Wo die Vernunft Pause hat. Dominique Horwitz singt Jacques Brel - klangverführer | Musik in Worte fassen
Wo die Vernunft Pause hat. Dominique Horwitz singt Jacques Brel

Wo die Vernunft Pause hat. Dominique Horwitz singt Jacques Brel

Wo die Vernunft Pause hat. Dominique Horwitz singt Jacques Brel

Große Geste, kleine Fußnote: Schon das Plakat zu Dominique Horwitz’ Brel-Abend hält eine Überraschung bereit

Es gibt Abende, die beginnen nicht erst mit dem ersten Ton. Sie beginnen mit einem Ort.

Die Bar jeder Vernunft ist so ein Ort. Schon der Weg hinein führt aus dem Berliner Alltag heraus – und in eine andere Vorstellung davon, was ein Abend sein kann: ein historisches Jugendstil-Spiegelzelt, 1912 als Danse Paleis erbaut, heute verborgen gelegen zwischen Wilmersdorfer Bürgerhäusern, der Seitenbühne vom Haus der Berliner Festspiele und einer industriell anmutenden Betonauffahrt, die motorisiert zu befahren bezeichnenderweise verboten ist, und von innen so warm, glitzernd und ein wenig unwirklich, als habe jemand beschlossen, die Kunst der Unterhaltung gegen sämtliche Zumutungen der Gegenwart zu verteidigen.

Man sitzt nicht in nüchternen Reihen und wartet darauf, dass das Licht ausgeht. Man sitzt an kleinen, kerzenerhellten Tischen auf samtbezogenen Stühlchen. Zwischen Menschen, Gläsern und Tellern. Man sieht sich um und stellt fest, dass auch das Publikum offenbar verstanden hat, dass man einem solchen Ort ruhig ein wenig entgegenkommen darf. Vor allem, wenn es sich um den Premierenabend handelt. Nicht kostümiert, nicht aufgetakelt, nicht mit dem verbissenen Ernst einer Gala. Aber doch angemessen elegant. Ein gutes Kleid hier, ein Jackett dort, Schmuck, Lippenstift, sorgfältig gewählte Schuhe oder, wie Gerhard Schmitt es in seinen Schmittkeliedern ausdrückt: edle Stoffe, schöne Muster. Lauter kleine Gesten eben, mit denen man sagt, dass dieser Abend mehr sein soll als eine Lücke zwischen Arbeitstag und Schlafengehen.

Der Genuss beginnt vor dem ersten Ton: kleine Vorspeise im Kiesgarten

Auch das Essen und Trinken gehören dazu. Dafür nimmt man sich Zeit und kommt eine gute Stunde vor dem Konzertbeginn an, um sich – bei schönem Wetter draußen im gepflegten Kiesgarten – eine Vorspeise und den einen oder anderen Aperol Spritz zu gönnen. Die Preise sind, für Berliner Verhältnisse, hoch, die Champagnerkarte lang. Hierher kommt man nicht, um zu sparen. Hierher kommt man, um sich etwas zu gönnen. Kurz: Kulinarik ist hier keine Begleiterscheinung à la Brezel und Bier, die man rasch hinter sich bringt, bevor die eigentliche Veranstaltung beginnt, sondern fester Bestandteil dieses eigentümlichen Gesamtkunstwerks: Ein Ort, ein Glas, ein Teller, im besten Falle ein Gegenüber – und die Erwartung guter Musik. Genuss, so zeigt sich hier bereits vor dem ersten Lied, ist selten eine Frage einzelner Zutaten. Er entsteht, wenn alles miteinander in Beziehung tritt.

Mit dem letzten Gong verlässt man den Garten, wo man mit anderen Besuchern nett ins Plaudern kam (an dieser Stelle einen herzlichen Gruß an das freundliche Koblenzer Paar!), schnappt sich noch schnell ein Getränk und lässt sich zum Platz geleiten.

Und dann: Dominique Horwitz.

Ich habe ihn zuerst nicht als Sänger kennengelernt, sondern als Schauspieler. In Film und Fernsehen, vor allem in Tatort und Polizeiruf. Schon damals hatte ich immer das Gefühl, dass unter der Figur noch etwas anderes arbeitete: etwas Unruhiges, vielleicht auch Unberechenbares, jedenfalls nichts, das sich bequem auf Abstand halten ließ. 2014 dann sah ich ihn beim Bernauer Siebenklang-Festival mit seinem dritten Brel-Programm und war erschüttert: von dieser großen Stimme, die sich unter den zurückhaltenden TV-Rollen verbarg, von dieser Ausstrahlung und Intensität. Qualitäten, die den gebürtigen Pariser nahezu prädestinieren für Jacques Brel. Und so wurde ich langsam Fan des Horwitz’schen Gesamtpakets, inklusive seines literarischen Debüts Tod in Weimar von 2015. Dass die Eltern von Dominique Horwitz in der Stadt der Liebe damals einen Feinkostladen führten, schließt wiederum den Kreis zum kulinarischen Teil des Abends.

Aber zurück zu Jacques Brel, den Horwitz auch diesen Abend nicht interpretiert, sondern vielmehr wiederauferstehen lässt. Brel ist kein Sänger für Menschen, die ihre Musik gepflegt im Hintergrund halten möchten. Seine Lieder wollen nicht nett unterhalten, sie wollen hinein: in die Liebe, in die Verzweiflung, in die Lächerlichkeit, in die Gier, in die Einsamkeit, in die erbarmungslose Komik des Menschseins. Jacques Brel, 1929 in Belgien geboren, hat Chansons hinterlassen, in denen Menschen sich festklammern, aufplustern, betrinken, altern, verlassen werden, selbst verlassen, tanzen, sterben und weiterlieben, obwohl es längst keinen vernünftigen Grund mehr dafür gibt.

Da ist Ne me quitte pas, dieses Lied, das man gern als großes Liebeslied bezeichnet, obwohl es eigentlich viel verstörender ist: die radikale Selbstaufgabe eines Menschen, der bereit ist, sich klein zu machen, nur, um nicht verlassen zu werden. Da ist Amsterdam, voll von Matrosen, Körpern, Alkohol, Gier und Elend, ein Lied, das riecht und schwitzt und taumelt. Und da ist La valse à mille temps, diese immer weiter beschleunigte Bewegung, als könne man das Leben durch genügend Schwung für einen Moment überlisten. Spoiler: Dominique Horwitz wird jedes Chanson dieser Aufzählung auch heute Abend singen.

Der Spiegel bezeichnete Jacques Brel einmal als „singendes Tier“ – ein Bild, das in seiner Grobheit ziemlich genau trifft – und gleichzeitig erklärt, weshalb seine Lieder so schwer zu interpretieren sind. Man kann sie nicht einfach schön singen. Man kann sie nicht mit etwas Melancholie versehen, ordentlich phrasiert vortragen und darauf hoffen, dass das genügt. Wer Brel singt, muss sich ihm aussetzen, in Gänze. Muss bereit sein, lächerlich, schwitzend, brutal, zärtlich, übermäßig und bisweilen auch hässlich zu werden. Kurz: Muss Brel leben.

Dominique Horwitz kann das.

Und ich begegne ihm, zwölf Jahre später, erneut. Wieder Horwitz. Wieder Brel. Ganz pur, ohne üppiges Ensemble, ohne schützenden Klangteppich. Nur er und Andres Reukauf am Flügel. Mehr braucht Brel auch nicht. Und ungeschützter kann man diesen Liedern wohl kaum begegnen.

Nach einem kurzen Befindlichkeits-Check, der etwas mit freier Sicht zu tun hatte, steigt Dominique Horwitz übergangslos in sein Programm ein, indem er die Geschichte zum ersten Chanson präsentiert – die tragikomische Erzählung über das sehnsüchtige Warten auf die Angebetete „Madeleine“. Es ist ein Opener, der das Publikum mit Humor knackt und das typische Eis des Fremdelns, das sich beim ersten Stück so oft einstellt, in Nullkommanichts bricht.

Das zweite Stück leitet er mit dickem französischem Akzent ein, indem er erzählt, dass ein „Wolzärr, därr drei Schlääge hat, särr sympathique“ sei, während ein „Wolzärr, der vierr Schlääge hat“, dagegen „niescht so gut fürr die danse[1], abärr auch särr sympathique“ ist. Ein Walzer mit tausend Schlägen wiederum sei „La valse à mille temps“, ein beschwingtes, ja: rasantes Chanson über die unbändige Kraft der Liebe und die Zeit. Die erste Ballade erreicht der Abend mit der melancholisch-tiefgründigen Liebeserklärung „La chanson des vieux amants“, in deren leicht verschleppten Refrain dann auch zum ersten Mal ein Hauch jener Erschütterung anklingt, die mich 2014 ereilte, als Horwitz Brel sang.

Tatsächlich ging mir schon durch den Kopf, ob deren Ausbleiben gar nicht am scheinbar leichteren Programm selbst, sondern an meiner Art des Musikhörens liegt, die sich mit den Jahren verändert hat. Ich will nicht sagen abgeklärt, aber anders geworden ist. Dass es vielleicht darin begründet ist, dass man mit zunehmendem Alter immer weniger Lebenszeit zur Verfügung hat und ganz genau auswählt, wofür man diese aufwenden möchte – und wofür nicht. Dass man keine Zeit, keine Geduld und keinen Raum für „ganz nett, berührt mich aber nicht wirklich“ mehr hat. Doch jetzt ist sie wieder spürbar – und ich bin erleichtert: Dass es doch am Programm lag. Dass ich mich nicht zum Zyniker entwickelt habe. Dass ich noch berührbar bin. Und mittendrin im Thema dieses Liedes. Damit bin ich nicht allein: Als es verklingt, hört man Taschentuchgeraschel und sich verstohlen schnäuzende Menschen.

„Quand maman reviendra“ dient als das, was Michael Jackson in seiner Autobiografie als „Türöffnerstück“ bezeichnet hat, ich glaube, es war im Zusammenhang mit jenem Lied, das auf seinem 1979er-Album Off The Wall nach „She’s Out of My Life“ platziert wurde, um vorsichtig von der emotionalen Devastation wieder in die Platte und damit ins Leben zu lenken. Hiernach singt sich Horwitz durch die bekannten Brel-Themen, ob es nun darum geht, swingend die beste Tötungsmethode für den Geliebten der Ehefrau ausfindig zu machen („Comment tuer l’amant de sa femme quand on a été élevé comme moi dans la tradition?“), elegisch die Schönheit der flachen flämischen Heimat Brels zu zelebrieren („Le plat pays“), köstliche Mitbringsel zu verschenken, da diese gegenüber vergänglichen Blumen vorzuziehen seien („Les Bonbons“) oder schließlich die – ganz ohne Komik tragische – poetisch-melancholische Milieustudie „Amsterdam“ mit enormer Stimmgewalt zur heroisch-wehen Anrufung geraten lässt, inzwischen er Zuschauerzwischenrufe so en passant wie bilingual pariert.

Blick ins Spiegelzelt: Der Flügel wartet auf Andres Reukauf, das Publikum auf Dominique Horwitz – und Horwitz auf Jacques Brel.

In der Pause schwanke ich zwischen Merlot und Cabernet. „Cabernet. Ganz klar“, bescheidet mich der mir für den Abend zugeteilte Serviceprofi. Ich vertraue ihm.

Die Publikumsgespräche drehen sich inzwischen ganz um den Sänger. „Was für ein großer Schauspieler!“, hört man hier, „welche Bühnenpräsenz!“, heißt es dort. Als die Lichter verlöschen, um den zweiten Teil des Abends einzuleiten, höre ich, wie eine Dame ihrem Begleiter zuraunt: „Na, mal gucken, wie es weitergeht!“

Und Horwitz macht keine Gefangenen. Weiter geht es mit dem magengrubenumdrehenden „Ne me quitte pas“, von dem ich heimlich gehofft hatte, dass er es nicht singen würde. Zu zerstörerisch ist die Wirkung dieses Liedes. Doch es gibt kein Entkommen. Lichtblick: Pianist Reukauf macht eine dezent verspieltere Version aus der flehenden Klage – und sie damit etwas leichter erträglich. Doch eigentlich könnte man jetzt nach Hause gehen, glaubt man doch, mehr könne nicht kommen.

Das wäre aber ein schwerer Fehler, verpasste man dann doch das später zu „Seasons In The Sun“ gewordene „Le moribond“, das eher nach Weckruf denn nach Abschied klingt. Oder „Les Paumés du petit matin“, die müßiggängerischen Bummler der Nacht, die unter barjazzigem Abgesang auf le dernier whisky Papas Geld ausgeben, die Nächte auf der Piste und die Vormittage im Bett verbringen. „Bei der Gelegenheit“, seitenhiebt Horwitz routiniert auf seinen Pianisten, „möchte ich Ihnen meinen Begleiter vorstellen“ – und die Lacher sind ihm sicher. Oder das bissige „Les Flamandes“, das auch wieder durch seine Tragikomik glänzt – und damit einen Großteil der abendlichen Stimmung spiegelt.

Mit dem augenzwinkernden „Bruxelles“, das von den guten alten Zeiten handelte, wo laut Horwitz „der Opa die Oma brüsselte“, ist der Abend wohl endgültig in leichtere Gefilde eingelaufen. Daran kann auch „Voir un ami pleurer“ nichts ändern, und auch nicht „L’Ivrogne“, das Horwitz sängerische wie schauspielerische Höchstleistung abverlangt. Das Publikum tobt: Wieder Ovationen, wieder Jubelpfeifen, erste Bravos, denen Horwitz mit dem klamaukigen (und ja, natürlich auch ein winziges bisschen tragischen) „Le Cheval“ begegnet. Und dennoch: weitere Ovationen. Und Blumen. Womit der offizielle Teil des Abends beendet ist.

Auch wenn man sieht, dass die Künstler völlig verausgabt sind, klatscht man eine Zugabe herbei. Die wird dramaturgisch geschickt mit „La Tendresse“ gegeben, was die tobende Menge beschwichtigt. Damit man erst gar nicht daran denkt, die Künstler weiter zu fordern, wird nun auch schnell das Saallicht wieder eingeschaltet.

Das Spiegelzelt ist immer noch dasselbe. Die kleinen Tische stehen da, die Gläser, die Menschen in ihren schönen Kleidern und Jacketts. Und doch hat sich etwas verschoben. Vielleicht nur um ein paar Millimeter. Vielleicht genau weit genug, um die Welt draußen für einen Moment anders zu betrachten. Denn ein Abend mit Brel ist kein Abend, den man einfach wohlgesättigt verlässt. Jedenfalls nicht, wenn Dominique Horwitz ihn singt. Zu viel hängt an diesen Liedern: zu viel Begehren, zu viel Vergeblichkeit, zu viel groteske Menschenliebe. Sie machen das Schöne nicht weniger schön. Aber sie nehmen ihm die Harmlosigkeit.

Ein letzter Blick auf Weinkarte und Notizen, bevor Berliner Nacht und Heimweg warten

Vielleicht brauchte die diesem Text vorangehende Genuss-Trilogie – vom Klang des Apfels über den Duft des Regens bis hin zum Geschmack der Gefühle – deshalb am Ende noch eine Zugabe. Nicht noch eine Sinnesempfindung. Sondern Musik. Einen Mann am Flügel. Einen Mann, der singt. Die Lieder eines anderen Mannes, der wusste, dass die großen Gefühle nicht deshalb wahr sind, weil sie schön aussehen, sondern weil sie uns im Zweifelsfall die Würde kosten.

Draußen wartet nach diesem Abend wieder Berlin. Die Straßen, die Nacht, der Heimweg, die Vernunft. Ich cruise mit dem Rad durch Schöneberg und versuche, das Ankommen im Alltag noch etwas hinauszuzögern, Horwitz‘ Brel in Hirn und Herz bewegend, der uns daran erinnert, dass vollkommener Genuss manchmal genau dort beginnt, wo es ein wenig wehtut.

Dominique Horwitz singt Brel.
Noch bis einschließlich 6. Juni 2026 in der Bar jeder Vernunft


[1] Ich kann von meinem eigenen Hochzeitswalzer berichten, dass es Tanzlehrern gelingt, ihren – nun, sagen wir mal: nicht ganz so begabten – Schülern beizubringen, einen Walzer mit einer Viererzählzeit zu vereinfachen, indem sie statt des ¾-Taktes Sechsachtel zählen und das Paar stoisch auf die Achtel tanzen lassen.

 

 

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