3. Juni 2013

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

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Mit ECM ist das so eine Sache, bei der Freud und Leid dicht beieinander liegen. Da wäre einerseits der Nimbus. Andererseits ein fast schon körperlich spürbarer Widerwille gegen das Klischee des vorgeblich so distanziert-kühlen, verkopften europäischen Jazz, der gemeinhin auch als „ECM-Jazz“ bezeichnet und als Antagonist eines lebendigen, heißen, amerikanischen Jazz gehandelt wird. Wer die Vielfalt des europäischen Jazz kennt und liebt, dem muss dessen Reduzierung auf ECM einfach gegen den Strich gehen. So auch mir. Dafür kann zwar das Label nichts – dennoch liegen meine letzten Besprechungen von ECM-Veröffentlichungen mit Norma Winstones Distances und Arve Henriksens Cartography dem Insistieren der Redaktion zum Trotze dann doch schon einige Jahre zurück. Zwar hatte ich auf der Jazzahead! die Gelegenheit, mich interessiert durch den neueren Katalog von ECM Records zu blättern, doch blieb er allein ob seines dem Umfang geschuldeten Gewichts zurück in Bremen.

Kommt der Prophet nicht zum Berg, muss eben der Berg zum Propheten kommen, schien nun aber eine wie auch immer geartete, höhere Jazzgewalt zu befinden, denn trotz aller Ignoranz gerate ich dann doch noch in eine ECM-Veranstaltung – und zwar dort, wo ich es zu allerletzt erwartet hätte: im Rahmen der Feierlichkeiten des siebzigsten Geburtstages meiner Mutter. Diese hatte sich zu ihrem Ehrentag die Veranstaltung Ein Liebesschwur für die Kunst von Wolf Wondratschek und Gästen im Schloss Neuhardenberg ausgeguckt. Allein der Ort so wundersam, in traumschöner Parkkulisse gelegen und die Räumlichkeiten, nicht minder verzaubert, den Gast in eine andere – bessere – Zeit entführend. Schade allein, dass das Schloss für alle Nicht-Motorisierten nur schwer zu erreichen ist – die nächsten Bahnhöfe Trebnitz bzw. Seelow-Gusow liegen etwa acht Kilometer entfernt, man ist auf ein Taxi angewiesen. Dabei spricht das Programm der Stiftung Schloss Neuhardenberg doch gerade notorische aus-Prinzip-kein-Auto-Haber wie mich an. So beispielsweise gastierte der wunderbare Avishai Cohen mit seinem magischen Seven Seas-Programm Ende April hier; Bugge Wesseltoft, David Sanborn und Lenny White haben das Schloss schon ebenso bespielt wie Lisa Bassenge oder Kitty Hoff, und ja: Norma Winstone war auch schon hier.

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Gestern aber gehört die Bühne des blauen Zimmers dem von – ob nun bewusst eingesetzter oder der Krankheit geschuldeter – wachsender Ich-Verleugnung geprägten Spätwerk Friedrich Hölderlins, genauer: dessen als Turmgedichte bekanntem Teil, die der vom Wahn gebeutelte Lyriker zwischen 1807 und 1843 während seiner Zwangseinweisung bzw. -inhaftierung in eine Tübinger Turmstube am Neckerufer, heute als „Hölderlinturm“ bekannt, geschrieben hatte. Ob die Wahl des Zimmers nun eine Reminiszenz an In lieblicher Bläue oder purer Zufall war – hier hatten sich Dichtung und Raum gefunden, wohl nicht zuletzt, weil die Geburt des Künstlers bzw. der Bau des Schlosses in ein und dieselbe Epoche fallen.

Vor allem aber, weil sich bei der Performance von Stimmkünstler Christian Reiners, dem ersten von Wondratscheks Gästen, die Grenze zwischen Inhalt und Form aufzulösen scheint, und die vielleicht gerade deshalb die – angenommene – schizoide Störung Hölderlins so greifbar macht und mittels ungewöhnlichster Phra-, Rhythmi- und Pausierung, kurz: temporaler Verfremdung, bei gleichzeitig völliger Abwesenheit jeglichen Dramas den Dichter zwischen Wahn und Wahrhaftigkeit vor unseren Ohren wieder auferstehen lässt. Denn was ist Dichtung schließlich, die nicht hörbar gemacht wird? Getreu dem Manifest aller Poetry Slammer ist Lyrik im stillen Kämmerlein nichts – erst in Form des gesprochenen Wortes nimmt sie Gestalt, ja: Leben, an. Und im Moment der Lebendigmachung des Wortes ist Reiner nichts als die Essenz der Hölderlin’schen Lyrik, ob er sich nun durch die Bilder der Jahreszeiten – „und Stürme wehn umher und Regenschauer“ – arbeitet, die Trias Mensch-Tier-Körperlichkeit irgendwo zwischen Idealisierung des edlen Wilden und der Immanenz der Dinge auf das Göttliche hin – „denn inniger ist achtsamer auch“ – abtastet, „des Geistes Wehen ist dem Menschen nicht verborgen“ orakelt oder zu bedenken gibt, dass die Sprache „der Güter gefährlichstes“ sei, was im Rahmen einer Lesung bzw. Sprach-Performance zum unlösbaren Paradoxon gerät.

Da kann rückblickend dort schon fast von einer intellektuellen Auflockerung gesprochen werden, wo der eigentlichen Lesung drei, ja … Stücke? … des sich aus Christian Reiner und Trompeter Ritsche Koch, der schon mal gern mit Peter Fox oder The Notwist auf der Bühne steht, zusammensetzenden Duos Oral Office vorangestellt wurden, über dessen … ja … Musik? … Wondratschek einleitend bemerkt, ihn habe, als er sie erstmals hörte, nicht die Schublade interessiert, in die man diese Klänge stecken könne – vielmehr er gespürt, dass sie ihm schlicht gut täten.

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Schattenspiel

Eine Schubladisierung scheint ob des sich klangcollagenartig neben allerlei Sprachfetzen aus Pfeifen, Zwitschern, Summen und Brummen zusammensetzenden, in Ermangelung eines besseren Wortes nenne ich es: Geräuschs, tatsächlich unmöglich, was übrigens auch für den Trompetenton gilt, der mal stöhnt, mal krächzt, mal heiser flüstert und nur selten sich voll erblühend laut erhebt. Die beiden erinnern mich, ich kann mir nicht helfen, an die beängstigend menschlich klingenden Mundorgeln von Christian Zehnders und Gregor Hilbes Oloid – und vielleicht ist die Oloid’sche Aufhebung der Zeit-Raum-Konstante tatsächlich nicht so weit entfernt von Oral Offces Form und Inhalt durchlässig verwebender Performance, womit wir wieder am Anfang angelangt wären.

Nämlich bei Christian Reiners Hölderlin-Interpretation, von Lesung will ich hier gar nicht mehr sprechen. Allein die Pausen, die einladen, den Naturbetrachtungen des Frühromantikers nachzuspüren, was mit Blick auf den Park, wo das eine oder andere „edle Wild“ vorbeikommt und schon mal seine feuchte Nase gegen die Fensterscheibe drückt, nahezu zum Gesamtkunstwerk gerät. Oder auch die Nüchternheit des Vortrages, kongenial angepasst an Hölderlins karge Ein-Wort-Sprache, wo Mensch ist und Tier, Sonne und Regen, Tag und Nacht und Sommer und Winter.

Diese ist es auch, die in der unruhig verbrachten Nacht noch fort wirkt, und nicht die Lesung Ohne Disziplin ist Pathos Zeitverschwendung, wo Wolf Wondratschek hinter seinem Co-Produzententum der Turmgedichte hervortritt und im, ich mag sagen: Duett mit der wunderbaren Maria Schrader aus seinen eigenen, von Gerhard Ahrens arrangierten Texten durchaus lebensnah und auch vergnüglich vorträgt.

Die Turmgedichte sind im Januar 2012 als Nummer 2285 der ECM New Series erschienen.

Turmgedichte

2. August 2011

Alle Fragen offen: Spoken Word mit Schule der Unruhe

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Die Musiker waren großartig. Die Musik gewöhnungsbedürftig. Vielleicht aber habe ich auch nur mein Verständnis zu Hause vergessen, an diesem Nationalfeiertag der Schweizer, an dem das Berliner Label Traumton Records – dem wir unter anderem so schöne Veröffentlichungen wie die von Patty Moon oder Kathrin Scheer verdanken – Bassplayerman und mich freundlicherweise ins Radialsystem V zu den Spokenwordfreefolkjazzpoeten „Schule der Unruhe“, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe Schweizgenössisch spielten, eingeladen hatte.

Vielleicht muss man aber auch nicht alles erklären können. Ohnehin will man immer viel zu viel verstehen. Lassen wir anstatt tiefgreifender Deutungsversuche oder sonstwie gearteter Hermeneutik lieber Herrn Halter, kreativen Kopf und Frontmann der SDU, zu Worte kommen – denn derer hat dieser Mann wahrlich zur Genüge!

Das erste Stück des Abends – In der letzten Straßenbahn – ist befremdlich. Das zweite – Sag jetzt nichts – nur noch leicht seltsam und allenfalls uninteressant, aber schon mit dem dritten Guten Morgen, Deutschland – hat Jürg Halter sein Publikum am Haken. Doch bereits bei Tanz den Roman Signer wird es mit Colin Vallons Handkantepiano wieder zeimlich seltsam. Ein niedliches Berlin-Gedicht (oder vielmehr: Nicht-Gedicht) erfreut,

und auch der Brief an Kaiserin Elisabeth ist wunderhübsch anzuhören, mit so schönen Zeilen wie „im Licht gegen eine Straßenlaterne/tanze ich ausgiebig und gerne“. Leg den Mantel ab besticht mit seinem durch ein Glockenspiel ersetztes Piano, gefolgt von der ziemlich wilden Improvisation Kann schon sein.

Der Bahnhof, eine Art persönliches Manifest, bringt en passant das Lebens-
gefühl der Thirty-Somethings auf den Punkt: „Sprunghaft wie ich bin, weiß mein Herz nie, in welcher Brust es abends zur Ruhe kommt.“ Schön, das.

Große Klasse auch der Schweizer Psalm, wo es schon einmal richtig laut wird, während die erste Zugabe La Bombe, Titeltrack des aktuellen SDU-Albums, als leises Duett von Stimme und Piano überrascht. Um Schöngesang geht es hier allerdings weniger; ja, es ist fraglich, ob es überhaupt um Gesang geht; schließlich zischt, spuckt und würgt Halter seine Laute rhythmisch hervor, bis sie manchmal puren Sound, aber keinen Sinn mehr ergeben – zumindest keinen, der sich dem menschlichen Ohr erschlösse, denn hier ist Stimme nurmehr ein weiteres Instrument des Quartetts. Weitaus mehr als Jürg Halter und der erstmals mit Schule der Unruhe musizierende Colin Vallon haben mich allerdings Philipp Schaufelberger an der Gitarre und vor allem Julian Sartorius an den Drums beeindruckt. Klar, wer mit Jean-Paul Bourelly & Co. spielt, hat sich eigentlich ausreichend qualifiziert, um keine großen Worte mehr verlieren zu müssen.

Nach mit Das Wandern des Lebens nur noch einer weiteren Zugabe endet das erfreulich kurze Konzert, das – einem Schweizer Uhrwerk nicht unähnlich – pünktlich um halb zehn begann, wie auf der Einladung angekündigt.

Live funktionieren die Songs von La Bombe, doch kann ich mir nicht vorstellen, dass sie jemand tatsächlich im heimischen Wohnzimmer hört. Unwillkürlich fragt sich der Zuschauer, was denn dieser ganze Kram – zwar Kram auf musikalisch unglaublich hohem Niveau, aber letzten Endes dennoch Kram – eigentlich soll, selbst wenn Halter intellektualisierend und auch verzichtbar die Metaebene seiner Poesie oftmals gleich mitliefert.

Mehr noch: Soll und will das Ganze überhaupt etwas? Nimmt und meint der Poet das (und sich selbst) Ernst? Oder ist das am Ende gar subversiv? Anarchistischer Schweizer Humor? Gar wie von Sophie Hunger behauptet „die wunderbare Kunst des poetischen Widerstands“? Wir bleiben ratlos zurück und beenden diesen Beitrag so, wie schon Reich-Ranicki jede Sendung des Literarischen Quartetts beendete: Mit dem Brecht-Zitat „Und so sehen wir betroffen/den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

 


Kopfhörerhund beäugt skeptisch Bassplayermans Bein/der fürchtet der Hund denkt:
Da beiß‘ ich jetzt rein

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