Wie klingt eigentlich Champagner? - klangverführer | Musik in Worte fassen
Wie klingt eigentlich Champagner?

Wie klingt eigentlich Champagner?

Wie klingt eigentlich Champagner?

Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, aber: Ich mache ja diese Weiterbildung zur Wein- und Genussexpertin, eine Art Vorstufe zur Sommelière mit Schwerpunkt auf Foodpairing, samt offiziellem IHK-Titel und allem Pipapo, denn ich glaube, dass es einerlei ist, ob man akustische oder im Gaumen stattfindende sensorische, sprich: gustatorische Eindrücke in Worte übersetzt – und man soll ja ohnehin sein Hobby zum Beruf machen, nicht wahr?

Jedenfalls werde ich Sie bald professionell beim Trinken begleiten können. Noch ist es aber nicht soweit – gerade erst habe ich meine Hausarbeit zum Themenbereich Schaumwein hinter mich gebracht. Da ging es um Herstellung, Herkunft, Rebsorten, Qualitätsstufen, Perlage und all das, was man eben so wissen soll.

Was dort nicht gefragt wurde, ist natürlich das Interessantere. Böse Zungen würde es auch unter der Rubrik „Unnützes Wissen“ verbuchen. Egal.

Denn wussten Sie schon, dass jede einzelne Champagnerblase ihre eigene Tonhöhe hat? Genauer gesagt: eine charakteristische Resonanzfrequenz, die von ihrer Größe abhängt? Je kleiner die Blase, desto höher klingt sie.

Das klingt zunächst nach einer jener Tatsachen, die vor allem deshalb existieren, damit man sie beim nächsten Abendessen ungefragt erzählen kann. Tatsächlich lässt sich aber erstaunlich viel über Schaumwein erfahren, indem man ihm zuhört.

Forscher haben dafür Mikrofone über Gläser mit Schaumwein gehängt und das vermeintlich ziemlich unspektakuläre Knistern aufgenommen. Für das bloße Ohr hört sich das zunächst nämlich tatsächlich einfach nach Prickeln und Zischen an. Zerlegt man die Aufnahme jedoch, zeigt sich, dass dieses Geräusch aus vielen winzigen, sehr kurzen Tonereignissen besteht.

Und diese Töne entstehen nicht zufällig.

Blasen sind kleine Resonanzkörper. Ihre Frequenz hängt unter anderem von ihrer Größe ab. Bei Messungen an Schaumwein konnten Forscher deshalb aus der Tonhöhe zurückrechnen, wie groß einzelne Blasen waren. Ein gemessener Ton von 6,7 Kilohertz entsprach beispielsweise einer Kohlendioxidblase von ungefähr 0,94 Millimetern Durchmesser.[1]

Mit anderen Worten: Man kann Blasen vermessen, indem man ihnen zuhört.

Noch schöner wird es dadurch, dass ein Glas Schaumwein natürlich nicht nur eine einzige Blase produziert. An sogenannten Nukleationsstellen bilden sich immer wieder neue. Das sind winzige Stellen, an denen sich gelöstes Kohlendioxid sammeln kann – häufig mikroskopisch kleine Zellulosefasern, die am Glas haften. In ihren Hohlräumen wächst zunächst eine Gasblase, bis sie sich löst und nach oben steigt. Danach beginnt der Vorgang von vorn.

So entstehen die hübschen Perlenschnüre im Glas.

Und damit gewissermaßen kleine Tonfolgen.

Foto: David J. Hotz

Bei älteren Untersuchungen wurden drei Minuten nach dem Einschenken je nach Nukleationsstelle Blasenbildungsfrequenzen von weniger als einer bis zu etwa 25 Blasen pro Sekunde gemessen. Beim Aufsteigen nehmen die Blasen außerdem weiteres gelöstes Kohlendioxid auf und wachsen.

Das akustische Geschehen verändert sich also fortwährend.

Man kann sogar verschiedene Schaumweine anhand dieser Geräusche vergleichen. Bei einem Versuch mit einem amerikanischen Sparkling Wine und einem Moët-Champagner zeigten die akustischen Messungen, dass der Moët deutlich mehr Blasenaktivität aufwies. Seine Blasen erzeugten im Mittel außerdem etwas höhere Frequenzen – waren also geringfügig kleiner. Und natürlich nahm die Blasenaktivität nach dem Einschenken mit der Zeit ab.

Das Glas wird langsam leiser.

Wobei noch nicht einmal abschließend geklärt wäre, welchen Klang einer Champagnerblase wir eigentlich meinen.

Denn auch beim Platzen an der Oberfläche entsteht Schall. 2021 untersuchte ein französisches Forschungsteam diesen Moment mit Mikrofon und Hochgeschwindigkeitskamera gleichzeitig. Wenn die Blase die Oberfläche erreicht und ihre dünne Haut aufreißt, wird der Druck im Inneren freigesetzt. Der noch untergetauchte Rest der Blase beginnt dabei zu schwingen. Seine Frequenz verändert sich während des Platzens und steigt an, bis die Blase ganz verschwunden ist.

Eine Champagnerblase macht also nicht einfach plopp.

Sie verändert beim Sterben ihre Tonhöhe.

Und spätestens hier finde ich es ausgesprochen bedauerlich, dass diese Frage in meiner Hausarbeit nicht vorkam. Denn natürlich kann ich inzwischen erklären, wodurch die Kohlensäure in die Flasche kommt, was bei der zweiten Gärung passiert, wie sich traditionelle Flaschengärung und Tankgärung unterscheiden, warum eine feine, anhaltende Perlage als Qualitätsmerkmal gelten kann – und weshalb ich persönlich Moët für gnadenlos überschätzt halte und stattdessen lieber auf die deutschen Raumland-Sekte verweisen möchte, vor allem dann, wenn man wie ich eher auf der hefigen Seite des Geschehens steht.

Denn jetzt weiß ich außerdem: Ein Glas Champagner ist ein ziemlich komplexes akustisches Ereignis. Man sieht die Perlen aufsteigen. Man spürt sie im Mund. Man riecht und schmeckt den Wein.

Und die ganze Zeit macht er dabei Musik.


[1] Champagne acoustics, https://physicstoday.aip.org/quick-study/champagne-acoustics

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