Die Stadt beginnt im Kopfhörer
Eine audiogustative Reise nach und durch Koblenz und wieder zurück
Koblenz beginnt für mich zwischen zwei Bahnhöfen. Genauer: zwischen den Hauptbahnhöfen von Berlin und Magdeburg. Ich sitze nach der üblichen Prozedur, der sich alle Reisenden der Deutschen Bahn unterwerfen müssen – ausgetauschter ICE, ursprüngliche Sitzplatzreservierung aufgehoben, da „aufgrund von aktuellen Ereignissen“ die ursprüngliche Verbindung „nicht mehr fahrbar“ ist, doppelt umgekehrter Wagenreihung, zum ersten Mal mit, dann ohne Ankündigung, die eine zweimalige Pulkwanderung am Bahnsteig nach sich zieht –, endlich im Zug, im Flüsterabteil, mit Kaffee, Tisch und der angedrohten „außergewöhnlich hohen Auslastung“ zum Trotz erstaunlich viel Platz. Noch weiß ich nichts vom zweiten Teil der Reise, der eigentlich eine Stunde dauern soll, tatsächlich aber fast drei in Anspruch nimmt, die inklusive gepflegtem Massenpanikanflug durchaus zu den unangenehmeren meines Lebens gehören werden.
Gerade aber habe ich noch – nach Überwindung einiger Hindernisse, die denen der oben beschriebenen Bahnreise nicht unähnlich waren, allerdings mehr damit zu tun hatten, dass ich bin, wie ich bin – für HiFi-IFAs meine Rezension von Tokunbo Akinros viertem Soloalbum Lost & Found beendet. Zwar hatte ich sowohl meine Rezensionskopfhörer als auch die zu rezensierenden Musikdateien vermeintlich zu Hause liegen lassen, vorsorglich aber, weil ich eben weiß, dass ich bin, wie ich bin, ein zweites Paar Kopfhörer eingepackt und die Musik ließ sich mit dem ICE-W-LAN erstaunlicherweise nochmals reibungslos herunterladen. Nach dem Rezensieren fand ich dann, weil ich eben bin, wie ich bin, sowohl die besseren Kopfhörer als auch den USB-Stick mit den ursprünglichen Dateien an anderer Stelle im Gepäck wieder. Aber darum soll es hier gar nichts gehen, denn wichtiger ist, dass ich nach vollbrachtem Werk merke, dass sich die Platte – im Gegensatz zu mir – nicht an den Redaktionsschluss hält: Während draußen die Landschaft vorbeizieht, spielt sie weiter in meinem Kopf. Dieser Umstand wirft die Frage auf, wie viel von ihrer eher melancholischen Stimmung ich später durch eine Stadt tragen werde, die selbst noch gar nichts dazu gesagt hat.

Burgen auf Bergen
Es ist Freitagmorgen, ich bin auf dem Weg zum Wochenendpräsenzseminar „Sensorik“ meiner Fortbildung zur IHK-Wein- und Genussmanagerin am Gastronomischen Bildungszentrum in Koblenz. Es wird also ums Schmecken gehen, ums Riechen, um die Suche nach Worten für etwas, das sich in Mund und Nase erstaunlich deutlich und auf dem Papier bisweilen ziemlich ratlos ausnimmt. Begleitetes Trinken, sozusagen. Auch einen Besuch im Koblenzer Sektmuseum habe ich geplant und, wenn genügend Zeit bleibt, einen weiteren im Haus des Genusses auf der Festung Ehrenbreitstein, wo sich alles um das Weinreich Rheinland-Pfalz drehen soll.
Noch aber gehört die Reise einer Stimme. Was ich unterwegs sehe – und das sind für den festungsarmen Flachlandler erstaunlich viele Burgen auf Bergen –, bekommt etwas von ihrer Färbung ab. Womöglich werde ich mich später kaum noch erinnern können, welche Stimmung schon im Zug da war und welche erst in Koblenz hinzukam, denke ich. Und: Vielleicht entstehen genau so manche unserer Erinnerungen an Städte. Aus Dingen, die wir mitgebracht haben, und anderen, die schon dort waren.

In vollen Zügen genießen
Erst einmal erwarten mich aber noch fehlerhafte Weichen, gestörte Oberleitungen, herkömmliche, sprich: grundlose Verspätungen, eine unangekündigte Zugtrennung, die zu rettungslos überfüllten Zügen, in die ein Einstieg nicht mehr möglich war, führte, entsprechend volle Bahnsteige und ebenso übellaunige wie schlicht feststeckende Mitreisende; dazu ein Umweg mit der Bummelbahn, der unversehens mitten im Nirgendwo endet, eine ausgefallene Zielhaltestelle und als i-Tüpfelchen noch ein bisschen Schienenersatzverkehr. Ein Wunder, dass ich nur knappe drei Stunden nach Plan in Koblenz angekommen bin!
Apropos Plan: den für den heutigen Abend, die Seilbahnfahrt bei Sonnenuntergang über Väterchen Rhein, verschiebe ich auf Sonntagabend. Mir tun die Füße weh, ich muss ein paar Besorgungen machen, darunter Schuhe, in denen ich laufen kann, will gesund zu Abend essen, ausgiebig duschen und dann ab ins Bett – immerhin bin ich nicht zum Spaß hier und der Wecker klingelt früh.
Was heute noch festzuhalten ist, denn es läuft meinen Erwartungen vollständig zuwider: Kaum spielt der erste Straßenmusikant, ein ohrenfällig klassisch ausgebildeter, osteuropäischer Akkordeonist, Pachelbels Kanon in D, wird Lost & Found akustisch überschrieben. Zum wahren Soundtrack der Stadt aber soll später Bella Ciao – das ich aus meiner DDR-Kindheit noch als Eines Morgens in aller Frühe im Grundschulmusikunterricht lernen musste – werden, dargeboten von einem italienischen Opernsänger in der Einkaufsgasse Entenpfuhl, durch die es mich sowohl auf meinem Weg zum Sektmuseum Koblenz als auch zur Seilbahnfahrt treibt. Ein schlimmer Ohrwurm, der sich tagelang hält!

Von sensorischer Objektivität, Stolz und Vorurteil
Auch sonst ist das Teilnahmezertifikat zur Einführung in die Sensorik hart erarbeitet – insbesondere die Riesling-Hasser, ergo: mich, hat es getroffen. Schön wiederum: Analog zu meinem Leib- und Magenthema, der ästhetischen Objektivität in der Musikkritik, scheint es auch in der Sensorik die Möglichkeit zur Objektivität zu geben. Zwar bringe man unterschiedliche Erfahrungen, Vorlieben und (auch tagesaktuelle) Be- und Empfindlichkeiten in eine Verkostung ein, könne aber auch hier anhand von viel Übung, Kommunikation und Reflexion, kurz: von zunehmender Expertise, zu objektivierbaren Ergebnissen gelangen.
Auch wenn – oder gerade weil – es sich mit dem Schreiben über Wein prinzipiell also nicht anders verhält als mit dem Schreiben über Musik, habe ich gelernt, dass ich bei meiner Weinreise trotz jahrzehntelangen fröhlichen Amateurtrinkens noch ganz am Anfang stehe. Vermutlich geht es mir mit Wein so wie anderen mit Jazz: Auch, wenn ich das ganz zugängliche, gefällige Zeug nicht mag und Weine, die etwas von mir wollen, durchaus vorziehe, bin ich noch längst nicht beim Freejazz der Weine, dem Naturwein, angekommen. Als ein Pausengeplänkel darauf zu sprechen kam, dass die Rebe es mag, wenn man mit ihr spricht und sie beschallt und dabei Mozart hartem Metal vorzieht, meinte die Dozentin mit Seitenblick auf mich: oder Jazz. Ich erwiderte: Kommt auf den Jazz an. Bei Brötzmanns Machine Gun & Konsorten geht die Rebe sicherlich schneller ein als bei isländischem Death Metal!
Aber das ist nunmal die allgemeine Idee von Jazz: Easy like Sunday Morning, läuft im Frühstückscafé, wo die sanften Klänge nicht beim Biss ins Croissant stören. Tja, und vermutlich geht es mir so mit dem Wein: Auch, wenn ich glaube, mir schon so einiges seines Repertoires ertrunken zu haben – es gibt noch unendlich viel zu entdecken! Von meinem „Jazz & Wein“-Ratgeber jedenfalls bin ich noch meilenweit entfernt. Dennoch bin ich stolz auf diesen ersten offiziellen Schritt in die Weinwelt und verlasse die Stadt klüger – und nicht, ohne mir das Koblenzer Sektmuseum angeschaut zu haben.

Heroik, Hefeschnaps und Hättste-besser-gelassen-Martini
Im ehemaligen Stammhaus der Familie Deinhard ist heute eine Show-Kellerei aufgebaut, wo die Schaumweinherstellung nach der méthode traditionnelle Schritt für Schritt gezeigt und von kompetenten Museumsführerinnen, die auf jede erdenkliche Publikumsfrage vorbereite sind, detailverliebt erklärt wird. Das ist für jeden, der bereits eine Sektkellerei besichtigt hat, vielleicht nicht besonders spektakulär. Ich persönlich habe die entsprechenden Gerätschaften zur klassischen Sektherstellung bislang nur auf Bildern gesehen und damit für mich eine weitere Bildungslücke in Sachen (Schaum-)Wein geschlossen. Häkchen dran. Kuriosum: Aus der nach der ersten Gärung im Fass verbleibenden Hefe wird hierorts Hefeschnaps gebrannt – ein in unseren Breiten meines Wissens völlig unbekanntes Getränk.

Interessant fand ich auch, dass Deinhard im Export vor allem für seine Stillweine bekannt ist, während das Haus in Deutschland in erster Linie als Schaumweinproduzent wahrgenommen wird – man denke nur an den berühmten Werbespruch „Wo ist der Deinhard?“, der nach Sekt für die Feier verlangt. Bis heute übrigens stellt man hier einen Riesling-Sekt handwerklich her; die übrigen Deinhards kommen, industriell produziert, aus dem Edelstahltank. Einen von diesen auf Spätburgunderbasis haben die Teilnehmer der Museumsführung zum Schluss verkosten dürfen, genauer: den Deinhard Sekt Pinot Noir Rosé Brut, von dem dann auch gleich zwei Flaschen aus dem Museumsshop als Souvenir ins Reisegepäck gewandert sind.

Weniger hat es mir ein anderes hiesiges Getränk angetan. Noch in Berlin hatte ich mir als Abendlokal das Project Vegan am Moselufer herausgesucht, wo es veganisierte vietnamesische Küche gibt. Wenn ein Tag morgens um neun mit einer Weinverkostung beginnt, hat man – oder habe zumindest ich – am Tagesende das Bedürfnis nach frischem, gesunden und definitiv weinfreiem Essen. Noch dazu, wo man dezent angegrippt ist, was Reisestress und Frühaufstehenmüssen nicht unbedingt besser machen. An Tag eins und zwei gab es daher hawaiianische Tofu-Bowl mit Begleitung von ein, zwei Hachenburger Hellen.

An Tag drei, nach der Seilbahnfahrt hoch zur Burg Ehrenbreitstein übers Deutsche Eck, auf das Kaiser Wilhelm I. heroisch herabschaut, dann beim nicht ohne Grund sehr gut besuchten Project Vegan einen „Soya Boy“ – gebratenen Tofu mit Seitanstreifen, saisonalem Gemüse und scharfer Shiitake-Sauce, serviert mit Sesam, Erdnüssen und Röstzwiebeln – mit singapurischem Tiger Lager und, zum Nachtisch, einem Matcha Martini, bestehend aus Vodka, Kahlúa, Kokosmilch und eben Matcha. Leider hoben sich hier bitter und süß – frisch gelernt als „Espresso-Effekt“ – nicht auf; vielmehr verstärkte die Bitterkeit der Schokolade aus dem Kaffeelikör jene des feinpulverisierten Grüntees, sodass die Inhaltsstoffe hier eher miteinander knirschten als sich ineinander zu schmiegen. Fazit: Ich wollte ihn, ich bereue nicht, ihn probiert zu haben – aber ganz ehrlich: Er schmeckt, wie er aussieht.

Zänk you for travelling with Deutsche Bahn und ihren Winzern
Hachenburger Hell aus dem Westerwald machte auch die martini’schen Abwege, Hotelbar sei Dank, wieder gut – blieb nur noch die Herausforderung der Rückreise. Die Überlegung zu fliegen verwerfe ich gleich wieder, denn zum nächstgelegenen Flughafen, vermutlich Frankfurt, muss man erst einmal kommen – und das Problem sind ja die nördlichen Strecken direkt um Koblenz herum. Also fahre ich wieder Bahn – allerdings nicht von Koblenz über Köln nach Norden, sondern über Mannheim nach Süden. Dort bringt mich eine so kurze wie angenehme S-Bahn-Fahrt direkt nach Heidelberg, wo gerade Enjoy Jazz (schon wieder Genuss!) läuft. Für einen winzigen Moment bin ich versucht, mich für eine Nacht in das Apartment einzuquartieren, das schon einmal mein Ausgangspunkt für Heidelberger Jazz-Exkursionen war.

Welchen Grund gibt es auch sonst, sich Reisestrapazen anzutun! Jazz und Wein, natürlich, Hunde und Liebe. Aber sonst?

Als die Bahn auch in Heidelberg den „technischen Defekt an einem Bahnübergang“ ankündigt, schnappe ich mir den nächsten, wennauch verspäteten Direktzug nach Berlin, der trotz der Warnung, dass alle Sitzplätze ausgebucht seien, mit einem schönen Arbeitsplatz im Flüsterabteil auf mich wartet, wo ich jetzt sitze und schreibe. Kopfhörer an, Welt aus. Üblicherweise mache ich das nur bei der Arbeit, aber nicht auf der Straße, weil ich es weder mag, mich selbst vom Leben abzustöpseln, noch, dass alle um mich herum zugestöpselt sind.
In Koblenz aber lachte mich ein kabelloser On-Ear-Kopfhörer an, und da ich erstens keinen hatte, zweitens schon lange einen wollte, drittens im Urlaub, auch wenn dieser nicht der Erholung dient, das Geld lockerer sitzt und viertens auch im Flüsterabteil Leute eben sind, wie sie sind, und alles andere als flüstern, ist ein Souvenir mitgekommen, dass sich wunderbar mit einem Jackentaschenvideoportal, das auch Musik macht, verbinden lässt und mir auch während der ganzen Umsteigerei Klänge mit den sagenumwobenen 432 Hz ins Hirn spült, die mich zwar nicht, wie ihre Apologeten behaupten, schützen und heilen, dafür aber definitiv entspannen. [1] Sehr. Sogar die Dame, die das Abteil zwischen Koblenz und Mannheim mit ihrem frischen Nagellack verpestet – super Idee sich bei Zügen, deren Fenster sich nicht öffnen lassen, die Nägel zu lackieren, von der Benimm-konformen Fragwürdigkeit der öffentlichen Zurschaustellung von Körperhygiene und -dekoration ganz abgesehen –, beschert mir keine Mordlust. Aber so ein bisschen hauen würde ich sie schon gern. Mit dem Kopf. Ins Lackfläschchen.
Glücklicherweise hat ausgerechnet die Bahn im Bordbistro einen Beitrag zu meiner Fortbildung im Angebot: In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Weininstitut und handwerklich arbeitenden Winzern gibt‘s hier inzwischen auch Weine, die mehr versprechen. Mein THA’S NEISS Tinto Reservé 2024 vom Weingut Neiss aus der Pfalz etwa kündigt sich als „kraftvoll harmonische Cuvée aus Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Merlot“ an: trocken, handgelesen, barriquegereift, mit Noten von Kakao, rotem Pfeffer und saftigen Beeren. Nun steht einer reibungslosen Rückfahrt mit Tokunbo nichts mehr im Wege, wollen die Notizen der Hinreise doch noch in einen lesbaren Text gegossen werden.

Die Kopfhörer sitzen, die Landschaft zieht mit einer weiteren Stunde Verspätung und einem Umweg ob der obligatorischen „Person im Gleis“ vorbei – und wir stranden in Halle. Das ablösende Personal steckt in der S-Bahn aus Leipzig fest. Weiterfahrt erst möglich, wenn es hier ist. Das Bordbistro verteilt Gratiswasser. Zeit genug also, die vergangenen Tage noch einmal nachklingen zu lassen – wobei sich zwischen Tokunbo und „Bella Ciao“, Riesling und Hefeschnaps längst nicht mehr sauber trennen lässt, was ich nach Koblenz mitgebracht habe und was unterwegs dazugekommen ist. Die Frage, was die Stadt ist und was ich, lässt sich aber zumindest beim Blick ins Gepäck schnell beantworten: Ich fahre mit mehr nach Hause, als ich mitgebracht habe. Unter anderem mit einem Kopfhörer und zwei Flaschen Sekt.
[1] Erste, kleinere Studien, bspw. von Calamassi & Pomponi in Explore, deuten tatsächlich darauf hin, dass das Hören von 432-Hz-Musik mit einer leichten Senkung der Herzfrequenz und des Blutdrucks sowie einer Steigerung der Alpha-Gehirnwellen einhergehen kann – allerdings nicht, dass sie, wie so oft behauptet, eigenständige Heilkräfte besitzt, die bestimmte Erkrankungen kurieren können. Ebensowenig wissenschaftlich haltbar ist die Behauptung, 432 Hz seine die „kosmische Naturfrequenz“ von Erde oder gar Universum, welche für eine „DANN-Harmonisierung“ sorge
