25. März 2012

Stimmen, wie füreinander geschaffen: The Stewardesses heben ab – und nehmen uns mit

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 16:48

Nachdem das Wort “krank” ganz oben in der Suchbegriffsstatistik vom Klangblog rangiert – dicht gefolgt von “lesbisch”: erstaunlich, wonach die Leute in einem Musikblog so suchen! Sollte es eines Tages mit dem Musikjournalismus nicht mehr funktionieren, mache ich eine Krankenstation für Lesben auf -, möchte ich einmal mehr einen Treffer für das Suchergebnis liefern, denn: ich bin krank. Rotz, Halsschmerz, Nase zu – was auch immer Sie sich an Schnodder vorstellen können, hier ist er. Meine besten Freunde heißen zurzeit Gelomyrtol, Sinupret und Aspirin Complex. Damit bin ich nicht allein: Der überraschende erste Frühlingstag vor einer Woche hat ganze Belegschaften dahingerafft. Juchuh, zwanzig Grad, jubelte man tagsüber, und zog aus, was auszuziehen ging. Oh Mist, auf zwei Grad runtergekühlt, dachte man abends, als Schal und Jacke weit entfernt zu Hause lagen, man selbst aber fröstelnd im Biergarten saß. “Wenn Sie erst einmal das Gefühl haben zu frieren, ist es schon zu spät”, erklärte mein Apotheker am nächsten Morgen. Jaja, nachträglich schlaumeiern ist jetzt unglaublich hilfreich! Jedenfalls: Ich gehöre eigentlich ins Bett. Und nicht in den Konzertsaal. Aber: Wann spielen schon mal 5, in Worten: fünf, begnadete Musikerinnen auf einmal an einem Ort, darunter so anbetungswürdige wie Illute, Katriana und Catharina Boutari? Der findige Leser hat es erkannt: Das passiert, wenn das Label Pussy Empire Geburtstag hat und seine Künstlerinnen als The Stewardesses auf Tour schickt. Da muss man hin – und wenn es vorerst das Letzte ist, was man macht!


@ Work: The Stewardesses mit lauschendem Klangverführer. Foto: Jo_Berlin

In der wunderbaren Neuköllner Musenstube sind dann aber nur vier der Damen im Pan Am-Look gelandet, darunter allerdings meine drei Lieblingsstewardessen – und eine Chantal de Freitas, die zur Überraschung des Abends werden sollte. Davon aber später mehr. Eröffnet wird die Show von Catharina Boutaris Version des Tokio-Hotel-Hits Durch den Monsun, und live beweist Boutari einmal mehr, wie gut das Yael-Naim-Prinzip (Man nehme den unmöglichsten Song, den man sich vorstellen kann, und mache dann etwas ganz Wundervolles daraus) funktionieren kann: Der Song, muss ich feststellen, ist eigentlich ganz schön. Nur wussten Tokio Hotel das damals nicht. Chantal de Freitas singt im Refrain die zweite Stimme, und wie schon bei der L-Filmnacht zeigt sich auch jetzt, dass die Stimmen Boutaris und de Freitas’ wie füreinander geschaffen sind. Schön!


Sexy: Chef-Stewardess Catharina Boutari

Gast-Stewardess Illute hat ihren ersten Auftritt als Backgroundsängerin bei Chantals Mousse-T.-Cover Is It Cos I’m Cool, und sofort fühle ich mich ganz zu Hause in dem Klang. Ich liebe diese Stimme, die so anders ist als die der Kolleginnen und sich dennoch harmonisch in den Satzgesang der drei einfügt, der Katrianas Juli-Cover Geile Zeit begleitet. Aber die Stewardesses unterhalten das Publikum nicht nur mit den Akustik-Cover-Songs von ihrem Jubiläumsalbum Pussy Empire hebt ab, sondern auch mit ausgewählten Stücken aus ihren Soloprojekten. Ich freue mich auf Catharina Boutaris Alter Ego Puder mit ihren Großstadtkonkurbinen und meinem All-Time-Favorite Puder, wobei ich mich nicht entscheiden kann, ob mir Click Clack mit seinem “Farben, wo sind die Farben”-Refrain hier und heute nicht sogar noch besser gefällt – beide Disco-Nummern sind purer Glitter auf Speed!

Perfect von Chantal de Freitas mochte ich damals nicht besonders, aber entweder habe ich mich mittlerweile an den Song gewöhnt wie an einen guten Nachbarn, der vom Bekannten langsam zum Freund wird – oder de Freitas ist heute Abend in Hochform. Wie sich noch herausstellen soll, ist Letzteres der Fall; und nicht zuletzt gefällt mir das Thema des Liedes ausnehmend gut: alles soll heutzutage möglichst perfekt erscheinen, willkommen Botox, hallo plastische Chirurgie, und was das mit der Seele macht, interessiert keinen Menschen. Auch hier vereinen sich de Freitas’ Mezzo und Boutaris heller Sopran zu einer vollendeten Symbiose, und das, um beim Thema zu bleiben, ist etwas, das die Bezeichnung “perfekt” dann wirklich verdient hat. Nicht zuletzt gelingt es Chantal de Freitas, mir den Song Jetzt erst recht des Bravo-Geschöpfes LaFee näher zu bringen, für den ich bislang in etwa so viel übrig hatte wie für Durch den Monsun. Langsam verstehe ich, weshalb diese Lieder solche Hits sein konnten, denn entkernt man sie bis zum Kleinstmöglichen und lässt sie von einer lebensklugen Frau interpretieren, kann man tatsächlich so etwas wie Schönheit in ihnen finden. Tokio Hotel und LaFee fehlte es schlicht an Lebenserfahrung für die eigenen Songs. Wer schon ein bisschen gelebt hat im Leben, der kann auch banalen Teenagertexten Würde verleihen. In dieser Rolle gefällt mir Chantal de Freitas ganz wunderbar. Bislang habe ich sie eher als singende Schauspielerin denn als Musikerin wahrgenommen – das hat sich nun grundlegend geändert, und das Genre “gehauchte Ballade” steht ihr ganz vorzüglich.


Souverän & elegant: Chantal de Freitas

Das Lied, auf das ich mich freue, seitdem ich die Setlist gesehen habe – Dünner Tag von Illute -, kommt so ganz ohne jegliche elektronische Verstärkung indessen seltsam lo-fi daher. Ich gebe zu, es in der Album-Version mehr zu mögen – und dennoch zeigt Illute, dass man nicht mehr als Stimme, Ukulele, ein bisschen Fingerschnippen und eine Katriana an der Melodica braucht, um die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums zu erhalten. Ohnehin ist das Publikum der musizierenden Illustratorin wie immer mehr als geneigt – als sie in ihrem Hund-am-Strand-Cover Jungen Mädchen “Alle Jungen, alle Mädchen, zieht eure T-Shirts aus” fordert, beginnt die erste Reihe tatsächlich, einen Spontanstrip hinzulegen. Spätestens bei ihrer Version von Major Tom, die ich erstmals beim Fabulous Female Folk-Festival hören durfte, sind ihr alle verfallen. Damals war Illute der Lichtblick eines ansonsten trüben Abends – heute endlich hat sie ebenbürtige Mitstreiterinnen.

Katrianas Mensch aber ist das Lied, das über den Abend hinaus tagelang in meinem Kopf hängenbleibt. Im Grönemeyerschen Original verhasst, ist es bei ihr einfach nur wunderschön und, was dem Original nicht gelingt, berührend. Sehr süß ist Chantal de Freitas bei Teenage Love, einem ihrer eigenen Songs, mit dem sie wieder den über dreißigjährigen Frauen kollektiv aus der Seele zu sprechen scheint. Einer der Höhepunkte des Abends aber ist ihre Version des Rammstein-Hits Amerika. Schon auf der Platte großartig, toppt die Live-Version alles, haben die Stewardesses doch eine Andrews-Sisters-artige Close-Harmony-Nummer daraus gemacht. Ganz groß!


Nicht nur eine tolle Sängerin: Katriana

Das gilt auch für Katrianas Ich singe dir ein Lied mit seinem “Ich lieb dich heute Nacht/und wenn du nicht schlafen kannst/dann sing ich dir ein Lied”-Refrain, das in der Stewardesses-Version ebenfalls durch einen mitreißenden ooh-woo-whoo-Chor besticht. Bei Catharina Boutaris ‘türlich, ‘türlich verwandeln sich die Andrews Sisters dann in die Supremes; und genau hier zeigt sich, worin die Stärke der Stewardesses liegt: dass es vier Solo-Künstlerinnen geschafft haben, einen Gruppenklang zu entwickelnn, dessen Harmonien sich nicht hinter den großen Girlgroups der Sixties verstecken müssen.

Der durch Krankheit leider fehlenden fünften Stewardess Birgit Fischer (Ex-Motorsheep) wird gedacht, indem man das von ihr aufgenommene Ich+Ich-Cover Vom selben Stern als Zugabe anstimmt. Geben wir es zu: Ich+Ich haben schon recht pathetische Texte. “Du bist das Pflaster meiner Seele” hieß es in Pflaster, und hier heißt es “Ich nehm’ den Schmerz von dir”. Uff. Hätte man dabei nicht Adel Tawils großartige Stimme im Ohr – solche Texte könnte einem keiner verkaufen! Allein, Catharina Boutari, Chantal de Freitas, Illute und Katriana können es auch. Ganz zauberhaft funkelt der Song mit einem Mal, und ganz zauberhaft ist auch, wie Katriana hier tapfer mit Satinhandschuhen Klavier spielt, während de Freitas bei ihrem Part einmal mehr mit souveränem Leadgesang überzeugt. Die Künstlerinnen sind nicht nur stimmlich zusammengekommen, sondern eine jede hat sich während ihrer Tournee auch in die Lieder der jeweils anderen eingefunden, und mehr kann man sich von einem als einmaliges Projekt zusammengekommenem Musikerkollektiv wohl kaum erwarten.


Gitarre, Klavier, Ukulele, Melodica – Illute spielt sie alle

Wer die Stewardesses in Berlin noch einmal live sehen will, hat schon bald wieder die Möglichkeit dazu: Sie spielen ihr Programm am 5. April 2012 in der Langen Nacht noch einmal. Vorher machen sie aber noch Station in Dortmund, Köln und Hildesheim. Die genauen Tourdaten gibt es hier. Wir sehen uns, wenn es wieder heißt: Pussy Empire gebt ab!

4. Februar 2012

Wir fanden einfach die Musik gut. Trio-Ohrenschmalz im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 10:00

Kennt man das Trio Ohrenschmalz nur von der Bühne, ist man erst einmal überrascht, wenn man zwei Drittel davon privat trifft. Im Gegensatz zu Künstlern wie beispielsweise Andrej Hermlin setzen die Musiker den Zwanzigerjahre-Stil nicht auch noch zu Hause konsequent fort, sondern öffnen die Tür statt in Frack und Vatermörder in Jeans und Kapuzenpulli. Und auch die Frisuren sind irgendwie anders. „Wir sind keine Nostalgiker“, meinen Stefan Haberfeld und Julius Hassemer dann auch, als ich sie in Berlin zum Interview treffe.

Stilecht in Zwanzigerjahre-Kleidung und komplettiert durch Geigerin Angelika Feckl kann man das Trio Ohrenschmalz heute und morgen Abend mit seinem Programm Zuviel Appeal noch einmal im Heimathafen Neukölln sehen und hören. Warum sie sich nicht als Bestandteil der Zwanzigerjahre-Szene sehen, was die Musiker machen, wenn sie nicht zusammen spielen, und was das nächste Jahr für das Trio bringen soll, haben mir Stefan und Julius schon letzten Sonntag verraten, während sie gleichzeitig alle Hände voll zu tun hatten, die zum Tee gereichten hausgemachten Scones und Schokokekse vor einem gierigen Kopfhörerhund, der auch ansonsten seine eigentlich gute Erziehung zu Hause vergessen zu haben schien, in Sicherheit zu bringen.

Zu Kopfhörerhunds Verteidigung sei hervorgebracht, dass er erkrankt war, wie sich am Abend zu Hause herausstellte. Das erklärt natürlich das nervöse Hin und Her, welches er hier ebenso wie schon in den letzten Tagen zeigte und das alle in den Wahnsinn treibt! Das ist eben das Problem mit unseren Fellfreunden: Die können nicht einfach so sagen, mein lieber Mensch, bring mich zum Arzt, damit er mir Medizin gibt und ich mich wieder wohl fühle. Kopfhörerhund kann im Falle von Befindlichkeitsstörungen nur auf- und ablaufen. Allerdings läuft er auch auf und ab, wenn er aufs Klo will, wenn er Hunger hat, wenn er sich langweilt … Aber das ist eine andere Geschichte.

 


Privat mit einem die Gebäckschale hypnotisierenden Kopfhörerhund …

Klangverführer: Es ist jetzt fast ein Jahr her, seit ihr am 11. Februar 2011 mit der Vorab-Premie von eurem Programm „Zuviel Appeal“ im Admiralspalast eine rauschende Nacht gefeiert habt – was feiern wir heute, oder, anders gefragt: Was ist der Anlass für dieses Interview?

Trio Ohrenschmalz: Wir nehmen das Programm nach ein paar Monaten Pause wieder auf und spielen es jetzt am Wochenende im Heimathafen Neukölln. Wir wollten das Programm ja sowieso oft spielen, und auch, wenn wir am Anfang gleich fünf Auftritte hatten – was ja schon ziemlich viel ist –, war es schon klar, dass wir damit auch noch einmal in Berlin auftreten wollen. Leider klappt es nicht, sich für ein Jahr oder sogar länger hinzusetzen, um ein Programm zu erarbeiten, was einem gefällt, und es dann nur für kurze Zeit in Berlin zu spielen – das wäre uns zu wenig gewesen. Natürlich auch finanziell, aber vor allem, weil das eben unser Ding ist und wir es den Leuten hier noch einmal zeigen wollen. Und im Gegensatz zu unserem vorigen Programm haben wir auch von vielen Leuten hier gehört, dass sie sich vorstellen können, sich „Zuviel Appeal“ noch einmal anzusehen. Und natürlich hoffen wir auch, dass „Zuviel Appeal“ ein Programm ist, was man durchaus zweimal sehen kann – vor allem, wenn schon ein Jahr dazwischen liegt und man die Gags schon vergessen hat … Vielleicht sagt der eine oder andere dann, ach ja, klar, ich erinnere mich, aber ich finde es trotzdem lustig.

Wird das Programm denn in genau der Form, in der ihr es vor einem Jahr gespielt habt, wieder auf die Bühne gebracht oder hat sich da inzwischen was verändert?

Na, mal sehen, was sich verändert – wir haben es, seitdem wir damit im Mai im Heimathafen waren, ja nicht nochmal gespielt!

Das heißt, ihr habt euch jetzt nicht vorgenommen, bestimmte Sachen anders zu machen …

Nein, eigentlich nicht. Wir haben uns das jetzt noch einmal auf dem Video angeguckt, und für gewöhnlich schleifen sich über die Zeit immer ein paar neue Sachen ein, hier ein neuer Gag zum Beispiel, da ein neuer Ablauf, aber im Allgemeinen ist das bei diesem Programm erstaunlich selten der Fall. Wirklich nur ganz wenige Details.

Ihr habt ja letztes Jahr nicht nur in Berlin mit eurem Programm begonnen, sondern seid dann auch ganz schön herumgekommen damit! Ihr wart in Weimar, in Aachen, und ihr wurdet sogar in Stockstadt am Main aus 156 Bewerbern ins Finale gewählt, um um den „5. Stockstädter Römerhelm“ zu spielen … Was ist daraus eigentlich geworden?

Das hat geklappt! Der „Stockstädter Römerhelm“ ist ja so ein Kleinkunstpreis, und es war ein sehr langer und sehr lustiger Abend da in Stockstadt mit den fünf Finalisten. Wir haben uns total gefreut, dass wir den Preis dann bekommen haben. Natürlich konnten wir dort nicht unser ganzes Programm spielen, weil alle fünf Finalisten an einem Abend gespielt haben, aber es hat großen Spaß gemacht. Wir wollen das auch wieder machen, wir sind jetzt quasi schon in der nächsten Runde, wo wir uns bewerben. Schließlich gibt es ja nicht endlos viele Sachen, auf die wir passen, aber dort in Stockstadt … Das wollen wir auf jeden Fall nochmal machen! Das Schöne daran ist, es ist ein kleinerer Preis, eine kleinere Location, wo es einfach so nett zugeht, wirklich nett! Der Typ, der das gemacht hat, hat offensichtlich sein ganzes Herzblut in dieses Ding gelegt, und das macht diese Veranstaltung letzten Endes auch wirklich gut. Anderenfalls hätten die ja auch gar nicht fast hundertsechzig Bewerbungen. Stockstadt ist ja ein kleines Örtchen, und man hat gemerkt, dass für diese ungefähr zweihundert Stockstädter, die da waren, dieser Kleinkunstpreis eines der Highlights im Jahr ist. Die wollten da hin, die wollten das sehen! Die waren vom ersten Moment an total dabei und es hat alles sehr persönlich gewirkt. Man hatte auch den Eindruck, dass der Organisator dort jeden Einzelnen persönlich kennt, das war wirklich sehr nett. Und das heißt auch, wir mussten da keine Angst haben. Man kommt da hin, weiß nicht, wie gut die anderen Leute sind und ob man da überhaupt eine Chance hat, aber wir konnten da richtig mitmischen und haben dann ja sogar den Preis gewonnen! Jetzt werden wir nicht mehr auf den nächsten Wettbewerb gehen und denken, oh Gott, die machen uns ja platt und wir werden uns blamieren …

Es war also auch richtig gut für eurer künstlerisches Selbstbewusstsein! Damit erübrigt sich eigentlich die Frage, die ich hier anschließen wollte, nämlich, wie euer Programm denn während der Tour beim Publikum angekommen ist, aber offensichtlich ja sehr gut …

Ja, es ist wirklich gut angekommen. Diese ganzen Stationen, die wir mit „Zuviel Appeal“ bespielt haben, da werden wir auch überall wieder hinfahren! Wir werden wieder nach Aachen fahren, wir werden wieder nach Stockstadt fahren in diesem Jahr … Und es ist für uns sehr schön, wenn sich dann auch außerhalb von Berlin so kleine Gemeinden bilden, die sich dann darauf freuen, dass wir wiederkommen, und die noch ein paar Freunden davon erzählen und es dann immer mehr Leute werden …


… und als Trio Ohrenschmalz mit Angelika Feckl

Läuft es bei euch auch, wie heutzutage bei so vielen Künstlern, zunehmend über die sozialen Medien, dass sich diese kleinen Fangemeinden überall bilden, dass ihr euch mit denen vernetzt und so?

Das hilft sicherlich, aber wir glauben nicht, dass es darauf basiert. Unser Publikum setzt sich ja zum Teil auch aus etwas älteren Leuten zusammen, die da nicht so involviert sind.

Stichwort ältere Leute: Was fasziniert euch so an der Musik eurer Groß- oder sogar Urgroßeltern, dass ihr gesagt habt, das ist es, was wir machen wollen?

Also, wir glauben, wir sind gar nicht so drauf, dass zu uns charakterlich nur die Zwanziger passen. Wir fanden einfach die Musik gut und haben dann damit angefangen, denn das war etwas, womit wir sofort starten konnten, als wir dieses kleine Ensemble zusammengebaut haben. Und das war es eigentlich! Ab dann kam die Begeisterung für die Charaktere, für die Sänger, für die Komponisten, für die einzelnen Stücke, und von dort aus hat sich das immer weiter entwickelt!

Das heißt, die Trio-Mitglieder rekrutieren sich nicht aus der rührigen Berliner Zwanzigerjahre-Szene …

Nein, ganz im Gegenteil. Wir sind erst in diese Szene hereingekommen, als wir angefangen haben, diese Musik zu spielen. Wir kennen diese Musik natürlich aus unserer Kindheit und aus unserer Jugend – meine Eltern zum Beispiel hören fast nur klassische Musik, und die ganz wenigen Platten, die keine Klassik waren, waren bei meinen Eltern die Comedian Harmonists. Die habe ich dann als Kind gehört, und das ging uns allen so! Der Vater von Angelika ist ein großer Otto Reutter-Fan und kann ganz viele von dessen Texten auswendig … Wir haben diese Musik also gewissermaßen in die Wiege gelegt bekommen, haben das dann auch gemacht und erst mit der Zeit, als wir mit unserer Zwanzigerjahre-Musik so ein bisschen herumgekommen sind, haben wir gemerkt, es gibt ja so eine ganze Szene dafür, die wir dann erst kennengelernt haben.

Eure Zwanzigerjahre-Musik besteht ja nicht nur darin, dass ihr die einschlägigen Gassenhauer von damals, Hollaender und so, stilecht wiedergebt – ihr schreibt ja auch selbst täuschend echt wirkende Zwanzigerjahre-Musik, zum Beispiel den Song „Arm aber sexy“, dessen Titel ja auf einem Ausspruch unseres Bürgermeisters beruht. Wie kommt man darauf, ein so zeitgenössisches Thema ins Gewand der Zwanzigerjahre zu hüllen?

Stefan: Nun ja, wir mögen diese Musik eben sehr gerne! Es ist nicht so, dass uns nicht auch andere Musikstile gefallen würden – ich persönlich mag auch Rock’n’Roll und teilweise sogar Techno und HipHop –, aber die Zwanziger liegen mir einfach. Ich kann in diesem Stil schreiben – wahrscheinlich bin ich aber nicht besonders gut darin, HipHop zu schreiben. Diese Musik funktioniert in unserer Besetzung gut, und sie passt auch gut zu den anderen Sachen, die wir können – deswegen ergibt sich das einfach so. Ich bin jetzt als Komponist nicht so festgelegt auf diesen Stil, aber würden wir in unserer Besetzung zum Beispiel versuchen, Hardrock zu machen, würde das wahrscheinlich nicht so gut klingen! Und natürlich hätten wir dann auch mehr Schwierigkeiten, dass mit ‘nem Hollaender oder mit ‘nem Reutter zu kombinieren.

Julius: Und dass die eigenen Stücke moderne Themen behandeln … Das ist in vielen Stücken von Stefan so, dass dann manche Zeilen auf einmal komplett entblößen, auf einmal so, „Zack, ich, Song, bin von heute!“ Das hat uns nie gejuckt. In mehreren Stücken ist das so, in anderen wieder nicht … Immer so, wie es besser passt. Wenn es sich wie in „Arm aber sexy“ anbietet, „Hartz IV“ als Schlagwort zu bringen, dann passiert das halt, und wenn es nicht passiert, dann kann man es natürlich mehr mit den alten Klassikern verwechseln, was die Leute tatsächlich auch oft tun – aber beides ist schön.

Stefan: Es ist ja auch so, dass uns an den alten Stücken in erster Linie interessiert, was davon heute noch von Bedeutung ist. Insofern ist die Fragestellung die gleiche. Dass jetzt in den alten Stücken Begriffe wie „Hartz IV“ oder Zitate von unserem heutigen regierenden Bürgermeister nicht vorkommen, stört uns nicht, denn die Relevanz und die Aktualität haben sie in vielen Fällen ja trotzdem! In meinen Stücken kommt es aber eben vor, dass es Zeilen gibt, die zeigen, wie alt dieses Lied tatsächlich ist.

Julius: Es ist jetzt aber nicht unser Auftrag, bei den alten Stücken auf Teufel komm raus einen Bezug zu heute herzustellen. Ändern würden wir deshalb an den alten Stücken nichts. Im Gegenteil, das alte Stück muss uns einfach schon von vornherein etwas angehen; es muss etwas enthalten, was auch heute noch witzig ist oder traurig ist – aus diesem Grund sagt uns das alte Stück ja auch heute noch etwas.

Stefan: Genau, diese Zeitlosigkeit bedingt ja auch, dass wir heute noch etwas damit anfangen können.

Eine gute Frage – glaubt ihr, dass ohnehin nur Stücke von damals überdauert haben, denen eine gewisse Zeitlosigkeit innewohnt? So, wie man es ja auch von den Stücken klassischer Komponisten gern behauptet …

Nein, nicht nur. Wenn man irgendwelche Compilations mit Schlagern aus den Zwanzigern kauft, sind da ja auch Lieder drauf, wo man heute sagt, ist zwar nett und witzig, aber vom Text oder vom Thema her ist das nun wirklich vorbei. Das gibt es auch. Aber man findet immer wieder Perlen, wo man denkt, toll, damals geschrieben, irre!

Ist das ein Aspekt bei der Auswahl eurer Stücke?

Stefan: Wir sind da sehr subjektiv und wählen die aus, die uns persönlich am besten gefallen. Und natürlich, wenn wir jetzt an so einem Programm arbeiten und noch einen dramaturgischen Verbindungspunkt brauchen und dann ein Stück finden, welches da reinpasst, nehmen wir das auch ins Programm auf, wenn uns das persönlich jetzt nur zu achtzig Prozent gefällt.

Julius: Oder Stefan schreibt einfach ein Stück für solch eine Lücke, dann hat er ganz klare Vorgaben, was er machen soll.

Mal ein ganz anderes Thema: Ich bin neulich zufällig im Internet darauf gestoßen, dass Stefan zu Weihnachten in dem Kreuzberger Kult-Café „Drei Schwestern“ zu Weihnachten Klavier gespielt hat – und das führt mich natürlich zu der Frage, was ihr – musikalisch – so treibt, wenn ihr nicht als Trio Ohrenschmalz unterwegs seid.

Stefan: Unterschiedliches! Ich zum Beispiel trete im Drei Schwestern oder bei anderen Gelegenheiten als Hintergrundpianist auf. Da geht es dann nicht um Konzerte, sondern um eine musikalische Untermalung des Abends. Ansonsten trete ich weniger als Musiker, sondern mehr als Tonmeister in Erscheinung: Ich nehme Musik auf und mische Musik. Angelika spielt in Kiel an der Oper im Orchester …

Julius: Genau, sie hat wahrscheinlich am meisten Musik in ihrem „anderen Leben“ – nämlich hundert Prozent. Ihr Job ist es, klassische Musik zu machen. Ich mache seit ungefähr ein, zwei Jahren keine Musik mehr. Früher wollte ich mal Opernsänger werden, habe aber dann angefangen zu studieren, so ist eines zum anderen gekommen. Jetzt bin ich Wissenschaftler und beschäftige mich damit, was Menschen mit ihrem Körper machen, wenn sie reden. Kurz gesagt, es geht um Körpersprache, und darüber schreibe ich gerade meine Doktorarbeit. Das macht mir so großen Spaß, dass ich bei der Musik nur noch das Beste mache: nämlich das Trio.

Müsstest du dich irgendwann zwischen dem Trio und deiner wissenschaftlichen Laufbahn entscheiden, würdest du die Musik vorziehen?

Julius: Sollte das tatsächlich der Fall sein, müsste man sehen, wie es sich dann konkret entwickelt. Bis jetzt habe ich aber immer gedacht, egal wo ich gerade stand, dass es auf der nächsten Stufe nicht mehr möglich sein wird, dass Trio und die Wissenschaft miteinander in Einklang zu bringen. Das habe ich immer gedacht – und ich hatte nie recht. Bis jetzt ging es immer zweigleisig weiter. Und da die Erfahrung gezeigt hat, dass beides geht, würde ich jetzt voraussagen, dass ich in drei Jahren immer noch beides mache.

Wenn du von drei Jahren sprichst, dann heißt das, dass das Trio auf jedem Fall langfristig angelegt ist und ihr nicht vorhabt, das Projekt nach „Zuviel Appeal“ wieder zu begraben?

Julius: Nein nein! Im Gegenteil, wir arbeiten ja schon wieder am nächsten Programm! Und da wir alle immer das Trio und unser anderes Leben miteinander verbinden müssen, vertritt jeder von uns zwei Interessen: das Trio-Interesse und das aus seinem anderen Leben. Im Trio-Interesse legen wir manches dann so langfristig an, dass wir uns damit selbst quasi verbieten, damit irgendwann aufzuhören.

Stefan: Es wird auch immer langfristiger! Aktuell haben wir eine Konzeptionsrunde für unser neues Programm, was in der zweiten Hälfte von 2013 starten soll.

2013 – das ist ja auch das Jahr, wo ihr euer zehnjähriges Trio-Jubiläum feiert. Gibt es schon etwas, was ihr von dem Jubiläums-Programm verraten könnt?

Können wir wirklich noch nicht. Dazu ist es einfach zu früh. Diejenigen, die damit betraut sind, verschiedene Konzepte zu schreiben, haben eine derartige Freiheit, dass wir dann wirklich erst nach Abgabe der Konzepte sehen werden, in welche Richtung es führt. Ende Februar sollen die Konzepte fertig sein; und der Plan ist, dass wir das Programm dann im September oder Oktober 2013 auf die Bühne bringen. Bis das neue Programm fertig ist, werden wir aber noch zwei Programme spielen, nämlich erst einmal unser großes Programm „Zuviel Appeal“, wofür wir große Bühnen und eine gute technische Ausstattung brauchen, und dann haben wir noch unser kleines Programm „Früher war alles wie heute“ für kleinere Locations, das ist so eine Art Best-of.

Ich weiß, dass man euch mit dem kleinen Programm auch privat buchen kann, für Hochzeiten, Geburtstage und so fort. Das große kann man sich in Form von eurer aktuellen CD nach Hause holen …

Ja, „Zuviel Appeal“ ist unser aktuelles Album und wird es auch noch ein kleines Weilchen bleiben, denn es ist offen, ob wir zu dem neuen Programm 2013 eine weitere CD herausbringen. Das hängt natürlich auch davon ab, was für Stücke es geben wird und ob es sich lohnt, für diese bis jetzt noch nicht geschriebenen Stücke eine CD aufzunehmen. Vor vier oder fünf Jahren haben wir eine Live-DVD produziert, das war ein großes Abenteuer, und danach haben wir zwei Studio-CDs gemacht. Beides kommt als nächstes Medium wieder in Frage. Der Vorteil einer CD ist, dass man sie im voraus produzieren kann und zur Premiere des Programms die CD schon fertig hat. Und gerade zur Premiere eines neuen Programms kommen alle unsere großen Fans und CD-Käufer … Es ist leider ein genereller Trend, dass es immer schwerer wird, CDs zu verkaufen. Dafür aber läuft der Verkauf auf Konzerten verhältnismäßig gut.

Apropos genereller Trend: Viele Leute kaufen ja keine physischen Tonträger mehr, sondern nur noch einzelne Download-Tracks. Mischt ihr da mit, kann man Stücke vom Trio Ohrenschmalz auf iTunes oder bei Amazon downloaden?

Julius: Ja, das haben wir gerade gemacht. Nächste Woche haben wir unseren Online Release und sind ab da bei iTunes erhältlich. Und egal in welcher Form – man hört den Songs von „Zuviel Appeal“ einfach an, dass wir uns entwickelt haben. Ich denke auch, dass wir uns auf der Bühne ähnlich entwickelt haben, aber auf der CD, auf die unsere Leistung gewissermaßen gebannt ist, kann man wirklich hören, dass sie künstlerisch besser ist als unsere erste CD.

Stefan: Stimmt, ich habe sie neulich seit langem mal wieder von vorn bis hinterndurchgehört, denn ich habe ja auch nach den Studioaufnahmen noch damit zu tun gehabt, habe geschnitten und gemixt, da hat man das erst einmal über und will es erst einmal gar nicht mehr hören, aber neulich habe ich es gemacht und ich muss sagen: Sie hat mir wirklich gut gefallen. Ich hatte ein bisschen Angst, aber sie ist wirklich gut!

Julius: Die CD kann man sich mehrmals anhören – und auch das Programm kann man sich mehrmals angucken. Wir werden damit dieses Jahr einige neue Bühnen bespielen, worauf wir uns sehr freuen.

Letzte Frage: Im Moment ist es ja so absolut hip, die Zwanziger, Dreißiger durch den Elektrowolf zu drehen. Dabei kommt dann so etwas wie die Electro Swing Revolution raus. Ist das etwas für euch oder könnt ihr damit so gar nichts anfangen?

Also, wenn ein DJ kommt, der mag, was wir machen und dessen Stil wir mögen, dann können wir uns auf jeden Fall auch Remixe vorstellen.

Dann danke ich herzlich für das Interview und wünsche viel Spaß und Erfolg für den 4. und 5. Februar!

 

30. Januar 2012

Henker, Lumpenhändler und eine Lady, die den Blues singt: Liz Green im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 15:54

Eigentlich sollte dieses Interview samt Konzert schon im Dezember stattfinden. Dann aber zog sich die Künstlerin eine unangenehme Ohrenentzündung zu und der Berliner Promotermin wurde verschoben. Beim nächsten Versuch gestaltete sich das Ganze noch komplizierter, da die Interviewanfrage zwar relativ kurzfristig kam, mit dem genauen Termin aber erst am Vorabend des Ereignisses herausrückte. Das ganze Hin udn Her hat mir aber endlich die Frage beantwortet, die mich schon lange umtreibt: Weshalb es kaum weibliche Musikkritiker gibt: Weil sich Spontanaktionen meist nicht mit der im Vorfeld minuziös abzustimmenden Planung von Kinderbetreuung verbinden lassen. Wer da keine engelsgeduldigen Großeltern oder eine trotz eigener kleiner Familie unendlich flexible Kopfhörerhundetagesmutter hat, kann solche Interviews schlicht nicht führen. Und, ganz ehrlich: Würde ich nicht glauben, dass Liz Green mit
O, Devotion! jetzt schon die Platte des Jahres abgeliefert hätte, die von nichts, was da in 2012 noch kommen mag, getoppt werden kann, dann wäre auch ich ob des ganzen Planungsunsicherheitsdurcheinanders nicht hier. Aber Greens Platte ist nun einmal schlicht umwerfend, und ich bin gespannt auf die Frau, deren Familie auf eine lange Ahnenreihe von Henkern und Lumpenhändlern zurückblickt, wodurch sich, möchte man der Legende Glauben schenken, ihr Hang zum Makaber-Abseitigen erklären könnte.

Die Neo Folk/Blues-Sängerin traf ich unmittelbar vor ihrem Auftritt im Roten Salon am Sonnabend in Berlin.

 

Your current album is called “O, Devotion!”. So of course I first would like to know, what does devotion mean to you?

Oh well … Some people think that it’s religious devotion, but it’s not. Forget that. Devotion is just a word and it means the kind of dedication and love of something … for me. You know, if you devote yourself to something sometimes it can be frustrating. You can get angry. That’s that.

A lot of people would say that „O, Devotion!“ is Singer/Songwriter or Indie Pop, but I personally sense that it is rather a Blues album. How would you describe your style of music?

Well, if it is genre, it’s probably more Blues than anything else. That’s what I was listening to when I started to write music, so that’s the obvious first influence. But I would say that I would always consider myself Pop. Because I want to reach as many people as possible. I want them to hear it, regardless whether they’re into Indie music or Dance music or whatever music they are into. You know, my brother is a really big Drum&Bass fan. And when he heard my music he was like, oh, this sounds really good, it’s really cool. And I was just like, oh, but you like Drum&Bass! And he said, yeah, but this is kinda good! So I call it Pop, because Pop is the one genre that lets other genres kind of fall in together.

I believe two or three of the songs of your album were already recorded some years ago, for example „Midnight Blues“ or „Bad Medicine“, but it’s only now that the album appeared. What took you so long to finish it?

I don’t know. I’ve been telling people that I went to Mexico to find Alpacas and make jumpers. Mainly because I don’t want to answer the question. I don’t know how it happened … You know, the idea was ensuring … It was that kind of everything started happing before I thought it could be a possibility. It was always that my life decided that I was gonna be a musician before I even thought of it. I mean, I do want to be a musician. But it took a little bit of time to write some more songs and kind of let the song become what I want it to be.

Well, I think read in one of your previous interviews that you said it was also such a difference between playing live and then go to the studio with its sterile atmosphere and all the microphones pointing at you …

Yeah, I think when I recorded the first time it was always unexpected. I’ve never done it before. And it was my friend who had a tiny little record label – he then became my manager, a nice progression – and he said, hey, come to my house, we’ll record a song. And I think I was a bit drunken, so I was like, hey, yeah, let’s record a song, and so it was done. When I first heard it I was like, uah, it’s horrible! But he thought it was brilliant. For me, it just didn’t sound like it sounded in my head. And this album … it took me a while to work out what I have to do to make it sound like that. Plus, I thought that I was gonna make an album, and if I only was to make one album I wanted to make something that had a little of … well, a kind of that someone will be able to pick it up in a hundred years from now, listen to it and think that, oh, this still sounds good! You know, that’s what I’ve been listening to lately, to some songs which were made in 1912, and now it’s 2012 and they still sound good.

The brass section plays a major role on your album which seems kind of unusual for non-Dixieland, non-Balkan recordings. Why did you opt for the brass sound?

Well, I played music in Manchester, and if you play music in Manchester you get to meet everybody who plays music there. So the double bass player and the saxophone player on the album – we’re just friends. We started jamming together, and when I was about to go off to the tour in Europe I asked them to come with me …

So you are trying to say that the instrumentation on your album happened by chance? If your friend had been a piano player it would have been different?

Yes, might be. So they will be here tonight, the double bass, the saxophone and the trombone …

… and you will play the mouth trumpet? I heard you are a very talented mouth trumpet player …

Yes, because my trumpet player moved to Malaysia! Like, I didn’t know where he was because I haven’t been dealing with him for a couple of weeks. Two weeks ago, I had dinner with him, and two weeks later I was like, Perry, the album is coming out and I need you on the tour. And he was like, Liz, I moved to Malaysia. And I was, okayyyy … how long is that for? and then he said, I live there. So I had got to learn mouth trumpet!

Well, apart from the uncommon instrumentation it’s first and foremost your voice that catches the listener immediately and awakes long-forgotten layers of the musical memory of humanity … How come you sound like from another time?

Well, I don’t know. It is just what came out. That is what I sing like. I mean I think female singers have become quite … (sings in a breathing voice) ohh-ahhh …. Which is fine cuz some of it is brilliant, but I’m not like that! I’m a bit of … (shouts out loud) …ahhhh! And a lot of people whom I really admire, people like Judy Garland or Billie Holiday or Ella Fitzgerald, they soud like that, too.

Critics compare you to each of them …

Yeah, it’s weird, but I think it could be much much worse!

And I think they are perfectly right! When I heard the first beats of „Hey Joe“ it was really like listening to a long-forgotten Billie Holiday recording. I mean, the sound was more modern, of course, there were no scratches or whatever in it, but still …

Wow, what a great compliment!

So you say it is just the way you sound by nature …

Yeah, because I don’t use a special vocal technique or something … I mean, I was in the school choir when I was eleven, but that’s that. I didn’t really sing much. I used to sing in the house when nobody was in – and you can’t hear yourself. So I do remember all the records I sang along to, above all Ella Fitzgerald records, maybe it’s natural that this brought me this kind of inflections – but that’s the music that I like! So that’s just how my voice comes out and I find … me and my friend George in Britain … when the music really hits us it can be any kind of music sung by anyone, but when it really hits you it hits you right there (points to her heart). And that’s the music I enjoy. I think you probably have to sing from there in order to convey that power.

One of the songs of your album is called “Rag and Bone”. The press release states that you descend from a family that includes executioners as well as rag and bone men. Is this true – and if so, could this be a possible explanation for your fascination with macabre stories?

Well, it’s storytelling really – and rag and bone men are actually really common in Britain. It’s just that the name sounds quite macabre. Actually, a rag and bone man is just like not a shop man. In the old days, they used to ride in horsing cars along the streets. And in Liverpool this is what we found out when doing a family tree. So my ancestors used to ride in horsing cars along the streets in Liverpool and yell out, “Any old iron? Any old clothes?”, and they would put this stuff in the waggon and sell it to other people. So that’s a rag and bone man, quite a normal, honorable profession. Executioners … (laughs)

Oh, I was just asking it because the press release opens with it.

Yeah, I know. I mean, it could be a story …

Apart from the myth around your person, there’s a bunch of strange figures who populate the spiritual cosmos of your album, for example half-man-half-bird Joe and his wife Oko, there’s shadow play, there are masks … Where do these figures and things come from?

My imagination! I think imagination is sometimes much more reliant than music for the moment. Because a lot of music seems to be quite confessional, you know … (sings) … “I did this and then he did that, and then I loved him but now he doesn’t love me, oh oh, the pain” … Which is fine. Because I do like music that is like that, but I can’t tell that kind of story. It’s difficult. So I have to build up stories that have characters to be able to express the different thoughts of human experience or emotion.


The Ballad of Joe and Oko: Liz Green plays the part of half-man-half-bird Joe, Berlin, January 28, 2012

 

Direkt nach dem Interview ging es auch schon mit Supporterin Hannah Miller los, die, wenn sie nicht zwischen Cello und Gitarre mäandernd für Liz Green die Show eröffnet, Sängerin bei den Moulettes ist, denen der Ruf als „uncategorisable quintet“ vorauseilt. Und auch Miller solo ist im positiven Sinne Genre-sprengend; da wird das Cello schon mal zum gezupften Jazz-Bass – googlen Sie mal „Hannah Miller sings the Blues“, denn das kann diese Lady aus Brighton mindestens ebenso gut wie der Main Act des Abends. Eine klare Trennung zwischen Vor- und Hauptprogramm gibt es hier ohnehin nicht, da spielt der Green’sche Saxophonist schon mal ein Duett mit Miller, die ihrerseits bei dem Set von Liz Green das eine oder andere Stück am Cello begleitet. Man ist eben befreundet und unter sich. „Verdammte Hippies“, versucht sich Bassplayerman an der Parodie reaktionären Kommentatorenguts angesichts der flatterärmeligen, Schal tragenden und auf halb-kaputten Instrumenten spielenden Musiker. Ob Hippie oder nicht – ein lustiger Haufen sind die durch viele Zwischenrufe beim Set des jeweils anderen auffallenden Brightoner allemal; und das Wort „offen“ würde dem feucht-fröhlichen Umgang der Clique mit Hochprozentigem nur schwer gerecht. Der Rum jedenfalls könnte eine Erklärung für die live dann doch ziemlich schwiemeligen Bläser-Arrangements sein, die sich auf der Platte so wohltuend im Hintergrund halten. Aber sehen Sie selbst:

8. Dezember 2011

Jennifers musikalische Diener

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 15:09

Ich habe eine Kindheitsfreundin, die genau genommen Schuld daran ist, dass ich mit der Musik angefangen habe. Sie belegte einen Kurs in musikalischer Früherziehung, und ich glaube, meiner Mutter gefiel das. Jedenfalls fand ich mich innerhalb kürzester Zeit, fünf- oder knapp sechsjährig, im selben Kurs und dort im Kreis gehend und „ta-ta-titti-ta, ta-ta-ta-ah“ klatschend, wieder. Meine Freundin wurde dann der Klavierfakultät der Musikschule zugeteilt, ich den Geigern, denn es standen nur drei Instrumente zur Auswahl: Klavier, Geige und Konzertflöte. Klavier spielten alle, und Flöte, also mal ehrlich, wer wollte das schon? Also entschied ich mich für Geige, und wohin das geführt hat, sehen Sie ja selbst.

Meine Freundin habe ich dann aus den Augen verloren, aber nach knapp dreißig Jahren haben wir uns, wo auch sonst, auf Facebook wiedergetroffen und sehr darüber gefreut, dass wir unabhängig voneinander beide ein „Emmchen“ haben, sie ein selbst gemachtes zweibeiniges, ich ein adoptiertes felliges. Natürlich hat das zweibeinige Emmchen auch einen Vater, den Mann meiner Freundin. Und der spielt, wenn er keine Filme macht, in seiner Freizeit Cello. Wieder vorgekramt hatte er es eigentlich nur als Hochzeitsüberraschung für meine Freundin: Gemeinsam mit einem Freund, der zufällig Singer/Songwriter und Gitarrist ist, sollte ihr ein romantisches Ständchen gespielt werden. Und wie das so ist mit „Eigentlich sollte es nur eine einmalige Sache werden“ – man hat es ja gerade erst bei B•S•O gesehen, das sich ursprünglich ja auch nur als Geburtstagsüberraschung gegründet hatte –, wurde auch hier eine regelmäßige, intensive Zusammenarbeit daraus, die dann auch einen Namen bekam. Zum Namen kamen Auftritte, kamen Facebook-, Youtube- und MySpace-Seiten, kamen Fans, kommt eine Platte – und komme ich heute hierher.

„Hier“ ist diesmal ein ganz besonderer Ort: Die von der sympatischen Heike Mössner betriebene, nur einmal die Woche öffnende, halb-private und ebenfalls im Filmumfeld angesiedelte Seimobar, eine Art Wohnzimmer mit angeschlossener Küche, wo es für wenig Geld hausgemachtes Essen plus Nachschlag und -tisch ohne Ende gibt. Da verwundert es wenig, dass manche sogar auch nur wegen des Essens kommen, heute Abend beispielsweise die Heavy Metal Band, die sich vor ihrem Auftritt in einem benachbarten Laden an Rotkohl, Klößen und Krustenbraten gütlich tut. Und tatsächlich hat die Wohnzimmerszene an der langen Tafel unter dem beleuchteten „Million Dollar Hotel“-Wandbild etwas vom Abendmahl.

Während die anderen essen, habe ich die Gelegenheit, für ein Mini-Interview mit den beiden Protagonisten des heutigen Abends, Joseph Bolz, den Singer/Songwriter, und Friedhelm Pörner, der zu der Bolz’schen Musik die Cello-Arrangements schreibt und spielt. Klar, dass ich erst einmal wissen will, wie das Duo denn auf den Namen „Gwen Hyfar“ gekommen ist. Ursprünglich, so erfahre ich, wollte man sich „Zoe“ nennen, doch gibt es leider schon zu viele Bands dieses Namens. Da es aber ein Frauenname sein sollte und man melancholische Träumerinnen aus Schweden wie Mire Kay und Audrey schätzt, kam man auf das nordische „Gwen Hyfar“, das nichts als ein verklausuliertes „Jennifer“ ist, die als „Jenny“ wiederum einen wichtigen Teil im Bolz’schen Textkosmos einnimmt. Und in der Tat taucht sie in mindestens zwei Stücken des Abends auf.

Erst einmal aber rumpeln Gwen Hyfar beim Opener Like Wool, den mir die wohlmeinende Ehefrau vorab schon als Youtube-Link geschickt hat, vor sich hin, die Raumakustik schluckt viel der leiseren Gesangpassagen, das Cello dominiert zu stark. Dann aber hat man sich eingespielt, auf den Raum, aufeinander, worauf auch immer, in jedem Falle fällt hier schon die außergewöhnlich schöne Songstruktur auf, mit ausgeklügeltem Arrangement und fein austarierter Aufnahmetechnik ist das etwas, was ich sehr gern auf CD hören würde. Schon ab dem zweiten Song ist man von der Intensität der Bolz’schen Songstrukturen völlig in Bann gezogen, und zunehmend fällt auf, dass hier ein im positiven Sinne absolut Besessener am Werk ist. Wo hat man den denn bis jetzt versteckt und warum hat man ihn vor uns versteckt? Die Welt braucht solche Lieder, ganz sicher.

Pörner hingegen mag kein Profi-Cellist sein, und obwohl ich mit so etwas sonst sehr streng bin, fällt mir heute Abend dazu nur ein: Das muss er auch nicht, denn hier geht es um etwas völlig anderes. Zudem: Weshalb auch eine Laienmusiker an den Maßstäben für Profis messen? Allein die Songs von Joseph Bolz machen alles um einen herum vergessen, nicht nur ich bin froh, hier zu sein, auch das restliche Publikum ist regelrecht hypnotisiert. Die Klangfarbe seiner Stimme, seine Phrasierung, ja sogar die Art der Songs erinnert mich an jemanden, der mir gerade auf Teufel komm raus nicht einfallen will, der von solchen Songs aber nur träumen kann. Chris Cornell vielleicht?

Wenn es Ihnen einfällt, schreiben Sie mir. Ansonsten bleibt mir nur noch zu sagen: Kaufen Sie das Album, wenn es nächstes Jahr erscheint. Ich werde Sie ganz bestimmt daran erinnern.

21. November 2011

Ich kenn‘ dich doch von Facebook: Nikolai Tomás und Krispin Light im art.gerecht

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 15:57

Lieder, die man nach einem Konzert noch auf dem Heimweg singt, haben das Zeug zum Ohrwurm/Sommerhit/Klassiker/… (bitte nach eigenem Gutdünken ankreuzen bzw. ergänzen) und sind in jedem Falle angetan einen wissen zu lassen, dass man gerade Zeuge eines ganz besonderen Abends wurde. Das Indien-Lied mit so schönen Textzeilen wie „die Gurus brauchen neue Schüler“ der neuen, noch nicht erschienenen Platte von Nikolai Tomás, ist so eins. Und in der Tat ist ein Großteil des Publikums gekommen, den Poems for Laila-Schöpfer zu sehen, obgleich er mit einer Handvoll neuer Stücke nur das Vorprogramm der Show bestreiten sollte. Sein letztes Solo-Album Alles auf Anfang habe sie in einer schwierigen persönlichen Phase angetroffen, verrät mir eine Dame, und dort prompt seine heilende Wirkung entfaltet. Und ein junger Rechtsreferendar aus einem der bürgerlicheren Bezirke Berlins wurde von seinem Freund mitgeschleppt, der „Tomás unbedingt sehen wollte“. Dafür scheute man dann auch die Autofahrt ins hippe Friedrichshain nicht.

Klar, dass auch ich gespannt war auf diesen Landsmann meines Vaters, dem die Kollegen schon mal attestieren, wie ein „verwegener ungarischer Prinz“ (Tagesspiegel, 14. März 2002) auszusehen und was das Puszta-Paprika-Klischee (Zigeunergeiger! Csárdásfürsten! Lángos und Palatschinken! Ja, es ist nervig, in Deutschland mit seinen geliebten Exotismen Ungar zu sein.) noch alles so hergibt. Und wenn er dann noch lebensrettende Lieder à la Illute macht … Zumindest macht er sehr schöne Lieder, irgendwo zwischen Rätselhaftigkeit („Ich war die Sechs und du die Zwei/ich die Methode, du der Hai“) und Zeitgeist. So beispielsweise beklagt sein Facebook-Lied Ich kenn dich doch von Facebook mit dem schönen „Gefällt mir/gefällt mir nicht“-Refrain den merkwürdigen Umstand, dass man von seinen Facebook-„Freunden“ zwar fast alles weiß, angefangen davon, was sie gerade zu Mittag gegessen haben, aber recht eigentlich kennt man sie gar nicht. Bezeichnenderweise sind Nikolai Tomás und ich – Ironie des Schicksals: Facebook-Freunde. Haben sich hier schon viele schmunzelnd wiedererkannt, war der absolute Brüller des Abends aber Tomás‘ Indien-Song, ein perfekter Rausschmeißer, bei dem das Publikum lachend am Boden lag und der vergessen macht, dass die Lieder des Sängersongschreibers, genauso wie die vom heutigen Main Act Krispin, nicht zuletzt durch poetische Wortneuschöpfungen wie „Wundertütenland“ oder „Regenmantelmann“ bestechen. Ein toller Songs ist auch Baby Berlin – auf die Platte kann man sich definitiv freuen!

Freuen tut sich einzig Kopfhörerhund nicht. Der ist zwar wieder gesundet, aber schon den ganzen Tag über unruhig, um nicht zu sagen: unleidlich. Zu allem Überfluss habe ich ihm die Ohren geputzt, was die schlechte Hundelaune nur noch verstärkt. Während Nikolai Tomás‘ Auftritt will das Getier dann auch nur eins: raus. Kaum aber betreten Roland Krispin und Christoph Thiel die Bühne, die diesmal nicht von Andreas Laudwein und Ronny Seiler an Gitarre und Schlagzeug, sondern als „Krispin Light“ von der ebenfalls über Facebook rekrutierten Cellistin Franziska Kraft begleitet werden, rollt sich Kopfhörerhund wohlig zusammen und schläft. Auch er mag die Krispin-Lieder zwischen Fröhlichkeit und Wahnsinn. An alle verzweifelten Eltern da draußen: Wenn sogar mein renitentes Hundetier bei den Krispin-Liedern einschläft, probieren Sie sie doch mal an Ihren zappeligen Kindern!

In jedem Falle stehen den Songs die neuen luftigen Kleider, wobei Papierherz das wohl coolste Cello-Arrangement hat, obwohl – oder gerade weil – es eben nicht gar so luftig daherkommt, sondern mit einem weittragenden, fast schon den fehlenden Bass ersetzenden Cello. Dass kein Schlagzeug dabei ist, merkt man erst am Schluss des Sets, wo Thiel zum Tamburin greift (oder vielmehr damit füßelt) – hier offenbart sich, dass die Songs in der alten Besetzung mehr Tiefe hatten; und bei der letzten Zugabe Spät – einem wunder-wunderschönen Lied – vermisse ich die portisheadschen Klangflächen Andreas Laudweins schon sehr. Das geniale Cover Paula hingegen ist auch in der Light-Version die wohl schönste Zugabe, und es ist ein Jammer, dass der Song es nicht auf das Album geschafft hat. Mit Ich habe dich gern gibt es auch einen neuen (oder zumindest beim Zimmer-16-Auftritt uneghörten) Song, den habe ich Ihnen direkt einmal mitgebracht. Natürlich darf da auch der mittlerweile wieder zappelige – weil, wie sich zu Hause herausstellte, obwohl gefütterte trotzdem mordshungrige und entsprechend randalierende – Kopfhörerhund nicht fehlen:

Er hört es zwar nicht gern, der Herr Krispin, wenn ich ihn als „Liedermacher“ bezeichne. Doch auch wenn der Begriff mit gewissen Konnotationen aufgeladen ist, tut Roland Krispin im Grunde genommen genau das: einfach schöne Lieder machen, und somit ist – und bleibt – er für mich ein Liedermacher im besten Sinne. Dennoch ist es am Ende des Tages Indien von Krispin-Produzent Nikolai Tomás, das mich auf dem Nachhauseweg, durch die Nacht und auch noch in den nächsten Morgen begleitet. Und nach einem halben Kilo Hähnchenhals und der „Notdose“ Thunfisch war das Hündchen auch wieder friedlich …

10. Oktober 2011

Balkan Beats ohne Beats oder Musikkritik im Dunkeln: Tsching feiern ihren Record Release im Theater unterm Dach

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 11:13

Freitag war wieder einer dieser Abende, an denen die Entscheidung zwischen konkurrierenden Veranstaltungen schwerfällt. Da spielte zum einen Ex-Cultured Pearls Sängerin Astrid North live & unplugged in der St. Elisabeth-Kirche. Dann der Gitarrist Andreas Laudwein, den ich zum ersten Mal bei Krispin gehört habe, mit Lina Paul. Beides hätte ich gern gesehen, hatte aber schon der Record Release Party des Balkan-Tango-Swing-Trios Tsching mein Jawort gegeben, zu der mich Franziska Kraft, die Cellistin des Trios, eingeladen hat. Überhaupt die Celli in letzter Zeit! Auch das muss etwas Atmosphärisches sein, mit all diesen kleinen Bassgeigen im Moment. Nicht nur, dass Krispin in der Herbst/Winter-Saison mit Cello-Unterstützung auftreten werden und ich neulich bei B•S•O die Gelegenheit hatte, gleich zwei jungen Cellisten auf einmal zuzuhören, auch das Trio Tsching wartet mit der eher ungewöhnlichen Besetzung Saxophon, Gitarre und Cello auf.

Das Theater Unter dem Dach jedenfalls, auf dessen Musikbühne Tsching spielen, wird seinem Namen schon mal gerecht: Es befindet sich tatsächlich direkt unterm Dach. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. Kopfhörerhund wäre dem Aufstieg nicht gewachsen gewesen; und tragen Sie mal einen 30kg-Stafford drei Altbautreppen hoch! Eben.

Los geht es mit einiger Verspätung, da der – stockdunkle! man stelle sich vor, was das für die spätere Lesbarkeit der Kritikernotizen bedeutet! – Theaterraum ob des Ansturms erst noch mit zusätzlichen Sitzgelegenheiten bestückt werden musste, und dem namensgebenden Stück Tsching, einer Komposition Helmut Mittermaiers, der als Saxophonist des Trios auch live – ebenso wie auf der CD – unglaublich viel Lufthauch in seinem Spiel hat, der auch durch das im zweiten Stück verwendete Tenorsax weht – hier versteht man, weshalb die Holzbläser auf English „woodwinds“ genannt werden. Der Celloton hingegen unterscheidet sich sehr von dem auf dem Album, was zum einen daran liegt, dass es hier von Sax und Gitarre akustisch erdrückt wird – in Zeiten elektronischer Verstärkung komplett unnötig –; zudem wird dann doch so manches Mal nach der richtigen Intonation gesucht. Allerdings bin ich, was Celli angeht, im Moment auch sehr verwöhnt. Gitarrist Ben Aschenbach wiederum spielt einen sehr sympathischen Fingerstyle mit nur gelegentlichem Griff zum Plektron, aber auch bei ihm ist die allgegenwärtige Loop-Station nicht wegzudenken, die mittlerweile auch den Akustikbereich komplett erobert zu haben scheint. Einzig fragt man sich, weshalb Aschenbach in diesem Genre keine Cut-Out spielt, sondern stattdessen angestrengt nach den oberen Bünden langt.

Ausgesprochen gut gefällt mir das dritte Stück des Abends, das wie ein Southern Blues im Cassandra-Wilson-Stil startet, sich aber recht schnell als die Lennon/McCartney-Komposition Come Together entpuppt – schon auf der CD mein absolutes Lieblingsstück, wegen dessen allein sich der Kauf des Albums lohnt! Allerdings spielt Franziska Kraft in Widerspruch zu ihrem Namen auch hier ein sehr zartes, wenn nicht zu zartes Cello.

Beim Mocca Swing verschwindet dann endlich das allzu Luftige, und der Saxophonton kommt stark und klar. Wie schon auf dem Album wird hier ohrenfällig, dass Helmut Mittermaiers Spiel eher für Swing, Dixie, Jazz gemacht ist als für Klezmer und Balkan. Wahrscheinlich ist er auch ein formidabler Freejazzer. Leider spielen Tsching als fünften Titel den Libertango, der nicht nur meine absolute Lieblingskomposition aller Zeitenist, sondern die ich auch einfach schon besser gehört habe – beispielsweise von dem großartigen Tango Nuevo Trio Surreste Tango mit Witek Kornacki an der Klarinette, Guido Jäger am Kontrabass und Angel Garcia Amés an der Gitarre. Zudem hat hier die Cello-Version von Yo-Yo Ma, die auch im Tango Lesson-Soundtrack verwendet wurde, Maßstäbe gesetzt, an denen sich alle Cellisten messen lassen müssen, die sich an diesem wundervollen Stück versuchen. Insofern: Mutig von Tsching.

Der Libertango geht nahtlos über in etwas Balkaneskes, Hora-Artiges, womit man dem Klezmertango-Klischee bzw. dem Mythos vom jüdischen Tango schon wieder gefährlich nahe kommt. Das Stück allerdings entpuppt sich bei genauerem Zuhören als Misirlou, das ursprünglich ein griechischer Rebetiko ist, sich aber sowohl in der arabische Musikwelt als auch in der Klezmer-Szene solcher Beliebtheit erfreut, dass es im allgemeinen für etwas orginär Orientalisches gehalten wird.

Was an der Tsching-Version von Misirlou so schön ist, dass ich sie filmen muss, obwohl sie schon begonnen hat, ist das Zusammenspiel der Drei. So langsam haben sie sich warmgespielt. Auch von der Helmut-Eisel-Komposition Blindroter Chor und Wirtshaustöchter – oder vielmehr: von der Tatsache, dass hier ein Klarinettenstück für Saxophon adaptiert wird und damit erst einmal die Klangerwartungen bricht – bin ich nicht mehr so irritiert wie noch von der Album-Version. Live gerät das Stück zu mehr als der bloßen Imitation des Klarinettenklanges; Mittermaier macht es sich vielmehr so sehr zu eigen, dass ein genuines Saxophonstück entsteht.

Bei mir bist du schön besticht durch sein schönes Cello, doch leider ist selbst die Akustikgitarre lauter. Eine Aussteuerung wie auf dem Album wäre hier wünschenswert, damit Franziska Kraft nicht neben ihren Mitstreitern und besonders neben Mittermaier verblasst. Das Zusammenspiel indessen läuft zur Hochform auf; am Abend der Dichter mit seinem bedrohlich grummelnden Cello und einer perkussiven Gitarre sowie dem folgenden, nahtlos anschließenden Stück findet auch der kritischste Kritiker nichts auszusetzen. Die Stücke von Tsching, und das ist auf der CD schon ahnbar, sind wie gemacht für die Live Show. Ausufernde Soli und Stücklängen zwischen sieben bis zehn Minuten sind bei Tsching keine Seltenheit, funktionieren aber. Einzig die Ausgewogenheit zwischen Saxophonsoli und denen der anderen Instrumente könnte nochmals überdacht werden. Natürlich, das Saxophon ist der Melodieträger bei Tsching. Will man aber zu einem gleichberechtigten Trio-Klang kommen und nicht Gefahr laufen, Gitarre und Cello zu bloßen Sidemen bzw. Sidewomen zu degradieren, müsste diesen live noch etwas mehr Raum eingeräumt werden.

Als Zugabe spielen Tsching Summertime mit einem jazzigen Cello-Solo, welches das Herz erfreut. Sinn für Dramaturgie kann man ihnen ganz bestimmt nicht absprechen; das Stück erweist sich als perfekter Rausschmeißer, denn auch hier gilt: Die Leute mögen, was die Leute kennen. Ich singe das Lied noch den ganzen Nachhauseweg auf dem Rad, und auch am nächsten Morgen klingt mir Summertime noch nach. Ein gutes Zeichen.

Die Albumbesprechung gibt es in der nächsten Ausgabe von Victoriah’s Music, zu haben ist Serenata aber schon jetzt beim Schallplattenhändler Ihres Vertrauens. Am schönsten ist es natürlich immer, Zwischenhändler zu überspringen und das Album direkt im Spätkauf der Künstler zu erwerben.

1. Oktober 2011

Pussy Power am Potsdamer Platz

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 14:22

Gestern Abend hatte ich das Glück, einem kleinen, aber sehr sehr sehr feinen akustischem 5-Song-Set beizuwohnen. Eingeladen hatte mich Puder-Sängerin Catharina Boutari, die mit ihrer Pussy Empire-Labelkollegin Chantal de Freitas die L-Filmnacht am Potsdamer Platz musikalisch eröffnen sollte. Was ich nicht wusste: L stand in diesem Falle für lesbisch, und unversehens fand ich mich inmitten eines ausschließlich weiblichen Publikums wieder, das vor allem gekommen war, um den Film zu sehen – und nicht die beiden Sängerinnen. Dabei war der ungewöhnliche Rahmen de Freitas zu verdanken, die in Alles wird gut, einem deutschen Film aus dem Jahr 1998, die Karrierefrau Kim spielte, deren bisheriges Leben durch die plötzliche Zuneigung einer anderen Frau in Frage gestellt wird. Der Film wurde in der lesbischen Szene Kult – und de Freitas zur Kultfigur.

Das hält aber das mittelalte, miesepetrige Pärchen neben mir nicht davon ab, während des kleinen Überraschungskonzerts mit Kommentaren wie „Naja, die sind ja noch jung“ um sich zu werfen und genervt mit den Augen zu rollen. Als Boutari und de Freitas nach je zwei eigenen Songs – Perfect und Independence bei de Freitas sowie Puder und Großstadtkonkubinen bei Boutari – dann noch Kathy Perrys I Kissed A Girl anstimmen, haben sie verloren: „dieses homophobe Lied“ gehe ja nun einmal gar nicht, ist man sich einig. Während die Werbung anläuft, die den beginnenden Film einläutet, dreht sich die Dame zu meiner Linken mit einem Seufzer der Erleichterung zu mir um: „Wird ja auch Zeit! Finden Sie nicht auch?“ In dem Moment, in dem ich antworte: „Mir egal, ich bin nur wegen der Sängerinnen hier“, habe auch ich verloren. Wenn genervte Blicke töten könnten, dieser Blogbeitrag wäre nicht entstanden.


Das Video hat leider ziemlichen Seegang, da im Kino noch eifriges Kommen und Gehen herrscht – der Song ist trotzdem gut zu hören

Damit lässt sich’s leben – allein für die Künstlerinnen ist es schade, denn die machen sehr schöne Musik und konnten hier nicht zuletzt beweisen, dass ihre üblicherweise sehr elektro-lastigen Songs auch akustisch funktionieren. Das geht schließlich nur, wenn der Song so vielschichtig ist, dass er es zulässt, bis auf sein Grundgerüst entkernt zu werden – nicht unbedingt üblich für eine Musik, die mich am ehesten an den Bubblegumelectropop einer Gwen Stefani oder an Madonnas elektronischste Momente erinnert. Natürlich macht das am meisten Spaß, wenn man die Originale kennt. Puder packt aber auch so – ein unglaublich energetischer, positiver Song, ich mag ihn sehr, wenngleich er unplugged schon sehr an 2Raumwohnung erinnert:

Dem Entkernen werden die beiden auch weiterhin treu bleiben: Anfang nächsten Jahres erscheint ein Pussy Empire-Sampler, auf dem sich die fünf Künstlerinnen des Labels – darunter Katriana, deren Song Kluge Gedanken mit dem herrlichen Refrain „ich bin so beschissen doll verliebt in dich“ definitiv zu meinen persönlichen All-time favorites gehört – bekanntem deutschen Liedgut aus den letzten zehn Jahren angenommen haben, von Rammstein über Grönemeyer bis hin zu Das Bo. Ob man die pussyfizierten Songs dann noch wiedererkennen wird, sei dahingestellt – ziemlich sicher ist, dass die Mädels etwas ganz Zauberhaftes damit machen werden. Ganz neu im Boot bei den Pussy Girls ist auch die wunderbare Illute, die auf dem Sampler auch zu hören sein wird. Bis er erscheint, hier noch eine wunderschöne Ballade:

26. September 2011

Sehen, registrieren, reagieren: B·S·O auf der YOU

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 07:38

What a difference a day makes! Fragte ich mich gerade noch in Erinnerung an die Püppchen-Pleite vom Freitagabend noch, weshalb ich mir diesen Job eigentlich antue, weiß ich es heute wieder ganz genau. Dabei sah es gar nicht so aus, als würde sich dieser Tag musikalisch lohnen. Dafür sorgte die YOU, laut eigenen Angaben „Europas größte Jugendmesse“. Hier soll heute das BerlinerStreichOrchester, kurz: B·S·O, spielen, und da ich die Musik der drei Jungs sehr mag, aber noch nie live gesehen habe … Nun, das sollte erklären, wie ich hier hinein geraten bin.


Wer noch ohne Berufswunsch ist, kann es ja mal mit dem Backen kleinerer Brötchen versuchen

Die seit Jahrzehnten üblichen Verdächtigen der Jugendkultur – ein bisschen DJ-ing hier, ein bisschen Graffiti dort -, angereichert mit modernen Späßchen
à la Kletterwand sorgten für eine Geräuschkulisse, die mir innerhalb von wenigen Minuten schlechte Laune machte. Und dafür habe ich den armen Kopfhörerhund zur Nachbarin abgeschoben? Nicht zuletzt möchte einem ständig jemand etwas andrehen: Nein, ich brauche kein zusammenfaltbares Frisbee. Und danke, auch keinen Schlüselanhänger, kein Gratis-Poster, ebenso wenig wie sämtliche Flyer dieser Welt. Die Zielgruppe von denen bin ich doch nun wirklich nicht!

Andererseits: Das hier hätte mich auch mit fünfzehn nicht wirklich geflasht. Was auch für die heute Fünfzehnjährigen Gültigkeit zu besitzen scheint, denn allzuviel ist nicht los auf der YOU, zumindest nicht an diesem Sonntagmittag. Dazu noch herrscht draußen herrlicher Indian Summer, der den Tag zu einem macht, der definitiv zu schade ist, um ihn in dunklen Messehallen zu verbingen. Nach einem kurzen Rundgang über das Gelände entschließe ich mich dann auch bis Showbeginn zur Flucht nach draußen. Und da sehe ich ein Schild, welches mir Lärmgeplagtem wie eine Fata Mogana dem Verdurstenden in der Wüste erscheint:

Herrliche Stille! Die Halle nämlich, in der das von Geiger Gunnar Wegner gegründete und als Cover-Band einer Cover-Band gestartete B·S·O am Stand von Outreach spielt, wird beschallt von Nachwuchs rekrutierenden Bundeswehrleuten – oder waren es die von der Polizei? jedenfalls Menschen in Uniform, und das sagt eigentlich schon alles -, vor allem aber einer sogenannten DJ School, die nicht nur schlecht, sondern auch laut ist. Mit drei Streichern gegen drei Rapper anzuspielen – mutig. Andererseits: Es geht um drei gute Streicher gegen drei schlechte Rapper. Das hier verspricht spannend zu werden – oder auch ganz schrecklich.

Die Sorge erweist sich als unbegründet – nicht nur hat der Outreach-Tonmann den Sound perfekt im Griff, sondern B·S·O auch sein Repertoire. Wo ich schon gute und weniger gelungene Aufnahmen von ihm gehört habe, hat heute alles gestimmt. Nicht nur, das Poprockmetall im Kammermusikarrangement funktioniert – und B·S·O hat zum Heulen schöne Arangements! -, sondern vor allem, dass das Trio mittlerweile so blind aufeinander eingespielt ist, dass jenseits des bloßen Funktionierens ein echtes Musizieren entsteht. Besondern beeindruckt mich das Zusammenspiel der beiden Cellisten, des erst siebzehnjährigen (!) Jupp Wegner mit seinem Cousin Johannes Fischer. Gerade Ersterer hat sich vom Achter schrubbenden Begleiter zum mindestens ebenbürtigen Triomitglied gemausert, mit einem für sein Alter erstaunlich satten und selbstsicheren Ton.

Um aber noch einmal auf das Zusammenspiel zurückzukommen: Ich habe so viele Konzerte gesehen in letzter Zeit, aber was an intuitivem Verständnis und vor allem an musiklaischer Kommunikation herrscht zwischen diesen beiden, das kriegen manche gestandene Jazzer nach einem zwanzig-jährigen gemeinsamen Auf-der-Bühne-Stehen nicht hin! Ganz erstaunlich, wie unglaublich gut sie zusammen geworden sind, vor allem im direkten Vergleich zu den Aufnahmen vom Frühsommer dieses Jahres. Zwar wäre es grob unseriös oder zumindest doch kitschig, dieses intuitve Verstehen auf Blut-ist-dicker-als-Wasser-Familienbande zu schieben, aber irgendetwas muss es ja sein, das hier anders ist als bei anderen.

Nun bedeutet eine innige Verbindung aber nicht zwingend auch vorsichtig und leise, denn an das gemeinsame Musizieren muss man sich nicht mehr erst herantasten. Hier wird richtig gearbeitet, und auch die Bögen werden nicht geschont, immer wieder löst sich das ein oder andere Haar während des Spiels – ich frage mich, wie oft sie ihre Bögen zum Neubespannen bringen müssen! Ähnliches an Intensität habe ich zuletzt bei Ian Fisher gesehen, der ein Loch in seine Gitarre gespielt hätte, wäre ihm nicht vorher die Seite gerissen.

Wie gut B·S·O inzwischen geworden ist, konnte man ja schon beim Lady Gaga Medley hören. Und jetzt gibt es auch das ältere Repertoire in dieser Qualität. Das freut. Nicht zuletzt machen die drei genau das, was ich am Freitag so schmerzlich vermisst habe: Sie kommunizieren mit dem Publikum. Dafür brauchen sie keine ellenlangen Ansagen, aber sie schauen, sie registrieren, sie reagieren, kurz: sie sind da. Und echt. Wer das Glück hat, bei B·S·O im Publikum zu sitzen, fühlt sich als Zuhörer ernst genommen. Das hatte ich Freitag bei den Vollprofis nicht.

Die um die Publikumsgunst konkurrierende DJ-Schule ist mitsamt ihren schlechten Rappern nur noch als fernes Rauschen zu hören, wenn die drei hier erst einmal loslegen

Von den Songs, die das Trio heute spielt, mag ich It’s My Life am liebsten, und das sage ich als bekennender Hasser von pathetischen Rockballaden im Allgemeinen und Bon Jovi im Besonderen! Das traumschöne B·S·O-Arrangement wird höchstens noch getoppt von ihrer Lemon Tree-Version, die noch mehr vor sich hin-reggaet als das Original. Das kann man sich alles im Soundcloud Stream des Trios anhören, klar. Viel besser aber ist es, B·S·O live zu erleben – zum Beispiel am 20. Oktober im Kesselhaus in der Kulturbrauerei.

24. September 2011

Tschüss, Puppe! Dominique Lacasa spielt – man weiß nur nicht, wen

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 07:23

Dass ich Duos aus weiblichem Gesang und männlichem Kontrabass von allen Musikformationen am liebsten mag, dürfte sich mittlerweile schon herumgesprochen haben. Man denke hier nur an Frau Contrabass oder Beady Belle! Und jetzt also auch Dominique Lacasa und Tobias Kabiersch. Vor allem Lacasa. Tochter von DDR-Schmusebarde Frank Schöbel und Sängerin Aurora Lacasa, hat darüber hinaus aber noch weitere Vorschusslorbeeren bei mir gut: Ich bin mit ihr ein oder zwei Jahre lang in die selbe Klasse gegangen, bevor ich mich entschloss, dem Wendenschlosser Gymnasium Good-Bye zu sagen und mein Glück am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium zu suchen. Mit Blick auf Lacasas Werdegang wäre das nicht nötig gewesen – auch Wendenschloss scheint Berufsmusiker hervorgebracht zu haben. Oder ihnen zumindest nicht allzu sehr im Weg gestanden zu haben.

Die Mädchen in der Zehnten jedenfalls haben Dominique Lacasa damals bewundert – und vielleicht auch ein bisschen beneidet. Sie hatte lange Locken und konnte Spagat. Lange Locken zumindest hat sie immer noch, doch anstatt von ihren sportlichen Qualitäten möchten wir uns heute Abend von den musikalischen überzeugen lassen. Ohne Make-up heißt das Programm sympathischerweise, und es verspricht, ein relaxter Abend zu werden. Ganz relaxed geht es dann auch mit einer etwas abseits am Bühnenrand im Schneidersitz sitzenden Lacasa los – allein, die zur Schau gestellte Entspanntheit will sich trotz Barfüßigkeit und Hippierock (Kleidungsstück. Nicht Musikstil.) nicht so recht einstellen und soll schon sehr bald einer aufgedrehten Hyperaktivität à la Duracellhäschen weichen. Heutzutage hat man für solche Fälle doch Ritalin! Lacasa aber hüpft und zappelt und läuft bald hier, bald dahin, quasselt ohne Ende, animiert das Publikum zum Mitmachen, läuft auch mal in die Zuschauermenge hinein – hat dabei aber stets den leicht über der Menge vorbeischauenden Blick des Profis. Ihre Interaktion ist einstudiert, ebenso die Ansagen, die spontan wirken sollen, es aber nicht tun. Hier ist alles auswendig gelernt, alles hundertprozentig durchchoreographiert, und damit genau das Gegenteil von locker – und vor allem das Gegenteil von Ohne Make-up. Dieses Programm ist komplett überschminkt. Schon ab dem ersten Lied nervt vor allem das Gequassel Lacasas, denn schließlich sind wir hier nicht zur Speaker’s Corner gekommen, sondern ins Konzert.

Vielleicht schlägt hier die Musical-Vergangenheit Lacasas durch, denn hier sitzt jede scheinbar beiläufige Geste: In welchem Winkel halte ich das Mikro und was mache ich in der Zwischenzeit mit dem Kabel? Mit viel gutem Willen könnte man das als routiniert bezeichnen. Recht eigentlich aber ist das Auftreten Lacasas einstudiert und aufgesetzt, was sich mit Jazz ungefähr genauso gut verträgt wie Vanessa Mae mit der klassischen Geige: Die kann das, sicher, aber niemand nimmt sie als Musikerin ernst. Denn wirklich musiziert wird an diesem Abend nicht.

Das ist umso bedauerlicher, als dass Bassist Tobias Kabiersch einer der besten ist, die ich in letzter Zeit gesehen bzw. gehört habe. Den fetten Fünfsaiter, den er da spielt, zweckentfremdet er mal ganz en passant als E-Gitarre; er kann aber auch Schlagzeug auf seinem Bass spielen. Nicht zuletzt gehört Kabiersch am Kontrabass zu jener seltenen Spezies unter den Jazz-Bassisten, die auch mit dem Bogen umgehen können. Konzentriert man sich ganz auf Kabiersch, kann man Lacasa dann auch sehr gut ausblenden, und je lauter sie wird, desto mehr verschwindet sie in der Wahrnehmung.

Das ist auch gut so, denn auch die Texte von Dominique Lacasa machen die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Sie mäandern irgendwo zwischen belanglos und pseudoemotional, sind ein permanentes Erbrechen von Introspektion; und Titel wie Alles, was ich in dir sehe erinnern am ehesten noch an die Lyrik einer Yvonne Catterfield. Und dann gibt es auch noch diese „engagierten“ Texte auf dem Niveau einer vom Weltverbesserungsgedanken ergriffenen 15-jährigen Waldorfschülerin. Die erwarte ich genau in diesem Rahmen – bei einem Schülerkonzert. Phrasen à la „es geht um jeden einzelnen Schritt“ bzw. „es beginnt bei mir/hinter meiner eigenen Tür“ aber haben auf einer erwachsenen Jazz-Pop-Bühne hingegen nichts verloren, auch wenn sie im Prinzip genau das selbe ausdrücken, was schon Michael Jackson mit Man In The Mirror meinte. Und es liegt nicht an der Sprache, dass es bei dem einen abgedroschen daher kommt, beim anderen aber nicht – den Lacasa wird uns auch noch ein englisches Lied zur Rettung des Waldes singen, und nein, Michael Jackson ist das immer noch nicht. Vielmehr weckt das begleitende Regenrohr Aggressionen. Ohnehin mochte ich es noch nie, wenn jemand mit seinem Engagement hausieren geht. Und Erzieherisches in Jazzkonzerten das ist, vorsichtig ausgedrückt, schwierig. Nicht zuletzt erinnert mich die ganze Attitüde ungut an FDJ-Singekreise, wo solch vorgeblich „kritischen“ Texte gefördert wurden.

Gegen die Musik an sich ist überhaupt nichts zu sagen, und auch nicht gegen den Gesang. Dominique Lacasa kann singen. Und sie kann auch Klavier spielen. Sie ist hoch professionell ausgebildet. Auch ihre Show ist perfekt – und genau daran krankt sie, denn perfekt bedeutet hier nichts anderes als seelenlos. Lacasa ist die perfekte Jazz-Barbie: Singt schön und sieht schön aus. Doch was nutzt die perfekte Barbie, wenn sie nicht Herz und Seele berührt? Überhaupt: Was nützt Musik dann?

Jenseits der Betroffenheitslyrik können Lacasa und Kabiersch allerdings so etwas wie einen gemeinsamen Zauber entfalten. Ein ganz schönes Stück ist beispielsweise der dritte Song des ersten Sets, Du – ein nahezu klassisches Soulstück, bei dem das Publikum einen du-du-du-Chor gibt, und das ebenso gut von Joss Stone oder Alicia Keys hätte stammen können. Und natürlich funktioniert die Animation des Publikums: Es hagelt frenetischen Beifall. Wie immer feiert das Publikum am liebsten sich selbst.

Das zweite Set lässt dann ahnen, wie es sein könnte, wenn man die ganze Aufgesetztheit abzieht. Zwar haben die Lieder immer noch nahpubertäre Texte. Aber zum ersten Mal entsteht so etwas wie echte musikalische Interaktion zwischen den beiden Musikern, und es tut den Songs gut, wenn Dominique Lacasa einfach auf der Klavierbank sitzt und singend ihre Geschichten erzählt.

Ich bin ich versteht es, zu überzeugen. Und scheinbar haben sich die beiden jetzt warm gespielt, denn auch das bossaesque Stück vom Tag am Meer ist überaus gelungen. Das gilt auch für das Lied vom ungekannten Meer, Auf hoher See. Hier kreieren Lacasa und Kabiersch eine ähnliche Atmosphäre, wie ich sie zuletzt bei Mara & David gehört habe; und obwohl Dominique Lacasa hier beweist, dass sie neben dem ansonsten hier präsentierten Gehauche und Ausgeatme auch eine unglaubliche Stimmresonanz erzeugen kann – Künstlerinnen wie Mara von Ferne können das im selben Genre allemal besser. Waren mir Mara & David immer viel zu akademisch, muss ich ihnen jetzt zugestehen: Lieber akademisch als aufgesetzt. Denn wirklich berührt haben mich auch die Songs des zweiten Sets nicht. Ich erfahre heute Abend nichts über Dominique Lacasa, sie versteckt sich hinter ihrer Bühnenpersönlichkeit, und keine halbe Sekunde lässt sie sich hinter die Maske blicken.

Der Rausschmeißer des Abends, Tschüss, Puppe, ist dann wieder so ein Mitschnipper, der hundertprozentig funktioniert – aber immerhin auch der erste Song des Abends, bei dem ich etwas fühle. Zunichte gemacht wird dieser Effekt allerdings schnell von dem kleinen blonden Mädchen mit Blumenstrauß, das jetzt in bester Samstagabendsunterhaltungsshowmanier auf die Bühne kommt. Mein böszüngiger Begleiter kommentierte: „Dieter Thomas Heck, wenn er schon tot wäre, würde im Grabe rotieren!“ Kitschiger konnte es nicht mehr kommen, dachte man da. Bis Lacasa mit der wieder einmal sehr engagierten Zugabe Save It („where is the forrest gone?“) noch einen drauf setzt und klar zeigt, weshalb das hier eben nicht Michael Jackson ist, sondern eher Maffay und Mandoki. Und Wendungen wie „Mother Earth“ will ich wirklich nie mehr in der Popmusik hören!

Die zweite Zugabe dann allerdings überrascht. Es ist ein Wiegenlied mit spanischem Text, und nicht nur passt das Spanische optimal zu Lacasas Stimme – auch nehme ich ihr die Mutterrolle von allen Rollen des Abends als einzige ab. Nicht die des sich von sozialen Konventionen emanzipierenden Individuums. Nicht die der Umweltaktivistin. Aber die der Mutter. Ich weiß nicht, ob Lacasa tatsächlich Mutter ist, und es tut hier auch nichts zur Sache. Hier jedenfalls ist sie ganz bei sich. Ansonsten bleibt zu dem Abend nur zu sagen: Furchtbar geiler Bassist.

10. September 2011

Alles ist gut. Die Popkomm 2011, Tag 3

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Den dritten Tag nimmt dann keiner mehr so richtig ernst. Zwar findet noch das eine oder andere Panel statt, doch sehen sich die bemitleidenswerten Sprecher hier immer häufiger einem lediglich aus zwei oder drei Leuten bestehenden Publikum ausgesetzt, von dem dann auch nur die Hälfte aus Fachbesuchern besteht, die andere aus Journalisten. Die versucht man dann auch förmlich mit Freibier zu nötigen, noch ein Interview mit einem der Organisatoren machen zu wollen – allein: Es will keiner. Bier gibt es auch an den wenigen Ständen, die noch nicht abgebaut haben; und ganz im Allgemeinen herrscht eine Stimmung wie am letzten Tag vor den großen Ferien: Die Zeugnisse sind durch, keiner kann uns mehr was, Paaaarty!


Crossmedia-Working: Netbook vs. Notizbuch vs. iMac

Auch der allgemeine Schlonz greift immer mehr um sich. Bei mir heißt das, am ersten Tag habe ich mir noch sorgfältig die Augen geschminkt, am zweiten nur noch schnell etwas Wimperntusche aufgetragen, und der dritte Tag steht unter dem Motto „Make-up? Och nö.“ Wenn man sich so umguckt, geht es vielen Kollegen ähnlich, denn 3 Tage und Nächte Rock’n’Roll-Lifestyle zehren nicht nur an der Kondition, sondern auch an der Style-Lust.

Immerhin beginnt auch dieser Tag so, wie der gestrige geendet hat: mit viel Live-Musik. Die Indiepopper Sebastian Block & Band geben sich in der GEMA-Box die Ehre.

Schön: Sie haben mit Catharina Behr eine Schlagzeugerin. Das wiederum erinnert mich daran, dass mein She’s Got Rhythm – Frauen in der Rhythmusgruppe-Essay darauf wartet, fertig geschrieben zu werden. Allerdings nicht mehr heute, denn man beginnt, der Presse die Macs gewissermaßen unter den Fingern weg abzubauen. Zwar liefe die Messe offiziell noch bis 16.00 Uhr, aber die Versicherung für die Geräte ende um 14.00 Uhr, so der zuständige Mitarbeiter.


Popkomm fertig – Klangverführer auch.

Ein Kollege vom Musikmarkt und ich verteidigen noch die beiden letzten Computer mit Zähnen und Klauen, dann lassen auch wir uns vertreiben und machen das, was um diese Zeit alle machen: Unsinn. Wir trinken das Tuborg der Nordic Bar, probieren, ob uns die T-Shirts von sonarflow.com stehen und ob man auf dem Tallinner Kopfhörerelch auch reiten kann, um schließlich in übergroßen Sitzsäcken zu versacken. Das ist sehr angenehm, das Leben ist schön und alles wird gut. Draußen tobt das Berlin Festival. Nur ob es die Popkomm nächstes Jahr auch noch geben wird – das darf bezweifelt werden.

9. September 2011

Im Auftrag Ihrer Majestät, der Musik, oder: Alles wird besser. Popkomm 2011, Tag 2

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , — VSz | Klangverführer @ 12:14

Die Stimmung ist verkatert. Das liegt nicht an der Nordic Bar, sondern an der allgemeinen Trostlosigkeit. Am lustigsten ist es noch im Press Room, der eine schulische PC-Kabinett-Atmosphäre verströmt. Und so benehmen sich die Kollegen auch wie bei einer Schulstunde, wo „freies Arbeiten“ ohne Aufsicht auf dem Plan steht. Man zeigt sich gegenseitig seine Messefotos, tauscht Frustrationen und Lästereien aus. Neben dem eigentlich keinerlei weiteren Worte bedürfenden Niedergang der Branche, der hier nur allzu greifbar ist, natürlich auch über die Popkomm-Presseausweise, die jedes Jahr größer zu werden scheinen. Irgendwie kommt man sich damit vor wie ein Erstklässler, der sein Schülerticket weithin sichtbar um den Hals trägt. Im nächsten Jahr laufen wir wahrscheinlich alle mit Badges im A4-Format herum.

Auch bei den Ausstellern macht sich ein zunehmender Leerstand breit; die einzig relevante Frage ist eigentlich nur noch die, welchen Showcase man am Abend besucht. Auf das Lamentieren in den Panels hat ohnehin so niemand recht Lust. Allzu offensichtlich umkreisen sie thematisch die Ratlosigkeit der Musikindustrie angesichts eines sich verselbstständigten Hörer- bzw. Musikkonsumentenverhaltens.“Huch“, scheint sich die Branche zu erschrecken, „da passieren ja Dinge ohne uns. Ohgottogottogott, und was jetzt?!?“

Ich nutze den Tag zur Arbeit im Press Room – ich liebe diesen OS X Mac (Version 10.6.4) mit seinem 3.06 GHz Intel Core Duo Prozessor und seinem 4 GB 1067 MHz RAm Speicher. Meine Eltern haben genau den gleichen, und manchmal verlege ich komplette Arbeitstage kurzentschlossen zu ihnen, einfach, weil das Äpfelchen so schön und so schnell ist … Ist schon ein schönes Spielzeug; wobei mir siedend heiß wieder einfällt, dass ich ja genau in dem Moment vom Mac auf PC umgestiegen bin, als auch Nicht-Grafiker mit einem Mal begannen, den Mac als bessere Schreibmaschine zu verwenden und sich wahnsinnig cool dabei vorkamen, den leuchtenden Apfel auf der Rückseite ihres Computers herumzuzeigen. Aber heimlich schön finde ich ihn doch.

Nach einem Tag voller Geschreibe und Bilderhochgelade habe ich kurz vor Toresschluss noch eine sehr angenehme Begegnung mit Hörakustiker Claus Zapletal. Der präsentiert mit den Fabs nämlich individuell angepasste In-Ear-Headphones, die nicht nur durch ihr 2-Wege-System bestechen, sondern vor allem durch die komplette Abschirmung aller Außengeräusche – das heißt, selbst unter Lärmschutzbedingungen ist es möglich, leiser – und besser – mit ihnen Musik zu hören. Ich stelle mich für einen Test zur Verfügung. Die maßangefertigte Abschirmung wird auf der Messe mit Silikon demonstriert – allein, ich habe zu kleine Ohren dafür, sodass die Stöpsel nicht so tief im Ohr sitzen, wie sie sollten. Dennoch ist das Ohr nach kurzer Zeit vollkommen abgeschlossen, die Umgebung nach weniger als einer Minute komplett ausgeblendet, die Menschen inklusive Dipl.-Ing. Zapletal führen auf einmal sehr schöne Pantomimen um mich herum auf. Das Schönste aber, was mir nach diesem lauten Messetag passieren konnte, ist die entspannende Testmusik. Ich höre Cannonball Adderly mit Autumn Leaves und Miles Davis. Das besänftigt sehr. Und dann kommt James Blake. Wow, bei 24 Bit und 192 kHZ habe ich Limit To Your Love wirklich noch nie gehört! Die Qualität der Fabs zu beurteilen, ist wohl eher Sache der fairaudio-Jungs, sie wird aber verglichen mit dem AKG 1000-er On Ear – und den kenne ich, den habe ich zu Hause herumzuhängen.

Die Fabs wurden ursprünglich für vielreisende Geschäftsleute konzipiert, die auch unterwegs nicht auf den von Zuhause gewohnten HighEnd-HiFi-Klang verzichten wollten. HiFi to go, sozusagen. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass immer mehr Musiker sie auf der Bühne einsetzen, da die Fabs einerseits auf Lärmschutzniveau abschotten und andererseits dennoch einen qualitativ hochwertigen Monitor bieten, der eine leisere Einstellung erlaubt als herkömmliche Monitore. Leider eignen sie sich nicht für meine Zwecke, denn ich höre portable Musik auf dem Fahhrad – und mit den Fabs sollten nicht einmal Fußgänger am Straßenverkehr teilnehmen.

Ganz besonders angetan hat es mir auch das Gerätelchen in Zigarrenkistenoptik, auf dem die Musik spielt: der Colorfly, der ebenfalls unter die Überschrift „HiFi to go“ fallen könnte. Ein portabler HiFi-Player mit 192KHz/24Bit – was aber auch heißt, dass die audiophilen .flac-Dateien mittels foobar 2000 erst einmal wieder in .wavs gewandelt werden müssen, denn bei .flacs macht der Colorfly die Grätsche.

Bis auf diese etwas umständliche Bestückung mit Musik ist er aber ein Spielzeug, in das ich mich an Ort und Stelle verliebt habe. Falls Sie noch nichts zu Weihnachten für mich haben …

Relaxed mache ich mich auf den Weg zum letzten Programmpunkt des Tages, dem Tel Aviver Showcase im Grünen Salon. Wenn man den ganzen Tag auf der Messe verbracht hat, fällt einem erst draußen auf, was für ein eigener Mikrokosmos so eine Messe eigentlich ist, abgeschottet wie ein Raumschiff, wo einem das Gefühl für Zeit und Wetter komplett verloren geht. Leider hat sich der Beginn der gesamten Show verzögert, sodass ich dann doch noch in den Genuss des Auftrittes von Mary Ochers experimental theatrical Punk komme, den ich – klug geworden durch ähnliche Veranstaltungen – eigentlich bewusst verpassen wollte. Naja, habe ich meine Punk Royal-Jacke wenigstens nicht umsonst angezogen. Ansonsten wird es dank Marys Auftritt Zeit für den ersten Drink der Popkomm, wovon ich bislang aufgrund von Erkältungsnachwehen wohlweislich Abstand genommen habe.

Dann, endlich, kommen The Raw Men Empire, eine „Weird Folk“-Formation, die als „charming lo-fi“ und „Pop Dylan“-artig angekündigt sind. Meine Erwartungen jedenfalls sind hoch; und allein ihnen beim Aufbau – ein T-Shirt-gedämpftes Schlagzeug! eine Ukulele! und allerlei anderes Spaßgeschnassel! – zuzusehen, lässt sie noch weiter steigen. Dies scheint auch für das so unberechenbare Berliner Publikum zu gelten, denn Flashmob-artig ist es voll im Grünen Salon. Und dann spielen sie. Nein, The Raw Men Empire sind nicht King Oliver’s Revolver. Aber dafür, was sie machen, sind sie sehr sehr lustig – und haben einen wirklich unglaublichen Schlagzeuger, den man glatt entführen müsste.


Lassen Sie sich nicht einlullen. Warten Sie Minute 3:38 ab …

Spätestens mit Song Nummer vier – Israeli Women are the best-looking Women in the World – haben Tsvika Frosh (lyrics, music, vocals, guitar, flute), Yonatan Miller (guitar, vocals, smile), Nadav Lazar (bass, glockenspiel, percussion, guitar, melodica, programming, vocals) und Itai Kaufman (beatbox, percussion, bass, melodica, vocals) die Berliner endgültig überzeugt.

Kaufen Sie die EP – Sie bekommen sie zum Beispiel auf www.myspace.com/therawmenempire oder therawmenempire.bandcamp.com

4. September 2011

Gloomy Saturday – Krispin spielen das Lied vom traurigen Samstag im Zimmer 16

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 15:02

Ich habe ein Déjá-vu : Es ist schwül. Und im Zimmer 16 sind knapp zwanzig Menschen – darunter fünf Musiker, vier Veranstalter und mindestens fünf Gästelistenplatzbesitzer. Wie schon beim Glezele-Konzert im letzten Juli
ist das für die Zimmer16-Betreiber, die auch irgendwie ihre Miete bezahlen müssen, natürlich schade. Für den Kritiker indessen ist so ein familiäres Konzert ein absoluter Glücksfall, wenn es darum geht, die Musik einer Band ganz nah kennenzulernen. Nichtsdestotrotz sind die miserablen Besucherzahlen verwunderlich, denn üblicherweise sind Krispin-Konzerte ausverkauft. Die beiden großen musikalischen Konkurrenzveranstaltungen des Abends, einerseits die Onkelznacht in Schildow, und andererseits Turntablerocker Michi Beck, der in der Kulturbrauerei auflegt, dürften das dann doch anspruchsvollere Krispin-Publikum auch nicht wirklich abziehen. Andererseits sieht sich heute Abend selbst das Bode-Museum, das seinen Publikumsrenner Gesichter der Renaissance erstmals bis 22:00 Uhr zeigt, mit leeren Sälen konfrontiert, wo sonst zweitausend Leute Schlange stehen. Muss also etwas Atmosphärisches sein.

Zunächst gibt es dann auch erst einmal eine Planänderung, die allerdings nichts mit den Besucherzahlen zu tun hat. Statt des als Support angekündigten Francis DD String wird die Berliner Singer/Songwriterin Cathleen spielen. Francis hat überraschenderweise einen Gig im musikalisch immer wieder erstaunenden Bernau. Cathleen hat eine Kehlkopfentzündung.

Diese merkt man ihr aber in keinster Weise an. Cathleen ist eine Songwriterin, die nicht nur weiß, wie man Geschichten erzählt, sondern darüber hinaus auch noch eine herrlich tiefe und volle Stimme hat und obendrein Gitarre spielen kann. Ich wünschte, die Mädels der fabulösen Female Folk-Pleite hätten Cathleen hören können – sie hätten sich zweimal überlegt, ob sie mit ihrer Gitarrenmädchennummer wirklich auftreten wollen, solange es Künstlerinnen wie Cathleen gibt. Die setzt nämlich mitnichten auf das Kleinmädchenschema, sondern auf die pure Präsenz ihrer Songs und ihrer Stimme.

Spätestens beim dritten Stück, You Pretend – eine Nummer für alle jene, die keine Leute mögen die nicht authentisch sind -, zeigt sich, dass Cathleen zu all dem noch den Groove hat, und Donna & Co. sollten lieber wieder spielen gehen. Das Highlight von Cathleens Auftritt ist aber sicherlich Taste Me, das durch einen fast schon soulig zu nennenden Gesang besticht und obendrein sehr sehr sexy ist. Wer mit einer Kehlkopfentzündung so singen kann, wie klingt der erst, wenn er gesund ist? Schließlich überrascht uns Cathleen noch mit der kleinen Waldmaus aus ihrem pädagogischen Repertoire – so eine gitarrespielende Kindergärtnerin hätte ich auch gern gehabt, und das Publikum gibt gern den Kindergartenchor. Nach einigen Nashville, Tennessee-Nummern beschließt Cathleen ihr Set mit Ocean of Lust, das sie diskret mit „Ozean der Liebe“ übersetzt.

Grandios, das. Kopfhörerhund allerdings mag Akustikgitarren nach wie vor nicht – auch keine gut gespielten. Er will flüchten.

Kurz nach zehn entern dann die vier Krispin-Jungs die Bühne, und der charismatische Frontmann Roland Krispin hält mit sympathischer Selbstironie fest, dass nun wohl ein Großteil des Publikums auf der Bühne steht, was ihn aber glücklicherweise nicht davon abhält, ein schönes Konzert spielen zu wollen. Zu meiner großen Freude eröffnet er sein Programm mit Vergessen, meinem Lieblingsstück des Albums Gegen die Uhr. Und auch Kopfhörerhund hat sich mittlerweile wohlig grunzend ausgestreckt, ein Zeichen für Musik, die im Fluss ist und die Hundeseele streichelt.

Dem Opener folt Als ob du mich nicht kennst, der Sechsachtler mit dem Tausendfüßler im Text, bei dem ich immer Reinhard Meys Maikäfer fliegen höre. Ohnehin empfinde ich Krispin als sehr liedermachergeprägt, und nicht zuletzt keimzeitet es sowohl auf dem Album als auch bei der Live-Show ganz schön. Indessen kann Roland Krispin besser singen als die meisten seiner Kollegen, mit denen er sich das Genre teilt.

Der dritte Titel Vier Buchstaben schlagzeugbest ganz wundervoll vor sich hin und ist ohnehin ein toller Song. Davon hätte ich gern mehr! Auch das E-Gitarren-Solo ist hier unglaublich angenehm und ufert nicht aus. Spätestens bei Wenn du gehst mit einem auf die Gitarre umgestiegenen Bassisten weiß ich, was Ex-Poems For Laila-Sänger und nun Krispin-Produzünt Nikolai Tomás meinte, als er den Element of Crime-Vergleich bemühte, während sich Gitarrist Andreas Laudwein inzwischen um Bohren und der Club of Gore-Sporen bemüht. Ohnehin kennt man sich bei Krispin mit gepflegter Düsternis aus. Und so gibt es auch auf Ich habe dich gern wieder die Bohren-Gitarre.

Jede Band hat ihre eigene Berlin-Hymne, bei Krispin ist es das basslastige Nebel, das auf Fröhlichkeit und Wahnsinn einstimmt, dem wir so schöne Neologismen wie „Straßenbahnschmerzen“ und „Fliederduftbüsche“ zu verdanken haben und das bei mir mal wieder das Gefühl hinterlässt, die falschen Songs gefilmt zu haben. Das hier hätten Sie hören müssen!

Auch bei Schnee, dem Song, in dem der Winterdienst so ratlos durch die Stadt führt, kann man vor Gitarrist Laudwein nur niederknien, denn obgleich er so ein reich bestücktes Brett zum Spielen mitgebracht hat, macht er davon dankenswerterweise nur dezenten Gebrauch. Auch etwas, wovon so manch ein anderer lernen könnte.

Leider steht er – ebenso wie Schlagzeuger Ronny Seiler – vorerst zum letzten Mal mit Krispin auf der Bühne; ab Herbst gibt es Krispin light mit Roland Krispin an Vocals und Gitarre und Christoph Thiel am Bass, wobei eine Cellistin den Krispin’schen Liedgeschichten noch eine kammermusikalische Note verleihen wird.

Nach Papierherz gibt es mit Pick-up Truck schon mal eine Zugabe in der künftigen Duo-Besetzung.



Bei Paula, dem einzigen Nicht-Krispin-Song des Abends, kommen Andreas und Ronny wieder und machen aus der Nummer eine Art Berlinerisches Angie – hier kommt doch tatsächlich mal kurz die Rockband in Krispin zum Vorschein. Wieder regt sich ein dringender Video-Wunsch in mir, aber da ich den Song nun einmal nicht gefilmt habe, bleibt Ihnen nur noch eins, wenn Krispin das nächste Mal spielen: Nämlich nichts wie hin.

Jetzt wäre eigentlich alles ganz wunderbar, Paula wäre der ideale Abschluss eines schönen Abends gewesen. Krispin aber wären nicht Krispin, wenn sie sich als finalen Rausschmeißer nicht einen Song gewählt hätten, der allen Weltschmerz des Universums in sich vereint. Zwar schenkt uns Denk an mich wieder ein wundervolles neues Wort – diesmal sind es die „Kopfnachtgespenster“, die kenne ich gut, nur hatte ich nie einen so schönen Namen für sie! -, aber danach kann man sich als Publikum auch gleich geschlossen aufhängen gehen. Und vermutlich erklärt sich auch so die mysteriöse Besucherzahldezimierung: Die haben sich nach dem letzten Krispin-Konzert schlicht und ergreifend alle vor den nächstbesten Autobus geworfen.

22. August 2011

Die Dominanz des Kleinmädchenschemas, zwei ungehörte Künstler und eine lebensrettende Platte: Fabulous Female Folk im nbi

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 10:01

Die Musik der Berliner Illustratorin und Sängerin Ute „Illute“ Kneisel lernte ich im Sommer 2009 kennen. Kopfhörerhund und ich waren gerade in unsere neue Wohnung gezogen, für welche ich beim Unikate-Markt für selbermachende Individualisten DaWanda nach schönen Dingen stöberte. Ich fand solche – nicht immer nützlichen, aber ungemein dekorativen – Sächelchen wie Topflappen in Schellackplattenoptik, einen Stoffplattenspieler als Wandbild – und eben die Illute-CD von 2007, die ich im Shop der Graphikdesignerin Maki Shimizu entdeckte, und von der keiner so richtig weiß, wie sie heißt. „Durchs Herz geschaut“, ist eine Variante. „Berlin 2007“ eine andere. Die Produktbeschreibung versprach in jedem Falle ein Album, das „akustisch, minimalistisch, Bossa Nova, Chanson, Pop“ sei. Genau der richtige Soundtrack also für mein neues Leben! Zudem fand ich die Illustration des Kopfhörermädchens mit Herz ganz zauberhaft – das Album war gekauft.


MAKIS. vs. Illute

Mittlerweile ist auf Analogsoul ein neues Album von Illute erschienen: Immer kommt anders als Du denkst, das im Oktober 2010 in einem kleinen Studio in der Nähe Wiens aufgenommen und dessen erste Single-Auskopplung Viva la Ignorancia, die auch schon auf dem Berlin 2007-Album zu finden war, bei unseren Nachbarn zum Hit wurde – während die gitarre-, kalimba- und percussionspielende Illustratorin hierzulande immer noch ein Geheimtipp ist, der vor allem unter anderen Musikern und ihnen verwandten Geistern kursiert. „A musician’s musician“ nennen die Engländer Phänomene wie Illute. Schöner ausgedrückt hat es einer meiner beiden heutigen Begleiter, der als jo_berlin selbst ganz zauberhafte Lieder macht. Immer kommt anders als du denkst sei eine Platte, „die Leben retten kann“.

Wenn dies alles nicht Grund genug ist, sich die Dame live anzuhören – noch dazu, wo der unter dem Motto „We’ll sing you songs // fabulousfemalefolk“ stehende Abend neben Illute und ihrer Mitstreiterin Daniella Grimm an Violine und Vocals weitere geballte Weiblichkeit auffährt. Schließlich stehen noch Lùisa aus Hamburg, Eleonora aus München und die Berlinerin Donna Stolz auf dem Programm – Letztere ihres Zeichens ebenfalls Illustratorin. Es ist der Abend der malenden Musikerinnen. Oder der musizierenden Malerinnen? Folgt man der Prämisse, dass sich jede Art von Kreativität – egal, in welcher Form sie sich letztendlich äußert – aus der selben Quelle speist, erscheint es nur logisch, dass kreative Menschen designen, komponieren, dichten können. Mit dem Mythos vom Renaissance-Genie hat das wenig zu tun; eher mit einer allgemeinen musischen Veranlagung – und im Zeitalter der Multimedalität auch mit ganz handfesten Gründen. Das Gestalten von Websiten, Einbinden von eigenen Filmen und Musik ist ja nun nicht wirklich selten. Ganz analog geht aber auch:


Das hier ist schon fast so schön wie meine Schallplattentopflappen oder mein Stoffplattenspieler und schreit definitiv „Haben wollen!“

Wie dem auch sei, die fabulous female Folkers – oder vielmehr: Folkerettes – des heutigen Abends sind bis auf Illute auch noch allesamt das, was die Presse gern als Gitarre-spielende Folk-Pop-Elfen bezeichnet – es geht also im Klangblog genauso akustikgitarrenlastig weiter, wie es in Victoriah’s Music aufgehört hat. Auch der gar nicht so geheime Überraschungsgast des Abends, Multiinstrumentalist und Singer/Songwriter Jonathan Kluth, der gestern erst solo & unplugged in der schönen Kreuzberger Wohnzimmerbar hubertuslounge zu hören war, rückt mit seiner Gitarre an, weiß daneben aktuell aber noch mit einem Hundebild auf seiner Homepage zu bestechen. Kopfhörerhund wusste schon, weshalb sie heute Abend unbedingt dabei sein wollte!


Hund (links) vor Hubertus (dahinter)

Was ich zuletzt an Female Folk im nbi gesehen hatte, war allerdings
weniger fabulous – und genau genommen auch kein Folk, sondern der Singersongwriterpop Diane Weigmanns. Das heißt, der heutige Abend
konnte nur besser werden. Leider sollte er sich tatsächlich als nbi-typisch durchwachsen erweisen, mit einer irgendwo zwischen den Polen „oh ja“
und „oh je“ oszillierenden Amplitude.

Eröffnet wird er von einer vor Aufregung hyperventilierenden Donna Stolz mit deutsch-englischer Sprachverwirrung – kleiner Tipp: ein deutsches Publikum kann mit deutschen Ansagen durchaus etwas anfangen, alles andere wäre albern – und einem „Wow, es dreht sich alles“. Im Vergleich zu ihrer vor Nervosität vibrierenden Sprechstimme und dem sehr sehr dünnen Körperchen hat sie allerdings eine erstaunlich kräftige Singstimme, die entspannt und tragend rüberkommt. Das ist allerdings auch schon das einzig Positive, was man über den Auftritt sagen kann. Die Songs von Donna sind plakative Cowgirl-Nummern mit viel Attitüde und wenig Substanz, und ich möchte hier meinen anderen Begleiter zitieren, der treffend bemerkte: „Eigentlich erwarte ich ja von Musik, das ich etwas über den Menschen da auf der Bühne erfahre. Hier erfahre ich nichts.“ Zu allem Übel kann Stolz nicht Gitarre spielen, ist sich dessen charmanterweise aber bewusst: „Can you hear the guitar? I think it’s really soft here – but maybe it’s good for you guys“.


Donna vs. Eleonora

Eleonora aus München beweist danach ganz ohne Band, wie man es besser machen kann. Nicht nur, dass sie genau den richtigen heiseren Biss im Stimmansatz hat, der einem verrät, dass man es hier mit einer Frau und keinem Mädchen zu tun hat, auch erzählen ihre Lieder etwas über das Leben, worin ich mich wiederfinde und was mir bei Donna Stolz gefehlt hat. Eleonora ist echt, ohne hier die vielstrapazierte „Authentizität“ bemühen zu wollen. Nichtsdestotrotz: Eine Kadenz reicht eben nicht, um ein komplettes Set zu füllen, denn vom richtigen Gitarrespiel ist auch Eleonora noch weit entfernt.

Es sei dahingestellt, ob die Mädchen des Abends alle gern Ani DiFranco wären – denn schließlich kann DiFranco Gitarre spielen. Dahingestellt sei auch, ob es eine Korrelation zwischen Rocklänge und musikalischem Vermögen gibt. Fest zu stehen scheint hingegen, dass man als moderne Singer-Songwriterin unbedingt die selbe niedliche Ponyfrisur tragen muss, die man schon als fünfjähriges Mädchen hatte. Wir brauchen erst einmal eine Pause, und mein einer Begleiter fasst den bisherigen Abend zusammen mit einem geseufzten „Wir könnten schon vögelnd im Bett liegen“ – ein Witz, aber einer mit wahrem Kern: Man hätte mit der hier verbrachten Zeit Sinn- und Lustvolleres anfangen können. Zum Auftritt von Lùisa aus Hamburg kann ich deshalb auch nichts sagen: An der frischen Luft ist es schön und wir beschließen, eine Weile vor der Tür zu bleiben. Nichts ärgert so sehr wie belanglose Lieder!

Doch dann, endlich, kommt diejenige, wegen der wir hier sind: Illute mit ihrer Begleiterin Danielle, zudem ihren zwei Wiener Mitstreitern an Akkordeon und Bass – eine schöne Besetzung! Gleich das a-capella-Intro zeigt, dass wir hier einen Qualitäts-, ach was, einen Quantensprung machen – und zum ersten Mal an diesem Abend bin nicht nur ich froh, hier zu sein, sondern auch Kopfhörerhund, der schrammelig gespielte Gitarren nicht mag und bisher rege Fluchttendenzen aufwies, rollt sich entspannt zusammen und schläft. Ein sicheres Zeichen für gute Musik. Schon beim zweiten Song – Ich will weiter gehen/weiter als geplant – bekomme ich eine Ahnung davon, was Jo mit der lebensrettenden Platte meinte – wobei ich die Idee ohnehin gut nachvollziehen kann, ging es mir doch lange Zeit mit Pauline Taylors 1998 auf Intercord erschienenem selbstbetitelten Album – ja, das wo Constantly Waiting drauf ist – genau so. Und tatsächlich hat Immer kommt anders als du denkst alles, was eine Platte braucht, um sie zur Lieblingsplatte zu machen: Lieder, die berühren, eine minimalistische, dennoch ausgeklügelte Produktion, eine handvoll großartige Musiker und den nicht näher bestimmbaren Illute-Faktor, der dafür sorgt, dass man sich selbst bei Liedern, die direkt aus dem Tal der Tränen zu kommen scheinen, seltsam getröstet fühlt. Darüber hinaus das genau richtige Maß an Studiotechnik, das auf eine unnötige Demonstration überflüssigen Könnens verzichtet. Ich mag das Understatement, das Illutes Musik auszeichnet – eine Zurückhaltung, die nicht aus der Not oder gar aus Talentmangel geboren ist, sondern hinter der eine ganze Menge steckt. Eine herrliche Low-Fi-Platte, mit der Illute bei „Fabulous Female Folk“ absolut fehl am Platze ist.

Hier ist nichts bemüht, alles genau so, wie es sein muss, und das heutige Live-Arrangement noch leichter, ätherischer, poetischer als die Platte. Ganz zu schweigen von dem intuitiven Zusammenspiel, dem blinden Verständnis zwischen Illute und Danielle. In die beiden könnte man sich glatt verlieben; das letzte Mal, als ich eine Band schrumpfen und in der Hosentasche mit nach Hause nehmen wollte, damit sie fortan auf meinem Nachttisch für mich spielen, war vor einem Jahr bei A Glezele Vayn. Und jetzt wieder! Bei der Zugabe beweist Danielle obendrein, dass an dem von ihren Vorgängerinnen bemühten „Frauen und Technik“-Klischee nichts dran ist; zudem hat mir der Song den Glauben an die Loop-Station wiedergegeben: Ganz erstaunlich, wie die beiden mit absolut präzisem Timing und blindem Verstehen mit mehreren Schleifen parallel hantieren – mehr davon!

In zweierlei Hinsicht hat mir der Abend bestätigt, weshalb ich schreibend vor und nicht musizierend auf der Bühne stehe. Im Falle von Stolz & Co., weil ich vermutlich ebenfalls nicht über deren spieltechnisches Niveau hinauskäme – und das braucht kein Mensch, auch wenn es nicht regelrecht gestört hat. Im Falle von Illute und Danielle, weil man die Bühne denen überlassen sollte, die es können. Lieblingslied des Abends: Die Single-Auskopplung My Music Is A Boat und das Live-Arrangement von You Go, dessen Album-Fassung ihm nicht das Wasser reichen kann. Auch sehr schön: Eine herrlich schwerelose Version von Peter Schillings Synthie-Pop-Klassiker Major Tom (Völlig losgelöst):

Und wieder einmal rettet Illute Leben oder zumindest uns den Abend. Dafür ein großes Dankeschön! Jonathan Kluth hingegen ereilt das selbe Schicksal wie Lùisa: Er wird heute Abend von uns nicht mehr gehört. Vielleicht nächstes Mal!

Während wir den Abend mit dem Pflichtbesuch beim berühmt-berüchtigten Photoautomaten auf der Kastanienallee krönen, gabelt Kopfhörerhund nachts um halb drei noch einen jungen Liebhaber auf – und ist davon auch noch am nächsten Tag vollkommen geschafft.

2. August 2011

Alle Fragen offen: Spoken Word mit Schule der Unruhe

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 13:15

Die Musiker waren großartig. Die Musik gewöhnungsbedürftig. Vielleicht aber habe ich auch nur mein Verständnis zu Hause vergessen, an diesem Nationalfeiertag der Schweizer, an dem das Berliner Label Traumton Records – dem wir unter anderem so schöne Veröffentlichungen wie die von Patty Moon oder Kathrin Scheer verdanken – Bassplayerman und mich freundlicherweise ins Radialsystem V zu den Spokenwordfreefolkjazzpoeten „Schule der Unruhe“, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe Schweizgenössisch spielten, eingeladen hatte.

Vielleicht muss man aber auch nicht alles erklären können. Ohnehin will man immer viel zu viel verstehen. Lassen wir anstatt tiefgreifender Deutungsversuche oder sonstwie gearteter Hermeneutik lieber Herrn Halter, kreativen Kopf und Frontmann der SDU, zu Worte kommen – denn derer hat dieser Mann wahrlich zur Genüge!

Das erste Stück des Abends – In der letzten Straßenbahn – ist befremdlich. Das zweite – Sag jetzt nichts – nur noch leicht seltsam und allenfalls uninteressant, aber schon mit dem dritten Guten Morgen, Deutschland – hat Jürg Halter sein Publikum am Haken. Doch bereits bei Tanz den Roman Signer wird es mit Colin Vallons Handkantepiano wieder zeimlich seltsam. Ein niedliches Berlin-Gedicht (oder vielmehr: Nicht-Gedicht) erfreut,

und auch der Brief an Kaiserin Elisabeth ist wunderhübsch anzuhören, mit so schönen Zeilen wie „im Licht gegen eine Straßenlaterne/tanze ich ausgiebig und gerne“. Leg den Mantel ab besticht mit seinem durch ein Glockenspiel ersetztes Piano, gefolgt von der ziemlich wilden Improvisation Kann schon sein.

Der Bahnhof, eine Art persönliches Manifest, bringt en passant das Lebens-
gefühl der Thirty-Somethings auf den Punkt: „Sprunghaft wie ich bin, weiß mein Herz nie, in welcher Brust es abends zur Ruhe kommt.“ Schön, das.

Große Klasse auch der Schweizer Psalm, wo es schon einmal richtig laut wird, während die erste Zugabe La Bombe, Titeltrack des aktuellen SDU-Albums, als leises Duett von Stimme und Piano überrascht. Um Schöngesang geht es hier allerdings weniger; ja, es ist fraglich, ob es überhaupt um Gesang geht; schließlich zischt, spuckt und würgt Halter seine Laute rhythmisch hervor, bis sie manchmal puren Sound, aber keinen Sinn mehr ergeben – zumindest keinen, der sich dem menschlichen Ohr erschlösse, denn hier ist Stimme nurmehr ein weiteres Instrument des Quartetts. Weitaus mehr als Jürg Halter und der erstmals mit Schule der Unruhe musizierende Colin Vallon haben mich allerdings Philipp Schaufelberger an der Gitarre und vor allem Julian Sartorius an den Drums beeindruckt. Klar, wer mit Jean-Paul Bourelly & Co. spielt, hat sich eigentlich ausreichend qualifiziert, um keine großen Worte mehr verlieren zu müssen.

Nach mit Das Wandern des Lebens nur noch einer weiteren Zugabe endet das erfreulich kurze Konzert, das – einem Schweizer Uhrwerk nicht unähnlich – pünktlich um halb zehn begann, wie auf der Einladung angekündigt.

Live funktionieren die Songs von La Bombe, doch kann ich mir nicht vorstellen, dass sie jemand tatsächlich im heimischen Wohnzimmer hört. Unwillkürlich fragt sich der Zuschauer, was denn dieser ganze Kram – zwar Kram auf musikalisch unglaublich hohem Niveau, aber letzten Endes dennoch Kram – eigentlich soll, selbst wenn Halter intellektualisierend und auch verzichtbar die Metaebene seiner Poesie oftmals gleich mitliefert.

Mehr noch: Soll und will das Ganze überhaupt etwas? Nimmt und meint der Poet das (und sich selbst) Ernst? Oder ist das am Ende gar subversiv? Anarchistischer Schweizer Humor? Gar wie von Sophie Hunger behauptet „die wunderbare Kunst des poetischen Widerstands“? Wir bleiben ratlos zurück und beenden diesen Beitrag so, wie schon Reich-Ranicki jede Sendung des Literarischen Quartetts beendete: Mit dem Brecht-Zitat „Und so sehen wir betroffen/den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

 


Kopfhörerhund beäugt skeptisch Bassplayermans Bein/der fürchtet der Hund denkt:
Da beiß‘ ich jetzt rein

20. Juli 2011

Out of India: ein sehr meditativer Abend mit Tanpura, Tabla und Bassplayerman

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 09:02

Bassplayerman ist von seinem mehrwöchigen Indienaufenthalt zurück und hat ein paar nette elektronische Spielereien mitgebracht. Fasziniert vom Klang der Tanpura, einer Langhalslaute, die traditionell als Borduninstrument verwendet wird und dabei einen obertonreichen Sound erzeugt, sollte diese eigentlich seine umfangreiche Gitarren- und Bass-Sammlung ergänzen – allein, das mit einer Höhe von 140 bis 150 Zentimetern riesige Instrument ließ sich nicht so recht ins Flugzeug verfrachten. Zum Trost kaufte er den Swarangini Digital – eine elektronische Tanpura, die von indischen Bands gern – hübsch versteckt in einer Tonvase – im Hintergrund eingesetzt wird. Ein tolles Ding, welches mich wohl nicht von ungefähr an meinen kleinen Buddha Player erinnert.

Mit einem Gewicht von nur 600 Gramm und den kompakten Maßen von 18 x 10 x 9 cm war dann noch Platz für den Riyaz Master Pro, eine elektronische Tabla – im Original ein nordindisches Perkussionsinstrument mit erstaunlich großem Klangspektrum. Das ist auch in der Electro-Version erhalten geblieben, die jedoch mit ihren 1,4 Kilo und 17,7 x 9,7 x 12,3 Zentimetern darüber hinaus echt fluggepäcksfreundlich ist. Auch wenn er über vier Regler verfügt – Volume, Balance, Tempo & Pitch -, ist es eigentlich nur Letzterer, mit dem man Musik machen kann, will man das elektronische Tabla-Maschinchen als Solo-Instrument verwenden.

Nun, was soll ich sagen? Es wurde spät, der ein oder andere Gin Tonic ist sicherlich auch nicht ganz unschuldig: Hier ist unsere erste „Komposition“ – schließlich muss man sich bei den neuen Nachbarn ja gleich mal so richtig beliebt machen … Viel Spaß!

22. Juni 2011

Manchmal zwischen den Stühlen: Jeanette Hubert & Catrien Stremme

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , — VSz | Klangverführer @ 10:56

Pünktlich zum kalendarischen Sommeranfang – Germanophile und andere nordisch angehauchte Gestalten mögen diesen Tag auch als Mittsommerfest oder Sommersonnenwende bezeichnen – findet alljährlich die Fête de la Musique statt. Unter dem Motto „umsonst und draußen“ spielen bereits seit 1995 hunderte Musiker und Bands an diesem Tag auch in Berlin. Klangverführer hat die Gelegenheit genutzt, mit Kopfhörerhund im Schlepptau seiner alten Heimat Charlottenburg einen Besuch abzustatten – und im Café Theater Schalotte einer jungen Künstlerin zuzuhören, die Anfang nächsten Jahres ihr Debütalbum auf unserem kleinen Lieblingslabel Ozella, genauer: bei Ozella Songways, herausbringen wird, wo sie sich mit der handgemachten Musik von Stephan Scheuss oder Mara & David in exquisiter Gesellschaft befindet. Ich nutze die Gelegenheit und schaue bei meiner alten Wohnung vorbei, und ja, es gibt schon einen Stich ins Herz, hinter den vertrauten Fenstern, wo ich lange Jahre sehr glücklich war, fremde Gardinen hängen zu sehen. Weißensee kann nichts dafür, aber es wird nie das sein, was Charlottenburg nach wie vor ist: (m)ein Zuhause.

Viel Zeit, sich diesen Reminiszenzen hinzugeben, bleibt jedoch nicht, denn schließlich sind wir ja hier, um Jeanette Hubert zu treffen. Die ist heute Abend in Begleitung ihrer Schlagzeugerin Catrien Stremme angereist. Stimme im Duo mit Rhythmusinstrument habe ich persönlich schon immer für eine der spannendsten Kombinationen gehalten, die es gibt – man denke hier nur an Acts wie Beady Belle, FrauContrabass oder Beauty & the Bass. Okay, Jeanette Hubert hat auch noch eine Gitarre dabei. Der Spannung tut dies indessen keinen Abbruch.

Und dann geht es auch schon los, denn mehr als einen Barhocker, ihre eingestöpselte Gitarre und ein Mikro benötigt die Sängerin nicht, um startklar
zu sein. Eröffnet wird das gut 30-minütige Set mit dem samtweichen, aber dennoch ausnehmend groovigem Besenschlagzeugsong Honeypie Baby, der sofort für gute Sommerlaune sorgt. Der zweite Song On The Run ist der Titeltrack des kommenden Albums – einen kleinen Eindruck gibt es hier:

Jeanette Hubert kann aber nicht nur leicht und verspielt, sondern auch ungeheuer poetisch. A Ballad For You ist mit feinsinnig-melancholischen Zeilen wie

    I remember you singing rock songs/with your headphones on

oder

    Stroking wasn’t one of your favorite things do do …

ein wunderschöner Song! Bei Always Perfect gibt es schon etwas mehr Bass auf der Gitarre, um mit Armoured Glass wieder bei einer bezaubernd ätherischen Ballade anzukommen. Armoured Glass ist ein Stück darüber, dass manche Herzen hinter Panzerglas verborgen sind – und dass das nicht sein müsste. Es ist ein stiller Song, viel zu still für ein Kneipenkonzert, wo es allein von den Geräuschen am Tresen überlagert wird. Wer aber genau hinhört, kann auch hier wieder die zarte Poesie der Jeanette Hubert entdecken: No one can cause you a miracle, heißt es hier.

Auf rätselhafte Weise verhält es sich mit Jeanette Hubert so wie mit dem Norweger Thomas Dybdahl, dessen Songs ich gerade für fairaudio rezensiere: Sie hat zu viel Groove, um Singer/Songwriter zu sein, zu viel Jazz, um Pop zu sein, ist aber auch zu eingänglich, um Jazz zu sein – das ist Musik zwischen den Stühlen, aber auf sehr angenehme Art und Weise. Als hätte man von jedem dieser Genres das Beste genommen und miteinander verquickt. Passend zu diesen Genre-sprengenden Überlegungen kündigt Hubert nun den „Rocksong“ des Abends an, Frame, der mit einem sympathischen Verspieler beginnt. Der Kapodaster klemmt noch auf dem Bund des vorigen Songs … Immer schön, wenn jemand so etwas charmant lösen kann! Kopfhörerhund jedenfalls findet, dass Framed dann doch zu sehr am Bauch kribbelt, und will das Weite suchen. Allerdings hätte sie dann My Favorite Story verpasst, eine zauberhafte Ballade, deren Text von Schlagzeugerin Catrien Stremme stammt:

Nach dem Frühlingslied Warm Gun, dessen Titel eine Anspielung auf die Beatles-Zeile „Love is a warm gun“ ist, verabschieden sich Hubert und Stremme mit dem wieder sehr groovigen See Me.

Im Anschluss an das Konzert habe ich Gelegenheit, die beiden Musikerinnen zu einem kleinen Straßen-Interview abzupassen.


Jeanette Hubert & Catrien Stremme, im Hintergrund das Café Theater Schalotte, im Vordergrund Kopfhörerhund mit reflektierendem Geschirr

 

Das Klangverführer-5-Minuten-Interview

Klangverführer: Während des ganzes Konzertes hatte ich sehr angenehme musikalische Erinnerungen im Hinterkopf, konnte ihrer aber nicht ganz habhaft werden. Woran erinnern mich Deine Songs, oder, anders gefragt: Was würdest Du sagen, sind Deine größten musikalischen Einflüsse?

Jeanette Hubert: Ich würde sagen, meine größten Einflüsse sind wahrscheinlich … die Beatles, Ani DiFranco … und von ganz früher auch noch Queen. Wobei ich ganz wenig Musik höre.

Immer schon wenig Musik gehört hast oder erst, seitdem Du selbst professionell Musik machst?

Ja, vielleicht, seitdem. Ich höre Musik phasenweise. Also, jetzt gerade vor zwei Jahren hatte ich so eine Feist-Phase, da habe ich alle Feist-Alben hoch und runter gehört. Und die Ani Di Franco-Phase gab es so vor fünf Jahren. Ich finde sie immer noch toll – es gibt auch sehr viele tolle Musiker und Bands, so ist es ja nicht. Es ist wahrscheinlich eher so eine Zeitsache und dass man selber Musik macht … dadurch hört man eben weniger.

Wo Du in bester Gesellschaft bist mit Sting – der soll auch mal gesagt haben, dass er keine Musik mehr hört, seitdem er professioneller Musiker ist!

Aber im Prinzip beeinflusst einen ja alles und jeder, nicht nur Musik!

Die Beatles und Queen – das ist ungewöhnlich für jemanden in Deinem Alter. Hat das was mit Deiner Kindheit zu tun, haben Deine Eltern diese Musik gehört?

Nein, eigentlich nicht. Also, meine Mutter hat viel Queen gehört, aber sonst eigentlich nicht.

Wenn Du mal nicht in Einflüssen, sondern in Genres denken müsstest – wie würdest Du Deine Musik am ehesten beschreiben?

Also, ich sage immer, der Überbegriff ist Pop. Singer/Songwriter, Akustik-Pop. Und dann gibt es irgendwie Jazz-Einflüsse … Aber wenn ich das Jazzern gegenüber erwähne, sagen die: „Kein Stück!“ Und andersrum, wenn ich Leuten aus der Pop-Szene sage, ich mache Popmusik, sagen die: „Das klingt aber voll jazzig!“ Also, es ist … ich finde es super schwierig.

Sozusagen zwischen den Stühlen …

Ja.

Fühlst Du Dich auch so mit Deiner Musik?

(Lacht) Ja … doch. Naja … manchmal. Eigentlich … nein.

Mit poppigem Singersongwriterjazz bist Du bei Ozella Songways, wo Dein Album erscheinen wird, ja goldrichtig. Wie ist es denn zu der Zusammenarbeit mit Ozella gekommen, beziehungsweise: Weshalb hast Du Dir gerade Ozella als Label für Dein Debüt ausgesucht?

Das ist totaler Zufall! Ich habe ungefähr zwanzig Labels angeschrieben, auch größere. Ganz viele haben geantwortet, dass sie entweder gerade nicht auf der Suche sind, ganz viele wollen nur deutsch-sprachige Musik machen … Jedenfalls habe ich fast nur Ablehnungen erhalten, bis auf zwei oder drei. Aber dann … Catrien hat ein Schlagzeugbuch veröffentlicht und ist deswegen zur Frankfurter Musikmesse gefahren. Ich bin als Begleitung mitgefahren, nicht in meiner Eigenschaft als Sängerin, sondern einfach, um mal zu gucken – ich war da noch nie! Ich habe ein paar CDs eingesteckt, einfach so. Denn bei der Messe geht es ja um Musikinstrumente, Noten und so weiter, eigentlich sind da ja keine Labels. Es war dann aber doch ein Label da, nämlich Ozella, das sich dort im Rahmen eines Labelverbundes an einem Stand präsentierte. Ja, und dann habe ich dem Dagobert (Böhm, Gründer und Inhaber von Ozella Music, Anmerkung der Autorin) ’ne CD in die Hand gedrückt, und ich glaube, schon einen oder zwei Tage später hat er sich gemeldet – und fand das gut.

Und Dir sozusagen postwendend den Vertrag geschickt …

Sozusagen.

Ihr zwei, habt Ihr schon früher zusammengespielt, oder seid Ihr erst für dieses Projekt zusammengekommen?

Nö, wir spielen schon lange zusammen. Warte mal … seit 2003. Also immer mal wieder, mit Pausen.

Die auf dem Flyer für heute Abend angekündigte Jeanette Hubert Band – ist das ein Duo oder gibt es da noch weitere Musiker?

Oh, es gibt viele tolle Musiker, mit denen wir gerne zusammenspielen … Das hängt leider immer davon ab, wieviel der Veranstalter bereit ist zu zahlen.

Das heißt aber, ihr seid schon der Kern der Band und die Songs, die entstehen zwischen Euch beiden? Es gab in dem Set heute ja ein Stück, wo Catrien den Text beigesteuert hat …

Catrien: Also, eigentlich ist es nur Jeanette.

Jeanette: Catrien schreibt halt Texte. Und manchmal … wenn da gerade so ein Text von ihr auf dem Tisch liegt … und ich kreativ bin … dann verwende ich den.

Catrien, Du schreibst ja nicht nur Texte, sondern hast bei Schott Music sogar ein ganzes Buch veröffentlicht. Ist es ein didaktisches?

Ja, es ist ein Basis-Workshop für Anfänger. Der ist daraus entstanden, dass ich sehr viel unterrichtet habe.

Wie haben Deine Schüler denn auf eine SchlagzeuglehrerIN reagiert? Ich finde es ja immer toll – weil leider immer noch sehr selten -, wenn ein Mädchen ein Rhythmusinstrument spielt. Hast oder hattest Du da auch mit Vorurteilen zu kämpfen?

Catrien: Ja, klar, die Vorurteile gibt’s. Die kann das ja gar nicht so richtig können, denken viele Leute immer noch.

Jeanette: Jetzt haben wir aber auch eine Frage an Dich. Das war total spontan, dass Du hierher gekommen bist um uns zu sehen, oder?

Ja, das stimmt. Ich war eine Weile krank und hänge entsprechend mit meinen Rezensionen hinterher. Eine der CDs, die ich gerade rezensiere, kommt von Ozella. Da habe ich heute den Dagobert angerufen, ob es einen aktuellen Aufhänger für meine Rezension gibt. Und er meinte, er wäre heute beinahe in Berlin gewesen, weil da die junge Sängerin, von der er mir bei seinem letzten Besuch erzählt hatte, spielen würde. Ob ich da nicht hingehen wolle? Ich habe gemeint, dass ich eigentlich keine Zeit hätte. Dann habe ich aber doch mal auf die Seite vom Café Theater Schalotte geschaut und bin von dort auf Deine Homepage geleitet worden. Ich habe mir die Demos angehört und fand das interessant. Jedenfalls habe ich noch einmal Dagobert angerufen und gesagt, ich hätte es mir überlegt – ich würde Euch doch gern spielen hören. Und es hat sich definitiv gelohnt!

7. Juni 2011

Bellen und Miauen im Postbahnhof – und mittendrin ein Regenschirm, -irm, -irm

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 19:49

Aufgrund der großen Nachfrage wurde das Konzert in den FritzClub im Postbahnhof verlegt – und der bietet immerhin bis zu 1200 Besuchern Platz. So viele sind dann zwar nicht gekommen, aber voll ist es doch, als Yael Naim um 21:05 Uhr die Bühne betritt und den Abend als storytelling, pianoplaying fräulein mit My Dreams eröffnet.

Besonders freue ich mich auf den zweiten Song des Abends: auf Yael Naims Version von Rihannas Umbrella. Schließlich hat sie im Klangverführer-Interview im April versprochen, ihn zu spielen. Ihr geniales Toxic noch im Hinterkopf, bin ich seitdem gespannt darauf, auch diesen Pop-Ohrwurm endlich naimisiert zu hören – und werde nicht enttäuscht. Wenn auch komplett anders als bei Toxic gelingt es Yael Naim, den Song bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden und sich gleichzeitig zu eigen zu machen. Konnte ich Umbrella im Original nie leiden, wird er mir in Yael Naims Version auch tags darauf nicht aus dem Kopf gehen. Nicht zuletzt kommt schon hier der „Annett-Louisan-Effekt“ zum Tragen: Sängerinnen, die auf ihren Alben eine aus stilistischen Gründen eher zurückhaltende Vokalperformance hinlegen, entpuppen sich live als Besitzerinnen von wahren Chaka-Khan-Stimmen. Erstaunlich. Wer das im Falle von Yael Naim nicht glaubt, sehe sich bitte mal Minute 3:26 bis 3:33 an.

Come Home, die Single des aktuellen Albums, wird dem Berliner Publikum mit einem gutgelaunten David Donatien am Bass-Cajon im Happy-Go-Lucky-Arrangement mit Twist-Einlage präsentiert und gerät wie Händels Messias in der Quincy-Jones-Bearbeitung zu einer „Soulful Celebration“ mit dem Publikum als Gospelchorersatz – klar, dass Naim die Zuhörer spätestens jetzt vollends auf ihrer Seite hat, denn auch hier bewährt sich die alte Bühnenweisheit, dass das Publikum jene Stücke am meisten liebt, bei denen es mitmachen darf!


Allein beim Anblick der Lurex-Socken und wollenen Pulswärmer gerät man ins Schwitzen

Die nächste Nummer, Never Change, wird nicht nur von Naims Gitarristen mit einem klassischen Bluegrass-Intro eröffnet – auch die Sängerin selbst greift zur Gitarre und gibt überzeugend die Country-Bardin. She Was A Boy wiederum besticht – nicht zuletzt dank des schmachtenden Akkordeons – durch sein Pariser Flair mit orientalischen Anklängen. Auch die auf einem Barhocker vorgetragene Nummer Paris, der erste Song des Abends, der von Yael Naims 2008er-Album stammt, bleibt der französischen Leichtigkeit treu. Fast könnte man ihn als klassisches Chanson bezeichnen – wäre da nicht der hebräische Text.

Während sich die Band zurückzieht, intoniert Yael Naim solo am Roland Today, die Mörderballade des aktuellen Albums. Auch ihr 2008er-Album hatte mit Lonely seine ganz eigene Mörderballade – eine tragischer als die andere, was Naim sehr bewusst ist. „Don’t worry“, ruft sie in die Menge, „it will not be sad like this all the time“. Erst einmal aber kämpft der Bühnentonmann auf ziemlich verlassenem Posten mit einer fiesen Rückkopplung, die leider bis zum Konzertende nicht vollständig in den Griff gekriegt wurde. Dann aber hat der Bassist bei I Try Hard seinen großen, weil songtragenden Moment – ganz im Gegensatz zur Album-Version, wo die Nummer eher ruhig vor sich hinplätschert, verfeinert lediglich von ein paar Streichern. Im Live-Arrangement entpuppen sich Naims Songs aber allesamt als wahre Kracher; und wer nur wegen des zarten, plätschernden Albums gekommen ist, soll sich schon bald umgucken!

Die Live-Version von Go To The River beweist, dass ich mit meiner in der fairaudio-Rezension aufgestellten Behauptung nicht ganz Unrecht hatte: Dieser Song mit seinem treibenden „Go go go with the river flow“ ist eine Art Pump It Up für Intellektuelle; und auch Yael Naim kickt ihre Pumps weg.


Mit dem Pumps fallen auch die Haare …

Und wo sie schon einmal so schön am Rocken ist, macht Yael Naim aus Mystical Love ein klatsch-stampfendes We Will Rock You mit russischem Männerchor, das sich mit der Zeit unter Zuhilfenahme von zwei elektrischen Gitarren und vollem Körpereinsatz am Schlagzeug in eine krasse Hardrock-nummer ziemlich dicht an der Grenze zu Heavy Metal wandelt. Und wieder gucken die Plattenkäufer, die das Album in der Adult Contemporary-Ecke entdeckt haben und sich schon an einer ‚zweiten Norah Jones‘ erfreuten, ziemlich dumm aus der Wäsche. Der Gitarrist lässt es sich inzwischen nicht nehmen, den Eddi van Halen zu geben; und Naim selbst erweist sich als formidabler Shouter. Das Publikum tobt.

Auch bei Stupid Goal bleibt man im Metal-Modus – zumindest, was den Gitarristen betrifft. Und je mehr auf der Bühne gezappelt wird, desto augenfälliger ein sympathischer Anachronismus: Alle Mikros und Instrumente hängen noch an Stolperfallenkabeln. Nix mit Wireless, das ist schön! Schön ist auch, wie Stupid Goal zum Virtuosenstück gerät, an dessen Ende selbst die vor Energie berstende Sängerin fix und fertig und komplett außer Puste ist.

Sie sammelt sich bei einer Piano Interlude, die Atmen erst einmal obsolet macht, sich dann aber langsam zu Man of another Woman entwickelt, welches hier allerdings mit dem Text „man from another woman“ gesungen wird und so dem Ganzen noch einmal ein Mehr an Bedeutungsschärfe gibt. Yael Naims musikalischer Partner, der von Martinique stammende David Donatien, spielt die Hi-Hats mit bloßen Händen, als wären es Percussions, was einen großartig gedämpften Effekt hervorbringt. Nichtsdestotrotz glaube ich immer noch, in der zugrunde liegenden Rhythmusstruktur eine Bessarabische Hora zu hören – aber ich kann mich da auch irren.

Auf Game Is Over gibt es wieder ein bisschen Juke-Joint-Honky-Tonk-Klavier, das sich mit einer Elektromandoline paart. Und als Vokalistin beweist Yael Naim hier wieder einmal, dass sie glaszerberstende Höhen zu erreichen spielerisch in der Lage ist, ohne es nötig zu haben, eine Ich-habe-vier-Oktaven-Mariah-Carey-Show daraus zu machen. Wer sie als Sängerin aufgrund ihrer Platten bislang nicht ernst genommen hat, wird live in jedem Falle eines Besseren belehrt.

Von Find Us kursieren viele Ton- und Videomitschnitte im Netz, vor allem von der Ukulelen-Session. Auf ein Album scheint es dieser live schon lange gespielte Song bislang indessen (noch) nicht geschafft zu haben – schade eigentlich, denn Find Us ist ein schwingendes Ding, das mich an die russischen Elemente etwa bei Regina Spektor oder den Tiger Lillies erinnert, und spätestens beim furiosen Finale hat Yael Naim auch den Kritiker zum Rocken gebracht. Und gerade bei diesem Song, wo man die Musikerin in die Tasten greifen sieht, als gäbe es kein Morgen, versteht man auch, weshalb sie schon im zarten Alter von 18 Jahren mit einer Jazzgröße wie Wynton Marsalis auf der Bühne stehen konnte: Weil Yael Naim ein ungeheures musikalisches Talent besitzt, das sie auf ihren Platten im Sinne des Understatements eher verbirgt.

Der fünfzehnte Song des Abends findet sich auf keiner Setlist, denn er dient dazu, die ausufernd solierenden Musiker vorzustellen – ein Text oder Titel sind nicht erkennbar (auch Naim bedient sich ausschließlich nicht-bedeutungstragender Scat-Silben), weshalb wir ihn einfach das französische Ukulelen-Tambourin-Lied nennen wollen. Hier stellt sich heraus, dass der Keyboarder von Yael Naim nicht nur Akkordeon spielen kann, sondern sich auch noch ein eigenes Schlagzeug mitgebracht hat.

Offiziell ist der Abend nach dieser Nummer zu Ende, aber – na klar – es werden noch Zugaben fällig, und zwar in einem intimen Wohnzimmerrahmen. Die Stagehands bauen einen Miniflügel und Xylophone auf, denn NATÜRLICH spielt sie IHN noch. Erst einmal aber kommt Puppet, und ich selbst komme nicht umhin, wieder einmal die Freuden des Bloggertums zu preisen: Während die Kollegen der Tagespresse eingedenk des Redaktionsschlusses schon längst verschwunden sind, nachdem sie ihre Bilder im Kasten hatten, darf ich erleben, wie Naim und ihre Musiker hier schönen Unsinn machen, und auch das Publikum wird zum wechselweisen Bellen und Miauen aufgefordert.

Und dann kommt endlich der Song, auf den alle gewartet haben und den auch diejenigen kennen, die mit dem Namen Yael Naim ansonsten nichts anzufangen wissen: New Soul, das Lied aus der Apple-Werbung, trickreich angekündigt als Song, den sie erst kürzlich geschrieben hätte und der ganz neu sei … Und tatsächlich hat es auch ein paar Takte gedauert, aus dem neuen Arrangement den alten Hit herauszuhören, so sehr wurde er verändert.


Nein, das „Wuff“ bei 2:56 war nicht Kopfhörerhund!

Persönlich gefällt mir diese Version nicht besonders, aber vermutlich ist das komplette Um-Arrangieren von Zeit zu Zeit die einzige Überlebenschance für Musiker, die DIESEN EINEN Song im Repertoire haben, den alle immer wieder hören wollen und den sie wohl bis zu ihrem Lebensende spielen müssen. Auf jeden Fall kann man sich dank dieses Arrangements vorstellen, wie Yael Naims Songs im heimischen Wohnzimmer entstehen, mit den um Miniaturinstrumente versammelten Musikern. New Soul jedenfalls gelingt es, die Energien des jubelnden Publikums geschickt herunterzufahren – und eigentlich müsste der Abend jetzt beendet sein.

Ist er aber nicht, denn Yael Naim und ihre Mannen setzen mit dem ironischen Britney-Spears-Cover Toxic noch einen drauf. Noch einmal wird nach einem verhaltenen Anfang ein fernes Echo des Schwermetalls ausgepackt, und das vorhin auf ein friedliches Nachhausegeh-Level heruntergefahrene Publikum wieder entsprechend aufgepeitscht. So hat sich das Britney Spears sicherlich nicht vorgestellt!

Dramaturgisch vielleicht nicht die schlaueste Entscheidung, denn hiernach gibt es allen Zugabe-Rufen zum Trotz keinen weiteren Song. Dafür aber hat die Menge jetzt genügend Energie, den Kampf mit den Naturgewalten aufzunehmen und sich durch das herunterprasselnde Unwetter auf den Heimweg zu machen. Es ist 22:50 Uhr, Yael Naim hat eine Stunde und fünfundvierzig Minuten gespielt, dabei bis auf If I Lost The Best Thing, der ursprünglich laut Set-List anstelle von Toxic als letzte Zugabe geplant war, alle Songs von ihrem aktuellen Album gespielt, dazu zwei des alten Albums und drei weitere Songs. Wer eine Karte gekauft hat, kann sich wirklich nicht beschweren, für sein Geld zu wenig geboten bekommen zu haben! Ich jedenfalls fühle mich wie nach einem Langstreckenlauf: durchgeschwitzt, vollkommen erledigt – aber sehr glücklich. Und ich glaube, den anderen Menschen im Publikum geht es ähnlich.

28. Mai 2011

Das doppelte Schmittken

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , — VSz | Klangverführer @ 22:13

Gestern noch hat er mit seinem wunderbaren Projekt trondheym das Freudenzimmer in den Kreuzberger Ritterhöfen gerockt, da steht er schon wieder auf der Bühne: der unermüdliche Gerhard Schmitt, der heute mit seinen Schmittkeliedern beim Pop-Pourri, einer Veranstaltungsreihe der Freunde Guter Musik, besser bekannt als Ich bin Pop, auftritt.

Auch wenn Kopfhörerhund sich vermutlich besonders über den Auftritt von Labrador aus Dänemark gefreut hätte, habe ich den elendigen Steuermarkenverlierer – ab der wievielten weigert sich das Finanzamt eigentlich, eine Ersatzmarke zu schicken? – in seinem Tagesrudel geparkt, um ein paar ungestörte Musikstunden zu verbringen. Und da Bassplayerman wieder im Arbeits-Orbit verschwunden ist, gibt sich heute Hofcompositeur als Co-Kritiker die Ehre, dessen Goldene Worte zum Tage lauten: „Osnabrück – musste mal hingehen. Ist so groß wie Neukölln, ist aber nicht Neukölln“. Und trotz dieser Weisheit wird mir selbst im angetrunkenen Zustand und zu später Stunde bewusst, dass es eigentlich recht fies ist, immer Leute vom Fach mitzunehmen, die ihre bösen Zungen schon wetzen. Andererseits muss damit leben, wer sich den Kritiker ins Haus holt.

Der Abend wird eröffnet von Singer-Songwriter-Pop-Elfchen Diane Weigmann, an deren Mädchen-versteckt-sich-hinter-Gitarre-und-singt-über-persönliche-Befindlichkeiten-Auftritt das Bemerkenswerteste die Kosmetiktasche im Polka Dot-Look ist, die auf der Bühne herumsteht. Ohnehin hat die Sängerin ein Händchen für Mode. Ausgehend von ihren Fotos hätte ich allerdings eher Fiona-Apple-Musik erwartet; stattdessen höre ich etwas, das – zumindest, was den thematischen und emotionalen Kosmos angeht – an die Berlinerin Anjaka erinnert, würde man dieser die Elektronika wegnehmen. Akustisch bin ich einem interessanten Stereo-Effekt ausgesetzt, da Dianes Freundin direkt hinter mir jedes einzelne Wort mitsingt – ach was, singt: mitjubiliert! Unfreiwillig komisch dann das ebenso unfreiwillig zweideutige „Du versprichst mir den Sommer/ich kann Dir nur Regen geben/viel zu feucht für diese Jahreszeit …“

Es folgt Schmittke im obligatorischen Streifenpulli, der heute im Gegensatz zu seinem b-flat-Auftritt im März, wo er von Bassklarinette und -gitarre flankiert wurde, ganz allein vier seiner schönen Schmittkelieder spielt, die wie immer irgendwo zwischen grenzwertig (Liebe) und cool (alle anderen) oszillieren, kurz: am ehesten als Singersongwriterschlager zu beschreiben sind. Ja, manchmal fragt man sich schon, ob Textzeilen wie „Dein Ohr grinst mich an/es schaut durch Deine Haare“ überhaupt „gehen“! Bei Schmittke gehen sie auf jeden Fall, und man muss diese Lieder einfach lieben – ich zumindest tue es heiß und innig. Hofcompositeur ist sich noch unschlüssig, da ihn Schmittkes zum Stilmittel erhobener Nicht-Gesang beim ersten Song an die ungeliebten Tocotronic erinnert; doch schon beim zweiten Song hat Schmittke auch ihn auf seiner Seite: Den Bordun-Bass auf Das Leben macht Geräusche findet auch der Mann vom Fach cool. Nicht zuletzt ist dieser Song im – wie ich finde für die Schmittkelieder völlig untypischen, für die Solobesetzung aber natürlich optimalen – Liedermacherstil eine Premiere, und ich freue mich, hier eine Klangprobe präsentieren zu können:

Als drittes spielt Schmittke das Lied für mich, und hier wird auch der stilistische Unterschied zwischen b-flat-Auftritt und heutiger Kleinstbesetzung eklatant: War dieser Song im März noch ein großer Lacher, kommt er heute ungeheuer melancholisch daher; die damalige treibende Energie ist einer depressiven Grundstimmung gewichen, statt des hedonistischen nur-für-mich-Aspekts dominiert heute jener Teil des Liedes, wo, Textzitat, „mit Mollakkorden rumgedealt“ wurde – gewissermaßen Lied für mich in Slow Motion, aber schön. Aus seiner Tristesse wird das Publikum von Song Nummer vier gerissen, Verlieb Dich, dessen Refrain sich zumindest in der Live-Version innerhalb einer Quarte bewegt – jenem Intervall, welches jeder von dem Türschließsignal der S-Bahn bzw. jeder Polizei- und Feuerwehrsirene kennt – und ergo eine angenehm alarmierende Wirkung hat. Gern würde ich mit diesem Lied den ganzen Sommer über Fahrrad fahren, den Fahrtwind im Haar, den Fernsehturm vor Augen und den wunderbaren Imperativ Verlieb Dich im Ohr. Ähnlich geflasht hat mich bislang nur 2Raumwohnungs 36 Grad, mit dem ich ganze zwei Sommer lang Fahrrad gefahren bin.

Ähnlich einprägsam und mit jedem Hören schöner ist nur noch Mittendrin (ja, das ist das mit „Wimperntusche, Futterneid“ und den „edlen Stoffen und schönen Mustern, die sich über kurviges Gebiet spannen“ aus dem b-flat!), welches Schmittke heute zwar nicht spielt, man sich aber auf seiner Soundcloud-Präsenz anhören kann – wie auch sieben andere Schmittke-Lieder, die in der Studio-Version noch dazu extrem gut produziert sind. Die Schmittkelieder brauchen einfach die größere Besetzung, dann machen sie wirklich froh.

Da erst einmal alles um- und eingestöpselt werden muss, bietet der angekündigte Auftritt von Hans Rohe & die Felsenschrippe Gelegenheit zum um-die-Ecke-Gehen, das hier recht eigentlich ein die-Treppe-runter-Gehen ist. Dann ist die vierköpfige Formation, die mit einer weiblichen Bassisten einen heutzutage leider immer noch seltenen Anblick bietet, erst einmal eines: laut. Ansonsten schwelgen die vier in Popzitaten irgendwo zwischen La Boum-Soundtrack, den Stones und Pink Floyd, wobei das Lied über die polyphone Achterbahn schon nicht mehr als „inspired by Pink Floyd“ durchgeht, sondern vielmehr reinrassiges Echoes-Cover ist. Spätestens bei Dorothea leide ich dann sehr und begrüße einmal mehr das Konzept des Abends, welches den Künstlern nur Raum für vier bis fünf Songs lässt.

Labrador aus Dänemark dann sind schlichtweg großartig. Und nein, nicht nur wegen des Namens, der jeden Hundehalter entzücken muss. Man sagt es als Landsmännin der drei vorangegangenen Künstler ungern, aber der Qualitätssprung zu Labrador, diesem bleiben, rothaarigen Riesen mit Tom-Waits-Hut, ist – Schmittke ausgenommen – ganz enorm. Mittlerweile neige ich dazu, meinen Interviewpartnern aus Skandianvien und Dänemark zu glauben, dass dort tatsächlich „something in the water“ ist, das diese Menschen unglaublich gute Musik hervorbringen lässt.

10. Mai 2011

Über Wikipedia, die dunklen Seiten der Menschheit und die Mixtapes ihres Vaters: Sängerin Susanne Sundfør im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , , — VSz | Klangverführer @ 17:02

Der vergangene Sonnabend war bis jetzt *der* Konzerttag des Jahres:
Da rockten mal wieder die Cosmonautix das Haus 13 im Pfefferberg,
Ben L’Oncle Soul gab sich im Postbahnhof die Ehre und die norwegische Sängerin Susanne Sundfør spielte in einem meiner Lieblingsclubs – dem Frannz. Und was habe ich an diesem wunderschönen 7. Mai gemacht? Renitente Hundetiere gehütet. Nein, Kopfhörerhund ist selbstverständlich kein renitentes Hundetier. Was unseren Gast, einen doppelten Jagdhund – doppelt in dem Sinne, dass er ein Mix aus Weimaraner und Deutsch Kurzhaar ist – angeht, hüllen wir uns in vornehmes Schweigen. Trotzdem mag ich den Stinker irgendwie. Und Susanne Sundførs Musik konnte ich bereits bei einem kleinen, aber sehr feinen Akustik-Showcase im letzten Monat kennenlernen. An jenem Sonntag stand mir die junge Künstlerin außerdem Rede und Antwort im Klangverführer-Interview.


Das Getier hat sich schon mal hingelegt …

Als sie mir so gegenübersitzt, merke ich: Sie ist wirklich noch sehr jung. Es gibt ja Medienprofis, die lassen gar keine Gesprächspause aufkommen. Die wissen, wie sie von einer Frage geschickt auf jene Themen überleiten, die ihnen wichtig sind. Susanne Aartun Sundfør beantwortet nach intensivem Nachdenken mit leiser Stimme genau die Fragen, die man ihr gestellt hat. Nicht weniger, aber auch keine Silbe mehr. Fast kleinmädchenhaft schüchtern wirkt sie; zur moralischen Unterstützung hat sie sich einen (ihren?) Freund mitgebracht. Nein, ins Plaudern gerät man mit Susanne Sundfør ganz bestimmt nicht. Im Gegenteil: Noch nie war ich so schnell mit einem Interview fertig. Und habe trotzdem alles erfahren, was ich wollte. Und das eine oder andere überraschende Detail, wie beispielsweise Sundførs Vorliebe für Dubstep, konnte ich ihr dann doch noch entlocken. Nicht zuletzt weiß ich jetzt endlich, wie man den norwegischen NuJazzer Bugge Wesseltoft ausspricht …

The singer who is not the “Norwegian Björk” on her yen for vintage music, the ugliest parts of humanity and Wikipedia

Klangverführer: The Brothel is your first album which will be released outside of Scandinavia. How do you feel about this?

Susanne Sundfør: Very excited. In May we’re going on tour with Thomas Dybdahl, we’re supporting him in Germany and France, so that’ll be my first tour outside Norway – so everything is very… like, open … and exciting!

So what kind of expectations do you have?

I don’t know! I try to be just very open about it and not really expect that much! But of course I hope that I get to play a lot in Germany and in the rest of Europe.

Germany is planned from the 6th to the 11th of May. Which other countries will you play in?

Well, I think Grönland [editor’s note: Sundfør’s record label] has a … I think they have a licence deal with France, Spain and Portugal, and then look. So I think the album will be released in all these countries at once … or at the same time as in Germany …

20th of May, I think …

I actually don’t know! I’m supposed to know this …


Der Whiskey Room im Hotel Michelberger. Coole Location …

Well, music from Norway, especially Jazz, has reached enormous popularity and became a major force in the so-called Nu Jazz. Especially the combination of sweet melodies with electronic sounds seems to be characteristic for modern Jazz sounds coming from Norway – just thinking of artists like Bugge Wesseltoft. Do you regard yourself as a part of the contemporary Norwegian Jazz scene?

No, not really. I don’t really do Jazz music. I consider myself as a pop musician, but on this album I worked with a Jazz musician, with Lars Horntveth. He is known for his work for Jaga Jazzist. So I guess a lot of Jazz elements on the album are from him. But I don’t really consider myself part of that movement.

Even though you are not part of this fast-selling label – your album seems to have the same success like Norwegian NuJazz. Do you have any explanation for this?

In Norway? It’s really gone very well in Norway. I don’t really know why. To me it’s very surprising because I thought when we recorded the album I wouldn’t get that much airplay … that they wouldn’t play the music on the radio and that it would be an album that people wouldn’t really notice. But for some reason they did – which is extremely flattering nice, but I don’t really know why. It’s very nice.

One of your compatriot musicians used to say that there must be something in the water …

Oh, okay, I’m gonna say that next time!


… coole Frau!

Well, alright. When I listen to your album I sense you display a great variety of styles, there is Jazz, there are a capella choirs, there are Electronica, pop beats and even chamber music arrangements. How would you describe the style of your music?

I would say it’s Pop and Electronica, in a way. But on this album, there are very many different elements. But generally – like, with the melodies and the way I sing the melodies and how many of the songs are arranged – like, the core of the album is very pop-ish, if you ask me. Even though there are other elements I would definitely say that it is a pop album with … like, a more edgy pop album. I would say that, yeah.

To me, your album seems to go deeper than a conventional pop record …

Yeah, well, I guess, maybe not lyrically it’s typically pop. You know, the themes aren’t really common in pop music. But I think melodically it’s definitely a pop album.

I understand. You know, critics like to classify everything; they like to pigeonhole music and artists into categories. Unsurprisingly, some of them tend to call you the “Norwegian Björk”.

Oh, really?

Yeah, really. Your German promoter said he’s gonna beat me up if I wrote anything like this …

Oh, cool …

… so I will definitely not refer to you as the „Norwegian Björk“. However, on the English-speaking Wikipedia I have read that you count Beyoncé as one of your biggest influences. In what way did the American R&B singer influence your music?

Well I think maybe that was … like, an interview a long time ago: They asked me what kind of music I like and I said a lot of different music and then I said Beyoncé, because I do think she’s really cool and I really like her music, but I wouldn’t say that my music is … like, very inspired by her music. But I think she’s really cool. But that Wikipedia page is not very accurate in many ways, but I mean I can’t do anything about that but go onto the page and write stuff … but I don’t really agree with much on that page.

So, what would you say: What are your main influences? Are there any artists that have influenced your music at all?

Yeah, absolutely! I guess Radiohead has been very important, and just before I started recording the album I listened a lot to Burial which I really like, and on my fist album – the album before The Brothel – I listened a lot to Carly Simon. Her way of writing melodies and harmonies has really inspired me. So I guess Carly Simon and Radiohead would perhaps be the most important influences on this album.

Well, like you’ve just mentioned, the lyrics on The Brothel are not very common for a pop album. Your lyrics often seem to deal with the dark side of humanity: There is the story about the brothel, of course, but we also have the biblical myth of Lilith, you sing about the black widow spider, about a dark knight and so on. What fascinates you about this topic?

Well, I guess when I started writing the lyrics and tried to figure out what would be the themes and where the focus would be, I found that it was really fascinating to try and write about what is considered to be like ugly or taboo in society and try to make it beautiful, in a way. So I tried to use images that deal with no so pretty things and try to make them pretty anyway. I guess that’s what fascinates me about “dark” things or, you know, the brothel and everything: that it’s a place that is considered as very wrong, everything is wrong and – how do I say it? – like … yeah, “taboo”, I guess. And then try to write about it in a beautiful way. I guess that’s what I tried to do!

Just to gain more social acceptance for these “wrong” places?

No, no – not in that way! It’s not a political album at all. More like trying to find the ugliest parts of humanity and then try to describe them in a beautiful way. Because I like the battle between in a way, those two worlds, if you know what I mean … It’s a bit difficult to explain.

Well, I guess I know what you mean. On your official website I have read that this record marked a turning point in your career and that you have already now decided to dedicate yourself fully to music. You had not been sure until then if you didn’t want to have a “normal” job rather. Which would you have done if you hadn’t become a fulltime musician?

I think I would have probably become a teacher and I would have probably studied a language because I think that’s very interesting. Or maybe I would have become … somebody who gives singing lessons, something like that. I don’t really know. I don’t … It’s a bit scary to think about it because you never know if the next album will be popular or not and then suddenly you’re standing there with no money and then you have to find yourself a work! So, I try not to think too much about that and just focus on being positive and just hope that what I do right now is something I can do for a long time!

You said you have thought about being a teacher – is teaching an aspect of your artistic work?

No. No, not really. But I guess if I couldn’t be a musician that would probably be the profession I would go into.

I see. Two last questions. What can we expect from tonight’s’ show case?

Well, usually I play with my band, and tonight it’s just gonna be me and the piano, or: I’m gonna play the piano. And I think I’m gonna play about 30 minutes, so I will probably play … Well, I haven’t made the set list yet, but I think I’m gonna play a lot from The Brothel and maybe some new stuff.

Will there be any electronic devices, too, or are you trying to substitute the whole band by the piano?

Well, the thing is, when I write the music or when I make the songs, I usually start with just the piano and singing. So I guess I won’t try to put all the elements into the piano. It’ll be just more like a simple presentation of the album.

So we can more or less expect the songs in their demo version?

Yeah, pretty much.

Great! Well, is there anything left you would like to let the German audience know? About you, about your music, about your new album, whatever?

Oh, it is so difficult to answer that question! I don’t know.

Well, maybe “Wikipedia” is the catchword here: You said you don’t really agree with some information on the page. What would you like to correct?

Well, it says that I have a background in Jazz and classical music, which isn’t really … it’s not accurate at all. I used to take singing lessons in opera, so I guess the classical part is correct but I never really had a Jazz background.

So when did you start with your voice lessons?

When I was twelve; and I quit when I finished high school and moved away from my home town. So I guess that’s really been an important part of shaping the way I sing and everything. And also I took piano lessons in classical piano. I guess I started just practising in classical music and then I started writing my own music and tried to combine … like, pop and classics, perhaps.

Influenced also by your father’s cassette tapes, perhaps?

Yeah, when I was a little girl he used to make me mixtapes with artists like Cat Stevens and John Lennon, the Beatles and a-ha … I don’t remember any more, right now, but there were a lot of singer/songwriters, so when I started making music I wanted to write it in that style, so my first album is very influenced by those artists. And then, after that, I started to listen to more contemporary music, and that music inspired me to this record.

What kind of music are you listening to in private at the moment?

I listen a lot to Dub Step. Yesterday I tried to find out where dubstep comes from and had this little tutorial with myself. I found the dub genre, so I think that’s a genre I still wanna check out! And also I listen to … I always like to listen to Knut Nystedt. He is a contemporary composer from Norway. I think maybe he’s dead now [editor’s note: Born 1915, Mr Nystedt still enjoys good health], but he wrote some fantastic choral music. Yeah, that’s what I listen to right now.

Isn’t dubstep rooted somewhere in Reggae or Ragga?

Yeah, because dub comes from Reggae. And also Drum and Bass.

Oh, I like Drum&Bass very much!

Yeah, really?

Yeah, I listen to it a lot. Well, slowly we’re running out of time and I still would like to take some pictures of you fpr my blog, if you don’t mind. So thank you very much for the interview!

Thank you!

Die Stücke Sundførs, die auf der Platte noch am ehesten wie eine Mischung aus Soap & Skin und Agnes Obel klingen, erinnern in der Akustikversion fast schon an John Dowlands elisabethanische Strophenlieder. Und spätestens bei Turkish Delight verliert sich alles jungmädchenhaft Zarte in der Stimme der 25-Jährigen. Die letzten beiden Songs ihres traumschönen Akustik-Sets in der Lounge des Michelberger Hotels können Sie hier sehen: Einmal einen neuen Song und einmal das meiner Meinung nach schönste Lied aus The Brothel – den titelgebenden Song.

The Brothel erscheint in Deutschland am 20. Mai bei Grönland/rough trade. Außerdem wird es die „Platte des Monats“ der nächsten Victoriah’s Music auf fairaudio.de

3. April 2011

Sound erdrückt Songs: Generat feiern im Pfefferberg Premiere & Albumrelease

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 21:44

Wenn Generat mit ihren Chansons noirs modernes loslegen, ist das nichts für latent Depressive, Suizidgefährdete oder von anderen Schwermutsdämonen Gequälte. Dachte ich, denn ich hatte mich davon schon auf ihrer 3-Track-Promo-CD überzeugt, die mich vor allem mit der düsteren Berlin-Hommage Bye Bye Berlin begeistert hat – wobei man „Begeisterung“ hier nicht im Sinne von Jubel, Fanfaren und Fanchöre verstehen darf, sondern von einer stillen Freude über dieses schöne Lied.

Gestern Abend nun sollte es die traurigen Töne im Pfefferberg erstmals live geben – genau hierauf war ich gefasst. Auch ein Gespräch mit Generat-Schöpferin Kathy Kreuzberg ließ einen Abend voller Drama, Wahnsinn und Tristesse erwarten. Was dann aber tatsächlich folgen sollte, hatte mit der in Aussicht gestellten Fahrt in die menschlichen Abgründe nichts mehr gemein.

Erst einmal aber ist Frank Viehweg dran, seines Zeichens Liedermacher, Textautor und Nachdichter. Statt des Nietzscheschen Imperativs „Werde, der Du bist“, heißt es bei ihm abenderöffnend: „Kann doch sein, dass wir noch werden, wer wir waren“. Viehweg attestiert der modernen Zeit, „hier, wo ich lebe, komm ich nicht mehr an“, und ich beginne, den Abend zu genießen. Schließlich ist dies nicht nur Lamento der älteren Generation, sondern berührt auch all die, die sich in der schnellen bunten Logowelt aus welchen Gründen auch immer deplaziert fühlen. Als „seltenen Vogel zwischen den Welten“ bezeichnet sich der Dichtersänger, der den Ton nicht träfe, sollte er mit den Wölfen heulen.

Nach diesen melancholisch-wehmütigen Reminiszenzen kommt Vieweg in der Liebesliedsektion des Abends an; und hier läuft er zur Hochform auf. Wortschöpfungen wie „Liebeshaltungskosten“ (Neunzehntes Liebeslied) kommen beim Publikum gut an, und der „Schambehaarungsshampoonierer“ aus Alles, was ich kann ist der Brüller schlechthin.

Sehr eindeutig geht es in dem Song weiter, in dem man sich gehetzt die Kleider fortnimmt und dann so allerlei Dinge miteinander treibt, die man als feinsinniges Publikum in dieser Deutlichkeit (ich sage nur: ein Pfahl und Glocken spielen eine große Rolle) vielleicht doch nicht hören möchte. Das ist die Tragik mit deutschen Texten: Man versteht auch das, was man nicht verstehen will – zumal Viehweg über eine klare Aussprache verfügt. Bei Das Problem, einem Sechsachtler über Träume, die man nicht über seine Pläne vergessen solle, hätte ich mir eine Latin-Gitarre gewünscht. Ernsthaft zu meckern habe ich allerdings nichts. Was Viehweg da produziert, ist solide. Der Mann hat eine klare Botschaft, setzt sich hin, nimmt eine Gitarre in die Hand und verkündet sie. Punkt.

Leider aber rückt die Botschaft im weiteren Verlauf des Liederabends – der mit zwölf Stücken den Rahmen eines Vorprogramms dann doch arg überstrapaziert – zunehmend in den Vordergrund. Spätestens bei Martinas Lied offenbart sich eine ganz fürchterliche Gesinnungs- und Betroffenheitslyrik, die es seit den späten Siebzigern so eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Begriffe wie Panzer, frisch verminte Felder, Bruderkrieg, ausgesetzte Babys und um ihre gefallenen Väter weinenden Kinder dominieren die Texte. Niemand streitet ab, dass es all diese Dinge gibt. Sie werden aber auch nicht davon verschwinden, dass man sie noch einmal besingt. Auch mit dem letzten Stück reißt Viehweg das Ruder nicht noch einmal herum, sondern mäandert weiter durch den mittlerweile monothematischen Kosmos. Es scheint, als habe er sich erst jetzt so richtig warm gesungen. Warum kriegen wir zum Abschluss nicht noch so etwas wie Alles, was ich kann zu hören? So hätte ich Viehweg gut – und gern – in Erinnerung behalten. Das hatte Wortwitz, war schon fast virtuos! Stattdessen bekommen wir noch ein Pioniernachmittags-FDGB-Heim-Ferienlagerlied vorgesungen. Schade. Es fing doch eigentlich ganz schön an.

Schade ist das Motto, unter dem der Abend auch weitergehen soll. Was wir im Folgenden dargeboten bekommen, ist in erster Linie eine Überraschung. In zweiter Linie Irritation, in dritter Ärgernis: Das hier ist weder Volksbühne noch SO36 – und es ist definitiv kein Chanson, der sowohl Kreuzberg als auch ihren Kompositionen viel besser gestanden hätte. Vielmehr findet sich das Publikum einer unglücklichen Mischung aus Musical und Rockoper ausgesetzt. Die überladenen Arrangements erdrücken Kreuzbergs Songs, ganz zu schweigen von ihrer Stimme. Wer nicht wie wir das Glück gehabt hat, vor der Show von der Sängerin über das mythologische Konzept des Programms aufgeklärt worden zu sein, hat keine Chance, es zu verstehen.

Mehrere Dinge sind hier schief gelaufen: Zum einen die theatralische Präsentation der Songs durch Kreuzberg selbst, die zeitweise trotz aller zierlichen Kulleräugigkeit unfreiwillig komisch ist, zum anderen – und das ist das Hauptproblem – die Arrangements der Lieder, die einfach nicht zu diesen passen. Ohrenfällig wird dies vor allem bei den Songs, die ich schon kenne, Asche zu Asche und Grauer alter Mann. Was auf der CD im Vergleich zur Show schon fast wie eine Akustikversion daherkommt, still und schön ist und vor allem berührt, wird hier durch das bombastische Arrangement mit einer kreischenden E-Gitarre von Leander Reininghaus und einem beständig Achtel spielenden Christian Schönefeld, der so tut, als gäbe es keine Band und er müsste diese im Alleingang am Piano substituieren, schlicht erdrückt. In dieser Form berühren die Lieder Kreuzbergs nicht mehr. Und das ist einfach wahnsinnig schade, denn diese Lieder haben mehr verdient.

Diese Lieder brauchen keinen Bombastrock à la Marillion. Diese Lieder muss man pur hören. Das einzig Gute: Dank des überladenen Arrangements deprimieren diese Lieder niemanden mehr. Allerdings hört auch niemand mehr ihre Schönheit. Und schön sind sie, auch wenn sich einem die Poesie Kreuzbergs nicht unbedingt sofort erschließt. So beispielsweise könnte Straßenbahn des Todes trotz des zunächst makaber anmutenden Titels *eigentlich* ein schönes Lied sein. Hier wird es durch einen Pianisten, der zu viel Musical gehört zu haben scheint und in Mamma Mia-Manier begleitet, ruiniert. (Gut, diese Pianobegleitung ist schon auf der CD so angelegt. Das macht die Sache aber nicht besser.) Paavo Günther am Schlagzeug ist ohnehin schon den ganzen Abend viel zu laut und zieht – abgesehen davon, dass er die mit Abstand ärgerlichsten Sachen spielt (unter anderem eine fürchterliche Double Bass Drum) – die ganze Band mit hoch. Der einzige der Musiker, der nicht nervt, ist der Bassist – und zwar deshalb, weil man ihn schlicht nicht hört. Der hat sich hinter seinem Apple Book verschanzt und ward fortan weder gesehen noch gehört.

Wer bislang geglaubt hat, dass gute Songs zur nichts kaputt zu kriegen sind, wurde mit diesem Abend eines Besseren belehrt. Was dieser Show fehlt, ist ein musikalischer Direktor, ein Producer mit einer klaren klanglichen Vision – dann kann das hier ganz großartig werden, davon bin ich überzeugt. Aktuell ist es in erster Linie sehr laut. Nicht einmal bei der Schlussansage Kreuzbergs beweisen die Musiker genügend Feingefühl, die Lautstärke wenigstens etwas zu reduzieren. Zudem ist das Programm mit ungefähr zwei Stunden Spielzeit viel zu lang. Es gewänne deutlich an Tiefenschärfe, würde man es auf die Hälfte der Zeit kürzen.

Die ganze Tragik des Abends, die nicht die erwartete thematische, sondern eine ebenso unerwartete wie unwillkommene musikalische war, offenbart sich in meinem Lieblingsstück Bye Bye Berlin. Dies gehört nicht zu dem Programm, sondern speist sich aus einem persönlichen Erlebnis Kreuzbergs. Es wird als Epilog aufgeführt, und endlich tritt Kreuzberg aus ihrer Rolle hinaus und wir bekommen einen Eindruck davon, wie es hätte sein können. Bye Bye Berlin wird nur von Kathy Kreuzberg und dem Pianisten intoniert und ein Zauber beginnt sich auszubreiten. Leider macht sich die Band schon bald spielfertig, und als sie einsetzt, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wo vorher reine Schönheit herrschte, dominiert nun Hau-Drauf-Suppe. Der Schlagzeuger rumpelt auf maximal Bierzeltniveau, es ist wirklich ganz unglaublich! Hier leben die Achtziger- und Neunzigerjahre mitsamt ihren musikalischen Formen wieder auf, von denen man geglaubt hatte, sie würden in Frieden ruhen und hoffentlich nie mehr auferstehen.

Um die gescholtenen Musiker etwas zu entlasten: Diese Arrangements sind im Kern schon auf der CD so angelegt. Das verführt live natürlich. Man hätte es allerdings genau umgekehrt machen und die Lieder live nackt und entkernt vorstellen können. Das wäre in jedem Falle spannend geworden. Leider nämlich klingt auf der CD Rockoper als Genre ebenfalls schon ab dem ersten Track, Genesis, durch. Im Gegensatz zur Live-Show werden die Lieder aus der Feder von Kathy Kreuzberg hier aber vor allem von der Akustikgitarre Jordi Kuragaris getragen, und auch die Produktion lässt der Stimme Kreuzbergs Raum. Ob Elemente wie das Gitarrensolo auf Asche zu Asche nun wirklich sein müssen, sei dahingestellt – zumindest ufern sie auf der CD im Gegensatz zum Live-Programm nicht aus. Lieder wie Grauer alter Mann funktionieren in jedem Falle auch ohne den mythologischen Unterbau des Programms und können auch zu Hause als Liedermacherstücke rezipiert werden – immer mit einem gehörigen Schuss 80er-Rock und auch Schlager.

Es verwundert wohl kaum, dass ich mich immer noch schwer tue damit, das Gehörte dem Genre „Chanson“ zu subsumieren. Als Musical würde es funktionieren – ganz offensichtlich wird das bei der Ballade vom Mauerblümchen. Und unter dem Label „Musical“ würde das Programm auch das richtige Publikum anziehen. Das geschmackssichere Chanson-Publikum hingegen muss hier zwangsläufig enttäuscht sein.

Hochgradig irritierend ohne die begleitende Show ist dann aber auf jeden Fall das Weihnachtslied Leise rieselt der Schnee – möchte man so etwas im April auf der heimischen Anlage hören? Der Wahnsinnswalzer Pokerspieler ist eine gelungene Ausnahme. So stellt man sich finsterstes Kabarett vor, guter Text, gut gesungen, gut arrangiert. Doch gleich darauf folgt wieder ein mit einer Rezitation beginnendes Stück. Die gesprochenen Texte sind für zu Hause schwierig, die gehören ausschließlich auf die Bühne. Dabei ist Umgekehrt ein durchaus interessantes Stück, für das ich mir ein bestimmtes Publikum gut vorstellen kann. Hier klingen auch tatsächlich Chansonelemente durch. Weshalb zum Ende der verzerrten E-Gitarre wieder eine solch prominente Rolle eingeräumt wird, bleibt wohl das Geheimnis von Kreuzberg. Kreise zieh’n ist wieder eine klassisch-überproduzierte Musical-Ballade (oder ist das hier schon Schlager? Richard Clayderman trifft Claudia Jung?), angesichts derer ich gern in einen Adorno’schen Kulturpessimismus verfallen möchte. Der Wind erzählt ein altes Lied bringt das Dilemma auf den Punkt: Ein an sich traumschönes Lied, bis kurz nach dem ersten Drittel eine völlig unnötige und übermotivierte Band einsetzt, die dem Lied keinen weiteren Aspekt hinzufügt, sondern ihm vielmehr viel von seiner Bedeutung nimmt, und man möchte sich fragen, was zum Geier soll das?!

Weshalb also die CD trotzdem kaufen? Nun, es gibt da einen Song, dessen erste Takte an Lionel Richies Hello erinnern, der sich aber schon bald als Bye Bye Berlin entpuppt. Lloyd-Webber tritt hier wohltuend in den Hintergrund, wenngleich er – zumindest in den Strophen in Gestalt vom Phantom der Oper und daraus: Wishing you were somehow here again – überall latent lauert. Der Refrain aber setzt sich sofort im Kopf fest, und klingt dort schon nach einmaligem Hören noch tage- und nächtelang nach. Wenn sich gute Musik dadurch definiert, dass sie die Menschen berührt, dann ist das hier ein gutes Lied, ein sehr gutes sogar. Vielleicht, weil die Künstlerin hier von ihrem ganz persönlichen Schmerz singt und sich nicht hinter einem konstruierten Mythos versteckt. Ich liebe diesen Song – davon will ich mehr! Da verzeihe ich sogar die Bombast-Rock-Einlage ab Minute 4.40, hier geht sie eher in Richtung Jennifer Rush oder Robin Beck, wird aber von der wunderschönen Melodie des Refrains wieder aufgefangen. Dieses Lied unplugged und Kathy Kreuzberg hätte in mir einen Fan fürs Leben gewonnen.


Endlich nicht mehr in der Rolle. Nicht nur das Haar löst sich

Zwei Tracks gibt es noch, zum einen Phoenix, der im luftigen Bossa-Schlager-Gewand daherkommt. Das würde ich privat jetzt nicht unbedingt hören, ist aber völlig in Ordnung. Und einen Hidden Track, der komplett auf die Band verzichtet und Kreuzbergs Stimme nur mit Klavier untermalt. Das spielt zwar auch hier die wohl unvermeidlichen Achtel, aber nichtsdestotrotz bekommt man einen Eindruck davon, wie es sein könnte.

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