Der Klang des Apfels
Oder: Warum wir hören, was wir schmecken und schmecken, was wir hören
Wir beißen in einen Apfel.
Und noch bevor sich Süße oder Säure auf der Zunge entfalten, hören wir es: dieses klare, helle, nahezu triumphale Knacken.
Ein Versprechen.
Frische. Saft. Leben.
Und vielleicht ist es genau dieser Moment, in dem sich entscheidet, ob etwas „gut“ schmeckt. Oder eher: dieser Ort.
Nämlich nicht auf der Zunge.
Sondern im Ohr.

Es ist eine dieser unscheinbaren Wahrheiten, die sich gern hinter Redewendungen verstecken. „Das Auge isst mit“ – geschenkt. Dass aber auch das Ohr mitisst, ist zwar den wenigsten präsent, aber inzwischen experimentell gut belegt: Studien – etwa von Zampini und Spence an der University of Oxford[1] – zeigen, dass gezielt veränderte Kaugeräusche, etwa über Kopfhörer verstärktes Knacken, dazu führen, dass Versuchspersonen identische Lebensmittel als frischer und knuspriger bewerten. Doch genügt hier schon der Selbstversuch: Halten Sie sich beim nächsten Biss die Ohren zu. Oder denken Sie an Chips, die nicht knuspern. An Brot ohne Kruste. An eine Karotte, die still bleibt.
Was fehlt, ist nicht nur ein Geräusch.
Es fehlt Bedeutung.
Der Crunch ist kein Nebeneffekt. Er ist Teil der Sache selbst. Er erzählt Ihnen, dass etwas frisch ist, richtig, gelungen. Ohne ihn kippt die Wahrnehmung. Was eben noch appetitlich war, wirkt plötzlich schal, vielleicht sogar ungenießbar.
Wir hören, was wir schmecken (wollen).
Daran muss ich oft denken, wenn ich Musik höre.
Denn auch dort gibt es diese Momente, in denen ein Klang mehr ist als Klang. In denen er etwas behauptet, bevor man es überhaupt benennen kann. Ein rauer Ton, der nach Körper klingt. Ein zu glattes Arrangement, das Distanz schafft. Ein Atemgeräusch, das Nähe herstellt.
Und wie beim Apfel ist es oft nicht das Offensichtliche, das entscheidet.
Sondern das, was mitschwingt.
Wenn ich sage: Ich höre dich, dann meine ich genau das.
Ich höre nicht nur Töne. Ich höre, wie etwas gemeint ist. Wie es sich anfühlt, bevor es Sprache wird. Und ich übersetze dieses Hören in Worte – so, wie man beim Essen unwillkürlich übersetzt: Das ist frisch. Das ist gut. Davon will ich mehr.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern von Genuss:
dass unsere Sinne sich gegenseitig verstärken – oder einfach auch nur bestätigen.
Dass wir hören, was wir sehen.
Dass wir schmecken, was wir hören.
Dass sich alles zu einer stimmigen Erzählung fügt.
Und dass wir irritiert sind, wenn es das nicht tut.
Denn natürlich funktioniert es auch andersherum.
Geräusche können Genuss zerstören.
Ein falsches Knacken. Ein zu lautes Schmatzen. Ein Schlürfen, das sich in den Vordergrund drängt. Für manche ist das kaum auszuhalten – ein Zuviel an Information, an Nähe, an fremdem Körper.
Auch das ist Hören.
Nicht als Verstärker, sondern als Störung.
Nicht als Einladung, sondern als (überschrittene) Grenze.
Vielleicht lohnt es sich, dem eigenen Hören mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Nicht nur beim Essen.
Nicht nur in der Musik.
Sondern in allem, was uns begegnet.
Denn ein Klang ist nie neutral.
Er entscheidet mit, was etwas für uns ist.
Noch bevor wir es wissen.
Vielleicht sogar, bevor wir es schmecken.
Dafür müssen wir keine Synästheten sein.
Ich schreibe diese Texte, weil sie geschrieben werden wollen.
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