18. November 2010

Mädchenmusik:
Fredrika Stahl spielt im Berliner Frannz Club –
eine Klangverführer-Konzertkritik

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 13:06

Auf Fredrika Stahls gestriges Konzert im Frannz Club habe ich mich lange gefreut – schließlich hat mich ihr aktuelles Album Sweep Me Away schlichtweg begeistert. Obwohl ich es als eher soulig im Hinterkopf gespeichert habe, wähnte ich mich in den ersten Momenten von Stahls ebenso charmantem wie eigenwilligen Auftritt eher bei Agnes Obel oder Alev Lenz – so langsam kann ich die blonden, schlanken, klavierspielenden Pop-Jazz-Elfen nicht mehr auseinander halten! Und wie diese auch, ist Fredrika Stahl nicht nur überirdisch schön, sondern verfügt auch über eine außergewöhnliche musikalische Begabung und eine phantastische Gedankenwelt, die sie in gekonnt in Songform gießt.

Der Abend wird eröffnet mit dem Titeltrack Sweep Me Away, einer folk-rockigen Pilgerfahrt mit keltischen Anklängen, die auf gewaltige Naturbildsprache von Sinken und Morast, Sternen und Flut sowie – auf dem Album – geballte Streicherkraft setzt. Heute allerdings gibt es die Platte unplugged. Ein Roland RD-700, eine Akustikgitarre, eine Loopstation und das unvermeidliche Mac-Book – mehr braucht es nicht, um uns heute Abend glücklich zu machen. In dieser akustischen Version klängen die Songs beinahe so wie zu dem Zeitpunkt, als sie sie geschrieben hat, vertraut Fredrika Stahl ihrem Publikum an.

Bei allen Gemeinsamkeiten mit den Storytelling Pianoplaying Fräuleins dieser Welt soll sich aber noch während des allerersten Songs herausstellen, dass Stahl die um Klassen bessere Vokalistin ist, die mehr als nur die hauchige Jungmädchennummer drauf hat und bei Bedarf ihre Töne mit einer Kraft ins Publikum schicken kann, die man dem zarten Körper gar nicht zutraut. So gerät auch das von mir als arg glatter Ausreißer des Albums empfundene Altered Lens live zum Bravourstück der Sängerin, gefolgt von Fast Moving Train, das live wenig von seiner ursprünglichen Verträumtheit hat, sondern vielmehr augenzwinkernd mit dem Publikum schäkert und flirtet.

Überhaupt hat Fredrika Stahl ihr Publikum mit ihrer bezaubernd koketten und dennoch natürlichen Art fest im Griff. Sie erzählt die Anekdote des sich quälenden Künstlers, der versucht, seine Emotionen, die natürlich einzigartig und neu sind, so wahrhaftig wie möglich nach außen zu transportieren – und beim Anblick des fertigen Kunstwerks feststellen muss, dass es zum größten Klischee je geraten ist. Hiervon handelt A Drop In The Sea: Believed I was different like you believed you were too/Believing was a way to make it through … Letzten Endes, so die Künstlerin, sind wir Menschen uns wohl alle ähnlicher als wir glauben, und auch unsere tiefsten Gedanken, Gefühle und Geheimnisse hat schon jemand vor uns gedacht, gefühlt und verborgen. Das kann man jetzt tröstlich finden oder eben resigniert feststellen, dass man selbst nur eine Tropfen im Ozean ist.

Song Of July, eine Bossa Nova-inspirierte Nummer um barking dogs and unkissed frogs wird mit einer weiteren Anekdote eingeleitet. Fredrika Stahl ist eine in Paris lebende Schwedin, und sie mag Paris, es sei sehr inspirierend – doch zum Songschreiben müsse sie jedes Mal wieder nach Schweden zurück gehen, es sei einfach ruhiger. Nun, als sie vorigen Sommer die Demos von Sweep Me Away aufgenommen habe – übrigens nachts, denn tagsüber würde man zu sehr abgelenkt werden – gab es in Schweden einen Vogel vor ihrem Fenster, der ununterbrochen sang. Auch in den Nächten, denn die seien im schwedischen Sommer auch hell. Jedenfalls war es auf fast jedem Demo zu hören und Stahl einem Nervenzusammenbruch nahe – bis auf einen Song, wo er ihrer Meinung nach eine wirklich gute Stelle für seinen Gesang abgepasst hatte. Sie entschied sich, ihn auf der Aufnahme zu lassen. Der Vogel bekam den Namen „Sune from Helsingborg“ und ist auch in den Credits des Albums aufgelistet. Wir im Frannz Club konnten Sune mittels Sample lauschen.

In My Head wird gefolgt von einem französisch-sprachigen Song, der – natürlich – ein Liebeslied sei, das klänge auf französisch einfach besser als auf schwedisch! Stahl vermutet (in meinem Falle durchaus zu Recht), dass unser Französisch ähnlich gut ist wie ihr Deutsch; und tatsächlich habe ich kein Wort verstanden, aber es war wunderschön.

Aber jetzt! Wir kommen zu einem Song, der wohl etwas aus der Reihe der Stahl’schen Kompositionen fällt, was daran liegt, dass hier zuerst die Musik und dann der Text entstanden ist. Normalerweise schreibt Fredrika Stahl zuerst den Text und vertont diesen dann. Hier aber habe sie bereits die Melodie gehabt und das Demo mit unsinnigem Platzhaltertext aufgenommen, nur um festzustellen, dass das irgendwo durchaus einen Sinn ergibt. Es habe sie an ein Kindheitserlebnis erinnert. Sie war drei oder vier und schrecklich verliebt in einen Fünfjährigen. Der versprach ihr, sie am nächsten Tag mit seiner Rakete auf eine Reise nach China mitzunehmen. Nun, jedenfalls habe sie am Abend zu Hause ihre Sachen gepackt, ihre amüsierte Mutter hätte ihr sogar Reiseproviant vorbereitet, doch am nächsten Morgen stand ihr strahlender Held mitnichten mit einer Rakete vor ihrer Tür. Stattdessen musste sie wieder in die Vorschule gehen. Auf ihre enttäuschte Frage entgegnete der Angebetete, das Wetter sei zu schlecht. Aber am nächsten Morgen werde man garantiert aufbrechen. Wieder Kofferpacken, wieder Proviant vorbereiten. Doch auch am nächsten Tag keine Raketenfahrt nach China. Dies wiederholte sich noch einige Male, bis die kleine Fredrika ihre Lektion gelernt hatte: And I know that you would do the same/Same rules for both parts of the game Aus dem Rocket Trip To China wurde auf der Platte aus Gründen der Logik allerdings der Rocket Trip To Mars. Und endlich kommt dem Gitarristen auch mehr als eine nur dekorative Rolle zu!

Einer der einzigen beiden Songs des Abends, die nicht aus Stahls Feder stammen, ist eine Cover Version von Folk-Sänger James Taylor, den Fredrika Stahl früher oft gehört hat. Ich kann damit wenig anfangen, aber das kann auch an mir liegen. Für mich das das Lied keinerlei persönliche Bedeutung. Hiernach endlich What If?, von Fredrika Stahls Vater als „typischer Girl-Song“ bezeichnet, zickig, kokett und in der Schnelle der Silbenabfolge schon fast ein Rap. irgendwo zwischen ätschibätsch und fang-mich-wenn-du kannst:

 

What if I told you that I did it again
That I accidentally cheated on you with your best friend
What if I say he’s so much better than you
That I have to hold him prisoner the whole night through
I didn’t say I did, so don’t think I would do
But if I did do, then what would you do

What if I told you that I lied from the start
That I don’t actually have a master in modern art
What if I told you that I can’t stand your mum
That I think your brother’s hot and your sister’s dumb
I didn’t say I did, so don’t think I would do
But if I did do, are we through

What if I told you Rose is not my real name
That I find your nose crooked and your joke lame
What if I told you that I was in it for the money
That I just can’t stand it when you call me honey-bunny
I didn’t say I did, so don’t think I would do
But if I did do, would it be me and you

Don’t just stand there, did you hear what I just said
Yell or cry, hit me hard in the head
You’re the one who should be angry
Yet I’m the one pulling my hair
So won’t you just please show that you care
That doesn’t mean I do

What if I told you I set your car on fire
‘Cause you didn’t react when I slashed all your tires
What if I say I never went to that shrink
‘Cause I solve all my problems by poisoning your drinks
I didn’t say I did so, don’t you think I would do
But since I did do…well I guess you’re through

Don’t just lie there, did you hear what I just said
Shout or cry or I’ll hit you hard in the head
You’re the one who should be angry yet I’m the one pulling my hair
So won’t you just please show that you care
That doesn’t mean I do
There’s no more me and you

 

Die Überraschung kommt nach den drei ersten na-na-na-na-naaa-naaaa-Strophen, als das Kinderlied in einer Guano Apes-artigen Alternativ/Cross Over-Refrain wechselt und Stahl sich auch als formidable Indie-Rock-Sängerin erweist, die an Wut im Bauch einer Skin von Skunk Anansie in nichts nach steht.

Mit drei weiteren Songs, darunter She & I und So High (My head is spinning around/And there’s no exit to be found) endet das Set nach genau sechzig Minuten. Als erste Zugabe gibt es eine Fredrika-Version von Twinkle, Twinkle Little Star – natürlich benutz auch diese Sängerin eine Loopstation. Als ich einen solcherart erzeugten Vokaleffekt das erste Mal live gehört habe – das war bei Aziza Mustafa Zadeh –, war ich begeistert, und auch bei Martina Topley Bird hat mir eingeleuchtet, dass diese kleine Gerät Solokünstlern ermöglicht, mit sich selbst und doch als Chor aufzutreten. Mittlerweile nimmt der Gebrauch der Loopstation allerdings überhand. Man sollte mal eine Petition gegen die übermäßige Verwendung von Loopstationen durch Sänger im öffentlichen Raum aufsetzen, jawohl! Stahl muss man zugute halten, dass es das einzige Mal an dem Abend war, als sie sie benutzte. Und auch die Effekte vom Laptop hielten sich in dezenten Grenzen. Einmal hatte es sogar seinen großen Moment, als sich mit dem klassischen Hochfahr-Geräusch Windows bemerkbar machte. (Windows? Auf ’nem Mac? Früher war ein Mac ein Mac und ein PC ein PC. Heute kann man nicht einmal mehr diese Front aufmachen …) Auch ein Computer ist eben nur ein Haustier, das ab und an etwas Aufmerksamkeit braucht.

Als zweite und letzte Zugabe spielt Fredrika Stahl Fling On Boy, woraus die 25-Jährige und ihr Pariser Gitarrist eine Honkey Tonk-Nummer machen, die auch in Q’s Juke Joint gut aufgehoben wäre! Und endlich kommt auch der kühle Franzose an der Gitarre etwas aus sich heraus.

Am Ende des Abends hat Fredrika Stahl Songs ihres neuen Albums gespielt, bis auf meinen Liebling M.O.S.W.. Man kann nicht alles haben. Haben müssen Sie allerdings die CD. Denn: Solange es diese blonden, hochtalentierten Pop-Jazz-Elfen gibt, muss man sich keine Sorgen machen, dass die Musikwelt am Castingshow-Syndrom zugrunde geht.

2 Kommentare zu „Mädchenmusik:
Fredrika Stahl spielt im Berliner Frannz Club –
eine Klangverführer-Konzertkritik“


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