Wer schreibt eigentlich deine Texte?
Foto von Mira: Victoriah Szirmai, Collage: David J. Hotz
Ich hatte mal eine Hündin namens Mira.
Ihr Vorleben war nicht immer schön. So hatte sie eine, ich nenn es mal freundlich: ungesunde Skepsis gegenüber fremden Menschen, vor allem Männern, entwickelt. „Cave!“ stand nicht grundlos in ihrer Tierarztakte, wo man ihr vor der Behandlung die Schnute erst mit einer Mullbinde, darüber einem Plastikmaulkorb und darüber einem Drahtmaulkorb versah. Spoiler: Sie hat es dennoch geschafft, denn künstlichen Fingernagel der Arzthelferin zu lochen. Weil diese ihr ans Ohr fassen wollte. Kurz: Mit diesem Hund war nicht zu spaßen. (Dass er später ein wunderbarer Begleiter wurde, der sich auch von fremden Männern streicheln ließ, ist eine andere Geschichte.)
Noch zu Maulkorbzeiten fuhr ich mit Mira Straßenbahn. Eine Dame meinte, ihr Fingerchen durch das Gitter stecken zu müssen, um „dem armen Hund die Nase zu streicheln“. Mira war so verblüfft, dass sie nicht zubiss.
Ähnlich perplex war ich, als man mich letztes Jahr auf der jazzahead!, wo ich einige Showcase-Konzerte anmoderierte, fragte: „Wer schreibt eigentlich deine Texte?“
Wahrscheinlich hätte zumindest meine weibliche Eitelkeit geschmeichelt sein sollen – man hielt mich immerhin für hübsch genug, dass ich einfach nur zum Fremdetextevorlesen gebucht wurde.
Aber. Ich saß da, starrte den Fragenden an – und wusste nichts zu sagen. Ehrlich, vor Verblüffung hatte ich keine Antwort. Ich meine, Alter: Es ist mein verdammter Job, Texte zu schreiben! Was dachte der denn, was ich mache, wenn nicht genau das?
Und dann wurde mir klar: Frauen werden solche Fragen noch immer gestellt. Männern nicht. Und wenn es doch mal passiert, zumindest ohne diese generelle Grundskepsis. Es ist dieser kleine, unterschwellige Zweifel, der Frauen oft signalisiert: „Kann sie das wirklich alleine?“ Ich saß also da, verblüfft und auch ein bisschen sauer.
Foto: David J. Hotz
In eine ganz ähnliche Richtung geht übrigens die – nicht mal als Frage getarnte – Unterstellung: Den Job hast du doch nur gekriegt, weil du eine Frau bist. (Nein, sondern weil ich gut bin.) Oh, du bist aber teuer! (Ich bin auch nicht dazu angetreten, die Günstigste auf dem Markt zu sein.) Für all das habe ich Standardantworten, so oft hab ich mir das schon anhören müssen. Aber „Wer schreibt eigentlich deine Texte?“
Wie die Menschen hoffentlich lernen werden, dass gewisse „arme Hunde“ den Maulkorb nicht zur Zierde tragen, werden sie vielleicht auch irgendwann zu dem Schluss kommen, dass ein Bäcker seine Brote selbst macht, eine Schneiderin ihre Kleider – und eine Journalistin ihre Texte. Eigentlich sollte das selbsterklärend sein.
In eine ähnliche Kategorie fällt: „Du hast den Job ja nur bekommen, weil du eine Frau bist!“, wobei das nicht einmal eine Frage ist, aber trotzdem eine Antwort verdient. „Nein, ich habe ihn bekommen, weil ich gut bin.“ Oder: „Deine Texte sind aber ganz schön teuer!“ – „Ich bin ja auch nicht angetreten, die preiswertestesn Texte anzubieten – sondern solche, die ihren Preis wert sind!“
Es kann ermüdend sein.
Übrigens: Wer ähnliches in der Musikbranche erlebt, kann bei Wellemachen e.V., einem gemeinnützigen Verein für feministische Musikkultur, davon erzählen. Der sammelt gerade – auch anonym – solcherlei Erfahrungen und Geschichten. Mitmachen lässt sich hier.
Eine gute Antwort auf die anmaßende Frage, wer eigentlich meine Texte schreibt, habe ich übrigens immer noch nicht gefunden. Aber, nach einer Sparrings-Runde mit einer künstlichen Intelligenz, ein paar lustige (anstatt desr ebenso naheligenden wie langweiligen „Interessante Frage. Dieselbe stellst du männlichen Autoren vermutlich eher selten, oder?“):
„Ich. Überraschend, ich weiß.“
„Ich tatsächlich selbst. Genau deshalb klingen sie auch so, wie sie klingen.“
„Ach, das mache ich schon selbst. Sonst wären sie vermutlich langweiliger.“
„Interessant, dass gute Texte für manche offenbar immer noch männlich klingen.“
„Wenn Frauen analytisch schreiben, wird erstaunlich schnell nach einem unsichtbaren Mann gesucht.“
„Das ist der Nachteil daran, wenn Frauen Expertise entwickeln — irgendwann glaubt man ihnen kein Wort mehr.“
„Keine Sorge, ich habe nicht heimlich einen Thomas Mann im Keller zu sitzen.“
„Ich höre Musik und schreibe darüber. Der zweite Teil irritiert manche erstaunlich stark.“
„Die schreibe ich selbst. Auch die komplizierten Sätze.“
Andere Ideen? Immer her damit!
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