Die Platten, die im Körper geblieben sind
Nun ist sie also vorbei, meine Blogparade zur Frage „Welche Platte kennst du wirklich auswendig?“
Und streng genommen könnte ich jetzt schreiben: Sie ist gescheitert.
Denn genau null Blogs haben sich beteiligt.
Kein einziger Beitrag, den ich hier ordentlich verlinken könnte, keine kleine Blogroll am Ende, kein „Bei X ging es um diese Platte, bei Y um jene“. Dafür aber geschah etwas anderes: Unter meinen Aufrufen auf dem Blog und bei Facebook fingen Menschen an zu erzählen.
Und zwar nicht bloß: Meine Platte ist …
Sie erzählten, wo diese Musik herkam. Von großen Brüdern und Onkeln, von Plattenspielern und Kassettenrekordern, vom Radio nach Sendeschluss, von zu wenig Geld, von Jugendzimmern, Elternhäusern und Fluchten aus ihnen. Von Musik, die zunächst einfach da war – und irgendwann so tief im Gedächtnis saß, dass sie heute schon erklingt, bevor sie überhaupt erklingt.
Damit bekam ich am Ende ziemlich genau die Antworten auf die Fragen, die hinter meiner Blogparade standen.
Nur eben nicht in Blogposts.

Foto: David J. Hotz
Es ist da, bevor es spielt
David H. landete bei Queens A Night at the Opera.
Nicht, weil das Album heute sein unanfechtbares Lieblingsalbum wäre. Sondern weil es ihm Anfang der Achtziger eine musikalische Welt öffnete, die vorher schlicht nicht existiert hatte. Aufgewachsen mit Händel, Mozart, Louis Armstrong, Bigband-Swing, James Last und allerlei Coverversionen, sah er bei einem Freund eine Dokumentation über Queen. Danach wurde eine Kassette der Greatest Hits über falsch zusammengesteckte Kabel von Recorder zu Recorder kopiert. Es folgten ausgeliehene LPs, selbst gezeichnete Cover und irgendwann eine Plattensammlung, deren Stücklängen und Komponisten er ebenso kannte wie die Musik selbst.
Heute, schreibt David, müsse nur der Anfang von „Death on Two Legs“ einsetzen, und drei Takte später sei „Lazing on a Sunday Afternoon“ bereits mitgedacht.
Sein Satz dazu könnte fast das Motto der ganzen Blogparade sein:
„It’s there before it plays.“
Genau das meinte ich.
Nicht: Man erkennt den Song.
Sondern: Der Körper weiß bereits, was als Nächstes kommt.
Offenbar muss man dafür sehr viel hören. Oder sehr wenig besitzen.
Bei David Sch. tauchten gleich mehrere frühe Platten auf: die Allman Brothers, ABBA, Ideal und Jean-Michel Jarres Équinoxe. Zu ABBA wurde mitgegrölt, bei Ideal durch die Grundschule gerockt. Und Jarre?
Da gibt es naturgemäß wenig mitzusingen.
Dafür kennt er bis heute „jede Synth-Schleife“.
Christian B. nannte ebenfalls Jean-Michel Jarre, vor allem aber Hope von Klaatu: ein Science-Fiction-Konzeptalbum, das ihm in einer von ABBA und Barclay James Harvest geprägten Zeit ein „akustisches Portal in fremde Galaxien“ öffnete und sich mit seinen Perry-Rhodan-Lektüren verband.
Ich finde auffällig, wie oft in diesen Geschichten Musik nicht allein auftaucht. Sie dockt an Bücher an, an Bilder, an Räume, an bestimmte Lebensphasen. Wahrscheinlich speichern wir tatsächlich nie nur eine Platte.
Wir speichern das ganze Drumherum gleich mit.
Die großen Brüder kommen erstaunlich oft vor
Britta J. hörte mit 13 oder 14 nach der Schule jeden Tag die LP ihres großen Bruders: Deep Purples Fireball. Laut, über Kopfhörer.
Jedes Wort, jeden Ton habe sie dabei „vergenetisiert“.
Ein schönes Wort für das, wonach ich gesucht hatte.
Und bei ihr hängt dieses Eingeschriebensein bis heute schon an den ersten Sekunden: am Geräusch zu Beginn, dann am sofort einsetzenden Schlagzeug. Der Anfang allein reicht für jene körperliche Reaktion, die die Platte offenbar seit Jahrzehnten auslöst.
Nebenbei erzählt auch sie von einem musikalischen Elternhaus voller Bach, Mozart und Telemann, von Blockflöte und später Querflöte – zu der sie ausgerechnet Jethro Tull brachte.
So geradlinig, wie wir unsere musikalischen Biografien später manchmal erzählen, waren sie offenbar selten.
Manchmal ist eine Platte kein Soundtrack. Sondern ein Werkzeug.
Claudia P. schrieb über Fehlfarbens Monarchie und Alltag.
Sie war ungefähr 15 oder 16, die Platte selbst bereits ein paar Jahre alt. Für sie beschreibt sie bis heute das Lebensgefühl der westdeutschen Achtziger, und die Wut darin sitzt noch immer dort, wo sie damals saß: im Bauch.
Die Platte funktioniert für sie nicht bloß erinnernd. Sie funktioniert noch.
Als „Jetzt aber Arsch hoch und los“-Scheibe zum Beispiel. Eine Platte, zu der man auch mal flott ein Wohnzimmer streicht.
Besonders „Paul ist tot“ sei der Soundtrack ihres Lebens. Und in ihrer ehemaligen Gruftibubble könne die Platte ohnehin jeder auswendig – auch wenn sie gar nicht läuft.
Vielleicht ist auch das wichtig: Manche Platten sind nicht bloß individuelles Gedächtnis. Sie werden zu einer Art gemeinsamem Code. Ein Einsatz, eine Zeile, manchmal ein einziger Ton genügt, und alle wissen Bescheid.
Und dann gibt es Musik, die einen tatsächlich irgendwo hindurchgebracht hat
Der wohl persönlichste Kommentar kam von Ines P.
Sie bekam 1972, mit zwölf Jahren, Deep Purples In Rock. Vor allem „Child in Time“ verband sich für sie mit einer Kindheit, aus der sie sich zumindest zeitweise in Musik flüchten konnte.
Sie beschreibt, wie sie den Plattenspieler einschaltete und zu ausgeliehenen Platten so lange weinte und schrie, bis sie schließlich erschöpft einschlief.
Da wird aus dem Satz „Diese Platte hat mich begleitet“ plötzlich etwas sehr Konkretes.
Und mir wird bei solchen Geschichten auch klar, warum die Frage nach einer vollständig gespeicherten Platte eben nicht dasselbe ist wie die nach dem Lieblingsalbum. Eine Platte kann sich tief einprägen, weil wir glücklich waren. Oder verliebt. Oder gelangweilt. Oder weil wir nicht sehr viele andere hatten.
Aber eben auch, weil wir sie gebraucht haben.
Was vorhanden war, wurde wichtig
Das führt zurück zu einem Gedanken, der mich schon beim Start dieser Blogparade beschäftigt hatte.
Wie viel von unserem Musikgeschmack haben wir eigentlich selbst gewählt?
Und wie viel davon lag schlicht im Regal?
Der große Bruder besaß Fireball. Der Onkel verschenkte Ideal, weil das Kind endlich „richtige Musik“ kennenlernen sollte. Ein Freund hatte eine Queen-Kassette. Platten wurden ausgeliehen und überspielt. Cover nachgezeichnet. Musik wanderte von Hand zu Hand.
Willi Z. erzählte noch von einer anderen Form der Knappheit: In den Sechzigerjahren sei im Radio kaum etwas zu bekommen gewesen. Also wurde abends nach RTL bei Radio London weitergehört, mittwochs bei der Party im SDR, und Singles gab es bei Radio Barth in Stuttgart – teuer für jemanden, der gerade einmal 20 Mark im Monat verdiente.
Seine Erinnerung handelt damit weniger von einer einzelnen auswendig gelernten Platte als von den Bedingungen, unter denen Musik überhaupt zu einem kam.
Und plötzlich wirkt unsere heutige Behauptung, wir hätten unseren Musikgeschmack fein säuberlich aus unendlichen Möglichkeiten zusammengesucht, doch ein bisschen luxuriös.
Vielleicht haben frühere Platten auch deshalb so tiefe Spuren hinterlassen, weil ihnen weniger Konkurrenz im Weg stand.
Die Platte, die man heute nennen würde – und die, die tatsächlich drin ist
Das war für mich von Anfang an der interessanteste Unterschied.
Ich hatte für die Blogparade schließlich nicht nach dem besten Album gefragt. Nicht nach der Platte für die einsame Insel. Nicht nach dem Werk, das man für musikhistorisch besonders bedeutsam hält.
Sondern nach der Platte, die man wirklich auswendig kennt.
Bei mir selbst ist das Michael Jacksons Bad.
Eine Platte, die ich heute keineswegs an die Spitze einer persönlichen Bestenliste setzen würde. (Allerdings auch nicht ganz ans Ende.) Die aber offenbar so vollständig in mir gespeichert ist, dass ich Einsätze, Übergänge und Reihenfolge nicht nachdenken muss.
Und genau das fand sich auch in den Kommentaren immer wieder: Das tief gespeicherte Album muss nicht mit dem heutigen Selbstbild übereinstimmen.
Es ist einfach noch da.
Vielleicht ist unser musikalisches Gedächtnis an dieser Stelle ehrlicher als wir.
Keine Blogparade?
Ein bisschen ironisch ist es schon.
Ich rufe zu einer Blogparade auf, kein Blog macht mit – doch eine Seite, die aktuelle Blogparaden listet, greift das Thema ausführlich auf. Auf Blogparade.net wurde meine Ausgangsfrage weitergedacht: ob wir heute vielleicht mehr Musik hören als je zuvor, aber weniger davon wirklich kennen; ob die nahezu grenzenlose Verfügbarkeit uns gleichzeitig freier und ungeduldiger gemacht hat; und wie sehr jene Alben, die wir für prägend halten, auch Ergebnisse schlichter Verfügbarkeit gewesen sein könnten.
Vielleicht war das am Ende überhaupt die spannendere Form dieser Blogparade.
Kein sauber abgestecktes Häufchen fertiger Beiträge, sondern Menschen, die unter einem Facebook-Post plötzlich anfangen, von Teenagerzimmern, Geschwistern, Radiostationen, Kassetten und Plattenläden zu erzählen.
Und nebenbei ziemlich präzise beantworten, was eine Platte tun muss, um im Körper zu bleiben.
Sie muss offenbar nicht perfekt sein.
Sie muss nicht einmal die beste sein.
Aber sie muss irgendwann oft genug, laut genug, wichtig genug oder schlicht alternativlos genug dagewesen sein, dass zwischen zwei Tönen kein leerer Raum mehr bleibt.
Weil wir längst wissen, was kommt.
Vielen Dank an alle, die ihre Platte und ihre Geschichte beigesteuert haben.
Und falls jetzt noch jemand merkt, dass er seine Antwort doch längst kennt:
Die Kommentare sind weiterhin offen.
