Schwung im Businessanzug vs. ästhetischer Instinkt - klangverführer | Musik in Worte fassen
Schwung im Businessanzug vs. ästhetischer Instinkt

Schwung im Businessanzug vs. ästhetischer Instinkt

Schwung im Businessanzug vs. ästhetischer Instinkt

„Wir müssen jetzt Momentum aufbauen.“

Sätze wie dieser sind mir in letzter Zeit häufiger begegnet. In Meetings, in Konzeptpapieren, in diesen leicht erhitzten Motivationsmonologen, die irgendwo zwischen Start-up-Pitch und Coachingseminar angesiedelt sind – und einem in den Social Feed gespült werden bzw. die aktuelle YouTube-Sendung unterbrechen, wenn man nicht schnell genug ist, sie zu überspringen. Und jedes Mal meldet sich neben einem allgemeinen Genervtsein auch leiser Widerstand. Ein sprachliches Unbehagen.

Denn was genau soll dieses geheimnisvolle „Momentum“ eigentlich sein?

Ursprünglich kommt das Wort aus der Physik. Dort bezeichnet es schlicht den Impuls eines Körpers: Masse mal Geschwindigkeit. Ein Objekt, das einmal in Bewegung geraten ist, trägt diese Bewegung weiter – solange nichts dazwischenkommt. Aus diesem Bild hat sich die metaphorische Bedeutung entwickelt: Eine Entwicklung gewinnt Schwung, verstärkt sich selbst, wird von einer Eigendynamik getragen.

In der amerikanischen Politik ist das Wort seit Jahrzehnten zu Hause. Wahlkämpfe „haben Momentum“, wenn Umfragewerte steigen, Medien berichten, Unterstützer aufspringen – und sich dieser Auftrieb immer weiter verstärkt. Von dort wanderte der Begriff in die Start-up-Szene. Investoren sprechen begeistert davon, wenn ein Unternehmen „Momentum“ entwickelt: Nutzerzahlen wachsen, Aufmerksamkeit entsteht, Kapital fließt.

Und irgendwann landete das Ganze schließlich in der watteweichen Coaching- und weniger weichen Managementsprache, wo das Wort heute gerne zusammen mit anderen Formeln auftaucht: „ins Tun kommen“, „in die Intensität gehen“ und eben: „Momentum erzeugen“.

Über das sprachlich völlig fehlgeleitete „ins“ Tun-, „ins“ Handeln-, „in die“ Umsetzung-Kommen, angesichts dessen sich mir die Fußnägel aufrollen, gern gepaart mit passiv-aggressiven Aufforderungen à la „Komm in deine Balance!“ aus der Psycho- oder Esoecke, soll an anderer Stelle gerichtet werden. Heute widmen wir uns dem nicht weniger haarsträubenden Momentum.

Das Kuriose daran: Die deutsche Sprache besitzt längst ein völlig ausreichendes Wort dafür.

Schwung. Oder – wenn man es etwas ausführlicher mag – Eigendynamik. Etwas kommt ins Rollen, gewinnt Fahrt, trägt sich irgendwann selbst. Genau das meint „Momentum“. Nur ohne Anglizismus. Und ohne gefühlte Selbsthilfegruppe im Hintergrund.

Im Feuilleton – jener Sprachlandschaft, in der Metaphern noch ein wenig gepflegt werden – hört man das Wort deshalb erstaunlich selten. Nicht aus Purismus. Sondern aus einem gewissen ästhetischen Instinkt heraus. Man beschreibt lieber, was passiert, als einen Containerbegriff darüberzustülpen.

Eine Bewegung nimmt Schwung auf.
Ein Festival entwickelt plötzlich eine Eigendynamik.
Ein Mensch gerät in einen – mehr oder weniger intensiven – Sog.

Man sieht förmlich, wie die Dinge sich hier bewegen.

Vielleicht lässt sich die ganze Geschichte deshalb mit einem einzigen Satz zusammenfassen:

Momentum ist Schwung im Businessanzug.
Morgens, beim Stuhlkreis des mittleren Managements. Kurz vor dem nächsten Impuls.

Schwung im Businessanzug. Oder: Der Versuch des Managements, sprachlich mitzuhalten.

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