz –, wenn Leute mir erzählen, was sie zu meinen Texten denken und wenn das ein bisschen anders ist oder ein bisschen einen anderen Dreh nimmt als das, was ich mir ursprünglich gedacht habe. Weil ich finde: Eine gute Geschichte kann unterschiedliche Gesichter haben.

Und manchmal auch ein Eigenleben entwickeln, dass sie zum Schluss eine ganz andere Bedeutung bekommt als jene, die man ihr ursprünglich zugedacht hat. Bist du einer jener Schreiber, die gern darüber sprechen, was sie sich ursprünglich gedacht haben oder hältst du es lieber mit denen, die sagen, wenn das Kunstwerk erst einmal in der Welt ist, spricht es für sich und jeder soll sich seine eigene Interpretation davon, seine eigenen Gedanken dazu machen?

Das zweite. Absolut. Das finde ich auch so spannend. Ich möchte gar nicht … Ich finde es einfach so schön, dass wir mit Kunst und Musik die Menschen anregen können zum Denken. Und ich möchte nicht vorgeben, was die Leute denken. Ich find’s auch gar nicht … Ich freu mich immer total, wenn Leute meine Musik mögen und darauf stehen und Spaß haben dabei. Und wenn Leute sagen, das ist mir unbequem – zum Beispiel kriege ich öfter zu hören, dass ich ein sehr spezielles Timbre habe, und das finden nicht alle einfach –, das finde ich auch okay, darüber freue ich mich auch. Ich finde, Kunst soll uns dazu bringen, dass wir uns öffnen und dass wir unsere Gedanken öffnen. Und das geht in viele Richtungen.

Wobei: Klar, man merkt gleich beim allerersten Akkord der Platte, Achtung, das hier ist Jazz-Jazz, aber er löst die Drohung des Anstrengenden ja nicht ein; im Gegenteil! „Angenehm“ ist sicherlich das falsche Wort, aber er ist total inspirierend, anregend und wohltuend – und du hast, wie ich finde, ein sehr beruhigendes Timbre, von dem man sich gern in seine Geschichten ziehen lässt. Und wenn man sich erst einmal darüber hinaus, was so manchem am Jazz so sperrig erscheint, darauf einlässt, dann ist das doch ganz wunderbar!

Ich finde, gerade das Anregende ist das Interessante. Ich glaube, bei der neuen Platte … also, ich seh mich selbst zwar wirklich als Jazzsängerin, aber ich glaube, bei der neuen Platte ist das Spannende, dass die Lieder auf der einen Seite etwas sehr Songhaftes haben …

Pop, eigentlich!

Ja. Voll! Das finde ich auch bei Joni Mitchell total inspirierend: wie sie ihre Musik ihren Texten folgen lässt. Und das war hier auch meine Idee. Ich habe zuerst die Texte und dann die Songs geschrieben – und ich wollte wirklich, dass die Musik verkörpert, was die Texte für mich verkörpern. Das ist die eine Seite der Platte. Und die andere, finde ich, ist, dass wir das dann als Band im Sinne des Jazz befreien. Es bleibt nicht nur bei den Songs, die einfach schön sind, sondern es macht dann einfach nochmal wusch!

Ja, das stimmt. Aber natürlich stehen schon die Geschichten, die Geschichtenlieder ganz klar im Mittelpunkt der Platte.

Ja.

Im Livestream-Konzert aus dem Kölner Stadtgarten vor ein paar Tagen hast du gesagt, das Besondere an dieser Platte sei zudem, dass du zum ersten Mal alles allein gemacht hättest. Kannst du das ein bisschen näher erläutern?

Ja. Ich habe zwar auf allen meinen Alben Stücke von mir gehabt – und auch besonders viele Texte, denn ich habe viele Stücke von Kolleginnen und Kollegen vertextet … Was für eine süße Tasse! (Off-topic: VSz hat im Videobild gerade eine Herzchentasse zum Mund gehoben, prostet AvE damit noch einmal zu und beide lachen jetzt erstmal.) Aber ich wollte jetzt bei dem neuen Album … Ich habe vor etwa drei Jahren angefangen, daran zu arbeiten. Vor dreieinhalb Jahren. Und ich hatte diese Sammlung von Texten, mit denen ich etwas machen wollte. Und dann hab ich gedacht: Lass ich die jetzt von tollen Kolleginnen und Kollegen vertonen, so, wie ich das in der Vergangenheit auch zum Teil gemacht habe? Doch dann dachte ich plötzlich: Nee. Nee, nee. Ich improvisiere total gern, und Improvisation ist ja eigentlich Komposition on the spot, ich hab dann gedacht, nee, jetzt will ich das alles von vorne bis hinten selbst machen, das soll wirklich nur ich sein.

Es ist auch das erste Album von mir, wo ich geradeaus in die Kamera gucke. Weil ich finde … Wir haben, ich weiß nicht, vielleicht kommen wir da im Gespräch dahinter … Ich bin jetzt an dem Punkt, wo ich mich wirklich ganz geradeaus zeigen möchte. Meine Plattencover davor sind auch unheimlich schön, aber da gucke ich verträumt nach links oben oder kokett nach rechts unten … Ich weiß nicht, vielleicht haben wir in unserer Gesellschaft so eine Art Tabu, uns ganz direkt zu zeigen. Und ich hatte das Bedürfnis, mich zu zeigen. Das sollte einfach von vorn bis hinten von mir sein. In Komposition, in Text, in der Reihenfolge auf der Platte und eben auch im Coverfoto von vorn.

Vielleicht auch … „sich nicht verstecken“ ist die falsche Wortwahl … aber: das Bedürfnis haben, sich nicht nur komplett zu erkennen geben, sondern auch erkennen zu lassen. Erkannt zu werden.

Ja. Ich steh auch auf Auseinandersetzungen. Auf konstruktive, offene Auseinandersetzungen. Und ich finde auch, mich mit meiner Innerlichkeit – also diesem inneren Garten, dieser Inner Tide – zu konfrontieren, erfordert auch Mut. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Und damit so geradeaus rauszugehen, das war für mich einfach jetzt genau der richtige Moment. Ich glaube, vorher hätte ich damit auch noch gar nicht richtig umgehen können.

Angeregt durch den Lockdown auch, wo man ohnehin so ein bisschen auf sich zurückgeworfen ist und dazu neigt, mehr als sonst Introspektion zu betreiben? Wobei, du sagtest ja, es ist schon dreieinhalb Jahre her, seit du mit der Platte angefangen hast … Also einfach auch angeregt durch das gelebte Leben, das sich im Laufe der Jahre so ansammelt?

Ja, ich glaube, angeregt durch das gelebte Leben trifft es gut. Ich war lange im Ausland, habe zwölf Jahre in den Niederlanden gelebt, und ich hab jetzt zwei Kinder, die zwölf und fünfzehn Jahre alt sind. Ich glaube, ich komm jetzt einfach in die Phase meines Frauseins, wo ich recht mittig bin. Wo ich ganz gut weiß, was ich kann, und ganz gut weiß, was ich will – und mir auch nicht mehr so viel erzählen lasse. Und das klingt jetzt vielleicht aggressiver, als ich es meine. Ich habe einfach das Gefühl, diese neue Phase in meinem Leben ist noch einmal unheimlich produktiv: Gewisse Dinge sind fertig, und das gibt jetzt wieder Raum für ganz neue Aspekte.

Das kann ich auch persönlich ganz gut nachvollziehen – wie ohnehin vieles auf der Platte oder zumindest, wie ich es verstehe.

Ja, wie schön! Ich find auch deine Webseite so klasse: Klangverführer!

Dankeschön.

Was für ein cooler Titel!

Der Name ist tatsächlich einmal in einem Branding-Workshop entstanden, wo man sich ein Wochenende lang eingeschlossen hat, um einen Markennamen zu finden. Als ich mit Klangverführer herauskam, war mir gar nicht bewusst, dass es damals schon den Sonic Seducer für die Gothic Szene gab. Ich war also nicht besonders originell. Glücklicherweise übersetzt Wikipedia ihn mit „Schallverführer“. (beide lachen) Aber nochmal zu deinem Konzert im Stadtgarten: Da hattest du auch einen Song gespielt, der nicht auf dem Album ist, „The Bridge“.

Ja, genau!

Und du sagtest dazu so etwas wie: Manchmal braucht es die Antwort nicht, um die Frage zu lösen. Das fand ich total spannend. Was genau meinst du damit?

Ich glaube, und da zähle ich mich selbst auch dazu, dass man eine Frage gestellt bekommt, und dann überlegt man sich eine Antwort. Diese beiden Menschen im Song treffen sich an irgendeiner Küste oder irgendeinem Strand, und sie schauen übers Wasser und sehen dort etwas, das sie mögen. Und dann überlegen sie. Also, die Frage ist: Wie kommen wir dahin? Und die Antwort, die sie sich geben, ist: Wir bauen eine Brücke. Aber das scheitert ja. In dem Moment, wo sie anfangen, die Brücke zu bauen, merken sie, dass das überhaupt nicht funktioniert. Und das frustriert sie total! Und was auch passiert, ist, dass sie anfangen, ihr Ziel in Frage zu stellen. Dass sie glauben, weil es nicht funktioniert, diese Antwort zu konzipieren, wäre auch das Ziel, wo die Antwort hinführen soll, Quatsch.

Dass sie also sagen, wir wollen, wir müssen da ja eigentlich gar nicht hin.

Die Lösung am Schluss ist: Sie haben das Gefühl, es ist eigentlich wie bei Sisyphos. Der eine ist Sisyphos und der andere ist der Stein, und sie kugeln sich dauernd den Berg hoch und rollen wieder runter, bis sie zu einem Zaubertrick greifen und sagen, wir verwandeln den Stein erst in einen Ball und dann verwandeln wir den Ball in einen Ballon und dann hängen wir uns da dran und fliegen einfach rüber. Und ich glaube, dass wir ganz oft in diese Situation kommen, dass wir … na, wir lernen irgendwie: zwei plus zwei ist vier. Aber das muss ja gar nicht unbedingt stimmen. Also, wenn ich zum Beispiel zwei plus zwei Eier in eine Schüssel kloppe und die dann durchrühre, habe ich keine vier Eier. Das ist dann ein Ganzes. Und es gibt da ja so viele unterschiedliche Antworten! Ich hab mal ein tolles Buch gelesen, vielleicht kennst du das, „Der Rabbi hat immer recht“. Kennst du das Buch?

Nein, ich fürchte nicht.

Das ist ein Wahnsinnsbuch! Da geht es genau um diese Idee, dass im Judentum – und gerade im Judentum, weil es so viel Verfolgung und Bedrängung gab – eine Kultur entstanden ist, wo man genau drauf achtet, was man für Antworten gibt. Wenn ich meine Tochter losschicke, und ich geb ihr zwei Euro mit, und dann kommt sie wieder und hat drei, dann kann ich ja vermuten, sie hat einen geklaut, oder sie hat einen geschenkt bekommen oder gefunden. Es kann aber auch sein, dass sie etwas für zwei Euro gekauft und das dann für drei Euro wieder verkauft hat, das weiß man ja nicht! Ich glaube, es ist ganz schnell so, dass wir von der Frage zur Antwort springen, basierend auf einer Vermutung, und dann mit der Antwort natürlich scheitern. Darum dreht sich das.

Was du mit den Eiern auch sagst: dass das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile.

Ja! Ja, und das nicht immer die Antwort, die uns gleich anspringt, die richtige sein muss.

Ja, das stimmt. Ist das Lied von einem deiner früheren Alben oder gehört es zu dem Inner Tide-Zyklus, hat es aber nicht auf die Platte geschafft?

Nee, das ist jetzt erst ganz neu entstanden. Für unser Arbeiten schreibe ich weiter, und da hatte ich zwei Stücke fertig, aber bei dem zweiten konnte ich den Text noch nicht auswendig. Deswegen habe ich dann gesagt, nee, dann mache ich das nicht. Weil: Ich will immer auswendig singen.

Verstehe. Kommen wir mal zu den Stücken auf dem Album zurück. Da gibt es diesen verheißungsvollen „Secret Garden“, in dem man sich selbst verlieren – und auch wiederfinden – kann, und dann gibt’s auf „All We Need“ all die Dinge, die wir im Leben brauchen, vom Apfelbaum über die Zahnbürste zum Mechaniker und natürlich den Rausschmeißer vom Stadtgarten-Konzert, „Merry-Go-Round“, über den wir zu Beginn schon sprachen und wo es heißt: „let’s not give it a name“. Du hast gesagt, es geht hier darum, einer Verbindung zwischen zwei Menschen keine Definition überzustülpen und, wenn ich dich vorhin richtig verstanden habe, einer nicht ganz so gesunden Verbindung.

Oh, ich glaube, das lässt sich auf … Das ist jetzt der Anlass für das Stück, aber der Gedanke dahinter ist: Wir sind ja so schnell damit beschäftigt … Wir sehen irgendwas, und dann überlegen wir, in welches Schublädchen das bei uns passt – und dann haben wir das in dem Schublädchen und denken nicht mehr drüber nach. Und dieses „let us give it no name“ ist eigentlich die Idee davon, es überhaupt nicht in Schublädchen zu tun und es dadurch nicht klein zu machen, indem wir, etwa auf Beziehungen übertragen, sagen, das ist jetzt eine Freundschaft oder das ist eine Liebesbeziehung oder das ist der Mensch fürs Leben. Ich kann mir da ja lauter Korsette überlegen. Die Idee hinter dem Stück ist, genau das nicht zu tun. Und was mir jetzt gerade klargeworden ist, als du vorhin meintest, bei Ängsten ist es ganz gut, wenn man sie benennt – so hatte ich das noch gar nicht gedacht, aber das stimmt auch. Dann würde es bedeuten, dass man eigentlich dadurch, dass man einer Beziehung keinen Namen gibt, sie am Leben erhält, obwohl sie vielleicht gar nicht so …

Ah ja, das war der Punkt, der auf das Negative abzielte.

Genau, obwohl es vielleicht gar nicht so gut ist. Ich habe jetzt das Studiovideo zu „All We Need“ veröffentlicht, und einer hat da jetzt als Kommentar dazugeschrieben: Bravo! How about decision? (lacht) Da habe ich gedacht: Ja, stimmt!

Mir ist das mit den Zuschreibungen neulich tatsächlich passiert, dass jemand angefangen hat, mir Projektionen – oder, wie du es nennst: Korsette – überzustülpen und mich entsprechend zu behandeln, obwohl die überhaupt nichts mit mir zu tun hatten.

Ja!

Und ich dachte nur, das ist eine ganz seltsame Sache, die hier passiert. Da muss man wirklich sehr vorsichtig sein, ob man irgendwem reflexartig Dinge überstülpt, von denen man annimmt, dass sie so sind, oder ob man nicht viel eher genau hingucken sollte, wieviel hat das jetzt mit mir zu tun und wieviel mit ihm. Denn irgendwann wird derjenige genau zu dem Korsett, das er übergestülpt bekommt. Das ist das Gefährliche daran. Sag jemandem oft genug, was er ist, und er wird es.

Ja. Ich weiß nicht, wie’s dir geht, aber ich hab auch oft das Gefühl, wenn Menschen miteinander reden, dann erzählen sie über sich selber. Es ist gar nicht immer automatisch so, dass Menschen sich dann auch austauschen. Das passiert mir auch manchmal, dass ich dann in so einem Gespräch bin und denke, wieso? Was hat das jetzt mit mir zu tun?

Das heißt, du fühlst dich in der Situation zum Stichwortgeber für einen Monolog reduziert?

Ich glaube, das passiert jedem. Dass man dann merkt, jetzt geht das Gespräch eigentlich nicht mehr über uns. Sondern du möchtest mir jetzt was mitteilen, was wichtig für dich ist. Und das kann ich dann ja auch versuchen zu hören und zu verstehen, aber es muss tatsächlich nicht unbedingt etwas mit mir zu haben.

Die Corona-Zeit hat dazu geführt, dass sich mein Album unheimlich zeitverzögert hat. Eigentlich wollten wir im April aufnehmen, und im September sollte das Ganze erscheinen. Und dann konnten wir im April nicht aufnehmen wegen Corona, also hab ich für Mai geplant. Und dann konnten wir im Mai nicht aufnehmen wegen Corona, und dann hab ich für Juni geplant. Und dann wurde Ende Mai klar, dass wir im Juni nicht aufnehmen können, und ich hab gedacht, es kommt überhaupt nicht mehr auf die Welt. Da war ich ein paar Tage lang wirklich sehr niedergeschlagen.

Es ist ja auch extrem unschön, etwas Unabgeschlossenes mit sich herumzutragen!

Ja. Gerade, wenn es so wichtig ist wie dieses Album für mich. Und dann haben wir im Juli dieses Zeitfenster gehabt, wo es dann klappte, und dann war auch klar, dass das funktioniert, aber die Platte ist eben dadurch ein halbes Jahr später erschienen als geplant, sie wurde vier Monate später aufgenommen … Es hat sich halt alles sehr verzögert. Und das ist eigentlich interessant, weil gerade auch diese retrospektiven Aspekte der Platte in die Corona-Zeit total reinpassen.

Retro-, aber vor allem auch introspektive Aspekte, finde ich. Ich höre das Album als eine komplette Introspektion.

Ja, ich glaube, das stimmt auch. Das ist auch wahr.

Und dann gibt es noch „Fallen“, eines meiner Lieblingsstücke. Ich möchte dir gern vorlesen, was ich dazu gestern Nacht notiert habe: Fallen. Eine ganze Welt in einem Wort. Gefallen. Was wäre (gewesen), wenn ich gefallen, dir verfallen wäre? Wäre ich zerfallen? Machen wir uns nichts vor: Fallen ist toll. Die Kontrolle abgeben, völlig. Sich dem Fall ins Unbekannte überlassen. Klar, das geht nur, wenn Vertrauen da ist. War es wohl hier – auf dem Lied – nicht. Aber manchmal möchte man Round Midnight dessenungeachtet über your touches, your kisses, then sinking back again reminiszieren. Übler als fehlendes Vertrauen wie hier ist nur, wenn es da war, dann plötzlich aber nicht mehr, wie du sagst: I’m alone now deep in your forest. Und dann die Einsicht “All the women that ever were yours – and me”. Möchtest du dazu etwas sagen?

Ja. Der Text kam wirklich so in einem Fluss raus. Und: Das ist ja nicht passiert. Weil es am Anfang ja heißt: If I had fallen for you, then … Das Ich war so schlau, das nicht zu machen. Weil das Ich irgendwie gespürt hat: Ich kann nicht vertrauen. Aber das Ich war total verführt, es zu tun, total verführt! Und es war soviel Vertrauen da, dass das Ich durchaus mit diesem Du in den Wald reingegangen wäre. Und ich liebe den Wald, muss ich dazusagen. Ich bin wirklich voll der Waldmensch. Und ich wäre tatsächlich auch wahnsinnig gerne mitgegangen. In diesen Wald, denn Wahnsinn, der ist ja so schön! Da ist alles grün, ganz moosig, da gibt es Farne, und die hohen Bäume erst … Ich stelle mir hier einen Buchenwald vor, wo sich das Licht so bricht, das finde ich wunderschön. Ja, ich glaube, in dem Text … der hat ja dann diese blaubartische Wendung, dass dieses Du so ein Verführer ist, der mit allen eigentlich das Gleiche macht, egal, wie nah sie ihm stehen, mit allen Frauen: Diese Erkenntnis, dass das, was für das Ich so besonders war, letztendlich gar nichts Besonderes ist, weil: Das Du macht das halt. Mit den Frauen, die ihn umgeben, an die es herankommt. Und ich glaube, diese Erleichterung, dass das Ich sich nicht dafür entschieden hat … aber gleichzeitig auch die Idee der Symbiose mit dem Geliebten, die ja unheimlich verführerisch ist und in unserer Gesellschaft ja auch unheimlich romantisiert wird … Die meisten romantischen Hollywoodenden sind ja symbiotische Enden … Und ich meine, es ist ja auch eine Riesensymbiose, wenn du dann plötzlich Teil von so einem Wald bist! Das Ich wird ja in gewisser Weise auch durch die Situation aufgefangen. Weil: Du kommst ja quasi an. In diesem Wald. Aber halt nur in dieser einen Rolle. Das ist die einzige Möglichkeit, und da kommst du auch nicht mehr raus.

Du sagtest ja, das Ich war so schlau, es nicht zu tun – aber stellt sich hier nicht vor allem die Frage, was stärker wiegt: Die Freude darüber, dass das Ich so schlau war, oder die leichte Wehmut über die verpasste Chance? Denn wenn das Ich dem nachgegeben hätte – zum Verführen gehört ja nicht nur der Verführer, sondern auch der, der sich bereitwillig und gern verführen lässt –, wiegt diese Erfahrung letzten Endes nicht mehr? Will man zum Schluss nicht sagen: Hätte ich mich doch nur verführen und fallen gelassen und alles, was das nach sich zieht, dafür in Kauf genommen? Einfach für diese symbiotische Erfahrung, so kurz sie auch ist?

Ich glaube gar nicht, dass das Ich so schlau war. Ich glaube, es war so intuitiv.

Oder ängstlich?

Vielleicht auch eine Mischung aus all dem. Für mich als Ich wäre, so verführerisch so eine symbiotische Beziehung auch wäre, das überhaupt nichts. Ich bin ein total beweglicher Mensch. Für mich ist die Idee, dass du mich in so einen Baum reinfesselst, puh, echt hart! Also, ich glaube, das war mehr als schlau. Das war klug. Auch vertrauend auf sich selbst. Vielleicht nicht checkend warum, aber irgendwie merkend: Da stimmt was nicht. Und die Geschichte erzählt das im Nachgang auch mit Wehmut, auf jeden Fall! Von der Schönheit dieser Verführung. Wenn sich das Ich komplett drauf eingelassen hätte. Aber die Frage ist: Muss man jede Verführung auch tatsächlich erleben? Oder passiert sie nicht auch schon zu einem Großteil dadurch, dass wir sie denken und empfinden? Das ist in dem Moment ja gar nicht so richtig getrennt.

Sie kann ja tatsächlich nur dann passieren, wenn wir sie schon zu achtzig, neunzig Prozent gedacht und antizipiert haben. Natürlich passiert Verführung größtenteils im Kopf. Aber wenn sie schon so weit gediehen ist, dann ja, dann möchte man sie auch tatsächlich erleben. Umsetzen, gewissermaßen, vom Kopf in die Realität.

Ja, das war auch wirklich … Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich den Text geschrieben habe. Aber er blubberte einfach so komplett aus mir raus. Wie ein Märchen. Das ist eigentlich so eine Art Märchengeschichte.

Ja. Dann gibt es gleich danach noch die „Stones“, auch ein Lieblingsstück von mir – und das komplette Gegenteil eines Märchens, diese kleine Abrechnung, die ohne politisch korrekte Ich-Botschaften auskommt, dafür aber mit einer Menge herrlichstem Blaming aufwartet: our love is getting smaller, you cut it in pieces, bit by bit, oder: you cut off our connection. Alles, was man nicht machen soll: Du hast! Nicht: Ich empfinde das so und so. Was ich daran aber davon abgesehen so toll finde: Wo du dich mit Emotionen wie Wut oder gar Boshaftigkeit zurückhältst, scheint das Saxophon sie zu kanalisieren und regelrecht auszuspeien, dem Angesprochenen direkt vor die Füße.

Ja, das finde ich so schön an instrumentaler Musik: dass sie mir keine Bilder vorgibt. Instrumentale Musik schafft gleich eine emotionale Verbindung zu uns, während Sprache das Schöne aber auch gleichzeitig das Gefährliche hat, dass ich in ein Bild gepresst werde. Und ich wollte gern, dass in der Musik dieser emotionale Gehalt drin ist, auch in den Melodien und den Taktverschiebern und diesem ganzen Engen und Eckigen, aber ich fand, dann muss ich das gar nicht mehr so nötig in den Gesang reinlegen. Ich erzähle es ja auch retrospektiv. Mir ist ja klar, da hängt eine Steinlawine, und die kommt auch runter, und ich werde gehen. Also, ich trenne mich davon. Genau, ja. (lacht) Es ist fies, oder?

Es ist schon fies, wobei du im Konzert sagtest, es habe trotzdem einen positiven Ausklang, da du nunmal ein positiver Mensch wärst …

Oh Mann, ja, ich habe mir so überlegt, wie ich das enden lassen soll! Mir war klar … Dieser Aufbau: erst ist es so kalt wie’n Stein, dann ist es so schwer wie’n Stein, und dann ist es die Steinlawine … Mir war also klar, dass dräut alles so sehr, die muss runterkommen. Und dann habe ich echt überlegt: Aber wie? Kommt die jetzt runter und ich wünsch mir, du liegst drunter und bist platt? Oder kommt die runter und ich bin auch drunter? Und dann habe ich aber gedacht, nee, ich will das abschließen. Die kommt runter und ich wünsche dir, dass sie dich nicht kaputtmacht. Und dann werde ich mich umdrehen und gehen. Damit schließe ich das wirklich ab.

Das heißt, sie kommt einfach so neben dem Du herunter? Das ist aber auch ein bisschen enttäuschend, oder?

Ich glaube, in dem Text ist es gar nicht ganz sicher. Also, sie kommt runter, aber im Text ist nicht ganz sicher, ob das Du drunterliegt oder nicht. Das ist auch nicht mehr so wichtig für das Ich.

Das Ich geht ohnehin. Und schaut nicht zurück, was da noch passiert.

Ja.

Das Ich sagt ja dann auch noch etwas im Sinne von „go for good now“ oder „leave for good“ oder „leave you for good“, ich habe das genau Zitat gerade nicht im Kopf.

„I leave you for good“, ja.

Dabei kann man dem Ich ja nur viel Glück wünschen, denn wenn diese ganzen Emotionen noch da sind, kann man sich gar nicht vorstellen, dass dem Ich das gelingt. Mit all dem, was da noch ist.

Weiß nicht! Das ist ja auch wieder … Das ist ja total unreflektiert. Im Sinne von: Das Du macht ja den ganzen Scheiß. Das Du macht ja alles kaputt! Aber wenn ich mich reflektiere und in meinem inneren Garten bewege, ist das ja auch ein Teil von mir. Jeder kennt so einen dunklen Anteil. Und ich glaube auch, dass wir Sängerinnen und Sänger nicht alles erleben müssen, worüber wir singen – du brauchst nur Vorstellungsgabe. Und ich persönlich glaube, dass in uns als Menschen alles drin ist, vom guten Menschen bis zum Menschen, der böse Dinge tut. Ich glaube, jeder Mensch ist in der Lage, das alles zu erfüllen. Das heißt, auch ich kann so jemand sein, der so ein Du ist. Der jemanden so schlecht behandelt. Und von daher muss die Frage, glaube ich, nicht sein, ob ich das komplett hinter mir lassen kann, sondern vielleicht eher, wie ich damit umgehe. Inwieweit ich das einbetten kann. Die Schmuddelecke in meinem Garten. Da mach ich ein Insektenwildgebiet draus, zum Beispiel.

Oder indem ich gesehen habe, wie es bei anderen sein kann und mir deshalb nicht erlaube, es bei mir auszuleben? Weil ich gesehen habe, dass es verheerende Wirkung hat?

Vielleicht auch das. Man sucht ja im Gegenüber auch immer das, was man braucht.

Man bekommt automatisch genau das Gegenüber, das man gerade braucht. Das ist nicht immer angenehm  und kuschelig und schön, es ist meistens anstrengend, aber … ja. Es findet einen immer zur rechten Zeit.

Ja. Und dann ist die Frage eher: Wie gehe ich damit um? Und vielleicht ist es auch Teil von dieser Phase in meinem Schaffen, mich dem zu stellen. Zu sagen: Auch diese Anteile sind in mir. Und sind auch in den Gegenübern, die ich mir suche. Und wie gehe ich jetzt damit um? Ja. (lacht)

Und dann haben wir hier noch das letzte Stück, ein kurzes Instrumental. Du hast ja gerade schon gesagt, dass du an Instrumentalmusik magst, dass sie dir kein konkretes Bild liefert, sondern sich direkt mit deinen Emotionen verknüpft … Ich bin gar nicht sicher, ist das noch ein gestrichener Bass oder doch schon ein Cello?

Ein gestrichener Bass.

Er bringt zum Schluss so einen hohen Ton, wo ich gezweifelt habe, dass der noch vom Bass sein könnte.

(lacht) Ja.

Jedenfalls kommt dadurch so eine völlig neue kammermusikalische Tonalität in die Platte. Und das macht natürlich neugierig, was es damit auf sich hat, das Album so enden zu lassen.

Wir haben das Stück in unterschiedlichen Besetzungen ausprobiert und mussten dann einfach feststellen, dass es so am besten klingt. Ursprünglich wollte ich „In Silence“ ohne Text singen, aber es wurde durch den stimmlichen Sound so dinglich. Und das war mir dann zu viel. Das fand ich nicht richtig, es hat musikalisch einfach nicht gemacht, was ich wollte. Dann haben wir überlegt, und ich habe gesagt, ich würde es eigentlich gern ohne Gesang machen und ohne Schlagzeug, einfach nur ihr zwei – und als diese Idee erst einmal im Raum war, fing sie an zu leben. Ich sagte, ich sing da nicht, und die Band sagte, wie, du singst da nicht? Aber dann dachten wir, das ist eigentlich genial! Die beiden hatten dann total Spaß, das zu machen, und ich fand’s einfach auch … hm, wie sagt man das? Es ist ein großartiges Narrenstück, die Platte einer Sängerin mit Eigenkompositionen enden zu lassen ohne Gesang. Sie hat das Stück geschrieben, aber sie ist nicht dabei. Das fand ich so ein bisschen tilleulenspiegelig.

Du bist quasi schon Backstage und schminkst dich ab, während deine Band noch in der Bühne ist. Oder wie bei so manchem Superstar – du bist schon auf dem Weg zum nächsten Flieger, und deine Band spielt noch.

Ja, so! Oder „In Silence“ ist halt komplett still und nicht nur ohne Text.

Quasi John Cage mit Bass und Klavier.

(beide lachen)

Wenn man auch das stille Verschwinden am Ende mit in Betrachten zieht – kann diese Platte retrospektivisch als Abschiedsplatte gelten?

Was für eine gute Frage! Ja, vielleicht! Aber sind nicht alle Platten Abschiedsplatten? Weil sie in gewisser Weise Abschlüsse einer Phase sind. Ich schreib ja jetzt auch schon wieder weiter. Und ja, so eine Platte hat auch schon ein bisschen was von einer Geburt. Sie fasst eine Phase zusammen. Und ich glaube wirklich, dass dieses Album sehr viel von mir zeigt. Sehr viel. Und ich finde das auch in Ordnung. Ich bin auch auf der Bühne jemand, der gern etwas von sich zeigt. Das ist alles gut. Und ich fände es schön, wenn wir das alle ein bisschen mehr machen würden. Ja. Wenn einfach der Raum da wäre, dass Menschen trauen, sich zu zeigen.

Für mich ist es so: Ich habe jetzt das Ei ausgebrütet, jetzt geht es weiter, ich schreibe weiter, und dabei geht es natürlich immer um meine Wahrnehmung der Welt, von mir selbst und meiner Beziehungen. Und insofern ist das natürlich auch ein Abschluss. Vor ein paar Jahre ist meine Mutter verstorben und meine Töchter sind jetzt zwölf und fünfzehn, die gehen also so langsam aus dem Haus, und ich glaube, ich habe da als Mensch vielleicht auch so eine familiäre Nestphase hinter mich gebracht. Vielleicht ist diese Platte auch ein bisschen Ausdruck dessen.

Ein schöner Schlusssatz, den ich gern als solchen nehmen würde – es sei denn, du sagst, es gibt da noch etwas, das wir unbedingt über diese Platte erfahren sollten.

Nein. Ich find’s super, was du mich jetzt alles gefragt hast! Ich find’s auch so schön und ich bin so froh darüber, dass –wenn ich mit dir jetzt oder auch mit anderen über die Musik rede oder höre, was die denken, wenn sie sie hören – ich jedes Mal noch etwas darüber lerne. Das finde ich total spannend. Ich setze so etwas in die Welt und gebe damit die Deutungshoheit weg. Und ich finde das gut. Und dadurch, dass ich jetzt Feedbacks kriege, wie die Leute das hören oder was das mit denen macht, denke ich: Okay! Und das lässt mich total wachsen. Weil ich es cool finde, dass es Bewegung hat. Ich find Beweglichkeit so wichtig.

Dass die Musik ein Eigenleben entwickelt. Sich dadurch aber auch deiner Kontrolle entzieht.

Ja. Das halte ich für ein Zeichen von Stärke. Dass die Platte das kann. Offensichtlich.

Und auch von dir, dass du sie loslassen kannst.

Ja? Ja, das muss man ja. Da hast du gar keine Wahl.

Ich glaube, die Deutungshoheit abzugeben, würde mir schon schwerfallen.

Ja, aber es ist wie Samen: Ich habe die jetzt so rausgestreut und es ist unheimlich spannend zu sehen, nicht nur was, sondern dass da überhaupt etwas draus entsteht! Das finde ich eigentlich das Tollste. Dass das irgendwie ausschlägt. Das ist gut. Was dann daraus wächst? Ja, hoffentlich wächst was draus!

Ich freu mich einfach sehr über dieses Album. Ich habe in diesem Jahr festgestellt, dass es wie mit den Menschen ist, über die wir vorhin sprachen, die dann in dein Leben kommen, wenn du sie am nötigsten brauchst, gar nicht mal, dass die deine Baustellen beheben, sondern dich dazu anregen, deine eigenen Baustellen zu beheben – und so geht es mir zurzeit auch mit Musik. Dass dich wirklich die Musik findet, die du gerade brauchst.

Ohhh, schön. Das ist auch tatsächlich … Also, ich sehe mich sehr als Jazzsängerin, aber das hat auch Qualitäten von guter Popmusik.

Ja, weil es so songbasiert ist. Und auch wirklich ein Album. Nicht nur eine Aneinanderreihung von möglichst vielen Tracks, um die CD-Spielzeit maximal auszunutzen, sondern acht Songs mit Instrumental“reprise“ dran, also achteinhalb, das passt super auf Vinyl … Ja, ich finde, es ist ein klassisches Singer/Songwriter-Album!

Ja, ja.

(beide schauen sich einen Moment des Einverständnisses an und nicken sich zu, um dann laut loszulachen)

Ach, voll schön! Danke für das tolle Gespräch, es hat mich gefreut, dich kennenzulernen!

Ja, ich fand unser Gespräch auch sehr schön. Vielen Dank dafür!

Das Gespräch führten wir am 13. März 2021 via Videocall

28. August 2020

Jazzgewordener Hummelflug. Happy Release Day, Reza Askari!

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Ich gestehe freimütig: Magischer Realismus war noch nie so meins. Hundert Jahre Einsamkeit? Fünfhundert Seiten Langeweile! Lediglich Borges mag ich gelten lassen, aber ist der nicht ohnehin eher stilsicherer Philosoph denn literarischer Phantast?

Nun hat mir ausgerechnet ein Musiker den Magischen Realismus nähergebracht. Die Rede ist vom 1986 geborenen Modern-Creative-Bassisten Reza Askari und seiner heute erscheinenden Veröffentlichung Magic Realism, die er mit seinem 2012 gegründeten, mit Stefan Karl Schmid am Tenorsaxophon und Fabian Arends am Schlagwerk besetzten Trio ROAR eingespielt hat. Allein das quietschbunte – und dennoch seltsam düstre – Voodoo-Cover, das azurblaues, von karmesinrotem Inlay umhülltes Vinyl birgt, welches wiederum ob seines butterblumengelben Etiketts sehr Bauhaus daherkommt, wird jeden Davringhausen-Liebhaber für sich einnehmen können!

Schon zum Auftakt stellt der Landfermann-Schüler mit „Firefly“ unmissverständlich klar, dass wir es hier mit dem Werk eines Bassisten zu tun haben, genauer: eines Bassisten, der seinem Trio den nervösen (Ab-)Grund bereitet, auf dem das Sax sich röhrend entfaltet und die Drums in sanfte Hypnose trommeln. Im Grunde ist dieses Glühwürmchen der jazzgewordene Hummelflug, nervös zuckt es mal hier-, mal dorthin. Der gleich an zweiter Stelle folgende, orientalisierende Titeltrack indessen ruft im westlich geschulten Gehör das Bild der Schlangenbeschwörung hervor, verstärkt durch Schmids Griff zum Sopransaxophon, das die dazu unerlässliche Flöte gibt: Es ist ein fortwährendes Locken und Widerstehen, Näherkommen und sich Entziehen. Und dann – eine Ballade! Aber ist das überhaupt eine Ballade? „Marimonda“ jedenfalls präsentiert sich sehr, sehr kind of blue, wozu mir der Begriff „Ballade“ im Traum nicht in den Sinn käme, wennauch nicht modal, sondern funktionsharmonisch in C-Moll.

Was für eine großartige Leistung vom Saxophon, die auch von Drums & Bass gewürdigt wird, indem diese unendlich behutsam und ihr musikalisches Ego völlig uneitel zurückhaltend sekundieren. Sich derart zurückzunehmen, muss man auch erst einmal können! Dann aber: Chaos pur! „The Return of the Beam“ klingt eher, als wäre das Glühwürmchen vom Opener der Flamme nun endgültig zu nahe gekommen und tanzte da, halb strauchelnd, halb sich wieder erhebend, aber immer lichterloh brennend, mit allerlei weiteren der Anderswelt geweihten Gestalten seinen Abschiedswalzer am Rande der Schlucht, die es unweigerlich zu verschlingen droht, was keine Frage des Ob? mehr, sondern nur noch des Wann? Ist, und da ist er auch schon, dieser einem Aufschrei gleichende hohe Ton, mit dem Stück und Plattenseite gleichermaßen enden.

Müsste man jetzt nicht aufstehen, um die Platte umzudrehen – oder hat hier noch jemand so ein Schallplatten beidseitig abspielendes Ungetüm, einen Sharp namens RP 115 etwa? In den Achtzigern war das ja das Fancieste, was man sich vorstellen konnte! –, könnte man den schlicht mit „Play“ betitelten Opener der zweiten Seite glatt für eine Reprise von „The Return of the Beam“ halten. Zwar mögen sich die stärksten Rauchschwaden nun verzogen haben, doch wabern sie immer noch über die Szenerie – und weiterhin herrscht Chaos. Mit so einem Untergang nämlich ist es gar nicht so einfach: Da ist nicht alles auf einen Schlag vorbei. Im Gegenteil: Mit dem Untergang fängt es erst richtig an.

Richtig fängt auch „Pain Man“ an, nämlich mittels fulminantem Basssoloauftakt, der – neben dem hervorragenden, ich geb’s zu, in meinen Notizen steht: geilen Klang, der hier mal ausdrücklich erwähnt sein soll –, ob seiner A-Tranehaftigkeit einen Seufzer des Wohlbefindens, des Wiedererkennens, der Erleichterung ausstoßen lässt, dass es ihn noch gibt, den guten alten  Mitternachtsjazz, der derart viel Interpretationsspielraum lässt, dass er von jedem Hörer mit einer ganz individuellen Bedeutung aufgeladen werden kann, ja: durch diese erst anfängt zu leben, weshalb das Stück – in a nutshell – zeigt, was den Jazz zur Musik der Musiken macht, vor allem dann, wenn das hypnotische Besenschlagzeug und das (wieder Sopran-)Sax à la Jonas Knutssons „Syskonöga“  zusätzlich a little magic in this noisy world bringen. Dazu der Künstler: „Ich freue mich immer sehr, wenn Musik, die durch einen kommt, anderen Menschen etwas gibt. Dafür macht man es ja schließlich.“ Und wie man es macht! Oh, die Emotionen! Die tanzen Jive wie bei einer zeit- und möglichkeitenoffenen Ausgehnacht mit dem Einen, auf den man ein Auge geworfen hat, aber noch nicht die mindeste Sicherheit darüber, ob das auch auf Gegenseitigkeit beruht. Aufregend. Inspirierend. Das beste Ich hervorbringend. Kurz: magisch.

© Sieben48, André Symann

Die klanggewordene Night out gibt‘s dann mit dem „Bottrop Bebop“, schreitet der Abend doch, mehr und mehr seinen Höhepunkt antizipierend, voran, man geht vom Jazzclub in die Bar – oder setzt sich einfach nur auf den Bordstein, redet und redet und mit einem Mal ist es vier Uhr morgens. Begegnungen, wie sie nur die Großstadt möglich macht. Selbst, wenn sie Bottrop heißt.

Ob sich das mit bedrohlichem Trommelschlag und angstzitterndem Saxophon eröffnende „Korma Koma Karma“ als Liebesritual oder Hinrichtungskommando erweisen soll, ist völlig dahingestellt. Sicher ist nur, dass die vielbeschworene Schlange wieder ihr verschlagenes Haupt habt, wobei sie den Beschwörungstrick mittlerweile durchschaut zu haben scheint und sich nicht mehr zurückzieht: Sie greift an. Das Tenor röhrt, quiekt, und schreit, ob um sein Leben oder um jemanden in Schach zu halten – wer weiß das schon. Ein im besten aller Sinne magenumdrehender Closer einer viel zu schnell endenden Platte, die einmütig ins Fazit des Bandleaders einstimmen lässt, wenn der sagt: „Ich war und bin dankbar, dass wir diese schönen Momente im Studio einfangen konnten. Ist ja auch nicht immer der Fall.“ Hier schon. Hier sehr!

21. Juni 2019

Jazz gehört in den Club. Interview mit Wanja Slavin zur Jazzwoche

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Im Vorfeld der Jazzwoche Berlin habe ich nicht nur mit Kathrin Pechlof und Bettina Bohle von der IG Jazz Berlin gesprochen, sondern auch mit Saxophonist Wanja Slavin. Ergebnis ist die Musiktitelstory im heute erschienenen Stadtmagazin zitty. Das Volltextinterview mit dem Berliner Jazzer, der meint, dass Berlin nach New York zweitwichtigste Jazzstadt der Welt ist und der dem kleinen Club jederzeit den Vorzug vor der Festivalbühne geben würde, obwohl da eventuell ein „Kack-Klavier“ steht, ist hier nachlesen:

Victoriah Szirmai: Während der Jazzwoche Berlin spielst du am 29.6. mit deinem neuen Trio im Donau 115. Was bedeutet es für dich als Berliner Jazzmusiker, dass diese Jazzwoche geschaffen wurde – verbindest du irgendwelche Hoffnungen, Erwartungen mit ihr?

Wanja Slavin: Ich bin leider politisch total … wie sagt man? Faul wäre jetzt das falsche Wort, aber ich würde mich da wirklich gern mehr engagieren! Und ich finde es supercool, was sich in den letzten Jahren dank der IG Jazz entwickelt hat. Kathrin Pechlof, Magnus Schriefl, Bettina Bohle, der ehemalige Vorstand Johannes Lauer und all die anderen, die machen echt eine Wahnsinnsarbeit! Ich finde die Idee ganz cool, dass der alltägliche Berliner Jazz durch die Jazzwoche mal politisch sichtbarer wird. Es geht doch hier vor allem um Politik, oder?

VSz: Es geht um Politik, aber auch darum, dass das Genre an sich sichtbarer wird, dass gezeigt wird, wie reich diese Stadt eigentlich an Jazz ist – und zwar immer. Dass Berliner Musiker, die irgendwelche hochgehypten Festivals in New York oder sonstwo spielen, in ihre Stadt zurückkommen – und hier kriegt das keiner mit! Dass wirklich aufs Trapez gebracht wird, wie hochkarätig dieser Jazz hier eigentlich ist, weshalb ich dachte, dass für euch Musiker vielleicht die Erwartung dranhängt, danach besser wahrgenommen zu werden oder so.

WS: Es ist schwierig zu sagen, was das für mich als Musiker bedeutet. Aufmerksamkeit ist ja immer gut! (lacht) Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich nicht das Gefühl habe, dass es so wenig Aufmerksamkeit gibt. Und ich weiß auch nicht, ob ich mir da jetzt etwas Besonderes für mich erwarte. Eigentlich nicht. Aber ich glaube, dass es gut ist, dass aufgrund des breitgefächerten Programms der Jazzwoche mal ein Querschnitt davon dargestellt wird, was alles so in Berlin passiert. Es ist ja in dem Sinne kein kuratiertes Festival. Ich meine, es gibt so viele gute Reihen, zum Beispiel das Future Bash in der Zukunft am Ostkreuz. Das läuft jetzt schon seit zwei Jahren, das wird von Felix Henkelhausen und Ludwig Wandinger gemacht, die sind beide noch total jung, dreiundzwanzig oder so, aber das ist total geil, dass die hier ihr eigenes Ding gestalten, ihre eigene Reihe, eben interessante Konzerte machen und interessante Leute einladen … Und dass solche Veranstaltungen vielleicht ein bisschen mehr Aufmerksamkeit kriegen, dafür ist die Jazzwoche gut! Aber weißt du, das Donau ist eh immer voll. Das ist ja auch ein kleiner Laden. Das ZigZag ist auch immer voll. Aber es gibt auch viele coole Sub-Reihen, die eher unter dem Radar laufen, und ich glaube, es ist ganz schön, wenn die auch mal ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen und da mal ein paar mehr Leute hingehen.

VSz: Ist Jazz ein Genre, das tatsächlich noch mehr Aufmerksamkeit braucht? Hier in der Stadt?

WS: (überlegt) Hm, schwierige Fragen! Ich glaube, die Politiker müssen darauf aufmerksam gemacht werden. Ich meine, Berlin ist wahrscheinlich nach New York die zweitwichtigste Jazzstadt auf der Welt. Hier wohnen wirklich so viele gute Musiker, also auch internationale Musiker. Das ist, glaube ich, vielen nicht klar, wie wichtig diese Jazzszene hier ist.

VSz: Was macht die Szene hier so wichtig?

WS: Ich meine, die Stadt ist halt cool – und deswegen ziehen alle hierher. Deswegen bin ich auch hierhergezogen. Ich bin eigentlich nicht wegen der Jazzszene hierhergekommen, sondern weil ich die Stadt einfach so toll fand. Es hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren so entwickelt, dass das halt eine super Szene geworden ist. Als ich nach Berlin kam, gab es ehrlich gesagt auch noch nicht so viele Musiker hier.

VSz: Wann bist du denn hierhergekommen?

WS: Das war etwa 2004. Da war das schon noch so sehr … Also, mein Gefühl damals war, dass die Berliner Jazzszene noch so eine Art Kleinstadtszene war, anders als in München oder Köln. Und nach und nach sind dann aus der ganzen Welt so viele Musiker hierhergezogen, die sehr unterschiedliche Sachen machen. Es gibt jetzt auch nicht mehr unbedingt so einen Sound in Berlin, so einen Stil.

VSz: Wie damals beim Techno, wo man sagen konnte, das ist jetzt der Berlin-Sound. Es gibt jetzt also nicht den Berlin-Jazz?

WS: Nee, dazu ist das, was passiert, zu divers. Es gibt schon diese Old-School-Free-Jazz-Typen wie von Schlippenbach, Aki, Roedelius und was weiß ich – das würde ich sagen, ist schon so ein Berliner Jazz-Sound, was die kreiert haben. Aber alles, was nachgekommen ist an jungen, auch internationalen Leuten, da erkenne ich jetzt keinen bestimmten Stil. Es ist hier in der Stadt halt einfach möglich, zu spielen. Eigentlich kannst du jeden Tag ein Konzert spielen – und es gibt auch Publikum. Ich meine, es gibt halt echt viele Läden, wo es immer voll ist und wo auch junge Leute hinkommen.

VSz: Wobei das gerade etwas ist, das die IG Jazz bemängelt: Dass du zwar jeden Tag spielen kannst, aber davon auf Publikumsbasis nicht leben kannst.

WS: Klar, aber meine Sicht auf Jazz ist so: Ich mag es am liebsten, im kleinen Club zu spielen. Ich finde, dass die Musik dort am besten klingt, dass sie da hingehört. Und nicht in die Philharmonie. Weil, und das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung, es in der Philharmonie einfach scheiße klingt, das ist total hallig. Ich bin aber auch kein Fan von großen Festivalbühnen, da klingt es auch nie toll. Aber das Problem mit so kleinen Orten ist, dass da halt nur dreißig Leute reinpassen, oder vierzig oder fünfzig. Und dann kann man sich ja ausrechnen, dass man entweder unbezahlbare Eintrittspreise verlangen müsste oder … ja, es reicht halt einfach nicht wirklich.

VSz: Heißt: Jazz braucht Spielstättenförderung.

WS: Ja, auf jeden Fall! Und auch gutes Equipment in den Spielstätten! Ich meine, es gibt so viele Läden, wo es eigentlich schön ist, aber da steht dann so ein Kack-Klavier rum …

(beide lachen)

VSz: Hast du ein Beispiel?

WS: Ja, im Sowieso zum Beispiel oder auch im Donau. Im ZigZag war es auch grauenhaft, jetzt haben sie endlich einen neuen Flügel gekauft – das hat aber fünf Jahre gedauert. Ich meine, der einzige Laden, der einen wirklich guten Flügel hat, ist das A-Trane. Gerade für akustische Musik ist es da wahnsinnig gut.

VSz: Auch das Gebäude selbst hat einen schönen Klang.

WS: Ja, das ganze Holz und so, das find ich toll! Aber um auf die Frage nach der Spielstättenförderung zurückzukommen: Es müsste einfach allgemein ein bisschen mehr Förderung geben, weil es in der Stadt einfach zu viele Musiker gibt.

VSz: Das heißt, das Schöne an der Szene, dass sie so groß und so vielfältig ist, bricht ihr gleichzeitig den Nacken?

WS: So würde ich das jetzt eigentlich nicht ausdrücken. Aber es wäre schön, wenn es mehr Förderung gäbe. Es gibt einfach so viele Projekte, die das verdient hätten. Beim Senat werden jedes Jahr so viele gute Projekte eingereicht, und dann gibt es nur maximal achttausend Euro für beispielsweise ein Stipendium. Ich meine, das Geld reicht halt einfach nicht. Um eine CD-Produktion zu machen, zum Beispiel. Ein paar Leute kriegen das dann, und der Rest muss es nächstes Jahr wieder versuchen. Vielleicht klappt das bei dem individuellen Musiker alle zehn Jahre mal, aber das ist halt einfach zu wenig.

VSz: Weil Jazz, etwa im Vergleich mit Klassik, nicht ernst genommen wird?

WS: Denkst du?

VSz: Ich frage. Ich hatte gestern mit Kathrin Pechlof und Bettina Bohle von der IG Jazz gesprochen, die gerade versuchen, Jazz als Kunstmusik zu etablieren – nicht, um den Gegensatz von U und E zu zementieren, sondern um Jazz aufzuwerten, damit er nicht in die Unterhaltungsschublade fällt, die dem Senat auch weniger Geld wert ist. Ich halte das für einen interessanten Ansatz, darüber hatte ich bislang nicht nachgedacht.

WS: Ich glaube, dass das politisch schon wichtig ist. Vor allem in Berlin gibt es wirklich viele Projekte, die nicht unbedingt auf große Jazzfestivals eingeladen werden. Die meisten großen Jazzfestivals buchen letztendlich eh nur Pop-Acts und Schwachsinn. Dabei ist Jazz wirklich keine Unterhaltungsmusik! Es muss klargemacht werden, dass er gleichwertig ist mit Neuer Musik. Und dass das Level einfach so wahnsinnig hoch ist. Die Stadt kann ja stolz drauf sein, eigentlich!

VSz: Wie würdest du die Situation des Jazz in Berlin summarisch beurteilen?

WS: Also, ich persönlich bin total glücklich, hier zu sein. Und ich will auch nicht unbedingt wieder weg (lacht)! Es gibt tolle Musikerinnen und Musiker, das ist einfach eine super Stadt! Und auch, wenn es jetzt immer teurer wird und immer fuzzimäßiger, gibt es trotzdem immer noch genügend coole Orte – und ich hoffe, das bleibt erhalten! Ich meine, wenn die ganzen Großinvestoren hierherkommen und alles wahnsinnig teuer wird, dann muss vielleicht auch die Stadt helfen, dass ein Laden überleben kann. Es wäre sehr schade, wenn man das, was ist, vor die Hunde gehen lassen würde. Weil es etwas sehr Besonderes ist. Es muss den Leuten irgendwie klargemacht werden, was sie hier haben.

VSz: Dass es etwas Einmaliges ist, das es zu erhalten gibt.

WS: Ja, auf jeden Fall, das gibt es sonst nicht in Europa! Also, ich hab das zumindest noch nie gesehen, und ich bin ja schon echt viel unterwegs. Es ist halt einfach … das gibt’s halt sonst nicht.

Die Jazzwoche in der aktuellen zitty

16. Juni 2019

Jazz in the City. Interview mit der IG Jazz Berlin zur Jazzwoche

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Der Jazz in Berlin ist Weltklasse – die Arbeitsbedingungen der Musiker sind es nicht. Die Jazzwoche Berlin, die auf das Besondere im Normalen abhebt, will das ändern. Wie genau, haben mir Kathrin Pechlof und Bettina Bohle von der IG Jazz Berlin für das am 13. Juni erschienene Stadtmagazin Tip verraten. Da dort aber nur ein Bruchteil unseres Gesprächs angerissen werden konnte, gibt es das ganze Interview hier. Neben der unzureichenden Jazz-Infrastruktur Berlins widmen wir uns der ewigen (und wohl ewig unbeantwortet bleibenden) Frage, was Jazz eigentlich ist, was die Interessen dieses Genres, das von meinen Gesprächspartnerinnen als Kunstmusik verstanden werden will, sind – und der Faszination einer Musik, die im Moment entsteht und den, der dabei ist, für immer verändert.

Kathrin Pechlof (link), Vorstand, und Bettina Bohle (rechts), Geschäftsführung, IG Jazz Berlin

Victoriah Szirmai: Berlin hatte gerade von Mittwoch bis Sonntag mit dem XJAZZ-Festival fünf Tage voller Jazz mit Besucherrekorden … Es scheint ja nun nicht gerade so zu sein, dass Jazz hier in der Stadt noch nicht angekommen wäre. Wozu braucht es dann noch eine Jazzwoche?

Kathrin Pechlof: Das ist vollkommen richtig, der Jazz ist schon längst da. Und findet statt an sehr vielen verschiedenen Orten – und in einer sehr hohen Qualität, die auch international wahrgenommen wird und Impulse setzt, die weit über die Stadt hinausgehen. Das sieht man an Kooperationen und wie Veröffentlichungen von Berliner Musikern wahrgenommen werden und so weiter. Aber dadurch, dass es keine zentrale Institution, also keine große Spielstätte gibt und alles sehr kleinteilig über die Stadt verteilt ist, bleibt das irgendwie immer auf so einem bestimmten Level, was die Kommunikation in die Stadtgesellschaft betrifft. Die Konzerte finden in kleinen Cafés statt, in Clubs, wo die Reichweite über den Kiez und die eigene Facebookfilterblase nicht hinausgeht. Dass wir darüber hinauskommen, ist unser Anliegen mit dieser Jazzwoche. Um eben mal einen Fokus draufzurichten: Was passiert eigentlich die ganze Zeit schon in der Stadt? Es ist ja auch kein kuratiertes Festival im Sinne von „Wir haben jetzt mal die tollsten Leute zusammengestellt“, sondern wir zeigen … also, es wird in dieser Woche gezeigt, was *immer* passiert!

VSz: Wenn Sie sich jetzt eine Woche herausgegriffen haben, in der Sie zeigen, was ohnehin da ist – woher weiß dann die Stadtbevölkerung: Das ist jetzt die Jazzwoche? Wie wird es zur Jazzwoche, wenn sie das, was da ist, von „unter dem Radar“ auf den Radar heben wollen?

KP: Also ganz einfach: Indem man es so benennt. Und so auch gebündelt präsentiert. Und es medial auch mal mit einer anderen Wirksamkeit vermittelt. Da gibt es eine PR-Agentur, die sich darum kümmert, es gibt ein Logo und eine Webseite im Field-Notes-Magazin. Es ist ganz neu, dass der Jazz in die Field Notes reingenommen wurde. Das Narrativ ist: Wir zeigen das, was schon da ist, nur auf eine Art, dass es eben auch Mal aus einer größeren, einer erweiterten Perspektive gesehen wird. Dazu haben wir aber auch noch ein Rahmenprogramm mit verschiedenen Diskussionsveranstaltungen, wo wir Themen behandeln, die uns relevant erscheinen.

VSz: Apropos Programm: So ein Booking braucht ja immer etwas Vorlauf. Wann wussten Sie, genau da wird die Jazzwoche stehen, wann wussten es die Clubs?

Bettina Bohle: Wir haben tatsächlich letzten Sommer angefangen, das zu vermitteln. Wir werden ja über die Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert. Als wir den Antrag eingereicht haben, haben wir sofort kommuniziert, dass diese Woche – abhängig von der Förderung – eventuell stattfinden wird, und haben den Veranstaltern vermittelt: Schaut, dass das Programm, das ihr in dieser Woche fahrt, für euer Profil aussagekräftig ist. Gleichzeitig muss man aber wirklich sagen: Das Programm ist tatsächlich einfach *immer* so hochkarätig, man muss sich da gar nicht besonders ins Zeug legen! Man könnte jede beliebige Woche herausgreifen und sie ist immer hochkarätig. Das ist genau der Punkt der Jazzwoche.

KP: Es ist jetzt auch nicht so, dass sich alle Clubs darauf fokussiert haben. Viele hatten tatsächlich ihr Programm für die Woche auch schon gebucht. Es hat eine Weile gedauert, bis klar war, welche Woche es denn sein wird. Es gab so viele verschiedene andere – auch logistische – Faktoren, die beim Finden eines geeigneten Zeitpunktes eine Rolle spielten – und da war bei vielen das Programm einfach schon gebucht. Auch darum glaube ich, kann man guten Gewissens behaupten, dass das ein echter Ausschnitt ist. Es ist jetzt nicht so, dass die auf einmal alle gesagt haben: Ah, jetzt nehmen wir diese Woche mal ganz viel Geld in die Hand und bezahlen einen tollen Star.

VSz: Es bildet ab, was passiert.

KP: Ich finde, wenn man sich das Programm anschaut, ist es eine total gute, authentische Mischung. Es ist jetzt keine PR-Masche oder so, sondern hier passiert, was sonst auch passiert.

VSz: Sie sagen so oft „wir“: Wir mussten gucken, einen Termin zu finden, werden gefördert … „Wir“ ist in diesem Falle die IG Jazz, richtig?

KP: Die IG Jazz Berlin, ja.

VSz: Warum ist die Entscheidung gerade auf diese Woche, die ja gefährlich nah am Sommerloch ist, gefallen? Logistische Gründe?

BB: Also, ein wichtiger Faktor war die Verleihung des Jazzpreises Berlin an Axel Dörner.

VSz: Der generell an diesem Tag oder in dieser Woche verliehen wird?

BB: Der meistens im Juni verliehen wird. Und dann spielten verschiedene andere Faktoren eine Rolle, welcher Tag genau ausgewählt werden sollte und die wir versucht haben, abzustimmen. Wir haben wirklich sehr lange darüber nachgedacht, was ein guter Termin ist. Man wird wahrscheinlich nie einen finden, der allen passt, aber … ja.

VSz: Es ging darum, die Woche mit dem Jazzpreis auszusuchen …

BB: Das wollten wir sehr gerne, ja. Weil wir den Preis auch ursprünglich initiiert haben und deshalb schon finden, dass er dazugehört.

KP: Es ist eine sehr wichtige Einrichtung für die Berliner Szene, dass es ihn gibt. Er wird ja schon zum dritten Mal verliehen …

VSz: Wer waren die letzten Preisträger?

BB: Gebhard Ullmann war der erste Preisträger, dann die Pianistin Aki Takase – und dieses Jahr eben der Trompeter Axel Dörner.

VSz: Und das fand bisher auch im jährlichen Rhythmus statt, also 2017, 2018 und jetzt 2019?

BB: Richtig.

KP: Genau. Und das ist gerade dabei, sich zu etablieren. Es ist für die Szene total wichtig – und auch für die Außenwirkung. Darum war auch klar, dass die Preisverleihung in der Jazzwoche mit drinsein muss. Natürlich hat aber der RBB, der den Preis ausrichtet, auch wieder eigene Zwänge, Dinge wie: wann ist der Saal frei, wie kann das mit dem sonstigen Programm vereinbart werden … Außerdem sollte die Jazzwoche nicht zu nah an XJAZZ sein, und dann musste auch der Vorlauf lang genug sein, es hatte also einfach technische Gründe.

VSz: Die IG Jazz, die den Jazzpreis Berlin initiiert hat – versteht die sich als Interessenvertretung aller Jazzmusiker in Berlin oder ist das ein Verein, der nur die Interessen seiner Mitglieder vertritt? Was genau macht die IG Jazz?

BB: Also, die IG Jazz Berlin steht für die gesamte Berliner Jazzszene. Nicht nur für die Musiker, sondern auch die Veranstalter und Veranstalterinnen, für alle, die sich in dem Bereich Jazz und improvisierte Musik bewegen. Auch Journalisten. Und wir vertreten nicht nur die Interessen unserer Mitglieder, sondern wir versuchen, einfach die gesamte Szene mitzunehmen. Das zeigt sich auch in der Jazzwoche, die sich natürlich nicht nur an die Mitglieder der IG Jazz richtet … Fokus unserer Arbeit ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

VSz: Interessenvertretung heißt also in erster Linie Vertretung der wirtschaftlichen Interessen?

KP: Also, eigentlich vertreten wir die Interessen des Genres.

VSz: Welche Interessen hat das Genre denn?

KP: Dass diese Musik überhaupt eine Möglichkeit hat, stattzufinden. Auf diesem Level bewegt sich das im Jazz leider häufig. Dass es darum geht: Wie kann es überhaupt möglich sein, dass diese Musik zu angemessenen Arbeitsbedingungen produziert und aufgeführt wird. Und auch eine angemessene Aufmerksamkeit findet. Das ist ja auch so eine Frage: Da finden die tollsten Sachen statt, und niemand kriegt das mit! In der Stadt. Auf den ganzen internationalen Festivals schon, da wird man dann als Berliner Musiker total gehypt – aber hier merkt es keiner. Und grundsätzlich auch die Möglichkeit zu schaffen, dass sich diese Musik weiterentwickelt. Das ist ja keine statische Musik wie zum Beispiel klassische Musik. Jazz ist eine Musik, die sehr stark im Prozess ist. In einem Arbeitsprozess ist. Die auch Zeit braucht. Die Raum braucht für Entwicklung. Die auch mal einen Irrweg gehen muss. Dieser künstlerische Prozess, der braucht Raum, also tatsächlich physischen Raum in Form von Arbeitsräumen, und der braucht aber auch Geld und Ausstattung. Insofern vertreten wir die wirtschaftlichen Interessen, weil man halt einfach Geld braucht, um Dinge stattfinden lassen zu können, aber wirtschaftlich im Sinne von profitabel – davon sind wir weit entfernt! Also, viele von uns. Und das ist auch eigentlich gar nicht unser Fokus, sondern es geht uns darum, eine Identifikation zu finden: Was ist das eigentlich, Jazz? Wer fühlt sich da zugehörig? Und das ist sehr heterogen bei unserer Mitgliedschaft, da sind Leute aus der improvisierten Musik dabei, aus der Echtzeit, da sind Musiker dabei, die total traditionellen Jazz machen … Es ist sehr, sehr vielfältig! Wir haben aber auch Veranstalter dabei. Uns geht es eher um das Ganze, da macht es eher keinen Sinn, so eine Grenze oder so eine Polarität aufzumachen zwischen Musikern und Veranstaltern. Wir sind alle in einem Boot! Den Musikern geht es gut, wenn es den Veranstaltern gut geht.

BB: Vielleicht kann man dazu auch noch ergänzen, dass wir Jazz tatsächlich inzwischen sehr stark als Kunstmusik verstehen. Das hat sich so entwickelt, dass das eigentlich so … so anspruchsvoll ist und so avantgardistisch, in Teilen zumindest, dass es auf jeden Fall gefördert werden muss, weil es nie … zumindest in Teilen … nie eine Wirtschaftlichkeit erreichen kann, wo sich die Veranstalter oder die Musiker rein über Publikumszuspruch tragen können. Deswegen treten wir sehr stark für Förderung in  den verschiedenen Bereichen – also: Künstlerförderung, aber eben auch Veranstalterförderung – ein. Wir treten insbesondere für eine Basisförderung für Jazzorte ein, weil es da bisher noch überhaupt keine Förderung gibt und man merkt, es gibt keine Art von professioneller Möglichkeit, Veranstalter zu sein. Die meisten machen es nebenher als Hobby – die machen das sehr engagiert, aber es reicht wirklich hinten und vorne nicht. Und das setzt sich dann fort, dass eben auch die Musiker nicht richtig auf ihre Kosten kommen. Deswegen sehen wir das immer als ganzes System, wo der Jazz zu seinem Recht kommen soll als Kunstmusik, die gefördert gehört.

VSz: Kunstmusik als Gegenteil zu populärer Musik?

KP: Ja, zu Unterhaltungsmusik. Es gibt ja diese unselige Trennung zwischen U und E, und da ist der Jazz ins U eingeordnet und wird dann gern auch mal in Verbindung mit Jazz, Rock & Pop gebracht …

VSz: So heißen ja auch die Studiengänge. Ich hab tatsächlich noch „Jazz, Rock & Pop studiert“, jetzt heißt es der Einfachheit halber „Popular Music Studies“ …

KP: Genau, das begegnet uns an ganz vielen Ecken. Und das ist auch so ein Ding, wo wir versuchen, diese Identität als Kunstmusik in den Vordergrund zu stellen.

VSz: Jazz als E-Musik, also.

BB: Am besten wäre es, diese Unterschiede aufzuheben. Es gibt auch avantgardistische Pop-Musik, die sich auch nicht als U-Musik verstehen würde.

KP: Genau, aber der Jazz hat sich halt jetzt schon, sagen wir: mehrheitlich wegentwickelt von diesem Bild, wie das in den Fünfzigerjahren war.

VSz: Easy Listening, Swing, Bigband?

KP: Naja, wo er sozusagen einfach eine Unterhaltungsmusik und Tanzmusik war. Also, eine Bigband, das waren ja viele Musiker, damit es laut ist, damit man in einem großen Raum tanzen und sich unterhalten lassen kann. Das ist dann natürlich spezieller geworden, aber das ist sozusagen diese Ur-Bild. Und die Realität heute ist, dass sich das davon total wegentwickelt hat. Es ist eine Musik, die ist zum Teil extrem leise …

VSz: Konzertant.

KP: Ja, konzertant. Die braucht einen Konzertraum, da kann nicht nebenher die Kaffeemaschine angehen [Anspielung auf die aktuelle Interviewatmosphäre, die ständig von der Kaffeemaschine getrübt wird]. Ein großer Teil des Genres entwickelt sich in diese Richtung, das hat auch mit der Ausbildung zu tun, wir haben jetzt wahnsinnig viele Studiengänge an den Hochschulen, wo Leute akademisch ausgebildet werden. Man lernt heute nicht mehr, indem man in der Band von jemandem jahrelang mitspielt und dann plötzlich Meisterschüler ist. Durch diese Akademisierung hat der Jazz auch eine Intellektualisierung erfahren.

VSz: War Jazz nicht schon immer, zumindest zum Teil, Musik für Intellektuelle? Wir sprechen jetzt nicht von Hot Jazz, von New Orleans Jazz, sondern davon, was hier in Europa stattfindet. Das ist doch das Klischee, das die meisten Leute mit Jazz verbinden: Der gutsituierte, ältere Akademiker gießt sich einen Whisky ein, zündet sich eine Zigarre an und legt genüsslich eine ECM-Platte auf seinen teuren Plattenspieler …

KP: Den gibt es auf jeden Fall! Aber es gibt, Stichwort XJAZZ, auch Bestrebungen, dem wieder genau entgegenzuwirken. Klar ist, dass es einfach unglaublich vielfältig ist.

BB: Es kommen ja auch ganz viele junge Leute zu den Konzerten, wie man bei XJAZZ sieht oder im Donau 115. Es entwickelt sich ja auch weiter.

VSz: Sie haben, Stichwort Jazz als Kunstmusik, schon anklingen lassen, was Jazz für Sie ist. Was ist Jazz heutzutage? Was ist moderner Jazz heutzutage? Die Pressemittelung spricht davon, dass dies eine der Fragen sein wird, die auf der Jazzwoche aufgeworfen werden.

KP: Ja, also, diese Frage – ich kann die jetzt eigentlich nicht beantworten. Da gibt es auch keine Antwort drauf.

VSz: Die IG Jazz hat auch keine Antwort?

KP: Auf gar keinen Fall! (alle lachen) Wir wollen uns da eigentlich auch so ein bisschen raushalten, wir wollen ja keine bestimmte Klientel besonders vertreten – aber wir finden diese Frage relevant. Und deswegen werfen wir die auf diesem Panel auf. Weil es natürlich schon eine Sache ist, die man diskutieren muss: Wie ist das Selbstverständnis, wie das in der öffentlichen Wahrnehmung? Da kommt dann nämlich auch die Frage ins Spiel, welche Segmente des Jazz es eigentlich aus dieser Nische heraus schaffen. Wie das vermittelt wird, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, was findet da statt, wenn Jazz überhaupt im Fernsehen stattfindet, wie ist die Rolle der Rundfunkanstalten … Das gehört alles dazu, und diese Frage nach dem Narrativ, was der Jazz heute eigentlich ist, die ist total wichtig. Die spielt natürlich auch für unsere Arbeit eine Rolle, die spielt aber auch für die Musik selbst eine Rolle. Dem wollen wir versuchen, so ein bisschen nachzugehen, so ein bisschen zu sortieren, aber ich erwarte jetzt eigentlich nicht, dass es danach eine abschließende Antwort gibt.

VSz: Es gibt ja diese beiden Extreme. Einerseits die „Jazzpolizei“, die fragt, was an Kate Tempest auf XJAZZ denn jetzt Jazz gewesen sei, die also behauptet, durch die XJAZZisierung von Jazz – wenn man sagt, alles ist Jazz – werde Jazz beliebig, und die andere Seite, die sagt, tatsächlich ist alles Jazz, weil Jazz eigentlich immer die moderne Musik war, die alle aktuellen Einflüsse aufgreift und absorbiert … Also, zwischen diesen Polen bewegt es sich.

KP: Genau. Als Musikerin würde ich jetzt antworten, ein ganz wesentliches Element vom Jazz ist die Improvisation. Und das ist für mich schon mal zumindest ein Kriterium, wo man ansetzen kann.

VSz: Das heißt, wenn ich mich jetzt hinsetze und den Real-Book-Standard so singe, wie er da steht, ist das kein Jazz.

KP: Doch natürlich, da wird eine andere Verbindung aufgemacht.

BB: Also, ich komme ja von außen, aus der klassischen Musik und bin selber gar keine Musikerin … Was mich wahnsinnig fasziniert hat an den Leuten, die in der Jazzszene unterwegs sind, war, dass die wahnsinnig gut ausgebildet sind, wahnsinnig viel Wissen über Musik haben und dann daraus eigene Antworten darauf finden. Man merkt einfach, dass die mit dem harmonischen, dem melodischen Material ganz, ganz frei umgehen können, das hat mich wahnsinnig beeindruckt.

VSz: Virtuosentum als Kriterium?

BB: Naja, die technischen Grundlagen schon, aber dann eben dann auch wieder, sie ganz minimalistisch einsetzen zu können. Es geht um dieses Verfügen über den Bereich, über den musikalischen Bereich und das Material, und damit dann ganz verschiedene Lösungen zu finden, was es dann heißt, aktuelle Musik zu machen.

KP: Also eigentlich auch diese Variabilität, mit Material umzugehen. Und das unterscheidet uns jetzt auch von dieser Form von Popmusik, die da gern in der Nähe assoziiert wird. Da ist es doch klar, wie die Form ist, und dann spielt man die einfach. Und das klingt dann jeden Abend gleich …

VSz: Oder zumindest sehr ähnlich …

KP: … und was den Jazz in seiner Gesamtheit ausmacht, so würde ich das jetzt als Musiker definieren, dass es genau nicht vorgegeben ist. Man hat musikalisches Material, und das klingt mit den einen Leuten so, und mit den anderen wird es völlig anders ausgearbeitet – im Moment!

VSz: Kommunikation, die im Moment stattfindet, quasi.

KP: Genau, Kommunikation im Moment. Sozusagen in Echtzeit einen musikalischen Verlauf schaffen, eine Form schaffen, eine Dramaturgie schaffen, die jedes Mal eben komplett anders ist. Und das ist eben das, was Jazz für mich ausmacht. Ob das jetzt mit Beats ist oder ohne oder mit welchen Instrumenten, das spielt gar nicht so eine Rolle, aber diese Offenheit in der Binnenstruktur. Trotzdem würde ich, um auf die Frage zurückzukommen, jetzt auch nicht sagen, dass es verboten ist, wenn bei XJAZZ jetzt Pop-Acts auftreten. Dieses X steht ja auch für etwas, das da noch dazukommt.

VSz: Ist das so? Ich dachte immer, das X stünde für Kreuzberg …

BB: Es ist eine der Deutungen, sagen wir mal so. In der Szene wird es aber eigentlich schon als Jazz plus X wahrgenommen.

VSz: Der X-Faktor!

BB: Genau, der X-Faktor beim Jazz.

KP: Das ist ja auch sein Wesensmerkmal: Er ist immer eine Art Melting Pot.

VSz: Dass er zu Pop ebenso Berührungen hat wie zur Neoklassik, beispielsweise.

KP: Ganz genau. Und genauso zur Elektronischen Musik, zur zeitgenössischen E-Musik, zu folkloristischen Musiktraditionen der ganzen Welt und noch vielem mehr. Und das war ja historisch auch immer so. Er hat sich ja immer schon von verschiedenen Musikgenres inspirieren lassen und war immer schon eine Vermischung von etwas. Das hat sich herausgeschält, das hat sich elaboriert, das wurde wieder aufgegriffen von anderen Musikern, die haben es wieder transformiert … Also, Jazz ist quasi eine Musik, die in ständiger Transformation begriffen ist. Und ein Wesensmerkmal unserer heutigen Zeit ist ja dieses aus-dem-Elfenbeinturm-raus, Demokratisierung, soziale Medien und so weiter, da passt das eigentlich gut dazu. Was ich meine, ist diese Abkehr davon, so streng in Schubladen zu denken und die Dinge einordnen zu wollen, das vermischt sich eher.

VSz: Ist es aber nicht ein Grundbedürfnis von Menschen, vom Publikum, Dinge irgendwo einordnen zu können, um sich gut und sicher zu fühlen? Weil es erschreckt, wenn ich Dinge nicht einordnen kann?

KP: Aber das ist ja die Aufgabe von Kunst, die Menschen dazu zu bringen, sich zu öffnen. Weil … wenn man das immer bedient, dann bedeutet das ja pure Stagnation! Dann ist ja eine Weiterentwicklung unmöglich! Damit das sich alles weiterentwickeln kann, ist ja auch diese Auseinandersetzung nötig, und da muss es dann auch manchmal weh tun, oder da gibt es dann auch manchmal Leute die sagen, hey, das hat darin gar nichts zu suchen, das darf nicht sein.

BB: Für mich war gleich von Anfang an dieser Live-Aspekt wahnsinnig wichtig, wo Musik wirklich in dem Moment selbst entsteht. Es gibt ja viele Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker, die auch komponieren, die gehen dann auch von dem komponierten Material aus und trotzdem klingt da kein Konzert wie das andere! Das hat auch mit dem Publikum zu tun, das hat mich von Anfang an wahnsinnig fasziniert, dass man selbst quasi Teil dieser Musik wird. Das wurde mir später auch berichtet von den Musikerinnen und Musikern, aber ich hab das auch gleich von Anfang an gespürt, dass man in diesem Raum auch gemeinsam ist und gemeinsam etwas erlebt. Und gleichzeitig gefiel mir immer … was natürlich für die Musikerinnen und Musiker auch ein bisschen schwierig ist … dass ich da meinen Wein auch trinken kann. Dass es da nicht so steif ist, dass man das Gefühl hat, man kommt in etwas, wo man die Regeln noch nicht richtig versteht, dass man gar nicht teilhaben darf. Ich finde, die Hemmschwelle ist … war für mich beim Jazz relativ gering. Ich hatte immer dieses Gefühl, Jazz ist auch etwas Suchendes, etwas Anbietendes, wo alle gemeinsam dabei sind. Das hat mich wahnsinnig fasziniert.

VSz: Wir haben jetzt über diese (Stil-)Offenheit gesprochen, die sich eben nicht in Schubladen stecken lässt und vielleicht auch Leute erschrecken, wenn nicht gar abschrecken könnte – haben Sie da nicht die Befürchtung, dass vielleicht die Leute, die ohnehin schon so ein offeneres Mindset haben, sich eher angesprochen fühlen, oder, umgekehrt gefragt, wie soll denn der Jazz, was auch immer „der“ Jazz jetzt ist, in die breitere Masse gebracht werden? Wie hat die IG Jazz oder die Jazzwoche es vor, den Jazz auf den Radar des jetzt vielleicht nicht schon von vornherein für das Genre offenen Hörers zu bringen?

KP: Naja, erst einmal, indem wir überhaupt feststellen, dass er da ist. Weil ich glaube, ganz oft wissen die Menschen einfach gar nicht, dass Jazz stattfindet. Die kennen die Orte nicht, und ehrlich gesagt, muss man in Berlin wirklich ziemlich tief drin sein in der Szene, weil angesichts dieser zunehmenden Gentrifizierung und der daraus entstehenden Raumproblematik die Orte oft wechseln, verschwinden, wieder neu auftauchen …

VSz: Wenn man jetzt von Klassikern wie A-Trane oder B-Flat oder Quasimodo absieht …

BB: Daneben gibt es ja noch wirklich viele kleine! Wir reden hier von fünfundvierzig Clubs, die teilnehmen.

KP: Ja, da weiß ich dann selbst nicht … wenn mich jemand anruft, der in die Stadt kommt und fragt, wo soll ich denn heute Abend hingehen, dann muss ich selbst erstmal auf verschiedenen Webseiten gucken und überlegen, ach, gibt es den und den Club überhaupt noch?

BB: Deswegen ist diese Field-Notes-Erweiterung total wichtig. Dass es jetzt einen zentralen Anlaufpunkt gibt.

KP: Wenn ich hierherkomme, oder ich wohne hier in der Stadt und ich interessiere mich dafür, was da jetzt stattfindet – dann zu wissen, die Leute können an einen bestimmten Ort gehen, da können sie sich informieren und da kann man was lesen. Und natürlich ist es dann immer noch jedem Einzelnen überlassen, was er wirklich macht Wer lieber bei der Vorabendserie zu Hause bleibt, den wird man auch mit einer neuen Anlaufstelle nicht erreichen. Das ist aber auch nicht der Anspruch.

BB: Ich glaube ja, dass es tatsächlich ein ganz großes Potential an Zuhörern gibt, die noch gar nicht wissen, dass das hier alles stattfindet. Es gab ja in den letzten Jahren sehr wichtige und weitverbreitete Alben, die Jazzmusik integriert haben, David Bowie auf seinem Album „Black Star“ …

VSz: Halten Sie das für jazzintegriert? Black Star???

BB: Ja, klar! Also, da sind zumindest Jazzmusiker beteiligt, das ist dann halt die Frage, in wie weit das Jazz ist. Diese Frage möchten wir gerne offenlassen, aber das sind Leute wie Donny McCaslin, die sonst einfach in der Jazzszene unterwegs sind. Oder Kendrick Lamar. Oder Robert Glasper. Leute, die sozusagen sehr an den Grenzen sind und die ganz, ganz viele Leute mitziehen und in den Jazzbereich reinbringen, die dann sagen, okay, ich würde mir das gern mal live anhören, aber wohin muss ich dafür gehen? Ich glaube, es gibt hier schon ganz viel abrufbereites Publikum, eine große Offenheit für Jazz. Wir müssen die Leute nicht erst von ihren Sesseln hochholen: Die sind schon da und wollen eigentlich. Und wir versuchen, das zu vermitteln.

VSz: Das beantwortet ja quasi auch die Frage, was diese Jazzwoche will. Ich würde gern noch einmal auf Sie in ihrer Eigenschaft als Musikerin zurückgreifen: Was bedeutet diese Jazzwoche für den Berliner Jazzmusiker?

KP: Das erste Wort, das mir da in den Sinn kommt, ist Hoffnung. Dass sich was verändert. Weil … ich bin Jazzmusikerin, ich lebe in Berlin und ich arbeite hier, es ist mein Arbeitsmittelpunkt und ich arbeite mit vielen Berliner Leuten zusammen. Mein Geld verdiene ich aber außerhalb von Berlin. Einen sehr, sehr geringen Anteil meines Jahreseinkommens verdiene ich mit Konzerten in Berlin. Einfach, weil hier die Infrastruktur nicht gegeben ist. Und es ist schon ein zentrales Anliegen, sichtbar zu machen, dass zwar die Musik da ist, das Publikum da ist, aber die Infrastruktur einfach nicht. Und die muss verbessert werden. Einfach darauf aufmerksam zu machen, im ersten Schritt: Wir sind hier, uns gibt es und hier passieren unglaublich viele wirklich herausragende Dinge. Hier werden die echt neuen Sachen entwickelt – und die, die sie entwickelt haben, spielen hier in der Kneipe auf’n Hut und fahren am nächsten Tag zum internationalen Festival, wo sie ihr Geld verdienen. Und das passt halt nicht richtig zusammen. Das jetzt so ein bisschen aneinander anzugleichen ist es, was ich mir langfristig erhoffe.

VSz: Das ist eigentlich ein schönes Schlusswort – es sei denn, es gibt da etwas, was Sie noch unbedingt zur Jazzwoche loswerden wollen, wonach ich nicht gefragt habe, was aber essenziell dazugehört.

BB: Also, ich hätte jetzt nur noch ergänzt, dass die Jazzwoche in dem Sinne nicht nur ans Publikum, sondern auch an die Politikerinnen und Politiker gerichtet ist.

VSz: Das heißt, wenn sich Infrastruktur verbessern soll, das kann nicht aus der Szene heraus passieren, da muss von außen Geld in die Hand genommen werden.

BB: Richtig.

VSz: Es geht um Förderung.

BB: Genau. In dem Sinne sind wir dann auch ganz Interessenvertretung, das ist für uns ein Anliegen.

KP: Und, wenn Sie mich jetzt noch einmal als Musikerin fragen, dann will ich einfach, dass diese Musik gehört wird. Sie ist so reich und vielfältig – und auch bewegend! Wenn man aus einem guten Jazzkonzert kommt, geht man anders raus, als man reingegangen ist, weil man eben nicht das Erwartete präsentiert bekommt.

VSz: Ich hoffe ja, das passiert bei jedem guten Konzert oder Buch oder Bild. Aus einem guten Buch gehe ich anders heraus, als ich in das Buch hineingegangen bin.

KP: Das stimmt.

VSz: Weil es einen verändert.

KP: Ja. Aber dieser Live-Aspekt, der ist nochmal besonders. Da kann ich jetzt auch als Komponistin sprechen: Ich habe ein Stück, und das spiele ich mit drei verschiedenen Bands dreimal total anders. Und dreimal arbeitet man sich anders rein. Es ist eben sehr individuell, es hat sehr viel mit den Persönlichkeiten zu tun, mit der Historie jedes einzelnen Musikers. Und wenn man das als Publikum mitnimmt, auch diesen Aspekt der Improvisation, der Spontaneität – das ist ja auch was, was fürs Leben relevant ist! Also, sich einfach diesem Unbekannten so vertraut zu machen. Und sich hinzugeben dem, was man nicht kennt. Ich glaube, das ist ein zentraler Aspekt, der im Jazz besonders eine Rolle spielt im Vergleich zu anderer Musik.

Die erste Jazzwoche Berlin findet vom 24.-30. Juni 2019 in verschiedenen Spielstätten statt.

Die Jazzwoche im aktuellen tip Berlin

13. Mai 2019

All that Jazz oder: Sind so viele Möglichkeiten! Nachlese zum XJAZZ-Festival 2019

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 21:51

Wenn in der schnelllebigen Berliner Szene – wo man nach dreijährigem Bestehen schon als etabliert gilt – ein Festival in sein sechstes Jahr geht, verdient es das Prädikat „nicht mehr aus dem Kulturkalender der Hauptstadt wegzudenken“. Wenn es sich dann auch noch um ein (wenngleich den Genrebegriff extrem weitfassendes) Jazzfestival handelt, muss neidlos konstatiert werden: Hier wurde alles richtig gemacht. Kein Wunder, dass die diesjährige Ausgabe des XJAZZ-Festivals ihren Vorjahresrekord von etwa 11.000 Besuchern mit ganzen 21.000 noch einmal toppen konnte. Das gilt auch für die Zahl der bespielten Venues, die sich traditionellerweise um den U-Bahnhof Schlesisches Tor im dem Festival seinen Namen gebenden Bezirk Kreuzberg gruppieren.

So etwa ist dieses Jahr das durch seine in der Hausbesetzerszene wurzelnde Geschichte berüchtigte, aber bislang eher nicht durch seine Affinität zum Jazz aufgefallene SO36, das laut Selbstverständnis Raumgeber für „harte Töne jenseits des Chartsmainstreams“ ist, neu als Spielstätte mit dabei, das mit der britischen Poetin Kate Tempest gleich für einen würdigen Festivalauftakt sorgte. Diesen prominenten Platz dürfte sich die Südlondonerin, die sich von mit dem genresprengenden XJAZZ-Konzept wenig Vertrauten nicht nur einmal fragen lassen musste, ob – und hier grüßt die ebenso viel zitierte wie negierte Jazzpolizei, die es eben doch gibt – das denn nun Jazz sei, wohl nicht zuletzt durch ihre jüngste Kollaboration mit Shabaka Hutchings‘ The Comet Is Coming gesichert haben. Genau wie dort besticht ihr auf der SO36-Bühne erstmals erprobtes, ab Juni erhältliches Book of Traps and Lessons durch diese unbedingte Dringlichkeit, für die man die Tempest einfach lieben muss. Sie versteht es, eine unmittelbaren Beziehung zu ihrem ergriffen lauschenden Publikum herzustellen, das von genau jenen Fragen umgetrieben wird, die Tempest stellt. Es geht um das ob Selfie-Wahn inszenierte statt gelebte Leben, um die einen beim morgendlichen Weckerklingeln beschleichende Ahnung, dass man einfach alles auch ganz anders hätte machen könnten und nicht zuletzt um lakonische Bekenntnisse in Sachen Liebe: You make me a microscope/you make me a map/some call it love/I call it a trap.

Selbst an jenen Stellen, wo die wortgewaltige Poetin ihre Reime ganz ohne musikalische Begleitung ins Mikrophon diktiert – denn von bloßem „sprechen“ kann hier keine Rede sein –, kann man im ausverkauften SO36 die sprichtwörtliche Stecknadel fallen hören. Die Gemeinde lauscht derart ergriffen, dass man recht eigentlich nicht von einem Konzert, sondern eher einer Art Gottesdienst mit Tempest als Hohenpriesterin sprechen muss. Dabei war der Auftitt von vornherein nicht unumstritten. Kann, ja: darf man die verehrte Künstlerin noch reinen Gewissens hören, seit sie ihre Unterschrift unter eine Petition der dem BDS verschwisterten Gruppe Artists for Palestine setzte, die britische Künstler 2015 dazu aufforderte, nicht in Israel aufzutreten? Man kann, denn der Rattenschwanz aus Boykott und Boykott des Boykotts kann hier die Lösung nicht sein. Tempests Bekenntnis zu AfP mag unsympathisch erscheinen, den Boykott ihres Werks kann aber nur jener Kleingeist anregen, der es nicht versteht, zwischen Künstler und Werk zu differenzieren. Anders sähe es aus, wenn die Künstlerin – übrigens selbst jüdischer Abstammung – in Leben oder Werk mit direkten antisemitischen Äußerungen aufgefallen wäre. Ist sie aber nicht, und mehr gibt es dazu dann auch nicht zu sagen.

Qualität statt Quantität

Wo sich am Mittwoch dank Kate Tempest die Frage, welchen Act man zur Festivaleröffnung sehen möchte, eindeutig beantworten lässt, stellt einen schon der Donnerstag vor nicht zu unterschätzende Entscheidungsschwierigkeiten. Der erste volle Festivaltag macht deutlich, dass ein Programm mit etwa siebzig Konzerten in vierzehn Venues nicht bedeutet, dass man bis Sonntag siebzig Konzerte in vierzehn Venues gesehen haben wird. Sinn und Zweck eines Festivals ist nicht die schiere Menge, sondern die geschickte Auswahl, denn natürlich laufen Konzerte parallel: Möchte ich den zum Jazzer gereiften Elektroniker Dominic Saloe aka Mocky sehen, muss ich sowohl auf den Londonder Drummer Yussef Dayes, der sich mittlerweile vom genialen 70s-Jazz-Funk-Avantgarde-Elektronik-Duo Yussef Kamaal emanzipiert und letztes Jahr mit einer Live-Session in den legendären Abbey-Road-Studios sein Solo-Debüt hingelegt hat, verzichten, als auch auf Mostly Other People Do The Killing-Trompeter Peter Evans, um nur einen weiteren zu nennen. Einzig zum schon um 18:00 Uhr spielenden Neunkopf-Kollektiv Wanubalé wäre es vorher zu schaffen, was auch gut ist, gelten die aus Berlin und Potsdam stammenden Musiker doch als deutsche Antwort auf Jazzfunkdubrockbands wie Snarky Puppy, Fat Freddy’s Drop, Hiatus Kaiyote oder Nubiyan Twist, wobei letztere am Samstag selbst im BiNuu zu hören sind.

Ein Must-See bzw. Must-Hear ist die am späten Donnerstagabend im Prince Charles gehostete Kryptox Labelnight. Die junge deutsche Plattenfirma für Neo-Jazz und Experimentelles präsentiert sich mit dem Londoner Flötisten Tenderlonious, Ralph Heidels Homo Ludens-Ensemble und dem Poets of Rhythm-Gitarristen JJ Whitefield, der sich für sein Krautjazz-Debüt der Unterstützung von Saxophonist Johannes Schleiermacher versichern konnte, der beim letzjährigen XJAZZ-Festival noch mit Shake Stew am Start war und dem aufgrund seines diesjährigen Auftrittes einmal mehr zu wünschen ist, dass sein Spiel endlich die ihm gebührende breite Aufmerksamkeit – und von mir aus auch den Titel des nächsten Shabaka Hutchings – bekommt. Klar ist aber auch, dass Besucher der Kryptox Labelnight die zeitgleich im Monarch bzw. der Emmauskirche stattfindenden Labelnights von We Jazz bzw. K7 verpassen. Man kann eben nicht alles haben. Gute Nachrichten gibt es jedoch für jene, die sich zwischen Mocky und Yussef Dayes nicht zu entscheiden vermochten – sie können Mocky (und im Anschluss eine der drei Labelnights) sehen, denn Dayes wird kurzerhand auf den Freitag verschoben. Das ist toll, stellt aber vor eine neue, schwere Entscheidung: Jene zwischen Dayes und Rymden, der neuen Band von Jazzland-Labelbetreiber Bugge Wesseltoft, dessen Vorstellung sich an dieser Stelle wohl erübrigt. Die Besucherschlangen vor beiden Konzerten sprechen jeweils für sich.

Wer wann wo

Noch ein weiteres Bäumchen-wechsel-dich-Spiel findet am Freitag statt, was die gedruckten Festivalguides endgültig zur Makulatur macht. Man muss schon auf die eigens entwickelte App setzen, um zu wissen, wer wann wo spielt – oder die freundlichen Menschen im XJAZZ-Truck, die einen dorthin zu schicken verstehen, wo die Musik spielt. So etwa erfährt man hier, dass sich der Showcase von Bobby-McFerrin-Tochter Madison, den man unbedingt sehen wollte, vom ursprünglich geplanten Freitag auf den Samstag verschoben hat, wo sie nun sowohl dem Omar Klein Trio, den Londoner Alternative Soulern Hejira, dem Lisa Bassenge Trio oder der wohl einmaligen Kollaboration von Simultansängerinbeatboxerin Sanni Loetzsch aka Kid Be Kid mit Lucia-Cadotsch-Saxophonist Otis Sandsjö Konkurrenz macht. Apropos Konkurrenz: Schon der freitägliche Konzertauftakt verlangt nach der Entscheidung, ob man mit dem schon mehrfach erlebten Urgestein Rolf Kühn auf Bewährtes setzt, sich das für seine ikonischen Neuinterpretationen (z.B. „Everybody Wants To Rule The World“) gefeierte US-Trio The Bad Plus oder lieber den Münchner Pianisten und Komponisten Marc Schmolling gibt.

Ich setze auf den 1929 geborenen Jazzklarinettisten, von dem ich schon bei der 2017er-Ausgabe von XJAZZ glaubte, ihn vielleicht zum letzten Mal live erleben zu können, doch weit gefehlt! Sein Yellow+Blue-Konzert im gut besuchten Lido, Kühns persönlichem Lieblingsclub in Berlin, lässt nicht vermuten, dass er so bald die Klarinette aus der Hand gibt. Und was für eine Band! Pianist Frank Chastenier macht selbst bei den in diesem Set rar gesäten Standards wie „Angel Eyes“ wohltuend klar, wo der Frosch die Locken hat, Bassistin Lisa Wulff – die später am Abend andernorts noch im Duo mit Clara Haberkamp zu hören sein wird – steht ihm in nichts nach, während der von Kühn als „Monster“ betitelte Schlagzeuger Tupac Mantilla mit einer Body Percussion-Einlage begeistert. Groß! Allein bei der Zugabe wird klar, wieviel Anstrengung die Konzerte dem fast Neunzigjährigen mittlerweile abverlangen dürften:

Weiter gehört mein noch junger Freitagabend der in Berlin ansässigen israelischen Nu-Soul-Sängerin J. Lamotta, die im Privatclub den Release ihres neuen Albums Suzume feiert, mich aber auf dem Papier weitaus mehr zu begeistern wusste als während des Auftritts. Vor zwanzig Jahren hätte mich diese Musik geflasht, mittlerweile scheine ich nicht mehr zur Zielgruppe zu gehören. Mein Herz schlägt aktuell für den London Sound der Stunde, zu denen tief im Jazz schürfende Beatmaker wie Alfa Mist gehören, vor allem aber auch Kamaal Williams mit seinem verstimmt wabernden Acid Jazz, der sich über flüsternde tsk-tsk-Beats schraubt und ferner mit blubbernden Basstupfern, Perlendem, Glockendem, Rockigens, aber auch D&B-Grooves und Streichern, kurz: ganz viel feinem Frickelkram zum Genauhinhören aufwartet, der seine Mittel vom Electro, seine Haltung vom Jazz, sein Herz aber vom Soul bezieht. Und natürlich Yussel Dayes, der mit Letztgenanntem im mithin legendär gewordenen Duo Yussef Kamaal die Percussions rührte, mittlerweile aber als Schlagzeuger auf Solopfaden unterwegs ist. Mit Unterstützung des Sun Ra Arkestra-geschulten Synthie-Schraubers Charlie Stacey und Adele-Bassist Tom Driessler bietet er im ebenfalls im Rahmen von XJAZZ erstmals bespielten Festsaal Kreuzberg eine avantgardistische, dabei trotzdem enorm leichtfüßige, um nicht zu sagen: traumverlorene Interpreation von NuJazz, die bei anderen Genreheroen oftmals seltsam bemüht klingt. Es ist ein tolles Konzert, auch wenn durch seine etwa einstündige Verzögerung Arnold Kasar nun leider ungehört bleiben muss. Stattdessen höre ich bei Rosemarine rein, einem von vielen jungen Musikern der Stadt hochgepriesenen Trio, das zur Mitternacht im Privatclub den Release seinen Debütalbums zelebriert.

Erschöpft falle ich ins Bett. Die menschliche Aufnahmefähigkeit für Musik ist, wie ich erst neulich wieder während der jazzahead! feststellen musste, nun einmal begrenzt. Deshalb gibt es für mich am Samstag nur ein Konzert, das allerdings hochspannend zu werden verspricht, vereinen sich hier doch erstmalig zwei meiner Lieblingsmusiker aus völlig verschiedenen Genres zum Duo. Gepaart mit einem voreilenden Drei-Gänge-Menü im Markthallenrestaurant der auch als „Eisenbahnmarkthalle“ bekannten Markthalle IX, wird das Konzert im Austerclub unter dem Motto „Jazz & Dine“ als bequemes Package für EUR 39,20 angeboten, das sich einigen Zuspruchs bei all jenen erfreut, die ihre Spätzwanziger hinter sich gelassen haben. Natürlich ist aber auch der alleinige Konzertbesuch möglich, um die studierte Jazzsängerin und Produzentin Sanni Loetzsch aka Loop Motor aka Kid Be Kid zu hören, die letztes Jahr unter dem Motto „drei Musikerinnen in einer“ inklusive konsequentem Verzicht auf Overdubs, Loops oder Prerecordings ihr NuSoul-Debüt Sold Out vorgelegt hat, auf dem sie sich als Sängerin, Beatboxerin und Pianistin zeigt, und das, anatomische Unmöglichkeit hin wie her, simultan. Das allein ist den Konzertbesuch wert und wird nur durch den Umstand getoppt, dass Loetzsch den schwedischen Saxophonisten Otis Sandsjö als Gast eingeladen hat, dessen speziellen, um allerlei Ventikgeklapper angereicherten Ton ich zunächst bei Lucia Cadotschs Speak Low, dann auf seinem eigenen Projekt Y-Otis kennen- und liebengelernt habe und den ich neben Johannes Schleiermacher und „Lotuseater“ Wanja Slavin aktuell glatt als meinen Lieblingssaxophonisten bezeichnen würde. Nicht ohne Grund gilt mir dieser Abend als persönliches Highlight von XJAZZ 2019.

Klangsatt oder: Wissen, wann genug ist

Dabei ist das gesamte diesjährige Festival nicht eben als arm an Highlights zu bezeichnen. Vielmehr sind es so viele, dass man nicht weiß, wo man mit der Aufzählung beginnen soll. Wer das Glück – oder mit EUR 159,- die finanziellen Mittel – hat, einen Festivalpass sein eigen zu nennen, könnte aufgrund dieses Füllhorns an Musik versucht sein, der Unsitte anheimzufallen, in so viele Konzerte wie nur möglich eben mal für zehn oder fünfzehn Minuten hineinzuhören. Die in fußläufiger Nähe zueinander liegenden Spielstätten machen’s möglich. Aber genau wie bei einem Album, das auch nicht dazu gedacht ist, einzelne Stücke zu überspringen, sondern (zumindest im Idealfall) aufgrund einer ausgeklügelten Dramaturgie auf einer ganz eigenen Spannungskurve fußt, ergo eine untrennbare Einheit bildet, hat der Künstler auch für sein Konzert eine aufeinander aufbauene Abfolge seiner Stücke erdacht, die dem Abend eine bestimmte Richtung, einen bestimmten Schwerpunkt verleihen. Ebensowenig wie ein Album sollte ein Konzert eine zufällige Reihung an Songs sein, in die man an beliebiger Stelle hineinzappen und sie an ebenso beliebiger Stelle wieder verlassen kann. Also, man kann schon. Bringt sich aber selbst um einen nicht ganz unbedeutenden Teil des Musikgenusses. Zu wissen, wann man klanggesättigt genug ist, gehört zur durchaus erlernbaren Kunst des Festivalbesuchs.

Wer am späten Samstagabend noch genug Energie hat, kann noch Erol Sarp & Robert Lippok in der Emmauskirche oder das Ishmael Ensemble im Privatclub hören, sich gar der mitternächtlichen Global Dance Kulture im Fluxbau hingeben. Ich für meinen Teil gehe nach Hause, denn am Sonntag wartet die mittlerweile zur guten XJAZZ-Tradition gehörende Fahrt mit dem Blue Boat auf mich. Mangels Hangover wähle ich nicht den als „Hangover Jam“ beworbenen Cruise Nummer 1, wo sich Sebastian Studnitzky himself, seines Zeichens künstlerischer Leiter des Festivals, mit einer Handvoll Friends die Ehre gibt, sondern setze auf Cruise Nummer 2, den XJAZZ Label Launch. Hier werden mit dem aus dem JIB hervorgegangenen Quartett Die Therapie, Roman Schulers RSxT mit seiner „Contemporary Groove Music“ und Hardylackner, dem Duo-Projekt des amerikanisch-deutschen Pianisten Benny Lackner mit dem Berliner Schlagzeuger Rainer Winch, die ersten drei Signings des brandneuen XJAZZ music labels vorgestellt – für Erst- und Letztgenannte ist es sogar ihr Debüt. Ein Kreis schließt sich, denn immerhin wurde das Festival ursprünglich von den Betreibern des Labels Contemplate gegründet, um den hauseigenen Künstlern eine Bühne zu bieten. Was als Festival zum Label begann, ist mittlerweile derart gewachsen, dass es nun folgerichtig das Label zum Festival gibt.

Ich runde meinen Besuch mit einem Abstecher zum Rahmenprogramm ab, wurde mir doch das schwedisch-deutsche Duo Mattimatti ans Herz gelegt, das mit psychedelischen Stücken von pinkfloydscher Länge, in deren Zentrum der mystische Klang des Hang steht, ein sanftes Übergleiten von fünf Tagen Festivalwahnsinn in den Alltag erleichtert. Ohnehin die Nebenkriegsschauplätze! Da entstehen Dinge wie das neue Album vom Melt Trio mit Jan Bang, das während des Festivals live aufgenommen wurde und am 14. Juni seinen Release feiert. XJAZZ 2019 wird noch lange Schatten werfen. Wer jetzt noch Kraft hat, kann sich die Abschlusskonzerte auf der Schatzinsel oder das allerletzte Konzert des Sonntagabens, gespielt von DJ Acid Pauli und Vibraphonist Ivar Refseth in der Emmauskirche, anhören. Ich habe keine mehr, bin klangerfüllt bis in die Haarspitzen, freue mich aber dennoch schon auf den Mai 2020, wenn das XJAZZ-Festival zum mittlerweile siebten Mal seine stiloffenen Pforten öffnen wird.

5. Mai 2019

Dorthin, wo Jazz ist. Nachlese zur Jazzahead 2019

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 19:21

Letzen Sonntag schloss die vierzehnte Jazzahead in Bremen ihre Pforten.
In den Tagen danach fühlten sich die Besucher des weltweit größten Jazz-Branchentreffs körperlich wie emotional ausgelaugt, nicht wenige sind krank. Die Postings von heilender Hühnersuppe und Ingwertee auf den einschlägigen Social-Media-Profilen jedenfalls steigen überproportional an, die wohl meistgestellte Frage in den Chats ist: „Hast du dich schon wieder regeneriert?“

Weshalb also setzt man sich diesen vier Tagen im Ausnahmezustand, der sich anfühlt als vollzöge er sich in einer Parallelwelt jenseits des normalen Zeit-Raum-Kontinuums, jedes Jahr aufs Neue aus, noch dazu freiwillig? Der norwegische Schriftsteller Lars Saabye Christensen, Keynotespeaker der diesjährigen Opening Ceremony, bringt es auf den Punkt: „Jazz is a different place and that is where we have to go.“ Wir müssen es tun. Wir können nicht anders.

Norwegian Lounge

Neben Saabye Christensen bestreiten zwei weitere Künstler des diesjährigen Partnerlandes Norwegen – das schon auf der Berlinale 2019 zum Schwerpunktland auserkoren war – die Eröffnungszeremonie: Sängerin Karin Krog und der sie an Sopran- wie Baritonsaxophon begleitende John Surman. Mit seinem Kurzauftritt gibt das Duo gleichzeitig einen Ausblick auf die traditionell am Donnerstagabend anstehende Konzertnacht des Partnerlandes: Acht sowohl stilistisch wie qualitativ höchst heterogene Acts bestreiten die Norwegian Night, darunter der Jazzsaxophonist und Ziegenhornbläser Karl Seglem, dessen balsamische Klänge in Zeiten überreizten Gemüts zwar mit schönster Regelmäßigkeit durch meine Boxen kriechen, den ich bislang jedoch noch nie live erlebt habe. Zeit für mein erstes Konzert der Jazzahead, das im benachbarten Schlachthof stattfindet, dessen blutige Vergangenheit glücklicherweise nicht mehr zu erahnen ist. Mit siebenköpfigem Ensemble – darunter gleich zwei Hardangerfiedeln, die ob ihres dank einer acht Wirbel fassenden Schnecke mit einem extrem kurzen Hals aufwarten und immer ein bisschen klingen wie die bucklige Verwandtschaft der Bratsche – beschwört Seglem die der norwegischen Folklore inhärenten Naturtöne vor einem aufmerksam lauschenden Schlachthofpublikum herauf.

Wie immer ist die Zeit viel zu kurz, den Klängen angemessen nachzuspüren – bis weit nach Mitternacht geben sich die verschiebenen Formationen die Klinke, pardon: das Mikro in die Hand. Nicht zuletzt sorgte der harmlos als Partner Country Reception benamste Empfang für einen zwar angenehmen, aber auch nicht zwingend für seine wachhaltenden Eigenschaften verrufenen Alkoholpegel. Gut, dass das European Jazz Meeting am Folgetag erst um vierzehn Uhr beginnt, was nicht nur dafür sorgt, dass man ausschlafen, sondern auch den ersten Meet&Greet-Marathon des Tages absolvieren oder sich das umfangreiche, auch als Professional Program bekannte Konferenzprogramm mit Highlights wie „A Wealth of Music Content, But What’s It Worth?“ zu Gemüte führen kann. In meinem Falle schaue ich nicht nur bei der Müsteraner Enklave der Jazzthetik-Redaktion vorbei, die ich ohne Jazzahead wohl nie treffen würde, sondern richte ich mich auch im sogenannten „Press Office“ häuslich ein, wo ich im Halbstundentakt jene Musiker treffe, mit denen ich mich im Vorfeld verabredet habe. Die Pressereferentin sieht sich das Bäumchen-wechsel-dich-Spiel eine Zeitlang an, bevor sie nur halb im Scherz bemerkt: „Sie lassen hier aber auch einfach kommen, oder?“. Aber warum auch nicht, wo das Press Office doch nicht nur Lebensnotwendigkeiten wie schwarzen Kaffee und Laserdrucker bietet, sondern auch einen ruhigen Platz jenseits der wogenden Menschenmassen und – dieses Jahr neu – eine wechselnde, warme, überaus schmackhafte Tagessuppe mit rauen Mengen an Brot und Butter. Nicht zuletzt die eingeladenen Musiker, jung und hungrig, wissen diese Annehmlichkeiten zu schätzen.

Hannah Köpf

Ich treffe Hannah Köpf, die ich in der aktuellen Ausgabe des Jazzthetik Magazins portraitiert habe; außerdem Gadi Stern und Matan Assayag vom israelischen Jazzrocktrio Shalosh, die mir für die kommende Ausgabe Rede und Antwort stehen. Zwischendurch reicht die Zeit für Gespäche unter Kollegen: Es gibt ein Wiedersehen mit Klaus von Seckendorff und ein erstes Kennenlernen mit einem weiteren großen Mann des Jazzjournalismus, Hans Hielscher. Obgleich er wie ich zurzeit eine Kolumne in der Jazzthetik bestückt, sind wir uns bislang noch nie über den Weg gelaufen, stoßen dafür aber gleich auf interessante biografische Gemeinsamkeiten wie etwa die Straße, in der ich jetzt und Hielscher vor langer Zeit wohnte. Endlich lerne ich auch den Hamburger Jazzschreiber Jan Paersch kennen, mit dem ich zwar das Programm des diesjährigen Elbjazz-Festivals betextet, den ich aber ebenfalls noch nie von Angresicht zu Angesicht gesehen habe. Jazzahead machts möglich. Es ist eben nicht nur ein Branchen-, sondern auch so etwas wie ein Familientreffen, und spätestens ab dem zweiten Besuch der Messe gehört man wie selbstverständlich dazu.

Der grüne Pfeil, Symbol der Jazzahead, hier als Deckenmobile in der BoConcept Lounge

Neben dem European Jazz Meeting, das so unterschiedliche Acts wie die Flat Earth Society, das Adam Bałdych Quartet oder MDCIII auffährt, steht am Freitag auch das Galakonzert an, welches jeweils zwei Acts des Partnerlandes auf die Bühne des im Art-Déco-Stil erbauten Konzerthauses Die Glocke bringt. Dieses Jahr ist die Wahl auf das Quintett des Trompeters Mathias Eick gefallen, das mit Håkon Aase einen wunderbaren Geiger an Bord hat, im Allgemeinen aber einen allzu elegischen Klang zelebriert, der die Grenze zur Langeweile mehr als einmal von der falschen Seite touchiert und nur noch vom zweiten Teil des Galakonzerts mit Trail of Souls feat. Solveig Slettahjell und Knut Reiersrud getoppt wird. Man kann sich des Eindrucks nicht gänzlich erwehren, dass hier jene Spielart des nordisch-mystischen Jazz zum Besten gegeben wird, die sich das deutsche Publikum am liebsten vorstellt: Hach, diese Weite! Oh, diese Wälder! Und sieh nur, die niedlichen Trolle!

Es ist verständlich, dass sich das Galakonzert vor allem auch ans lokale Bildungsbürgertum wendet und die – diesmal übrigens nicht vollständig ausverkaufte – Glocke ihre Ränge füllen muss. In Anbetracht der Tatsache, dass ich hier aber auch schon dank Künstlern wie Avishai Cohen 2013 bei meiner allerersten Jazzahead oder 2016 Nik Bärtsch und Hildegard lernt fliegen rauschende Abende erlebt habe, muss die Frage nach einer zukünftigen Perspektive des Galakonzerts jenseits der Komfortzone, sprich: einem mutigeren Booking erlaubt sein.

Ichiro Onoe

Der Samstag dagegen verspricht, spannend zu werden. Ich treffe den als „Japan’s answer to Paul Motian“ geltenden, in Paris lebenden Schlagzeuger Ichiro Onoe, der mit seinem Quartett traditionelle japanische Musik und Modern Jazz verbindet, indem er zwei klassische japanische Instrumente – die aus siebzehn kurzen Bambuspfeifen bestehende Mundorgel Shō und die Doppelrohrblattflöte Hichiriki – durch Tenorsaxophon und Klavier ersetzt; den swinginspirierten israelischen Pianisten Arik Strauss, der mit seinem Umzug nach Deutschland, dem Land seiner Vorväter, einen Lebenskreis geschlossen und darüber das Album „Closing The Circle“ gemacht hat; den Kölner Schlagzeuger Jo Beyer, dessen brandneues, noch labelloses Album „Party“ mit sperrig-schönen Songtiteln wie „Zwischen Bier in Poll und 37 Grad im Schatten“ oder „Halloween ist doof“ aufwartet; und den Berliner Komponisten und Arrangeur Ruben Giannotti, der gerade mit seinem im Spannungsfeld zwischen NeoSoul, Elektronika und retroeskem Bigbandkrimisoundtrack angesiedelten Large-Ensemble-Projekt aus dem Studio gekommen ist. Wie gut, dass das Press-Office – zweite Neuerung in diesem Jahr – statt um 18:00 erst um 19:30 Uhr schließt!

Komponist Ruben Giannotti spielt am Stand von Chess’n’Jazz um Bier

Und dann widme ich mich ganz der Musik, denn schließlich ist doch sie der hauptsächliche Grund, hier zu sein. Wo sonst lässt sich‘s innerhalb von nur dreieinhalb Tagen aus gut einhundert Konzerten auswählen? Auswahl ist das Stichwort der Stunde, denn Konzerte laufen zum einen parallel, zum anderen scheint der menschliche Geist eine begrenzte Kapazität für die Aufnahme von Musik zu haben. Ist diese erreicht, geht gar nichts mehr. Jazzahead heißt eben auch: Too much Jazz in my Head. Erst einmal aber höre ich im Rahmen der German Jazz Expo Simin Tanders Hochmittelalter- und Renaissance-Adaptionen, die kongenial von Jörg Brinkmann, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er mir nicht noch besser gefallen soll als Tander selbst, am Cello begleitet werden: Eine höchst sinnliche Vokalistin, die fühlt, was sie singt – und dieses Gefühl weiterzugeben weiß. Das komplette Kontrastprogramm liefern Botticelli Baby, die den Schlachthof mit wildem Balkan-Gipsy-Swing-Funkabilly und Punkattitüde aufmischen. Was soll ich sagen, ich mag dieses nordrhein-westfälische Septett, dessen Sänger (und gleichzeitig Kontrabassist) Marlon Bösherz sich nicht zu entscheiden vermag, ob er nun James Brown in Blue oder lakonischer Shouter sein will. Toll!

Dann geht es auch schon weiter mit der berühmt-berüchtigten Clubnacht, deren Auftakt niemand Geringreres als Beady Belle auf dem Domshof macht. Umsonst und draußen – eine weitere Neuerung des um die Messe herumgestrickten Festivalprogramms vor historischer Kulisse. Wieder toll! Ganz zu Ende sehen kann ich den Auftritt der norwegischen NuJazzer allerdings nicht, wartet doch die Jazzahead-Straßenbahn schon, um die Teilnehmer der VIP Partybahn Tour – einer Art geführten Clubnacht – für den Auftritt von Johanna Borchert in der Kulturkirche St. Stephani einzusammeln. Untermalt vom finnischen Elektroniker Mika Forsling entspinnt diese nicht nur allerlei avantgardistisches Geräusch am präparierten Flügel, sondern auch zauberhafte Lyrics zwischen dringlicher Spoken Word-Performance und zerbrechlicher Dubstep-Ballade.

Hier endet für mich die Führung, denn ich muss dringend ein Taxi in den Bremer Norden erwischen, um Susanna Wallumrød im fernab der Messe gelegenen Kränholm zu hören – immerhin hat sie als Susanna & The Brotherhood of Our Lady mit dem vertonten Hieronymos-Bosch-Gemäldezyklus „Garden of Earthly Delights“ jetzt schon eines meiner Lieblingsalben des Jahres gemacht. Wie bei allen meinen bisherigen Fahrten in den Bremer Norden, wo ich etwa letztes Jahr Noam Vazana im KITO ihre sephardischen Lullabys singen hörte, werde ich auch diesmal nicht enttäuscht. Wallumrød spielt in der intimen Location nicht nur die vor Todsünden triefenden Bosch-Stücke, sondern auch ihre ganz persönlichen Interpretationen von auf der Nachtseite der Musik beheimateten Lieblingssongs wie Leonard Cohens „Who By The Fire“ oder Joy Divisions „Love Will Tear Us Apart“. Ein stilles, ein schönes Messehighlight, nicht trotz, sondern gerade auch wegen des weiten Weges, der zum Nachklingenlassen geeigneter nicht sein könnte. Die Overseas Night, die in Konkurrenz zur Clubnacht noch bis 1:40 Uhr läuft, lasse ich leichten Herzens links liegen und falle beseelt in mein Hotelbett. Jazzahead macht eben nicht nur fertig, sondern auch in höchstem Maße glücklich.

Die Bildqualität des folgenden Videos bitte ich zu entschuldigen. Es wäre aber ein Fehler, das Stück deshalb nicht anzuhören:

Der Sonntag, sonst lediglich für Ausstellerfrühstück, hastiges Abbauen und letzte Verabschiedungen reserviert, bietet eine weitere Neuerung: Gleich nach dem Business Lunch im Schlachthof, bei dem es für mich ein Wiedersehen mit dem letztjährigen Geheimtipp Noam Vazana gibt, steht für das Abschiedskonzert Nordic At Noon das fünfzehnköpfige, mit doppelter Rhythmusgruppe und Elektronik besetzte Paar-Nilssen-Love Ensebmle auf dem Programm, dessen ebenso mann- wie lautstarke Freejazzklänge die Besucher nach drei Nächten des Schlafmangels mitten in die Magengrube treffen, nicht jedoch ohne den einen oder anderen Moment voll stiller Schönheit im Auge des Sturms zu bieten. Auf die Verkündung des Partnerlandes beim traditionellen Goodbye Breakfast hingegen warten wir vergeblich: Da die Jazzahead im kommenden Jahr ihr fünfzehnjähriges Bestehen feiert, hat man sich zum Jubiläum etwas Besonderes einfallen lassen, das erst in den nächsten Tagen enthüllt wird.

Fest hingegen steht schon jetzt, dass die Jazzahead 2019 mit 3.408 (2018: 3.282) Fachteilnehmern aus 64 Nationen und rund 18.000 Besuchern (2018: 17.362) erneut gewachsen ist. Dabei gibt es die Jazzahead genauso wenig wie den Jazz. Jeder erlebt seine eigene Messe. Dies war meine. Es gibt noch 3.407 andere.

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