Der Flaschenhals - klangverführer | Musik in Worte fassen
Der Flaschenhals

Der Flaschenhals

Der Flaschenhals

Es gibt Absagen, die sind schnell geschrieben. Kein Interesse, kein Bezug, kein Thema. Danke für die Zusendung, leider passt es diesmal nicht. Freundliche Grüße.

Und dann gibt es die anderen.

Die, bei denen ich die Mail zwei-, drei-, viermal öffne, bevor ich antworte. Weil ich den Namen kenne. Weil ich das letzte Album besprochen habe. Weil ich weiß, dass da jemand nicht einfach „Content“ in die Welt kippt, sondern über Jahre, oft Jahrzehnte hinweg an einem eigenen Klang arbeitet. Weil ich die Künstlerin oder den Künstler prinzipiell spannend finde – und das neue Projekt interessant. Weil ich die Musik vermutlich sogar gern hören würde – aber nicht weiß, wann. Und weil ich trotzdem schreiben muss: Ich kann es leider nicht unterbringen.

Nicht, weil die Musik es nicht verdient hätte. Sondern weil der Platz fehlt.

Der Satz klingt banal, aber er beschreibt eine Realität, die sich seit Jahren zuspitzt. Rezensionen waren nie ein Überflussgeschäft. Schon gar nicht im Jazz, in der improvisierten Musik, in den Zwischenräumen zwischen Konzertsaal, Club, Kirche, Off-Space und Festivalzelt. Aber lange gab es wenigstens ein Geflecht: Tageszeitungen mit Kulturseiten, Stadtmagazine, Fachzeitschriften, Blogs, freie Autorinnen und Autoren, kleinere Redaktionen mit erstaunlich großem Interesse an erstaunlich spezieller Musik.

Dieses Geflecht wird dünner.

Manche Medien verschwinden ganz. Andere erscheinen seltener. Wieder andere existieren zwar weiter, haben aber weniger Seiten, weniger Honoraretat, weniger redaktionelle Luft. Aus Kritiken werden Tipps, aus Tipps werden Veranstaltungshinweise, aus Veranstaltungshinweisen werden Social-Media-Posts, und irgendwann bleibt von der erhofften Auseinandersetzung mit einer künstlerischen Arbeit nur noch ein wohlmeinendes „Hört mal rein“.

Das ist nicht nichts. Aber es ist etwas anderes.

Zu viele Stimmen, zu wenig Resonanzraum
Bild: David J. Hotz

Ich merke das inzwischen sehr direkt. Nicht als abstrakte Branchendiagnose, sondern in meinem Postfach. Immer häufiger melden sich Musikerinnen und Musiker, Labels, Ensembles oder PR-Leute mit Veröffentlichungen, an denen ich tatsächlich interessiert wäre. Menschen, deren Arbeit ich kenne. Alben, die in mein Themenfeld passen. Projekte, die nicht nach schneller Sichtbarkeit, sondern nach echter Beschäftigung verlangen.

Und immer öfter muss ich absagen.

Bei mir hat das auch persönliche Gründe. Ich habe meine Arbeit neu sortiert, bediene weniger Medien, wähle bewusster aus, was ich noch schreibe, wo ich schreibe und wofür ich meine Energie einsetze. Das ist eine Entscheidung, hinter der ich stehe. Trotzdem fällt sie nicht ins Leere. Sie trifft auf eine Szene, in der ohnehin immer weniger Orte übrigbleiben, an denen Musik öffentlich besprochen wird.

Damit verändert sich auch der Ton der Anfragen.

Früher klang vieles nach Angebot: Hier ist ein Album, vielleicht interessiert es dich. Heute klingt es öfter nach Hoffnung. Manchmal nach Sorge. Manchmal nach einer fast entschuldigenden Dringlichkeit. Ob ich nicht doch. Ob es vielleicht irgendwo passen könnte. Ob wenigstens ein kleiner Hinweis möglich wäre. Ob ich jemanden wüsste.

Inzwischen betrifft dies aber nicht mehr nur jene, deren Arbeit ich kenne oder schon einmal besprochen habe. Da wird es dann völlig unangenehm: wenn Anfragen nicht mehr als Anfragen formuliert sind, sondern als Versuch, einen Kontakt zu erzwingen. Besonders dann, wenn mir völlig unbekannte Musikerinnen oder Musiker über semi-private Kanäle schreiben und, wenn ich dort nicht reagiere, unter einem thematisch völlig unabhängigen Facebook-Post, der zufällig öffentlich sichtbar ist, noch einmal nachsetzen: Sie hätten mir doch eine Nachricht geschickt. Implizit steht dann sofort die nächste Frage im Raum: ob ich sie etwa nicht gesehen hätte – und warum ich eigentlich nicht antworte.

Ich verstehe die Verzweiflung, wirklich. Ich weiß, wie viel auf dem Spiel stehen kann, wenn ein Album erscheint und niemand darüber schreibt. Aber genau hier verläuft eine Grenze. Eine berufliche Anfrage bleibt eine berufliche Anfrage – auch dann, wenn die Not groß ist. Wer sie in private oder halbprivate Räume hinein verlängert, erzeugt keinen besseren Kontakt, sondern Druck. Und bei mir vor allem den Wunsch, mich zu entziehen.

Das ist nicht mehr Hartnäckigkeit. Das ist übergriffig. Nicht dramatisch im großen Sinn, aber doch deutlich genug, um benannt zu werden. Niemand hat Anspruch auf meine Antwort, meine Zeit oder meine Aufmerksamkeit, nur weil irgendwo eine Nachricht unbeantwortet geblieben ist. Manchmal ist keine Antwort leider genau das: eine Antwort.

Aber zurück zu den Musizierenden, die mich interessieren, die ich mag und über die ich eigentlich schreiben will: Ich verstehe, dass eine Rezension für viele von ihnen nicht nur Eitelkeit ist und auch nicht nur Promo. Sie ist Sichtbarkeit, Einordnung, Bestätigung, Material für Förderanträge, Veranstalterinnen, Bookings, spätere Referenzen, Archiv. Sie sagt: Diese Arbeit hat stattgefunden. Jemand hat hingehört. Jemand hat sich die Mühe gemacht, mehr zu formulieren als „schön“ oder „spannend“.

Gerade in einer Musik, die sich oft nicht über Algorithmen, Playlists oder massentaugliche Erzählungen vermittelt, ist das nicht nebensächlich. Kritik ist Teil der kulturellen Infrastruktur. Wenn sie wegbricht, verschwindet nicht nur Textfläche. Es verschwindet Resonanzraum.

Für mich persönlich entsteht daraus ein unangenehmer Zwischenraum. Und Erwartungs-, ja: Handlungsdruck. Dabei bin ich nicht die Redaktion. Ich bin nicht der Markt. Ich bin nicht verantwortlich für das Mediensterben.[1] Und doch sitze ich am Ende als Person vor der Anfrage und muss eine Entscheidung treffen, die sich für das Gegenüber wie Ablehnung anfühlen kann.

Das ist der emotionale Teil, über den selten gesprochen wird.

Denn natürlich kann man professionell bleiben. Natürlich kann man freundlich absagen. Natürlich kann man erklären, dass Kapazitäten begrenzt sind. Aber in einer kleinen Szene bleibt es selten abstrakt. Man begegnet sich wieder. Auf Festivals, bei Premieren, in Clubs, bei Panels, in Jurys, in Foyers, an Biertischen, in Backstageküchen. Man mag sich. Man schätzt sich. Man weiß, wie viel Arbeit in dem steckt, was da gerade um Aufmerksamkeit bittet.

Und dann enttäuscht man trotzdem.

Das wird nicht leichter dadurch, dass alle Beteiligten wissen, wie das Spiel funktioniert. Im Gegenteil. Gerade weil alle es wissen, liegt so viel Müdigkeit darin. Die Musiker wissen, dass sie fragen müssen. Die Journalistinnen wissen, dass sie nur einen Bruchteil auffangen können. Die Redaktionen wissen, dass Kulturseiten schön wären, aber Anzeigen, Abos, Klicks, Kosten und Personalschlüssel andere Realitäten schaffen. Am Ende stehen alle mit guten Gründen da – und trotzdem bleibt zu wenig Platz.

Besonders bitter ist: Die Menge an Musik nimmt nicht ab. Im Gegenteil. Es wird aufgenommen, veröffentlicht, verschickt, geteilt, dokumentiert. Nie war es technisch so leicht wie heute, eigene Musik zu veröffentlichen: „Eine Platte aufnehmen“ geschieht heute im heimischen Studio – und das zu einem Bruchteil der Kosten von früher. Digitale Vertriebe bringen Aufnahmen unabhängiger Künstlerinnen und Künstler inzwischen mit wenigen Schritten auf Plattformen wie Spotify, Apple Music oder andere Streamingdienste.[2] Kurz: Immer mehr künstlerische Arbeit konkurriert um immer weniger journalistische Aufmerksamkeit. Der Flaschenhals wird enger, während der Strom davor nicht kleiner wird.

Das verändert auch die Wahrnehmung von Kritik. Wo Rezensionen seltener werden, bekommen sie ein Gewicht, das ihnen fast schadet. Jede Besprechung wird wichtiger. Jede Nicht-Besprechung fühlt sich härter an. Jede Auswahl wirkt schneller wie ein Urteil, obwohl sie oft nur eine Kapazitätsentscheidung ist.

Vielleicht ist das einer der schwierigsten Punkte: Nicht über etwas zu schreiben, bedeutet nicht, dass es unwichtig ist. Es bedeutet nicht, dass die Musik misslungen ist. Es bedeutet nicht, dass kein Interesse besteht. Manchmal bedeutet es schlicht: Es gibt keinen Ort dafür. Oder keine Zeit. Oder kein Honorar. Oder keine redaktionelle Strecke. Oder keine Kraft, neben Brotjob, Deadlines, Familienlogistik und dem ganz normalen Leben noch ein weiteres Album seriös zu durchdringen.

Seriös ist hier das entscheidende Wort.

Denn natürlich könnte man mehr schreiben, wenn man weniger meint. Wenn man schneller hört, schneller urteilt, schneller lobt, schneller abspeist. Aber das wäre nicht die Lösung. Eine Rezension ist für mich kein Gefälligkeitsformat. Sie braucht Aufmerksamkeit, Abstand, Sprache, manchmal Recherche, manchmal Widerspruch, immer einen zweiten oder dritten Durchlauf. Wer Musik ernst nimmt, kann nicht alles schnell nebenbei erledigen.

Genau deshalb schmerzt der Flaschenhals so. Nicht, weil niemand mehr etwas zu sagen hätte. Sondern weil viele sehr wohl etwas zu sagen hätten, aber immer seltener bezahlt, beauftragt oder veröffentlicht werden.

Was also tun?

Ich habe dafür keine große Lösung. Ich glaube nicht an einfache Appelle. „Mehr Kulturjournalismus!“ ist richtig, aber als Satz ungefähr so wirksam wie „Mehr bezahlbare Wohnungen!“ oder „Mehr Zeit!“ Man kann dafür sein, ohne dass sich dadurch sofort Strukturen ändern.

Aber vielleicht hilft es, den Druck sichtbar zu machen. Nicht als Klage einzelner Gekränkter, sondern als Beschreibung eines Systems, das an mehreren Stellen gleichzeitig ausdünnt. Musikerinnen und Musiker brauchen Öffentlichkeit. Redaktionen brauchen Ressourcen. Freie Autorinnen und Autoren brauchen Honorare, die mehr sind als symbolische Anerkennung. Und Leserinnen und Leser brauchen Orte, an denen sie erfahren, was jenseits der großen Namen, großen Häuser und großen Kampagnen entsteht.

Denn das alles hängt zusammen.

Wenn Rezensionen verschwinden, verliert nicht nur die einzelne Veröffentlichung an Sichtbarkeit. Es verliert eine ganze Szene an öffentlichem Gedächtnis. Was nicht besprochen wird, ist nicht automatisch unwichtig. Aber es ist schwerer auffindbar. Schwerer zitierbar. Schwerer einzuordnen. Schwerer weiterzuerzählen.

Vielleicht ist das der Grund, warum mir manche Absagen inzwischen so schwerfallen. Weil ich weiß, dass ich nicht nur eine Mail beantworte. Ich ziehe eine kleine Tür zu, durch die früher vielleicht noch jemand hätte durchgehen können.

Und natürlich öffnet sich anderswo eine andere Tür. Newsletter, Podcasts, eigene Kanäle, Social Media, Bandcamp-Texte, Substack, persönliche Empfehlungen. All das kann wichtig sein. Manches davon ist lebendig, direkt, näher an den Künstlerinnen und Künstlern als der klassische Feuilletonbetrieb es je war. Aber es ersetzt nicht vollständig, was unabhängige Kritik leisten kann: ein Gegenüber, das nicht Teil der Kampagne ist. Eine Stimme, die nicht verkaufen muss. Einen Text, der Musik nicht nur ankündigt, sondern befragt. Der Verbindungen herstellt, Widersprüche zulässt, Entwicklungen sichtbar macht. Der im besten Fall auch Jahre später noch etwas über einen Moment, eine Szene, eine ästhetische Bewegung erzählt.

Vielleicht sollten wir darüber wieder mehr sprechen. Nicht nur, wenn das nächste Medium eingestellt wird. Nicht nur, wenn die nächste Kulturseite verschwindet. Nicht nur, wenn die nächste freie Autorin, der nächste freie Autor leise aufhört, weil sich die Arbeit nicht mehr trägt.

Sondern jetzt. Während noch geschrieben wird.

Und während im Postfach die nächste Anfrage wartet, die ich gern annehmen würde.

Wirklich gern. Aber es geht nicht.

Leider.


[1] Der Flaschenhals ist nicht nur gefühlt enger: Der BDZV verzeichnet weiter sinkende Vertriebsumsätze, besonders bei regionalen Abozeitungen; zugleich zeigt die Wüstenradar-Studie der Hamburg Media School, dass in jedem zweiten Landkreis nur noch eine Tageszeitung erscheint.
http://www.bdzv.de/service/presse/branchennachrichten/2025/bdzv-umsatzerhebung-zeitungsverlage-zwischen-rueckgang-und-aufbruch?
www.wuestenradar.de/wp-content/uploads/sites/18/2024/11/Wuestenradar-2024-web.pdf

[2] So etwa nutzen mehr als zwei Millionen unabhängige Musikerinnen und Musiker den Dienst CD Baby, um ihre Musik unter anderem auf Spotify und Apple Music zu vertreiben, https://cdbaby.com/music-distribution/

————————————————————————————

Ich schreibe diese Texte, weil sie geschrieben werden wollen.
Wer sie nicht nur lesen, sondern auch tragen möchte, kann sie über diesen Förderlink unterstützen.

Leave a comment:

Top