Und plötzlich hatte ich einen Migrationshintergrund - klangverführer | Musik in Worte fassen
Und plötzlich hatte ich einen Migrationshintergrund

Und plötzlich hatte ich einen Migrationshintergrund

Und plötzlich hatte ich einen Migrationshintergrund

I/II

Als ich zwölf war, bekam ich einen Migrationshintergrund.

Jedenfalls fühlte es sich so an.

Tatsächlich hatte sich an meiner Familie nichts geändert. Mein Vater war schon vorher Ungar gewesen. Ich war schon vorher in Berlin geboren, genauer: in der Charité, worauf man als Berliner durchaus stolz ist. Wir lebten in derselben Wohnung, gingen dieselben Wege, sprachen dieselbe Sprache. Und doch war plötzlich etwas anders.

Denn plötzlich wurde ich gefragt: Wo sind deine Eltern geboren?

Welche Staatsangehörigkeit haben sie?

Fragen, die in meiner Kindheit niemand gestellt hatte.

Ich bin in der DDR aufgewachsen. Das ist für diese Geschichte wichtig. Denn die DDR war keineswegs ein Land, das Vielfalt besonders gefeiert hätte. Eher das Gegenteil. Unterschiede wurden nicht betont, sondern eingeebnet. Alles hatte möglichst gleich zu sein.

In meiner Schulklasse gab es einen Jungen mit russischer Mutter und mich mit ungarischem Vater. Wir galten nicht als „Kinder mit Migrationshintergrund“. Diesen Begriff gab es ohnehin nicht. Wir galten einfach als Kinder.

Auch andere Abweichungen von der Norm wurden eher verschwiegen als besprochen. Wer jüdische Wurzeln hatte, sprach selten darüber. Und wenn, sorgten die Lehrer schon dafür, dass man bald nicht mehr darüber sprach. Kurz: Wer familiäre Geschichten mitbrachte, die nicht in das offizielle Bild passten, lernte schnell, dass manche Themen besser im Privaten blieben.

Das war nicht unbedingt tolerant. Es war vor allem gleichmachend. Denn die DDR hatte nicht verstanden, dass Gleichheit vor allem Gleichwertigkeit bedeutet. Nicht Gleichartigkeit.

Man könnte auch sagen: Unterschiede existierten durchaus. Man sprach nur nicht darüber.

Dann kam die Wende.

Und mit ihr eine neue Sprache.

Plötzlich wurden Unterschiede sichtbar gemacht, benannt und erfasst. Formulare wollten wissen, wo die Eltern geboren wurden. Statistiken teilten Menschen in Gruppen ein. Herkunft wurde zu einer Kategorie.

Ich hatte – und habe bis heute – das Gefühl, wenn ich eine Umfrage zu politischen oder sozialen Themen ausfülle und zum Schluss gefragt wird, „Sind beide Ihrer Elternteile in Deutschland geboren?“ und ich „Nein“ ankreuze, dass meine Ergebnisse nicht mehr Spiegel meiner personlichen Individualität sind, sondern gleich in die Kategorie „Ist ja typisch, dass sie so denkt, sie hat ja einen Migrationshintergrund“ eingeordnet werden. Das nervt.

Es mag ja aus heutiger Sicht gute Gründe haben – allerdings eher im Sinne von gut gemeint als gut gemacht. Wer Diskriminierung erkennen will, muss Unterschiede sichtbar machen. Wer gesellschaftliche Entwicklungen verstehen will, braucht Daten. Wer Integration gestalten will, muss zunächst wissen, wer eigentlich integriert werden soll.

Und doch bleibt bei mir dasselbe seltsame Gefühl zurück wie damals.

Denn ich hatte mich nie als Migrantenkind verstanden.

Nicht, weil ich meine Herkunft verleugnet hätte. Der ungarische Teil meiner Familie war immer da. Er gehörte zu meiner Biografie, zu Familiengeschichten, Begegnungen und Erfahrungen.

Aber er war nie die Antwort auf die Frage gewesen, wer ich bin.

Diese Antwort schien nun plötzlich von außen geliefert zu werden.

Ich war nicht mehr einfach Victoriah.

Ich war nun auch jemand mit Migrationshintergrund.

Je älter ich wurde, desto häufiger begegnete mir dieses Muster. Menschen wurden nicht mehr nur als Individuen betrachtet, sondern als Vertreter bestimmter Gruppen. Frauen. Ostdeutsche. Menschen mit Migrationshintergrund. Juden. Akademikerkinder. Arbeiterkinder.

Natürlich steckt in solchen Kategorien oft eine Realität. Herkunft prägt Erfahrungen. Familiengeschichten hinterlassen Spuren. Niemand entsteht im luftleeren Raum.

Und doch habe ich mich immer gefragt, wie viel Definitionsmacht wir diesen Kategorien geben wollen.

Wann beschreiben sie eine Erfahrung?

Und wann beginnen sie, Menschen auf diese Erfahrung zu reduzieren?

Vielleicht liegt die Wahrheit weder im alten Gleichmachungsdrang der DDR noch in der heutigen Lust am Kategorisieren.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung darin, beides gleichzeitig auszuhalten.

Dass Herkunft etwas bedeutet.

Aber nicht alles.

Dass Biografien Unterschiede hervorbringen.

Aber Menschen mehr sind als die Schubladen, in die man sie einsortiert.

Mein Vater war Ungar.

Ich bin Berlinerin.

Beides stimmt.

Und keines von beidem erklärt mich vollständig.

 

 

 

II/II

Jahrzehnte später machte ich einen DNA-Test.

Nicht, weil ich auf der Suche nach meiner Identität gewesen wäre. Eher aus Neugier. Und weil ich für die Pitbulls welche machen musste, sodass ich mit dem Prozedere mittlerweile recht gut vertraut war.

Die Ergebnisse waren auf ihre Weise faszinierend. Nord- und Westeuropa. Osteuropa. Balkan. Ein aschkenasisch-jüdischer Anteil. Ein Hauch Naher Osten. Dazu die Erkenntnis, dass der winzige irisch-schottisch-walisische Anteil in meinen Genen offenbar von meiner Mutter stammt, deren Ergebnis von diesen geprägt ist – aber auch noch ein ganzes Prozent Orient enthält.

Was sagt unsere Genetik über uns aus?
Links meine DNA, rechts jene meiner Mutter

Die moderne Welt liebt solche Grafiken. Sie zerlegen Menschen in Prozentzahlen und Herkunftsgruppen. Sie suggerieren eine Eindeutigkeit, die wissenschaftlich beeindruckend und gleichzeitig seltsam unbefriedigend ist.

Denn was sagen diese Zahlen eigentlich über mich?

Die von meinem Vater kenne ich nicht – und kann ihn auch nicht mehr zum DNA-Test schicken.

Fakt aber ist: Er war Ungar. Daran gibt es keinen Zweifel. Er wurde in Ungarn geboren, sprach Ungarisch, lebte in Ungarn. Und doch wird die Geschichte komplizierter, sobald man ein paar Generationen zurückgeht.

Die Familie meines ungarischen Großvaters hieß ursprünglich Steiner. Eine jüdische Familie mit deutschsprachigen Wurzeln, die ihren Namen irgendwann im Zuge der Magyarisierungs- und Konversionswelle um die Jahrhundertwende änderte.

Aus Steiners wurden Szirmais. „Verdächtig jüdisch“ klingende, nämlich deutsche Namen, wurden ungarisch. Deutsch-jüdische Familien wurden Teil der ungarischen Gesellschaft. Grenzen verschoben sich. Identitäten veränderten sich.

Je tiefer ich in diese Geschichte eintauche, desto weniger erscheinen mir Begriffe wie deutsch, ungarisch oder jüdisch als klar voneinander getrennte Kategorien.

Was ich hier entdecke, ist vor allem Mitteleuropa.

Ein Raum, in dem Menschen wanderten, heirateten, konvertierten, ihre Namen änderten, mehrere Sprachen sprachen und oft mehr als einer Kultur angehörten. Ein Raum, in dem Familiengeschichten selten geradlinig verlaufen.

Vielleicht irritiert mich der Begriff Migrationshintergrund deshalb so sehr.

Er verspricht eine Eindeutigkeit, die ich in meiner eigenen Geschichte nie gefunden habe. Er soll Klarheit schaffen und liefert stattdessen eine noch kompliziertere Geschichte. Ironischerweise gilt das selbst für meinen DNA-Test. Eigentlich sollte er meine Familiengeschichte vereinfachen. Er hat sie aber verkompliziert.

Als Kind in der DDR wurden Unterschiede eingeebnet. Nach der Wende wurden sie kategorisiert. Heute werden sie genetisch vermessen. Und je präziser die Methoden werden, desto schwerer fällt es mir, mich in eine einzige Schublade einordnen zu lassen.

So bleibt am Ende immer wieder dieselbe Erkenntnis: Keine Statistik, kein Formular und kein DNA-Test kann vollständig erklären, wer ein Mensch ist.

Mein Vater war Ungar.

Die Steiners wurden Szirmais.

Meine DNA erzählt von Nord-, West- und Osteuropa. Vom Balkan. Vom keltischen Raum und vom Orient.

Und ich bin eine in Berlin geborene Deutsche, die erst mit zwölf Jahren erfuhr, dass sie angeblich einen Migrationshintergrund hat.

Manchmal erfahre ich das übrigens bis heute.

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