22. Februar 2011

Warum in die Ferne schweifen?

Filed under: Klangblog — Schlagwörter: , , — VSz | Klangverführer @ 14:44

Es ist nun schon fast eine Woche her, seit Kopfhörerhund und ich bei Stefan Scheuss im Zimmer 16 waren. Leider aber kam uns dann erst einmal das Leben dazwischen. Manchmal ist es ja sehr schön, wenn einem das Leben dazwischen kommt. In diesem Falle war es tatsächlich „leider“. Darum gibt es erst jetzt eine verspätete kleine – nein, nicht Nachtmusik: Konzertkritik.


Die Lampe gehört der Lux und heißt auch so. Da fühle ich mich gleich heimisch; so eine habe ich auch!

Die Musik von Stephan Scheuss habe ich vor nicht einmal einem halben Jahr kennengelernt, als ich für meinen liebsten Auftraggeber fairaudio.de in – hoffentlich – Ihrer Lieblingsmusikkolumne Victoriah’s Music sein Debütalbum One Pure Soul besprach. Damals sah ich in dem handgemachten Soul aus heimischen Gefilden eine Analogie zum Kauf von regional angebautem Obst und Gemüse im Supermarkt. Irgendwie ethisch korrekter. Schmackhafter obendrein. Und auch wenn mir die Redaktion die kleine, aber in diesem Falle bedeutungstragende Silbe „-er“ in „schmackhafter“ weggestutzt hat, konnte mich niemand davon abhalten, mich nun auch live vom Wahrheitsgehalt der Goethe’schen Erinnerung (Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!) überzeugen zu lassen.

Als Support von Sängerin/Songwriterin Christina Lux, mit der er in den Neunziger-Jahren gemeinsam bei der a capella-Gruppe Vocaleros sang, eröffnet ein frierender Stephan Scheuss den Abend, der – aus dem frühlingshaften Köln in ein winterkaltes Berlin geworfen – erstaunt einsehen muss, dass zumindest Jahreszeitreisen gar kein Problem ist. Und wo sich der gemeine Berliner einfach ein Stück tiefer in seinen allgegenwärtigen Kapuzenpulli verkriecht, trotzt der Rheinländer mit der Nummer I’ll Be Gone aus der ersten Vocaleros-CD der Kälte.

Die nächste Nummer überrascht, denn Scheuss hat nicht nur seine Lieblingssongs aus Soul und Jazz durch den berüchtigten Scheuss-Filter gepresst, sondern auch ein echtes Stück Rock’n’Roll vom King höchstselbst:

Don’t Be Cruel wird gefolgt vom Blues Help The Poor, den Charlie Singleton 1971 für B.B. King geschrieben hatte und der gleichzeitig das erste Stück des Abends ist, das ich von One Pure Soul kenne. Übrigens eine tolle Platte. Fast genauso unprätentiös und – bleiben wir doch ruhig bei der Apfel-Metapher – naturbelassen wie der Auftritt im Zimmer 16. Ein Mann, eine Akustikgitarre, und sonst nix. Na gut, es gibt natürlich noch jede Menge musikalischen Humor. Da wandelt sich das Gitarrensolo auf Help The Poor mit einem Mal zum Smoke On The Water-Riff, und als Dämpfer muss schon mal ein Nagelfeilenschutzbezug (Benutzer von Glasnagelfeilen wissen, was gemeint ist. Für alle anderen: Es ist das kleine weiße Plastikding, welches in Klanglochnähe quer unter den Saiten klemmt.) herhalten.

Dann endlich gibt es Maniac, für mich der Scheuss’sche Song schlechthin. Und obwohl Stephan Scheuss beteuert, 1983 vom Jazz-Puristentum ins Pop/Soul-Lager zurückgefallen (oder aufgestiegen, je nach Standpunkt) zu sein, beweist er durch seine Rückführung des Hits aus Flashdance in die Jazzwelt eigentlich nur, wie durchlässig und unsinnig Genregrenzen doch sind. Überdies erweist sich Scheuss jenseits der Plattenaufnahme, die an sich schon großartig ist, als fabulöse Mischung aus Scat-Sänger und Beatboxer, der den Rhythmus mit pointiertem Zungenschnalzen vorantreibt. Auch der nächste Song, No Blues, ist den Hörern (und, wie ich hoffe: Käufern) von One Pure Soul bekannt und gleichzeitig die erste selbstgeschriebene Nummer des Abends, sieht man vom Opener I’ll Be Gone ab, der in Kooperation mit der Kölnerin Amy Antin entstand. Und zum ersten Mal fallen mir die Bowlingschuhe des Sängers auf. Solche hatte ich auch mal.

Während des Liedes Wunderbar, dessen Thema die verschiedenen Spielarten der Eifersucht (und ob des inbrünstigen Vortrags könnte man glatt annehmen: des Glücks der Eifersucht) sind, hört man selbst das kleinste Rutschen über die Bünde des Griffbretts; und für einen Moment denke ich, es ist Kopfhörerhund, der wohlig grunzt. Ist er aber nicht, der schläft nämlich – und das, obwohl sein Stammplatz vor der großen Box besetzt war. Stephan Scheuss hingegen, und das wird bei Wunderbar einmal mehr ohrenfällig, ist sehr wach und sehr präsent. Toller Effekt: Er wird ein völlig anderer Mensch, wenn er ins Falsett fällt. Von einem Augenblick zu anderen. Zapp. Als stünde da ein anderer Sänger. Das ist ganz erstaunlich. Und damit endet das kleine Sechs-Lied-Programm auch schon.

Falls Sie die großartige CD One Pure Soul noch nicht besitzen, dann wird es jetzt höchste Zeit. Die ist, wie auch das aktuelle Album von Mara & David, auf Ozella Songways erschienen. Und wenn Sie sie dann erst einmal jeden Tag bei sich zu Hause abspielen können, dann, ja dann macht mit einem Mal auch der weniger häufig zitierte Teil der eingangs bemühten Erinnerung Sinn: Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da.

Fazit: Stephan Scheuss macht glücklich.

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