10. Dezember 2012

Klangköpfe # 4: Kein Streichtrio, sondern eine Band (2/2)

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Im ersten Teil des Interviewportraits sprach ich mit B.S.O, dem BerlinerStreichOrchester, über seinen Anspruch an seine Musik, zu der auch immer untrennbar die Live-Performance gehört – und genau hier steigen wir mit dem zweiten Teil wieder ein. Außerdem verrät uns das Streichtrio, das sich lieber als Rockband sieht, warum es eine Trennung in sogenannte E- und U-Musik für unsinnig hält, wann wir endlich sein Debütalbum in den Händen halten können und dass Familie „schon irgendwie heilig“ ist – Gänsehautmomente inklusive.


Lina Liebhund lauscht …

Klangverführer: Wir sprachen gerade davon, dass Gunnar nicht mehr den Alleinunterhalter geben, sondern auch die Celli mehr in den Show-Teil eurer Gigs einbinden möchte …

Jupp: Ich finde diese Art von Bühnenperfomance gar nicht so schlimm, muss ich sagen, sie ist nur bislang relativ schwer realisierbar gewesen – und ist es immer noch. Das liegt daran, dass wir, zumindest teilweise, hinter den großen Instrumenten sitzen, außerdem hat nicht jeder von uns ein Mikrophon – meistens haben wir gerade mal eins, um Ansagen zu machen. Uns bei allem, was größer ist, als dieser Raum hier (zeigt auf den Proberaum um sich), hört uns das Publikum nicht, wenn wir unverstärkt reden. Die technischen Voraussetzungen würde ich persönlich jetzt noch in weiter Zukunft sehen.

Gunnar: Eine Voraussetzung dafür wäre – und da sind wir jetzt in der Richtung, aus der wir musikalisch herkommen: ich habe mir neulich Apokalyptika angeschaut, und die spielen größtenteils im Stehen und laufen dabei auch rum –, dass alles wireless funktioniert. Für unser aktuelles Bandbudget findet sich in dieser Kategorie nicht allzuviel, das heißt, wir müssen noch ein bisschen warten – aber künstlerisch sehe ich das schon als nochmaligen Entwicklungsschritt, den wir irgendwann mal gehen werden.

Johannes: Ich würde das auch eher in fernerer Zukunft verorten. Momentan sind wir noch an Probleme gebunden wie „Wie rennt man mit so einem Rieseninstrument quer über die Bühne“?

Jupp: Das lernt man auch nur in den Situationen, während man es tut! Wenn beispielsweise ein Gig ansteht, wo wir geplant haben, mal aufzustehen, proben wir das vielleicht auch mal – aber live ist es immer noch etwas komplett anderes. Wir spielen jetzt anderthalb Jahre zusammen, und noch sind neunzig Prozent der Gigs „gesessen“.

Ich finde das auch nicht schlimm, im Gegenteil! Es spricht doch nichts dagegen, sich auf die Musik zu konzentrieren anstatt auf die Show …

Jupp: Das kommt auf’s Publikum an. Es gibt ganz viele Menschen, die sind erst einmal total überfordert mit diesem „Woah, was machen die mit den klassischen Instrumenten?“ – und wenn wir dann noch stehen würden, dann würde die, glaube ich, abschalten und denken, „nee, das ist mir jetzt zuviel“. Aber wenn wir uns entspannt irgendwo in Berlin hinsetzen und dann so triomäßig beeinander, nicht nur für’s Publikum, sondern hauptsächlich auch für uns selbst etwas spielen, dann finden die Leute das toll. Da bleiben die stehen, denn sie denken, „Hey, was spielen die denn da? Das kenn‘ ich doch!“ Und da kommt wieder der Wiedererkennungseffekt zum Tragen. Die haben das zwar noch nie in dieser Form gehört, aber irgendwoher kennen sie es –

Johannes: Und das ist dann unsere Chance.

Gunnar: Vielleicht merkt man es, das ist auch ein kleiner, ewiger Diskussionspunkt zwischen uns dreien: Ich fordere natürlich, dass die Jungs viel mehr stehen …

Johannes: Ja, und manchmal tut mir das auch Leid für Gunnar. Weil der muss halt schon das meiste leisten, er rennt dann rum …

Gut, er muss die Show machen – aber ihr müsst die Musik machen!

Johannes. Ja, klar, wir haben vielleicht vom Kraftfaktor her in den Händen ein bisschen mehr zu tun … Aber das Entscheidende scheint mir, dass sich das noch entwickeln muss.

Gunnar: Es ist okay, so, wie es jetzt ist, das kommt auch meinem exhibionistischen Gehabe da auf der Bühne zugute, aber es wird darauf hinauslaufen, dass wir die Last gleichmäßiger verteilen – sowohl, was die Arrangements anbelangt, als auch, was die zukünftige Bühnenpräsenz angeht.

Du meinst, dass sich die Jungs showtechnisch nicht mehr hinter ihren Instrumenten verstecken können und du in der Rolle des Alleinunterhalters gefangen bist … Andererseits bist du derjenige in der Band, der neben B.S.O einem ganz normalen bürgerlichen Job nachgeht, während die Jungs Profimusiker sind, bzw. ein Profimusiker und ein angehender Profi. Wie fühlt man sich als Laie dazwischen? Kompensierst du diesen Status mit der Betonung des Showelements?

Gunnar: Das ist eine gute Frage. Für mich ist es eine Herausforderung, auf der Geige mit der Professionalität der beiden Celli mitzuhalten. Ich gebe ganz offen zu, dass auch meine Lernkurve nicht mehr so steil ist, wie bei den beiden, wenn ich mich verbessern will und im Interesse unserer Songs auch verbessern muss. Ich hoffe und es ist auch mein Ziel, dass ich da noch so lange wie möglich mithalten kann, aber die Frage trifft natürlich des Pudels Kern: Das, was ich da auf der Bühne mache, kompensiert natürlich eine ganze Menge. Alles, was in Richtung Show und Unterhaltung und auch Interaktion mit dem Publikum geht, ist schon eine Art der Kompensation dessen, aber natürlich auch eine Bereicherung im Sinne einer Vervollständigung des Gesamtangebotes an das Publikum.


… und latscht durchs Bild …

Auf eurer bald erscheinenden Platte fällt der visuelle Teil aber weg – und das, obwohl ich gerade gelernt habe, dass das Showelement bei B.S.O nicht nur eine wichtige Rolle spielt, sondern in Zukunft auch noch stärker hervorgehoben werden soll. Welche Bedeutung räumt ihr der puren Musik ein, welche der Show, anders gefragt: Ist B.S.O in erster Linie eine Live-Band?

Gunnar: Das ist eine Ergänzung – das kann nur eine Ergänzung sein! Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Und da wir jetzt das erste Mal im eigenen Studio sind und Aufnahmen machen, haben wir erfahren, dass das Recorden richtig, richtig schwere musikalische Arbeit ist. Ich selbst bin ein Live-Mensch. Ich stehe gern auf der Bühne und kommuniziere, ich gehe auf die Leute ein, ich geh hin, geh weg, ich tanz mit denen, ich leg mich hin … Im Studio bei den Aufnahmen soll ich mit einem Mal ganz ruhig sitzen. Das liegt mir so gar nicht und hat bei den Aufnahmen auch erstmal so einiges an Selbstdisziplin gefordert. Ich weiß nicht, inwieweit wir da effektiv waren beim Einspielen, was vor allem Quantität angeht – ich hab‘ pro Tag einen Song geschafft, mehr war einfach nicht drin.

Das ist doch eine gute Quote!

Gunnar: Aber um noch einmal auf deine Frage zurückzukommen, das muss eine Ergänzung sein. Unser Anspruch ist, dass wir live genauso klingen wie auf der Platte. Aber Live ist einfach … da muss man merken, dass die Jungs, die da vorn auf der Bühne stehen, beim Spielen auch mal daneben greifen, weil sie vor allem Spaß dran haben und richtig aufeinander eingehen. Wenn man die CD in den Player legt oder das File in den MP3-Player, dann muss das Gesamtbild von der Musikalität her stimmen. Auf der Bühne ist es Musikalität plus Show.

Ihr kommt ja aus der Live-Ecke, habt da angefangen und spielt seitdem unglaublich viele Shows … Ich kann mir vorstellen, dass er schwerfällt, dieses unmittelbare Gefühl auf Platte zu pressen. Ist das ein Grund, weshalb die Veröffentlichung des Albums immer weiter aufgeschoben wird? Erst sollte es voriges Jahr zu Weihnachten kommen, dann im Sommer, jetzt heißt es, dieses Jahr zu Weihnachten …

Jupp: Unter anderem. Vor allem aber liegt das daran, dass wir viele neue Ideen haben, dass unsere Arrangements nie so einen hundert-Prozent-Status erreichen – es wird immer etwas geben, was man daran noch so ein bisschen verändern kann, und dann wird das gemacht, und man hat noch eine gute Idee, macht auch das ein-, zweimal und sagt sich, „hey, das ist ja viel besser als das, was wir bisher hatten“, oder wir stellen fest, „ach nee, doch nicht“, und machen das wieder rückgängig …

Johannes: Obwohl wir auf dem Album versuchen, wirklich diesen finalen Status zu erreichen. Das ist jetzt neu. Dazu muss man auch sagen, dass ich, oder wir zusammen, die Songs noch einmal neu arrangiert haben, sobald die Nummern feststanden, die auf die Platte kommen. Wir haben uns überlegt, dass es einfach zu banal wäre, sie so einzuspielen, wie wir sie live spielen, und das allein war schon eine langwierige Arbeit.

Das beantwortet ja auch meine Frage nach eurer Musik, wenn die visuelle Komponente wegfällt … Ihr spielt auf der Platte also anspruchsvollere Arrangements!

Jupp: Ich will noch einmal was zu dem Unterschied CD und live sagen: Du hast recht, wir kommen vom Live her – und ein Grund dafür, dass wir das jetzt aufnehmen, ist – daneben, dass wir das alle auch selber wollten –, dass wir ständig gefragt wurden, „Habt ihr eine CD, habt ihr eine CD?“ Und insofern kann diese CD nur eine Ergänzung zu unserem Live-Ding sein, denn ich weiß nicht, wass die Leute erwarten, wenn sie – nachdem sie uns live gesehen haben – eine CD von uns einlegen. Ich persönlich könnte gar nicht dasselbe erwarten. Ich würde mich freuen, wenn der Song, den die Band live gespielt hat und der mir so gut gefallen hat, da drauf ist – aber ich würde jetzt … Keine Ahnung! B.S.O lebt auch davon, dass uns die Leute sehen, dass sie die Celli sehen und nicht nur hören! Dass sie immer gefragt haben, „Habt ihr eine CD, habt ihr eine CD?“, war einer der Gründe, dass wir uns gesagt haben, okay, nehmen wir mal ein paar Songs auf. Dass es jetzt so intensiv wird, dass wir wirklich noch mal die Arrangements überarbeiten – den Anspruch haben wir uns selbst gestellt.

Johannes: Wir stehen uns selbst im Wege. Aber im positiven Sinne.

Ich kann mir schon vorstellen, dass jemand, der euch auf einem Konzert sieht, die CD kauft, weil er das Live-Erlebnis ausdehnen möchte, weil er einfach ein Stück von euch mit nach Hause nehmen will …Die Frage, die sich mir stellt, ist eher: Was erwartet Leute, die euch noch nie live gesehen haben, auf dem Album?

Johannes: Das ist eine spannende Frage! Ich denke, mal auch ein Überraschungseffekt.

Jupp: Auf jeden Fall, weil diese Sache mit dem Covern auf Streichinstrumenten ist schon rein akustisch für die meisten neu …

Johannes: Ja, schon rein soundmäßig!

Jupp: Die Frage wäre hier, wie Leute, die uns noch nie gesehen haben, dazu kommen, die CD zu kaufen. Ich habe den Eindruck, dass die meisten sie nur kaufen würden, eben weil sie uns live gesehen haben! Ich kenne keinen, der über etwas anderes auf uns aufmerksam geworden ist.

Ach, ich glaube, das kommt auf die Art und Weise des Vertriebes an. Wenn sie jetzt beispielsweise auch als digitaler Download in die großen Online-Musikdienste wie Amazon oder iTunes eingespeist wird, liegt der Empfehlungsalgorithmus der Musicstores dahinter, nach dem Motto: Wenn Ihnen Apocalyptica gefällt, gefällt Ihnen bestimmt auch B.S.O, oder so ähnlich. Das sieht natürlich anders aus, wenn ihr nur einen Privatvertrieb geplant habt.


… um mit dem Jungs zu flirten – und die flirten zurück!

Gunnar: Ist das jetzt eine Frage? Also, es ist auf jeden Fall das Ziel, dass wir auch weltweit vertrieben werden, zumindest durch die ganzen neuen Medien. Mein Anspruch ist, was Leute erwartet, die, auch wenn sie uns noch nicht live gesehen haben, ein Album von uns kaufen oder downloaden, dass auf jeden Fall ein Unterschied zu hören ist zu den klassischen Ansätzen, wie sie üblich sind, beispielsweise bei Sterling EQ, die als Streicherband mit Querflöte unterwegs sind. Ich hab ganz hohen Respekt vor den vier Frauen, die das machen, aber mein Anspruch ist, dass die Leute, wenn sie uns sehen, nicht sagen, „aha, jetzt kommt Klassik, die Bon Jovis It’s My Live als kammermusikalischen Höhepunkt inszeniert“, sondern: „Mein Gott, was machen die auf diesen Instrumenten, das klingt ja so dirty …“

Jupp: Genau! Wir wollen unsere Instrumente sozusagen, nicht nur live, an ihre Grenzen führen!

Befreien von dem angestaubten Image?

Jupp: Ja, vom klassischen Schönklang. Das soll jetzt nicht heißen, dass bei uns alles kratzig und gedroschen klingt, sondern einfach nur, dass es eben auch mal so klingen kann, denn das ist auf Streichinstrumenten auch möglich! Wenn wir das machen, ist das nicht zwangsläufig immer gut oder immer passend, aber man kann es machen – und die Instrumente halten es aus!

Gunnar: Auch das muss man klar sagen: Es soll jetzt keine Revolution gegen die Kammermusik sein oder gar gegen die Klassik – es ist am Ende einfach eine andere Sparte, die wir bedienen.

Jupp: Wir nehmen unsere Inspiration einfach überallher, Kammermusik, Rockmusik, und dann machen wir unser eigenes Ding daraus!

Gunnar: Ich weiß gar nicht, ob die Zielgruppe da so riesengroß ist, wie wir das gern hätten – denn wir machen ja kein Crossover! Crossover ist so ein Mischmasch, irgendwie beliebig.

Da bin ich ganz auf deiner Seite! Ist es bei euch vielleicht eher so, dass ihr dem Rockfan das Herz öffnet für Kammermusikalisches und den Klassikfan auch für Rocksounds zu begeistern wisst?

Jupp: Na, das ist immer schwierig. Dann müssten wir ja auch Klassik spielen. Wir haben zwar darüber gesprochen, für bestimmte Anlässe ein kleines klassisches Programm im Repertoire zu haben, die Idee aber nie weiter ausgeführt. Das ist nämlich so eine Sache: Bei klassischer Musik gibt es viel mehr Leute, die einem da auf die Finger gucken und sich fragen, „Wie ist das denn interpretiert? Das ist doch eigentlich ein Mozart-Quartett für Holzbläser, warum haben die das jetzt auf Streichinstrumente übertragen und für einer Dreierbesetzung arrangiert?“ Bei klassischer Musik wird man immer sofort auf ganz andere Weise beurteilt. Deswegen: Klassische Musik spielen – mache ich persönlich gerne. Ist aber nicht Sinn und Zweck dieser Sache hier. Und dem Rockmusiker plötzlich ein klassisches Stück vorzuspielen – das würde dem gar nicht mehr gefallen. Dem gefällt es, dass er kennt, was wir spielen! Und das wäre nicht der Fall, wenn wir jetzt einen Mozart auf irgendeine besonders abgefahrene und rockige Weise spielen würden.

Johannes: Wenn ich ergänzen darf: Ich glaube, so ein bisschen auch unsere Mission, wenn wir sie auch noch nie formuliert haben, ist auch: Der Begriff „klassische Instrumente“ ist ja schon an sich ein Frevel, denn Klassik war damals einfach die Popmusik. Und wir leben im Hier und Jetzt und versuchen auch, so zu klingen! Es gibt Spezialisten, die können Barock viel besser spielen als wir – und machen es auch. Wir machen halt, was wir können.

Jupp: Heutzutage nennt man die Instrumente eben so, und das ist ein bisschen schade.

Johannes: Ja, das ist auch gleich so einschränkend!

Wobei ich diese U-Musik/E-Musik-Unterteilung für überholt halte …

Gunnar: Genau. Als wir neulich auf einer Hochzeit gespielt haben, kam einer danach zu mir, der war ganz schick im Anzug, und erzählte, dass er üblicherweise mit seiner Harley Davidson durch die Gegend fahre. Ich konnte mir den in Leder gar nicht vorstellen! Jedenfalls hat er gesagt, dass er unsere Musik so richtig cool findet. Und auf einmal hatten wir eine Ebene in der Diskussion, wo es gar nicht mehr um die Instrumente ging, sondern um die Musik. Damit war für mich so ein bisschen der Kulminationspunkt erreicht, dass wir das, was wir als Musik rüberbringen wollen, als Message rüberbringen wollen, auch wirklich rübergebracht haben. Egal, ob wir Gitarren spielen oder mit Streichinstrumenten.

Johannes: Jetzt hab‘ ich Gänsehaut!

Das wäre auch ein wunderbarer Schlusspunkt, aber eine Frage kann ich mir einfach nicht verkneifen: nämlich die nach diesem Familiending von B.S.O. Ich habe Anfang des Jahres ein Schwesternpaar interviewen können, das miteinander Musik macht, und sie sagten „singing with your sibling is just like singing with yourself“, weil du schon aus rein genetischen Gründen eine ähnliche Stimme hast, dass du dich in deinem Gegenüber wie im Spiegelbild fühlst … Lässt sich das auf Instrumentalisten übertragen? Macht man durch einen gemeinsamen Genpool Dinge unbewusst ähnlich, spielt man harmonischer zusammen, als wenn man nur befreundet, aber nicht verwandt wäre? Im Sommer hast du gesagt, die Verwandtschaft spiele keine Rolle, euer harmonisches Zusammenspiel liege vielmehr darin begründet, dass ihr die gleiche Ausbildung hättet.

Jupp: Ich erinnere mich, dass wir im Sommer schon mal intensiv darüber diskutiert hatten …

Johannes: … aber auch keine wirkliche Antwort gefunden haben …

Wir waren ja auch ziemlich betrunken … (Das sei uns verziehen. Es war am Tag von Köpfhörerhunds Beerdigung.)

Jupp: Ich persönlich würde heute sagen, das mit der Ausbildung ist wahr. Aber vielleicht, irgendwo ganz entfernt und ganz tief unterbewusst, spielt Verwandtschaft eine Rolle. Wichtiger aber ist: Wir sind auf einer Wellenlänge und kommen gut klar. Dass wir dann musikalisch auch auf einer Wellenlänge sind, ist natürlich ein Vorteil, den wir auch zu unseren Gunsten nutzen.

Gunnar: Und dabei spielt, zumindest aus meiner Sicht, das Familiäre eine immer untergeordnetere Rolle. Spätestens seit dem Zeitpunkt, seitdem wir einen eigenen Proberaum haben und aus dem elterlichen, familienbezogenen Umfeld des Übens raus sind, seitdem sind wir drei Freunde, die hier zusammensitzen.

Ihr seid als Band also nicht Onkel und Vater, Neffe und Sohn, Cousin und Cousin, sondern …

Gunnar: Ich hoffe mal nicht! Ich versuche, hier keinerlei väterlichen Aspekte einzubringen!

Jupp: Wenn mich jemand nach meinen beiden Mitmusikern fragt, sage ich zwar immer, das sind mein Cousin und mein Vater, aber dieses Familiäre verläuft sich immer mehr. Wir sind nicht mehr das Familienprojekt, das wir am Anfang waren und das gesagt hat, hey, du spielst Geige, wir spielen beide Cello, wir können ja mal so’n bisschen Metallica covern. Es war günstig, dass es so angefangen hat, es hat uns den Start erleichtert, aber das steht jetzt nicht mehr im Vordergrund.

Gunnar: Sonst könnten wir auch den ganz am Anfang formulierten Anspruch an die Demokratie innerhalb der Band nicht aufrecht erhalten.

Jupp: Dann wärst du der Patriarch!

Gunnar: Können wir ja mal drüber nachdenken – müsste aber auch wieder mit absoluter Mehrheit dafür gestimmt werden …

Jupp: Sieht also schlecht für dich aus.

Johannes: Ich würde hier noch einmal gern etwas loswerden: Ein ganz wichtiger Punkt bei dem Thema ist Vertrauen. Und das ist etwas, das uns auch den Einstieg so leicht gemacht hat. Familie ist schon … auch ein bisschen heilig. Das stand uns nie im Wege. Es wäre auch okay, wenn wir nicht verwandt wären – aber es wär‘ schade.

Gunnar: Jetzt hab‘ ich auch Gänsehaut.


Hat eben einen guten Geschmack, der Hund!

13. November 2012

Klangköpfe # 4: Kein Streichtrio, sondern eine Band (1/2)

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 13:00

Treue Leser wissen: Ich mag Coverplatten. (Ja, auch Plattencover, aber das ist ein anderes Thema.) Das liegt gar nicht mal daran, dass einem Neuinterpretationen bekannter Stücke eine bislang ungekannte Sichtweise auf den Song eröffnen können. Der Grund ist viel profaner: Ich finde, es gibt schlicht zu viel Musik in der Welt. Anstatt die musikalische Neuerfindung des Rades, auf Teufel komm raus und weniger gut gemacht, anhören zu müssen, höre ich da dich lieber etwas Bekanntes, neu gemacht, gut gemacht. Womit wir mitten im Thema wären, denn auch B.S.O – kurz für: Berliner Streich Orchester – ist gewissermaßen als Coverband entstanden, mehr noch, als Coverband einer Coverband, hatte man ursprünglich doch vor allem die Songs der Metallica-Interpreten Apocalyptica im Programm. Und eine Platte soll es demnächst auch geben.

Aber lassen Sie mich den Bogen etwas weiter spannen. Der Nikolai-Tomás-Song Ich kenn‘ dich doch von Facebook könnte auch diesem Bandportrait vorangestellt sein, denn – wie alle Klangköpfe bisher – waren auch die Jungs von B.S.O waren zunächst Facebook-Freunde von mir, bevor wir uns auch außerhalb der virtuellen Welten begegneten. Es war Sommer, ich langweilte mich und trat der ersten – und einzigen– Facebook-Gruppe bei, in der ich je war. Dort trieb auch ein gewisser Gunnar Wegner (45) sein Unwesen. Sein Profilbild zeigte ihn geigespielend am Strand, halb kopfherum liegend. Mit der unglaublich intelligenten Frage „Bist du Geiger?“ schrieb ich ihn an. War er, stellte sich heraus – und hatte noch dazu mit Jupp Wegner (18) einen cellospielenden Sohn und mit Johannes Fischer (26) einen ebenfalls cellospielenden, sich dazu aber noch als Arrangeur, Toningenieur und Produzent betätigenden Neffen im Angebot, kurz: ein komplettes, musikalisch wie tontechnisch autonomes Streichertrio.

Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis man mir den „Giftschrank“ mit frühen Aufnahmen öffnete und mich zudem zu einem kleinen Showcase der Drei lud. Seitdem verfolge ich nicht nur ihre Entwicklung sporadisch – auch hat sich eine lockere Freundschaft ergeben. Okay, mehr noch: Die beiden Cellisten und ich sind Alumni desselben Musikgymnasiums. Ich habe die Texte für ihre Homepage geschrieben. Nicht zuletzt haben die zwei Jungs auf der Beerdigung von Kopfhörerhund gespielt, wofür ich ihnen für den Rest meines Lebens zu Dank verpflichtet bin.

Soviel also zur Offenlegung meiner persönlichen Verflechtungen mit der Band. Doch auch, wenn die Klangköpfe-Serie nicht hochgradig subjektiv besetzt wäre, hätte ich Ihnen B.S.O nicht vorenthalten wollen. Allein die öffentlichen Proben der Band sind ein Phänomen – ob im Lustgarten vor dem Dom oder auf der Wiese im nächstgelegenen Volkspark: Die Musiker kündigen sie kurz vorher bei Facebook an, fahren hin, packen ihre Instrumente aus, sind im Nu spielbereit und ebenso schnell wieder verschwunden wie sie gekommen sind. Ich nenne das gern Streicher-Flash- Mob und gebe zu, dass ich selten unprätentiöseres Musizieren erlebt habe. Da wird nicht lange rumgestimmt und eingespielt und Divengehabe fabriziert, sondern einfach gespielt. Und wie die Tiere bei der Bergpredigt fühlen sich die Menschen von den drei Musikern angezogen, schauen, bleiben stehen, grooven mit. Kurz gesagt: B.S.O ist eine kleine Sensation.

Nach etwa anderthalbjährigem Bestehen der Band haben wir uns zusammengesetzt und darüber gesprochen, weshalb man nicht dem Kammermusikklischee entsprechen möchte, dabei aber dennoch keinesfalls eine Revolution gegen die Kammermusik im Sinn hat, warum die Menschen die Band nicht nur hören, sondern vor allem auch sehen sollen, was er mit Sitzen versus Stehen auf sich und was der Wiedererkennungseffekt damit zu tun hat, woran man scheitern kann, weshalb wahre Größe auch mal im Verzicht liegt, ob die bandinterne Unterteilung in eine Kreativabteilung und eine, die wie ein Schäferhund seine Herde den „Mechanismus B.S.O“ zusammenhält, auch in Zukunft Bestand haben kann – und weshalb Blut dann doch dicker ist als Wasser.

Und da drei Musiker naturgemäß mehr zu erzählen haben als einer, gibt es die Klangköpfe erstmalig als Zweiteiler, der im Dezember fortgesetzt wird. Jetzt aber erst einmal viel Spaß mit dem ersten Teil!

Klangverführer: Ihr habt ja ursprünglich zum Spaß als Coverprojekt angefangen – ich glaube, es ging um eine Geburtstagsüberraschung –, davon habt ihr euch aber mittlerweile emanzipiert und habt nicht nur anspruchsvolle Adaptionen von beispielsweise Filmmusiken für Streichtrio, sondern auch Eigenkompositionen im Repertoire. Gibt es sowas wie eine künstlerische oder kreative Vision des B.S.O?

Jupp (an die anderen gewandt): Will jemand? (Zu mir): Du hast schon recht. Der Uranspruch war auf jeden Fall, das zu machen, was wir mögen – und von dem wir glauben, dass es auch die Menschen draußen mögen. So. Das hat sich dann aber, das hast du eigentlich schon richtig festgestellt, im Laufe der Zeit professionalisiert. Und unser Anspruch ist gewachsen.

Gunnar: Es sind sowohl der Anspruch gewachsen als auch die Verarbeitung des Feedbacks aus dem Publikum, aus den Konzerten, die wir spielen. Da merkt man ja, wie die einzelnen Stücke ankommen. Und da merken wir auch, dass Stücke, die wir selber sensationell gut fanden, auf der Bühne von uns wohl nicht so transportiert werden können, wie wir das wollten und demzufolge auch beim Publikum nicht so gut ankommen. Ein Beispiel ist hier der „Sonderzug nach Pankow“: Ich war der festen Überzeugung, das wird jetzt der Hammer-Hit! Jetzt spielen wir ihn nicht mehr …

Johannes: Der war irgendwie schwierig. Dabei war er eigentlich gar nicht schlecht arrangiert …

Jupp: Aber wir haben einfach nicht zum Grooven gebracht.

Kann man sagen, dass das euer Anspruch ist: Ihr wollt Stücke zum Grooven bringen? Du hast das gerade so schön formuliert …

Alle drei: Kann man so sagen, ja. Muss man auch so sagen!

Gunnar: Also, wenn es uns auf der Bühne keinen Spaß macht, das Publikum aber völlig abgeht, dann sind wir es dem Publikum vielleicht noch schuldig, unserem käuflichen Charakter Rechnung zu tragen – aber eigentlich muss für uns beides passen. Es geht aber auch andersrum, und das ist sogar öfter der Fall, dass wir Stücke reingenommen haben, ohne zu wissen, wie kommen die draußen an – zum Beispiel den Dire Straits-Song, den wir hier gerade gespielt haben, das ist ein cooler Song, den kennt jeder –, und natürlich war die Hoffnung da, dass das Publikum das auch dankbar annimmt. Dann aber hat es das Publikum sogar so dankbar angenommen, dass wir dann noch eine richtige Spaßnummer daraus gemacht haben – es gibt dabei immer eine kleine Battle auf der Bühne, welches Tempo Hannes heute anschlägt und ob wir mit dem noch mithalten können!

Stichwort Spaßnummer: Es gibt ja einige populäre Bands, die auch als Spaßprojekt begonnen haben, und dann groß geworden sind, beispielsweise The BossHoss mit ihren Spaß-Country-Covern. Könnt ihr euch das auch für euch vorstellen – oder ist B.S.O von vorn herein als zeitlich befristetes Projekt angelegt?

Jupp: Ich würde das nicht ausschließen. Was auch immer die Umstände sein sollten, dass es mal dazu kommt, dass uns irgendeiner ein Angebot macht … Wir würden dann auf jeden Fall intensivst darüber nachdenken. Wir standen ja schon mal vor einer ähnlichen Situation, als man uns das Angebot gemacht hat, in einer Casting-Show aufzutreten … Also, ausschließen würde ich das auf keinen Fall. Momentan macht es Spaß, so wie es ist, und mehr zu erzwingen fände ich falsch, aber wir sind offen mitzugehen mit der Entwicklung und dem, was sich so ergibt. Wenn wir alle drei der Überzeugung sind, jetzt ist der richtige Zeitpunkt und jetzt läuft’s – dann wird es so sein.

Wo du gerade sagst, wenn ihr alle drei der Überzeugung seid – ihr seid ja alle absolut unterschiedliche Charaktere. Wie kriegt man die unter einen Hut, gibt es da Reibereien, gibt es einen Entscheider, oder, anders gefragt: Ist B.S.O eine Demokratie?

Johannes: Haben wir tatsächlich mal so festgelegt, dass alle mit 33,333 Prozent stimmberechtigt sind.

Jupp: Wir wollen Entscheidungen tatsächlich nur mit absoluter Mehrheit treffen, das ist nicht immer einfach. Wenn es sich vermeiden lässt, wollen wir keine zwei-gegen-eins-Entscheidungen. Bei der Auswahl der Musikstücke manchmal schon, aber wenn es andere Dinge betrifft, wird das persönliche Interesse von jedem Einzelnen berücksichtigt.

Johannes: Zum Beispiel die Volbeat-Nummer, die wir vorhin gespielt haben, die kannte ich vorher gar nicht, Gunnar auch nicht. Jupp hat sie quasi „eingeschleppt“, und anfangs war die gar nicht so mein Ding. Und jetzt lieben wir das Stück!

Gunnar: Aber wenn es darum geht, ob wir auf irgendwelchen bestimmten Events spielen wollen, da wird mit allen Rücksprache gehalten. Ich würde aber gern noch etwas zu der Frage von vorhin sagen, zu der Vision der Band und dazu, wie wir zum Erfolg stehen. Das einfache Warten auf den Erfolg ist natürlich auch bloß die halbe Wahrheit. Also ein bisschen was dafür tun muss man schon und muss auch ganz gezielt im Organisatorischen tätig werden, was Netzwerke angeht, was Verbreitung angeht, was Gigs angeht, und auch ganz gezielt die Balance schaffen zwischen den Gigs, die wir kommerziell bestreiten und denen, die wir dann auch pro bono machen, um bekannter zu werden. Ein klassisches Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist, dass wir als Vorband von Mike Kilian, dem Rockhaus-Sänger, gespielt haben – das war für uns gar keine Frage, dass wir das einfach so machen, um uns diesem Publikum vorstellen zu können. Ich denke, wir können in dieser Zielgruppe einen sehr großen Zuspruch erreichen, und da gibt es auch mit der demokratischen Abstimmung bei B.S.O kaum Schwierigkeiten.

Ich habe Jupp auch gar nicht so verstanden, dass ihr faul auf den Erfolgt wartet, sondern eher, dass ihr ein sehr relaxtes „go with the flow“-Motto verfolgt, dass ihr einfach sehr offen für die Möglichkeiten des Moments seid.

Jupp und Johannes: Ja, und genau so ist die Band ja auch entstanden!

Gunnar: Das sollte auch kein Widerspruch sein, nur eine Ergänzung.

Lassen wir doch das Thema Zukunftsvision hinter uns und widmen uns ganz konkret eurer Musik. In eurer Eigenwerbung kann man lesen, ich zitiere: „Wer Brian Adams ohne Pathos, Nina Hagen ganz relaxed oder Lady Gaga mit Stil und Anspruch erleben will, ist beim B.S.O genau richtig.“ – Was muss ein Song haben, um die Ehre der B.S.O-isierung zu erfahren?

Gunnar: Da lehne ich mich mal ganz entspannt zurück und überlasse die Antwort der Kreativabteilung!

Jupp: Er nennt uns immer Kreativabteilung, dabei wählt er auch die Songs aus, die wir beide dann arrangieren. Aber um die Frage zu beantworten: Wir spielen Sachen, die uns gefallen, und zwar mit dem Anspruch, sie durch unsere Interpretation so nach außen zu tragen, dass sie dann den anderen auch gefallen.

Johannes: Genau. Es geht gar nicht darum, sich hinzustellen nach dem Motto „Wir können das besser“, sondern wir bringen die Songs einfach auf einem völlig anderen Level. Ich meine, Streichertrio versus Rockband – da verbietet sich jeder Vergleich!

Jupp: Es sollen gar keine Coverversionen im engeren Sinne sein, sondern eher Interpretationen. Es geht um eine neue Interpretation der Songs, und wie wir die auswählen …Das ist pauschal schwierig zu beantworten.

Johannes: Da gibt es kein Prinzip, das kommt drauf an!

Jupp: Ein Beispiel: Ich höre Musik, in der Bahn, die Playlist, die ich mir für meinen MP3-Player gemacht habe, und bei zwei Dritteln der Songs überlege ich, könnte man den machen?

Das heißt, es geht dann doch nicht nur um „gefällt mir“, sondern Machbarkeit ist definitiv auch ein Kriterium!

Jupp: Das stimmt natürlich. Da kommt es auch auf das Arrangement des Songs an sich schon an. Wenn der jetzt mit einem anspruchsvollen, aber vor allem markanten Piano-Riff versehen ist … Es ist immer schwer, so etwas auf Streichinstrumenten nachzuahmen! Oder, wenn der Song total Akustikgitarren-lastig ist, das den Song aber ausmacht, dann kann man das …

Johannes: Das ist nicht unmöglich, aber …

Jupp: Es ist nicht unmöglich, aber der Wiedererkennungsfaktor ist dann einfach nicht so gegeben wie bei denen, die wir bisher für uns arrangiert haben.

Und ihr wollt schon, dass man den Song wiedererkennt, und nicht, dass man den Song wie manche Jazzer dermaßen dekonstruiert, dass man als Hörer schon kaum noch weiß, worauf er eigentlich beruht?

Jupp: Nee, eben nicht! Wir wollen ja, dass die Leute diese Songs erkennen und unsere Version … schön finden. Oder zumindest akzeptieren. Nicht zwangsläufig vergleichen, nach dem Motto, hey, das klingt aber im Original viel cooler, aber dass sie unsere Version davon eben auch schön finden – und natürlich auch wiedererkennen. Wir müssen da jetzt nicht exzessiv etwas verändern.

Johannes: Was man vielleicht noch zur Auswahl sagen kann – wir haben jetzt vielleicht ein, zweimal die Situation gehabt, dass wir unser Repertoire gesichtet und festgestellt haben, uns fehlt vielleicht hier eine Ballade und da eine rockige Nummer. Und daran haben wir uns dann orientiert – sind aber natürlich trotzdem unseren geschmacklichen Präferenzen gefolgt.

Wie viele Songs habt ihr im Moment in eurem Repertoire?

Johannes: Knapp fünfzig?

Gunnar: Wobei darunter ein paar sind, die wir zwar noch auf unserer offiziellen Setlist haben, die wir aber gar nicht mehr spielen, zum Beispiel dieser „Sonderzug nach Pankow“. Wir geben ja auch unseren Kunden, selber mit Einfluss auf das Programm zu nehmen, wenn die sagen, da gibt es einen Song, den wollen wir ganz besonders hören, oder den wollen wir sogar unbedingt hören – da prüfen wir dann, ob er für uns arrangierbar ist – und wenn ja, spielen wir den dann auch –, aber wenn sich die Leute beispielsweise „Sonderzug nach Pankow“ aussuchen, dann spielen wir ihn trotzdem nicht.

Johannes: B.S.O versucht sich auch treu zu bleiben!

Gunnar: Ich find‘ es auch immer schön, wenn wir – das ist jetzt schon mehrfach passiert – nach den Konzerten angesprochen werden, „im zweiten Set der dritte Song – war das der oder war das der?“, und ich sag dann, „ja, das war der und der“, und die Leute wieder, „oh stimmt, mir ist nur der Titel nicht eingefallen“ – das ist natürlich auch ein großer Unterschied zu den „normalen“ Coverbands, die auch singen …

Das geht mir mir euren Sachen auch so! Ich denke immer, „du kennst das irgendwoher“, aber woher, will mir nicht einfallen.

Gunnar: Das passiert ganz oft, und ich glaube, damit spielen wir mittlerweile auch ganz bewusst. Das wird uns aber nicht dazu führen, dass wir jetzt wirklich völlig unbekannte Songs spielen, und auch nicht dazu führen, dass wir die bekannten Songs, von denen wir wollen, dass sie erkannt werden, so verjazzen oder ver-improvisieren, dass sie noch schwerer wiedererkennbar sind.

Jupp: Genau, dadurch, dass wir instrumental sind und also der Text wegfällt, ist unser Anspruch, das Ganze so zu arrangieren, dass die Leute den Song auch ohne Text wiedererkennen.

Dass sie den Text im Kopf mithören …

Jupp: Genau, dass sie ihn mitsingen können, während wir ihn halt nur spielen.

Gunnar: Das ist, glaube ich, auch ein Unterschied zu etlichen anderen Formationen, die mit Streich- oder zumindest klassischen Instrumenten unterwegs sind: Die verfolgen ganz oft den Ansatz, dass sie mit Klassik-Stücken anfangen, die sie dann verrocken. Da kommt dann mal ein Synthi dazu oder auch mal ein Schlagzeug …Das ist aber gar nicht unser Ansatz! Wir sagen von vornherein, wir …

Jupp: … nehmen unsere Instrumente, wie sie sind.

Gunnar: Wir nehmen die Hits und prüfen, ob sie für uns arrangierbar sind. Ein Song, den ich leidenschaftlich gern machen würde, der aber einfach nicht geht, ist „Our House“ von Madness. Ein Hammersong, aber der hat diese Trompeten drin, der hat richtig viel Gitarren drin, richtig viel Melodie drin – das schaffen wir zu dritt gar nicht! Und das sind dann so Objekte, an denen scheitert man. Schade eigentlich.

Johannes. Ganz selten gibt es da Ausnahmen, zum Beispiel „Blackbird“ von den Beatles. Das ist ein reines Gitarrenstück – und irgendwie haben wir es aber trotzdem geschafft. Das ist aber eher selten.

Gunnar: Und das ist das Entscheidende! Wir machen es dann eben nicht auf Gedeih und Verderb, weil uns zum Beispiel „Our House“ von Madness so gut gefällt, dass wir es unbedingt machen, und erzwingen es, sondern sagen lieber, nee, wahre Größe liegt im Verzicht … und dann lassen wir’s.

Jupp: Amen.

Eure Stücke haben ja eben durch die Arrangements einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Gerade bei euren frühen Cover-Versionen und auch dem Streichersatz, den ihr für Vlad in Tears gemacht habt, hört man nach ein paar Takten, ah, das ist B.S.O. Wie entsteht so ein Arrangement, möchte ich wissen, wie geht ihr da heran, wer zeichnet dafür hauptsächlich verantwortlich?

Johannes: Das ist so ein Geben und Nehmen zwischen Jupp und mir. Vielleicht hatte ich dieses Jahr damit ein bisschen mehr zu tun, weil er noch nebenbei ein Abitur zu bewältigen hatte …

Jupp: Wobei wir jetzt auch probieren, wenn Melodiestimmen zu spielen sind, diese textgenau anzupassen – das ist ein neuer Ansatz aus der letzten Zeit. „Silbengetreu“ klingt jetzt voll deutsch-kleinkackerig, aber das ist genau das, was wir wollen: Dass die Leute anhand der verschiedenen Silben beispielsweise auch die zweite Strophe von der ersten unterscheiden können. Und weil die Geige eben öfter mal eine Melodie hat als ein Cello – wobei wir das in letzter Zeit auch ganz gut gemischt gekriegt haben –, ist da jetzt auch ein Teil, den Gunnar an den Arrangements hat. Ansonsten, was jetzt das Satzschreiben angeht oder welche Art von Begleitung man versuchen kann, das ist …

Johannes: Das ist viel Ausprobieren und Dazulernen! Ich glaube, wir haben auch im letzten Jahr genau für diese Besetzung gelernt zu arrangieren.

Habt ihr euch auch schon mal „ver-arrangiert“, also, dass beispielsweise ein paar Dinge per Midi entstehen, sich in der Realität aber als unspielbar erweisen?

Jupp: Selten, aber gibt es schon. Da hat man dann das Midi-Arrangement immer wieder gehört, ein paar Noten davon gemacht und gesagt, spielen wir es mal, und dann merkt man entweder, es groovt einfach nicht, dann müssen wir irgendetwas ändern, oder wir merken, das ist zwar irgendwie nett gemeint, aber nicht spielbar, dann müssen wir es auch ändern. Eigentlich sind wir aber professionell genug, dass wir nur das schreiben, was wir auch spielen können, aber manchmal gibt es dann eben doch kleine Ausnahmen, wo wir dann denken, hey, so eine Hand habe ich gar nicht, das ist ja voll unmöglich, das zu spielen – drei Saiten auf einmal gehen eben nicht!

Wenn ihr sagt, eigentlich passiert das nicht, weil ihr eben gelernt habt, genau für eure Dreierbesetzung zu schreiben – ist es nicht ein bisschen so, dass man als Arrangeur, wenn man für dieses Trio schreibt, von Anfang an ein bisschen limitiert ist, weil du zum Beispiel schon immer ein Cello zum Achtelschrubben abkommandieren musst, um den Beat oder die Rhythmusgruppe zu imitieren …

Johannes: Ja, das stimmt …

Jupp: Manchmal spielen wir ja live auch mit einem Schlagzeuger, aber da ändert sich trotzdem nicht viel für uns, denn jede Band, die wir covern, hat neben ihrem Schlagzeuger noch einen Bassisten oder einen Gitarristen. Das einzige, was wir dann ändern, ist vielleicht, dass wir beim Spiel dann nicht so viel Wert auf perkussive Betonungen legen, wenn wir mit einem Schlagzeuger spielen. Ohne müssen wir tatsächlich irgendwie einen Schlagzeuger „imitieren“; und der, der die Schrammeleien hat, gibt auch die Harmonie.

Johannes: Man könnte sagen, wir sind nicht immer ein typischer Streichersatz – wobei es diese Stellen natürlich gibt –, sondern wir sind eine Band. Jeder hat seine Rolle.

Gunnar: Wir versuchen auch ganz bewusst, die eher aus der Kammermusik herrührende Dreisätzigkeit zu vermeiden bzw. ganz gezielt einzusetzen oder sogar zu überhöhen, indem wir sie auf der Bühne auch mit nachgerade choreographischen Elementen – Stichwort: Endlos-Ritardandi – präsentieren.

Jupp hat ja vorhin schon angedeutet, dass du, Gunnar, mittlerweile auch in den künstlerischen Schaffensprozess mit einbezogen bist. Bis jetzt hast du aber immer die Jungs als „Kreativabteilung“ bezeichnet. Da drängt sich mir die Frage auf, in was für einer Abteilung du bei B.S.O beschäftigt bist – neben dem Geigespielen, meine ich.

Gunnar: Erst einmal die Texte auswendig lernen, damit wir die Stücke auch silbengetreu hinkriegen; und wenn ich keine Lust mehr auf das Geigen habe oder merke, dass die Intonation an dem Tag irgendwie schlecht ist, nehme ich mir auch mal das Mikro und sing einfach – die Texte kann ich ja!

Das war jetzt aber ein Scherz, oder?

Gunnar: Ein bisschen überreizt, ja. Das wird so nicht passieren. Aber wenn wir in Richtung Party und gute Laune unterwegs sind, spielen auch gesangliche Stücke eine Rolle. Die überzeichnen wir dann natürlich richtig, was dann auch die Unterstützung der Celli angeht, Keimzeit, Ärzte, Reinhard Mey, Sportsfreunde Stiller, so etwas spielen wir dann. In dieser Kategorie kann dann auch jeder mitsingen und die Leute haben richtig Spaß! Ansonsten ist meine Aufgabe, den ganzen Mechanismus B.S.O vom Organisatorischen her in Schwung zu halten – wobei es übertrieben wäre zu sagen, dass ich das ganz allein mache. Aber einfach eine Struktur hineinzubringen und dafür zu sorgen, dass diese Struktur, und auch die Systematik, die wir da haben, auch in Richtung „Wie wollen wir uns entwickeln?“, „Wo wollen wir mal hin?“, am Rollen bleibt, dass der Ball weiterrollt. Auch, was Gigs angeht, was Verhandlungen angeht, was das ganze Rechtliche und Finanzielle angeht – da hab‘ ich so ein bisschen die Hand drauf.

Johannes: Er hält uns den Rücken frei!

Also eigentlich das Management der Band, richtig? Ich weiß aber auch, dass du auf der Bühne derjenige bist, der den Alleinunterhalter macht, der das Publikum abholt – im Prinzip hast du also so eine Zwitterrolle …

Gunnar: Ja, wenn man das jetzt als kreativen Teil bezeichnen möchte …

Die Jungs: Klar!

Es sind zumindest keine Managementaufgaben …

Johannes: Öffentlichkeitsarbeit!

Gunnar: Im engsten Sinne, sogar! Da kommt wahrscheinliche meine exibionistische Ader durch: Ich rede gern vor vielen Leuten und ich kann das auch ein bisschen … Nein, im Ernst: Scheinbar habe ich ein bisschen Gespür dafür, die Leute auf unsere Seite zu ziehen und dafür zu begeistern, was wir machen. Und das klappt meistens auch ganz gut, ich mache das leidenschaftlich gern. Die beiden (zeigt auf die Jungs) haben mir jetzt schon angedroht, dass sie demnächst auch damit anfangen wollen, ein bisschen auf der Bühne zu reden … Es wird der Tag kommen, wo wir uns auf der Bühne auch Wortduelle liefern werden, die entweder ganz spontan entstehen oder aber einstudiert sind, aber dann natürlich ganz spontan aussehen …Bis dahin ist es noch etwas hin, aber ich freue mich darauf!

Das hat Ihnen gefallen? Im Dezember geht es weiter mit dem zweiten Teil dieses schönen Interviewportraits – und ein weiteres exklusives Video gibt es auch. Freuen Sie sich schon einmal darauf!

14. Oktober 2012

Klangköpfe # 3: Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden oder: Ich bin kein unruhiger Mensch – aber ein ruheloser. Der Traveler im Interviewportrait

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , — VSz | Klangverführer @ 17:42

Den Chemnitzer Musiker Falk lernte ich über Johnny Cash kennen. Besser gesagt über die Neuauflage von Cashs Autobiographie, die ich für fairaudio besprochen hatte. Falk hatte sie bei Amazon bestellt und stolz ein Foto seiner Neuerwerbung ins Netz gestellt. Gute Menschen kennen gute Lieder, dachte ich mir, und kurz darauf waren wir be-e-freundet. Okay, vorher hatte noch eine gemeinsame Freundin, die Altenburger Sängerin Franziska Brendel, ihre Hände im Spiel. Mit der habe ich vor einem oder zwei Jahren einen herrlichen Weiberabend bei dem einen oder anderen (eher dem anderen) Glas Wein verbracht – sie vor ihrem Computer in Altenburg, ich vor meinem Laptop in Berlin. Aber das ist eine andere Geschichte.

Da jedenfalls weder aus meinem geplanten Chemnitz-Besuch im Frühsommer, wo Falk mit seinem neuen Duo Diamonds&Rust spielte, noch aus seinem beabsichtigten Konzert in meiner Berliner Küche etwas geworden ist, dachten wir uns: Treffen wir uns doch in der Mitte! Und so kam es, dass ich mit Lina Liebhund an einem schönen Samstagmorgen im September passend zu Falks Künstlernamen Traveler nach einem im Landkreis Elbe-Elster gelegenen Städtchen namens Doberlug-Kirchhain travelte. Übrigens kostete – ich erwähne das aus Gründen der Verhältnismäßigkeit – mein Bahnticket 13,70 Euro, während man für Linas 9,90 Euro haben wollte. Ob sie dafür wenigstens auch einen Sitzplatz bekommt?, fragte ich mich.

Den bekam sie nicht, dafür aber einen im Auto des Travelers, mit dem es raus zur Klosterschänke am Schloss Doberlug ging, einem Restaurant mit ungarisch angehauchter Speisekarte, erstaunlich gutem Essen und sehr netter, hundefreundlicher Bedienung, noch dazu mit herrlichem Blick auf die spätromanische Backstein-Basilika der Klosterkirche und das behutsam modernisierte Refektorium des Klosters Dobrilugk. Ein Ausflug dahin lohnt sich auch dann, wenn man hier nicht den Traveler zum Interview und zur fröhlichen Einkehr trifft. Deutlich weniger lohnt sich ein Besuch von Steins Wein- und Bierstuben, der in seiner Unerfreulichkeit vermutlich aber nur die Vorbereitung auf die Meisterleistung der Deutschen Bahn war, welche Lina und mir auf der Rückfahrt einen unfreiwilligen, anderthalbstündigen, spätnächtlich-kühlen Aufenthalt in Falkenberg (Elster) bescherte. Nein, das ist nicht das Falkenberg bei Berlin-Hohenschönhausen, wo mein Emilyhund begraben liegt. Das ist das Falkenberg, wo der Hund schlechthin begraben liegt. Da gibt es nachts nämlich nichts. Die Nazis vor der örtlichen Pizzeria waren aber sehr nett zu uns.

Mittlerweile sind wir wieder glücklich zu Hause angekommen und freuen uns, dieses schöne, weil bescheidene und dabei ziemlich schlaue, Interview mit Ihnen zu teilen. Lesen Sie über des Travelers musikalische Erweckungserlebnisse, über die Unmittelbarkeit des Übertrags seiner Musik auf die Gitarre, darüber, dass man mit Frauen nicht streitet und weshalb er seine eigenen Songs, die ihm gewissermaßen zufliegen, nur ganz selten live spielt. Für den Klangblog hat er allerdings eine Ausnahme gemacht und uns neben einem Johnny Cash- und einem Gerhard Gundermann-Cover auch eine Eigenkomposition geschenkt. Viel Freude damit!

Klangverführer: Du bereist Thüringen seit einiger Zeit unter dem Namen Traveler. Erzählst du mir, wann und wie dieses Alter Ego entstanden ist?

Traveler: Also prinzipiell als Name verwendet habe ich das seit 2007 – damals war das aber noch ein Duo. Ich bin gerade von meinen „Wanderjahren“ wiedergekommen – ich bin im Westen drüben gewesen, in den „gebrauchten Bundesländern“, hab da ein bisschen rumgewohnt und verschiedene Geschichten gemacht, die Versicherungssache, beispielsweise. Und als ich wiederkam, habe ich einen Bekannten getroffen, der hat gerade angefangen, Geige zu spielen und wollte auch wieder so bühnenmäßig ein paar Dinge machen. Das konnte er aber nicht alleine, und so hat er gesagt: Komm, wir machen jetzt ein Duo. Und das erste, was mir dazu eingefallen ist, war „Traveler“. Im Prinzip deswegen, weil dieses Wort für mich eine ganze Menge bedeutet; es ist assoziiert mit dem „Zigeunerblut“, was ich immer so ein bisschen hatte, dass ich immer herumziehen musste, immer ein bisschen etwas sehen, irgendwo immer etwas Neues erleben und nicht immer das Gleiche um mich haben, und dementsprechend hatte ich dieses Wort schon lange im Kopf. Ich wusste nur nie, wofür es gut ist – dann hat sich aber herausgestellt, dass es ein guter Duo-Name ist. Und als es kein Duo mehr war, ein guter Alleinmusikername …

Wo du gerade diese Sache mit der Unruhe ansprichst, nimmst du schon ein bisschen meine zweite Frage vorweg. Ich wollte wissen, ob die Wahl des Symbols der Wanderers, zu dem ja nicht nur das Fernweh gehört, auch etwas mit dem Gefühl des Nie-richtig-Ankommens zu tun hat, eben mit einer allgemeinen Unruhe oder auch einem beständigen Auf-der-Suche-Sein? Ich glaube, eines deiner Lieblingszitate entstammt einem Lied der Berliner Dudelsack-Rocker Cultus Ferox, wo es heißt: „Über Land und unter Wasser/habe ich mein Glück gesucht/An den schönsten Meeresstränden/meine Einsamkeit verflucht; Überall bin ich zu Hause, nirgends komm ich wirklich an; Bin ich dort, bin ich ein Fremder, bleib ich hier, dann werd ich krank“ …

Ja, absolut richtig. Gerade in diesem Zitat habe ich mich ganz deutlich wiedergefunden. Das ist mir wirklich irgendwo aus der Seele gesprochen: Ich bin an vielen Orten gern gesehen, viele Leute kommen gut mit mir klar (ich auch mit vielen Leuten!), aber es ist wirklich so, dass ich – ich weiß nicht, warum das so ist –, wenn ich die Leute eine bestimmte Zeitlang hatte, wieder andere Leute und wieder eine andere Gegend brauche. Ich bin halt irgendwie sehr ruhelos – jetzt aber im positiven Sinne. Ich finde es auch gut, mal ‛nen ruhigen Abend zu verbringen, und ich bin jetzt auch kein unruhiger Mensch – aber ich bin ein ruheloser Mensch. So vielleicht, wenn du verstehst, was ich meine.

Ich denke schon. Als Traveler gehörst du mit deinen Auftritten ja beim City Pub Chemnitz schon fast zum Inventar. Wie bist du eigentlich zu dieser akustischen Irish Folk- bzw. keltischen Schiene gekommen?

Das war durch meinen Duo-Partner damals. Ich hatte mit Irish Folk nie was am Hut. Ich wusste, dass es die Musik gibt – aber ich kannte kein einziges Stück davon, abgesehen vielleicht von Drunken Sailor oder solche Geschichten. Er aber war schon immer Fan davon. Wenn er losgezogen ist, hatte er teilweise einen Kilt an und hat mit seinem langen Haaren und dem ganzen Drumherum da genau reingepasst. Und als wir gesagt haben, wir machen jetzt dieses Duo, war uns klar, dass das so ein bisschen auf die Pub-Schiene gehen wird – man braucht ja irgendwo ein Anlaufpublikum! Und deswegen haben wir uns zumindest teilweise auch ein Irish Folk Repertoire zusammengesucht, und dann ging es auch schon los!

Wie muss ich mir das jetzt vorstellen: Er an der Geige und du an allem anderen?

Nee, nee. Ich habe immer mein Gitarre-Mundharmonika-Gesangsding gemacht, und er hat Geige, Cajon, Bass, teilweise Dudelsack und Bodhrán gespielt, das ist so eine irische Trommel, die hat man in der einen Hand, während man in der anderen einen Schlegel hält, den man von beiden Seiten benutzen und dadurch ganz schnelle Dinge damit machen kann. Ach, und Mandoline hat er auch noch gespielt.

Eine Mandoline steht ja auch bei dir zu Hause rum, ich hab das Foto gesehen … Die spielst du ja auch, oder?

Nebenbei, ein bisschen. Nicht auf der Bühne, aber für Aufnahmen und solche Geschichten schon mal.

Du trittst aber nicht nur im Irish Pub auf, sondern spielst an den Wochenenden auf Festivitäten in ganz Sachsen und auch Thüringen, beispielsweise auf Hochzeiten. Ich glaube auf meine Frage nach deiner Musik hast du mir ganz nonchalant den Wikipedia-Link zum Stichwort „Mugge“ geschickt mit dem Nachsatz, du seist als Traveler ein „typischer Mucker“. Daneben hast du unter der Woche einen „bürgerlichen“ Vollzeitjob. Wie kommst du mit dieser Doppelbelastung klar? Gibt es da einen Trick? Das frage ich auch aus Eigennutz, weil ich ja auch zwischen Musikjournalismus und bürgerlichem Job oszilliere …

Für mich stellt sich hier gar nicht die Notwendigkeit eines Tricks dar, es ist vielmehr so, dass es für mich ein Ausgleich ist. So wie für manche vielleicht Sport, so brauche ich die beiden Geschichten. Ich könnte mir jetzt nicht vorstellen, Vollzeitmusiker zu sein, das wäre mir … Ich weiß nicht. Da würde mir zu viel Spaß an der Musik verlorengehen, wenn das zuviel werden würde. Umgekehrt brauche ich aber auch zu meinem Job irgendwo einen Ausgleich, und der ist für mich wirklich an den Wochenenden die Musik. Das passt total gut zusammen – auch wenn es manchmal ein bisschen anstrengend ist.

Kommen wir auf die Musik selbst zu sprechen und nicht nur darauf, wie man damit umgeht. Als ich zum ersten Mal dein Cover von Johnny Cashs „Hurt“ gehört habe, war ich total von den Socken – deine Stimme ist ja wie gemacht für seine Songs! Haben sich da Stimme und Musik gefunden oder, anders gefragt, woher rührt deine Faszination an Cash?

Prinzipiell ist es ja so, du kannst – und das ist jetzt ein Zitat aus dem Hefter, den ich für die Bühne benutze, wo meine ganzen Sachen drin sind, und da steht auf der ersten Seite: Man kann nur in anderen entzünden, was in einem selber brennt. Das hat mal der große Römer Aurelius Augustinus gesagt. Und das ist wirklich das Ding! Man kann in den Leuten nur dann etwas auslösen, wenn man selber überzeugt ist von der Geschichte. Und das ist schon bei Johnny Cash so gewesen – der war ja wirklich ehrlich. Er hat nur geschrieben und gesungen, was ihn bewegt hat, was ihm passiert ist, was ihm wichtig war. Ob das jetzt die „Man in Black“-Geschichte war oder Geschichten aus seinem Leben …Das haben die Leute gemerkt, das war ehrlich – was zu der Zeit ja gar nicht so modern war. Da gab es ja die ganzen Gospelsachen und so, was alles ein bisschen weiter hergeholt war. Und das ist auch meine Sache. Ich will wirklich niemandem erzählen, dass ich jetzt sonstwas für einer bin – ich bin halt wirklich ein ganz normaler Musiker, der ein ganz normales Leben lebt. Und diese Ehrlichkeit, die verbindet mich mit Johnny Cash.

Das heißt, du schlüpfst auf der Bühne nicht in eine Rolle, sondern präsentierst dich so, wie du bist?

Richtig. Es ist ja bei vielen wirklich so, dass sie sich ein Alter Ego schaffen und auf der Bühne dann total anders sind als privat. Das könnte ich gar nicht, weil das – Bühnenpersönlichkeit und Privatperson – für mich irgendwo eins ist. Ich will die Leute begeistern – und das kann ich nur mit mir selber!

Das heißt, ich habe meine erste Frage zur Figur des Travelers im Grunde falsch gestellt. Der ist gar kein Alter Ego, sondern der repräsentiert wirklich nicht nur einen Teil von dir selber, sondern dich komplett …

Komplett, wirklich komplett, ja, genau. Das ist auch wirklich die Sache, die sich durch mein ganzes (Privat-)Leben zieht, mit dieser Rastlosigkeit. Und das ist auch etwas, was mich auch noch mit Johnny Cash verbindet. Und deswegen auch – dass die Stimme jetzt passt, ist ein Zufall, wenn sie denn passt … aber diese Lieder sprechen halt zu mir, und deswegen kann ich sie vielleicht auch ansprechend rüberbringen.

Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen, denn diese Ehrlichkeit, die du vorhin angesprochen hast, gibt es ja auch durchaus noch bei anderen Musikern. Bei Johnny Cash sprechen also auch vor allem seine Lieder zu dir …

Richtig, das gibt es auch bei anderen Sachen, zum Beispiel bei Neil Young – aber auf einer anderen Ebene. Neil Young verbildert ja mehr. Der sagt jetzt nicht: so-und-so-und-so ist es gewesen, sondern der sagt, die grüne Wolke hat geleuchtet weil das-und-das war. Der schafft sich da irgendwelche Welten drum herum, das finde ich auch sehr toll, und er ist auch ein ganz großes Vorbild für mich von seiner Musik her, aber nicht auf der Ebene wie Johnny Cash.

Hast du Neil Young-Songs in deinem Repertoire?

Ja, sogar eine ganze Menge. Und der dritte, der mich ganz groß interessiert …

… Das passiert, wenn man sich gut kennt: Du nimmst meine Fragen vorweg! Ich vermute, du wolltest jetzt einen Liedermacher mit den Initialen G.G. ansprechen…

(lacht) Ja …

Dann frag ich jetzt trotzdem noch einmal ganz offiziell! Neben Cash und Young hast du noch einen anderen musikalischen Helden, nämlich Liedermacher Gerhard Gundermann. In einer Mail an mich hast du mal geschrieben, dass die Frau, die du mal heiratest, Gundermann zwingend mögen muss, obwohl das eigentlich gar nicht ginge, denn mit Gundermann könne man entweder nichts anfangen – oder man müsse ihn lieben …. Ich gestehe, dass ich als deine zukünftige Frau nicht in Frage komme. Aber ich möchte gern mehr über deine Gundermann-Faszination wissen.

Ich fange mal ganz am Anfang an. Gundermanns Musik habe ich erst sehr spät kennengelernt, da war er schon tot. Ich war in Leipzig auf dem Bahnhof gewesen und hatte Zeit. Und da war ein Saturn-Markt, in den ich zum Zeitvertreib rein bin. Zu dem Zeitpunkt habe ich es immer so gehandhabt, dass ich CDs von Leuten, die ich nicht kannte, gekauft habe, wo mir die Aufmachung gefallen hat. Und das, was ich damals dort gefunden hab, war das „Krams“-Album von Gundermann gewesen. Das ist ein Live-Album von seinem letzten Konzert eine Woche vor seinem Tod, das wusste ich damals auch noch nicht – mir hat einfach die Aufmachung gefallen. Das war so grau und zum Aufklappen und so ein bisschen erdig gemacht, irgendwo, das fand ich cool, also hab ich’s mitgenommen – und bin dadurch in eine ganz, ganz neue Welt hineingekommen. Absoluter Wahnsinn! Ich hab die CD in den CD-Player meines Autos gelegt, es war eine Doppel-CD, dachte, hörst du mal in die eine ein bisschen rein … Ich hab die eine ganz durchgehört, die zweite ganz durchgehört, die erste noch mal gehört – und dann bin ich erst losgefahren. Natürlich hab ich dabei weitergehört. Wahnsinn! Der mal einfach mal Bilder mit seinen Worten – das geht überhaupt nicht, das ist absolut unglaublich. Zum Hintergrund muss man sagen, dass Gundermann ein sogenannter Großgeräteführer war, er fuhr so einen riesigen Braunkohlebagger, und hat halt vorneweg seine Lieder geschrieben. Da würde man ja jetzt gar nicht soviel Philosophie erwarten, drumherum, eher so eine Proletengeschichte …

Er durfte in der DDR ja nicht studieren beziehungsweise wurde exmatrikuliert, weil er sich nicht „systemkonform“ verhalten hat, und musste dann Hilfsarbeiten leisten, oder?

Richtig. Er wurde dann vom Volk ja als „einer von uns“ oder „singender Baggerführer“ stilisiert, was er gar nicht so wollte, aber man muss das wirklich würdigen, dass dieser Mann so total bodenständig war. Er war auch ein Biofreund, der war ganz ganz nah an sich und an der Erde dran. Es tat ihm zum Beispiel immer weh, wenn er seine eigene Heimat, über die er geschrieben und gesungen hat, mit seinem eigenen Bagger kaputtgemacht hat, das hat ihn auch bis zum Ende beschäftigt, das wollte er gern auch wieder irgendwie gutmachen. Das war eine absolute innere Zerrissenheit; und vielleicht ist es auch das, was mich so an Gundermann fasziniert, denn diese Rastlosigkeit, diese Ruhelosigkeit, die irgendwo in mir wohnt, ist nah an dem dran, was Gundermann auch mit seinen Liedern beschreibt. Das ist unglaublich. Also, es gibt so zwei, drei Lieder von ihm, die sind wie eine Offenbarung. Vielleicht vergleichbar mit – auch, wenn das jetzt blasphemisch ist – einer Bibelerfahrung. Ich lese die Bibel – und mir sagt sie überhaupt nichts. Aber es gibt Menschen, die lesen sie und finden sich da wieder und finden da die absoluten Antworten auf ihre Fragen. Und das ist für mich Gundermann. Ich finde da wirklich Antworten auf Fragen, die ich mir teilweise schon gestellt habe, teilweise vielleicht mal stellen sollte, teilweise vielleicht auch erst in ein paar Jahren dazu komme, wo er schon soweit war. Das ist unglaublich.

So eine Art musikalisches Erweckungserlebnis.

Ja, so kann man dazu sagen.

Bei Johnny Cash sagst du, fasziniert dich die Ehrlichkeit. Bei Gundermann fasziniert dich die Zerrissenheit …

Es ist einfach immer die Geschichte, wo ich mich selber wiederfinde. Dass ich mich selber identifizieren kann und das entsprechend auch für mich selber irgendwo umsetze – jetzt für mich selber innerlich umsetze, aber auch nach außen den Leuten gegenüber. Dass ich das kommunizieren kann, in Musik und im Dasein.

Heißt, du hast natürlich auch Gundermann-Songs in deinem Repertoire …

Ja.

Musst du dich in allem, was du in dein Repertoire nimmst, selbst wiedererkennen?

Nein, eigentlich nicht. Dann muss es mir einfach gefallen. Wie gesagt, Traveler ist einer Mucker-Geschichte. Das heißt, ich will damit Leute erreichen. Leute erreichst du, wenn du die aus ihrer Welt rausholst. Und aus ihrer Welt holst du die am besten raus – also, wenn sie schon mal so vor Konzertkulissen sitzen –, indem du ihnen ein gutes Gefühl gibst. Und das machen 1.) Melodien, 2.) einprägsame Texte und 3.) Gefühle. Wenn ein Lied mir das gibt, dass ich sage, oh, das nimmt mich jetzt selber mit, das kann ich jetzt umsetzen, dann nimmt es auch die Leute mit. Wenn ich das für mich entscheide, dass es … Anders: Wenn ich für mich eine Version finde, es den Leuten entsprechend wiederzugeben, dann spiel‘ ich das auch gerne. Es muss jetzt nichts sein, dass das tiefgründig ist, oder dass das mich widerspiegelt, oder dass das die Welt widerspiegelt – es muss mir einfach die Möglichkeit geben, es so wiederzugeben, dass ich Leute begeistern kann.

Du sagtest gerade: Wenn du eine bestimmte Version davon findest. Da frag ich mich – und das bitte ich jetzt nicht polemisch zu verstehen, ich schätze die Kunst der Interpretation sehr! –, ob du „nur“ Coverversionen in deinem Programm hast, oder auch eigene Songs …

Diese Antwort kann man vielleicht am besten zweiteilen. Erstmal ist es ja so – um wieder auf Johnny Cash zu kommen, der ja seiner späteren Frau June Carter gegenüber gesagt hat, „der Sound, den ich spiele“ – dieser stampfende, wilde Sound da –, „der ist einfach entstanden, weil wir nicht besser spielen konnten. Wir haben uns eine Möglichkeit gesucht, uns auszudrücken mit den Möglichkeiten, die wir haben.“ Und so spiele ich auch. Ich bin jetzt nicht der Gitarrenvirtuose. Ich habe mal angefangen, am Lagerfeuer Gitarre zu spielen und bin nie in die Nähe virtuoser Fähigkeiten gekommen. Deswegen habe ich mir eine Möglichkeit gesucht zu interpretieren – auf eine Art, die mir gefällt und die den Leuten gefällt. So. Deswegen ist das covern von mir eine Interpretation, die … ja: Wenn ich besser spielen könnte, würde ich anders spielen. Das ist die Coversache. Zweitens: Ich habe auch eigene Sachen, aber die sind dann wirklich ganz ganz persönlich und mir oft … ja, ich weiß nicht, ich fühle mich da manchmal ein bisschen verletzlich, wenn ich so etwas spiele, weil es eben wirklich meins ist. Und ich bin der Meinung, wenn dann das Publikum vielleicht sagt, hmm, das ist jetzt ja nicht so das Ding und was spielst denn du jetzt für ’nen Zeug da, dass mich das persönlich treffen würde. Deswegen spiele ich die ganz selten, nur, wenn ich mir sicher bin dabei. Das heißt, ich hab‘ jetzt wirklich auch eigene Sachen, aber die kommen selten zum Einsatz. Meistens gegen Ende eines Konzertes, dann hab‘ ich die Leute schon erwischt, dann sind sie froh, dass sie da waren und meine Freunde, und dann kriegen sie noch etwas Eigenes dazu. Da sagt ich auch, oh, ich bin nicht so sicher, ob euch das jetzt gefällt, es ist etwas Eigenes, aber wir versuchen das jetzt mal.

Und es gefällt ihnen …

Ich glaub schon, ja. (lacht)

Möchtest du in dieser Richtung weitermachen, hast du zum Beispiel eine CD mit deinen eigenen Stücken oder so etwas in der Art geplant?

Das ist immer so ein bisschen im Hinterkopf, auf alle Fälle! Aber da ist vielleicht der Punkt, wo mich dieses zweigeteilte Leben davon abhält, weil eben wirklich wenig Zeit da ist für die Musik – außerhalb von den Gigs an sich. Und deswegen komme ich auch gar nicht in die Verlegenheit, näher darüber nachzudenken, auch wenn es mich auf alle Fälle reizen würde. Es ist auch genügend Material da, was dafür vielleicht taugen würde, aber …

Vielleicht ist das eher ein mittelfristiger Plan? Du hast bei unserem Vorgespräch anklingen lassen, dass du dir gern einen Mac mit LogicPro kaufen möchtest – könntest du dir vorstellen, im Heimstudio eine CD aufzunehmen?

Das könnte passieren.

Über eine Traveler-CD würde ich mich auf jeden Fall freuen! Bevor du aber zum Traveler wurdest, hattest du ein Projekt namens Traumfänger. Gibt es den Traumfänger noch – wenn ja, was macht er, wenn nein, warum nicht?

Den gibt’s noch, den Traumfänger gibt’s! Das ist mein Herz- und Seelenprojekt. Wenn ich mir Lieder aussuchen kann, die ich gerne spielen möchte, dann sind es meistens die, die mir ganz ganz nahe gehen, weil die mir wirklich viel bedeuten. Die passen aber selten auf Traveler-Bühnen. Weil: Da will ich die Leute holen, sie begeistern, da will ich sie wirklich aus ihrem Alltag rausdreschen, dass sie mal zwei Stunden etwas anderes hören und sehen … Traumfänger, das ist eine ruhige Geschichte. Da muss man zuhören. Da sind Gerhard Gundermann-Sachen dabei, da sind auch mehr eigene Sachen dabei, da sind Liedermachergeschichten dabei – und das muss halt auch wirklich passen. Und da habe ich momentan auch nicht so den Ansatzpunkt, wo ich so etwas spielen könnte. Das ist mir aber ein sehr sehr liebes Projekt, und immer, wenn es die Möglichkeit gibt, mache ich das sehr sehr gerne.

Seit April 2012 gibt es jetzt aber auch noch ein anderes Nebenprojekt, nämlich Diamonds&Rust, ein Duo. Erzähl mir doch auch ein bisschen darüber!

Es war eines Abends … (lacht) … in den Tiefen von Chemnitz/Karl-Marx-Stadt … Da hat eine liebe Bekannte zusammen mit anderen einen Liedermacherabend im studentischen Rahmen organisiert. Und weil das eben eine liebe Bekannte ist, war ich im Publikum, um mir das Ganze mal anzuhören. Und da war eine andere Bekannte von meiner Bekannten auch mit im Publikum – nämlich Miriam Spranger, die in der Region bei uns schon einen gewissen Namen als Singer/Songwriterin hat. Und wir haben gesagt, versuchen wir doch mal, zusammen etwas aufzumachen! Haben uns gefunden, haben uns ein Projekt erarbeitet – eben Diamonds&Rust – und bringen das jetzt in unregelmäßigen Abständen auf die Bühne. Das ist ein Coverprojekt, aber eine sehr sehr interessante Geschichte. Eben dieses Diamonds and Rust! Wir haben nach einem Namen gesucht und festgestellt, dass sie eher eine kleinere, zierliche Person ist – ich nicht so. Sie ist von der Stimme und ihren eigenen Texten her sehr feinsinnig – ich bin dann eher die Rampensau. Wir haben einen Namen gesucht, der diese Unterschiede repräsentiert, dachten an Feuer und Eis, an … was weiß ich, Pommes und Ketchup – ach nee, das passt ja wieder zusammen! (lacht) Und haben wir gesagt, Diamonds& Rust. Das ist der Titel eines Liedes von Joan Baez, das uns beiden sehr gefällt, und dann passt das natürlich: Diamanten und Rost.

Und du bist der Rost!

Ich muss Rost sein, logisch. Wir haben es mal so umschrieben: Die Diamanten, also die wertvollen, seltenen Geschichten, die durch Miriam repräsentiert sind, durch ihre Texte, durch ihre feinsinnige Stimme, und Rost ist eher … jetzt nichts Schlimmes, aber eher etwas, das …

… angreift.

Naja, eher, was ein bisschen mehr Erfahrung widerspiegelt. Ich will mich ja nicht ganz so schlecht machen! (lacht wieder) Und ich bin dann eben der, der schon mal die eine oder andere Geschichte erlebt hat in der Richtung und der auch ein bisschen rauher loslegt … Eben so, als wenn man mit der Hand eine rostige Oberfläche streift. Ja, und das sind unsere Diamonds&Rust-Gegensätze. Vom Programm her – da muss ich sagen, Miriam hat auch einen gewissen Bezug zu Johnny Cash – machen wir viele Johnny Cash-Geschichten, wo sie dann die June Carter gibt, das klappt ganz gut, und darüber hinaus Sachen, die ihr ein bisschen was bedeuten, die mir ein bisschen was bedeuten … Wir haben beispielsweise DDR-Musik im Repertoire – wir stammen beide aus dem DDR-Lager –, wir haben ein bisschen was, wo die Leute mitgehen können, ein bisschen was, wo die Leute nachdenken können, und können das halt mit einem richtig breiten musikalischen Spektrum machen. Wir haben zwei Gitarren, wir haben zwei Stimmen, wir haben das Cajon, wir haben ein Keyboard stehen …

Du springst dann während der Show an Keyboard oder Cajon?

Das macht Miriam. Ich halte mich da zurück, das ist ihre Aufgabe, ich bleibe an der Gitarre. Wir können da richtig viel machen, das ist eine ganz coole Geschichte. Ein Beispiel, das mich selber unheimlich geholt hat beim letzten Mal war „Nothing Else Matters“, da gibt es ja diese Version mit weiblichen Vocals und Klavierbegleitung …

Von Lucie Silvas!

Ja. Wir haben das aber noch anders gemacht, wir haben nämlich die Klavierversion kombiniert mit der Gitarrenversion, wie man sie kennt. Das ist unglaublich geil geworden, das macht richtig Spaß dann!

Wenn du sagst, Diamonds&Rust haben Songs im Repertoire, die euch beiden etwas bedeuten – gibt es auch Lieder, wo der eine sagt, Mensch, das würde ich unglaublich gern spielen, das würde so gut passen, und der andere sagt, nee, damit kann ich mich aber sowas von gar nicht identifizieren, nur über meine Leiche?

Ja, ja, ja! Entschuldige Miriam, wenn du das dann liest – das muss ich jetzt sagen: Als Mann muss man ja zurückstecken bei solchen Geschichten. Man streitet sich ja nicht mit den Frauen. Und deswegen ist es so, dass wir dann zwei, drei Sachen, die ich gern spielen wollte, rausgelassen haben, weil Miriam überhaupt keinen Bezug dazu gefunden hat. Das ist auch nicht schlimm, das ist gut so, weil … wir wollen ja beide in den Leuten was bewegen. Und das geht halt auch wirklich bloß dann, wenn wir beide hinter den Liedern stehen. Das ist einfach mal so. Und deswegen mussten wir auch beide Abstriche machen bei dem, was wir da reinnehmen. Wir haben uns zusammengefunden mit einem schönen Programm – aber alles ging dann wirklich nicht so, wie das nur der eine wollte, der dann meistens ich war, der dann zurückgesteckt hat.

Du hast vorhin gesagt, Miriam wechselt zwischen den Instrumenten, du bleibst aber bei deiner Gitarre. Das erinnert mich daran, dass du die Gitarre mal als „phantastische Art, Gefühle zu teilen“ beschrieben hast …

Aha? Wirklich? Solche schönen Sachen sag ich? Ist ja cool. Mein Gott, bin ich gut! (lacht)

Worauf ich hinaus will: Du spielst neben der Gitarre auch noch eine Handvoll andere Instrumente, Mandoline, Klavier … oder? Warum ist es dann bei der Gitarre geblieben?

Musik, oder vielmehr: die Musik, die ich spiele, die kommt ja aus mir selber raus. Viele Leute haben da noch ein Medium in der Hand. Wenn sie Gitarre spielen, haben sie beispielsweise noch das Plektrum. Das mag ich zum Beispiel gar nicht. Ich spiele direkt mit den Fingern, mache mir da immer einen Fingernagel kaputt, weil ich irgendwo sehr druckhaft spiele, aber ich will das, ich brauch das – ich muss die Musik wirklich von mir direkt auf das Instrument übertragen. Deswegen fallen schon mal alle elektronischen Instrumente für mich weg, ich brauche etwas Akustisches.

Das heißt, du würdest auch keine E-Gitarre spielen?

Nee. Lehne ich ab. Ich find’s gut bei anderen, aber es ist nicht meins. Deswegen auch kein Keyboard. Auch wenn ich’s zu Hause stehen hab‘ – ich nehm‘ es für Aufnahmen, für Nebengeschichten, aber ich würde es nie, auch wenn ich es sehr gut könnte, auf der Bühne spielen wollen.

Dir selbst würde da die Unmittelbarkeit fehlen, verstehe ich das richtig, aber bei anderen …

Ja, zum Beispiel bei Bands wie Neil Young mit Crazy Horse oder bei Ten Years After – ich liebe diese E-Gitarren, die die da spielen! Oder auch bei Künstlern wie Slash oder Mark Knopfler – ich liebe diese E-Gitarren! Aber selbst wenn ich es auch nur annähernd so gut könnte, was ich nie im Leben können werde, würde ich sie nicht so gern spielen wie Akustikgitarren. Weil das wirklich das ist, was in allen Kleinigkeiten … wenn ich die Saiten nur leicht anstupse, dann machen sie einen ganz anderen Ton, als wenn ich da mit Gewalt rangehe … Ich kann über die Akustikgitarre ganz genau sagen, was ich jetzt ausdrücken möchte – und das ist mir unheimlich viel Wert! Das kann ich auf der Mandoline nicht, weil mir da einfach die Fähigkeiten fehlen. Das will ich auf dem Keyboard nicht, weil mir das einfach zu elektronisch ist. Das kann ich auf dem Schlagzeug nicht, weil … keine Ahnung, was man da ausdrücken kann, das macht halt nur Krach. Die Gitarre ist wirklich meins geworden.

Siehst du dich als Gitarristen, als singenden Gitarristen, oder eher als gitarrespielenden Sänger?

Also, auf jeden Fall nicht als Gitarristen, weil … Ich habe angefangen Gitarre zu spielen, da war ich fünfzehn Jahre alt. Wir waren beim Zelten und einer hat Gitarre gespielt – und die ganzen Mädels saßen drum herum. Mit fünfzehn dachte ich, okay, du musst jetzt anfangen, Gitarre zu spielen …

Der klassische Grund!

Also, was ich damit sagen wollte: Es war damals Lagerfeuerniveau. Es ist jetzt ein bisschen besser geworden, ich kann wirklich viel ausdrücken, dafür reicht es aus, aber ich bin kein Virtuose.

Dagegen bist du ein begnadeter Sänger …

Ich bin ein auszuhaltender Sänger … (lachen beide). Ich werde tatsächlich sehr oft für meine stimmlichen Fähigkeiten gelobt, und ich selbst bin auch der Meinung, ich mache das nicht ganz schlecht. Deswegen vielleicht eher: Sänger mit Gitarrenbegleitung. Es gehört für mich zusammen, ich könnte nicht alleine mit Stimme oder alleine mit Gitarre die Leute so holen, wie ich es gerne möchte, das geht halt wirklich nur in der Kombination.

Ich hatte ja zu Beginn unseres Interviews gesagt, dass ich finde, bei deinen Johny Cash-Sachen haben sich Stimme und Musik getroffen. Jetzt aber, wo ich dich deinen eigenen Song und das Gundermann-Cover habe singen hören, finde ich, dass dir die deutschen Sachen noch besser stehen. Gibt es für dich einen Unterschied zwischen deutsch singen und englisch singen? Warum schreibst du deutsch?

Ich schreibe deutsch und englisch. Dazu muss ich sagen, dass mich die Lieder, die ich schreibe, manchmal ein bisschen überrumpeln. Das beste Beispiel ist ein Lied, das heißt „Moments“. Ich habe es innerhalb von zwanzig Minuten auf der Autobahn im Kopf gehabt. Ich hatte das Fenster auf, es kam reingeflogen – ich bin heimgefahren und musste es nur noch aufschreiben. Es war einfach da. Und so ist das bei vielen Liedern von mir: Die sind einfach da. Vielleicht ist dann der Moment einfach reif, die Zeit da für dieses Lied, aus irgendeiner Geschichte heraus, aus irgendeiner Person heraus, aus einer Erfahrung heraus, und dann ist das da. Und dann ist es egal, ob es deutsch oder englisch ist. Das Wichtige dabei ist, dass es aus mir kommt – oder aus einem bestimmten Grund zu mir kommt. Und so ist das auch mit den deutschen Liedern: Das sind Lieder in meiner Sprache, ich kann mir vorstellen, was der Künstler damit sagen wollte. Und wenn ich mir schon nicht vorstellen kann, was der Künstler sagen wollte, oder wenn ich eine falsche Vorstellung habe, dann habe ich doch zumindest eine eigene Geschichte dazu. Und deswegen ist es vielleicht auch die Authentizität, die mir so wichtig ist, die da noch besser rüberkommt.

Die man in der Muttersprache eher finden kann …
Ja, richtig. Mein Englisch ist nicht schlecht, aber es gibt ja immer so Spitzfindigkeiten in der Sprache, die man nur als Muttersprachler hat. Und dass das im Deutschen besser rüberkommt, könnte ich mir vorstellen. Zum Beispiel bei Gundermanns „Der Narr“, das berührt ja diese Traveler-Geschichte …

Ja, durch alle drei Lieder, die du gespielt hast, zieht sich das als roter Faden: Da hatten wir erst das Verletztsein, dann das Fernweh und zuletzt dieses Unstete, was sich unter der Narrenkappe verbirgt …

Und das ist genau die Geschichte: Dass mir halt die Lieder irgendetwas sagen müssen, was mich selber betrifft – oder was aus mir spricht. Und „Der Narr“ ist wirklich eins von den Liedern Gundermanns, die mir am meisten sagen. Das ist jetzt kein gutes Gundermann-Beispiel, denn eigentlich schreibt er ja mehr über Sachen, die in seine Zeit gehören, die ihn selber irgendwo betreffen, und das ist ja so ein bisschen aus der Zeit gerissen – aber es gehört wirklich zu denen, die mir am meisten bedeuten.

Hast du diese drei Lieder extra für unser Treffen ausgesucht und motivisch aufeinander abgestimmt, oder beinhalten Lieder, die dich bewegen, generell dieses Traveler-Motiv?

Nee, nee. Ich habe sehr viele Lieder, die dieses Thema zumindest vordergründig nicht haben. Aber ich wollte heute etwas spielen, das mir viel bedeutet. Und es ist auf jeden Fall so, dass diese Lieder, die in den roten Faden reinpassen, weil der rote Faden ja aus mir kommt, dass das also die sind, die mir am meisten bedeuten. Deswegen ist es bestimmt kein Zufall.

7. August 2012

Klangköpfe # 2: Das schreibt sich schon am Leben entlang. Singer/Songwriter Jo_Hannes zwischen Ur-Momenten und alter Achtspur

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Jo_Hannes und ich liefen uns erstmals im Frühsommer 2011 digital über den Weg. Ja, wir kennen uns von Facebook – dabei wohnen wir an den gegenüberliegenden Ufern des Weißen Sees und treiben uns, mehr oder minder, in denselben Konzerten herum. Eigentlich sollten wir uns schon längst begegnet sein.

Das haben wir seitdem gründlich nachgeholt, ob Jo_Hannes nun in meiner Küche saß, sich mit Nudeln bekochen ließ, Kopfhörerhund mit Fisch fütterte und mir von seinen 12 Gitarren erzählte, oder wir samt Frau (er) und Hund (ich) ausgingen, um die wunderbare Illute – und einige weniger wunderbare Künstler – spielen zu hören, deren Album Immer kommt anders als du denkst Jo als „lebensrettende Platte“ bezeichnet hat. Treue Klangblog-Leser wissen spätestens jetzt, von wem hier die Rede ist. Bei der Gelegenheit möchte ich mal etwas richtig stellen: Nein, das hier sind nicht meine Eltern. Es ist Jo_Hannes samt Frau und Kopfhörerhund und mir.

Jo geistert aber nicht nur ab und zu durch den Klangblog. Sein (digitales) Alter Ego jo_berlin war bis vor Kurzem selbst im Netz aktiv – und seine Lieder berührten dort Herzen und Hirne – unter anderem meine. Ob es um die selten treffende Lichtenbergbeschreibung Zusammen (unter einer Decke) geht, um das vom Nietzsche’schen Diktum „Werde, der du bist“ inspirierte, wunder-wunderschöne Wunder dieser Tage oder Novemberticket, das durch sein unendlich zärtliches Gitarrenspiel besticht; ob Du schreibst nicht mehr, das auch eines der Schmittke-Lieder sein könnte, das genial postproduzierte Aus allen Wolken oder die bitterböse Abrechnung Ganz einfach – ich vermisse die Lieder von jo_berlin, wo schon mal in der Küche ein Beil liegt und der Bus, wie im wirklichen Leben, sein Boot ist. Denn mit dem Verschwinden von jo_berlin aus dem Netz entziehen sich auch seine Lieder dem öffentlichen Zugriff. Das gehört meiner Meinung nach geändert, und ich bin froh und glücklich, dass ich einige von ihnen in einer ganz privaten Akustiksession wieder einfangen durfte. Lina Liebhund, mittlerweile weithin konzerterprobt und auf Menschen mit Gitarre positiv konditioniert, war übrigens auch dabei.

Meinen jo_berlin-Lieblingssong Zusammen spielt Jo_Hannes allerdings nicht mehr. Das ist aber nicht schlimm, denn es ist ihm gelungen, mir stattdessen einen neuen Lieblingsfloh ins Ohr zu setzen, der eigentlich schon ein ganz alter ist: Forbidden Land mit seinem unwiderstehlichen „Time is a painter/to paint it on you“-Refrain aus Jos Grunge-Phase Mitte der Neunzigerjahre. Versuchen Sie mal, dieses Lied wieder loszuwerden: Keine Chance!

Warum er Zusammen nicht mehr spielt, weshalb der Lebenszyklus seiner Songs ganz allgemein inhaltsbedingt ist und was aus jo_berlin geworden ist, können Sie in diesem Interviewportrait nachlesen. Dazu gibt es nicht weniger als sechs Songs, vom Stevie-Nicks-Cover über Jos englische Phase bis hin zu, natürlich, den jo_berlin-Songs. Und wenn Sie dann die Lust überkommen sollte, mit ihm Musik zu machen, schreiben Sie ihm einfach eine Mail hierher, denn Jo sucht zurzeit einen musikalischen Side-Kick. Sie wird definitiv gelesen und weitergeleitet. Erst einmal aber viel Spaß mit dem am 22. Juli geführten Interview!



Klangverführer: Meine erste Frage ist ein bisschen off-topic – und wenn du willst, auch off-record : Als wir den Termin für dieses Interview vereinbart haben, hast du mir erzählt, dass der 22. ein besonderer Tag für dich ist – und nun bin ich natürlich neugierig, warum das so ist.

Jo_Hannes: Weil ich am 22. geboren bin, im Februar, und die Zahl in meinem Leben immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen auftaucht. Meine Ehemalige hatte am selben Tag Geburtstag wie ich, wir haben in der Nummer 22 gewohnt in der Irenenstraße Lichtenberg … Meine jetzige Lebensgefährtin hat am 22. Mai Geburtstag, und ich bin auch fest davon überzeugt, dass der 22. Oktober der Tag sein wird, an dem unser Kind geboren wird! Diese Zahl taucht einfach immer wieder auf, es ist halt eine Schnapszahl, und dass sie für mich diese Bedeutung hat, hat sich so ergeben, bis hin zu Dingen wie beispielsweise … Als es die Domain zweiundzwanzig.net gab, da haben wir die wildesten Spielchen gemacht, zum Beispiel ein riesengroßes Fotoalbum, wo alle Hausnummern 22, die uns in Berlin unterkamen, drin waren und dann irgendwelche Dinge dazu spintisiert, aber auch recherchiert, was da tatsächlich stattgefunden hat. Es hat sich so eingeschliffen, mit der Zeit. Heute hat es auch nicht mehr die Bedeutung, die es mal hatte, aber die 22 ist eben einfach immer noch da.

Dann hoffen wir mal, dass sie auch ein gutes Omen für dieses Interview ist. In dem soll es ja nicht um Schnapszahlen gehen, sondern um deine Musik. Du bist ja als jo_berlin schon so manches mal durch meinen Blog gegeistert – allerdings nicht nur durch meinen, sondern vor allem auch durch deinen schönen MySpace-Blog, der seit einiger Zeit nicht mehr online ist. Und genau darum bin ich hier, denn ich will wissen, was ist aus jo_berlins MySpace-Seite geworden, was aus den Liedern, die man da hören konnte, kurz: Was ist aus jo_berlin geworden?

Ja, das ist ein bisschen indifferent, weil jo_berlin ist entstanden, als ich 2004 hierher gezogen bin. Mit den deutschen Texten ging es schon ein bisschen vorher los, aber so richtig hat das erst hier angefangen und war eigentlich längst überfällig: Für einen Nicht-Native-Speaker, der nur Englisch singt, ist das ab irgendeinem Punkt grenzwertig. In der Band, in der ich gespielt hab, kam zwar der Gitarrist aus Manchester, mit dem habe ich Sachen überarbeitet, aber es ist dann doch eine andere Art, sich in der Muttersprache auszudrücken. Ich habe noch in meiner alten WG in Gustavsburg (Hessen) so einen Ur-Moment gehabt, als ein Stück entstanden ist, das diese Zeit dort, diese Menschen und das alles beschreibt … Es heißt Die Torte. Wir haben damals mit dem Trio den letzten Auftritt gehabt, und meine damalige Freundin kam aus Berlin mit einer riesengroßen Torte, auf der Portraitfotos und so drauf waren. Jedenfalls, der Gig ist ausgefallen, weil diese Location an dem Abend feuerpolizeilich nicht zu bespielen war, und dann sind wir eben mit ich-weiß-nicht-wie-vielen Leuten in der WG bei uns eingefallen und haben dort ziemlich getagt, und am Ende hat sich dann irgendwie der Satz ergeben „Die Torte ist gegessen, doch es kommt immer noch Besuch“, und daraus ist ein Stück geworden. Es gab daraufhin so ein Echo, und die Beteiligten haben alle gesagt, warum machst Du das in Zukunft nicht immer auf deutsch? Früher habe ich immer gedacht, deutsch zu singen ist ganz ganz schwer. Es gibt ein paar Lieder, die echte Ikonen sind, wo das ziemlich gut gelingt, und es gibt ein paar Leute, die ich ziemlich mag für das, was sie mit Musik im Zusammenhang mit deutscher Sprache machen, das komplette Spektrum von Heute hier, morgen dort bis zu Nils Frevert, der ganze Weg ist damit mal abgeschritten, aber für mich selbst hatte ich lange nicht das Gefühl, dass das in irgendeiner Form funktioniert – und das hat sich mit diesem Stück aber gelegt.

Und dann habe ich mit Mac, einem ganz alten Freund, der bei uns in den Bands immer als Ersatzgitarrist am Start war und mich in dem Trio auch manchmal auch an der Gitarre verstärkt hat (denn wenn man Gitarre spielt und dazu singt, wird es einfach dicker, wenn man noch einen zweiten Mann mit auf die Bühne stellt!), mit dem habe ich dann jedenfalls im Proberaum ganz locker angefangen, er hat gespielt, und ich habe geschrieben, während er gespielt hat, und innerhalb von drei, vier Wochen hatten wir dann drei, vier Songs fertig, die wirklich etwas hatten, das mich selbst überrascht hat. Eigentlich ist es schade, das von diesem tollen Moment nur das Nie mehr geblieben ist, da spielt er auch Gitarre. Als ich dann hierherkam, war jedenfalls klar, wenn, dann nur in der Muttersprache, und die Sachen, die dann über die Jahre in der Irenenstraße mit der Achtspur entstanden sind, die sind alle davon geprägt, dass es ein totaler Einschnitt war: dass sich mein Leben völlig verändert hat mit dem Hierherkommen, die ganze berufliche Situation anders war und überhaupt alles, was da so auf einen einströmt. Es war ein Teil davon, das alles zu verarbeiten. Zum Beispiel die Lichtenbergbeschreibung Unter einer Decke, da fließt das alles so ineinander mit den privaten Sachen, es war halt eine sehr bewegte Zeit und ich habe mich darüber ausgedrückt. Es ist schade, dass diese Sachen live einfach nicht kompatibel waren.

Und der Blog, nach dem du gefragt hast, ist so entstanden, dass da 2007 diese MySpace-Seite schon herumstand und das dort irgendwie vorgefertigt ist, und ich dann 2010 in der Trennungsphase von meiner damaligen Freundin einfach weit weit weit auf mich selbst zurückgeworfen war und versucht habe anzufangen, solche Dinge wieder zu tun, die in den Jahren vorher hinten runtergefallen sind, und da gibt es für mich eben nicht nur die Musik, sondern da gibt es auch das Schreiben. Und dieser Blog war in erster Linie eine Fingerübung, in zweiter Linie dazu das, das raus zu tun, was einen da umtreibt und was man in irgendeiner Art und Weise auch loswerden muss, um nicht an die Wand zu springen – und die Musik dazu hat sich immer ergeben! Zum einen über die Musikschelme von Radio Eins, da ist es teilweise passiert, dass ich da gesessen bin und etwas gedacht habe und die haben etwas gespielt, was exakt darauf passt, oder umgekehrt, dass ich Sachen gehört habe und die dann wieder Gedankenflüsse ausgelöst haben, die da im Blog aufgeschrieben sind. In erster Linie war das aber wirklich eine Fingerübung, ein Tagebuch, für die Leute, die in dieser Zeit ziemlich Anteil genommen haben, die aber dann doch nicht vor Ort sind. Die haben mich von überall begleitet, und bevor man dann 25.000 Mails oder Briefe verschickt, schreibt man dann so’n Ding. Da kamen dann auch Reaktionen, da rief mal jemand an. Den Zweck hat es erfüllt, und das ist auch der Grund, weshalb ich es rausgenommen habe, weil das einfach vorbei ist, die Phase ist rum und in dieser Form nicht mehr wichtig. Es ist dokumentiert, ich hab die Texte noch da, schließlich sind das so ein paar Kerndinge, die mich immer noch begleiten, von daher ist das nicht verloren, aber rausgenommen aus dem Netz einfach, weil es nicht mehr aktuell ist.


Küchenkonzert

Aber mit Verschwinden des Blogs sind ja nicht nur deine Texte, sondern auch die Musikstücke von jo_berlin verschwunden. Viele Leute, die mit Myspace nicht mehr zufrieden sind, gehen dann zu, was weiß ich, bandcamp oder reverbnation oder eröffnen einen Soundcloud-Account, während man die jo_berlin-Sachen ja gar nicht mehr im Netz findet, was ich persönlich als einen Jammer betrachte! Heißt das, jo_berlin war ein Projekt, das jetzt vorbei ist, oder ist jo_berlin schon ein bisschen mehr, eine Art alter ego?

Es ist ein Projekt gewesen, das mich ja nicht nur allein betrifft, sondern dass ich auch mit dem Tom geteilt habe, einem alten Zivildienstkollegen aus Aachen. Tom Enge firmiert mit seinem One-Man-Dancemusic-Projekt unter Boneanswer, ist für mich aber vor allem jemand, der mich geprägt hat. Als ich nach dem Abitur zum Zivildienst nach Aachen gekommen bin, hätte ich schon nicht mehr mit Musik irgendwo angeknüpft, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Da gab es so einen magischen Sonntag, als ich in das Pflegeheim kam, er hatte Wochenenddienst in der Hausmeisterei und saß da unten mit seiner Gitarre und einem kleinen Verstärker aus der Werkbank, und er hat da Sachen gemacht wo ich dachte, woah, was ist das denn, das möchte ich bitte auch können! Und sich dann so viele Jahre später wieder zusammenzusetzen, das war 2007 mit Zusammen, wir waren in Holland im Urlaub und sind dann bei ihm vorbeigefahren und haben das irgendwie gespielt, und innerhalb von einem Tag hat er das durchproduziert, und wir haben gemerkt, okay, das tut, und haben das dann so ein bisschen weiterverfolgt, aber … Ein „Ein-Jahrprojekt“ trifft es wohl am besten, wobei ich gar nicht sagen würde, es ist tot, denn Songs wie das Novemberticket und so, die werde ich mit Sicherheit auch weiter spielen, aber der musikalische Ansatz muss ein anderer sein. Meine Priorität liegt einfach darauf, das in Zukunft nicht mehr für mich, fürs stille Kämmerlein oder das Internet zu machen, sondern auch tatsächlich wieder aufzutreten. Das habe ich jetzt bei der Hochzeit, wo ich gespielt habe, gemerkt: Vor Leuten, die das wollen, was du da machst, das ist immer etwas ganz anderes; und ich habe da seit 2004 eine Riesenlücke, die ich gern demnächst wieder schließen würde.

Wenn du jetzt beschreibst, dass dein Blog und die jo_berlin-Lieder eigentlich eine Art Therapie waren, um Dinge, die passiert sind, zu strukturieren und zu verarbeiten, kann man dann davon ausgehen, dass sich der Privatmensch Johannes R. zu hundertprozent in jo_berlin spiegelt? Das käme für mich dem Anspruch von Wahrhaftigkeit in der Popmusik, den ich immer formuliere, dann schon sehr nahe …

Ich kann natürlich nur etwas schreiben, was in mir ist, was mich selber bewegt. Was ich selbst entwickle, das schreibt sich schon am Leben entlang. Manche Sachen sind aber auch ein bisschen weiter weg, zum Beispiel … das Stück, was du in der Vorbesprechung gemeint hast, wo es um Klischees ging, „muss sich niemand dafür schämen, dass heute wieder Kinder frieren“, das war so ein Satz, der wurde mir heftig vorgeworfen, dabei ist das tatsächlich so ein Ding, das entstanden ist, als so ein komischer Winter war, ich habe mich damals gerade in diese Busfahrerei hineingefummelt und angefangen, Berlin noch einmal aus einer komplett anderen Perspektive zu sehen, mit all dem Elend und jeder Sorte Krankheit, die da unterwegs ist, und allem, und deshalb ist es etwas gewesen, das mich beschäftigt hat, auch wenn diese sozialkritischen Sachen ja immer schwierig sind und so einen seltsamen Überbau haben, habe ich einfach versucht, das da hinzutun, mir gefallt das vom musikalischen sehr sehr gut – dass der Text „drüber“ ist, weiß ich selbst! Aber, da hat sich auch wieder gezeigt, es ist nicht alles authentisch bzw. autobipographisch, was ich schreibe, da gibt es manchmal Worte oder Sätze, die sich einfach einpassen und die in irgendeiner Art und Weise einfach eine Stimmung mitnehmen. Bei dem Nie mehr zum Beispiel ist das „an einem viel zu hohen Haken/hängt bedeutungslos ein Seil/fällt im Dämmerlicht ins Auge/in der Küche liegt ein Beil“. Im Zimmer bei einer bestimmten Beleuchtung hing eben noch die Strippe von einer Lampe runter, kurz vor’m Auszug, alles liegt brach, und dann guckt man da so drauf, das hatte schon was Galgenartiges! Und dann sind halt plötzlich solche Sätze da. Und ich habe mir irgendwann angewöhnt, die einfach aufzuschreiben, und manchmal ist das dann der Haken, an dem man einen ganzen Song aufhängt! Ich schreibe grundsätzlich relativ direkt auf Musik, die ich vorher aufnehme …

Das heißt, die Musik ist zuerst da?

Ja, ich kann es eindeutig andersrum nicht. Ich habe es diverse Male versucht, komplett fertige Texte zu vertonen, das geht für mich gar nicht. Die Musik wird aufgenommen, Ideen werden dokumentiert, und wenn sich dann eine durchsetzt, auch von der Struktur und vom Arrangement, dann setze ich mich wirklich mit der Achtspur hin, Mikro vorne dran, Block, Stift, und dann geht das fließend. Die meisten Sachen sind relativ kompakt gearbeitet, das heißt, wenn die Musik da ist und ich einen Text schreibe, dann versuche ich, das nicht zu unterbrechen, das kann auch schon mal ein oder zwei Tage am Stück dauern, wo hier dann auch die Tür zu ist. Je länger irgendwelche Pausen dazwischen sind, desto mehr verändert sich das, und häufig ist es so, dass es dann auch wieder wegkippt, weil diese ursprüngliche Stimmung einfach nicht zu erhalten ist.

Aber im Ganzen würde ich sagen, dass die jo_berlin-Sachen nicht tot sind, sondern es gibt welche, die sind nicht mehr aktuell, da habe ich den Bezug nicht mehr dazu, und es gibt welche, die werden weiter erhalten. Die Frage, die im Moment im Raum steht, ist eher, wie und auf welcher Plattform das weiter passiert. Mein sehnlichster Wunsch ist, dass es irgendwann mal einen Sidekick gibt. Es ist völlig egal, was für ein Instrument; ich habe beispielsweise eine Nachbarin, die ziemlich musikalisch ist, die kommt aber eher aus der klassischen Ecke, und wir jammer hier manchmal so rum, mit dem Akkordeon oder der Melodica, wie bei Wunder dieser Tage, das sind dann einfach diese drei Chords, die das Ganze rund machen, die das noch ein bisschen farbiger machen. Und das braucht es einfach, um die Sachen live aufzuführen, weil ich … ich bin nicht Ani DiFranco! Ich bin kein gelernter Gitarrist, dieses Instrument war immer Vehikel, und nach dreißig Jahren kann man es halt soweit, dass man Dinge umsetzen kann, aber ganz alleine ist mir das zu wenig.


Jo spielt. Lina lauscht.

Was ich jetzt auch bei der Hochzeit gehört habe, als ich diese Cover-Sachen gemacht habe mit einem alten Freund und Studienkollegen, der ad hoc in der Lage ist, zweite Stimmen zu singen, das sind wirklich Gänsehautmomente, wenn zwei Leute sich dann auch tonal auf die Art und Weise ergänzen, dass man das Gefühl hat, hier wird es gerade stimmig. Mit diesem Fokus mache ich die Sachen, die ich jetzt gerade mache, die Songs die ich gerade neu schreibe: Dass ich in der Lage bin, das umzusetzen, aber dass dann, wenn noch jemand dazu kommt, der das noch ergänzt, es dann in einer kleinen smoothen Angelegenheit auch einfach live umzusetzen ist, ohne dass man jetzt … Wie gesagt, Band ist immer so ein Ding, das wird auch gleich ein großer Transport und ein Haufen Kram, und vier Leute zu organisieren ,das sehe ich gar nicht. Sondern ein Format mit noch einem weiteren Menschen, der idealerweise auch mehrere Sachen kann, sich auch mal auf das Cajon setzt und einfach einen Rhythmus vorgibt oder so etwas in der Art. Was genau, da bin ich völlig offen.

Wenn du diesen Sidekick gefunden hast – soll das immer noch unter dem Etikett jo_berlin laufen oder bricht dann eine neue Zeitrechnung an?

Das weiß ich nicht. Ganz ehrlich, das kann ich noch nicht sagen. Auch unter der Berücksichtigung der Frage vorhin, was da im Netz steht bzw. nicht mehr im Netz steht und wie das im Netz steht … Ich finde das auch schade, dass die jo_berlin-Sachen so verlorengehen. Ich habe aber angefangen, meine Technik mal wieder auf einen neueren Stand zu bringen und kann schon so viel sagen: Es wird eine Website geben, die dann unter jo_berlin läuft oder auch unter was anderem …

Diese Sozionauten-Geschichte?

Ja, das ist eine Domain, die ich schon ziemlich lange habe und die ich dafür gegebenenfalls reaktivieren werde, das ist der Gedanke, mit dem ich im Moment spiele; aber auch diese jo_berlin-Sachen würde ich dort durchaus ins Archiv packen, denn es geht mir darum, dass das auch zugreifbar ist für Leute, die das mögen, die das hören wollen und das Ganze einfach auch frei ins Netz zu stellen – wie das Netz halt gestrickt sein sollte, das ist schon die Idee dabei! Ich hatte ein ganz witziges Erlebnis bei dieser Hochzeit gehabt: Wir haben damals zum vierzigsten Geburtstag des Bräutigams mit dem Trio im Wohnzimmer gespielt, richtig mit Kontrabass und so. Die Familie stammt ursprünglich aus Goa, er ist Inder, und das war vor acht Jahren das letzte große Fest, wo seine ganze Familie aus Indien hierherkam. Und als wir jetzt auf seiner Hochzeit gespielt haben, habe ich einen von diesen alten Songs allein gemacht. Später in der Nacht stand ich am Tresen, und dann kam der Cousin des Bräutigams und meinte, „It was so nice, I know this song, we kept the CD that you gave to us eight years ago and we are still listening to it”. Und das war so ein Moment, wo ich dachte: Das ist genau das, warum man das macht. Der Gedanke, dass irgendwo in Bombay Menschen sitzen, die man einmal getroffen hat, und die sich das ab und zu mal im Wohnzimmer auflegen, weil sie da Lust drauf haben – das ist ein ziemlich schöner Gedanke! Und es mit den Sachen wieder dahin zu bringen, dass sie verfügbar sind, dass sie greifbar sind und jeder damit machen kann was er will … Für neue Sachen würde ich das schon einschränken, dass es nämlich ein Traum wäre, das nicht mehr nur selber zu produzieren und offen ins Netz zu stellen, sondern vielleicht den Schritt weiter zu gehen und im Studio mal zu arbeiten und das gegebenenfalls zu verlegen … Das wäre der Traum, aber das ist im Moment ganz ganz weit weg.

Im Moment suchst du also erstmal, wenn ich dich richtig verstanden habe, einen Mitstreiter für Live-Auftritte – oder auch mehrere Mitstreiter?

Ich bin da nicht limitiert! Ich nehme auch eine eingespielte Rhythmusgruppe, die sagt, das finde ich toll. Und mit Sicherheit wäre es auch dem, was ich im Moment mache, der Idee, näher, wenn es jemand wäre, der Percussion macht, und jemand, der einen Kontrabass spielen kann, als jetzt ein „vollwertiger“ Schlagzeuger und ein E-Bassist – aber auch das! Denn so sind diese Trio-Sachen entstanden, die wir damals gemacht haben, aus Songs von mir, die schon da waren, und dann haben wir im Proberaum gestanden und das Ganze schneller gemacht und das klang auch – weil eben die beiden so gut miteinander konnten und ich mich da nur noch draufsetzen musste. Ich bin da relativ offen. Aber aus der Erfahrung heraus würde ich sagen, der Bandansatz – verstärkt und laut – ist einfach auch mit so vielen Umständen verbunden, angefangen beim Proberaum. Zudem ist Berlin randvoll mit so vielen Auftrittsgelegenheiten, ob das nun beim Achim (gemeint ist Seuberling mit Sepp Maiers 2Raumwohnung, die Red.) ist, ob das nun im Zimmer 16 ist, wo man eben genau die Sorte Musik, wenn man sie halbakustisch spielt, ziemlich gut präsentieren kann und das finde ich auch so ganz ganz toll, dass man hier das bekommt, was sonst so schwer zu generieren ist: nämlich ein Publikum, das sich auch auf fremde Sachen einlässt, das eben genau das will und das auch entsprechend reflektiert. Die Idee, die Konzeption geht also tatsächlich schon genau dahin, die kleine Bühne entsprechend zu bespielen. Das muss dadurch nicht weniger Druck haben.

Es kann also gern eine Rhythmusgruppe sein. Auf der anderen Seite: Wenn jemand da ist, der, keine Ahnung, Akkordeon, Geige, Trompete, was-auch-immer spielen kann … Das sind alles so viele Farben, und ich hab es auch immer so gehalten, dass Leute kamen, die irgendetwas beigesteuert haben, und man sieht schon relativ schnell, wo das hinpasst und welche Richtung das nimmt, und in dem Moment macht man es halt auch zusammen. Es ist nicht meine Idee zu sagen, hier ist die Vorgabe, so muss das klingen! Sich die Songs auch wieder mit anderen zu erarbeiten, das ist es, was es am Ende ausmacht.

Um nochmal auf die Rhythmusgruppe zurückzukommen: Du hast mir geschrieben, die Trio-Formation sei, ich zitiere, „nun mal immer noch die einzige ehrlichste, ursprünglichste und arschgeilste Rockbesetzung“ …

Da war aber das Wort „Rock“ relevant. Das hat einfach damit zu tun, dass ich in einer Zeit großgeworden bin, wo es auch unglaublich viel Pompöses gab, von Kansas über Styx und wie sie alle hießen, diese große Oper eben. Wir haben Meat Loaf geliebt und die dicke Inszenierung, aber was mir jedesmal, bis heute, die Schuhe auszieht, ist eine brottrockene, richtig kantige Trio-Besetzung, die das dann halt rüberbringt. Ich will jetzt Hendrix gar nicht anführen, sondern meine Urerlebnisse in den späten Neunzigern und frühen Nullerjahren: Chris Whitley. Das ist ein Texaner aus Austin, ein ganz spilleriger Kerl, der spielt Resonator-Gitarren, bzw. hat sie gespielt, denn er ist leider vor ein paar Jahren mit nur 45 an Lungenkrebs gestorben, und der hat seine Gitarre auf eine Art und Weise bearbeitet, wie ich das vorher noch nie gesehen habe, mit roher Gewalt, mit offenen Stimmungen … Der konnte live auftreten, alleine, mit einem DJ, mit einer Band – ich glaube, ich hab ihn zehn, zwölf mal live gesehen, einmal nur mit ‘nem Brett, mit ‘nem Tonabnehmer drunter und ‘nem Holzklotz, wo er sich selbst mit dem Holzschuh den Beat drauf gegeben hat … das hatte eine irrsinnige Kraft! Und dieses Ursprüngliche, was der macht oder gemacht hat, war einfach nicht dazu ausersehen, filigran zu sein, sondern da quietscht und knackt und knarrt es. Ein anderes Urerlebnis mit einer Trio-Besetzung waren Police, wo ich gemerkt habe, was mit drei Leuten so passiert. Und wenn man das dann selber macht … Wir haben früher ja auch zu fünft Rock gespielt. Aber als das dann zu dritt losging, habe ich gemerkt, was das für eine komfortable Position ist für einen Gitarristen – jetzt mal den Gesang außen vor gelassen –, sich einfach auf so ein … das ist wie ein Surfbrett, auf das du dich drauf stellst. Eine gut rollende Rhythmusgruppe ist … da kannst du fast nichts mehr verkehrt machen! Und in manchen Momenten gibt es da Felder, wo man losgelegt und sich angeguckt und dem irgendwie nachgespürt hat, denn das ist nicht alles ausarrangiert gewesen, und das hat auf einem Mal unheimlich gegroovt und hat unheimliche Füße gehabt! Kein zweites harmonisches Instrument zu haben bedeutet in dem Moment, dass eine Reglementierung aufgehoben ist, wo zwei Leute sich abstimmen müssen, wo irgendwas geklärt werden muss … und dadurch wird das viel viel freier. Gitarrenspieler – ob das nun Hendrix ist, ob das Clapton ist bei den alten Cream-Sachen – die tun in der Trio-Besetzung Dinge, die sie nicht machen würden, wenn ein zweiter Gitarrist oder ein Keyboarder da wäre. Da kommt diese Erkenntnis her: Das ist das Ursprünglichste, das ist die Wurzel von allem. Man kann das dann aufpumpen, man kann das produzieren und tun, aber selbst … selbst Mötörhead sind zu dritt immer besser als zu viert. Alles Unnötige weg, reduced tot he max, das sagt mir am meisten zu, das geht mich am meisten an.

Okay, ich sehe schon, es läuft wieder alles auf das Trio hinaus!

Jein. Nee, gar nicht mal. Denn was ich da jetzt bei der Hochzeit mit dem Olli gemcht hab‘, diese Cover-Sache, das war total schön. Es gibt da ein Portfolio an Songs, die sind alle relativ simpel, die haben wir uns hin- und hergeschossen, jeder wusste, was kommt – und dann steht man zusammen im Proberaum und macht die – und dann kommen ganz ganz ganz andere Sachen dabei heraus, als man eigentlich geplant hat. Er ist Keyboarder und spielt auch Gitarre, und wir haben zum Beispiel „Leavin‘ On A Jet Plane“ covern wollen und haben das zweimal gespielt, er singt ‘ne schöne zweite Stimme dazu … und es ist sofort im ersten Moment klar: Das geht gar nicht. Das war einfach zu ernst gewollt, und wir sind halt nicht Peter Paul & Mary. Wir wollten das Stück dann schon weglassen. Dann ist eine kurze Pause entstanden, ich war mal kurz draußen, und als ich wiederkomme, spielt Olli so einen Jazz-Standard auf der Gitarre, und ich hab da nur gestanden und auf den Text geguckt, das Metrum angehört und dann einfach angefangen, den Text da drauf zu singen – und das hat auf einmal funktioniert! Und so haben wir das Stück dann auch gespielt. Die Interaktion zwischen zwei Leuten ist wesentlich; nicht, ob das jetzt eine Rhythmusgruppe ist oder irgendwas, sondern ein anderer Input noch von jemandem, der noch einmal eine eigene Farbe drauf tut, weil – und das ist der andere Punkt – Kritik und Anmerkungen immer etwas sind, was einen weiterbringt, was einem eine andere Perspektive aufs eigene Schaffen eröffnet, zu der du selbst gar nicht in der Lage bist! Ich hatte immer das große Glück, von Leuten umgeben zu sein, die sich nicht nur gut auskennen, sondern die auch kein Blatt vor den Mund nehmen und die wissen, dass ich niemals böse bin, wenn man mich kritisiert. Zum Beispiel die Aussage, komm mal von dem Quintakkord runter, denn viele Dinge in deinen Stücken fangen sonst an, sich zu ähneln – das habe ich eine Zeitlang sehr oft gehört; und es ist eben viel einfacher, so etwas zu vermeiden, wenn man im Austausch mit jemandem steht, der sich da mit einbringt.

Wobei ich es gar nicht schlimm finde, wenn sich Dinge ähneln, von wegen Wiedererkennungswert und so …

Das ist richtig. Musikalische Farbe ist etwas Tolles, aber der Wiedererkennungseffekt bei dem, was ich mache, kommt schon ziemlich stark über den Text. Wenn das hier passiert, dann stört mich das überhaupt nicht. Auch wenn man gegebenenfalls was vorliest – es gibt da ja so schöne Experimente, Songtexte ohne Musik oder so etwas, und wenn jemand sehr direkt sagen kann, das hört sich jetzt aber sehr nach dem an, das finde ich dann okay.

Du hast uns jetzt erzählt, woher du musikalisch kommst und auch, wohin du willst und gegebenenfalls auch, mit wem. Was wir jetzt noch wissen wollen: Was können wir denn gleich von dir im Küchen- bzw. Wohnzimmerkonzert hören?

Das weiß ich noch nicht …

Oh, darf ich mir was wünschen?

Wenn es allein umsetzbar ist … Ich hätte jetzt von mir aus das Novemberticket gespielt, weil ich das einfach furchtbar gern spiele, auch wenn es überhaupt nicht in die Jahreszeit passt, aber, auf der anderen Seite, so wie der Juli ist, kommt es ja schon fast wieder hin!

Ich mag dein Gitarrenspiel auf dem Novemberticket sehr gern, lass uns das machen! Ich persönlich würde aber am liebsten Zusammen hören, mein absolutes Lieblings-jo_berlin-Stück, falls sich das umsetzen lässt …

Das spiele ich einfach überhaupt nicht mehr.

Schade!

Ich habe kürzlich das Back-up von der Achtspur gemacht – der Grundrhythmus davon lag da ewig noch drauf – und habe mir das dann in der Urversion nochmal angehört und die Akkorde rausgefummelt, die würde ich halbwegs hinkriegen, aber als ich es dann nochmal gespielt und den Text dazu gesungen habe, habe ich auch gemerkt, dass da bei mir überhaupt nichts mehr passiert, weil dazu eine unheimliche Distanz da ist. Der Song beschreibt eine Situation, ein Lebensgefühl, eine Konstellation und vor allem ein Vertrauen darein, das derartig nachhaltig zerstört ist, dass mir da jetzt einfach die Brücke hin fehlt. Das ist schade, und wenn es jetzt wieder eine Website geben wird, werde ich den Song dort sicherlich im Archiv zur Verfügung stellen, aber selber spielen werde ich ihn nicht mehr.

Das heißt, Songs sind bei dir dann doch tagebuchartige Momentaufnahmen, und wenn die Stimmung vorbei ist, sind auch die Songs durch und abstrahieren nicht davon …

Nicht, wenn die Stimmung vorbei ist, nein. Die Stücke haben einen Lebenszyklus, und der generiert sich im Wesentlichen aus dem Bezug zum Inhalt, auch wenn das Sachen sind, die abstrahiert wurden, die um die Ecke gedreht sind oder wenn da mal eine Geschichte anders ausgeht, als sie wirklich ausgegangen ist. Aber im Kern … meinetwegen beim Novemberticket, wo es darum geht, wie ich mich hier in den ersten Tagen gefühlt habe, wie das war im ersten Winter, kein Job, wie geht das weiter und diese ganzen Sachen. Das kann ich immer noch spüren, dazu habe ich immer noch einen Bezug. Aber wo dann meine ehemalige Beziehung einfließt und wie dann dieser ganze Traum geplatzt ist, das geht mir heute eher ab. Stattdessen würde ich dir lieber eins spielen, das heißt Keine Bilder, das ist entstanden Jahre nach dem Tod meiner Eltern, an einem Tag, wo sie aber auf einem Mal im Raum waren und ich das auch habe laufen lassen. Und das ist etwas, da weiß ich, das werde ich immer spielen, weil es einfach etwas ist, was ich immer in mir trage. Es geht so ein bisschen in die Richtung wie geht es weiter. Und dann gibt es Sachen, die sind heiß, die möchte man nicht anfassen, die schmecken bitter, die möchte man nicht essen … so ähnlich ist das auch mit Zusammen, und ich glaube, das bestimmt den Lebenszyklus von Sachen am ehesten. Es gibt zum Beispiel ganz ganz ganz alte Sachen von mir, die ich immer noch spiele, weil ich sie mir präsent machen kann. Und ich merke, dass Gesang auch nur dann funktioniert, wenn ich nachspüren kann, wenn ich es abschreiten kann wie so eine Landschaft. Wenn ich da kein Bild habe, wird es auch nicht gut. Und das ist das Wesentliche. Ich respektiere es total, wenn Leute ihre alten Songs nicht mehr spielen wollen. Ich war 2010 … wie hieß diese Single damals von Wir sind Helden? Das letzte große Ding, was sie gemacht haben, das passte genau in die Zeit … und ich habe eine Karte gekauft, bin nach Mainz gefahren und auf deren Konzert gegangen, das war eine tränenreiche Angelegenheit, und die haben genau die Nummer, die damals im Radio echt rauf- und runterging, nicht gespielt. Und im ersten Moment wollte ich irgendwie sauer sein, aber dann bin ich da raus und habe gedacht, ja, so wie das Konzert gelaufen ist, wie die da jetzt untereinander waren, hätte das einfach nicht gepasst, da nochmal so einen Tropfen Wermut reinzuschieben, und das dann einfach zu lassen, finde ich völlig legitim, völlig in Ordnung!

Videos von Keine Bilder, Die schönste Geschichte der Welt und natürlich Novemberticket finden Sie auf dem YouTube-Kanal von Klangverführer. Viel Freude damit!

Und wer mit Jo_Hannes Musik machen möchte, sollte daran denken, uns eine Mail hierher zu schreiben. Vieleicht hören wir uns ja bald im Klangblog?

1. Juli 2012

Klangköpfe # 1: Dem Computer einen interpretativen Spielraum geben – Komponist Björn Schoepke im Interviewportrait

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 07:37

Neulich habe ich mich in ein Portal eingeloggt, wo man sich mit den Mitgliedern seiner ehemaligen Schulklasse vernetzen kann. Mit Entsetzen stellte ich fest, dass nur ein winziger Bruchteil meines Jahrganges – immerhin Abschlussklasse eines Musikgymnasiums – nach der Schule Musik oder ähnlich Einschlägiges studiert hat. Die meisten machen jetzt etwas mit EDV oder BWL … Das hat mich zu der Frage getrieben, was eigentlich mit denen ist, die dann tatsächlich Musikwissenschaften studiert haben – arbeiten die jetzt als Musikwissenschaftler? Auch hier lautet die Antwort bei den meisten leider: nein. Ich habe aber einen Muwi-Kollegen aufgetrieben, der tatsächlich eine Festanstellung als Komponist hat – und damit den coolsten Job der Welt macht: die Musik für die Spielautomaten der Firma Bally Wulff. Daneben ist der 1973 Geborene mit seiner eigenen Firma Samplepark Records aktiv und hat auch sonst so einiges zu erzählen. Gründe genug, Björn Schoepke mal zum Interview zu treffen.

Björn, du machst den Auftakt für die neue Klangverführer-Reihe „Klangköpfe“, bei der es darum geht, Musiker vorzustellen, die noch nicht so bekannt sind und mit denen der Kontakt nicht über Promo-Agenturen angebahnt wurde, sondern die sich aus meinem privaten Bekanntenkreis rekrutieren. Also ein komplett nicht-kommerzielles Projekt, sozusagen. Weshalb ich mit dir anfange, ist einfach erklärt: Du hast, wie ich, Musikwissenschaften studiert, und mich treibt aus ganz persönlichem Interesse die Frage um, weshalb andere sich für dieses Fach entscheiden. Also: Weshalb hast du dich entschieden, Musikwissenschaften zu studieren?

Das ist eine superschwierige Frage. Für mich hieß es nie, ich will jetzt unbedingt Musikwissenschaftler werden. Das Wichtigste für mich war damals – ich war an der Universität Hannover in Germanistik und Geschichte eingeschrieben – vielmehr, dass ich sozusagen die Möglichkeit hatte, das, was mich interessiert, nämlich elektronische Musik, in Osnabrück zu studieren. Und es war mir ehrlich gesagt erstmal ziemlich egal, wie das genau heißt. Also, ob das Musikwissenschaft heißt, ob das Schulmusik heißt – mir ist fünftausendmal während und auch noch nach Ende des Studiums gesagt worden, ich solle doch Lehrer werden. Zu dem Zeitpunkt, als ich mich in Osnabrück beworben habe, hatte ich für mich aber schon mit fünfundneunzigprozentiger Sicherheit geklärt, dass ich nicht Lehrer werden will. Immer mal wieder musste ich das hinterfragen, denn dahinter steckt ja die Idee, willst du eigentlich überleben oder nicht. Und es ist ja immer relativ verlockend zu denken, naja, wenn du jetzt Lehrer wirst, dann wirst du auf jeden Fall überleben. Aber ich hatte in Geschichte und Germanistik schon ein Schulpraktikum gemacht und festgestellt, dass mich einiges an der Schule schon immer abgestoßen hat. Schule war für mich immer eine Art B-Lösung, nach dem Motto, muss ich nicht machen, wenn es nicht unbedingt sein muss! Hätte es sein gemusst, hätte ich es auch gemacht, hoffentlich unfrustriert, aber das war nicht mein Ziel.

Ich hatte mitbekommen, dass Professor Doktor Enders in Osnabrück sehr viel in diesem elektronischen Bereich macht, also über Synthesizer und so fort Seminare abhält, und das ich das, was mich eigentlich interessiert, nämlich Musik zu machen, zu zwar nicht rein im popmusikalischen Kontext, dass ich mir da auf eine gute Art und Weise Know-how erarbeiten kann. Und, das ist mir erst im nachhinein bewusst geworden, dass ich da auf Leute treffe, die auch auf eine andere Art und Weise an Musik interessiert sind. In Hannover hatte ich natürlich auch Schulfreunde, die mit Musik zu tun hatten – einer meiner Freunde hat in Berkeley studiert, ein anderer ist Technoproduzent geworden –, aber die meisten hatten im beruflichen oder studentischen Sinne nichts mit Musik zu tun. Und die Uni Hannover geht ja eher so einen ethnomusikalischen und musiktherapeutischen Weg, und das war nicht so wirklich meine Richtung, weshalb es dann Osnabrück geworden ist. Ich hatte damals einfach gehofft, dass ich das, was ich ohnehin mache – also, dass ich nach dem Seminar an irgendwelchen Synthesizern herum schraube –, dass ich das dort professionalisieren kann. Das Wort „Wissenschaft“ war nicht der Antrieb, auch wenn er es jetzt ein bisschen geworden ist, und ich einfach durch die Beschäftigung mit der Materie immer stärker damit verwachsen bin. Als ich dahin kam, ging es mir darum, Know-how zu kriegen zu dem Thema, das mich interessiert.

Wenn du jetzt sagst, dir ging es darum, dich professionell mit etwas zu beschäftigen, womit du dich sowieso schon immer beschäftigt hast, müssen wir etwas zurückgehen: Woher kommt dieses Interesse für elektronische Musik?

Also, wenn wir ganz weit zurückgehen … Ich wurde von Musik schon immer angetriggert. Ich meine, Popmusik, die ist allen möglichen Leuten wichtig. Aber ich hatte nicht nur das Gefühl, dass sie mir wichtig war, ich bin komischerweise auch dabei geblieben. Damals war mir das nicht so klar. Alle meine Freunde fanden Popmusik toll, und so fand ich sie auch toll. Ich hatte auch gar nicht das Gefühl, dass ich mich in meinem Toll-Finden von ihnen unterscheide, in der Vehemenz oder so. Aber als es dann anfing, dass die ersten Leute Bands gegründet haben, habe ich auch eine Band gegründet, da war ich so achtzehn, neunzehn, so kurz vor dem Abitur. Vorher hab ich schon angefangen, Gitarre zu spielen, das haben damals viele gemacht, und das war gleichzeitig die erste Abkopplung: Leute, die Musik nur interessant finden, und Leute, die anfangen, irgendwelche Instrumente zu spielen. Ich hatte früher zwar schon Klavier gespielt, aber da war noch gar kein Studium in Sicht. Dann habe ich, denn das fand ich viel Rock’n’Roll-mäßiger, eben mit der Gitarre angefangen und auch gesungen – ob das nun gut war, das lassen wir mal dahingestellt sein! Und ich habe eben diese Band organisiert, das war wichtig. Ich habe Songs geschrieben und einem Freund gesagt, du spielst Keyboard, einem anderen, du spielst Bass, und dann mussten wir noch einen Drummer suchen, denn ich kannte keinen, dem ich sagen kann, du spielst Schlagzeug – Drummer waren an unserer Schule eine Rarität. Und so bin ich dann übrigens zur elektronischen Musik gekommen, denn als erstes stieg unser Keyboarder aus, und ich habe mir dann ein Keyboard gekauft. Das war ein tolles Erlebnis, und ich habe gedacht, mit dem Keyboard kann ich alle Sounds der Welt kreieren. Fehlschluss, aber das war damals mein subjektives Empfinden. Ich habe mir diese Korg Wavestation gekauft und gedacht: „So. Damit ist jetzt alles möglich!“

Eine klangliche Affinität zu elektronischer Musik gab es damals schon – Kraftwerk war meine zweite LP, da war ich zehn Jahre alt. Jedenfalls, ich hatte diesen Synthesizer gekauft. Dann ist auch der Drummer ausgestiegen, und ich habe einen Drumcomputer gekauft. Der Bassist ist zwar noch eine ganze Weile bei mir geblieben, aber irgendwann ist auch er ausgestiegen und ich war alleine da. Tja, und so hat sich dieses Equipment angefangen zu häufen. Irgendwann bin ich mal bei meinem Kumpel vorbei, und der hatte sich einen Akai Sampler gekauft, und ich fand es unglaublich, was er da herausholen konnte! Der Akai S3000 war früher mal Standard, davon hatten die Fantastischen Vier zwei mit auf Tour, als sie gerade „4 gewinnt“ und das Folgealbum „Die 4. Dimension“ gemacht hatten, man hört das auch ein bisschen bei „Tag am Meer“, da gibt es am Anfang so einen Filterlauf, der hört sich saustark nach diesem Akai-Filter an. Jedenfalls hatten die diese Akais mit auf Tour und zwei MO-Laufwerke – kennt man heute auch nicht mehr, hatte ich auch mal.

MO?

Magneto Optical Disc, muss man nicht kennen. Ist auch untergegangen. Ich weiß auch nicht mehr, wo das Ding bei mir hingekommen ist.

Wobei der Trend ja jetzt wieder zum Retro-Equipment geht, der Minimoog feiert zum Beispiel gerade sein Comeback …

Naja, der Moog war nie wirklich out, oder? Dieser warme Sound! Ich hatte auch mal so einen Doepfer – ich hatte alles mögliche, ich habe mein ganzes Zivildienstgeld in Bier und in Synthesizer gesteckt! Das hing bei mir dann auch alles in einer Reihe, am Anfang der Atari ST 1040, und dann alles hintereinander – man durfte aber den Drumcomputer nicht ganz ans Ende packen, sonst gab es echt Timingprobleme! –, jedenfalls … nach dieser Band, dieser quasi Rock-Pop-Band, die ich dann allein mit dem Equipment war, da hatte sich für mich zeitgleich vollzogen, dass mir Technomusik immer wichtiger geworden ist. Ich bin bis dahin in Hannover immer in einen Rockclub gegangen, und irgendwann haben sie dann so einen Technokeller aufgemacht, und irgendwann bin ich dann nur noch in diesen Technokeller gegangen. Und das, was ich daran so toll fand, war, und ich möchte ganz deutlich betonen: war, dass ich das Gefühl hatte, es ist eine Musikrichtung, wo alles möglich ist. Das einzige, was ich machen muss, was feststeht, ist, das ich die Bassdrum auf eins-zwei-drei-vier packen muss (muss ich übrigens nicht mal unbedingt, aber das lassen wir mal dahingestellt sein), und wenn ich das mache, kann ich alles andere machen! Und das ist toll.

Was ich früher total super fand, und ich glaube, das war auch mal in, sind Timingverschiebungen. Dass man zum Beispiel irgend so eine Line hatte, die ganz klar auf einer Eins fußt, und die Bassdrum setzt versetzt ein. Man hört dann aber nicht die Bassdrum versetzt, sondern weil die Bassdrum so mächtig ist, hört man auf einmal die Line versetzt! Und diesen psychoakustischen Effekt fand ich so unglaublich, das fand ich total toll, und dass überhaupt Leute die ganze Zeit auf Musik tanzen, die sie nicht kennen. So habe ich das zumindest interpretiert: Den ganzen Abend höre ich Musik, die ich noch nie gehört habe, und ich kann trotzdem dazu tanzen, und andere Leute tanzen auch dazu. Es ist das genaue Gegenteil von diesem „Oh, mein Lieblingshit kommt und ich gehe auf die Tanzfläche, mein Lieblingshit ist vorbei und ich gehe von der Tanzfläche runter“!

Musik, die ich noch nie gehört habe, weil der DJ sie erst in dem Moment, wo sie erklingt, kreiert?

Ich habe es gar nicht so empfunden, dass der DJ sie kreiert. Der DJ hat in meinen Augen die Musik ausgewählt, und mir ging es darum, dass eine Musik, die ich logischerweise normalerweise nicht rezipiere, weil sie nicht in den Hitparaden läuft, einfach neu ist. Es war mir auch nicht so wichtig, dass sich bestimmte Muster ähnlich sind, vielmehr war mir wichtig, dass ich das Stück nicht kenne – und es trotzdem eine physische Wirkung auf mich hatte. Ich meine, Technomusik hat schon allein aufgrund der Lautstärke eine physische Wirkung auf dich! Und das fand ich alles so grandios, das, und mein Equipment, dass ich immer mehr den Schwenk zu dieser elektronischen Musik gemacht habe.

Mir waren in Bezug auf elektronische Musik die unendlichen Möglichkeiten wichtig, ich dachte, hier kann man jetzt alles machen, und mir war nicht klar, dass auch da nur das funktioniert, was in der Szene irgendwie vertraut ist. Ich habe so Swingbeat mit knallharten Bassdrums kombiniert, das fand ich irgendwie cool. Aus dieser Zeit gibt es eine Menge komisches Zeug, da ist auch furchtbar billiger, weil ich konnte mir keinen besseren leisten, also ein ganz mieser Achtziger-Hall drauf, das kann man sich heute kaum anhören! Diese Idee, auch für einen Markt zu produzieren, und dass Techno auch ein Markt ist, die hatte ich damals nicht. Mir war nur wichtig, das zu machen – und eigentlich wollte ich entdeckt werden. Darauf habe ich gewartet, dass einer kommt und das ganz geil findet … Ich habe nicht für ein bestimmtes Klangideal produziert, ich habe einfach ausprobiert. Was ich für richtig hielt, habe ich gemacht, und war immer froh, wenn es mir dann irgendwie gefällt.

Du bist dann aber doch nicht als Techno-Produzent entdeckt worden, sondern hast dich entschieden, dir mit einem Studium noch mehr Know-how in Sachen elektronischer Musik anzueignen. Was mich jetzt natürlich interessiert: Wie ist es denn dazu gekommen, dass du nach dem Umweg über diese doch sehr wissenschafts- und theorielastige Ausbildung dann doch wieder in der Praxis gelandet und Komponist geworden bist? Mit dem Abschluss als Musikwissenschaftler ist man ja erstmal für Forschung und Lehre qualifiziert …

Also, ich habe erst einmal eine Firma gegründet, mit anderen Leuten zusammen, und da geht es natürlich darum, etwas zu machen. Damals war das alles noch sehr uninah. Ich habe zwar schon davon und zeitgleich auch anderen Jobs, wie beispielsweise Klavierstunden, gelebt, also eine Art Patchworkexistenz gehabt, aber man geht eben immer noch in die Mensa und kennt auch seinen Professor noch – ich habe dann sogar noch angefangen, zu promovieren! Zu Beginn der Promotion wurde für mich dann aber doch deutlich, dass ich nicht an die Uni will. Übrigens nicht, das möchte ich auch noch einmal betonen, weil ich die Uni nicht schätze: Ich finde Universitäten, nicht unbedingt wie sie sind, aber doch prinzipiell, sehr gut! Aber meine Motivation ist, wenn ich ganz zurückschaue, am Ende leider nicht wissenschaftlich, sondern nur künstlerisch.

Ist das zwingend ein Widerspruch?

Also, ich glaube schon. Ganz am Ende möchte ich ganz gern etwas aus einer bestimmten persönlichen, emotionalen Haltung heraus behaupten, die ich aber gar nicht mehr, wenn man so will, beweisen kann. Diese Sachen, die ich beleuchten will, die ich interessant finde, von denen ich denke, da sollte man mal was zu sagen oder was zu machen, die rühren … das sind keine wissen … also, ich kann die nicht wissenschaftlich bearbeiten.

Hat Wissenschaft immer etwas mit Beweisbarkeit zu tun?

Würde ich mal sagen: Ja. Jetzt könnten natürlich ein paar Konstruktivisten kommen, denen ich vielleicht auch hier und da nahe stehe, und Heinz von Foerster hätte gesagt, jeder Wissenschaftler erzählt nur eine Geschichte, aber ich will jetzt nicht mit so einem wissenschaftskritischen Kram kommen! Ich würde schon sagen, dass Wissenschaft versucht, der Welt etwas abzuknapsen. Und dass es mindestens darum geht, diesen Versuch auch konsequent durchzuführen, das heißt, ihn nach den Regeln, nach denen diese Wissenschaft funktioniert, ordentlich gearbeitet zu Ende zu bringen – und nicht zu copy-pasten oder so! Die Kunst kann sich da ja mehr Freiheiten nehmen, sie darf auch subjektiver sein und etwas aus einer emotionalen Haltung heraus in die Welt setzen. Und ganz am Ende liegt mir das ein bisschen näher. Aber ich bin auch so ein bisschen verbogen, denn ich mag auch das, was Wissenschaft versucht zu ergründen, und die Themen, die da interessant sind, die bewegen mich eben auch! Mein Kollege, mit dem ich meine zweite Firma, Samplepark Records, gegründet habe, der geht in die Wissenschaft, bleibt mit einem Bein aber auch in der Kunst. Das ist für mich der Prototyp eines amerikanischen Wissenschaftlers, mit einem Bein in der Künstlerschiene drin zu bleiben, aber trotzdem in die Wissenschaft zu gehen. Und durch diese Auseinandersetzung mit ihm bin ich auch motiviert und inspiriert, da auch einen Weg für mich zu finden. Ich bin auch jemand, der die Wissenschaft immer verteidigen würde, nur muss ich für mich gucken, wo geht es eigentlich hin. Ich würde mich falsch an der Universität fühlen. Ich möchte Leuten zwar auch gern mal was erzählen und freue mich auch, wenn ich hier und da was zu sagen kann, aber ich bin kein Dozent. Wenn ich hier nicht mehr am Start bin, dann möchte ich ein paar andere Sachen gemacht haben.

Wäre ein Kompositionsstudium eine Option gewesen?

So im nachhinein würde ich sagen: Ja. Damals war ich immer sehr skeptisch, und zu zehn Prozent bin ich es immer noch, denn ich habe bei anderen Leuten die Erfahrung gemacht: Je verschulter man wird, je mehr Wissen man anhäuft, je mehr Know-how man hat, desto unfreier wird man erstmal. Also, man probiert halt nicht mehr so bescheuerte Sachen aus, und das hat auch manchmal Nachteile, weil man um gewisse Wirkungen beraubt wird! Und meine Angstvision wäre es gewesen, dass ich ein Kompositionsstudium mache und dann nur noch Musicals schreibe. Das wäre nicht das Ziel gewesen, nur zu machen, was vielleicht technisch richtig ist, aber nicht künstlerisch. Neulich habe ich eine Fortbildung bei der Komponistin Pinar Toprak gemacht, und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich mir das jetzt leisten kann, weil es mich nicht total weit weg bringt von dem, was ich machen will, sondern mich vielleicht wirklich dazu bringt, ein paar Sachen noch einmal anders zu beleuchten. Ich lasse mich davon nicht mehr bestimmen. Es geht nicht darum zu sagen, so setzt man den Bass und so die Violine, und hier macht man dies und jenes, und am Ende kommt tolle Musik dabei raus. Das ist immer ein Experiment, glaube ich, und mein Eindruck ist, dass ich immer schlechter Musik, übrigens auch Technomusik, machen konnte, je mehr ich darüber gewusst habe. Ich habe es bei Technomuckern erlebt, die aus der DJ-Szene kommen, und sehr bastel- und experientierfreudig sind, die sind sehr arbeitssam, was das Herumschieben von Dingen anbelangt, während ich vieles gleich von vorn herein ausschließe, und darum bin ich da auch gar nicht mehr richtig aufgehoben. Ich mache das noch mal so zum Spaß, aber mein Experiment wird jetzt langsam erst woanders beginnen, denn ich habe mich auch nochmal sehr verändert, seitdem ich hier bin. Ich schließe jetzt noch so ein paar Sachen von früher ab, die müssen jetzt vom Tisch, und ich bin froh, wenn alles, was ich früher mal angefangen habe, vom Tisch ist, denn seitdem ich in Berlin bin, geht es für mich, glaube ich, woanders hin.

Wenn du sagst, je mehr man weiß, desto weniger traut man sich an etwas heran, dann ist das jetzt aber kein Lobgesang auf den munter vor sich hin dilettierenden Autodidakten, oder?

Naja, das würde ich mit Anführungszeichen versehen, denn wenn du was gefunden hast und sehr offen bist und das alles autodidaktisch für dich … also, wenn du weißt, woran du bist, dann bist du ja eigentlich auch gar kein Dilettant mehr … wenn du jetzt nicht einfach nur Rezepte anwendest und am Puls der Zeit bist, dann glaube ich … Ich will damit sagen, dass jetzt jemand, der vielleicht nicht weiß, wie man einen Chorsatz schreibt, aber der doch weiß, wie er aktuell bleibt und weiß, wie man Flow kreieren kann – denn „Flow“ ist das, was für mich Technomusik ausmacht –, und der sagt, da möchte ich dran weiterarbeiten, dann würde ich sagen, der soll es bitte auch weiter machen, das ist auch völlig legitim. Aber mein Interesse geht ein wenig woanders hin. Es wird auch noch ein paar Monate dauern, bis ich weiß, wo ich musikalisch wieder anfangen will – also, jetzt neben meinem Job, natürlich. Für mich geht es immer darum zu gucken, wo bin ich, und wo möchte ich hin. Meistens landet man dann nochmal wo anders.

Wenn du persönlich mit Techno „durch“ bist – glaubst du, es ist irgendwo da draußen noch das Ding? Ist jetzt nicht Dubstep oder whatever-Step das nächste große Ding? Wohin geht die Reise der elektronischen Tanzmusik?

Techno ist für mich persönlich einfach mal ein bisschen gehört, mich interessiert es nicht mehr so doll, wobei es immer noch irgendetwas daran gibt, was mich faszinieren kann, seltener als früher allerdings. Es ist wahrscheinlich dieser Flow, der mich da bis heute fasziniert, so ein flüssiges Ineindandergreifen von Elementen, das hat natürlich was mit dem Groove-Begriff zu tun, und früher wurde ja auch in der Musikwissenschaft ja mal was zu den trance-artigen Zuständen während des Tanzens geschrieben … Diese ganzen Dinge haben mich daran immer interessiert!

Wenn du vom Tanzen redest: Funktioniert Techno bzw. elektronische Tanzmusik ohne den Tänzer oder handelt es sich hierbei zwingend um eine funktionale Musik?

Ja, es hat was Funktionales, auf jeden Fall! Ich würde sagen, manche Sachen kann man auch so hören, aber ich würde sagen, dass diese Musik am besten in Tanz funktioniert. Und das ist auch so, wie ich sie eigentlich immer am meisten geschätzt habe. Ich habe zwar damals auch zehnmal Inner City einfach nur im Kopfhörer gehört und fand das auch toll, weil mir dieser Pianosound so unglaublich gefallen hat, „Big Fun“ und „Good Life“. Mein Kumpel hatte sich 1988 lauter Hardrockscheiben zum Geburtstag gewünscht – und „Big Fun“ von Inner City! Und natürlich liefen auf dem Geburtstag dann alle Scheiben, die er sich gewünscht hatte, rauf und runter, was man in der achten Klasse eben so hört, Bon Jovi und Iron Maiden, nur so etwas – und eben die. Und damit hat er, wenn man so will, auch einen gewissen Musikgeschmack bewiesen, denn das war eine außergewöhnliche Scheibe!

Das sei jetzt mal dahingestellt …

Doch, finde ich schon, das würde ich sofort unterschreiben! Heute klingt dieser Groove fast ein bisschen eckig, das fand ich damals aber überhaupt nicht. Elektronische Tanzmusik zum Hören wird immer weiterleben, aber für mich ist das Innovationspotenzial relativ ausgeschöpft. Aber ich glaube, in der Szene geht es auch nicht darum. Die denkt das aus der funktionalen Perspektive und möchte das auch so funktional haben. Wenn ich so richtig am Tanzen bin, in dem Moment mag ich auch die Vorhersehbarkeit: Ich weiß, gleich kommt das Break. Okay, vielleicht dauert das mal vier Takte länger, als ich geglaubt habe, aber eigentlich weiß ich ein bisschen, wie es ist. Und ich glaube, dass ist es, was daran dann auch so funktioniert! Aber es interessiert mich als Musiker nicht mehr so. Und bei Dubstep oder so … Okay, es ist auch was Neues, das Collagenartige ist toll und das finde ich auch faszinierend, aber ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass ich da hinterhersein muss. Könnte man sein – aber mich persönlich interessiert das nicht.

Mein Interesse ist mittelfristig auf jeden Fall … Für mich geht es darum, wieder so eine Art – und das meine ich jetzt nicht verbal in Form von Texten – so eine Art Content in die Musik einfließen zu lassen. Vielleicht scheitere ich auch daran, aber das ist für mich so eine persönliche Aufgabe, die sagen wir … Wenn man es als Gegenpol begreift, so ein funktionales, hedonistisches Tanzvergnügen mit interessanten Sounds und so weiter, möchte ich gern mit dem Hintergrund, den ich vielleicht habe, zu so einer Art wieder inhaltlich interpretierenderen Musik kommen. Vielleicht hat das was damit zu tun, dass ich damals nicht ausgestiegen und Techno-Produzent geworden bin, sondern einen anderen Weg versucht habe, viel intuitiver. Und ich mag diesen Background auch, ich mag es, das geschichtlich einzuordnen und zu gucken, was haben die mal gemacht und in was für einem Kontext steht man vielleicht oder auch nicht, und es ist mir vollkommen klar, dass dabei nichts Großes rauskommen muss, vielleicht mal was rauskommen kann, aber … ich mag mich gerne auch einordnen.

Was ich auch völlig legitim finde! Du hast es vorhin ja schon angedeutet, dass diese Wegfindung sich ja eher auf deine nebenberuflichen Musikprojekte bezieht – hauptberuflich machst du ganz was anderes, was wenig mit hedonistischem Tanzvergnügen zu tun hat. Erzählst du mir, wie es dazu gekommen ist?

Naja, erstmal war meine zweite Firma ja Samplepark Records, und die Idee dahinter war, Auftragskompositionen zu machen und Menschen mit unserem Wissen weiterzubilden. Wir hatten so eine Form von Schule, die gibt es so als Institution aber nicht mehr. Wir geben zwar noch Schulungen, aber wir bieten keine offenen Kurse mehr auf der Website an. Jedenfalls, wir haben eigene Kompositionen gehabt, Auftragskompositionen, und einer unserer Kunden kam aus dem Sektor, wo ich heute arbeite – dem Glücksspielsektor. Die Geschäftsbeziehungen mit ihm sind zunehmend enger geworden, und mich hat das deutlich mehr interessiert als Arne, meinen Partner bei Samplepark.

Mich interessierte nicht nur die Musik, mich interessierten auch diese Automaten. Und das hängt glaube ich mit einem persönlichen Interesse von mir zusammen, nämlich Aleatorik – oder gesteuerte Aleatorik. Ich habe für Installationen irgendwelche Melodien entworfen und dann sozusagen zehn Prozent Zufall darauf gerechnet, also zum Beispiel gesagt, du darfst die Tonhöhe innerhalb einer Terz mit zehn Prozent Chance verstimmen. Dadurch kommen leicht andere Melodien heraus – das waren ganze Arrangements, die sich sozusagen selbst steuerten. Das heißt, das waren lauter Patterns, und meistens ist das dann so eine Art modale Musik. Kadenzen kriegt man leider nicht so gut hin, dazu müsste man sehr viel tiefer in die Programmierung einsteigen, und ich hoffe immer noch, dass ich mich da in Zukunft weiter fortbilden kann, weil ich das ganz gern möchte, dass auch Kadenzen möglich sind. Jedenfalls, dieser Zufall, der hat mich mein ganzes Leben schon fasziniert. Auch Zufall im Sinne von Einfall, dass man sich beispielsweise verspielt und das cooler findet als das, was man ursprünglich spielen wollte. Dieser Moment, dass ich auf einmal Musik höre, die ich nur teilweise selbst beeinflusst habe und die mich überrascht. Da sind so viele faszinierende Momente darin: Ich entwerfe eine Melodie, ich entwerfe einen Basslauf, ich entwerfe einen Beat – das entwerfe ich alles, und es ist, wenn man so will: starr. Und dann fange ich an, mit dem Computer, jetzt übertreibe ich ein bisschen, ich fange an, es mit ihm einzuüben. Indem ich Zufall einen gewissen Spielraum gebe, gebe ich dem Computer einen interpretativen Spielraum. Der Computer interpretiert mein Stück also ein wenig anders, und ich höre zu, ob mir diese Interpretationsweise gefällt.

Und das Glücksspiel hat ja auch ganz viel mit Zufall, mit Würfeln zu tun. Ich erwarte etwas, ich habe ein Spielsystem, ich mache mir sozusagen meinen Reim darauf, was da gerade passiert. Man versucht immer zu kausalisieren, wenn man was erlebt. Der Mensch kann sich Zufall ja gar nicht vorstellen. Der Mensch hält ganz unwahrscheinliche Dinge für ausgeschlossen und ganz wahrscheinliche Dinge für völlig sicher.

Ich mache dies, und deshalb muss jetzt jenes passieren …

Genau. Und Dinge, die zwar auch wahrscheinlich, aber eben nicht sehr wahrscheinlich sind, sind ausgeschlossen. Diese beiden Grenzen sind weg, das dazwischen hält man für einigermaßen plausibel. Dieses ganze Zufällige, was man auch beim Spielen erlebt, dass ein bestimmtes Ereignis eintreten kann, und dann tritt das ein, oder eben auch nicht, das sind sehr spannende Momente, wie ich finde. Manche Menschen finden Zufall langweilig.

Oder beängstigend!

Ja, aber ich kenne vor allem Leute, die das langweilig finden. Die sagen, was als nächstes kommt, kann ich eh nicht beeinflussen, als nächstes kommt ne Sechs, wie langweilig, oder es kommt ne Eins, langweilig. Ich finde es total spannend, vielleicht weil ich so gestrickt bin, dass ich mir Gedanken mache wie: Vielleicht kommt ne Sechs. Und dann kommt die Sechs! Oder sie kommt nicht! Und ich beschäftige mich mit diesem Moment. Und so ist es dann auch, wenn ich zufallsbasierte Musik mache; es kommen dann Sachen, an die hätte ich vielleicht gar nicht gedacht. Und dann find‘ ich sie ganz toll! Oder es kommen Sachen, wo ich sage, oh Gott, wie furchtbar! Ich hatte schon mal so eine Aufführung, dazu muss man wissen, dass diese Stücke, die ich gemacht habe, so ungefähr anderthalb Stunden liefen, und dann klang es am Anfang ganz furchtbar, und ich dachte, das hätte ich jetzt niemals so gespielt! Aber da musste ich dann durch. Bei allen Probeläufen gab es das so nicht. Und es wäre sogar möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich gewesen, dass die ganze Zeit gar nichts passiert. Das finde ich auch cool. Ich habe gedacht, was mach ich jetzt eigentlich, wenn die ganze Zeit gar nichts passiert?

Dann werden die Cage’schen 4’33“ zu anderthalb Stunden, die du einfach dagesessen hättest …

Genau! Es ist jetzt nicht passiert, und es war auch sehr unwahrscheinlich, aber es wäre eben auch möglich gewesen, dass die ganze Zeit nichts passiert wäre. In Anführungsstrichen natürlich „nichts“. Und das fand ich so faszinierend, das ich mich in dieser Branche auch sofort so wohl gefühlt habe. Und weil dieser Geschäftskontakt immer intensiver wurde, habe ich irgendwann gesagt, ich gehe da ganz rein.

Und wie muss ich mir einen klassischen Arbeitsalltag als Komponist für die Musik von Glücksspielautomaten vorstellen?

Ein klassischer Arbeitstag sieht so aus, dass ich mich eigentlich fortwährend mit den Spieleentwicklern bespreche. Das sind Mathematiker, die die grundsätzliche Idee des Spiels entwickeln. Das ganze Surrounding ist in deren Hand. Wenn ich ins Spiel komme, ist die Idee schon fix, und auch das Graphische ist schon meist fortgeschritten. Das heißt, ich versuche ganz klassisch, auch wie Spielekomponisten für Computerspiele oder Filmkomponisten, zu arbeiten: Nämlich, anhand der vorgegebenen Themen etwas zu entwickeln, was dem musikalisch entspricht. Diese Dinge kompositorisch umzusetzen, das ist mein klassischer Arbeitsalltag. Neben dem kompositorischen Teil arbeite ich aber auch noch ein bisschen am Sound des Geräts oder mische Sounds ab, mache also auch solche klangkorrektiven Dinge. Das Hauptverständnis, was ich von meinem Job habe, ist es aber, diese kompositorischen Ideen zu entwickeln, also inhaltliche Musiken, die sich auf das graphische Thema beziehen. Manche Dinge sind auch ein bisschen funktionaler, das heißt, sie beziehen sich auf irgendwelche Events, angefangen von „Ich drücke einen Knopf“ und es gibt ein akustisches Feedback, bis hin zu „Ich gewinne den Hauptgewinn“, da geht es dann normalerweise wieder in die Musik hinein.

Apropos wieder in die Musik hinein gehen: Wenn man im Moment deine Aktivitäten in den sozialen Medien verfolgt, kann man sehen, dass du im Moment viele klassische Partituren mit fast fünfzig Stimmen postest …

Das ist ein Wandel, der für mich wichtig ist. Früher fand ich, dass Noten der Feind sind.

Das ist für einen Musikwissenschaftler eine, gelinde gesagt, überraschende Aussage …

Ich habe sie immer als unzulängliche Aufführungsanweisungen betrachtet, sie haben mich nicht interessiert. Inzwischen sehe ich sie mehr als Möglichkeit. Das hat was mit der Fortbildung bei Pinar Toprak zu tun. Das, was sich auf jeden Fall verändert hat, ist, dass ich mindestens …Bis jetzt war ich so ein Improvisationstyp und hab halt so rumgespielt, dann kommt so eine Idee, die ich cool finde, was auch an dem Sound hängt; ich finde also den Sound schon cool und spiele daran rum, und dann kommt so eine Sache, wo ich sage, das finde ich interessant, da bleib ich jetzt dran. Und dann stricke ich das andere sozusagen drum herum. Und bei Computer- und bei Geldspielen, wo immer schon ein gewisser Teil orchestral war, habe ich eigentlich auch so komponiert. Das hießt, ich habe mit einem Cello rumgespielt, oder mit einem Kontrabass …

Aber immer auf Synthesizern?

Ja, immer auf Klaviatur. Mit solchen Libraries ist man da ja schon sehr weit, man kann zum Beispiel ein Legato spielen, obwohl es eine Tastatur ist, das heißt, das die Zwischentöne automatisch ergänzt werden, bis man dann so einen Legatoton kriegt. Wobei man sagen muss, wenn man anfängt, zu spielen, spielt man entweder Legato oder Stakkato, und alles andere ist weg, weil man alles andere gar nicht so gut spielen kann! Also, auf einer Klaviatur. Und da fängt es an, dass man sehr beschränkt ist. Uns deswegen empfinde ich die Partitur jetzt eher als Möglichkeit. Indem ich sage, ich spiele nur mit dem klassischen Klavierton, was ich als Melodie interessant finde, und notiere das, und überlege mir dann, wie instrumentiere ich das denn, was für Akkorde spiele ich dazu, welche Artikulation möchte ich eigentlich, und dann fange ich vielleicht an, dass ich sage, vielleicht will ich gar kein Stakkato, vielleicht möchte ich eher ein Portato haben, und vielleicht fünfzig Prozent spielen die Streicher kein Stakkato oder Legato, sie spielen vielleicht Détaché, vielleicht macht das mehr Sinn, deswegen empfinde ich es als Bereicherung, die aber durchaus arbeitsintensiver ist, nämlich, erst eine Partitur zu entwickeln und dann das Ganze umzusetzen. Mein Eindruck ist, dass die Ergebnisse so tatsächlich besser sind.

Im Moment nutze ich diese neue Herangehensweise für alle orchestralen Sachen, aber vielleicht wird sie sich auch auf Sachen erstrecken, die anders strukturiert sind, zum Beispiel eher einen Band-Background haben oder so etwas. Die Idee dahinter ist, einen Einfall improvisatorisch einzufangen, aber dann einen Zwischenschritt einzuschalten und sich bewusst zu machen, was man eigentlich erreichen will. Das kostet mehr Zeit, aber immer, wenn ich mir das leisten kann, will ich das jetzt auch einsetzen. Ich will mich da immer weiterentwickeln und nie das Gefühl haben, jetzt ist alles geklärt. Diese Umstellung, jetzt von einer anderen Position aus Musik zu komponieren und das jetzt auch zu schätzen, möchte ich weiterentwickeln. Ich habe den Eindruck, dass man da noch mal auf eine ganz andere Art und Weise arbeiten kann. Als Musikwissenschaftler habe ich solche Partituren analysiert und war in manchen Analysen auch sehr skeptisch, weil ich das Gefühl hatte, oh, auf der Partitur funktioniert das, aber ich höre das gar nicht mehr. Sich jetzt positiv von der anderen Seite zu nähern finde ich unglaublich bereichernd. Ich glaube, so ist eine komplexere Musik möglich.

Der nächste Schritt ist, dieses Orchestrale, was ich noch weiter ausprobieren möchte, mit meinen elektronischen Erfahrungen zu verknüpfen – und ganz bestimmt mit meinen Aleatorikerfahrungen! Das sind Arbeitsschritte, die man nicht unbedingt in zwei Wochen erledigt. Bei der elektronischen Geschichte steht zum Beispiel noch Max/MSP auf dem Stundenplan, das ist so eine elektronisch-experimentelle Arbeitsumgebung. Erst einmal werde ich aber diese Orchestergeschichte zu Ende bringen, denn nach all den Studien, die ich hier jetzt komponiert habe, möchte ich auch gern noch was außerhalb einer Studie komponieren, etwas, wo ich sagen würde, das hat jetzt nichts mehr zu tun mit „Ich probiere dies aus, ich probiere das aus“. Was ich in letzter Zeit so gepostet habe, sind eben solche kleinen Testballons.

Stücke, die dann auch außerhalb der Computerspielumgebung zur Aufführung gelangen sollen?

Auf jeden Fall, ja. Ich meine, die anderen gelangen ja auch zur Aufführung …

Darum meinte ich, außerhalb der Spielumgebung, also zur konzertanten Aufführung …

Ja, und das ist auch eine Sache, die ich früher gar nicht zu schätzen wusste: Wenn du eine Partitur schreiben kannst, ist so etwas möglich. Dann kannst du sagen, okay, ich hab jetzt hier zwar ein Demo, das hört sich ungefähr so an – aber du kannst die Partitur auch einfach ein paar Musikern geben und die können das aufführen, ohne dass ich am Laptop irgendetwas herumklicken muss. Das finde ich sehr schön.

Dabei wünscht der Klangverführer viel Glück!

Und wer einmal in einen Samplepark-Track hineinhören möchte, kann das hier tun:

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