18. Mai 2013

Schön, dass es so etwas gibt!

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 16:28

Treue Klangblog-Leser werden es kaum glauben, und auch ich würde mich damit schwertun, hätte ich nicht mit eigenen Ohren gehört, dass dieser empathische Ausruf, den ich mir nach meiner ersten Überraschung gleich mal für die Überschrift ausgeliehen habe, keinem Geringeren als Mr. Böse Zunge himself, sprich: Bassplayerman, entfahren ist.

Schuld daran war mal wieder der Bossa Nova, der gestern Nacht in Form von Louise Gold und dem Quarz Orchestra das üblicherweise harten Cow-a-billys vorbehaltene Bassy sanft überrollte, und das, obgleich der Abend irritierend genug begann, mit einem Barkeeper, der sich Sorgen um die Leber seiner Gäste machte, einem hirnerweichenden Siebziger-Jahre-Softporno-Marathon – sollte sich der Beginn des Konzertes doch um ungeplante anderthalb Stunden verschieben – auf der Clubwand, bei dem man autounfallgleich einfach nicht weggucken konnte, und einer, als es (kurz bevor man uns mit einer sicherlich exquisiten Auswahl aus der „Mexicana“-Reihe der hauseigenen Cinemathek beglücken wollte) gegen Mitternacht dann endlich losging, meinerseits völlig unerwarteten Bourlesque-Künstlerin als „Vorprogramm“, die sich letztlich jedoch nicht nur als ganz niedlich erweisen sollte, sondern auch ein tolles Beispiel dafür war, dass normal- bzw. nach heutigen Maßstäben leicht übergewichtige Frauen ebenfalls ein gerüttelt Maß an Sinnlichkeit versprühen können.

Da tut die unterkühlte Erotik von Louise Gold als Kontrast jedenfalls dringend Not – und gut. Denn dann endlich spielt man sich, trotz „kleiner“ Besetzung im Sextett, für die sich Hans Quarz im Vorfeld bestimmt dreimal – und obendrein völlig überflüssigerweise, denn seiner Posaune allein gelingt es, einen ganzen Bläsersatz zu kompensieren – entschuldigt hatte, bravourös durch einige der schönsten Stücke von Debut, lässt aber auch Altes und Brandneues hören. Völlig egal, ob Bossa Nova …

… Swing …

… oder der Umgebung angepasster Rockabilly – in diesem Falle: das Elvis-Cover That’s Alright, Mama mit Ukulelen-Begleitung und Retro-Gitarrensolo – …

… da stehen sechs Leute, die wissen, was sie tun. Ob nun Thibault Falk an den Tasten brilliert, Florian Segelke den Django Reinhardt gibt, Gold die spröde Diva mimt oder Quarz seine Musikerherde schäferhundgleich zusammenhält – das freut nichzt nur den Kritiker, sondern auch die feierwütige Meute, die wild tanzt. Bass und Schlagzeug sind in dem extrem dichten Bandsound stellenweise kaum als eigenständiger Beitrag auszumachen – und bereiten dem Ganzen doch den Boden. Das Erstaunlichste aber ist die Stimme von Louise Gold, denn live offenbart sich, dass ihr spezieller Klang nicht der Retro-Studiotechnik geschuldet ist. Dieser leicht angezerrte, klassisch-jazzige Sound, der eigentlich nur entsteht, wenn man in ein Bändchenmikrofon singt – der kommt bei Gold einfach so aus der Kehle, auch wenn sie ein strunznormales Shure SM58 vor dem Mund hat.

Damit meistert sie nicht nur souverän die Stücke, die eigentlich für die Tentett-Besetzung gedacht sind, wie beispielsweise Footloose Fancy-Free oder meine persönlichen Lieblinge Boys Are Heroes und – den hier hier leider ob eines übereifrigen Tänzers leicht verwackelten – Tillerman and Comrade

… sondern auch die große Ballade Hush! Hush! Sweet Baby, mit der ich mich anfänglich noch schwertat, die es aber mittlerweile ebenfalls in den Kreis meiner persönlichen Favoriten geschafft hat und deren Darbietung mich heute Nacht einmal mehr an die Opern-Version von Gershwins Summertime erinnert. Los wird man die Stücke ohnehin nicht mehr, denn wie schon bei der Platte tritt auch nach dem Konzert der Goldquarz-Effekt ein, dass man die Stücke noch die ganze Nacht über immer und immer wieder im Kopfrekorder abspielt.

Findet man dann zu Hause noch einen friedlich schlummernden, seinem Namen alle Ehre machenden Lina Liebhund vor, der sich nicht innenarchitektonisch betätigt, ja, nicht einmal das kleinste bisschen randaliert hat, während man ihn allein gelassen hat, dann kann man sich Bassplayerman nur aus vollem Herzen anschließen: Schön, dass es sowas gibt!


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