Wie Regen riecht
I/II
Vielleicht beginnt Erwachsenwerden genau dort, wo Menschen aufhören, Dinge wahrzunehmen.
Nicht bei der Wissenschaft. Nicht bei der Etymologie. Sondern bei diesem Satz eines Kindes, den ich neulich auf der Straße gehört habe: „Papa, du weißt ja nicht, wie Regen riecht.“ Ich hatte mich gerade darüber gefreut, dass nach zwei schwülen Tagen die ersten Tropfen fielen – und sich die Atmosphäre schlagartig änderte. Es roch nach Gras und Erde, nach Kopfsteinpflaster, vielleicht auch ein bisschen nach Graphit.
Ein Geruch, den ich immer geliebt habe, der für mich aber einfach nur „nach Regen“ duftete, bis ich auf die jüngsten Kosmos-Seiten des SZ-Magazins stieß, wo es heißt:
„Petrichor nennt sich der Geruch, wenn Regen auf trockenen Boden trifft. Der Name, 1964 von zwei australischen Wissenschaftlern geprägt, klingt nach antikem Götterblut – und ist es gewissermaßen: pétrā, der Stein, und ichōr, das Blut der Götter. […] Über Jahrtausende hat unser Gehirn diesen Duft als Verheißung gespeichert. In Indien wird Petrichor durch Dampfdestillation von Lehm gewonnen und als Duft getragen. Der Westen hat dafür keine Tradition. Nur ein Glücksgefühl, für das man gern nass wird.“
Der Vater hätte den Vorgang vermutlich erklären können. Sommerregen auf trockenem Asphalt. Feuchte Erde. Geosmin. Für all das gibt es Wörter.
Aber das Kind meint etwas anderes.
Es meint nicht den chemischen Vorgang. Nicht das Wort. Nicht die Definition. Sondern die Fähigkeit, überhaupt noch überrascht zu sein, dass Regen einen Geruch hat.
Denn als es fragte, „Papa, riechst du das auch?“, erwiderte dieser: „Was denn? Ich rieche nichts.“
Vielleicht verlieren Erwachsene Gerüche zuerst. Nicht, weil ihre Nasen schlechter werden. Sondern weil sie aufhören, der Welt sensorisch zu begegnen. Alles wird sofort erkannt, eingeordnet, benannt. Regen ist Wetter. Kein Ereignis.
Kinder dagegen leben noch in einer Welt, in der Dinge nicht bloß Funktionen haben. Regen macht nicht nur nass. Regen riecht. Asphalt dampft. Luft verändert ihre Farbe, noch bevor der Himmel es tut.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Tragik des Erwachsenwerdens: Nicht, dass wir Dinge vergessen. Sondern dass wir verlernen, sie zu bemerken.
Der Vater in dieser kleinen Szene steht plötzlich da wie jemand, dem unbemerkt ein Sinn abhandengekommen ist. Und die Tochter sagt es nicht einmal vorwurfsvoll. Eher erstaunt. Fast mitleidig.
„Papa, du weißt ja nicht, wie Regen riecht.“
Als hätte sie gerade entdeckt, dass Erwachsene manchmal weniger Welt besitzen als Kinder.
II/II
Das gilt übrigens auch für Geräusche. Auch die verschwinden nicht zuerst aus der Welt, sondern aus unserer Aufmerksamkeit.
Neulich war ich beim Hörgeräte-Akustiker. Nicht, weil ich unbedingt den kostenlos beworbenen Hörtest haben wollte. Sondern weil es draußen stürmte, ich noch Zeit bis zu meinem nächsten Termin überbrücken musste – und es drinnen heißen Espresso gab.
Und vielleicht auch, weil ich das Gefühl hatte, gerade in Menschenmengen, wo viel durcheinandergeredet wird, Gesprächen nicht mehr so gut folgen zu können wie früher. Ergebnis: Ich habe immer noch ein Gehör wie ein Luchs – oder zumindest wie ein Achtzehnjähriger, der locker bis zu 20.000 Hz wahrnehmen kann.
Der Hörgeräteakustiker sah mich an und meinte: „Das Problem sind nicht die Ohren. Das Problem ist der Teil dazwischen.“ Mit zunehmendem Alter wird man unduldsamer für alles, was unwichtig erscheint, und blendet immer mehr aus – auch vermeintliche akustische Nebensächlichkeiten. Das Problem: Das Gehirn kann nicht zwischen unwichtigem Smalltalk und relevantem Socializing unterscheiden. Alles wird zum Hintergrundrauschen.
Gut Hören ist also weniger eine Frage der Ohren als der Aufmerksamkeit – und die haben Kinder, für die alles neu und aufregend ist, uns voraus.
Weshalb wir das nicht einfach so hinnehmen sollten? Wer verlernt hat, wie Regen riecht, hört vermutlich irgendwann auch Musik nur noch als etwas, das im Hintergrund geschieht.
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