4. September 2011

Gloomy Saturday – Krispin spielen das Lied vom traurigen Samstag im Zimmer 16

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 15:02

Ich habe ein Déjá-vu : Es ist schwül. Und im Zimmer 16 sind knapp zwanzig Menschen – darunter fünf Musiker, vier Veranstalter und mindestens fünf Gästelistenplatzbesitzer. Wie schon beim Glezele-Konzert im letzten Juli
ist das für die Zimmer16-Betreiber, die auch irgendwie ihre Miete bezahlen müssen, natürlich schade. Für den Kritiker indessen ist so ein familiäres Konzert ein absoluter Glücksfall, wenn es darum geht, die Musik einer Band ganz nah kennenzulernen. Nichtsdestotrotz sind die miserablen Besucherzahlen verwunderlich, denn üblicherweise sind Krispin-Konzerte ausverkauft. Die beiden großen musikalischen Konkurrenzveranstaltungen des Abends, einerseits die Onkelznacht in Schildow, und andererseits Turntablerocker Michi Beck, der in der Kulturbrauerei auflegt, dürften das dann doch anspruchsvollere Krispin-Publikum auch nicht wirklich abziehen. Andererseits sieht sich heute Abend selbst das Bode-Museum, das seinen Publikumsrenner Gesichter der Renaissance erstmals bis 22:00 Uhr zeigt, mit leeren Sälen konfrontiert, wo sonst zweitausend Leute Schlange stehen. Muss also etwas Atmosphärisches sein.

Zunächst gibt es dann auch erst einmal eine Planänderung, die allerdings nichts mit den Besucherzahlen zu tun hat. Statt des als Support angekündigten Francis DD String wird die Berliner Singer/Songwriterin Cathleen spielen. Francis hat überraschenderweise einen Gig im musikalisch immer wieder erstaunenden Bernau. Cathleen hat eine Kehlkopfentzündung.

Diese merkt man ihr aber in keinster Weise an. Cathleen ist eine Songwriterin, die nicht nur weiß, wie man Geschichten erzählt, sondern darüber hinaus auch noch eine herrlich tiefe und volle Stimme hat und obendrein Gitarre spielen kann. Ich wünschte, die Mädels der fabulösen Female Folk-Pleite hätten Cathleen hören können – sie hätten sich zweimal überlegt, ob sie mit ihrer Gitarrenmädchennummer wirklich auftreten wollen, solange es Künstlerinnen wie Cathleen gibt. Die setzt nämlich mitnichten auf das Kleinmädchenschema, sondern auf die pure Präsenz ihrer Songs und ihrer Stimme.

Spätestens beim dritten Stück, You Pretend – eine Nummer für alle jene, die keine Leute mögen die nicht authentisch sind -, zeigt sich, dass Cathleen zu all dem noch den Groove hat, und Donna & Co. sollten lieber wieder spielen gehen. Das Highlight von Cathleens Auftritt ist aber sicherlich Taste Me, das durch einen fast schon soulig zu nennenden Gesang besticht und obendrein sehr sehr sexy ist. Wer mit einer Kehlkopfentzündung so singen kann, wie klingt der erst, wenn er gesund ist? Schließlich überrascht uns Cathleen noch mit der kleinen Waldmaus aus ihrem pädagogischen Repertoire – so eine gitarrespielende Kindergärtnerin hätte ich auch gern gehabt, und das Publikum gibt gern den Kindergartenchor. Nach einigen Nashville, Tennessee-Nummern beschließt Cathleen ihr Set mit Ocean of Lust, das sie diskret mit „Ozean der Liebe“ übersetzt.

Grandios, das. Kopfhörerhund allerdings mag Akustikgitarren nach wie vor nicht – auch keine gut gespielten. Er will flüchten.

Kurz nach zehn entern dann die vier Krispin-Jungs die Bühne, und der charismatische Frontmann Roland Krispin hält mit sympathischer Selbstironie fest, dass nun wohl ein Großteil des Publikums auf der Bühne steht, was ihn aber glücklicherweise nicht davon abhält, ein schönes Konzert spielen zu wollen. Zu meiner großen Freude eröffnet er sein Programm mit Vergessen, meinem Lieblingsstück des Albums Gegen die Uhr. Und auch Kopfhörerhund hat sich mittlerweile wohlig grunzend ausgestreckt, ein Zeichen für Musik, die im Fluss ist und die Hundeseele streichelt.

Dem Opener folt Als ob du mich nicht kennst, der Sechsachtler mit dem Tausendfüßler im Text, bei dem ich immer Reinhard Meys Maikäfer fliegen höre. Ohnehin empfinde ich Krispin als sehr liedermachergeprägt, und nicht zuletzt keimzeitet es sowohl auf dem Album als auch bei der Live-Show ganz schön. Indessen kann Roland Krispin besser singen als die meisten seiner Kollegen, mit denen er sich das Genre teilt.

Der dritte Titel Vier Buchstaben schlagzeugbest ganz wundervoll vor sich hin und ist ohnehin ein toller Song. Davon hätte ich gern mehr! Auch das E-Gitarren-Solo ist hier unglaublich angenehm und ufert nicht aus. Spätestens bei Wenn du gehst mit einem auf die Gitarre umgestiegenen Bassisten weiß ich, was Ex-Poems For Laila-Sänger und nun Krispin-Produzünt Nikolai Tomás meinte, als er den Element of Crime-Vergleich bemühte, während sich Gitarrist Andreas Laudwein inzwischen um Bohren und der Club of Gore-Sporen bemüht. Ohnehin kennt man sich bei Krispin mit gepflegter Düsternis aus. Und so gibt es auch auf Ich habe dich gern wieder die Bohren-Gitarre.

Jede Band hat ihre eigene Berlin-Hymne, bei Krispin ist es das basslastige Nebel, das auf Fröhlichkeit und Wahnsinn einstimmt, dem wir so schöne Neologismen wie „Straßenbahnschmerzen“ und „Fliederduftbüsche“ zu verdanken haben und das bei mir mal wieder das Gefühl hinterlässt, die falschen Songs gefilmt zu haben. Das hier hätten Sie hören müssen!

Auch bei Schnee, dem Song, in dem der Winterdienst so ratlos durch die Stadt führt, kann man vor Gitarrist Laudwein nur niederknien, denn obgleich er so ein reich bestücktes Brett zum Spielen mitgebracht hat, macht er davon dankenswerterweise nur dezenten Gebrauch. Auch etwas, wovon so manch ein anderer lernen könnte.

Leider steht er – ebenso wie Schlagzeuger Ronny Seiler – vorerst zum letzten Mal mit Krispin auf der Bühne; ab Herbst gibt es Krispin light mit Roland Krispin an Vocals und Gitarre und Christoph Thiel am Bass, wobei eine Cellistin den Krispin’schen Liedgeschichten noch eine kammermusikalische Note verleihen wird.

Nach Papierherz gibt es mit Pick-up Truck schon mal eine Zugabe in der künftigen Duo-Besetzung.



Bei Paula, dem einzigen Nicht-Krispin-Song des Abends, kommen Andreas und Ronny wieder und machen aus der Nummer eine Art Berlinerisches Angie – hier kommt doch tatsächlich mal kurz die Rockband in Krispin zum Vorschein. Wieder regt sich ein dringender Video-Wunsch in mir, aber da ich den Song nun einmal nicht gefilmt habe, bleibt Ihnen nur noch eins, wenn Krispin das nächste Mal spielen: Nämlich nichts wie hin.

Jetzt wäre eigentlich alles ganz wunderbar, Paula wäre der ideale Abschluss eines schönen Abends gewesen. Krispin aber wären nicht Krispin, wenn sie sich als finalen Rausschmeißer nicht einen Song gewählt hätten, der allen Weltschmerz des Universums in sich vereint. Zwar schenkt uns Denk an mich wieder ein wundervolles neues Wort – diesmal sind es die „Kopfnachtgespenster“, die kenne ich gut, nur hatte ich nie einen so schönen Namen für sie! -, aber danach kann man sich als Publikum auch gleich geschlossen aufhängen gehen. Und vermutlich erklärt sich auch so die mysteriöse Besucherzahldezimierung: Die haben sich nach dem letzten Krispin-Konzert schlicht und ergreifend alle vor den nächstbesten Autobus geworfen.

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