Erlaubt ist, was gefällt: Mit DePhazz über den Dächern Berlins – klangverführer | Musik in Worte fassen

Erlaubt ist, was gefällt: Mit DePhazz über den Dächern Berlins

Es gab eine Phase in meinem Leben, da war ich auf der Suche nach größtmöglicher Stressfreiheit und Tiefenentspannung – schließlich war mein Leben zu dieser Zeit aufregender, als mir gut tat. Klar, dass ich schon bald den passenden Soundtrack gefunden hatte: Lounge, Ambient, Downtempo, TripHop, Chillout. Nicht unbedingt in den Niederungen des Niveaus von Café del Mar oder Buddha Bar, für meine Musikerfreunde aber trotzdem schwer genug zu ertragen. Oft wurde über die Klangtapete gespottet, dabei hat sie sie stets als kleinster gemeinsamer musikalischer Nenner, beispielsweise für die Hintergrundbeschallung eines gelungenen Spätsommerfestes, erwiesen. War es nicht Pop-Literat Benjamin von Stuckrad-Barre, der die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister als das „Köln Concert unserer Generation“ und damit als „echtes Problem“ (da sie eben jeder mag) bezeichnete? Aber: Kann man aus ästhetisch-künstlerischer Perspektive wirklich an Massive Attacks Blue Lines oder Protection/No Protection zweifeln? Kann man eben nicht.

Und selbst die unzähligen und vielleicht künstlerisch weniger originellen Epigonen, die diesen Vorreitern folgen sollten, einte zumindest Eines: Ihre Musik war immer elegant, stilvoll, mondän, kurz: passte ideal zu den After Work-Veranstaltungen der von beiden Enden brennenden New Economy Kids. Lounge Compilations eroberten Bars und Wohnzimmer im Sturm – schließlich musste man sich dann nicht selbst um die Musikzusammenstellung kümmern, sondern hatte unter Garantie eine geschmackvolle Beschallung für alle Fälle zur Hand. Nachdrücklich im Gedächtnis geblieben aus dieser Zeit ist mir, neben allgegenwärtigen Bands wie Lamb oder Morcheeba (von deren großartiger Sängerin Skye Edwards es übrigens diesen Herbst ein neues Album auf Pias geben wird), das Heidelberger Klangkollektiv DePhazz. Spätestens dessen drittes Album Death by Chocolate fand sich in fast jedem Wohnzimmerregal wieder – von den unzähligen Samplern, auf denen sie vertreten waren, ob Bar Lounge Classics, Lounge for Lovers, Hotel Costes oder Erotic Lounge, ganz zu schweigen.

Mit der Wirtschaftskrise ist diese Musik dann irgendwie verschwunden – nicht nur aus meinem privaten Plattenschrank, sondern auch aus dem öffentlichen Bewusstsein. Smooth und chillig wollte keiner mehr. Auch DePhazz wähnten sich schon beinahe aufgelöst, bevor sie 2010 mit dem selbstironischen LaLa 2.0 – meiner Meinung nach die Platte mit dem coolsten Albumtitel ever! – wieder auf der Bildfläche erschienen: Ja, Lala geht auch noch im neuen Jahrzehnt, war die Botschaft. Mit Audio Elastique, immerhin ihrem bereits neunten Studioalbum, zeigen DePhazz, dass sie sich selbst bei weitem nicht so ernst nehmen, wie man es aufgrund ihrer gediegenen Musik glauben könnte. Sitzt man nämlich dem Band-Gründer und Produzenten Pit Baumgartner sowie der Sängerin/Songwriterin Pat Appleton gegenüber, merkt man sehr schnell, dass sie im Grunde höchst subversive Lounge-Punks, wie sie sich selbst bezeichnen, sind.

Ich habe die Gelegenheit, die beiden auf der Dachterrasse des Berliner RBB-Gebäudes zu einem unerwartet lustigen Interview zu treffen. Bevor es allerdings losgehen kann, muss dringend noch Milka, der 15-Wochen-alte Welpe von DePhazz-Promoterin Nash, geherzt werden. Der ist so süß, dass es verboten gehört und einem das Hirn verklebt: Erst nach einigen Minuten Hundebeschmusung fällt mir nämlich wieder ein, dass da ja auch noch zwei Musiker sitzen, die nicht nur begrüßt werden wollen, sondern auch auf ihr Interview warten.


Schokosüß und aus dem gleichen Tierheim wie Kopfhörerhund: Nachwuchskopfhörerhund Milka. Gehen Sie mal nach Falkenberg! Sa sitzen noch ganz viele, die auf ein Zuhause warten.

Klangverführer: Als Einleger zu eurer neuen CD gibt es einen Flyer mit dem Motto „Endangered Media – Each Sold Album Helps To Survive“, das sich auch auf eurer Bandpage findet. Könnt ihr mir ein paar Worte zu eurem Engagement sagen?

Pit: Naja, meine Idee war es einfach, so einen Fonds zu gründen, so wie dieser WWF Wildlife Fonds, und einfach darauf hinzuweisen, dass das ein Medium ist, das wohl aussterben wird. Genau wie die Kassette ausgestorben ist oder der Leierkasten ausgestorben ist oder das Tonbandgerät. Und das muss man wissen! Es ist auch keine Wehmut dabei und kein Lamentieren. Ich hätte es gern eher komisch rübergebracht, nach dem Motto „Spenden Sie fünfzig Cent!“ – an mich natürlich –, aber da fängt es dann an: Das macht der Handel nicht mit. Sobald Spendenkonten auftauchen, muss man eine seriöse Firma sein. Und übrig blieb dann einfach dieser Einleger „Aussterbendes Medium“. Und die meisten fragen sich, oh, was ist das denn, aber dann ist auch schon gut. Man kann es rumdrehen und als Postkarte verschicken. Wie gesagt, das war die Idee dahinter. Und wir sind ja auch so eine Band, die gerne humoristisch unterwegs ist – wir nehmen das Ganze nicht so ernst. Das war also mein Beitrag zu dieser ganzen Diskussion über illegale Downloads und so weiter. Aber das Rad kann man nicht mehr zurückdrehen.

War die Gründung deines eigenen Labels Phazz-a-Delic denn ein Versuch, diesbezüglich ein bisschen mehr Selbstkontrolle zu erhalten, sprich: eine Reaktion auf deine Enttäuschung über die traditionelle Arbeitsweise der Musikindustrie?

Pit: Nee, ganz im Gegenteil! DePhazz ist ja eine Band mit sehr vielen Individualisten. Bei Pat angefangen, bei Karl, damals Otto – und die Idee war, dass man ein Label hat, wo man dann ohne großes Tamtam Platten veröffentlichen kann. Das ging auch eine Weile gut, bis dann auch bei uns der Einbruch kam, und jetzt kann ich viele Produktionen einfach nicht mehr finanzieren, ganz einfach weil das Geld fehlt. Ich kann es nicht vernünftig promoten – eine gute Promo kostet Geld –, und wenn die Verkäufe einbrechen, dann musst du das aus eigener Tasche zahlen, und das funktioniert alles nicht mehr. Das muss man einfach wissen, wenn man über digitale Raubkopien spricht. Geld fehlt nicht den Menschen, die im Urlaub in die Karibik fahren , sondern Geld fehlt, wenn es um Produktion geht. Und das fehlt auch nicht Robbie Williams oder Pink, sondern das fehlt den Bands die einfach …

Pat: … am Anfang stehen!

Pit: Genau, also den Talenten, wie immer. Jungen Leuten wird der Boden unter den Füßen weggezogen, weil man nicht mehr investiert. Gut, an Stelle dessen ist natürlich die Verbreitung im Internet getreten, da kann jeder seine Musik hochladen – aber wer hört das schon? Vor allem: Wie weiß ich, wo was ist? Und deswegen ist natürlich eine professionelle Promo immer noch wichtiger oder eine gute Plattenfirma, weil sie einfach andere Türen öffnen kann! Aber gut, wenn wir jetzt sehen, wie es sich entwickelt, das Rad ist nicht mehr zurückzudrehen, wir schauen mal, was passiert.

Kommen wir zu „Audio Elastique“. Die Platte ist euer mittlerweile neuntes Studioalbum. Was hat sich aus eurer Sicht im Gegensatz zum Vorgänger „LaLa 2.0“ geändert, oder anders gefragt: Wo wollt ihr mit diesem Album hin?

Pit: Zunächst einmal wieder auftauchen. Es gibt ja so eine Kampagne, das heißt, „Platte – Tour“ beziehungsweise „keine Tour ohne Platte“, das sei Quatsch. Wenn man also touren möchte – und die meisten Kollegen meiner Band möchten touren …

Pat: Müssen touren!

Pit: Ist das so? Bei mir ist es auch eher ein Müssen, denn ich bin Studiomusiker und Produzent – ich muss nicht auf die Bühne! Aber die Kollegen haben eigentlich sehr viel Spaß dabei und machen das auch gut, und da brauchen sie natürlich immer neues Futter, das heißt: neues Songmaterial, und deswegen gibt’s ’ne CD. Wie die sich jetzt unterscheidet von der anderen – das weiß ich nicht, weil wir immer so einen Spagat versuchen zwischen einer gewissen Originalität, etwas Neuem, aber gleichzeitig auch so etwas wie einem Wiedererkennungswert. Man weiß, ach, das sind doch die, die Querköpfe oder was auch immer … Das sind doch DePhazz! Und deswegen kann ich dir gar nichts dazu sagen. Auch wenn ich anfange zu produzieren, habe ich ja kein Konzept in dem Sinne, sondern erlaubt ist, was gefällt, und was am Ende dann rauskommt, ist meistens auch für mich überraschend, wo ich denke, „Ach Gott, so ist sie jetzt geworden! Na toll, hoffentlich findet sie Ihre Hörer“ … Also, im besten Falle. Aber unabhängig davon müssen wir das machen, weil wir einfach aus Passion Musiker sind, ob sich das jetzt verkauft oder nicht ist sekundär. Mal sehen, wie lange wir noch durchhalten.

Ihr seid ja immerhin schon eine ganze Weile dabei! Ich glaube, ich habe angefangen, euch zu hören, als Drum&Bass, TripHop, LoFi, Ambient und Downtempo gerade ganz neu und aufregend war – ich glaube, es gab damals keine einschlägige Compilation, auf der ihr nicht vertreten wart. Zu jener Zeit seid ihr ja als Klangkollektiv mit dem zukunftsweisenden Motto „Destination Phuture Jazz“ angetreten – wie hat sich euer Anspruch an das eigene Studiomaterial im Laufe der Zeit entwickelt? Würdet ihr Euer erstes Studioalbum heute nochmal genauso aufnehmen?

Pit: Wenn es ’97 wäre: Ja. Aber 2012 ist glaube ich … Du wirst keine Drum&Bass-Elemente mehr finden, weil ich lustigerweise an diesem Drum&Bass-Aspekt gemerkt habe, wie alt die Musik geworden ist. Also, wenn du Achtzigerjahre-Musik hörst, hörst du ja auch sofort, oh, Achtziger: Große Snares, der Song wurde totgeknüppelt mit der Snare …

Und mit dem Hall, furchtbar!

Pit: Brian Eno, ein geschätzter Kollege von mir, sagte mal, warum meine Musik nicht altert liegt daran, dass ich keine Schlagzeuge benutze! Und es ist tatsächlich so: Am Schlagzeug hört man oft, wie alt die Nummer ist. In unserem Fall ist es Drum&Bass. Wenn ich heute eine Drum&Bass-Platte gemacht hätte, wären wir zwar irgendetwas treu geblieben und hätten bestimmt auch Fans, die sagen, ah, toll, aber es wäre backdated gewesen, meiner Meinung nach zu viel. Deswegen ist die neue Platte nicht ganz so rumpelig, sondern vielleicht sogar gediegener, aber man muss einer Band auch zugestehen, dass sie sich einfach entwickelt, wohin auch immer, und dass sie das Recht hat, sich selbst nicht zu langweilen und Dinge zu tun, die ihr einfach Spaß machen!


Spaß haben die beiden hier auf jeden Fall …

Kritiker werfen eurer Musik ja gern vor, sehr Easy Listening zu sein, mondäne Soundtapete, und mit euren Albumtiteln, ob „LaLa 2.0“ oder eben jetzt „Audio Elastique“ gebt ihr ihnen zusätzlich Futter. Gerade Titel wie „Désir au Maximum“ oder „Funk Desaster“ scheinen den Geist einer musikalischen Hängematte oder einer sich schier ins Endlose dehnenden musikalischen Elastizität perfekt zu verkörpern – den Kaugummi als Sinnbild liefert ihr mit feiner Ironie gleich selbst dazu. Ich habe von Pat dazu mal in einem alten Interview die Aussage gelesen: „Wir sind Künstler, wir bieten den Leuten schöne Musik an, zu der die Leute auch mal entspannen können. Das ganze Hickhack, was man sonst so tagtäglich an der Backe hat, das dürfte verpuffen, wenn man eine unserer CDs einlegt.“ Setzt ihr bei eurer Musik bewusst auf den Wohlfühlfaktor? Und was entgegnet ihr Leuten, die meinen, dann können es mit dem künstlerischen Anspruch ja nicht weit her sein?

Pat: Naja, wir legen ja sehr viel Wert auf unsere Texte, und ich hoffe, dass wir mit den Texten ein bisschen von dem wegkommen, was man … ja, wenn man es „gefällig“ nennt, meinetwegen; ich finde es ja gar nicht so unangenehm, weil ich privat ja auch gern Musik höre, die mich jetzt nicht aufregt. Ich möchte mich ja entspannen! Wenn ich tanzen möchte, dann gehe ich auch zu Musik tanzen, die vordergründig im Raum steht, aber ich finde einfach, dass die Platten von DePhazz so vielschichtig sind! Mann kann sie ja auch unter dem Kopfhörer hören und dabei wirklich erstaunliche Dinge entdecken, gerade das, was Pit so zusammenbastelt. Und was man dann so unter dem Kopfhörer vernimmt, ist doch nicht immer so leicht einfach abzutun! Aber mann kann die Musik eben auch sehr schön im Hintergrund hören, und das finde ich angenehm. Ich war schon oft auf Parties, wo dann so richtig vordergründige Musik lief, und man konnte sich gar nicht unterhalten. Ich brauche da lieber Hintergrundmusik, ich kann sonst gar keinen Gedanken fassen, wenn da einer ständig rumblökt und man gezwungen wird, sich den Text anzuhören!

Pit: Darf ich da einsteigen? Ich würde dieses Pferd nämlich gern von der anderen Seite aufzäumen. Was steht denn auf der anderen Seite von Easy Listening? Die Musik, in der man über die Texte zur Revolution aufruft – mit Coca Cola als Sponsor! Das ist definitiv vorbei. Burt Bacharach, der Easy-Listening-Papst – hör die an, wie qualitativ hochwertig diese Musik ist! Ob ich die jetzt im Hintergrund laufen lasse, zum Staubsaugen, zum Frühstücken, ist jedem selbst überlassen. Und ich habe auch keine Probleme, wenn man mich als musikalische Tapete bezeichnet – das ist besser, als meine Musik gar nicht zu hören! Wenn hundert Kritiker darüber schreiben, das sei Easy Listening, ist mir das lieber als einer! Mir ist einfach der Verbreitungsaspekt wichtig. Und ich glaube, in dem Moment, wo wir die Platte produzieren und herausgeben, lassen wir los. Und dann obliegt es dem Hörer zu sagen, das gefällt mir, oder es gefällt mir nicht. Also mehr möchte ich, ehrlich gesagt, auch gar nicht dazu sagen. Aber wie gesagt, ich bin ja auch ein Kind der Siebziger, wo damals die Welt verändert wurde, auch mit Musik, und mittlerweile kann ich es nicht mehr hören. Es hat nicht funktioniert – also, es hat uns schon ein stückweit wohin gebracht, zum Beispiel die Frauenbewegung, den Feminismus, was auch immer –, aber es werden dadurch keine Kriege verhindert! Und das ist frustrierend. Ich würde mich da jetzt nicht als Weltverbesserer sehen, mein Gott, ich möchte einfach nur einen Soundtrack liefern, den sich dann der Hörer reinlegen kann wo immer er möchte. Wenn er auf die Straße geht hinterher, auch recht, zum demonstrieren, wenn er aber auf der Couch bleibt, auch gut.

Pat, du hast eben das Wort angenehm verwendet; und auch ich bin der Meinung, dass sich„Audio Elastique“ unglaublich angenehm hört – nicht umsonst hat euch die Presse ja auch den Beinamen „Godfathers of Lounge“ verpasst! Allerdings scheint es in der ersten Albumhälfte (mit Ausnahme der für eure entspannten Verhältnisse dann doch recht getriebenen Single „The Ball Is My Friend“, der zugleich mit seinem gar nicht so hintergründigen Humor besticht) auch keinen Song zu geben, der sich besonders hervortut – gehört dieses homogene Klangbild zum Konzept dieses Albums, wollt ihr die Leute erst einmal in Sicherheit wiegen, bevor an die anderen Tracks kommen?

Pit: Ach weißt du, im Grunde bin ich ja Ästhet. Das ist natürlich alles auch sehr subjektiv, aber ich hab dann am Schluss diesen bunten Strauß an Melodien und denke, wie bringe ich die jetzt in eine Reihenfolge. Da geht es um geschmackliche Dinge und um Bindungen durch kleine Interludes, aber das ist konzeptionell nicht so ausgeklügelt, das entsteht eher spielerisch, und meistens auch so, wie ich die Platte selbst gern hätte, wenn ich sie reinlege. Wenn ich merke, diese Nummer stört mich immer, dann schmeiße ich sie einfach wieder raus. Ich hab‘ ja die Macht. Es ist auch bitter, als Produzent zu sagen, na Freunde, die Nummer hier muss ich leider wieder streichen – zum Beispiel gibt es da das Lied „Timeless Times“ auf dieser Platte, das doch relativ oft gepickt wird im Moment. Die Nummer hängt schon seit zehn Jahren im Regal, und nie hat es mir gefallen, ich habe sie immer wieder verschoben und rausgenommen. Und jetzt habe ich sie endlich mal rausgebracht. Es ist aber auch so: Manche Dinge reifen. Und manche bleiben ewig in der Schublade. Diese vergeudete Arbeit gehört eben dazu – Schwund ist immer.

Die zweite Hälfte des Albums überrascht dann aber mit ihrer Vielfältigkeit …

Pit: Oh, ab wo beginnt denn die zweite Hälfte?

Meiner Meinung nach kannst du es tatsächlich symmetrisch in zweimal acht Tracks teilen, das heißt, die zweite Hälfte beginnt für mich mit Track 9, der „Good Morning Suite“, die schon sehr in Richtung experimentelle Collage geht und garantiert nicht im Formatradio zu hören sein wird! Der Sechsachtler „Not Sally“ dann ist schon ein fast klassischer Smooth-Jazz-Track, bei den ersten Takten von „After Lunch“ fühlte ich mich kurz an Elvis erinnert, „Männer die Pokale Küssen“ irgendwo zwischen Chanson und Schlager, auf „Into The Blue Hour“ gibt es diese Twang-Gitarre, gepaart mit Gesang, der an zerkratze Ella-Fitzgerald-Platten erinnert …Das ist jetzt eigentlich gar keine Frage, nur eine …

Pat: … Feststellung, aber sehr sehr sehr schön!

Pit: Ja, aber wenn du gerade auf das Thema zu sprechen kommst: Diese Vielfältigkeit ist uns ja ein Anspruch, aber andererseits denke ich manchmal, gerade das ist ein Problem, weil du halt nicht ein Klientel bedienst, zum Beispiel die puristischen Jazz-Hörer, die sind dann beim dritten Lied enttäuscht, dann kommt ein Fußballlied, und das fragen sich unsere Lounge-Leute, was machen sie jetzt?, und ich glaube, „Timeless Times“ ist eher so ein Rocksong, so ein verkappter … Und das ist etwas, was mir sehr viel Spaß macht, zu bedienen, denn als Produzent denkst du ja, oh, kann ich das auch? Lass mal probieren! Aber diese Vielfältigkeit kann eben auch nach hinten losgehen, weil du dann keine strikte Linie drin hast. Aber soll ich jetzt deswegen etwas nicht machen, was ich gern machen würde? Nee.


… während sich Milka nicht ganz so wohl in ihrer Haut zu fühlen scheint.

Jetzt kommt eine Frage, die Künstler meistens hassen, aber Kritker suchen nun einmal nach Genre-Begriffen, weil die Leser wissen wollen, was zum Geier machen die da eigentlich, wo ordnet man das ein …

Pat: Lounge-Punk!

(großes Gelächter)

Lounge-Punk? Ich wollte zwar noch auf etwas anderes hinaus mit meiner Frage, aber das ist gut! Ich wollte …

Pit: Entschuldige, dass ich dich unterbreche, aber das ist deswegen gut, weil wir jetzt in der Ukraine in so einen Nobelclub eingeladen waren, ein Oligarchen-Verein, und die saßen alle da an sehr teuren Tischen, haben ganz edel getafelt und so, und wollten wahrscheinlich auch so etwas Ähnliches wie Lounge dazu hören. Und dann haben wir da angefangen mit „Let The Dog Run“ …

Pat: … und „Fear Is My Business“!

Pit: … und das war so gar nicht das, was sie erwartet haben! Und dann fiel mir in dem Moment auf der Bühne der Begriff ein: Das ist Lounge-Punk! Es wird euch nicht gefallen, aber wir haben die Macht, wir haben die Lautstärke!

Woran ich beim Hören der ersten Tracks dachte … Track 2, „Our Relashionship“, swingt ja wie in den Zwanzigerjahren, ist aber gleichzeitig so zerhackstückelt, dass man hierfür eigentlich nur den Begriff „Electro Swing“ verwenden könnte. Auch Track 3, der „Dog Run“, swingt ganz gehörig im Retro-Sil, zeigt durch seinen clubbigen Beat aber auch deutlich, dass es sich hier um eine absolut zeitgemäße Aufnahme handelt. Hegt ihr, wollte ich fragen, eine besondere Affinität zur aktuellen Electro-Swing-Szene, identifiziert ihr euch damit?

Pit: Also ich muss sagen, wenn, dann ist das Zufall. Ich bin der Albtraum eines jeden Musikredakteurs, weil ich höre kaum Musik. Also neue Sachen finde ich nicht so prickelnd, weil ich das alles irgendwo schon mal gehört habe; alte Sachen lehne ich ab, weil ich dann weiß, wie alt ich bin …

(wieder mal großes Gebrüll von allen Seiten)

… obwohl es mir gefällt! Und deswegen höre ich ganz wenig Musik. Ich kann auch nicht sagen, was angesagt ist. Das ist bitter genug; aber wenn du selbst Musik produzierst, dann gehst du abends mal Fußball spielen oder weiß der Teufel, was, aber du hörst definitiv nicht im Radio die angesagten Sachen. Ich werde auch oft angesprochen nach dem Motto, hast du das da und da kopiert?, und ich muss dann sagen, es kann sein, aber wenn, dann bring es mir, dann kann ich dir sagen, ob es kopiert ist. Ich kenne die aktuellen Sachen nicht. Insofern, wenn du nach Kategorien suchst: Lounge-Punk trifft es schon ganz gut.

Was mir bei dem Album noch aufgefallen ist – wobei, eigentlich kann man das von all euren Alben sagen –, ist diese stilprägende Mischung aus elektronischen Sounds und akustischen Instrumenten. Schon bei der „Prelude“ paart sich Electrogeschnassel, das an das Knistern einer Schallplatte erinnert, mit Vocalsamples und dem Sopransaxofon von Frank Spaniol. Technik oder klassische Instrumente, Studioarbeit oder Livegig – welcher dieser Teile ist die größere Herausforderung für einen Musiker? Und: Seht ihr euch eher als Studioprojekt, das sich über Soundfrickelei definiert, oder als Live-Act, dem es um den organischen Klang geht?

Pit (deutet auf sich selbst): Studioprojakt. (Deutet auf Pat): Live-Band.

Pat (deutet auf sich selbst): Rampensau!

(Gelächter)

Das heißt, ihr seid bewusst beides …

Beide: Ja.

Pat: Wir arbeiten natürlich schon ein bisschen für die Bühne, wenn wir die Platte machen, aber im Studio hat man eben viel mehr Möglichkeiten!

Pit: Ich habe viel mehr Zeit im Studio. Auf der Bühne habe ich keine Zeit, da muss es Zack-Zack gehen, da müssen die Leute bei der Stange gehalten werden, da ist Pat die Expertin und da halte ich mich zurück. Während im Studio … da kann ich beraten, kann sagen, mach mal hier diesen Schlenker noch, da ist Zeit. Weil: So ’ne Zerhackung von so ’nem Song dauert netto 32 Stunden, je nachdem. Und da gehen schon mal Beziehungen drauf – aber das ist es Wert!

(lacht, und alle anderen liegen auch vor Lachen auf dem Tisch)

Pit: Frag Kollegen! Die rufen dann an, sag mal, kommst du heute nochmal hoch, oder übernachtest du im Studio?

Apropos Kollegen: Gerade erst vor Kurzem habe ich das neue Album „Modular Soul“ des mittlerweile auch in Heidelberg lebenden Jazz-Keyboarders Jo Bartmes rezensiert. Das Projekt wiederum hat mich sehr an die Stücke vom Bahama Soul Club erinnert, an denen du, Pat, beteiligt warst. Ist Heidelberg mittlerweile so eine Art Keimzelle für Pop-Jazz-Soul-Funk-Latin-Fusion?

Pit: Wir haben Ruhe! Wir sind entschleunigt! Wir müssen nicht jeden Tag etwas Neues machen! Ich kenne dort tatsächlich ganz tolle Leute, ohne den Berlinern da jetzt irgendwo an den Karren fahren zu wollen. In Berlin musst du immer bamm-bamm-bamm: Trends setzen. Aber wenn man in die Provinzen geht, da ist do viel Talent unterwegs! Gerade der Jo, ein klasse Typ, macht ’ne tolle Show, ist ganz entspannt, und ich bedaure, dass er aber eigentlich nie dahin kommt, wohin er es eigentlich verdient hätte zu kommen, weil vorher schon die Amis Schlange stehen, und die haben eben viel größere Budgets im Rücken. Der Ort, wobei ich da jetzt nur für Heidelberg sprechen kann, spielt insofern eine Rolle, dass Heidelberg eine Stadt am Fluss ist. Wir haben in de Nähe Mannheim; wenn wir Industrie wollen und roughness und rudeness, dann gehen wir nach Mannheim, und wir haben die Amis da …

Pat: Ja, wir haben diese Ami-Club-Geschichte, da haben ja die meisten von uns irgendwann mal angefangen zu spielen!

Pit: Wir haben Studenten, auch sehr klasse …

Pat: Und einfach auch internationale Klientel, also fast mehr als in Berlin, finde ich. Ich bin ja auch sehr früh nach Heidelberg gekommen, wieder zurück aus Afrika, und das war dort eben sehr international. Das prägt einen natürlich auch.

Pit: Ich bin ein Freund der Provinz, muss ich ehrlich sagen. Ich liebe es, nach Berlin zu fahren, nach Köln oder nach Hamburg, aber leben lässt es sich besser in der Provinz.

Pat: Naja, wobei, machen wir uns mal nichts vor: Wenn wir zwanzig Minuten aus Berlin raus fahren, sind wir auch in der Provinz!

Sogar innerhalb Berlins gibt es so manche Provinz!

Pat: Genau, fahr mal nach Rixdorf!

Pit: Das mein‘ ich ja, Lebensqualität … Da gibt es einen berühmten Ausspruch von einem Sufi-Meister, der hörte, dass in New York damals elf Millionen Menschen lebten, und er sagte, och, die müssen sich aber lieben!


Lieber schnell wieder auf den Arm – notfalls auch auf meinen.

Schön, ja! Ich weiß, die Zeit drängt, darum möchte ich auch so langsam zum Schluss kommen. Gestern habe ich auf Facebook gepostet, dass ich heute ein Interview mit euch mache und meine Leser aufgefordert, mir zu schreiben, was sie euch schon immer mal fragen wollten. Diese Leserfragen würde ich jetzt gern noch an euch weiterreichen. Hier zum Beispiel fragt ein Leser: „Woher nimmt DePhazz die Inspiration für ihre unter die Haut gehenden Klänge? Klingt teilweise sehr erotisch …“

Beide im Chor: Uuhhhhh!

Pit: Ja, dann geb‘ ich doch den Staffelstab mal an die Frauen weiter. Wenn ich Frauen sehe, bin ich inspiriert! (lacht) Nein, im Ernst, ich weiß es nicht. Talent? Ich kann einfach nix anderes! (lacht wieder)

Auch eine schöne Überschrift: „Erotische Musik – ich kann nix anderes!“

Pit: Ich hab‘ nichts Vernünftiges gelernt. Ich bin auf dem Arbeitsamt schwer vermittelbar, mittlerweile.

Pat: wobei, zwei Jahre als Clown – ich glaube, damit könntest du auf jeden Fall punkten!

Dann gibt es hier einen Leser, der schreibt, er hätte eine etwas ketzerische Frage, nämlich: „Nachdem der ‚Café del Mar‘ und ‚Wohlfühl-Jazz-Lounge-Sektor‘ musikalisch erschöpft scheint, wohin wird sich die Szene wohl hinbewegen? Wird es auch im Bereich der mehr konsumorientierten Jazzmusik quasi eine bepobartige Bewegung hin zu den ‚Roots‘ geben?“

Pit (schreit fast): Ja!!! Hör dir „Dog Run“ an!! „Dog Run“ ist Be-Bop! Aber ich muss dazu sagen, wir Musiker überlegen uns das ja nicht, wir Musiker denken uns diese Lounge-Geschichte ja nicht aus. Das macht der Handel, denn der muss ja irgendwelche Kategorien erfinden, wo die Leute auch geleitet werden: Ach, da find ich dieses, und da finde ich jenes … Musiker denken nicht in terms like this. Also ich mach ja jetzt nicht mit Vorsatz eine Lounge-Platte – deswegen ist die Frage an die falschen Leute gerichtet, da musst du die Leute aus den Marketing-Agenturen fragen. „Are you working in the marketing business? Kill yourself!“

Pat: Wir denken überhaupt nicht über die Zukunft des Genres nach, denn wir wurden da ja sozusagen reingepresst.

Pit: Wofür ich mich bedanke!

Pat: Ja, denn so haben wir unsere Nische gefunden, und das ist auch gut so.

Pit: Es ist ein angenehmes Publikum, die Leute sehen gut aus …

(Gelächter)

Pit: … die Sofas sind bequem, die Drinks sind lecker. Aber ich muss das jetzt nicht bedienen, was man, glaube ich, uns auch hier und da übel nimmt, weil wir nicht nur diese smoothen Klänge aus Ibiza vertreten, sondern auch mal eckig und kantig werden. Und ein Song mit Textzeilen wie „Wait on the Lord because the Lord will come“, der ist natürlich mit einem Martini in der Hand nicht so leicht zu verarbeiten!

Pat (lacht): Kommt drauf an, wieviel man getrunken hat!

Pit: Wenn du vor den Herren trittst und es darum geht, deine Rechnungen zu bezahlen – und du hast einen Martini in der Hand …

Ja, genau! Nach dem Motto: Ich habe betrogen … nipp … Ich habe gestohlen … schlürf … Okay, bevor wir jetzt vollends albern werden,
will ich noch den letzten Leser zu Wort kommen lassen. Pit, du hast erwähnt, du seist ein Kind der Siebzigerjahre – und dieser Leser hat eine Art-Rock-Frage. Er schreibt: „Eure Gigs sind mediale Ereignisse
mit Lichtshows, Projektionen und Farbspielen. Zusammen mit den Ambientsounds und dem Loungecharakter, wird man streckenweise an Pink Floyd erinnert. Zufällige Ähnlichkeit oder bewusstes Aufgreifen des Konzeptes für alle Sinne?“

Beide: Woahh!

Ich habe tolle Leser, oder?

Pat: Ja, Wahnsinn! Ich möchte auch dein Leser werden! Wo kann ich mich anmelden?

Pit: Connectet euch doch mal! Also, Pink Floyd habe ich da nicht gesehen, aber ich habe damals Nektar gesehen. Nektar waren eine Krautrockband zu den Zeiten von Can und Kraftwerk und wie sie alle hießen. Und die haben damals mit zwei Dias schon verlaufende Farben gemacht. Damals hat man noch Drogen genommen, das ist ja jetzt auch unmodern … (Lachen) Und vielleicht ist das noch ein Überbleibsel von dieser Zeit!

Pat: Wir versuchen ja auch nur davon abzulenken, dass wir keine vollwertige Band auf der Bühne haben. Wir haben ja auch viel computergenerierte Musik, einfach auch aus dem Grund, dass es heutzutage zu teuer ist, eine sechzehnköpfige Band auf die Bühne zu stellen!

Pit: Auf der Bühne geht noch – aber das Essen kannst du nicht mehr bezahlen!

(wieder lachen alle)

Pat: Und die Zugfahrten! Und deshalb versuchen wir unsere Shows so ein bisschen künstlerisch zu gestalten, damit man das so ein bisschen ausgleicht. Die Leute sind ja heutzutage Bilder einfach auch gewöhnt – man kann eigentlich kaum noch Musik hören, ohne Bilder zu haben! Die Leute wollen die Bilder ja schon vorgeliefert haben, was im Grunde ein bisschen schade ist, aber die sind nunmal so aufgewachsen. Und wir bedienen das mit unserer Show so ein bisschen.

Pit: Ja, es ist einfach ein Tribut an die Zeit. Zumal wir den Markus Lang haben, der macht das richtig klasse, das ist ein toller Videokünstler! Und ihm macht es Spaß, da seinen Job auszuüben, und mir macht es Spaß, wenn ich die Bilder sehe. Es gibt ja auch Fotos von der Band, und da ist so ein optischer Aspekt im Hintergrund auch Gold wert, wenn man eben nichts hört. Wir überlegen, ob wir nächstes Jahr oder in zwei Jahren mal auf eine kleine Bühne gehen, in kleine Theater, das fände ich auch spannend. Aber im Moment ist es schon wie es ist- und bei uns ist im Moment der Spaßfaktor wichtig, und der wird durch die Videokunst abgerundet. Und in Zukunft, das schreib den Lesern, wir haben auch eine Facebook-Seite, wenn sie Fragen haben, sollen sie das uns direkt schreiben, dann hast du die Jungs von der Backe und ich schreib dann selber zurück!

Das Interview endet in großem Gelächter – und was Spaß macht, soll man teilen. Darum gibt es heute auch etwas zu gewinnen, nämlich ein frisches Exemplar von Audio Elastique. Was Sie dafür tun müssen? Aufschreiben, wie die wunderbare Genre-Neuschöpfung heißt, das DePhazz für sich erfunden haben und das Ganze per Mail an kontakt@klangverfuehrer.de schicken. Einsendeschluss ist der 16. Juni 2012. Der glückliche Gewinner wird per Mail kontaktiert.

Die Rezension von Audio Elastique gibt es in der nächsten Ausgabe von Victoriah’s Music auf fairaudio.de

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