Die Platte, die im Körper bleibt – Aufruf zur Blogparade
Ich war zwölf, im Sommer in Budapest und zum ersten Mal ohne meine Eltern unterwegs. Bei Verwandten. Popmusik spielte in meinem bisherigen Leben praktisch keine Rolle – wobei das noch die Untertreibung des Jahres ist. Bis auf unsere sogenannte „Discokassette“, die größtenteils aus den Hits von Boney M., daneben Zeitgenössischem wie „One Night in Bangkok“ (Murray Head), „Money, Money, Money“ (Abba) und, strange as it may seem, „Im Wagen vor mir“ (Henry Valentino mit Daffi Cramer) bestand, gab es zu Hause ausschließlich: Klassik. Und das meint: Hochklassik. Mozart. Haydn. Früher Beethoven. Fürs barocke Feel noch Bach, Vivaldi und Händel, fürs Progressive Tschaikowski. You get the point.
Michael Jackson kannte ich – es war immerhin 1988 – natürlich dem Namen nach, Klassenkameraden sprachen von ihm. Offenbar kannte ich ihn aber nicht besonders gut, war ich doch fest davon überzeugt, er sei ein blonddauergewellter Typ mit Gitarre.
Und dann, nachdem ich vermutlich alle Pink Panther-Filme der Hausvideothek leergeguckt habe und meine Verwandten nicht mehr wussten, wie sie mich, den angehenden Teenager, beschäftigen sollte, legte sie Thriller ein.
Nicht die Platte. Das Video.
Und plötzlich war da diese andere Welt: die Musik, die Choreografie, die Bilder, die Verwandlung, dieses ganze vollkommen überdimensionierte Spektakel. Besonders aber die Musik. Und dieser unfassbar talentierte, hübsche Tänzersängersongschreiber! Der hatte so gar nichts mit meinem damaligen Bild von Popmusik zu tun.
Kurz: Ich war geflasht. Und wahrscheinlich ist das sogar noch zu schwach formuliert. Für ein zwölfjähriges Kind, das mit Popmusik bis dahin kaum Berührung gehabt hatte, war Thriller keine Entdeckung. Es war ein Einschlag. Eine Epiphanie!
Michael Jacksons aktuelle Veröffentlichung hieß damals Bad. Und mit einem Mal war Bad überall in Budapest um mich herum: Auf den Raubkopien der Schwarzmarkthändler. Auf den „Plakette“ genannten Ansteckern. Auf neonfarbenen T-Shirts.
Ich brauchte Bad.
Zurück in Berlin, die Mauer stand noch, waren wir zu einem Fest bei einem Künstlerkollegen meiner Eltern eingeladen. Frank Schneider hieß er. Er war das, was man heute als Audiophilen bezeichnen würde. Toller Plattenspieler, der wie ein Heiligtum behandelt wurde. Die Anlage der Schrein, die Plattensammlung die Reliquien.
Frank Schneider hatte Bad. Ich langweilte mich auf dem Fest. Er legte mir Bad auf. Zweiter Flash, größer noch womöglich als der erste. Und: Er nahm es mir direkt auf Kassette auf! Beseelt ging ich mit Bad nach Hause.
Und ich hörte diese Platte. Immer wieder. So oft, dass sie irgendwann nicht mehr nur aus Songs bestand, sondern aus einer fest einprogrammierten Abfolge. Ich wusste, was als Nächstes kam, bevor es kam. Einsätze, Übergänge, Pausen, Wendungen: alles da. Noch heute muss ich nur einen Song daraus hören, und irgendwo im Hinterkopf wartet bereits der nächste. Und das ist wieder eine dieser Untertreibungen. Ich kenne jedes Atmen, jeden Kiekser auf dieser Platte. Ich höre, wenn Musiker in ihrer Kindheit oder Jugend Michael Jackson gehört haben. Wir teilen alle eine ganz bestimmte Phrasierung. Und noch heute spiele ich im Kopf „Man in the Mirror“ ab, wenn ich irgendwo warten muss.
Fast forward Jackson-Mania, obsessives Englisch- und Singenlernen sowie Anfänge musikjournalistischer „Ich muss alles wissen und dann kategorisieren“-Nerdigkeit – denn natürlich wusste ich bei jedem Song auch, wer ihn geschrieben hat, wer mitspielt und wo derjenige sonst noch so mitgespielt hat; immerhin bin ich von dieser Platte zu Quincy Jones‘ damaliger Veröffentlichung Back on the Block gekommen und habe die Soloplatten aller dortigen Mitstreiter, von Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und Miles Davis über Chaka Khan, Luther Vandross und Take 6 bis zu Tevin Campbell, Kool Moe Dee und Ice-T, gekauft und so den Grundstock meiner eigenen Plattensammlung, meines Musikgeschmacks und auch meiner späteren Karriere gelegt.
Was ich damit sagen will: Es gibt Platten, die man sehr liebt. Es gibt Platten, die einen über Jahre begleiten. Und dann gibt es diese wenigen, die man wirklich auswendig kennt. Nicht im Sinne von: Ich kann alle Titel aufzählen. Sondern so, wie man früher eine Telefonnummer wusste oder den Weg zur Schule. Ohne nachzudenken. Der Körper kennt sie mit. Sie gehören längst zu einer anderen Schicht unseres Musikgedächtnisses: nämlich zu den Dingen, die einmal so oft da waren, dass sie geblieben sind.
Ich habe heute durchaus Alben in meiner Sammlung, denen ich den Vorzug vor Bad geben würde. Aber auswendig – auswendig kenne ich keine davon.
Und nun seid ihr dran: Welche Platte kennt ihr wirklich auswendig?
Nicht einfach eure liebste. Sondern die, bei der ihr schon wisst, was gleich passiert. Bei der der nächste Song im Kopf beginnt, noch bevor er tatsächlich angefangen hat. Die Platte, deren Reihenfolge sich unauslöschlich eingebrannt hat.
Und natürlich interessiert mich die Geschichte dahinter: Wie kam sie zu euch? Wie alt wart ihr? Warum gerade diese Platte? Hört ihr sie heute noch? Und was passiert, wenn ihr sie nach langer Zeit wieder auflegt?
Schreibt darüber auf eurem Blog und verlinkt euren Beitrag bis zum 20. September 2026 hier in den Kommentaren. Ich sammle die Beiträge und verlinke sie unter diesem Text. Ich bin sehr gespannt, welche Platten in eurem Körper wohnen.


Comment (1):
David J. Hotz
Ich weiss, das Eis ist dünn:
In meinen ersten Jahren aufgewachsen mit Händel, Monzart und instrumentenbezogenen Klassiksonderalben mütterlicherseits, der väterlichen Sammlung von Louis Armstrong und 1940s Bigband-Swingplatten sowie einer bescheidenen Auswahl Kassetten von James Last oder irgendwelchen „Best Cover Version“-Bands die Hits der 60er spielten, welche im Renntransporter rauf und runter dudelten. Ich hörte, was halt so lief.
An einem Samstagnachmittag, es mag so um 1980/81 gewesen sein, sass ich bei meinem Nachbarsfreund Roland und wir sahen eine Doku über Queen. Ich verstand kaum die Hälfte. Aber dieser langhaarige, geschminkte Kerl im engen Pierrot-Kostüm oder im Pelzmantel, der mit ausladenden, überkandidelten Gesten über die Bühnen rannte, dazu eine Musik, die mir völlig unbekannt war (und durchaus fremd, ich kannte bis Dato vielleicht Nena und Trio), lösten großes Interesse aus.
„Mein Bruder hat ne Kassette von denen!“ meinte Roland. Also wurden die „Greatest Hits“ über falsch zusammengesteckte Kabel von Kassettenrecorder zu Kassettenrecorder rauschreich überspielt.
Etwas später begann ich, obwohl ich ein eher schüchterner Junge war, rumzufragen, wer denn eventuell Platten von Queen habe. Die „bösen Jungs“ hörten damals eher Kiss oder Deep Purple, manche entdeckten gerade Punk. Aber ich bekam Platten ausgeliehen. Auf der elterlichen 70s-Space-Age-Anlage wurden diese auf Kassetten kopiert, die Covers akribisch nachgemalt.
Ich fand die Musik wundervoll. Ungewohnt, laut, Breaks, Takt- und Stimmungswechsel in langen operalesken Stücken, nie zuvor gehörte Chorkaskaden, brettige Gitarrensoli, deren dennoch weicher Klang mich faszinierte, abgewechselt von kurzen Songs, die klangen wie aus einer anderen Zeit. Es wuchs eine erste Plattensammlung, die ich natürlich komplett auswendig konnte, inklusive exakter Dauer der Stücke und dem jeweiligen Komponisten.
Natürlich würde ich die „Platte, die im Körper bleibt“ heute nicht mehr als mein liebstes Lieblingsalbum ever bezeichen, aber – sorry to be mainstreamy – „A Night At The Opera“ hat mein Hören grundlegend verändert. Schon zu Beginn des sich unheilvoll anbahnenden Openers „Death on two Legs“, dessen Bösartigkeit ich damals noch nicht verstand („Do you feel like suicide? (I think you should)“), fühle ich auch heute noch drei Takte voraus „Lazing on a Sunday Afternoon“ (eine damals ebenso noch nicht verstandenene Karikatur altmodischer Englishness) und so zieht es sich durch das ganze Album. Jeder erste Ton, jedes Whoooo, jedes einkopierte Tapeschnipsel.
In der Schule gelangweilt, brachte ich eine grafische Version von „Bohemian Rhapsody“ auf die Rückseiten von Lehrblättern, in Wort und Bild, inklusive sämtlicher Piano-Plings-und-Plongs, Oooo-hooos, Bismillahs, Explosionen und dem finalen Woooshhh. Anyway the wind blows. Es wurden Elterngespräche zu meinem Musikkonsum einberufen.
Ach ja, natürlich habe ich mir das damals schon in die Jahre gekommen Album irgendwann auf Vinyl gekauft. In den frühen 90ern im evangelikalen Wahn vernichtet. Heute klemmt eine gut durchgenudelte Nachpressung im Plattenregal.
Es ist drin. Für immer. It’s there before it plays. Heute, da mein Englisch in Text- und Bedeutungsverständnis etwas besser ist, halte ich Queen ja für eine ziemliche Unfugskapelle. Aber eine recht großartige.