Tschüss, Puppe! Dominique Lacasa spielt – man weiß nur nicht, wen – klangverführer | Musik in Worte fassen

Tschüss, Puppe! Dominique Lacasa spielt – man weiß nur nicht, wen

Dass ich Duos aus weiblichem Gesang und männlichem Kontrabass von allen Musikformationen am liebsten mag, dürfte sich mittlerweile schon herumgesprochen haben. Man denke hier nur an Frau Contrabass oder Beady Belle! Und jetzt also auch Dominique Lacasa und Tobias Kabiersch. Vor allem Lacasa. Tochter von DDR-Schmusebarde Frank Schöbel und Sängerin Aurora Lacasa, hat darüber hinaus aber noch weitere Vorschusslorbeeren bei mir gut: Ich bin mit ihr ein oder zwei Jahre lang in die selbe Klasse gegangen, bevor ich mich entschloss, dem Wendenschlosser Gymnasium Good-Bye zu sagen und mein Glück am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium zu suchen. Mit Blick auf Lacasas Werdegang wäre das nicht nötig gewesen – auch Wendenschloss scheint Berufsmusiker hervorgebracht zu haben. Oder ihnen zumindest nicht allzu sehr im Weg gestanden zu haben.

Die Mädchen in der Zehnten jedenfalls haben Dominique Lacasa damals bewundert – und vielleicht auch ein bisschen beneidet. Sie hatte lange Locken und konnte Spagat. Lange Locken zumindest hat sie immer noch, doch anstatt von ihren sportlichen Qualitäten möchten wir uns heute Abend von den musikalischen überzeugen lassen. Ohne Make-up heißt das Programm sympathischerweise, und es verspricht, ein relaxter Abend zu werden. Ganz relaxed geht es dann auch mit einer etwas abseits am Bühnenrand im Schneidersitz sitzenden Lacasa los – allein, die zur Schau gestellte Entspanntheit will sich trotz Barfüßigkeit und Hippierock (Kleidungsstück. Nicht Musikstil.) nicht so recht einstellen und soll schon sehr bald einer aufgedrehten Hyperaktivität à la Duracellhäschen weichen. Heutzutage hat man für solche Fälle doch Ritalin! Lacasa aber hüpft und zappelt und läuft bald hier, bald dahin, quasselt ohne Ende, animiert das Publikum zum Mitmachen, läuft auch mal in die Zuschauermenge hinein – hat dabei aber stets den leicht über der Menge vorbeischauenden Blick des Profis. Ihre Interaktion ist einstudiert, ebenso die Ansagen, die spontan wirken sollen, es aber nicht tun. Hier ist alles auswendig gelernt, alles hundertprozentig durchchoreographiert, und damit genau das Gegenteil von locker – und vor allem das Gegenteil von Ohne Make-up. Dieses Programm ist komplett überschminkt. Schon ab dem ersten Lied nervt vor allem das Gequassel Lacasas, denn schließlich sind wir hier nicht zur Speaker’s Corner gekommen, sondern ins Konzert.

Vielleicht schlägt hier die Musical-Vergangenheit Lacasas durch, denn hier sitzt jede scheinbar beiläufige Geste: In welchem Winkel halte ich das Mikro und was mache ich in der Zwischenzeit mit dem Kabel? Mit viel gutem Willen könnte man das als routiniert bezeichnen. Recht eigentlich aber ist das Auftreten Lacasas einstudiert und aufgesetzt, was sich mit Jazz ungefähr genauso gut verträgt wie Vanessa Mae mit der klassischen Geige: Die kann das, sicher, aber niemand nimmt sie als Musikerin ernst. Denn wirklich musiziert wird an diesem Abend nicht.

Das ist umso bedauerlicher, als dass Bassist Tobias Kabiersch einer der besten ist, die ich in letzter Zeit gesehen bzw. gehört habe. Den fetten Fünfsaiter, den er da spielt, zweckentfremdet er mal ganz en passant als E-Gitarre; er kann aber auch Schlagzeug auf seinem Bass spielen. Nicht zuletzt gehört Kabiersch am Kontrabass zu jener seltenen Spezies unter den Jazz-Bassisten, die auch mit dem Bogen umgehen können. Konzentriert man sich ganz auf Kabiersch, kann man Lacasa dann auch sehr gut ausblenden, und je lauter sie wird, desto mehr verschwindet sie in der Wahrnehmung.

Das ist auch gut so, denn auch die Texte von Dominique Lacasa machen die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Sie mäandern irgendwo zwischen belanglos und pseudoemotional, sind ein permanentes Erbrechen von Introspektion; und Titel wie Alles, was ich in dir sehe erinnern am ehesten noch an die Lyrik einer Yvonne Catterfield. Und dann gibt es auch noch diese „engagierten“ Texte auf dem Niveau einer vom Weltverbesserungsgedanken ergriffenen 15-jährigen Waldorfschülerin. Die erwarte ich genau in diesem Rahmen – bei einem Schülerkonzert. Phrasen à la „es geht um jeden einzelnen Schritt“ bzw. „es beginnt bei mir/hinter meiner eigenen Tür“ aber haben auf einer erwachsenen Jazz-Pop-Bühne hingegen nichts verloren, auch wenn sie im Prinzip genau das selbe ausdrücken, was schon Michael Jackson mit Man In The Mirror meinte. Und es liegt nicht an der Sprache, dass es bei dem einen abgedroschen daher kommt, beim anderen aber nicht – den Lacasa wird uns auch noch ein englisches Lied zur Rettung des Waldes singen, und nein, Michael Jackson ist das immer noch nicht. Vielmehr weckt das begleitende Regenrohr Aggressionen. Ohnehin mochte ich es noch nie, wenn jemand mit seinem Engagement hausieren geht. Und Erzieherisches in Jazzkonzerten das ist, vorsichtig ausgedrückt, schwierig. Nicht zuletzt erinnert mich die ganze Attitüde ungut an FDJ-Singekreise, wo solch vorgeblich „kritischen“ Texte gefördert wurden.

Gegen die Musik an sich ist überhaupt nichts zu sagen, und auch nicht gegen den Gesang. Dominique Lacasa kann singen. Und sie kann auch Klavier spielen. Sie ist hoch professionell ausgebildet. Auch ihre Show ist perfekt – und genau daran krankt sie, denn perfekt bedeutet hier nichts anderes als seelenlos. Lacasa ist die perfekte Jazz-Barbie: Singt schön und sieht schön aus. Doch was nutzt die perfekte Barbie, wenn sie nicht Herz und Seele berührt? Überhaupt: Was nützt Musik dann?

Jenseits der Betroffenheitslyrik können Lacasa und Kabiersch allerdings so etwas wie einen gemeinsamen Zauber entfalten. Ein ganz schönes Stück ist beispielsweise der dritte Song des ersten Sets, Du – ein nahezu klassisches Soulstück, bei dem das Publikum einen du-du-du-Chor gibt, und das ebenso gut von Joss Stone oder Alicia Keys hätte stammen können. Und natürlich funktioniert die Animation des Publikums: Es hagelt frenetischen Beifall. Wie immer feiert das Publikum am liebsten sich selbst.

Das zweite Set lässt dann ahnen, wie es sein könnte, wenn man die ganze Aufgesetztheit abzieht. Zwar haben die Lieder immer noch nahpubertäre Texte. Aber zum ersten Mal entsteht so etwas wie echte musikalische Interaktion zwischen den beiden Musikern, und es tut den Songs gut, wenn Dominique Lacasa einfach auf der Klavierbank sitzt und singend ihre Geschichten erzählt.

Ich bin ich versteht es, zu überzeugen. Und scheinbar haben sich die beiden jetzt warm gespielt, denn auch das bossaesque Stück vom Tag am Meer ist überaus gelungen. Das gilt auch für das Lied vom ungekannten Meer, Auf hoher See. Hier kreieren Lacasa und Kabiersch eine ähnliche Atmosphäre, wie ich sie zuletzt bei Mara & David gehört habe; und obwohl Dominique Lacasa hier beweist, dass sie neben dem ansonsten hier präsentierten Gehauche und Ausgeatme auch eine unglaubliche Stimmresonanz erzeugen kann – Künstlerinnen wie Mara von Ferne können das im selben Genre allemal besser. Waren mir Mara & David immer viel zu akademisch, muss ich ihnen jetzt zugestehen: Lieber akademisch als aufgesetzt. Denn wirklich berührt haben mich auch die Songs des zweiten Sets nicht. Ich erfahre heute Abend nichts über Dominique Lacasa, sie versteckt sich hinter ihrer Bühnenpersönlichkeit, und keine halbe Sekunde lässt sie sich hinter die Maske blicken.

Der Rausschmeißer des Abends, Tschüss, Puppe, ist dann wieder so ein Mitschnipper, der hundertprozentig funktioniert – aber immerhin auch der erste Song des Abends, bei dem ich etwas fühle. Zunichte gemacht wird dieser Effekt allerdings schnell von dem kleinen blonden Mädchen mit Blumenstrauß, das jetzt in bester Samstagabendsunterhaltungsshowmanier auf die Bühne kommt. Mein böszüngiger Begleiter kommentierte: „Dieter Thomas Heck, wenn er schon tot wäre, würde im Grabe rotieren!“ Kitschiger konnte es nicht mehr kommen, dachte man da. Bis Lacasa mit der wieder einmal sehr engagierten Zugabe Save It („where is the forrest gone?“) noch einen drauf setzt und klar zeigt, weshalb das hier eben nicht Michael Jackson ist, sondern eher Maffay und Mandoki. Und Wendungen wie „Mother Earth“ will ich wirklich nie mehr in der Popmusik hören!

Die zweite Zugabe dann allerdings überrascht. Es ist ein Wiegenlied mit spanischem Text, und nicht nur passt das Spanische optimal zu Lacasas Stimme – auch nehme ich ihr die Mutterrolle von allen Rollen des Abends als einzige ab. Nicht die des sich von sozialen Konventionen emanzipierenden Individuums. Nicht die der Umweltaktivistin. Aber die der Mutter. Ich weiß nicht, ob Lacasa tatsächlich Mutter ist, und es tut hier auch nichts zur Sache. Hier jedenfalls ist sie ganz bei sich. Ansonsten bleibt zu dem Abend nur zu sagen: Furchtbar geiler Bassist.

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