6. November 2013

Die Liebe, die mir entgegengebracht wird, haut mich um! Nils Wogram im Klangverführer-Interview

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: — VSz | Klangverführer @ 07:47

Am Sonntag erhielt der Ausnahme-Posaunist Nils Wogram in Berlin die höchste deutsche Auszeichnung im Jazz, den Albert-Mangelsdorff-Preis. Seitdem versinkt er in Glückwünschen, Lobeshymnen – und vermutlich auch Interviewanfragen. Umso mehr freut es mich, dass er sich die Zeit genommen hat, dem Klangverführer Rede und Antwort zu stehen!

Wogram spricht im Klangverführer-Interview über die Erwartungshaltung, die seit der Preisverleihung an ihn herangetragen wird, erklärt, weshalb er sein aktuelles Album Riomar, das mit einem Streichertrio aufwartet, nicht, wie die Kritik es gern möchte, irgendwo zwischen Neuer Musik und Avantgarde angesiedelt sieht und gibt stattdessen als Einflüsse unter anderem zwei Miles-Davis-Platten sowie Musik von Serge Ginsberg an, hätte aber auch nichts dagegen, es als zeitgenössische Fortsetzung von Charlie Parker with Strings zu betrachten. Nicht zuletzt verrät der frischgebackene Preisträger, weshalb er trotz seines eigenen Labels nWog Records ein Angebot von ECM nicht ausschlagen würde – und was es mit der Katze auf dem Riomar-Cover auf sich hat.

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Klangverführer: Herzlichen Glückwunsch, du hast am 3. November den nach Albert Mangelsdorff benannten Deutschen Jazzpreis und damit die renommierteste Anerkennung, die es im deutschen Jazz gibt, entgegengenommen. Damit schreibst du als jüngster Mangelsdorff-Preisträger aller Zeiten Geschichte. Wie fühlst du dich im Kreise der ansonsten um die siebzigjährigen Preisträger?

Nils Wogram: Es gibt Preise, die wirklich aussagekräftig sind und sich auf eine künstlerische Leistung beziehen. Der Albert-Mangelsdorff-Preis gehört dazu. Deshalb fühle ich mich sehr geehrt. Die Jury ist kompetent und spartenübergreifend besetzt. Wenn die sich einstimmig auf mich einigen können, sagt das viel aus.

Mein Ziel ist es seit jeher, zeitlose Musik zu schaffen. Dass ich jetzt in einer Reihe stehe mit Musikern, die dieses erreicht haben, ist eine tolle Auszeichnung und bestätigt mich in meinem Schaffen.

All der Lob, Respekt und die Liebe, die mir entgegengebracht wird, haut mich um. Man kommt sich fast vor wie ein Heiliger. Dieser Erwartung stand zu halten ist nicht leicht. Ich versuche, mich weitestgehend davon zu befreien und mich nicht unter Druck zu setzen.

Der Mangelsdorff-Preis macht dich zum wichtigsten deutschen Jazzmusiker dieses Jahres und wird auch viel Aufmerksamkeit auf dein Anfang Oktober veröffentlichtes Album Riomar lenken. Ich bin allerdings schon bei der diesjährigen Jazzahead! in Bremen darauf aufmerksam geworden – einfach aufgrund des ungewöhnlichen Covers, und das sage ich jetzt als bekennender Nicht-Katzenfan. Wie um alles in der Welt hat es ein Katzenbild auf das Cover eines Wogram-Albums geschafft? ?

Ja, es gab sogar eine DPA Meldung zum Preis mit dem Album und ich glaube, es ist eine meiner besten CDs. Von daher ist das gutes Timing und viel Glück dabei.

Zum Cover: Wenn man genau hinschaut, spielt die Katze mit ihren Barthaaren, wie ein Pizzicato bei einem Streichinstrument. Das Ziel dieses Albums war es, romantische, emotionale und verspielte Musik aufzunehmen. Es gibt gewisse Anspielungen an Charlie Parker with Strings. Auf dem Cover sind Vögel (= Charlie „Bird“ Parker). Ein Tiermotiv zu nehmen, was viel mit Jazzmusikern zu tun hat (= „the cats“), lag also nahe. Es hat aber nichts mit dem Charakter dieses Tieres zu tun. Wenn man den auf freiheitliebend und individualistisch beschränken kann, ist es aber gar nicht so schlecht getroffen.

Kommen wir von der Hülle zum Inhalt, der zunächst überrascht, wenn man sich deine beiden letzten Veröffentlichungen mit Root 70 vergegenwärtigt: Da hatten wir einen Ausflug in Mikro-Tonalitäten (On 52nd and 1/4 Street, 2008) und ein Blues-Album (Listen To Your Woman, 2010) – und jetzt finden wir uns irgendwo zwischen Groove-betontem Avantgarde-Jazz und Neuer Musik wieder, gekrönt von einem Streich-Trio …

Ich bin nicht der Meinung, dass dieses Album zwischen Groove-betontem Aventgarde-Jazz und Neuer Musik anzusiedeln ist. Einflüsse sind eher: Birth of the Cool, Sketches of Spain, Mendelsohn, Alban Berg, Barock und Filmmusik, zum Beispiel die von Serge Ginsberg. Es ist eine sehr harmonische, konsonante Musik mit Formen, funktionsmäßigen Akkordverbindungen und größtenteils gesanglichen Melodien mit Anspielungen auf diverse Musiktraditionen. Mit Neuer Musik und Avantgarde hat das gar nichts zu tun. Die Intro zu Vacation without Internet entspringt der zweiten Wiener Schule (Webern etc.) die auch schon hundert Jahre alt ist.

Im Gegensatz zu sogenannten Crossover-Projekten sind die Streicherparts bei Riomar aber nicht nur eine Art drüber gekippter Zuckerguss, vielmehr scheinen sie schon ein integraler kompositorischer Bestandteil zu sein. Ist es das, worum es dir geht, wenn du sagst, dass sich die Streicher auf Riomar „ein Stück weiter auf die Jazz-Seite [begeben], als das in einem solchen Projekt normal wäre“?

Mir kam es darauf an, einen Bandsound zu gestalten. Also keine Gegenüberstellung von klassischen und Jazzmusikern, sondern ein gemeinsames Ding. Die Streicher haben Stellen, an denen sie so fungieren wie in klassischer Musik, aber größtenteils spielen sie in time mit der Rhythm Section. Also keine Agogik, sondern metrische Musik. Die musikalische Sprache kommt größtenteils aus dem Jazz. Die Root 70 Band versucht nicht Stockhausen oder andere E-Musikkomponisten zu imitieren. Insofern gehen die Streicher mehr auf den Jazz zu als wir auf die Klassik. Obwohl es, siehe obige Beispiele, auch Anklänge an diese gibt.

Dem Fachmagazin für Blasmusik Clarino hast du 2011 auf die Frage „Wann war das letzte Mal, dass Sie wünschten, in einer anderen Zeit/Epoche geboren worden zu sein?“ geantwortet: „Immer wenn ich Charlie Parker with Strings höre.“ Hast du dir mit Riomar jetzt deine persönliche Zeitreisemaschine geschaffen?

Es ist natürlich gefährlich, sich stark auf die Vergangenheit und auf ein bestimmtes Album zu beziehen. Man wird bestenfalls eine relativ gute Kopie der Zeit und eines Albums erreichen ‒ und selbst das ist äußerst fragwürdig.

Bei fast allen meiner Alben gibt es einen historischen Bezug und einen starken Einfluss aus der Jazztradition. Ich bin es gewohnt, bekanntes Material zu verwenden und dabei meine eigene Sprache mit einfließen zu lassen. Es ist also eher so, dass man sich erinnert fühlt, aber dann eben genau doch nicht, da viele Elemente komplett anders sind. Andere Melodieführungen, andere Formen und Akkorde.

Wenn man Riomar als eine Art zeitgenössische Variante bzw. eine Weiterführung von Charlie Parker mit Strings sieht, würde mich das freuen. Romantik, Tradition, Stimmungen und Spielfreude stehen im Vordergrund dieses Albums.

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Die Platte entführt den Hörer auf eine – internetfreie – Reise, ausgehend von Lissabon über das bluesgetränkte Riomar nach Kalifornien, macht einen Zwischenstopp bei Duke Ellington vorbeigehört, um dann eindruckserfüllt wieder zu Hause anzukommen. Welche Eindrücke, persönlich wie künstlerisch, verbindest du mit den einzelnen Stationen dieser Reise, die Jazzthetik als „ein großes Wunder“ bezeichnet?

Das Album als Reise zu begreifen, finde ich eine schöne Anspielung. Jedenfalls ging es mir darum, einen Bogen zu spannen, der abwechslungsreich und trotzdem thematisch ist. Orte spielen auf diesem Album eine große Rolle, weil ich damit tiefe und starke Stimmungen verbinde. Und darum geht es hier: den Hörer auf eine emotionale Reise mitzunehmen, auf der man viel entdecken, aber sich auch einfach treiben lassen kann.

Zu den einzelnen Stationen: Riomar liegt im Ebro-Delte in Katalonien. Ich war dort mehrmals im Urlaub. Es ist eine eindrucksvolle Landschaft mit Reisfeldern, Meer … Der große Fluss Ebro, die schwüle und langsame Stimmung ‒ alles passiert hier in Zeitlupe und ist irgendwie zeitlos, verlassen (im guten Sinne).

Lissabon ist eine große Stadt, die ebenso eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Immer, wenn ich dort bin, fühle ich die Tradition und Romantik dieses Ortes. Das habe ich versucht im Stück zu transportieren.

Das Stück Vacation without internet basiert auf einer Anzeige, die ich in einer Zeitung gesehen habe. Ich fand es erstaunlich und symptomatisch, dass man jetzt schon Geld mit internetfreien Ferien verdienen kann, in denen die Teilnehmer zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Die Frage ist: Wieso lassen sich die Menschen durch das Internet so stressen? Und: Wie muss ein Stück klingen, dass sich die Befreiung von diesen Zwängen zum Thema macht? Meiner Meinung nach fröhlich, locker und beschwingt.

Duke Ellington ist eine wichtige Person für fast alle Jazzmusiker, weil er Tradition und Moderne wie fast kein andere verbinden konnte. Außerdem ist er für mich ein Vorbild, was seine Haltung zu Gesellschaft, Menschen und Kunst angeht. Das ihm gewidmete Stück ist jedoch nicht durch seine Musik, sondern durch einen Ausspruch inspiriert in dem er erklärt, dass man sich durch mentale Isolation an jedem erdenklichen Ort zu einem neuen Stück inspirieren kann.

Riomar wurde auf nWog Records veröffentlicht, deiner eigenen Plattenfirma. Was hat dich vor drei Jahren zu dem Schritt der Labelgründung bewogen? Immerhin hattest du davor auf renommierten Labels wie beispielsweise Enja, Intuition oder Act veröffentlichen können, wofür andere Jazzmusiker töten würden … Und was hat sich mit dem eigenen Label geändert, aus künstlerischer Perspektive?

Zu ACT hatte ich nur als Mitspieler eine Beziehung, aber nie einen Plattenvertrag. Enja und Intuition waren für mich wichtige Stationen. Beide Labels haben mir sehr geholfen bei meiner musikalischen Laufbahn. Jedoch entließ Intuition, bei denen ich damals einen Optionsvertrag für weitere Alben hatte, seinen Labelmanager und speckte sein Programm radikal ab. Als ich nachfragte, wie es um meinen Vertrag stände, bekam ich zu hören: „Wir mögen deine Musik sehr und möchten weiter mit dir arbeiten, können dir jedoch nicht die bisherigen Konditionen erhalten“. Diese Konditionen waren damals schon schlecht, und es war für mich schwierig, die Produktionskosten wieder herein zu holen. Also machte ich aus der Not eine Tugend und fragte den damals entlassenen Labelmanager Andreas Schaffer, ob er für mich ein eigenes Label managen würde. Schließlich sagte er zu und wir gingen in die Planung.

Für mich hat sich dieser Schritt sehr gelohnt. Zum ersten Mal verdiene ich nun ‒ wenn auch nicht viel ‒ Geld mit meinen Alben und kann eine künstlerische Stringenz verfolgen. Ich kann den Zeitplan für eine Veröffentlichung genau planen und mit Konzerten koordinieren. Ich kann Alben aufnehmen, die mir in der Zeit künstlerisch wichtig erscheinen und zu denen ich inspiriert bin. Ich kann auf langfristige Entwicklungen meiner Bands setzten und muss keine kommerziellen Kompromisse eingehen. Ich muss mich mit niemandem absprechen beziehungsweise mich vor niemandem rechtfertigen, was ich für eine Musik aufnehme. Das ist eine große Freiheit, die ich sehr zu schätzen weiß. Dafür nehme ich gerne auch etwas mehr Arbeit in Kauf.

Ideen, die mit der Veröffentlichung zu tun haben und deren Bekanntmachung dienen, aber auf den ersten Blick nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar sind, kann ich nun einfach auf eigenes Risiko umsetzen. Es gibt also auch hier keine Bremse, was irgendwelche Investitionsvorhaben angeht. Dadurch erfahren viel mehr Leute von meinen Alben und generell meinem musikalischem Schaffen.

Ich möchte aber auch sagen, dass ich die Zusammenarbeit mit einem renommierten Label nicht grundsätzlich ausschließe. Wenn jemand mir Bedingungen bietet, die besser sind als das, was ich mit nWog records geschaffen habe, würde ich ein Angebot annehmen. Ich weiß aber, dass das sehr schwer ist zu toppen, denn das, was wir bereits haben, ist eine gut koordinierte internationale Pressearbeit, absolute künstlerische Freiheit, Zusammenarbeit mit Top Leuten im Studio und Grafikbereich. Da kann man sich eigentlich nur mit einem besseren internationalen Vertriebsweg, Renommee und guten Verbindungen verbessern. Da fällt mir spontan nur ECM ein.

Neben nWog Records und der Band Root 70 leitest du auch noch die Ensembles Nostalgia und das Nils Wogram Quartett bzw. Septett (und ich meine, sogar von einem Sextett und einem Oktett gelesen zu haben …), spielst im Simon-Nabatov- Duo, im Conny-Bauer-Duo, im Türköz-Wogram-Duo sowie mit der NDR Big Band – und da ist ja noch das Studioprojekt „Lush“ und die Lehrverpflichtung an der Musikhochschule in Luzern … Gibt es für Nils Wogram auch noch ein Leben neben der Musik?

Absolut! Wenn Musiker so wie ich all ihre Projekte auflisten würden, kämen sie oft auf eine weit höhere Anzahl. Der Unterscheid ist nur, dass ich auf langfristige Entwicklung und Kontinuität setzte. Das heißt, auch eine Band, die manchmal nur zwei bis drei Auftritte im Jahr hat, ist nicht weg von der Bildfläche, sondern kann jederzeit wieder mehr in den Fokus rücken. Im Moment gibt es auch einige Veränderungen ‒ zum Beispiel arbeiten Simon Nabatov und ich nicht mehr zusammen.

Ich versuche soviel wie möglich Rücksicht auf mein Privatleben zu nehmen, denn ich habe eine Familie mit einer Frau und drei Kindern. In der Regel bin ich vier Monate im Jahr unterwegs. Das bedeutet aber auch gleichzeitig, dass ich acht Monate im Jahr zu Hause bin und wahrscheinlich viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringe, als manche Personen, die einen „9 to 5 Job“ haben. Ich spiele auch gerne Fußball und halte mich viel wie möglich in der Natur auf.

Dann hoffe ich, dass du auch jetzt noch ausreichend Zeit dafür findest. Ganz herzlichen Dank für das Interview!

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Riomar ist am 11. Oktober 2013 auf nWog Records erschienen


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