2. März 2016

Wir sind keine Pop-Produktion, die im Hintergrund Ableton Live laufen lässt. Egopusher im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 16:00

Üblicherweise nehmen Musiker ein Album auf und gehen dann auf Tournee. Egopusher, das Berlin-Zürcher Endzeitnoiseduo von Geiger Tobias Preisig und Schlagzeuger Alessandro Giannelli, gibt erst einmal hundert Konzerte, bevor es seine Musik reif für die Platte hält. Doch das Tandem, das alles live und analog spielt, setzt nicht nur ganz auf Slow Music, sondern vor allem auch auf musikalische Neugier jenseits sämtlicher Coolnessfragen, die es sich auch von seinem Publikum erhofft. Ich habe die beiden im Januar für ein Feature im JAZZthetik Magazin getroffen. Hier nun das ganze Gespräch.

Duo_Noir_-_Jazzthetik
März/April-Ausgabe JAZZthetik

Klangverführer: Erzählt doch erst einmal, wie ihr überhaupt zusammengefunden habt.

Alessandro: Wir sind beide aus Zürich, und als wir uns trafen, wohnten wir beide auch noch dort. Ich habe gewusst, wer Tobias ist, und Tobias hat gewusst, wer ich bin – wir hatten uns bis dahin nur nie richtig kennengelernt. Und dann haben wir 2012 zusammen in der Band von Dieter Meier gespielt, dem Sänger von Yellow, und gemerkt, dass es zwischen uns funkt, musikalisch und auch menschlich. So sind wir uns dann näher gekommen.

Tobias: Die Szene in Zürich ist ja relativ klein. Ich habe Alessandro zwei-, dreimal spielen gesehen und wusste immer, irgendwann müssen wir was zusammen machen! Als wir, weil wir viel zusammen Auto gefahren sind zu Konzerten, dann herausgefunden haben, dass es auch menschlich sehr spannend zwischen uns ist, hat sich schnell herausgestellt, dass wir uns zusammen der Herausforderung eines Duos stellen wollen.

Eines ungewöhnlich besetzten Duos! Wie ist die Idee entstanden, nur mit Schlagzeug und Geige Musik zu machen und sich nicht noch einen Pianisten oder wen auch immer in die Band zu holen?

Tobias: Genau das ist eben der Reiz! Etwas bisher Unerforschtes zu machen. Man nimmt einfach eine Geige und ein Schlagzeug und versucht, daraus Musik zu machen. Es ist zu einfach, einen Bassisten, eine Gitarristen, eben die Standardbesetzung zu nehmen und dann Musik zu machen. Wir wollten die Herausforderung, die sich aus der Frage ergibt, was passiert, wenn man unsere beiden Instrumente aufeinanderprallen lässt. Und die half uns, musikalisch neue Wege zu erforschen: Man dreht die Instrumentierung auf den Kopf und schaut, was passiert. Die Ursprungsidee ist, dass wir uns einfach musikalisch sehr mögen und denken, hey, lass uns zusammen Musik machen!

Alessandro: Es war im November 2013, als wir, bessergesagt, als Tobias die Anfrage für ein Konzert im Perla-Mode, einer Art Kunstraum in Zürich, hatte. Da haben wir zum ersten Mal gesagt, komm, wir machen etwas zusammen. Und dann sind wir in den Proberaum gegangen, haben viel ausprobiert und aufgenommen, das waren unsere Anfänge.

Tobias: Das Perla Mode ist ein sehr experimenteller Veranstaltungsort. Darum mussten wir auch kein volles Programm bringen, sondern nur eine knappe halbe Stunde spielen. Es war das Trabant Echo Orchestra, das uns gebeten hatte, seine Vorband zu sein. Das ist eine schöne Geschichte, weil wir uns völlig befreit von jeglichen Erwartungen ausprobieren durften – es waren auch nicht allzu viele Leute im Publikum … (lacht) Allerdings haben wir schon sehr viel Zeit im Proberaum verbracht, bevor wir uns bei diesem ersten Konzert präsentiert haben, weil wir wussten, es ist Neuland für uns beide. Wir müssen Songstrukturen neu aufbauen, wir müssen den Sound neu entwickeln, wir müssen alles neu kreieren – und das braucht Zeit.

Du sagst gerade, ihr musstet völlig neue Songstrukturen entwickeln. Habt ihr davor probiert, bereits vorhandene Stücke mit eurer Besetzung zu covern oder habt ihr gleich versucht, eure eigene Musik zu finden?

Alessandro: Wir wollten eigentlich schon gleich die eigene Musik finden. Aber tatsächlich haben wir uns mit Elbows „Powder Blue“ an einem Cover versucht – allerdings nur im Bandraum. Uns war schnell klar, dass wir das mit eigenen Songs besser hinkriegen!

Tobias: Ein schöner Song. Und warum auch nicht? Aber Covers sind immer eine spezielle Geschichte. Ich denke, unser Sound ist so eigen, dass wir diese Welt einfach erforschen müssen: Wie weit können wir selber gehen mit unserer Musik?

Egopusher_Credit_Yvonne_Schmedemann

Hattet ihr von Anfang an das ganze Effektgerät dabei, das den Klang von Egopusher jetzt so sehr bestimmt, oder seid ihr wirklich nur mit Geige und Schlagzeug in den Proberaum marschiert?

Alessandro: Ich glaube, die erste Session war echt nur Geige und Schlagzeug. Wir waren bei mir im Bandraum und haben rumprobiert. Bald schon haben wir aber festgestellt, dass wir Bass brauchen, also hat Tobias beim nächsten Mal seinen Basssynthesizer mitgebracht und ihn mit den Füßen gespielt. Und dann haben wir gedacht, hey, wir brauchen noch ein bisschen mehr Melodie, dann habe ich noch einen Synthesizer dazu genommen. So ist unser Sound immer mehr gewachsen.

Tobias: Das ist ganz natürlich passiert. Der Start war dieses Geigen-Schlagzeug-Ding, und wenn wir etwas vermisst haben oder wenn die Musik nach etwas gefragt hat, haben wir es dazugegeben. Und wenn die Musik sagte, dass sie jetzt einen Bass braucht, dann haben wir einen Bass dazu geholt. Und eben nicht, indem wir uns einen Bassisten geholt haben – wir wollten es selber machen!

Wie gestaltet sich das live? Spielt ihr da mit Loops oder macht ihr das mit Händen und Füßen? Ich hab euch zwar schon live gesehen, aber man ist so fasziniert von dieser Wall of Sound, dass man gar nicht dazu kommt, auf die Details zu achten …

Tobias: Genau das ist uns auch wichtig: Dass die ganze Technik eben nicht so wichtig ist und dass man sie auch nicht so stark wahrnimmt. Also, wir spielen bewusst ohne Loops. Wir haben das am Anfang mal probiert, aber schnell festgestellt, dass uns das überhaupt nicht interessiert.

Alessandro: Es schränkt uns zu sehr ein!

Tobias: Ja, es ist einfach zu statisch, es schränkt vom Timing her ein, kurz: Es hat uns für unsere Musik nie interessiert. Wir spielen alles analog, wir verwenden keine abgespeicherten Sounds, und deshalb klingt es auch nicht immer gleich. Das ist eigentlich der Reiz der Geschichte. Wir sind keine Popproduktion, die im Hintergrund Ableton Live laufen lässt. Bei uns ist das halt jeden Tag ein bisschen anders und klingt dann eben auch manchmal nicht so, wie man sich das vorstellt …

Alessandro: (lacht)

Tobias: … und dann ist man halt ein bisschen frustriert, macht dann aber was draus. Ich glaube, es ist sehr wichtig für uns, dass das alles analoge Geschichten sind, denn wenn Alessandro Schlagzeug spielt, ist das ja auch analog. Das Schlagzeug klingt nicht in jedem Raum gleich, es ist vielleicht auch nicht immer dasselbe Schlagzeug. Für die Geige gilt dasselbe. Und das wollen wir mit den anderen Sounds beibehalten.

Gilt das auch für die Aufnahmen? Ist das Minialbum auch live und analog eingespielt?

Tobias: Ja. Natürlich haben wir schon Multitrack aufgenommen, aber bis auf das Theremin in der ersten Nummer haben wir keine Overdubs auf der Platte, sonst haben wir das live eingespielt.

Ein Live-Mitschnitt, quasi?

Tobias: Es ist natürlich schon Studio, mit press und rec und so …

Alessandro: Und wir haben auch die Arrangements angepasst. Live kann es schon mal vorkommen, dass ein Stück zehn Minuten lang ausufert. Auf der Platte musste das natürlich kompakter sein.

Tobias: Dafür mussten wir auch so viele Konzerte spielen: Um Sicherheit zu bekommen, wie die Songs an verschiedenen Orten funktionieren. Das war ein extrem wichtiger Prozess: Dass die Songs reif wurden für die Platte. Unser Weg war nicht: Wir machen eine Platte und suchen uns Gigs mit der Platte. Sondern: Wir versuchen, so viel wie möglich an so unterschiedlichen Orten wie möglich zu spielen, in unterschiedlichen Situationen, damit sich die Musik immer anpassen kann und am Schluss im kleinen Club vor drei Leuten genauso ready ist wie vor dreihundert Leuten oder wie im Studio. So haben wir gelernt, uns immer anzupassen.

Alessandro: Dadurch haben wir im Studio dann auch nur jeweils einen oder zwei Takes benötigt, und dann war der Song im Kasten. Das war ziemlich souverän!

egopusher_by_nuel_schoch

Wann wart ihr im Studio?

Alessandro: Das war im Mai 2015.

Das heißt, ihr habt ganze anderthalb Jahre getourt, bevor ihr die Aufnahmen gemacht habt?

Tobias: Ja, genau. Wir hatten die Idee, erst hundert Konzerte zu spielen. Vielleicht waren es neunzig, vielleicht waren es hundertzehn, wir haben sie nicht so genau gezählt, aber die Idee, erst sehr, sehr viele Konzerte zu spielen und dann eine Platte zu machen, haben wir umgesetzt. Heute macht man so schnell Platten, und die Bands haben gar keine Erfahrung und spielen dann ihren ersten Gig vor ihrem Heimpublikum, sind nervös und es funktioniert überhaupt nicht. Das ist der Klassiker. Und wir wollten beide, eben weil unsere Musik so speziell ist und die Formation so speziell ist, zuerst die Musik reifen lassen.

Hat sich euer Livespiel verändert, nachdem die Platte im Kasten war?

Tobias: Ich habe das Gefühl, es ist eine stetige Veränderung.

Unabhängig von dem Meilenstein der Plattenveröffentlichung.

Tobias: Ja. Wir haben zwar schon Songs, die ganz klar popmäßig arrangiert sind und deshalb immer eher gleich klingen, da verändert sich dann nur der Sound oder die Energie, aber wir haben auch Songs, die extrem viel Experimentierfreude zulassen . Von dem her hat es Spielraum, dass es sich einfach immer weiterentwickelt.

Ihr habt ja live auch ein weitaus größeres Repertoire als auf dem Sechs-Stück-Album …

Alessandro: Ja, wir können mittlerweile eine gute Stunde live spielen, ohne uns zu wiederholen.

Tobias: Das Lustige daran ist, dass wir bei unserem ersten Konzert kaum wussten, wie wir die geforderten zwanzig Minuten füllen und woher wir das Selbstbewusstsein dafür nehmen sollten. Und dann haben wir uns zu dreißig Minuten vorgekämpft, dann zu vierzig … Es war immer ein Thema, wie lange wir spielen. Und mittlerweile können wir gut eine Stunde spielen, ohne dass es sich zu lang anfühlt. Auch für’s Publikum nicht! Aber auch das brauchte so lange Zeit.

Alessandro: Stimmt, am Anfang waren das echt nur zwanzig Minuten!

Tobias: Ja, wir waren da auch so nervös und haben nur gedacht …

Alessandro: … Shit, wie machen wir das? (Lachen)

Den Song doppelt so lange auswalzen …

Tobias: Eben das wollten wir nicht! Wir hatten da auch nicht diese Free-Jazz-Attitüde, die sagt, egal, schauen wir mal, was passiert, wir spielen einfach, das wollten wir nicht. Sondern wir wollten, dass es wirklich unser Ding ist, unsere Sprache ist, die wir vermitteln. Mittlerweile haben wir tatsächlich genügend Material in dieser Sprache. Wir haben gestern zum ersten Mal seit einem Monat wieder zusammengespielt. Jetzt sind wir zusammen eine Woche in Berlin und können endlich an neuem Material weiterarbeiten. Es gibt da so zwei Songs, die wir unbedingt live bringen wollen, die im Moment aber noch zu wenig ausgereift sind. Für das Album haben wir uns einen gewissen Mut, Dinge auch wegzulassen, angeeignet. Ich finde das EP-Format sehr schön für uns. Die Geschichte funktioniert von A-Z, weshalb also mehr Songs reindrücken?

Alessandro: Ja, es gibt doch nichts Schlimmeres, als wenn ein Album die volle Minutenlänge, die technisch auf eine CD passt, auch ausnutzt.

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Als ich Tobias solo interviewte, war er auf der Suche nach der Grenze des Hörbaren. Was ist das klangliche, das künstlerische Ziel des Duos, wonach sucht ihr? Kurz: Was will Egopusher?

Tobias: (überlegt) Was mich jetzt vor allem interessiert, ist der rhythmische Aspekt. Wir haben einige Stücke, wo wir anfangen, das Timing zu dehnen, schneller zu werden oder wieder langsamer zu werden – und das alles in einer nicht-mathematischen Formel. Wir sind überhaupt nicht die Mathematiker, die sich ausrechnen, dies oder jenes wäre hier oder da superspeziell, das könnte man noch machen und es dann üben wir die Bekloppten. Sondern wir versuchen, immer so organisch wie möglich mit dem Timing zu spielen. Weil für uns beide das Timing kein Metronom ist. Ich habe das Gefühl, dass in den letzten Improvisationen, die wir machten, die Frage im Vordergrund stand: Wie sehr ist es dehnbar, ohne dass der Song zusammenfällt? Wir kennen uns mittlerweile so gut, dass wenn der eine in diese Richtung zieht, der andere mitgeht, und wir wissen beide, wenn es sein muss, sind wir sofort wieder – bamm! – im Song. Ich habe das Gefühl, da gibt es noch viel auszuloten.

Alessandro: Da ist noch viel Potenzial, ja. Für mich ist auch wichtig, dass ich für diese Band eigentlich nie studieren muss. Es kommt einfach alles aus dem Bauch. Auch wenn wir diese Time-Verschiebungen machen, überlege ich nicht. Die kommen wie von selbst! Wir sind da irgendwie verbunden. Ich habe das so noch nie erlebt.

Wie funktioniert diese intuitive Kommunikation zwischen euch? Ich habe zwischen euch viel weniger Blickkontakt beobachtet, als ich es von anderen Musikern kenne.

Tobias: Wir improvisieren sehr viel im Bandraum. Auf der Bühne weniger, aber im Bandraum ist komplette Improvisation angesagt. Es ist eine Art Proben, aber nicht den Song proben, sondern einfach uns zusammenfühlen. Das Lustige ist, dass wir gestern ungefähr eine halbe Stunde zusammen gespielt, uns dabei aber kein einziges Mal angeschaut haben. Und trotzdem war die Verbindung so stark! Das ist schon ein unglaublicher Luxus, dass die Verbindung, die Kommunikation, die natürlich auch übers Visuelle passiert, primär über die Musik läuft. Ich höre Alessandro zu, er hört mir zu, und wir reagieren darauf, was der andere macht. Das ist unsere Art zu proben. Das ist jetzt aber keine prinzipielle Haltung. Natürlich kann man sich auch mal anschauen oder anlachen, gerade, wenn auf der Bühne irgendetwas Besonderes passiert, wenn der andere musikalisch provoziert …

Alessandro: Aber auch das ist schon sehr intuitiv.

Ist Egopusher ein intuitives Projekt?

Beide: Voll!

Tobias: Wobei wir uns ganz klar als Band sehen, nicht als Projekt.

Wie hat das Duo eigentlich seinen Namen bekommen?

Alessandro: Der kommt daher, dass wir uns schon in der ersten Probe mit Handy aufgenommen haben, um uns dann zu Hause nochmal anzuhören. Eines Morgens hatte ich die Probe vom Vortag angehört, während Tobias gerade irgendwo im Zug unterwegs war. Auf der Aufnahme gab es einen Wahnsinnsmoment, vielleicht zehn Sekunden lang, und ich habe gedacht, boah, das muss ich Tobias schicken, dann hat er einen guten Tag! Als ich ihm diese zehn Sekunden geschickt habe, schrieb ich dazu: „Hallo Tobias, hier ein kleiner Egopusher für heute!“ Sein Handy ist explodiert, als er sich das angehört hat!

Tobias: Im Zug, und es machte einfach nur so klirr!

Alessandro: Ich habe mir das vielleicht zehnmal angehört und gedacht, das muss ich dem Tobias unbedingt schicken, das war so gut!

Tobias: Generell funktioniert unsere Musik sehr stark durch Austausch. Wir schicken uns immer Musik zu, nicht nur die eigene, sondern was hörst du gerade, was höre ich gerade. Wir stehen eigentlich jeden Tag im Austausch miteinander, im musikalischen, aber auch im intellektuellen Austausch. Wichtig ist für unsere Musik auch, dass wir unsere Improvisationen, oder Teile unserer Improvisationen, immer aufgenommen haben, auf Soundcloud hochgeladen haben und damit arbeiten. Das ist es eigentlich, um zu erklären, dass es ein intuitives Projekt ist. Die Songs sind aus Improvisationen entstanden, aber es sind Songs geworden. Wir haben die Struktur nicht von Anfang an festgelegt, aber wir haben strukturiert. Das ist der Schlüsselpunkt. Und darum sind wir überhaupt auf neue Formen gekommen. Wenn man sich ein Songwriting-Lehrbuch anschaut wie man einen Hit schreiben soll, gibt es ja ganz viele Regeln. Wir aber müssen diese Regeln nicht bedienen, weil wir so eine spezielle Kombination sind! Darum dürfen wir uns die Freiheit herausnehmen, einen komplett intuitiven Umgang mit Songwriting zu betreiben.

Egopusher_Cover

Ihr nennt eure Musik „Post Industrial Chamber Music“ – post-industrielle Kammermusik. Was meint ihr damit? Ich verstehe unter postindustrieller Musik jene artverwandten Genres, die Anfang der Achtziger aus dem Industrial entstanden, Noise, (Dark) Ambient, (Dark) Electro, Whitch House oder auch Neo Folk …Woher rührt eure Verbindung dazu, wie kommt ihr auf diese Zuschreibung?

Tobias: Es ist einfach sehr schwierig mit diesen Namen – doch die Leute wollen einen Namen. Das ist es ja. Wer für unsere Musik einen passenden Namen erfindet, dem schulden wir was! Wir haben uns gedacht, „Post-Industrial“ verkörpert dieses Maschinelle, das wir auch haben, wir haben das Elektronische, wir haben das Noisige. Und „Chamber Music“ bezieht sich darauf, dass wir nur zu zweit sind und musikalisch unglaublich viel Kommunikation passieren kann. Außerdem ist Chamber Music mit Geige natürlich evident. Ob wir diesen Begriff weiterführen werden – ich weiß es nicht. Der kann sich auch noch ändern. Es ist ja auch unsere erste Platte. Einige Leute nennen es ganz klar „Post Rock“, es gibt Leute, die nennen es „Electronic“, es gibt Leute, die nennen es „Jazz“, während es im nächsten Artikel wieder heißt, es sei „absolut kein Jazz“. Jeder schreibt etwas komplett anderes! Der eine schreibt, es ist extrem düster, der andere findet, es ist fröhliche Tanzmusik … Es hat schon eine eher düstere Tendenz, aber ansonsten wissen wir einfach nicht so recht, was wir damit anfangen sollen. Und ich glaube, wir müssen unsere Musik auch nicht betiteln. Für uns ist die noch in Bewegung.

Alessandro: Am besten wird man eine Marke, dann wird die Frage nach dem Genre hinfällig. Dann sagen alle, die Band XY macht sowas wie Egopusher …(lacht)

Tobias: Das wäre eigentlich das Beste! Dass man nicht mehr sagt, es ist Rock, es ist Jazz, sondern nur, das klingt wie Egopusher.

Gibt es noch etwas, das wir bisher nicht angesprochen haben, das für das Verständnis eurer Musik aber essenziell ist?

Tobias: Das Allerwichtigste für uns ist, dass sich die Leute eben nicht von den verschiedenen Genrezuschreibungen, ob Post-Rock oder Jazz, leiten lassen. Dass sie einfach kommen und sich etwas Spezielles ansehen, vielleicht sogar, ohne dass sie sich das vorher auf YouTube anhören. Wir möchten einfach sagen, hey kommt her und zieht euch das live rein! Es ist Livemusik, die zwar jetzt auf Platte sehr gut funktioniert, ich bin auch sehr stolz auf die Platte, aber trotzdem kommt und hört euch das live an! Wir wollen auch weiterhin so viel wie möglich live spielen, das nährt die Musik. Ich finde es einfach schön, wenn man nicht immer …heutzutage, wo alles verfügbar ist, wo man zehnmal verifiziert, ob es auch cool ist, dahin zu gehen … wenn man dann einfach geht und sagt, heute zieh ich mir was komplett Neues rein.

Alessandro: Wir haben vor jungem und vor altem Publikum gespielt, und alle waren immer irgendwie begeistert. Diese Musik scheint überall zu funktionieren. Das ist natürlich schon schön! Klar, es gibt auch solche, denen das nicht gefällt …

Tobias: Hoffentlich gibt es die!

Alessandro: … aber von denen bekommen wir wenig mit. Die kommen nicht und sagen, das war richtig Scheiße.

Tobias: Ich glaube, die Leute spüren, dass das, was wir machen, ehrlich ist. Wir gehen nicht auf eine Bühne und spielen eine Show, sondern wir gehen auf eine Bühne, weil wir Freude haben, zusammen Musik zu machen. Und diese Freude, oder diese Energie, springt dann meistens auch auf das Publikum über.

Alessandro: Das ist vielleicht auch das, was die Leute berührt. Wenn du jemanden siehst, der da mit einer Gitarre steht und singt und es ehrlich ist, dann berührt dich das.

Tobias: Man kann dann zwar immer noch sagen, es ist nicht mein Stil, es ist mir zu laut, es ist mir zu leise, ich mag die Stimme nicht … aber wenn es ehrlich ist, ist es etwas, das die Leute umhaut. Bei uns ist das vielleicht auch eine gewisse Naivität, die wir auf der Bühne zelebrieren: Wir gehen da rauf und lassen uns überraschen, was heute passiert. Und das wünschen wir uns auch für unser Publikum.

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Egopusher im Klangverführer-Interview. Von links: Alessandro Giannelli, Victoriah Szirmai, Tobias Preisig

Live kann man Egopusher schon morgen wieder im Auster Club in Berlin hören. Weitere Tourdaten gibt es hier: www.egopusher.com


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