Wie schmeckt eigentlich ein Ton?
Neulich habe ich hier darüber geschrieben, wie Champagner klingt. Genauer gesagt: über die winzigen akustischen Ereignisse, die seine Blasen erzeugen, und darüber, dass sich aus ihrer Resonanzfrequenz sogar auf ihre Größe schließen lässt.
Damit hätte ich die Sache eigentlich auf sich beruhen lassen können.
Hätte ich nicht inzwischen herausgefunden, dass man die Frage auch andersherum stellen kann.
Wie schmeckt eigentlich ein Ton?
Die naheliegende Antwort wäre: gar nicht. Töne schmeckt man nicht, man hört sie. Süße schmeckt man, Säure schmeckt man, Bitterkeit schmeckt man. Zuständigkeiten geklärt.
Unser Gehirn scheint sich dafür allerdings nur mäßig zu interessieren.
Denn Menschen verbinden bestimmte Geschmacksrichtungen erstaunlich zuverlässig mit bestimmten Eigenschaften von Klängen. Besonders hübsch ist die Sache bei der Tonhöhe: Süßes und Saures werden eher hohen Tönen zugeordnet, Bitteres eher tiefen.
Das ist keine poetische Metapher, sondern lässt sich experimentell nachweisen.
Für eine Studie bekamen Versuchspersonen Lösungen mit unterschiedlichen Grundgeschmacksrichtungen zu probieren und sollten anschließend den Ton auswählen, der ihrer Wahrnehmung am besten entsprach. Sauer landete dabei besonders weit oben, süß ebenfalls eher in höheren Lagen, bitter dagegen deutlich tiefer. Die Forschenden sprechen von crossmodal correspondences, also crossmodalen Korrespondenzen: regelmäßigen Verbindungen zwischen Wahrnehmungen, die eigentlich unterschiedlichen Sinnen angehören.[1]
Und die beschränken sich keineswegs auf die Tonhöhe.
Bitter klingt offenbar nicht nur eher tief, sondern auch ein wenig dissonant und bevorzugt legato. Sauer dagegen: hoch, schnell, dissonant. Süß: eher weich, langsam und konsonant. Salzig wiederum scheint eine besondere Vorliebe für staccato zu haben.[2]
Ich gebe zu: Spätestens an dieser Stelle möchte ich wissen, was Umami hört.
Interessant ist nämlich, dass sich diese Zuordnungen nicht bloß ergeben, wenn Menschen abstrakt gefragt werden, welche Musik sie mit „süß“, „sauer“, „salzig“ oder „bitter“ verbinden. In einem Experiment improvisierten ausgebildete Musiker zu genau diesen vier Begriffen auf einem MIDI-Keyboard. Ihre musikalischen Entscheidungen ließen sich anschließend anhand von Tonhöhe, Lautstärke, Dauer, Artikulation und Konsonanz analysieren. Und als andere Versuchspersonen die entstandenen Stücke vorgespielt bekamen, konnten sie deutlich besser als durch bloßes Raten erkennen, welcher Geschmack jeweils Pate gestanden hatte.[3]
Offenbar verfügen wir also über eine Art gemeinsames sensorisches Wörterbuch, ohne zu wissen, dass wir es gelernt haben.
Warum?
Das wird jetzt komplizierter.

Foto: David J. Hotz
Eine mögliche Erklärung lautet, dass wir Wahrnehmungen verschiedener Sinne danach sortieren, wie angenehm oder unangenehm wir sie empfinden. Ein weicher, konsonanter Klang und Süße könnten sich beispielsweise deshalb begegnen, weil beide häufig positiv bewertet werden. Eine Untersuchung zu Geschmack und Tonhöhe fand tatsächlich einen deutlichen Zusammenhang zwischen der emotionalen Bewertung einer Geschmacksprobe und der Bewertung des dazu gewählten Tons.[4]
Das erklärt allerdings nicht alles.
Denn manches wirkt fast verdächtig sprachlich. Musik kann „süß“ klingen. Ein Ton kann „scharf“ sein. Ein Wein „rund“. Säure „spitz“. Ein Klang „dunkel“.
Vielleicht sortiert unser Gehirn also gar nicht streng danach, welcher Sinn gerade Dienst hat. Vielleicht baut es vielmehr fortwährend Brücken zwischen Eigenschaften, die sich ähneln, obwohl sie physikalisch überhaupt nichts miteinander zu tun haben.
Und dann wird es für mich als angehende Wein- und Genussexpertin besonders interessant.
Denn diese Verbindungen funktionieren offenbar nicht nur auf dem Papier. Was wir hören, kann beeinflussen, was wir schmecken.
Bei einer Weinverkostung mit Live-Musik bekamen die Teilnehmer zwei Weine zu zwei unterschiedlichen klassischen Musikstücken serviert. Die Musik veränderte tatsächlich, wie sie einzelne Eigenschaften der Weine bewerteten: Unter dem einen Stück erschienen ihnen beide Weine fruchtiger und weniger säurebetont, unter dem anderen weniger fruchtig und säurebetonter.[5]
Der Wein selbst hatte sich selbstverständlich nicht verändert.
Nur das, was gleichzeitig durch die Ohren kam.
Und damit bekommt eine Formulierung, die normalerweise eher ins Reich des Marketings gehört, plötzlich einen ziemlich ernsthaften Kern: Musik kann einen Geschmack verstärken, verschieben, vielleicht sogar erst besonders deutlich hervortreten lassen.
Was wiederum einige Fragen aufwirft.
Sollte man einen Riesling mit ausgeprägter Säure besser nicht zu sehr hoher, schneller, dissonanter Musik trinken, weil das Gehirn ohnehin schon genügend „sauer“ geliefert bekommt? Könnte ein tiefer Klang einen bitteren Nachhall stärker hervortreten lassen? Und schmeckt ein Dessert tatsächlich süßer, wenn dazu die richtige Musik läuft?
So einfach ist es natürlich nicht. Menschen, Lebensmittel, Musik und Situationen sind komplexer als vier Geschmacksrichtungen und zwei Enden einer Klaviatur. Und auch die Wissenschaft weiß bislang nicht abschließend, warum diese Verbindungen entstehen. Sicher scheint nur: Sie entstehen erstaunlich regelmäßig.
Was ich daran so mag, ist weniger die Aussicht darauf, künftig Playlists nach Speisenfolge zu bauen – oder umgekehrt.
Es ist die Vorstellung, dass unsere Sinne offenbar längst miteinander sprechen, während wir noch versuchen, sie sauber auseinanderzuhalten.
Wir sehen einen Wein. Wir riechen ihn. Wir schmecken ihn. Wir fühlen seine Temperatur und seine Textur im Mund.
Und wir hören.
Beim Champagner wusste ich inzwischen: Das Prickeln selbst erzeugt Klang.
Jetzt weiß ich auch: Der Klang bleibt womöglich nicht draußen.
Er schmeckt mit.
[1] Reinoso Carvalho et al.: Turn Up the Taste: Assessing the Role of Taste Intensity and Emotion in Mediating Crossmodal Correspondences between Basic Tastes and Pitch, in: Chemical Senses 2016
[2] Bruno Mesz, Mariano Sigman & Marcos A. Trevisan: A composition algorithm based on crossmodal taste-music correspondences, in: Frontiers in Human Neuroscience 2012
[3] Ebd.
[4] Reinoso Carvalho et al.: Turn Up the Taste, a.a.O.
[5] Q. J. Wang & Charles Spence: Assessing the Effect of Musical Congruency on Wine Tasting in a Live Performance Setting, in: i-Perception 2015
