1. August 2019

Intelligent-sexy plus sexy-sexy. Der 5. Frauensommer in der Bar jeder Vernunft

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 21:42

Wo andere Sommerpause machen, ruft die Bar jeder Vernunft seit fünf Jahren den Frauensommer aus – eine Art Festival mit nur einem Spielort über sechs Wochen, die in dieser ansonsten von Theaterpause und Publikumsunlust gekennzeichneten Zeit vor Auftritten hochkarätiger Künstlerinnen regelrecht überschäumen. Nach einem tollen Juli mit Acts wie Astrid Norths North-Lichtern, Cäthe & Mockemalör oder Karsten Troyke geht der Frauensommer noch bis zum 25. August mit einem nicht minder tollen Programm weiter. Was dort genau geboten wird, warum es immer noch nötig ist, Frauen eine eigene Bühne zu bieten und welchen praktischen Nutzen dieser idealistische Ansatz hat, steht in der aktuellen zitty, für die ich mit Franziska Kessler, der künstlerischen Leitung der Bar, gesprochen habe – und im exakten Wortlaut hier:

Franziska Kessler, künstlerische Leiterin Bar jeder Vernunft
Foto: privat

Victoriah Szirmai: Wir schreiben das Jahr 2019. Braucht es heutzutage überhaupt noch sowas wie einen „Frauen“-Sommer, sprich: Müssen Frauen heute noch explizit hervorgehoben werden?

Franziska Kessler: Also, ich finde, solange es Leute gibt, die zu mir kommen – was wirklich passiert! – und sagen: „Ach tatsächlich, ihr macht einen ganzen Sommer nur mit Frauen?“ Solange diese Frage kommt: ja. Ganz klares Ja. Wenn ich einen Musiksommer machen würde, der nur aus Männern besteht, wäre das überhaupt keine Frage wert.

VSz: Niemand würde also fragen: „Oh, ihr macht einen ganzen Sommer nur mit Männern?!“

FK: Heutzutage käme vermutlich die eine oder auch der andere, die oder der dann sagen würde, also hört mal, das ist aber nicht sehr heutig, man müsste mal und so weiter, aber … Ich hab zum Beispiel gestern das Endspiel der Frauen-Fußball-WM geguckt. Es heißt „Frauenfußball“. Männerfußball ist „Fußball“. Ich finde, das beantwortet es eigentlich zur Genüge.

VSz: Aber der Frauensommer heißt ja jetzt auch Frauensommer und nicht einfach Sommer oder Musiksommer …

FK: Eben! Eben, weil es immer noch nötig ist, darauf hinzuweisen. Und weil es ja auch tatsächlich so ist, dass natürlich auch hier in unserer westeuropäischen Großstadtblase, wo das schon mit Sicherheit deutlich besser ist als vielerorts anderswo und als auch bei uns vor zwanzig, dreißig, fünfzig, hundert Jahren, es überhaupt noch nicht so ist, dass es die Gleichberechtigung wirklich gäbe.

VSz: Auch nicht in der Kunst, in der Musik? Oder gerade dort nicht?

FK (überlegt): Hm, gute Frage. Ich denke, auch da kommt es darauf an, wo man schaut. Es gibt natürlich sehr avantgardistische Theaterprojekte, die wahrscheinlich schon sehr viel weiter sind. Ich glaube aber, gerade in der Musikbranche – und wir setzen im Frauensommer ja einen Musikschwerpunkt –, ist es tatsächlich nach wie vor so. Es gibt in der letzten Zeit wirklich erfreulich viele Frauenformationen in der Musik, die aber genau wie in den Festival-Line-ups – wenn überhaupt! – immer noch unter „ferner liefen“ oder als total beeindruckendes Element dargestellt werden. „Wow, eine Frauen-Heavy-Metal-Band, meine Güte!“

VSz: „Mädchen spielen Instrumente und singen nicht nur!“

FK: Genau. Und sehen vielleicht auch nicht alle irgendwie sexy-hexy-mäßig aus. Also, diese ganzen Klischees sind selbstverständlich noch da und gerade in der Musikszene auch, nach wie vor.

VSz: Wie ist eigentlich die Idee zum Frauensommer entstanden? Es ist schon der fünfte, wenn ich mich nicht täusche …

FK: Es ist der fünfte. Tatsächlich gab es zwei Richtungen, aus denen heraus die Idee entstanden ist. Zum einen der Gedanke, dass es im Sommer grundsätzlich gut ist, irgendeine Art von Festival, von thematischer Klammer zu haben, von einem Programm, das man als Ganzes ankündigen kann. Es gibt das Theatersommerloch, die Theaterferien, in Berlin aber natürlich auch jede Menge Festivals und Veranstaltungen – es ist ja nun auch nicht so, dass nichts los ist in Berlin! Dass es dann ein Frauensommer geworden ist, hat tatsächlich diesen Grund, dass wir fanden, Frauen sollten nach wie vor und erst recht und weiterhin unterstützt werden, denen sollte die Bühne freigemacht werden. Grundsätzlich versuche ich sowieso immer, möglichst vielen Frauen eine Plattform zu geben. Immer unter der Voraussetzung: bei gleicher Qualifikation. Es ist jetzt nicht so, dass es ausreicht, das Geschlecht vorzuweisen, aber grundsätzlich wollte ich den Frauen sehr gern eine Plattform bieten.

VSz: Sie sind die künstlerische Leiterin vom Frauensommer oder generell von der Bar jeder Vernunft?

FK: Ich bin zusammen mit Lutz Deisinger die künstlerische Leitung der Bar jeder Vernunft und des Tipi am Kanzleramt, wobei Lutz Deisinger schwerpunktmäßig für die Eigenproduktionen zuständig ist und ich für die Gastspiele. Und der Frauensommer besteht ja aus Gastspielen, also bin ich auch die künstlerische Leiterin des Frauensommers.

VSz: Nach welchen Kriterien wählen Sie als solche die Künstlerinnen aus, die beim Frauensommer auftreten?

FK: Grundsätzlich sind das erstmal die Kriterien, die bei uns sowieso zum Tragen kommen: Qualität, natürlich, Individualität, Personality, die richtige Mischung aus Speziell-sein und Mainstream genug …

VSz: Um auch ein breiteres Publikum anzusprechen …

FK: Genau, wir sind ja ein privates Theater, wir können nicht immer ausschließlich nur das machen, was wir selbst ganz toll finden, wir müssen da natürlich auch so ein bisschen schauen … Und dann gibt es beim Frauensommer mittlerweile noch eine zweite Schiene, die haben wir ab dem dritten Jahr eingeführt: Dass wir gesagt haben, wir setzen auch einen thematischen Schwerpunkt. Weil wir eben selbst fanden, dass das Motto „Eine Bühne nur für Frauen“ letzten Endes ein bisschen dünn ist. Deshalb haben wir gesagt, wir geben uns ein Thema. Das kam tatsächlich dadurch, dass wir im ersten thematisch unterlegten Jahr … Das war das Jahr der Bundestagswahlen, und wir fanden einfach den Gedanken spannend: Wie ist das eigentlich aus Frauensicht? Schauen wir uns mal die Programme der Parteien an, kommen Frauen darin überhaupt vor – und wenn ja, wie? Was steckt dahinter, wie sieht das eigentlich aus, wie sehen Frauen das, verschiedene Frauen, finden sich die darin überhaupt wieder, fänden die eigentlich eine ganz andere Art von Partei gut, welche der bestehenden Parteien würden sie empfehlen? Wir haben das sogar tatsächlich gefragt, in einem Talk, wobei es natürlich jeder selbst überlassen war, ob sie das überhaupt beantworten wollte. Wir fanden es einfach sehr spannend, da mal explizit aus Frauensicht draufzuschauen – tatsächlich auch aus Neugier, um mal rauszukriegen, ob es denn auch wirklich so anders ist, ob es eine menschliche … oder sagen wir mal, eine allgemein-gesellschaftliche und quasi im Gegensatz dazu oder ergänzend dazu eine weibliche Sicht gibt. Und da wir das nun mal so spannend fanden, haben wir gedacht, das behalten wir jetzt bei und machen auch in den Folgejahren eine thematische Unterlegung des Frauensommers. Dabei sehen wir das aber dann auch nicht so ganz hundertprozentig als Zugangsberechtigung für die Künstlerinnen, denn dann wäre es wahnsinnig schwierig. Der Frauensommer ist sechs bis acht Wochen lang, die individuellen Künstlerinnen spielen innerhalb dieser Zeit von einem Tag bis zu einer Woche bei uns, da gibt es natürlich auch solche, die wir einfach von ihrer Energie, von ihrem Auftreten, von überhaupt allem so toll finden und die wir wahnsinnig gerne dabei hätten, die aber nicht ihr ganzes Programm etwa in diesem Jahr auf „Dreißig Jahre Mauerfall“ oder im letzten Jahr, da ging es um den „Mythos 68“, umschreiben können. Die dann vielleicht versuchen, so ein bisschen auch dieses Thema zu streifen, aber jetzt nicht ein komplett neues Programm dafür schreiben. Es gibt aber auch Frauen, die tatsächlich extra ein ganzes Programm darüber geschrieben haben, aber wir können jetzt nicht jeder Frau zumuten und können es uns auch nicht leisten, zu sagen, jede muss jetzt ein neues Programm produzieren für diesen Sommer. Das wäre übertrieben. Und dadurch ist es dann so eine Mischung. Dieses Jahr haben wir den thematischen Schwerpunkt zum einen durch den Eröffnungstalk mit Bettina Böttinger gesetzt, wo es wirklich explizit um dreißig Jahre Mauerfall aus Frauensicht, um Feminismus in der DDR, Feminismus in der BRD und so weiter ging. Auch im Verlauf der einzelnen Programme im Sommer haben wir einige schöne Ost/West-Schwesternpärchen bilden können, so wie heute Cäthe und Mockemalör oder Wilhelmine und Lisa Who oder Uschi Brüning und Popette Betancor. Dann haben wir Barb Jungr, das ist eine britische Künstlerin, die tatsächlich explizit ein Programm zusammengestellt hat, das sie „Walls, Women and Love“ genannt hat. Also, der Schwerpunkt ist im Gesamtprogramm vorhanden, ist zum Teil in den einzelnen Programmen vorhanden und zum Teil haben wir auch einfach Frauen dazugenommen, die wir toll finden – oder die vielleicht auch eine bestimmte Seite der Mauer verkörpern. Jasmin Tabatabai oder auch Katharina Franck sind für mich als selbst in West-Berlin Aufgewachsene beispielsweise ganz klar West-Künstlerinnen, und dann haben wir demgegenüber eben Ost-Künstlerinnen wie Katrin Sass. Wir haben versucht, das Gesamtprogramm entsprechend zu gewichten.

VSz: Wie Sie gerade angesprochen haben: Beim letzten Frauensommer ging es um die Frage, welche Rolle oder Rollen Frauen 68 gespielt haben und welche Folgen das bis heute hat, während Sie sich dieses Jahr damit beschäftigen, wie es zum dreißigjährigen Jubiläum des Mauerfalls um Gleichberechtigung steht – ich glaube, Sie hatten geschrieben: „Alle Menschen werden Brüder – und was ist mit den Schwestern?“ Der Frauensommer ist nun aber sehr konzertorientiert, da sind wenige Kabarettistinnen, die das thematisch explizit aufgreifen können … Wenn nicht gerade eine politische Singer/Songwriterin spielt: Merkt der normale Besucher, dass er hier bei einem Konzert ist, das von einer thematischen Klammer getragen wird?

FK: Wahrscheinlich nicht jedes Mal. Wahrscheinlich sogar relativ häufig nicht. Wir wollen das ganze Programm auch nicht damit überfrachten. Wir wollen nicht, dass man das Gefühl hat, man geht hier in eine Universität oder man muss das gesamte Programm gelesen haben und die ganze Zeit mitdenken und das alles einordnen. Es soll in erster Linie ein qualitativ und künstlerisch tolles Programm sein, ein tolles Sommerprogramm, wo man sich möglichst auch mehrere Sachen angucken möchte, einfach, weil man Lust darauf hat … Und dann hat es quasi noch einen Mehrwert für diejenigen, die sich ein bisschen mehr damit beschäftigen, die sagen, ach guck mal hier, tatsächlich, man kann das ja so und so einordnen, das passt ja zusammen und so weiter.

VSz: Das heißt, das Entertainment steht schon im Vordergrund vor der politischen Idee.

FK: Absolut, ja. Wer will, kann sich auch noch mit der politischen Idee beschäftigen, aber er muss nicht. Für mich ist es so, dass dieses „Wir machen einen Frauensommer“ die erste Stufe davon ist. Mehr noch: Für mich ist diese schon ausreichend, weil das an sich die politische Idee ist.

VSz: Der Juli ist mit den North-Lichtern schon ziemlich aufsehenerregend gestartet; auch heute Abend mit dem Doppelkonzert von Cäthe und Mockemalör geht es mit tollen Künstlerinnen – auch persönlichen Lieblingskünstlerinnen von mir – weiter. Die zitty-Leser werden allerdings dem August-Programm begegnen. Erzählen Sie mir doch bitte etwas dazu, was da passiert, was Ihnen gefällt, was besonders heraushebenswert ist … Das ist immer schwer, ich weiß.

FK: Ja, absolut. Also, heraushebenswert und empfehlenswert sind überraschenderweise alle. (lacht)

VSz: Schon klar, dass Sie das jetzt sagen müssen!

FK: Allerdings ist es in diesem Falle auch wirklich so! Ich könnte tatsächlich bei wirklich ziemlich allen sagen, dass sie meine besonderen Highlights sind. Ich fang mal chronologisch an: Am zweiten August haben wir mit Liedtke eine Künstlerin, die ich über Umwege … die eigentlich sogar mein Kollege mal entdeckt hat. Das ist eine Deutsche, die aber schon sehr lange in Wien wohnt und die eine ganz zauberhafte Musik-Video-Performance macht. Das ist ein Liederabend, es sind deutsche Texte, und das ganze Programm heißt „Im Zwischenraum“. Es beschäftigt sich nicht wirklich mit Ost-West, das war nicht ihre Idee, als sie das Programm schrieb. Als ich ihr aber von unserem Festival erzählte und ihr sagte, dass ich ihr Programm so toll fände und sie gern einbinden würde, sagte sie, ja natürlich, das passt ja! Und ich fand das auch, weil sie genau über diesen Zustand – man geht irgendwo weg, man ist aber noch nicht angekommen, man befindet sich in diesem Zwischenraum – singt.

VSz: Im Transit.

FK: Im Transit, genau. Und darum geht es ja auch beim Mauerfall: Man ist noch nicht im Westen angekommen, aber man ist aus dem Osten schon weg, und man hängt jetzt irgendwo dazwischen.

VSz: Also nicht nur lediglich im lokalen Transit, sondern im historisch-gesellschaftlicher oder persönlich-biografischen Transit, im Transit der politischen Systeme.

FK: Absolut. Politischer, geistiger Transit, genau. Und Liedtke ist einfach jemand, von der ich hoffe, dass ihr diese Tatsache, dass wir sie im Rahmen des Frauensommers vorstellen, den Zuspruch bringt, den ich mir für sie wünsche. Es ist in Berlin nicht einfach, hierzulande unbekannte Namen zu präsentieren und ihnen ein Publikum zuzuführen, aber ich finde sie einfach ganz großartig und hoffe, dass ihr das hilft, hier in Berlin anzukommen.

VSz: Ist sie ursprünglich Berlinerin oder jetzt neue Wahlberlinerin, weil Sie von „Ankommen“ sprechen?

FK: Nee, sie ist wirklich Wienerin, die ursprünglich aus dem … Ruhrgebiet, glaube ich, da bin ich mir gar nicht so sicher … kommt, aber sie wohnt wirklich schon sehr lange in Wien. Kommt auch extra aus Wien hierher.

VSz: Im Programm zu ihr steht, dass sie „multimedial erzählte Geschichten“ präsentiert. Was muss ich mir denn unter multimedial erzählten Geschichten vorstellen?

FK: Sie hat ihre Songs, in denen sie – mit zwei Begleitmusikerinnen, sie selber an der Gitarre – Geschichten erzählt, die durch Video bebildert werden. Da laufen Texte und Bilder und quasi Traumsequenzen hinter ihr auf dieser Videoleinwand ab, das ist eine Einheit. Text und Musik werden hier noch um eine weitere Dimension, die optische, ergänzt.

VSz: Wenn wir in der Chronologie weitermachen: Nach dem Newcomer folgt mit Katharina Franck ja Bewährtes, die hat ja auch letztes Jahr schon gespielt, ich weiß nicht mehr genau, ob das auch im Rahmen des Frauensommers war …

FK: Ja, Katharina Franck hat letztes Jahr auch schon im Rahmen des Frauensommers gespielt. Sie ist abolut Westberlinerin. Sie ist keine gebürtige Westberlinerin, aber für uns ist sie …

VSz: Ja, durch die Rainbirds ist sie …

FK: Genau, ist sie einfach eine absolute Westberlinerin und stellt hier ihr neues Musikprogramm vor. Ich finde auch, sie ist sowieso ein Highlight, es sind großartige Konzerte, sie spielt ihre neuen Sachen, sie spielt aber immer auch unsere Lieblings-Hits, und sie macht es auch … Also, wenn Sie sie gesehen haben, wissen Sie es, sie spielt auch „Blueprint“ und so weiter so, dass man nicht das Gefühl hat, es hängt ihr allmählich zum Hals raus. Sie ist einfach sowieso großartig!

VSz: Dann ist da Katrin Sass, die ebenfalls schon einige Male bei Ihnen zu Gast war.

FK: Katrin Sass ist dieses Jahr sogar Schirmherrin der Frauensommers. Sie hat sowohl in ihre persönliche als auch in ihre mediale Biografie die Ost-West-Geschichte absolut eingeschrieben, von daher fanden wir das sehr sinnvoll. Wir haben sie gefragt, und sie fand das auch sehr sinnvoll, sehr schön und hat sich sehr gefreut darüber, hat das auch gerne gemacht und hatte sowieso vor, sich in diesem Jahr mit dieser Ost-West-Thematik und ihrer Biographie zu beschäftigen. Was wir dann mitbekamen und uns sofort darauf gestürzt haben. Sie hat ja auch schon ein paar Mal hier gespielt, jetzt aber länger nicht mehr, „Königskinder“ hieß das damals. Also, Katrin Sass – ich wüsste jetzt gar nicht, was ich zu ihr noch sagen soll. Ich finde, der Name spricht für sich.

Dann (zeigt auf den Programmpunkt Brüning & Betancor) haben wir hier wieder ein absolutes Lieblingsprogramm! Das war tatsächlich auch so, dass ich anfing zu überlegen, wir brauchen jetzt Ost-West-Schwesternpaare, die wir hier auf die Bühne stellen können – und auch hier ist es tatsächlich nicht so, dass ich gesagt habe, liebe „Popette“, mach doch mal was mit Uschi Brüning, sondern ich hörte von jemandem, dass sie angeblich ein Programm zusammen machen, und da hab ich Susanne Betancor sofort kontaktiert und gesagt, ihr müsst jetzt sofort bei uns auftreten, und die fanden die Idee auch toll. Und das ist ja nun wirklich … Ich meine, Uschi Brüning ist eine DDR-Gesangs-Ikone, dazu muss man auch nicht viel sagen. Susanne „Popette“ Betancor ist in der sogenannten Kleinkunst – wobei „Kleinkunst“ immer so ein doofes Wort ist, ich möchte es „Feinkunst“ nennen –, also in der Feinkunst, in der deutschen, der Berliner deutschen Feinkunst auch eine Ikone, sie hat ja mit Helge Schneider angefangen! Da hat sie ja auch eine lange Geschichte, ist vor allem aber auch eine großartige Sängerin, eine großartige Musikerin, und hat ihre eigene, sehr spezielle Art. Da bin ich selbst auch total gespannt drauf!

VSz: Ich tatsächlich auch. Ich will sehen, wie man Monk und Miles Davis a) betextet und b) das auch noch auf Deutsch.

FK: Und das wird garantiert … Wenn man Texte von „Popette“ Betancor kennt, weiß man, das ist absolut intelligent-verschroben, verschachtelt, witzig, selbstironisch, und da können wir uns, glaub ich, wirklich, wirklich drauf freuen und uns davon überraschen lassen. Und dann eben Uschi Brüning, die ja auch so … die gemeinsam sicher auch so eine tolle Energie herstellen auf der Bühne. Ich kann darüber noch nicht viel mehr sagen als das, was da im Programm geschrieben steht, ich werde mich selbst überraschen lassen! Ich freu mich sehr darauf.

VSz: Ich auch. Ich glaube aber im Gegensatz dazu, was im Programm steht, nicht, dass das Jazz-Standards sind, weil Monk und Miles Davis … das sind eben nicht betextbare Instrumentalstücke, die jetzt nicht wirklich All-America-Songbook-verdächtig sind. Ein Standard ist für mich etwas, das dort oder im Realbook steht. Insofern …

FK: Ja, das stimmt schon.

VSz: Aber gerade das finde ich das Spannende daran: Wie man es schaffen will, dieses Repertoire in ein sangbares, noch dazu auf Deutsch, Lied zu gießen. Mal ganz ins Unreine gesprochen. Ich muss mir das dringend angucken. Der nächste Punkt, Lisa Bassenge, ist mein ganz persönliches Highlight, ich mag fast alles, was sie macht.

FK: Genau, dann haben wir Lisa Bassenge, die für mich wieder so eine sehr West-Geprägte, also, West-Berlinerin ist. Als ich sie gefragt habe, ob sie denn keine Lust hätte, dabei zu sein, sagte sie, dass sie eigentlich sowieso gerade plant, eine CD zu machen mit ausschließlich Kompositionen von Frauen. Die CD wird noch nicht fertig sein, wenn sie hier spielt, es ist quasi ein Vorgeschmack auf dieCD, die Anfang 2020 erscheinen wird, aber ihr Programm dafür steht schon. Ich bin sehr froh, dass sie sich dazu entschieden hat, hier mitzumachen! Und dann ist da noch Yasmin Tabatabai. Ich finde, die ist einfach auch eine tolle Sängerin, eine tolle Künstlerin. Gut, „Was sagt man zu dem Menschen, wenn er traurig ist“ könne man mit viel gutem Willen irgendwie noch auf dieses Ost-West-Thema quetschen, aber ehrlich gesagt möchte ich das jetzt gar nicht erst versuchen. Weil das wäre dann so von hinten durch die Brust. Ich halte sie einfach für eine tolle Musikerin, eine tolle Frau, die einfach so oder so in so einen Sommer sehr gut reinpasst.

VSz: Nach Ihren ganz persönlichen Highlights muss ich Sie, so hab ich das jetzt verstanden, also gar nicht fragen…

FK: Ja, wie gesagt, das ist schwierig. Ich könnte die Künstlerinnen jetzt in verschiedene Kategorien einteilen. Es gibt tolle Neuentdeckungen wie zum Beispiel Safi, die nächste Woche zwei Tage spielt. Das ist eine junge, wahnsinnig kraftvolle, avantgardistische Künstlerin, die ich tatsächlich entdeckt habe vor vielen Jahren bei einem Songfest in den Sophiensälen, das wiederum Popette Betancor kuratiert hat. Da war die noch sehr jung, sehr unsicher, hat sich hinter ihrer blonden Mähne und ihrer großen Gitarre versteckt und war einfach so speziell und so kraftvoll, dass sie mir im Kopf geblieben ist. Und dadurch, dass wir für die North-Lichter immer viele neue Musikerinnen brauchten, ist mir dann wieder eingefallen, dass ich damals diese Musikerin gesehen habe. Auch Bettina Wegner ist … Ich find es einfach toll, wenn die nochmal auf der Bühne steht, die hat Herz und Schnauze und ist eine Seele von Mensch, eine Legende, kann man sagen! Also, es gibt viele, die für sich allein Highlights darstellen. Maren Kroymann natürlich, die sich jetzt leider die Schulter gebrochen hat und gar nicht auftreten wird. Bettina Böttinger natürlich. Ich bin sehr froh darüber, dass sie die letzten Jahre jeweils unseren Abschlusstalk gemacht hat und dieses Jahr den Auftakt-Talk. Die ist einfach eine großartige Moderatorin, die irgendwie den Frauen doch immer sehr viel entlockt.

VSz: Das sind jetzt natürlich wahnsinnig schlaue Antworten, weil all die Genannten im Juli spielen bzw. schon gespielt haben …

FK: Ich weiß, ich weiß …

VSz: Wenn Sie sich jetzt in Bezug auf den August persönlichen Geschmack leisten dürften – ich frag Sie jetzt gar nicht als Festivalkuratorin, sondern als Privatmensch –, wie sähe es dann aus?

FK: Es ist wirklich schwierig. Aber Katharina Franck liebe ich schon sehr, die find ich großartig – aber ich liebe auch Popette Betancor, und ich bin sehr froh, dass sie wieder auf der Bühne ist und dass sie sich dafür jemanden wie Uschi Brüning gesucht hat. Katrin Sass find ich auch ganz toll – ich bin total verliebt in diese Frau! Ich finde es klasse, dass sie wieder bei uns auf der Bühne steht! Lisa Bassenge mag ich auch sehr, sehr gerne, und Birgit Liedtke ist einfach jemand, den ich wirklich sehr gern der Stadt vorstellen möchte. Ich hoffe einfach sehr, dass da wirklich Leute reingehen und sich darüber freuen! Aber hm … bei den dreien hier – Franck, Sass und Betancor – würde es mir absolut schwerfallen, meinen absoluten Liebling … also, die möchte ich alle drei nicht verpassen.

VSz: Kommen wir noch einmal auf den politischen Aspekt des Frauensommers zurück. Der wird, wenn ich das Programmheft richtig lese, von der Siegessäule präsentiert, dem Stadtmagazin der LGBT-Community. Ist nicht nur die Stärkung von Frauen im Allgemeinen, sondern auch die der queeren Frauen im Besonderen ein Anliegen des Frauensommers?

FK: Es ist tatsächlich so, dass wir in den letzten Jahren auch einen Queer-Talk hatten, das haben wir dieses Jahr nicht gemacht. Ich glaube, ein Anliegen der Siegessäule hier ist es, den Frauen ganz allgemein den Rücken zu stärken. Vordergründig geht es beim Frauensommer ja nicht um queere Kultur, aber sie ist immer mit dabei, denn wir haben ja auch Programme von lesbischen Künstlerinnen, zum Beispiel von Georgette Dee, der überaus lesbischen Georgette Dee. (blättert) Katharina Franck, Wilhelmine, Maren, Popette, Liedtke … da sind schon ein paar dabei. Aber das steht nicht im Vordergrund.

VSz: Vielleicht darum, das ganze Spektrum von Frausein zu zeigen?

FK: Ja, tatsächlich. Unsere Frontfrau Georgette Dee ist jedes Jahr dabei. Dass wir also einerseits die verschiedenen Spielarten von Weiblichkeit mit einbeziehen, andererseits aber grundsätzlich auch diejenigen … also, wir zeigen jetzt die Benachteiligungen von Frauen auf, und unter den Frauen sind die Lesben dann noch mal besonders benachteiligt. Wenn du irgendwo als Frau nicht genommen wirst, wirst du erst recht nicht genommen, wenn du eine lesbische Frau bist. Sagen wir, sehr negativ ausgedrückt, mal so: Frau sein ist schon genug, aber Lesbe sein ist ja nun wirklich noch mal … ja, so. Und innerhalb der queeren Community ist es ja tatsächlich so, dass da die Lesben …

VSz: … marginalisiert sind?

FK: Nee, eben genau im Gegenteil, seit geraumer Zeit versuchen, dagegen anzugehen. Weil das ja tatsächlich eine lange Zeit … Es hieß ja auch immer „die Schwulen“, erst später „die schwul-lesbische Bewegung“ mit dem „schwul“ vorne …

VSz: Weil die Lesben ja auch keiner wirklich ernst genommen hat. Wenn sich zwei Frauen auf der Straße küssen, war das eher so, na, lass sie doch!

FK: Genau. „Das ist ja irgendwie ganz niedlich!“ Oder die Männer fanden es vielleicht sogar ganz … schick … und meinten, macht mal weiter … Genau. Und das ist, denke ich mal, auch das Anliegen der Siegessäule, durch der Stärkung der Frauen sozusagen auch die lesbische Bewegung mitzustärken.

VSz: Wir sprachen vorhin kurz davon: Der Frauensommer geht jetzt schon in die fünfte Runde. Wie ist eigentlich die bisherige Resonanz?

FK: Die ist sehr, sehr gut. Die ist aber auch sehr unterschiedlich. Sagen wir mal so: Es gibt die Resonanz, und es gibt den Besuch, da kommt es darauf an. Diese wahnsinnig heißen Perioden sind ein bisschen schwieriger. Aber die Resonanz war von Anfang an wirklich gut. Tatsächlich vielleicht auch besser, als ich erstmal befürchtet hatte. Ich bin als Veranstalterin immer so ein bisschen zweckpessimistisch, vorsichtshalber … Aber tatsächlich wurde der Frauensommer von den Medien, vom Publikum, von der Öffentlichkeit von Anfang an wirklich gut angenommen. Wir haben wirklich viel Echo, auch hier im Gästebuch. Oder von Menschen, die einen abends ansprechen. Es gab immer wieder Leute, die gesagt haben, toll, ist ja super, und es gibt auch relativ häufig diese etwas erstaunte Nachfrage, was, tatsächlich, ihr macht den ganzen Sommer nur Frauen? Und das ist es, was mich immer wieder bestärkt: Ja, es ist offenbar immer noch nötig! Und es wird sich sehr viel gefreut und, was ich besonders toll finde ist, dass insbesondere bei diesen musikalischen Programmen sich neue Netzwerke entspinnen. Dass dadurch, dass wir Frauen in dieser Reihe in der Reihe North-Lichter, dann aber auch innerhalb des Sommers in anderen Programmen, zusammenstecken oder sagen, wollt ihr nicht mal ein Programm zusammen machen, oder auch, dass sie sich von alleine kennenlernen, dadurch, dass sie alle hier spielen, und anfangen, gemeinsam Programme zu entwickeln, sich gegenseitig bei ihren Konzerten zu besuchen …

VSz: Stimmt, zum Beispiel die North-Lichter-Keyboarderin Yasmin Hadisubrata, die wird dieses Wochenende an drei Abenden in Lisa Bassenges Band Micatone im A-Trane zu hören sein!

FK: Ja, solche Geschichten. Das hab ich mittlerweile auch innerhalb der letzten fünf Jahre festgestellt, dass ich irgendwo zum Konzert gehe und sehe, ach, wie lustig! Da spielt ja jetzt die Bassistin von X mit! Das sind genau diese Dinge, die daraus entstehen. Da entsteht wirklich eine … eine …

VSz: Synergie?

FK: Eine Synergie und vor allem ein … also, konkurrenzfrei möchte ich jetzt nicht sagen, das wäre wahrscheinlich ein bisschen naiv, aber ein … ein konkurrenzarmes Unterstützungsnetzwerk. Die freuen sich aneinander, die spielen miteinander, die entwickeln gemeinsam neue Ideen und haben nicht diesen Gedanken – oder der Gedanke ist, so wie ich das beobachte, sehr wenig vorhanden: Ich will jetzt lieber auf die Bühne als sie, ich kann das besser oder was weiß ich, sondern dass wirklich dieser Synergiegedanke und dieser Wir-stärken-uns-gegenseitig-Gedanke sehr, sehr stark im Vordergrund ist. Und dieses Wir-sind-hier-nur-Frauen-Thema gar nicht diesen negativen Grundton hat, gar kein: Hier dürfen keine Männer rein, wir machen das jetzt alleine, sondern: Wow, wie toll ist das, wenn man plötzlich mit lauter Frauen auf der Bühne ist und gar keine Männer dabei sind! Das hören wir bei den North-Lichtern jeden Abend, dass sie das sagen …

VSz: Wobei die ja Benny haben!

FK: Ja, der ist da immer „der Benny“. Da sind die vielen Frauen und der Benny! Aber er ist dann eben wirklich der einzige unter sieben oder acht Frauen. Es gibt auch … Wir machen diese Ausschlussverfahren nicht. Wenn Maren Kroymann mit ihrer Männerband kommt, dann kommt sie mit ihrer Männerband, da muss sie sich keine Frauenband anschaffen. Es geht uns darum, den Frauen den Platz in der Mitte zu geben, den Frontplatz, und schon Bands, die hauptsächlich aus Frauen bestehen … Also, wären das jetzt alles Männerbands mit einer Frontsängerin, dann wäre das jetzt auch suboptimal. Aber so? Und da entsteht dann auch die Einsicht, dass Frauen feststellen, ich muss nicht immer eine Band aus Jungs haben und nur vorn am Mikro stehen, sondern hier entsteht was Neues, das hat eine andere Atmosphäre, es ist eine andere Kreativität …

VSz: Es ist eine andere Art zu arbeiten.

FK: Genau, es ist eine ganz andere Art, wenn Frau nur mit Frauen zusammenarbeitet. Und das sind, meine ich, auch alles Dinge, die sich tatsächlich dadurch entwickeln.

VSz: Das heißt, hinter dem Frauensommer steckt gar nicht nur dieser schöne Gedanke, wir geben den Frauen eine Plattform, um sie sichtbar zu machen, sondern dieser Gedanke hat praktische Konsequenzen.

FK: Richtig. Und das ist etwas, das ich als einen ganz wichtigen, ganz großen Punkt innerhalb dieses Frauensommers ansehe. Wir sind ja keine wissenschaftliche Einrichtung, wir sind keine Universität, unser Hauptanliegen ist es nicht, den Menschen Botschaften zu übermitteln, sondern wir wollen ihnen gute Kunst präsentieren, wir wollen ihnen gute Unterhaltung – die natürlich auch zum Nachdenken anregt, aber die Unterhaltung steht schon im Vordergrund – präsentieren. Und um gute oder, sagen wir mal, konsistent qualitativ gute Kunst, intelligente Kunst herzustellen, braucht man Menschen, mit denen man kreativ sein kann. Und das ist, finde ich, unsere Aufgabe: So etwas zu zeigen. Und es natürlich auch selbst herzustellen oder zumindest die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass es entsteht. Und wenn so etwas entsteht, ist das natürlich auch für uns Motivation, weiter zu machen!

VSz: Zum Abschluss noch mal auf das Publikum geguckt: Warum sollen auch Männer zum Frauensommer gehen?

FK: Also, zum einen: Ich sage nicht, es sollen auch Männer kommen oder es dürfen auch Männer kommen – es darf jeder kommen, der kommen möchte. Es darf jeder und jede kommen. Ich finde ein Ausschlussverfahren grundsätzlich … Also, es gibt natürlich wenige Ausnahmen, aber grundsätzlich würde ich sagen, ich schließe niemanden aus. Es wird Kunst gezeigt, und jeder, der sie sehen möchte, darf sich eine Karte kaufen und sich das anschauen. Ich finde es sehr, sehr gut, wenn auch Männer dasitzen und feststellen, dass eine Bühne voller Frauen großartig unterhaltsam, klug, lustig, sexy – und zwar nicht unbedingt heteronormativ sexy – sein kann, gegebenenfalls, sehr wahrscheinlich und hier glaub ich in vielen Fällen intelligent-sexy, also geistig sexy plus sexy-sexy. Ich gestehe auch Männern eine Lernfähigkeit zu und deshalb denke ich, sollten die ruhig herkommen und schauen – und ich gönne ihnen auch den Spaß der Unterhaltung.

VSz: Das nehm ich als Abschlusswort und bedanke mich ganz herzlich.

Der Frauensommer in der aktuellen zitty.

trackback Kopiere die Trackback-URL

Kommentar schreiben

Textfeld » kleiner · größer

backtotop