29. Oktober 2019

„Es gibt keine Geheimnisse.“ Jazz-Bassist und Improvisationslehrer Frank Herzberg kommt für drei Workshops nach Deutschland

Filed under: Klangblog — VSz | Klangverführer @ 19:02

Der vor zweiundzwanzig Jahren nach São Paulo ausgewanderte Bassist Frank Herzberg kommt im November in seine alte Heimat. Im Gepäck: drei Workshops für Musiker, Sänger, Musiklehrer, Studenten und andere Interessierte, die sich der Improvisation annähern wollen.

Via Skype habe ich mit dem Wahl-Brasilianer darüber gesprochen, welche Geheimnisse er der Jazz-Improvisation entlocken möchte, warum Musiker heutzutage kaum noch Musik hören und was es mit einem „fixed Kodály“ auf sich hat.*

VSz: Wir hatten uns zuletzt im Sommer 2013 gesprochen, als du das Debütalbum deines Trios herausgebracht hast. Seitdem hast du dich mehr aufs Unterrichten konzentriert und kommst diesen November mit Workshops nach Deutschland. Worum geht es da, was erwartet die Teilnehmer?

FH: Es ist so, dass ich schon seit mehr als zwanzig Jahren unterrichte und der Unterricht immer Teil meines Berufs war. Dabei habe ich mich auf Jazz-Improvisation spezialisiert und so nach und nach – durch die ganzen Erfahrungen, die ich selbst machen musste: dass man sich schnell verloren fühlt auf diesem Gebiet, das ist ein so weites Feld, und dass es schwer wird, eine Linie zu finden, wie man Sachen denn lernen könnte – dazu gekommen, jemand zu sein, der die Leute orientiert, welche Übungen in welcher Reihenfolge sie studieren sollten. Und dadurch, dass ich das nun schon seit zwanzig Jahren mache, haben sich da ganz gute Sachen herauskristallisiert, Sachen, die gut funktionieren. Gerade, weil ich dabei auch persönlich sehen kann, was die Leute spielen können, was sie verstehen und was sie nicht verstehen, und ihnen dann so ein bisschen eine Linie vorgeben kann.

VSz: Warum ist gerade die Improvisation Kernmoment deines Unterrichts?

FH: Nun, ich habe klassische Musik studiert. Und das war mir immer zu vorgegeben, zu starr: Da hat man so seine Technik studiert und hatte da ein Buch vor sich zu liegen und Noten vor sich zu liegen und studiert, was da steht. Jazz war für mich immer interessanter, weil die momentane Kreation eine Herausforderung ist, die mir für einen Musiker reizvoller scheint.

VSz: Jazz als eine Musik, die im Moment entsteht.

FH: Genau!

VSz: Der Workshop heißt „Improvisation ohne Geheimnisse“. Welche Geheimnisse willst du der Improvisation denn entreißen?

FH: Der Name ist dadurch entstanden, dass – gerade hier in Brasilien – die Leute alle sehr computeraffin sind und die Online-Workshops und -Kurse explodieren. Und die haben dann alle Titel wie „Fünf Geheimnisse, wie du in drei Minuten besser spielst“ oder „Drei Geheimnisse, damit du morgen Englisch sprichst“ (lacht). Und ich finde das immer so albern, denn eigentlich gibt es keine Geheimnisse. Es gibt dann auch tatsächlich Kurse, die heißen „Die Geheimnisse der Improvisation“ – einfach, um die Leute zu interessieren. Dabei gibt es bei der Improvisation im Grunde keine Geheimnisse. Vielmehr ist es so, dass es zu neunzig Prozent Ausdauer und viel Fleiß ist. Sicherlich gibt es Leute, die eine schnelle Auffassungsgabe haben und die Sachen schneller lernen, aber gerade über die Zeit habe ich … Ich habe Schüler, die zum Beispiel schon fünfzehn Jahre mit mir studieren. Und da ist es oft so, dass Leute kommen, die extrem begabt sind und die Sachen auch schnell lernen. Trotzdem ist es mit der Improvisation so wie mit dem Marathonlaufen: Man muss eben eine bestimmte Zeit trainieren, damit man irgendwann diese gut vierzig Kilometer am Stück rennen kann! Improvisation hat genau diesen Aspekt: Man muss wirklich den Prozess mögen, um da auch erfolgreich zu sein.

VSz: Den Weg als Ziel, sozusagen.

FH: Ja. Denn die Leute, die sich schnell anfangen zu langweilen, die ziehen das auch nicht durch. Während andere, mit denen ich wirklich länger an Sachen arbeite, irgendwann auch wirklich verstehen – und dann trägt das Ganze Früchte.

VSz: Auch, wenn es dir nicht um ein Patentrezept, sondern eher den Prozess geht – eine Methode steckt ja trotzdem dahinter. Die beruht auf Solfège, um Musik schneller zu mentalisieren … Kannst du das etwas näher erklären?

FH: Das ist eine Sache, die ich in dieser Art noch niemanden habe machen sehen, obwohl es Solfège schon sehr lange gibt. Ich habe da so ein Trauma-Erlebnis … Als ich an die Hochschule in Berlin gekommen bin, bin ich in eine Musiktheorie-Klasse geraten, wo alle von der Spezialschule kamen, die hatten also alle seit zehn Jahren, fünfzehn Jahren zum Teil Solfège-Unterricht. Und dann sagte der Lehrer, Herr Altmann – der war noch ein Zeitgenosse von Hindemith, der war damals schon weit über achtzig, als ich bei ihm Unterricht hatte – der hatte die Klasse schon jahrelang trainiert, und er sagte also, wir singen jetzt diese Musik in dieser Tonart, danach singen wir sie einen halben Ton höher, aber in … menor.

VSz: In Moll.

FH: In Moll, genau! (lacht) Das muss ich echt trainieren, wenn ich den Kurs in Deutsch geben will …

VSz: Ich glaube, Jazzer sind in Englisch ganz firm. Mit Portugiesisch wird es da schon schwieriger …

FH: Eben drum! Ich meine, Solfège ist okay. Ich benutze das Kodály-Solfège, das kennen eigentlich die meisten.

VSz: Die Methode von Kodály hatte ja zum Ziel, das Singen vom Blatt und die Fähigkeit, eine Melodie nach Gehör niederschreiben zu können, zu trainieren … Du benutzt Solfège hier synonym zu Solmisation?

FH: Ja, do-re-mi-fa-so-la-ti-do, die relativ für die Töne jeglicher Dur-Tonleiter stehen. Nur ist es so, dass ich damit ganz lange gehadert habe. Die meisten Leute, wenn sie Musik studieren, können mit Solfège nichts anfangen und finden das völlig doof. Ich hatte aber Glück, schon an der Berliner Hochschule bei einem Lehrer studiert zu haben, der Solist an der Deutschen Oper war und dadurch viele Solokonzerte gespielt hat, der hat Konzerte über zweieinhalb Stunden auswendig gespielt. Und dann gab es da – ein anderes Trauma von mir – diese monatlichen Vorspiele, das heißt, man musste jeden Monat an der Hochschule ein Konzert spielen, und zwar auswendig. Und wenn man sich an einer bestimmten Stelle verspielte, musste man von vorn anfangen, das war natürlich immer unheimlich peinlich. Jedenfalls hatte mich mein Lehrer gefragt, wie ich die Stücke überhaupt lernen würde, und ich hab geantwortet, ich spiele sie so lange, bis ich sie in den Fingern habe. Er meinte: Probier es doch andersrum, lern doch erst die Musik auswendig und spiel sie erst dann auf dem Instrument, wenn du Note für Note weißt, was jetzt kommt. Dann ist Verspielen egal, denn die Finger machen es trotzdem richtig. Ich habe dann angefangen, es zu probieren und war erstaunt, dass das wirklich geht, dass du Musik im Grunde vom Notentext her lernen kannst. Ich habe das dann benutzt, um Jazz-Standards zu lernen, um Progressionen zu lernen – und zwar immer ein bisschen parallel zu meinem eigentlichen Üben. So erklärte ich auch meinen Schülern, wie sie ihre Songs schnell auswendig lernen können und nicht mehr lesen müssen – aber es war eben ein Prozess, der parallel zum eigentlichen Üben lief.

VSz: Also doppelter Zeitaufwand!

FH: Ja, und darum habe ich mir gesagt, eigentlich könnte man ja alles, was man übt, auch ständig solfègen. Natürlich ist das für Bläser ein bisschen schwieriger als für Saiteninstrumente …

VSz: Ich stelle es mir eigentlich für Melodieinstrumente viel einfacher vor als für Harmonieinstrumente. Wie willst du Harmonien solfègen?

FH: Ja, aber selbst da! Selbst für Klavier oder Gitarre gibt es eine Methode, die Harmonien zur gleichen Zeit mitzudenken. Meistens ist es ja so, dass man auch die Progression lernt, die Arpeggios lernt … Da gibt es eine Methode, wie man das verlinken kann. Ich habe jedenfalls eine lange Zeit überlegt, welches Solfège am besten funktioniert, denn komischerweise gibt es kein Solfège, das wirklich perfekt ist. Kodály hat es so gedacht, dass man das Solfège als movable do hat, dass das „do“, die Grundnote, immer mitwandert, ob sie jetzt absolut auf C fällt oder auf F, sie heißt immer „do“. So wird das auch in Berklee unterrichtet.

VSz: Relative Solmisation.

FH: Ja. Der Vorteil ist: Für Sänger ist das toll! Wenn man jetzt aber ein Instrument spielt, muss man immer transponieren. Wenn F „do“ ist, muss ich also immer F denken, damit es „do“ ist. Das ist ein Prozess, der nicht immer so schnell geht. Darum habe ich das Kodály-System als eine Art „fixed Kodály“ festgesetzt: Hier ist C immer do. Das funktioniert ganz gut. Es gibt einige kleine Sachen, wo man das anpassen muss, aber ansonsten funktioniert das recht gut.

VSz: Also absolute Solmisation.

FH: Ja. Und bei mir solfègen dann die Leute, ob sie jetzt Arpeggios oder was auch immer üben, das mit. Die Bläser deuten dabei mit den Fingern die Position auf dem Instrument an, das heißt, beim Saxophon zum Beispiel werden die Klappen während des Silbensingens gedrückt. Das hat den Vorteil, dass man sehr bald auch viel besser hört.

VSz: Muss man eine musiktheoretische Ausbildung haben, um am Workshop teilnehmen zu können?

FH: Man sollte eine grundsätzliche Vorstellung darüber haben, wie sich eine Tonleiter aufbaut. Aber ich habe völlig unterschiedliche Schüler: Ein Teil kommt aus Orchestern mit einer sehr umfangreichen Vorbildung, zum Teil habe ich aber auch Anfänger. Es ist interessant, wie die Musik erfahren! Für mich ist das eine Herausforderung, weil ich so ständig justieren muss, was ich den Leuten gebe. Das gilt auch für professionelle Musiker, denn jeder von denen hat eine andere Empfindung, wenn er Musik hört, was er aus dem Sound entziffert.

VSz: Das heißt, es gibt keine konkrete Zielgruppe, die du mit dem Workshop ansprichst?

FH: Im Grunde nicht. Er ist offen für alle Instrumente. Die Methode funktioniert sowohl für Musiker, die professionell arbeiten, als auch für Leute, die relativ am Anfang stehen. Sie sollten aber alle ihr Instrument einigermaßen spielen können.

VSz: Du sagst, der Weg zur Improvisation ist ein langer Prozess. Nun dauert der Workshop ja nur vier Stunden. Was nimmt man daraus mit?

FH: Ich baue auf der Jazzgeschichte auf und erkläre aus ihr heraus, weshalb ich denke, dass man mit bestimmten Übungen anfangen sollte. Diese Übungen erkläre ich und singe dann auch viel mit den Schülern, bevor wir spielen, und dann klettere ich den Jazz-Stammbaum hoch, um zu erklären, was sich beispielsweise beim Swing geändert hat, was beim Bebop, was danach beim Hard-Bop und so fort. Es geht um die grundlegenden Ideen, die in der Jazzgeschichte passiert sind. Ich übe relativ wenige Übungen – aber die in allen Tonarten! Und ich erkläre, was man sich im Übungsalltag zurechtlegen sollte.

VSz: Also eine Art Hilfe zur Selbsthilfe für den Übungsalltag.

FH: Genau.

VSz: Du sprichst aber auch Multiplikatoren an, also Leute, die selbst Musik unterrichten.

FH: Ja, das ist interessant, denn wenn man selbst Unterricht gibt, gibt es bestimmte Sachen, an denen man hängenbleibt, wo man zum Beispiel denkt, Mensch, wie arbeite ich denn mit dem Schüler mit einem Metronom. Diese Leute will ich dazu bringen, meine Methoden in ihrem Unterricht kreativ zu benutzen – man kann mit einem Metronom so viele Sachen machen! Oder, wie erkläre ich die Arpeggios, wie kann ich die übers Instrument verteilen, wie benutze ich Solfège und so. Ich habe Schüler, die schon seit längerer Zeit Kinder unterrichten und die Kinder auch alles solfègen lassen, und es lässt sich beobachten, wie das alles jetzt so langsam seine Bahnen zieht …

VSz: Du hast drei Workshop-Termine, Nürnberg, Berlin …

FH: Ja, ich bin am 9. November in Nürnberg, am 16. in Berlin und am 23. in Hamburg.

VSz: Warum soll man sich unbedingt anmelden?

FH: Ich denke, dass ich eine durch lange Erfahrung ausgereifte Methodik entwickelt habe, aus der man sich bestimmte Punkte für seinen Übungsalltag herausziehen kann, mit denen es sich für eine lange Zeit arbeiten lässt. Und weil man damit bestimmt auch schneller Erfolg hat, als wenn man sich die Ideen einfach nur im Internet ansieht und denkt, ach, das werde ich auch mal üben. Das Problem heutzutage ist diese Flut an Informationen: Es gibt unheimlich viele gute Sachen, aber die Schüler können meistens nicht einschätzen, was davon für sie funktioniert.

VSz: Heutzutage ist also nicht das Finden der Informationen das Problem, sondern das Filtern, wo du als eine Art Gatekeeper ins Spiel kommst …

FH: Genau. Und durch diese Allverfügbarkeit haben wir es auch mit einer neuen Transparenz zu tun, wo alle Leute freiweg erklären, was sie machen. Das war früher ganz anders. Da gab es viele Klarinettisten oder Trompeter, die sich ein weißes Tuch über die Hand legten, damit die anderen die Fingersätze nicht sehen konnten! Zu Beginn des Jazz war das weit verbreitet. Und bis in die Siebziger, Achtziger gab es eine Kultur mit dem Tenor, mach mal selber, du kriegst das schon irgendwie hin! Erst durch die Akademisierung der Musik kam es dazu, dass man mit einem Mal alles erklärt bekam, was aber auch die Musik in gewisser Weise etwas von der Quelle des Musikhörens entfernt hat. Musiker hören heutzutage ganz wenig Musik. Früher war die einzige Quelle, die man hatte, das Hören: eine LP oder diese kleinen 78er-Platten. Die wurden bis zum Getno gehört, oder man ist zu Live-Sachen gegangen und hat so gelernt. Dabei ist es auch heute so wichtig, dass man viel hört! YouTube ist da beispielsweise ein tolles Hilfsmittel. Ich arbeite auch viel damit, dass Leute Transkriptionen von YouTube-Videos machen müssen. Dass sie auf eine bestimmte Weise hören müssen, dann mitsingen, dann die Musik ausmachen und nachsingen – es gibt so viele gute Aufnahmen, die man da auschecken kann, was früher gar nicht machbar war.

VSz: Transkribieren müssen deine Schüler in den November-Workshops aber nicht, oder?

FH: Nein. (lacht)

VSz: Gibt es noch etwas, das die potenziellen Schüler der Deutschland-Workshops unbedingt wissen sollten?

FH: Ich habe speziell für diese Workshops ein PayPal-System auf meiner Webseite installiert, aber einige haben mir schon gesagt, dass sie sich damit nicht auskennen. Die können mir gern einfach unter frankherzberg@gmail.com eine E-Mail schicken, wir finden dann einen anderen Weg.

VSz: Und man muss schnell sein, denn die Plätze sind limitiert, oder?

FH: Ja, denn wenn die Gruppen zu groß werden, ist es meistens schwierig, das wirklich zusammenzuhalten. Bis fünfzehn Leute ist okay, da kann ich dann auch mit jedem Einzelnen arbeiten.

Zur Anmeldung geht es unter http://frankherzberg.com/workshop-germany-november-2019

*Disclaimer: Ich habe den deutschen Text der Homepage von Frank Herzberg geschrieben und werde auch selbst am Berlin-Workshop teilnehmen.


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