Vom Geschmack der Gefühle

Es begann, wie so vieles beginnt, mit einer dieser unscheinbaren Karten in einem Goodiebag, die leicht übersehen werden. Zwischen Programmen, Werbematerialien und anderem Messebeiwerk lag während der diesjährigen jazzahead! eine schwarzweiß gestreifte Karte vom Universum® Bremen im Beutel. Übersehen konnte man sie nicht, klebte an ihr doch ein Bonbon, weshalb sie sich der nahtlosen Einsortierung in den „Guck ich mir später an“-Stapel entzog.
Also gucke ich gleich. „Taste Bud Test“ steht da drauf. Und darunter die Behauptung, dass Verliebte – insbesondere Männer – Süßes intensiver und Salziges schwächer wahrnehmen würden.
Ich muss lachen. Nicht nur, weil die Vorstellung charmant absurd – oder absurd charmant – klingt. Sondern auch, weil sie sofort etwas in Bewegung setzt: die Erinnerung daran, wie oft wir Geschmack behandeln. Als wäre er etwas, das einfach „da“ ist. Dabei wissen wir längst, dass das nicht stimmt.
Jeder frisch Verliebte kennt wohl diesen Restaurant-Moment, wo man gebratene Schuhsohle essen und sie für das Meisterwerk eines Fünf-Sterne-Kochs halten würde. Einfach, weil der Moment stimmt – und die Hormone längst das Sagen übernommen haben.
Aber es muss gar nicht Schuhsohle sein. Offenbar schmeckt selbst dieselbe Speise anders, abhängig davon, ob unser Herz gerade brennt oder zerbrochen ist. Wer verliebt ist, lebt in einer Art sensorischer Überbelichtung. Farben wirken intensiver. Musik trifft unmittelbarer. Selbst Wartezeiten an U-Bahn-Stationen bekommen plötzlich eine eigentümliche elektrische Aufladung. Warum also sollte ausgerechnet der Geschmackssinn davon unberührt bleiben?
Sensorik ist, wenn man nicht gerade ein geschulter Experte ist, dem es gelingt, sich von seinen tagesformabhängigen Be- und Empfindlichkeiten zu lösen, kein neutrales Messinstrument. Sie ist ein Resonanzraum.
Und das ist keine gefühlte Wahrheit, folgt man eingangs erwähnter Studie aus Bremerhaven, die angetreten ist, einen emotionalen Ausnahmezustand nicht bloß metaphorisch, sondern sensorisch und biochemisch zu untersuchen: also die Frage, ob Verliebtheit tatsächlich messbare Auswirkungen darauf hat, wie Menschen schmecken.[1]
Andererseits ist – auch der verliebte – der Körper keine Maschine, die Sinneseindrücke lediglich registriert. Er interpretiert permanent. Aufmerksamkeit, Erwartung, Erinnerung – all das mischt mit im großen Orchestergraben der Wahrnehmung.
Vielleicht erklärt das auch, weshalb Trostessen funktioniert. Weshalb manche Speisen untrennbar mit bestimmten Menschen verbunden bleiben. Weshalb ein Gericht nach einem Urlaub plötzlich schal schmecken kann, obwohl das Rezept vom Urlaubsort identisch geblieben ist. Oder weshalb ein einfacher Rotwein in der richtigen Gesellschaft besser schmecken kann als der teuerste Barolo allein vor dem Fernseher.
Die romantische Vorstellung, Liebe mache das Leben süßer, war also womöglich nie bloß Metapher. Sondern immer auch Physiologie. Gefühle verändern offenbar nicht die Welt selbst – wohl aber die Intensität, mit der sie uns erreicht.
Vielleicht ist genau das übrigens auch ein Grund, weshalb Musik und Essen so gut zusammenpassen, wenn nicht gar zusammengehören. Warum ein Konzertabend ohne das Glas Wein danach seltsam unvollständig wirkt. Warum bestimmte Alben für immer nach bestimmten Bars, Küchen oder Sommernächten schmecken. Und weshalb man manche Musik buchstäblich bis zur Neige auskostet, während andere einen nüchtern zurücklässt.
Denn auch Musik erschöpft sich nicht im rein Akustischen. Sie trifft auf Menschen, die sich in unterschiedlichen emotionalen Zuständen befinden – und kann dadurch unterschiedlich intensiv wirken. Wer verliebt ist, hört womöglich empfänglicher und aufmerksamer für bestimmte Schattierungen. Nicht die Musik verändert sich dabei. Aber die Durchlässigkeit, mit der wir ihr begegnen.
Am Ende sind unsere Sinne eben keine voneinander getrennten Abteilungen, sondern ein Ensemble. Ein ziemlich sensibles noch dazu. Und womöglich besteht die eigentliche Kunst des Lebens darin, sich diese Empfänglichkeit nicht vollständig abtrainieren zu lassen – in einer Welt, die Wahrnehmung immer häufiger auf Funktionalität reduziert.
Oder, etwas einfacher gesagt: Vielleicht ist man in den Phasen der Verliebtheit schlicht empfänglicher – für geschmackliche Nuancen ebenso wie für musikalische.

[1] Vgl. dazu Christian Colmer, Gänseblümchen war gestern – Heute verraten Hormone und Geschmack die Geheimnisse der Liebe, https://idw-online.de/de/news517813 für eine kurze Zusammenfassung und Carsten Harms, Claudia Buchholz, Kathrin Mittag, Pamela Kruse und Werner Mlodzianowski, Der Geschmack der Verliebtheit. Eine biochemische Analyse verliebter Geschmackssensoren, https://img.chemie.de/Portal/PDF/Qarticles/20841_38O0yhTfh.pdf
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