Über das Aushaltenkönnen von Stille. Zum karfreitäglichen Tanzverbot
Es ist wieder so weit: Karfreitag. Stiller Feiertag. Und wie auf ein geheimes Stichwort hin melden sich jedes Jahr zuverlässig jene Stimmen zu Wort, die sonst auffallend wenig mit Clubkultur, Tanzflächen oder nächtlicher Ekstase zu tun haben – die aber ausgerechnet heute ihr Recht auf freie Entfaltung bedroht sehen. Weil: Tanzverbot.
Man könnte fast sagen, es hat etwas Rituelles. Kaum ein anderer Tag bringt so zuverlässig eine Form von Trotz hervor, die irgendwo zwischen prinzipiellem Freiheitsdrang und – ja, warum nicht – einer gewissen pubertären Lust an der Grenzüberschreitung oszilliert. „Jetzt erst recht“ scheint die Devise. Nicht, weil man tanzen möchte, sondern weil man es nicht darf.
Dabei wäre es vielleicht anhand der allgegenwärtigen Lärmverschmutzung, ach was: -verseuchung, gar nicht die schlechteste Idee, diesen einen Tag im Jahr einfach einmal auszuhalten. Still zu halten. Ihn zu respektieren – unabhängig davon, ob man religiös ist oder nicht. Denn der Karfreitag ist, jenseits aller konfessionellen Zuschreibungen, auch ein kulturell gewachsener Raum für Innehalten. Und davon haben wir, seien wir ehrlich, nicht gerade zu viel.
Ich bemühe in diesem Zusammenhang immer wieder gern das Buch Die Vertreibung der Stille – ein Titel, der nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Im Gegenteil. Wenn Liedtke damals die zunehmende Verdrängung der Stille diagnostizierte, dann lebte er noch in einer Welt, in der Menschen ihre Videotelefonate nicht mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit in der Öffentlichkeit führten. In der Kopfhörer noch benutzt wurden. In der es zumindest noch Reste eines Bewusstseins dafür gab, dass nicht jeder Ton, der technisch möglich ist, auch geteilt werden muss.
Heute hingegen: Dauerbeschallung. Überall. Gespräche, Musik, Klingeltöne, Lautsprecher, Durchsagen, digitale Endgeräte, die sich ungefragt in den öffentlichen Raum hinein verlängern. Es ist ein permanentes Grundrauschen, das längst mehr ist als bloß lästig. Denn Lärm ist nicht neutral. Er wirkt. Und zwar tief.
Als ich einen der Lauten in der S-Bahn darauf hinwies, meinte er nur: „This is not your living room!“ Nun, seiner aber auch nicht. Von wegen Freiheit die aufhört, sobald sie die eines anderen berührt.
Dauerhafte Lärmbelastung steht nachweislich im Zusammenhang mit erhöhtem Stresslevel, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und – auf lange Sicht – auch mit ernsthaften gesundheitlichen Risiken wie Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Unser Nervensystem ist nicht dafür gemacht, permanent im Alarmmodus zu laufen. Und doch tun wir genau das. Tag für Tag.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Empörung über einen verordnet stillen Tag fast ein wenig… nun ja: wohlstandsverwahrlost. Ein Luxusproblem. Oder zumindest unerquicklich kurzsichtig.
Denn vielleicht ist es gar nicht die Einschränkung, die hier so laut beklagt wird. Sondern die ungewohnte Konfrontation mit etwas, das wir verlernt haben: Stille auszuhalten.
Ein Tag ohne Tanz. Ein Tag ohne laute Musik. Ein Tag, der sich nicht dem permanenten „Mehr“ verschreibt, sondern dem bewussten „Weniger“. Das ist keine Zumutung. Das ist – wenn man so will – ein Angebot.
Und vielleicht täte es uns allen gut, dieses Angebot einmal anzunehmen. Ohne Trotz. Ohne ironische Brechung. Ohne das Bedürfnis, es sofort wieder zu unterlaufen.
Einfach, weil wir es können.
Und weil wir es brauchen.
Dringend.

